Pius und des Hadrianus das roemische Wesen wohl nie festen Fuss gefasst hat,
scheint doch wenigstens der Hadrianswall was er sollte, auch damals geleistet
und hinter ihm die fremdlaendische Zivilisation gesichert sich entwickelt zu
haben. In der Zeit Diocletians finden wir den Bezirk zwischen beiden Waellen
geraeumt, aber den Hadrianswall nach wie vor besetzt und das uebrige roemische
Heer zwischen ihm und dem Hauptquartier Eburacum kantonierend zur Abwehr der
seitdem oft erwaehnten Raubzuege der Kaledonier, oder wie sie jetzt gewoehnlich
heissen, der Taetowierten (picti) und der von Ivernia her einstroemenden Skoten.
Eine staendige Flotte haben die Roemer in Britannien gehabt; aber wie das
Seewesen immer die schwache Seite der roemischen Wehrordnung geblieben ist, war
auch die britische Flotte nur unter Agricola voruebergehend von Bedeutung.
Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Regierung darauf gerechnet hatte,
nach erfolgter Besetzung der Insel den groessten Teil der dorthin gesandten
Truppen zuruecknehmen zu koennen, so erfuellte diese Hoffnung sich nicht: nur
eine der entsendeten vier Legionen ist, wie wir sahen, unter Domitian abberufen
worden; die drei anderen muessen unentbehrlich gewesen sein, denn es ist nie der
Versuch gemacht worden, sie zu verlegen. Dazu kamen die Auxilien, die zu dem
wenig einladenden Dienst auf der abgelegenen Nordseeinsel dem Anschein nach im
Verhaeltnis staerker als die Buergertruppen herangezogen wurden. In der Schlacht
am Graupischen Berge im Jahre 84 fochten ausser den vier Legionen 8000 zu Fuss
und 3000 zu Pferde von den Hilfssoldaten. Fuer die Zeit von Traian und Hadrian,
wo von diesen in Britannien sechs Alen und 21 Kohorten, zusammen etwa 15000 Mann
standen, wird man das gesamte britannische Heer auf etwa 30000 Mann anzuschlagen
haben. Britannien war von Haus aus ein Kommandobezirk ersten Ranges, den beiden
rheinischen und dem syrischen vielleicht im Rang, aber nicht an Bedeutung
nachstehend, gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich die
angesehenste aller Statthalterschaften. Es lag nur an der weiten Entfernung,
dass die britannischen Legionen in der Korpsparteiung der frueheren Kaiserzeit
in zweiter Reihe erscheinen; bei dem Korpskrieg nach dem Erloeschen des
Antoninischen Hauses fochten sie in der ersten. Darum aber war es auch eine der
Konsequenzen des Sieges des Severus, dass die Statthalterschaft geteilt ward.
Seitdem standen die beiden Legionen von Isca und Deva unter dem Legaten der
oberen, die eine von Eburacum und die Truppen an den Waellen, also die
Hauptmasse der Auxilien, unter dem der unteren Provinz ^18. Wahrscheinlich ist
die Verlegung der ganzen Besatzung nach dem Norden, die, wie oben bemerkt ward,
nach bloss militaerischen Ruecksichten wohl zweckmaessig gewesen sein wuerde,
mit deswegen unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die Hand
gegeben haette.
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^18 Die Teilung ergibt sich aus Dio 55, 23.
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Dass finanziell die Provinz mehr kostete, als sie eintrug, kann hiernach
nicht verwundern. Fuer die Wehrkraft des Reiches dagegen kam Britannien
erheblich in Betracht; das Kompensationsverhaeltnis von Besteuerung und
Aushebung wird auch fuer die Insel in Anwendung gekommen sein und die britischen
Truppen galten neben den illyrischen fuer die besten der Armee. Gleich
anfaenglich sind dort sieben Kohorten aus den Eingeborenen aufgestellt und diese
weiter bis auf Hadrian stetig vermehrt worden; nachdem dieser das System
aufgebracht hatte, die Truppen moeglichst aus ihren Garnisonsbezirken zu
rekrutieren, scheint Britannien dies fuer seine starke Besatzung wenigstens zum
grossen Teil geleistet zu haben. Es war ein ernster und tapferer Sinn in den
Leuten; sie trugen die Steuern und die Aushebung willig, nicht aber Hoffart und
Brutalitaet der Beamten.
Fuer die innere Ordnung Britanniens bot als Grundlage sich die dort zur
Zeit der Eroberung bestehende Gauverfassung, welche, wie schon bemerkt ward, von
derjenigen der Kelten des Kontinents sich nur darin wesentlich entfernte, dass
die einzelnen Voelkerschaften der Insel, es scheint saemtlich, unter Fuersten
standen. Aber diese Ordnung scheint nicht beibehalten und der Gau (civitas) in
Britannien, wie in Spanien, ein geographischer Begriff geworden zu sein;
wenigstens ist es kaum anders zu erklaeren, dass die britannischen
Voelkerschaften genau genommen verschwinden, sowie sie unter roemische
Herrschaft geraten, und von den einzelnen Gauen nach ihrer Unterwerfung so gut
wie gar nicht die Rede ist. Wahrscheinlich sind die einzelnen Fuerstentuemer,
wie sie unterworfen und eingezogen wurden, in kleinere Gemeinden zerschlagen
worden; es ward dies dadurch erleichtert, dass auf der Insel sich nicht, wie auf
dem Kontinent, eine ohne monarchische Spitze geordnete Gauverfassung vorfand.
Damit haengt auch wohl zusammen, dass, waehrend die gallischen Gaue eine
gemeinsame Hauptstadt und in dieser eine politische und religioese
Gesamtvertretung besessen haben, von Britannien nichts aehnliches gemeldet wird.
Gefehlt hat der Provinz ein Concilium und ein gemeinsamer Kaiserkultus nicht;
aber waere der Altar des Claudius in Camalodunum ^19 auch nur annaehernd
gewesen, was der des Augustus in Lugudunum, so wuerde davon wohl etwas
verlauten. Die freie und grosse politische Gestaltung, welche dem gallischen
Lande von Caesar gewaehrt und von seinem Sohne bestaetigt worden war, passt in
den Rahmen der spaeteren Kaiserpolitik nicht mehr.
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^19 Auf ihn geht wohl das Epigramm des Seneca (vol. 4, p. 69 Baehrens):
oceanus que tuas ultra se respicit aras. Auch der Tempel, der nach der
Spottschrift desselben Seneca (8, 3) dem Claudius bei Lebzeiten in Britannien
errichtet ward, und der damit sicher identische Tempel des Gottes Claudius in
Camalodunum (Tac. ann. 14, 31) ist wohl nicht als staedtisches Heiligtum zu
fassen, sondern nach Analogie der Augustusheiligtuemer von Lugudunum und
Tarraco. Die delecti sacerdotes, welche specie religionis omnes fortunas
effundebant, sind die bekannten Provinzialpriester und Spielgeber.
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Von der mit der Invasion ziemlich gleichzeitigen Gruendung der Kolonie
Camalodunum war schon die Rede, wie es auch bereits hervorgehoben wurde, dass
die italische Stadtverfassung frueh in einer Reihe britannischer Ortschaften
eingefuehrt worden ist. Auch hierin ist Britannien mehr nach dem Muster Spaniens
als nach dem des keltischen Kontinents behandelt worden.
Die inneren Zustaende Britanniens muessen, trotz der allgemeinen Gebrechen
des Reichsregiments, wenigstens im Vergleich mit anderen Gebieten, nicht
unguenstige gewesen sein. Kannte man im Norden nur Jagd und Weide und waren hier
die Einwohner wie die Anwohner zu Fehde und Raub jederzeit bei der Hand, so
entwickelte sich der Sueden in dem ungestoerten Friedensstand vor allem durch
Ackerbau, daneben durch Viehzucht und Bergwerksbetrieb zu maessiger Wohlfahrt:
die gallischen Redner der diocletianischen Zeit preisen den Reichtum der
fruchtbaren Insel, und oft genug haben die Rheinlegionen ihr Getreide aus
Britannien empfangen.
Das Strassennetz der Insel, das ungemein entwickelt ist und fuer das
namentlich Hadrian in Verbindung mit seinem Wallbau viel getan hat, hat
natuerlich zunaechst militaerischen Zwecken gedient; aber neben, ja vor den
Legionslagern nimmt Londinium darin einen Platz ein, welcher seine leitende
Stellung im Verkehr deutlich vor Augen bringt. Nur in Wales gab es
Reichsstrassen allein in der naechsten Naehe der roemischen Lager, von Isca nach
Nidum (Neath) und von Deva zur Ueberfahrt nach Mona.
Zu der Romanisierung verhielt sich das roemische Britannien aehnlich wie
das noerdliche und mittlere Gallien. Die nationalen Gottheiten, der Mars
Belatucadrus oder Cocidius, die der Minerva gleichgesetzte Goettin Sulis, nach
welcher die heutige Stadt Bath hiess, sind auch in lateinischer Sprache noch
vielfach auf der Insel verehrt worden. Ein exotisches Gewaechs ist die aus
Italien eindringende Sprache und Sitte auf der Insel noch mehr gewesen als auf
dem Kontinent; noch gegen das Ende des ersten Jahrhunderts lehnten die
angesehenen Familien dort sowohl die lateinische Sprache ab wie die roemische
Tracht. Die grossen staedtischen Zentren, die eigentlichen Herde der neuen
Kultur, sind in Britannien schwaecher entwickelt; wir wissen nicht bestimmt,
welche englische Stadt fuer das Concilium der Provinz und die gemeinschaftliche
Kaiserverehrung als Sitz gedient und in welchem der drei Legionslager der
Statthalter der Provinz residiert hat; wenn, wie es scheint, die Zivilhauptstadt
Britanniens Camalodunum gewesen ist, die Militaerhauptstadt Eburacum ^20, so
kann dieses sich so wenig mit Mainz messen wie jenes mit Lyon. Die
Truemmerstaetten auch der namhaften Ortschaften, der Claudischen Veteranenstadt
Camalodunum und der volkreichen Kaufstadt Londinium, nicht minder die
vielhundertjaehrigen Legionslager von Deva, Isca, Eburacum haben Inschriftsteine
nur in geringfuegiger Zahl, namhafte Staedte roemischen Rechts wie die Kolonie
Glevum (Gloucester), das Municipium Verulamium bis jetzt nicht einen einzigen
ergeben; die Sitte des Denksteinsetzens, auf deren Ergebnisse wir fuer solche
Fragen grossenteils angewiesen sind, hat in Britannien nie recht
durchgeschlagen. Im inneren Wales und in anderen weniger zugaenglichen Strichen
sind roemische Denkmaeler ueberhaupt nicht zum Vorschein gekommen. Daneben aber
stehen deutliche Zeugen des von Tacitus hervorgehobenen regen Handels und
Verkehrs, so die zahllosen Trinkschalen, die aus den Ruinen Londons
hervorgegangen sind, und das Londoner Strassennetz. Wenn Agricola bemueht war,
den munizipalen Wetteifer in der Ausschmueckung der eigenen Stadt durch Bauten
und Denkmaeler, wie er von Italien sich auf Afrika und Spanien uebertragen
hatte, auch nach Britannien zu verpflanzen, und die vornehmen Insulaner zu
bestimmen, in ihrer Heimat die Maerkte zu schmuecken und Tempel und Palaeste zu
errichten, wie dies anderswo ueblich war, so ist ihm das fuer die Gemeindebauten
nur in geringem Umfang gelungen. Aber in der Privatwirtschaft ist es anders; die
stattlichen, roemisch angelegten und geschmueckten Landhaeuser, von denen jetzt
nur noch die Mosaikfussboeden uebrig geblieben sind, finden sich im suedlichen
Britannien bis in die Gegend von York hinauf ^21 ebenso haeufig wie im
Rheinland. Die hoehere schulmaessige Jugendbildung drang von Gallien aus
allmaehlich in Britannien ein. Unter Agricolas administrativen Erfolgen wird
angefuehrt, dass der roemische Hofmeister in die vornehmen Haeuser der Insel
anfange, seinen Weg zu finden. In hadrianischer Zeit wird Britannien als ein von
den gallischen Schulmeistern erobertes Gebiet bezeichnet, und "schon spricht
Thule davon, sich einen Professor zu mieten". Diese Schulmeister waren zunaechst
Lateiner, aber es kamen auch Griechen; Plutarchos erzaehlt von einer
Unterhaltung, die er in Delphi pflog mit einem aus Britannien heimkehrenden
griechischen Sprachlehrer aus Tarsos. Wenn im heutigen England, abgesehen von
Wales, und bis vor kurzem von Cornwall, die alte Landessprache verschwunden ist,
so ist sie nicht den Angeln oder den Sachsen, sondern dem roemischen Idiom
gewichen; und wie es in Grenzlaendern zu geschehen pflegt, in der spaeteren
Kaiserzeit stand keiner treuer zu Rom als der britannische Mann. Nicht
Britannien hat Rom aufgegeben, sondern Rom Britannien - das letzte, was wir von
der Insel erfahren, sind die flehentlichen Bitten der Bevoelkerung bei Kaiser
Honorius um Schutz gegen die Sachsen, und dessen Antwort, dass sie sich selber
helfen moechten, wie sie koennten.
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^20 Das hier stationierte Kommando war wenigstens in spaeterer Zeit ohne
Frage das wichtigste unter den britannischen; und es wird auch dort (denn an
Eburacum ist hier ohne Zweifel gedacht) ein Palatium erwaehnt (vita Severi 22).
Das praeto rium, unterhalb Eburacum wohl an der Kueste gelegen (Irin. Anton.
Aug., p. 466), mag der Sommersitz des Statthalters gewesen sein.
^21 Noerdlich von Aldborough und Easingwold (beide etwas noerdlich von
York) haben sich keine gefunden (J. C. Bruce, Description of the Roman wall. 3.
Aufl. 1867, S. 61).
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6. Kapitel
Die Donaulaender und die Kriege an der Donau
Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk des Augustus.
Als er an das Ruder kam, waren die Roemer auf der italischen Halbinsel kaum
Herren der Alpen, auf der griechischen kaum des Haemus (Balkan) und der
Kuestenstreifen am Adriatischen und am Schwarzen Meer; nirgends reichte ihr
Gebiet an den maechtigen Strom, der das suedliche Europa vom noerdlichen
scheidet; sowohl das noerdliche Italien wie auch die illyrischen und pontischen
Handelsstaedte und mehr noch die zivilisierten Landschaften Makedoniens und
Thrakiens waren den Raubzuegen der rohen und unruhigen Nachbarstaemme stetig
ausgesetzt. Als Augustus starb, waren an die Stelle der einen, kaum zu
selbstaendiger Verwaltung gelangten Provinz Illyricum fuenf grosse roemische
Verwaltungsbezirke getreten, Raetien, Noricum, Unterillyrien oder Pannonien,
Oberillyrien oder Dalmatien und Moesien, und die Donau in ihrem ganzen Lauf,
wenn nicht ueberall die militaerische, doch die politische Reichsgrenze
geworden. Die verhaeltnismaessig leichte Unterwerfung dieser weiten Gebiete
sowie die schwere Insurrektion der Jahre 6 bis 9 und das dadurch veranlasste
Aufgeben der frueher beabsichtigten Verlegung der Grenzlinie von der oberen
Donau nach Boehmen und an die Elbe sind frueher dargestellt worden. Es bleibt
uebrig, die Entwicklung dieser Landschaften in der Zeit nach Augustus und die
Beziehungen der Roemer zu den jenseits der Donau wohnhaften Staemmen
darzustellen.
Die Schicksale Raetiens sind mit denen der Obergermanischen Provinz so eng
verflochten, dass dafuer auf die fruehere Darstellung verwiesen werden kann. Die
roemische Zivilisation hat hier, im ganzen genommen, sich wenig entwickelt. Das
Hochland der Alpen mit den Taelern des oberen Inn und des oberen Rhein umschloss
eine schwache und eigenartige Bevoelkerung, wahrscheinlich diejenige, die
einstmals die oestliche Haelfte der norditalischen Ebene besessen hatte,
vielleicht den Etruskern verwandt. Von dort zurueckgedraengt durch die Kelten
und vielleicht auch die Illyriker, behauptete sie sich in den noerdlichen
Gebirgen. Waehrend die nach Sueden sich oeffnenden Taeler, wie das der Etsch, zu
Italien gezogen wurden, boten jene den Suedlaendern wenig Platz und noch weniger
Reiz zur Ansiedelung und Staedtegruendung. Weiter noerdlich, auf der Hochebene
zwischen dem Bodensee und dem Inn, welche von den keltischen Staemmen der
Vindeliker eingenommen war, waere wohl fuer roemische Kultur Raum und Staette
gewesen; aber es scheint in diesem Gebiet, das nicht so wie das norische
unmittelbare Fortsetzung Italiens werden konnte und das, gleich dem angrenzenden
sogenannten Decumatenland, wohl zunaechst nur als Scheide gegen die Germanen
fuer die Roemer von Wert war, die Politik der frueheren Kaiserzeit die Kultur
vielmehr zurueckgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass
gleich nach der Eroberung man bedacht war, die Landschaft zu entvoelkern. Diesem
geht zur Seite, dass in der frueheren Kaiserzeit keine roemisch organisierte
Gemeinde hier entstanden ist. Zwar von der Anlage der grossen Strasse, die
gleich mit der Eroberung selbst von dem aelteren Drusus durch die Hochalpen an
die Donau gefuehrt ward, war die Gruendung der Augusta der Vindeliker, des
heutigen Augsburg, ein notwendiger Teil; aber es war und blieb dieser rasch
aufbluehende Ort ueber ein Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian
auch in dieser Hinsicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verliess und die
Landschaft der Vindeliker in die Romanisierung des Nordens hineinzog. Die
Verleihung des roemischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker durch Hadrian
wird damit zusammengestellt werden duerfen, dass ungefaehr um dieselbe Zeit die
Militaergrenze am Oberrhein vorgeschoben ward und roemische Staedte im
ehemaligen Decumatenland entstanden; indes ist in Raetien auch spaeter Augusta
der einzige groessere Mittelpunkt roemischer Zivilisation geblieben. Auch die
militaerischen Einrichtungen haben auf das Zurueckhalten derselben eingewirkt.
Die Provinz stand von Anfang an unter kaiserlicher Verwaltung und konnte nicht
ohne Besatzung gelassen werden; aber besondere Ruecksichten noetigten, wie dies
frueher gezeigt ward, die Regierung, nach Raetien lediglich Truppen zweiter
Klasse zu legen, und wenn diese auch der Zahl nach nicht unbetraechtlich waren,
so haben doch die kleineren Standlager der Alen und Kohorten nicht die
zivilisierende und staedtebildende Wirkung ausueben koennen wie die
Legionslager. Unter Marcus ist allerdings infolge des Markomannischen Krieges
das raetische Hauptquartier, die castra Regina, das heutige Regensburg, mit
einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort scheint in roemischer Zeit
bloss Militaerniederlassung geblieben zu sein und kaum mit den Lagern zweiten
Ranges am Rhein, wie zum Beispiel Bonna, in der staedtischen Entwicklung auf
einer Linie gestanden zu haben.
Dass die Grenze Raetiens schon zu Traianus' Zeit von Regensburg westlich
eine Strecke ueber die Donau hinaus vorgeschoben war, ist frueher bemerkt und
daselbst auch ausgefuehrt worden, dass dieses Gebiet wahrscheinlich ohne
Anwendung von Waffengewalt, aehnlich wie das Decumatenland, zum Reiche gezogen
worden ist. Es wurde ebenfalls schon erwaehnt, dass die Befestigung dieses
Gebiets vielleicht mit den unter Marcus bis hierher sich erstreckenden
Einfaellen der Chatten zusammenhaengt, sowie dass diese und spaeter die
Alamannen im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie Raetien selbst
heimsuchten und schliesslich unter Gallienus den Roemern entrissen.
Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Einrichtung
aehnlich wie Raetien behandelt worden, aber hat sich sonst anders entwickelt.
Nach keiner Richtung hin ist Italien fuer den Landverkehr so wie gegen Nordosten
aufgeschlossen; die Handelsbeziehungen Aquileias sowohl durch das Friaul nach
der oberen Donau und zu den Eisenwerken von Noreia wie ueber die Julische Alpe
zum Savetal haben hier der augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie
nirgends sonst im Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach), jenseits des Passes, war
ein roemischer Handelsflecken schon in republikanischer Zeit, Emona (Laibach)
eine spaeter foermlich Italien einverleibte, der Sache nach seit ihrer Gruendung
durch Augustus zu Italien gehoerige roemische Buergerkolonie. Daher genuegte,
wie frueher schon hervorgehoben ward, fuer die Umwandlung dieses "Koenigreichs"
in eine roemische Provinz wahrscheinlich die blosse Ankuendigung. Die
urspruenglich wohl illyrische, spaeter zum guten Teil keltische Bevoelkerung
zeigt keine Spur von demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache,
welche wir bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Roemische Sprache und
roemische Sitte muss hier frueh Eingang gefunden haben, und von Kaiser Claudius
wurde dann das gesamte Gebiet, selbst der noerdliche, durch die Tauernkette vom
Drautal getrennte Teil, nach italischer Gemeindeverfassung organisiert. Waehrend
in den Nachbarlaendern Raetien und Pannonien die Denkmaeler roemischer Sprache
entweder fehlen oder doch nur in den groesseren Zentren erscheinen, sind die
Taeler der Drau, der Mut und der Salzach und ihrer Nebenfluesse bis in das hohe
Gebirge hinauf erfuellt mit Zeugnissen der hier tief eingedrungenen
Romanisierung. Noricum ward ein Vorland und gewissermassen ein Teil Italiens;
bei der Aushebung fuer die Legion und fuer die Garde ist, so lange hier die
Italiker ueberhaupt bevorzugt wurden, diese Bevorzugung auf keine andere Provinz
so voellig erstreckt worden wie auf diese.
Hinsichtlich der militaerischen Belegung gilt von Noricum dasselbe wie von
Raetien. Aus den schon entwickelten Gruenden gab es auch in Noricum waehrend der
ersten zwei Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und Kohortenlager; Carnuntum
(Petronell bei Wien), das in der augustischen Zeit zu Noricum gehoerte, ist, als
die illyrischen Legionen dorthin gelegt wurden, eben darum zu Pannonien gezogen
worden. Die kleineren norischen Standlager an der Donau und selbst das von
Marcus, der auch in diese Provinz eine Legion legte, fuer diese eingerichtete
Lager von Lauriacum (bei Enns) sind fuer die staedtische Entwicklung von keiner
Bedeutung gewesen; die grossen Ortschaften Noricums, wie Celeia (Cilli) im
Sanntal, Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spittal), Virunum (Zollfeld bei
Klagenfurt), im Norden Iuvavum (Salzburg) sind rein aus buergerlichen Elementen
hervorgegangen.
Illyricum, das heisst das roemische Gebiet zwischen Italien und Makedonien,
wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Teil mit der griechisch-
makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum groesseren als Nebenland von
Italien und, nach der Einrichtung der Statthalterschaft des Cisalpinischen
Galliens, als ein Teil von dieser verwaltet. Das Gebiet deckt sich bis zu einem
gewissen Grade mit dem weitverbreiteten Stamm, von dem es die Roemer benannt
haben: es ist derjenige, dessen duerftiger Rest an dem suedlichen Ende seines
ehemals weitgedehnten Besitzes unter dem Namen der Skipetaren, welchen sie sich
selbst beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heissen, der Arnauten oder
Albanesen noch heute seine alte Nationalitaet und seine eigene Sprache bewahrt
hat. Es ist derselbe ein Glied der indogermanischen Familie und innerhalb
derselben wohl am naechsten dem griechischen Kreise verwandt, wie dies auch den
oertlichen Verhaeltnissen angemessen ist; aber er steht neben diesem wenigstens
ebenso selbstaendig wie der lateinische und der keltische. In ihrer
urspruenglichen Ausdehnung erfuellte diese Nation die Kueste des Adriatischen
Meeres von der Muendung des Po durch Istrien, Dalmatien und Epirus bis gegen
Akarnanien und Aetolien, ferner im Binnenlande das obere Makedonien sowie das
heutige Serbien und Bosnien und das ungarische Gebiet auf dem rechten Ufer der
Donau; sie grenzt also oestlich an die thrakischen Voelkerschaften, westlich an
die keltischen, von welchen letzteren Tacitus sie ausdruecklich unterscheidet.
Es ist ein kraeftiger Schlag suedlaendischer Art, mit schwarzem Haar und dunklen
Augen, sehr verschieden von den Kelten und mehr noch von den Germanen,
nuechterne, maessige, unerschrockene, stolze Leute, vortreffliche Soldaten, aber
buergerlicher Entwicklung wenig zugaenglich, mehr Hirten als Ackerbauer. Zu
einer groesseren politischen Entwicklung ist er nicht gelangt. An der italischen
Kueste traten ihnen wahrscheinlich zunaechst die Kelten entgegen; die
wahrscheinlich illyrischen Voelkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter,
wurden durch die Rivalitaet mit den Kelten frueh zu fuegsamen Untertanen der
Roemer. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gruendung von Aquileia
und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien weiter ihre Grenzen ein. An der
Ostkueste des Adriatischen Meeres waren die wichtigeren Inseln und die
Suedhaefen des Kontinents seit langem von den kuehnen hellenischen Schiffern