weitgetrennten Legionslager im Westen und im Norden gewaehrten dem ganzen
Suedosten der Insel mit seinen aufbluehenden roemischen Staedten keinen Schutz.
Vor allem die Hauptstadt Camalodunum war voellig wehrlos, eine Besatzung nicht
vorhanden, die Mauern nicht vollendet, wohl aber der Tempel ihres kaiserlichen
Stifters, des neuen Gottes Claudius. Der Westen der Insel, wahrscheinlich
niedergehalten durch die dort stehenden Legionen, scheint sich bei der
Schilderhebung nicht beteiligt zu haben und ebensowenig der nicht botmaessige
Norden; aber, wie das bei keltischen Aufstaenden oefter vorgekommen ist, es
erhob sich im Jahre 61 auf die vereinbarte Losung das ganze uebrige unterworfene
Gebiet auf einen Schlag gegen die Fremden, voran die aus ihrer Hauptstadt
vertriebenen Trinovanten. Der zweite Befehlshaber, der zur Zeit den Statthalter
vertrat, der Prokurator Decianus Catus, hatte im letzten Augenblick, was er von
Soldaten hatte, dieser zum Schutz gesandt: es waren 200 Mann. Sie wehrten sich
mit den Veteranen und den sonstigen waffenfaehigen Roemern zwei Tage im Tempel;
dann wurden sie ueberwaeltigt und was in der Stadt roemisch war, umgebracht bis
auf den letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr das Hauptemporium des roemischen
Handels, Londinium, und eine dritte aufbluehende roemische Stadt, Verulamium
(St. Albans, nordwestlich von London), nicht minder die auf der Insel
zerstreuten Auslaender - es war eine nationale Vesper, gleich jener
Mithradatischen und die Zahl der Opfer - angeblich 70000 - nicht geringer. Der
Prokurator gab die Sache Roms verloren und fluechtete nach dem Kontinent. Auch
die roemische Armee ward in die Katastrophe verwickelt. Eine Anzahl zerstreuter
Detachements und Besatzungen erlag den Angriffen der Insurgenten. Quintus
Petillius Cerialis, der im Lager von Lindum den Befehl fuehrte, marschierte auf
Camalodunum mit der neunten Legion; zur Rettung kam er zu spaet und verlor, von
ungeheurer Uebermacht angegriffen, in der Feldschlacht sein gesamtes Fussvolk;
das Lager erstuermten die Briganten. Es fehlte nicht viel, dass den obersten
Feldherrn das gleiche Schicksal erreichte. Eilig zurueckkehrend von der Insel
Mona, rief er die bei Isca stehende zweite Legion heran; aber sie gehorchte dem
Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann musste Paullinus den ungleichen Kampf
gegen das zahllose und siegreiche Insurgentenheer aufnehmen. Wenn je der Soldat
die Fehler der Fuehrung gutgemacht hat, so war es an dem Tage, wo dieser kleine
Haufen, hauptsaechlich die seitdem gefeierte vierzehnte Legion, wohl zu seiner
eigenen Ueberraschung den vollen Sieg erfocht und die roemische Herrschaft in
Britannien abermals festigte; viel fehlte nicht, dass Paullinus Name neben dem
des Varus genannt worden waere. Aber der Erfolg entscheidet, und hier blieb er
den Roemern ^10. Der schuldige Kommandant der ausgebliebenen Legion kam dem
Kriegsgericht zuvor und stuerzte sich in sein Schwert. Die Koenigin Boudicca
trank den Giftbecher. Der uebrigens tapfere Feldherr wurde zwar nicht in
Untersuchung gezogen, wie anfangs die Absicht der Regierung zu sein schien, aber
bald unter einem schicklichen Vorwand abgerufen.
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^10 Eine schlechtere Relation als die des Tacitus ueber diesen Krieg (14,
31-39) ist selbst bei diesem unmilitaerischsten aller Schriftsteller kaum
aufzufinden. Wo die Truppen standen und wo die Schlachten geliefert wurden,
hoeren wir nicht dafuer aber von Zeichen und Wundern genug und leere Worte nur
zu viel. Die wichtigen Tatsachen, die im Leben des Agricola (31) erwaehnt
werden, fehlen im Hauptbericht insonderheit die Erstuermung des Lagers. Dass
Paullinus, von Mona kommend, nicht bedacht ist, die Roemer im Suedosten zu
retten, sondern seine Truppen Zu vereinigen, begreift sich, aber nicht, warum
er, wenn er Londinium aufopfern wollte, deswegen dahin marschiert. Ist er
wirklich dorthin gekommen, so kann er nur mit einer persoenlichen Bedeckung,
ohne das Korps, das er auf Mona bei sich gehabt, dort erschienen sein; was
freilich auch keinen Sinn hat. Das Gros der roemischen Truppen, sowohl der von
Mona zurueckgefuehrten wie der sonst noch vorhandenen, kann nach Rufreibung der
9. Legion nur auf der Linie Deva - Viroconium - Isca gestanden haben; Paullinus
schlug die Schlacht mit den beiden in den beiden ersten dieser Lager stehenden
Legionen der 14. und der (unvollstaendigen) 20. Dass Paullinus schlug, weil er
schlagen masste, sagt Dio (62, 1-12), und wenngleich dessen Erzaehlung sonst
auch nicht gebraucht werden kann, um die des Tacitus zu bessern, so scheint dies
durch die Sachlage selbst gefordert.
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Die Unterwerfung der westlichen Teile der Insel wurde von Paullinus
Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt. Erst der tuechtige Feldherr Sextus
Iulius Frontinus unter Vespasian zwang die Siluren zur Anerkennung der
roemischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus Iulius Agricola fuehrte nach
harten Kaempfen mit den Ordovikern das aus, was Paullinus nicht erreicht hatte,
und besetzte im Jahre 78 die Insel Mona. Nachher ist von aktivem Widerstand in
diesen Gegenden nicht die Rede; das Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich
um diese Zeit, aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im noerdlichen
Britannien verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager von Isca und
von Deva sind noch bis in die diocletianische Zeit an Ort und Stelle geblieben
und erst in dem spaeteren Besatzungsstand verschwunden. Wenn dabei auch
politische Ruecksichten mitgewirkt haben moegen, so ist doch der Widerstand des
Westens wahrscheinlich, vielleicht gestuetzt auf Verbindungen mit Ivernia, auch
spaeter noch fortgefuehrt worden. Dafuer spricht ferner das voellige Fehlen
roemischer Spuren in dem inneren Wales und das daselbst bis auf den heutigen Tag
sich behauptende keltische Volkstum.
Im Norden bildete den Mittelpunkt der roemischen Stellung, oestlich von
Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum (Lincoln).
Zunaechst mit diesem beruehrte sich in Nordengland das maechtigste Fuerstentum
der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es hatte sich nicht eigentlich
unterworfen, aber die Koenigin Cartimandus suchte doch mit den Eroberern Frieden
zu halten und erwies sich ihnen gefuegig. Die Partei der Roemerfeinde hatte hier
im Jahre 50 loszuschlagen versucht, aber der Versuch war rasch unterdrueckt
worden. Caratacus, im Westen geschlagen, hatte gehofft, seinen Widerstand im
Norden fortfuehren zu koennen, aber die Koenigin lieferte ihn, wie schon gesagt
ward, den Roemern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und haeuslichen Haendel
muessen dann in dem Aufstand gegen Paullinus, bei dem wir die Briganten in einer
fuehrenden Stellung fanden und der eben die Legion des Nordens mit seiner ganzen
Schwere traf, mit im Spiel gewesen sein. Indes war die roemische Partei der
Briganten einflussreich genug, um nach Niederwerfung des Aufstandes die
Wiederherstellung des Regiments der Cartimandus zu erlangen. Aber einige Jahre
nachher bewirkte die Patriotenpartei daselbst, getragen durch die Losung des
Abfalles von Rom, welche waehrend des Buergerkrieges nach Neros Katastrophe den
ganzen Westen erfuellte, eine neue Schilderhebung der Briganten gegen die
Fremdherrschaft, an deren Spitze Cartimandus' frueherer, von ihr beseitigter und
beleidigter Gemahl, der kriegserfahrene Venutius stand; erst nach laengeren
Kaempfen bezwang Petillius Cerialis das maechtige Volk, derselbe, der unter
Paullinus nicht gluecklich gegen eben diese Briten gefochten hatte, jetzt einer
der namhaftesten Feldherren Vespasians und der erste von ihm ernannte
Statthalter der Insel. Der allmaehlich nachlassende Widerstand des Westens
machte es moeglich, die eine der drei bisher dort stationierten Legionen mit der
in Lindum stehenden zu vereinigen und das Lager selbst von Lindum nach dem
Hauptort der Briganten, Eburacum (York), vorzuschieben. Indes so lange der
Westen ernstliche Gegenwehr leistete, geschah im Norden nichts weiter fuer die
Ausdehnung der roemischen Grenze; am Kaledonischen Walde, sagt ein
Schriftsteller vespasianischer Zeit stocken seit dreissig Jahren die roemischen
Waffen. Erst Agricola griff, nachdem er im Westen fertig war, die Unterwerfung
auch des Nordens energisch an. Er schuf vor allem sich eine Flotte, ohne welche
die Verpflegung der Truppen in diesen, wenige Hilfsmittel darbietenden Gebirgen
unmoeglich gewesen sein wuerde. Gestuetzt auf diese gelangte er unter Titus (80)
bis an die Tava-Bucht (Firth of Tay) in die Gegend von Perth und Dundee und
wandte die drei folgenden Feldzuege daran, die weiten Landstriche zwischen
dieser Bucht und der bisherigen roemischen Grenze an beiden Meeren genau zu
erkunden, den oertlichen Widerstand ueberall zu brechen und an den geeigneten
Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die natuerliche
Verteidigungslinie, welche durch die beiden tief einschneidenden Buchten Clota
(Firth of Clyde) bei Glasgow und Bodotria (Firth of Forth) bei Edinburgh
gebildet wird, zum Rueckhalt ausersehen ward. Dieser Vorstoss rief das gesamte
Hochland unter die Waffen; aber die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten
kaledonischen Staemme den Legionen zwischen den beiden Buchten Forth und Tay an
den Graupischen Bergen lieferten, endigte mit dem Siege Agricolas. Nach seiner
Ansicht musste die Unterwerfung der Insel, einmal begonnen, auch vollendet, ja
auch auf Ivernia ausgedehnt werden; und es liess sich dafuer mit Ruecksicht auf
das roemische Britannien geltend machen, was mit Ruecksicht auf Gallien die
Besetzung der Insel herbeigefuehrt hatte; hinzu kam, dass bei energischer
Durchfuehrung der Besetzung des gesamten Inselkomplexes der Aufwand an Menschen
und Geld fuer die Zukunft wahrscheinlich sich verringert haben wuerde.
Die roemische Regierung folgte diesen Ratschlaegen nicht. Wieweit bei der
Rueckberufung des siegreichen Feldherrn im Jahre 85, der uebrigens laenger, als
sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte geblieben war, persoenliche und
gehaessige Motive mitgewirkt haben, muss dahingestellt bleiben; das
Zusammentreffen der letzten Siege des Generals in Schottland und der ersten
Niederlagen des Kaisers im Donauland war allerdings in hohem Grade peinlich.
Aber fuer das Einstellen der Operationen in Britannien ^11 und fuer die, wie es
scheint, damals erfolgte Abberufung einer der vier Legionen, mit denen Agricola
seine Feldzuege ausgefuehrt hatte, nach Pannonien, gibt die damalige
militaerische Lage des Staats, die Ausdehnung der roemischen Herrschaft auf dem
rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der gefaehrlichen Kriege in
Pannonien, eine voellig hinreichende Erklaerung. Das freilich ist damit nicht
erklaert, warum hiermit dem Vordringen gegen Norden ueberhaupt ein Ziel gesetzt
und Nordschottland sowohl wie Irland sich selber ueberlassen wurden. Dass
seitdem die Regierung, nicht wegen Zufaelligkeiten der augenblicklichen Lage,
sondern ein fuer allemal von der Vorschiebung der Reichsgrenze absah und daran
bei allem Wechsel der Persoenlichkeiten festhielt, lehrt die gesamte spaetere
Geschichte der Insel und lehren insbesondere die gleich zu erwaehnenden
muehsamen und kostspieligen Wallbauten. Ob sie im rechten Interesse des Staates
auf die Vollendung der Eroberung verzichtet hat, ist eine andere Frage. Dass die
Reichsfinanzen bei dieser Erweiterung der Grenzen nur einbuessen wuerden, wurde
auch jetzt ebenso geltend gemacht ^12, wie frueher gegen die Besetzung der Insel
selbst, konnte aber freilich nicht entscheiden. Militaerisch durchfuehrbar war
die Besetzung so, wie Agricola sie gedacht hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche
Schwierigkeit. Aber ins Gewicht mochte die Erwaegung fallen, dass die
Romanisierung der noch freien Gebiete grosse Schwierigkeit bereitet haben wuerde
wegen der Stammesverschiedenheit. Die Kelten im eigentlichen England gehoerten
durchaus zu denen des Festlands; Volksname, Glaube, Sprache waren beiden
gemeinsam. Wenn die keltische Nationalitaet des Kontinents einen Rueckhalt an
der Insel gefunden hatte, so griff umgekehrt die Romanisierung Galliens
notwendig auch nach England hinueber, und diesem vornehmlich verdankte es Rom,
dass in so ueberraschender Schnelligkeit Britannien sich gleichfalls
romanisierte. Aber die Bewohner Irlands und Schottlands gehoerten einem anderen
Stamme an und redeten eine andere Sprache; ihr Gadhelisch verstand der Brite
wahrscheinlich so wenig wie der Germane die Sprache der Skandinaven. Als
Barbaren wildester Art werden die Kaledonier - mit den Ivernern haben die Roemer
sich kaum beruehrt - durchaus geschildert. Andererseits waltete der
Eichenpriester (Derwydd, Druida) seines Amtes an der Rhone wie in Anglesey, aber
nicht auf der Insel des Westens noch in den Bergen des Nordens. Wenn die Roemer
den Krieg hauptsaechlich gefuehrt hatten, um das Druidengebiet ganz in ihre
Gewalt zu bringen, so war dieses Ziel einigermassen erreicht. Ohne Frage haetten
in anderer Zeit alle diese Erwaegungen die Roemer nicht vermocht, auf die so
nahe gerueckte Seegrenze im Norden zu verzichten und wenigstens Kaledonien waere
besetzt worden. Aber weitere Landschaften mit roemischem Wesen zu durchdringen,
vermochte das damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und der vorschreitende
Volksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens diejenige Eroberung, die nicht
durch Verordnungen und Maersche erzwungen werden kann, waere, wenn man sie
versucht haette, schwerlich gelungen.
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^11 Tac. hist. I, 2 fasst das Resultat zusammen in die Worte perdomita
Britannia et statim missa.
^12 Der kaiserliche Finanzbeamte unter Pius, Appian (prooem. 5), bemerkt,
dass die Roemer den besten Teil (to kratiston) der britischen Insel besetzt
haetten oiden t/e/s all/e/s deomenoi. oy' gar e?phoros aytois estin oyd' /e/n
echoysin. Das ist die Antwort der Gouvernementalen an Agricola und seine
Meinungsgenossen.
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Es kam also darauf an, die Nordgrenze fuer die Verteidigung in geeigneter
Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die militaerische Arbeit.
Der militaerische Mittelpunkt blieb Eburacum. Das weite, von Agricola besetzte
Gebiet wurde festgehalten und mit Kastellen belegt, die als vorgeschobene Posten
fuer das zurueckliegende Hauptquartier dienten; wahrscheinlich ist der groesste
Teil der nicht legionaeren Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Spaeter
folgte die Anlage zusammenhaengender Befestigungslinien. Die erste der Art
ruehrt von Hadrian her und ist auch insofern merkwuerdig, als sie in gewissem
Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollstaendiger bekannt ist als
irgendeine andere der grossen militaerischen Bauten der Roemer. Es ist genau
genommen eine von Meer zu Meer in der Laenge von etwa 16 deutschen Meilen
westlich an den Solway Firth, oestlich an die Muendung der Tyne fuehrende, nach
beiden Seiten hin festungsmaessig geschuetzte Heerstrasse. Die Verteidigung
bildet noerdlich eine gewaltige urspruenglich mindestens 16 Fuss hohe und 8 Fuss
dicke, an beiden Aussenseiten aus Quadersteinen erbaute, dazwischen mit
Bruchsteinen und Moertel ausgefuellte Mauer, vor welcher ein nicht minder
imponierender, 9 Fuss tiefer, oben bis 34 Fuss und mehr breiter Graben sich
hinzieht. Gegen Sueden ist die Strasse geschuetzt durch zwei parallele, noch
jetzt 6 bis 7 Fuss hohe Erddaemme, zwischen denen ein 7 Fuss tiefer Graben mit
einem nach Sueden aufgehoehten Rande sich hinzieht, so dass die Anlage von Damm
zu Damm eine Gesamtbreite von 24 Fuss hat. Zwischen der Steinmauer und den
Erddaemmen, auf der Strasse selbst, liegen die Lagerplaetze und Wachthaeuser,
naemlich in der Entfernung einer kleinen Meile voneinander die Kohortenlager,
angelegt als selbstaendig wehrfaehige Kastelle mit Toroeffnungen nach allen vier
Seiten; zwischen je zweien derselben eine kleinere Anlage aehnlicher Art mit
Ausfallstoren nach Norden und Sueden; zwischen je zweien von diesen vier
kleinere Wachthaeuser in Rufweite voneinander. Diese Anlage von grossartiger
Soliditaet, welche als Besatzung 10000 bis 12000 Mann erfordert haben muss,
bildete seitdem das Fundament der militaerischen Operationen im noerdlichen
England. Eigentlicher Grenzwall war sie nicht; vielmehr haben nicht bloss die
schon seit Agricolas Zeit weit darueber hinaus vorgeschobenen Posten daneben
fortbestanden, sondern es ist spaeterhin, zuerst unter Pius, dann in
umfassenderer Weise unter Severus gleichsam als Vorposten fuer den Hadrianswall
^13 die schon von Agricola mit einer Postenreihe besetzte, um die Haelfte
kuerzere Linie vom Firth of Clyde zum Firth of Forth in aehnlicher, aber
schwaecherer Weise befestigt worden. Der Anlage nach war diese Linie von der
Hadrianischen nur insofern verschieden, als sie sich auf einen ansehnlichen
Erdwall, mit Graben davor und Strasse dahinter, beschraenkte, nach Sueden also
nicht zur Verteidigung eingerichtet war; im uebrigen schloss auch sie eine
Anzahl kleinerer Lager in sich. An dieser Linie endigten die roemischen
Reichsstrassen ^14, und obwohl auch jenseits dieser noch roemische Posten
standen - der noerdlichste Punkt, auf dem der Grabstein eines roemischen
Soldaten sich gefunden hat, ist Ardoch zwischen Stirling und Perth -, kann die
Grenze der Zuege Agricolas, der Firth of Tay, auch spaeter noch als die Grenze
des Roemischen Reiches angesehen werden.
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^13 Die Meinung, dass der noerdliche Wall an die Stelle des suedlichen
getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Kohortenlager am
Hadrianswall, wie sie uns die Inschriften des 2. Jahrhunderts zeigen, bestanden
im wesentlichen unveraendert noch am Ende des 3. (denn dieser Epoche gehoert der
betreffende Abschnitt der Notitia an). Beide Anlagen haben nebeneinander
bestanden, seit die juengere hinzugetreten war; auch zeigt die Masse der
Denkmaeler am Severuswall mit Evidenz, dass er bis zum Ende der roemischen
Herrschaft in Britannien besetzt geblieben ist.
Der Bau des Severus kann nur auf die noerdliche Anlage bezogen werden.
Einmal war die Anlage des Hadrian von der Art, dass eine etwaige
Wiederherstellung unmoeglich, wie dies von der Severischen gesagt wird, als
Neubau aufgefasst werden konnte; aber die Anlage des Pius war ein blosser
Erddamm (murus cespiticius, vita c. 5) und unterliegt hier die gleiche Annahme
minderem Bedenken. Zweitens passt die Laenge des Severuswalles von 32 Milien
(Aur. Vict. epit. 20; die unmoegliche Zahl 132 ist ein Schreibfehler unserer
Handschriften des Eutropius 8, 19 - wo Paulus das Richtige bewahrt hat -, der
dann von Hier. chron. a. Abr. 2221, Oros. hist. 7, 17, 7 und Cassiod. chron. zum
Jahre 207 uebernommen worden ist) nicht auf den Hadrianswall von 80 Milien; aber
die Anlage des Pius, die nach den inschriftlichen Erhebungen etwa 40 Milien lang
war, kann wohl gemeint sein, da die Endpunkte der Severischen Anlage an den
beiden Meeren recht wohl andere und naeher gelegene gewesen sein koennen. Wenn
endlich nach Dio 76,12 von der Mauer, welche die Insel in zwei Teile teilt,
noerdlich die Kaledonien suedlich die Maeaten wohnen, so sind zwar die Wohnsitze
der letzteren sonst nicht bekannt (vgl. Dio 75, 5), koennen aber unmoeglich auch
nach der Schilderung, die Dio von ihrer Gegend macht, suedlich vom Hadrianswall
angesetzt und die der Kaledonier bis an diesen erstreckt werden. Also ist hier
die Linie Glasgow-Edinburgh gemeint.
^14 A limite id est a vallo heisst es im Itinerarium, p. 464.
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Weniger als von diesen imponierenden Verteidigungsanlagen wissen wir von
der Anwendung, die sie gefunden haben und ueberhaupt den spaeteren Ereignissen
auf diesem fernen Kriegsschauplatz. Unter Hadrian ist eine schwere Katastrophe
hier eingetreten, allem Anschein nach ein Ueberfall des Lagers von Eburacum und
die Vernichtung der dort stehenden Legion ^15, derselben neunten, die im
Boudiccakrieg so ungluecklich gefochten hatte. Wahrscheinlich ist diese nicht
durch feindlichen Einfall herbeigefuehrt, sondern durch den Abfall der
noerdlichen als reichsuntertaenig geltenden Voelkerschaften, insbesondere der
Briganten. Damit wird in Verbindung zu bringen sein, dass der Hadrianswall
ebenso gegen Sueden wie gegen Norden Front macht; offenbar war er auch dazu
bestimmt, das nur oberflaechlich unterworfene Nordengland niederzuhalten. Auch
unter Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kaempfe stattgefunden, an denen die
Briganten wieder beteiligt waren; doch laesst sich Genaueres nicht erkennen ^16.
Der erste ernstliche Angriff auf diese Reichsgrenze und die erste nachweisliche
Ueberschreitung der Mauer - ohne Zweifel derjenigen des Pius - erfolgte unter
Marcus und weiter unter Commodus; wie denn auch Commodus der erste Kaiser ist,
der den Siegesbeinamen des Britannikers angenommen hat, nachdem der tuechtige
General Ulpius Marcellus die Barbaren zu Paaren getrieben hatte. Aber das Sinken
der roemischen Macht tritt seitdem hier ebenso hervor wie an der Donau und am
Euphrat. In den unruhigen Anfangsjahren des Severus hatten die Kaledonier ihre
Zusage, sich nicht mit den roemischen Untertanen einzulassen, gebrochen, und,
auf sie gestuetzt, ihre suedlichen Nachbarn, die Maeaten, den roemischen
Statthalter Lupus genoetigt, gefangene Roemer mit grossen Summen zu loesen.
Dafuer traf sie Severus' schwerer Arm nicht lange vor seinem Tode; er drang in
ihr eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung betraechtlicher Strecken ^17,
aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser im Jahre 211 im Lager von Eburacum
gestorben war, seine Soehne die Besatzungen sofort freiwillig zurueckzogen, um
der laestigen Verteidigung ueberhoben zu sein.
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^15 Der Hauptbeweis dafuer liegt in dem unzweifelhaft bald nach dem Jahre
108 (CIL VII, 241) eintretenden Verschwinden dieser Legion und ihrer Ersetzung
durch die 6. victrix. Die beiden Notizen, welche auf dies Ereignis hindeuten
(Fronto p. 217 Naher: Hadriano imperium obtinente quantum militum a Britannis
caesum? Vita 5: Britanni teneri sub Romana dicione non poterant) sowie die
Anspielung bei Iuvenal (14, 196: castella Brigantum) fuehren auf einen Aufstand,
nicht auf einen Einfall.
^16 Wenn Pius nach Pausanias (8, 43, 4) apetemeto t/o/n en Britannia
Brigant/o/n t/e/n poll/e/n oti epesbainein kai o?toi s?n oplois /e/rxan eis
t/e/n Genoynian moiran (unbekannt, vielleicht, wie O. Hirschfeld vorschlaegt,
die Brigantenstadt Vinovia) ypkooys R/o/mai/o/n, so folgt daraus nicht, dass es
auch Briganten in Kaledonien gab, sondern dass die Briganten in Nordengland
damals das befriedete Brittenland heimsuchten und darum ein Teil ihres Gebiets
konfisziert ward.
^17 Dass er die Absicht gehabt hat, den ganzen Norden in roemische Gewalt
zu bringen (Dio 76, 13), vertraegt sich weder recht mit der Abtretung (a. a. O.)
noch mit dem Mauerbau und ist wohl ebenso fabelhaft wie der roemische Verlust
von 50000 Mann, ohne dass es auch nur zum Kampfe kam.
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Aus dem dritten Jahrhundert wird von den Schicksalen der Insel kaum etwas
gemeldet. Da keiner der Kaiser, bis auf Diocletian und seine Kollegen, den
Siegernamen von der Insel gefuehrt hat, moegen ernstere Kaempfe hier nicht