wiederholen und Britannien bleibend zu besetzen. Allerdings war Caesars
britannische Expedition nicht bloss, wie seine Zuege gegen die Germanen, ein
defensiver Vorstoss gewesen. So weit sein Arm reichte, hatte er die einzelnen
Voelkerschaften reichsuntertaenig gemacht und ihre Jahresabgabe an das Reich
hier wie in Gallien geordnet. Auch die fuehrende Voelkerschaft, welche durch
ihre bevorzugte Stellung fest an Rom geknuepft und somit der Stuetzpunkt der
roemischen Herrschaft werden sollte, war gefunden: die Trinovanten (Essex)
sollten auf der keltischen Insel dieselbe, mehr vorteilhafte als ehrenvolle
Rolle uebernehmen wie auf dem gallischen Kontinent die Haeduer und die Reiner.
Die blutige Fehde zwischen dem Fuersten Cassivellaunus und dem Fuerstenhaus von
Camalodunum (Colchester) hatte unmittelbar die roemische Invasion
herbeigefuehrt; dieses wieder einzusetzen, war Caesar gelandet, und der Zweck
ward fuer den Augenblick erreicht. Ohne Zweifel hat Caesar sich nie darueber
getaeuscht, dass jene Tribute ebenso wie diese Schutzherrschaft zunaechst nur
Worte waren; aber diese Worte waren ein Programm, das die bleibende Besetzung
der Insel durch roemische Truppen herbeifuehren masste und herbeifuehren sollte.
Caesar selbst kam nicht dazu, die Verhaeltnisse der unterworfenen Insel
bleibend zu ordnen; und fuer seine Nachfolger war Britannien eine Verlegenheit.
Die reichsuntertaenig gewordenen Briten entrichteten den schuldigen Tribut
gewiss nicht lange, vielleicht ueberhaupt niemals; das Protektorat ueber die
Dynastie von Camalodunum wird noch weniger respektiert worden sein und hatte
lediglich zur Folge, dass Fuersten und Prinzen dieses Hauses wieder und wieder
in Rom erschienen und die Intervention der roemischen Regierung gegen Nachbarn
und Rivalen anriefen - so kam Koenig Dubnovellaunus, wahrscheinlich der
Nachfolger des von Caesar bestaetigten Trinovantenfuersten, als Fluechtling nach
Rom zu Kaiser Augustas, so spaeter einer der Prinzen desselben Hauses zu Kaiser
Gaius ^1.
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^1 Allem Anschein nach sind die politischen Relationen zwischen Rom und
Britannien in der Zeit vor der Eroberung wesentlich auf das von Caesar
wiederhergestellte und garantierte (Gall. 5, 22) Fuerstentum der Trinovanten zu
beziehen. Dass Koenig Dubnovellaunus, der nebst einem anderen ganz unbekannten
Britannerfuersten bei Augustas Schutz suchte, hauptsaechlich in Essex herrschte,
zeigen seine Muenzen (mein Monumentum Ancyranum. 2. Aufl. 1883, S. 138f.). Die
britannischen Fuersten, die den Augustus beschickten und seine Oberherrschaft
anerkannten (denn so scheint Strab. 4, 5, 3, p. 200 gefasst werden zu muessen;
vgl. Tac. ann. 2, 24), haben wir auch zunaechst dort zu suchen. Cunobelinus,
nach den Muenzen der Sohn des Koenigs Tasciovanus, von dem die Geschichte
schweigt, gestorben, wie es scheint, bejahrt, zwischen 40 und 43, im Regiment
also wahrscheinlich dem spaeteren des Augustus und denen des Tiberius und Gaius
parallel gehend, residierte in Camalodunum (Dio 60, 21); um ihn und um seine
Soehne dreht sich die Vorgeschichte der Invasion. Wohin Bericus, der zum
Claudias kam (Dio 60, 19), gehoert, wissen wir nicht, und es moegen auch andere
brittische Dynasten dem Beispiel derer von Colchester gefolgt sein; aber an der
Spitze stehen diese.
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In der Tat war die Expedition nach Britannien ein notwendiger Teil der
Caesarischen Erbschaft; es hatte auch schon waehrend der Zweiherrschaft Caesar
der Sohn zu einer solchen einen Anlauf genommen und nur davon abgesehen wegen
der dringenderen Notwendigkeit, in Illyricum Ruhe zu schaffen, oder auch wegen
des gespannten Verhaeltnisses zu Antonius, das zunaechst den Parthern sowohl wie
den Britannern zustatten kam. Die hoefischen Poeten aus Augustus' frueheren
Jahren haben die britannische Eroberung vielfach antizipierend gefeiert; das
Programm Caesars also nahm der Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie
feststand, erwartete ganz Rom, dass der Beendigung des Buergerkrieges die
britannische Expedition auf dem Fusse folgen werde; die Klagen der Poeten ueber
den schrecklichen Hader, ohne welchen laengst die Britanner im Siegeszug zum
Kapitol gefuehrt worden waeren, verwandelten sich in die stolze Hoffnung auf die
neu zum Reich hinzutretende Provinz Britannien. Die Expedition wurde auch zu
wiederholten Malen angekuendigt (727, 728 27, 26); dennoch stand Augustus, ohne
das Unternehmen foermlich fallenzulassen, bald von der Durchfuehrung ab, und
Tiberius hielt, seiner Maxime getreu, auch in dieser Frage an dem System des
Vaters fest ^2. Die nichtigen Gedanken des letzten Julischen Kaisers schweiften
wohl auch ueber den Ozean hinueber; aber ernste Dinge vermochte er nicht einmal
zu planen. Erst die Regierung des Claudius nahm den Plan des Diktators wieder
auf und fuehrte ihn durch.
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^2 Tac. Agr. 13: consilium id divus Augustas vocabat, Tiberius praeceptum.
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Welche Motive nach der einen wie nach der andern Seite hin bestimmend
waren, laesst sich teilweise wenigstens erkennen. Augustus selbst hat geltend
gemacht, dass die Besetzung der Insel militaerisch nicht noetig sei, da ihre
Bewohner nicht imstande seien, die Roemer auf dem Kontinent zu belaestigen, und
fuer die Finanzen nicht vorteilhaft; was aus Britannien zu ziehen sei, fliesse
in Form des Einfuhr- und Ausfuhrzolles der gallischen Haefen in die Kasse des
Reiches; als Besatzung werde wenigstens eine Legion und etwas Reiterei
erforderlich sein und nach Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel
nicht viel uebrig bleiben ^3. Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch
keineswegs genug; die Erfahrung erwies spaeter, dass eine Legion bei weitem
nicht ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen ist, was die Regierung
zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, dass bei der Schwaeche des
roemischen Heeres, wie sie durch die innere Politik Augusts einmal
herbeigefuehrt war, es sehr bedenklich erscheinen musste, einen erheblichen
Bruchteil desselben ein fuer allemal auf eine ferne Insel des Nordmeers zu
bannen. Man hatte vermutlich nur die Wahl, von Britannien abzusehen oder
deswegen das Heer zu vermehren; und bei Augustus hat die Ruecksicht auf die
innere Politik stets die auf die aeussere ueberwogen.
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^3 Die Auseinandersetzung bei Strabon (2, 5, 8, p. 115; 4, 5, 3, p. 200)
gibt offenbar die gouvernementale Version. Dass nach Einziehung der Insel der
freie Verkehr und damit der Ertrag der Zoelle sinken werde, muss wohl als
Eingestaendnis des Satzes genommen werden, dass die roemische Herrschaft und die
roemischen Tribute den Wohlstand der Untertanen herabdrueckten.
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Aber dennoch muss die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Unterwerfung
Britanniens bei den roemischen Staatsmaennern vorgewogen haben. Caesars
Verhalten wuerde unbegreiflich sein, wenn man sie nicht bei ihm voraussetzt.
Augustus hat das von Caesar gesteckte Ziel trotz seiner Unbequemlichkeit zuerst
foermlich anerkannt und niemals foermlich verleugnet. Gerade die weitsichtigsten
und folgerichtigsten Regierungen, die des Claudius, des Nero, des Domitian,
haben zu der Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie erweitert; und sie
ist, nachdem sie erfolgt war, nie betrachtet worden wie etwa die Traianische von
Dakien und Mesopotamien. Wenn die sonst so gut wie unverbruechlich festgehaltene
Regierungsmaxime, dass das Roemische Reich seine Grenzen nur zu erfuellen, nicht
aber auszudehnen habe, allein in betreff Britanniens dauernd beiseite gesetzt
worden ist, so liegt die Ursache darin, dass die Kelten so, wie Roms Interesse
es erheischte, auf dem Kontinent allein nicht unterworfen werden konnten. Diese
Nation war allem Anschein nach durch den schmalen Meeresarm, der England und
Frankreich trennt, mehr verbunden als geschieden; dieselben Voelkernamen
begegnen hueben und drueben; die Grenzen der einzelnen Staaten griffen oefter
ueber den Kanal hinueber; der Hauptsitz des hier mehr wie irgendwo sonst das
ganze Volkstum durchdringenden Priestertums waren von jeher die Inseln der
Nordsee. Den roemischen Legionen das Festland Galliens zu entreissen, vermochten
diese Insulaner freilich nicht; aber wenn der Eroberer Galliens selbst, und
weiter die roemische Regierung in Gallien andere Zwecke verfolgte als in Syrien
und Aegypten, wenn die Kelten der italischen Nation angegliedert werden sollten,
so war diese Aufgabe wohl unausfuehrbar, solange das unterworfene und das freie
Keltengebiet ueber das Meer hin sich beruehrten und der Roemerfeind wie der
roemische Deserteur in Britannien eine Freistatt fand ^4. Zunaechst genuegte
dafuer schon die Unterwerfung der Suedkueste, obwohl die Wirkung natuerlich sich
steigerte, je weiter das freie Keltengebiet zurueckgeschoben ward. Claudius'
besondere Ruecksicht auf seine gallische Heimat und seine Kenntnis gallischer
Verhaeltnisse mag auch hierbei mit im Spiel gewesen sein ^5. Den Anlass zum
Kriege gab, dass eben dasjenige Fuerstentum, welches von Rom in einer gewissen
Abhaengigkeit stand, unter der Fuehrung seines Koenigs Cunobelinus - es ist dies
Shakespeares Cymbeline - seine Herrschaft weit ausbreitete ^6 und sich von der
roemischen Schutzherrschaft emanzipierte. Einer der Soehne desselben, Adminius,
der gegen den Vater sich aufgelehnt hatte, kam schutzbegehrend zum Kaiser Gaius,
und darueber, dass dessen Nachfolger sich weigerte, dem britischen Herrscher
diese seine Untertanen auszuliefern, entspann sich der Krieg zunaechst gegen den
Vater und die Brueder dieses Adminius. Der eigentliche Grund desselben freilich
war der unerlaessliche Abschluss der Unterwerfung einer bisher nur halb
besiegten, eng zusammenhaltenden Nation.
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^4 Als Ursache des Krieges gibt Sueton (Claud. 17) an: Britanniam tunc
tumultuantem ob non redditos transfugas; was O. Hirschfeld mit Recht in
Verbindung bringt mit Gai. 44: Adminio Cunobellini Britannorum regis filio, qui
pulsus a patre cum exigua mani transfugerat, in deditionem recepto. Mit dem
tumultuari werden wohl wenigstens beabsichtigte Pluenderfahrten nach der
gallischen Kueste gemeint sein. Um den Bericus (Dio 60, 19) ist der Krieg gewiss
nicht gefuehrt worden.
^5 Ebenso war Mona nachher receptaculum perfugarum (Tac. ann. 14, 29).
^6 Tac. ann. 12, 37: pluribus gentibus imperitantem.
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Dass die Besetzung Britanniens nicht erfolgen koenne ohne gleichzeitige
Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht derjenigen Staatsmaenner,
die sie veranlassten; es wurden drei der Rhein-, eine der Donaulegionen dazu
bestimmt ^7, gleichzeitig aber zwei neu errichtete Legionen den germanischen
Heeren zugeteilt. Zum Fuehrer dieser Expedition und zugleich zum ersten
Statthalter der Provinz wurde ein tuechtiger Soldat, Aulus Plautius, ausersehen;
sie ging im Jahre 43 nach der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig,
wohl mehr wegen der Verbannung auf die ferne Insel als aus Furcht vor dem
Feinde. Einer der leitenden Maenner, vielleicht die Seele des Unternehmens, der
kaiserliche Kabinettssekretaer Narcissus, wollte ihnen Mut einsprechen - sie
liessen den Sklaven vor hoehnendem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber taten, wie
er wollte, und schifften sich ein.
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^7 Die drei Legionen vom Rhein sind die 2. Augusta, die 14. und die 20.;
aus Pannonien kam die 9. spanische. Dieselben vier Legionen standen dort noch zu
Anfang der Regierung Vespasians; dieser rief die 14. ab zum Kriege gegen
Civilis, und diese kam nicht zurueck, dafuer aber wahrscheinlich die 2.
adiutrix. Diese ist vermutlich unter Domitian nach Pannonien verlegt, unter
Hadrian die 9. aufgeloest und durch die 6. victrix ersetzt worden. Die beiden
anderen Legionen, 2. Augusta und 20., haben vom Anfang bis zum Ende der
Roemerherrschaft in England gestanden.
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Besondere Schwierigkeit hatte die Besetzung der Insel nicht. Die
Eingeborenen standen politisch wie militaerisch auf derselben niedrigen
Entwicklungsstufe, welche Caesar auf der Insel vorgefunden hatte. Koenige oder
Koeniginnen regierten in den einzelnen Gauen, die kein aeusseres Band
zusammenschloss und die in ewiger Fehde miteinander lagen. Die Mannschaften
waren wohl von ausdauernder Koerperkraft und von todesverachtender Tapferkeit
und namentlich tuechtige Reiter. Aber der homerische Streitwagen, der hier noch
eine Wirklichkeit war und auf dem die Fuersten des Landes selber die Zuegel
fuehrten, hielt den geschlossenen roemischen Reiterschwadronen ebensowenig
stand, wie der Infanterist ohne Panzer und Helm, nur durch den kleinen Schild
verteidigt, mit seinem kurzen Wurfspiess und seinem breiten Schwert im Nahkampf
dem kurzen roemischen Messer gewachsen war oder gar dem schweren Pilum des
Legionaers und dem Schleuderblei und dem Pfeil der leichten roemischen Truppen.
Der Heermasse von etwa 40000 wohlgeschulten Soldaten hatten die Eingeborenen
ueberall keine entsprechende Abwehr entgegenzustellen. Die Ausschiffung traf
nicht einmal auf Widerstand; die Briten hatten Kunde von der schwierigen
Stimmung der Truppen und die Landung nicht mehr erwartet. Koenig Cunobelinus war
kurz vorher gestorben; die Gegenwehr fuehrten seine beiden Soehne, Caratacus und
Togodumnus. Der Marsch des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum gerichtet
^8 und in raschem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse; hier wurde Halt
gemacht, vielleicht hauptsaechlich, um dem Kaiser die Gelegenheit zu geben, den
leichten Lorbeer persoenlich zu pfluecken. Sobald er eintraf, ward der Fluss
ueberschritten, das britische Aufgebot geschlagen, wobei Togodumnus den Tod
fand, Camalodunum selber genommen. Wohl setzte der Bruder Caratacus den
Widerstand hartnaeckig fort und gewann sich, siegend oder geschlagen, einen
stolzen Namen bei Freund und Feind; aber das Vorschreiten der Roemer war dennoch
unaufhaltsam. Ein Fuerst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt - elf
britische Koenige nennt der Ehrenbogen des Claudius als von ihm besiegt; und was
den roemischen Waffen nicht erlag, das ergab sich den roemischen Spenden.
Zahlreiche vornehme Maenner nahmen die Besitzungen an, die auf Kosten ihrer
Landsleute der Kaiser ihnen verlieh; auch manche Koenige fuegten sich in die
bescheidene Lehnsstellung, wie denn der der Regner (Chichester), Cogidumnus, und
der der Icener (Norfolk), Prasutagus, eine Reihe von Jahren als Lehnsfuersten
die Herrschaft gefuehrt haben. Aber in den meisten Distrikten der bis dahin
durchgaengig monarchisch regierten Insel fuehrten die Eroberer ihre
Gemeindeverfassung ein und gaben, was noch zu verwalten blieb, den oertlichen
Vornehmen in die Hand; was denn freilich schlimme Parteiungen und innere
Zerwuerfnisse im Gefolge hatte. Noch unter dem ersten Statthalter scheint das
gesamte Flachland bis etwa zum Humber hinauf in roemische Gewalt gekommen zu
sein; die Icener zum Beispiel haben bereits ihm sich ergeben. Aber nicht bloss
mit dem Schwert bahnten die Roemer sich den Weg. Unmittelbar nach der Einnahme
wurden nach Camalodunum Veteranen gefuehrt und die erste Stadt roemischer
Ordnung und roemischen Buergerrechts, die "Claudische Siegeskolonie", in
Britannien gegruendet, bestimmt zur Landeshauptstadt. Unmittelbar nachher begann
auch die Ausbeutung der britannischen Bergwerke, namentlich der ergiebigen
Bleigruben; es gibt britannische Bleibarren aus dem sechsten Jahre nach der
Invasion. Offenbar hat in gleicher Schleunigkeit der Strom roemischer Kaufleute
und Industrieller sich ueber das neu geschlossene Gebiet ergossen; wenn
Camalodunum roemische Kolonisten empfing, so bildeten anderswo im Sueden der
Insel, namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in Verulamium (St.
Albans, nordwestlich von London) und vor allem in dem natuerlichen Emporium des
Grossverkehrs, in Londinium an der Themsemuendung, bloss infolge des freien
Verkehrs und der Einwanderung sich roemische Ortschaften, die bald auch formell
staedtische Organisation erhielten. Die vordringende Fremdherrschaft machte
nicht bloss in den neuen Abgaben und Aushebungen, sondern vielleicht mehr noch
in Handel und Gewerbe ueberall sich geltend. Als Plautius nach vierjaehriger
Verwaltung abberufen ward, zog er, der letzte Private, der zu solcher Ehre
gelangt ist, triumphierend in Rom ein, und Ehren und Orden stroemten herab auf
die Offiziere und Soldaten der siegreichen Legionen; dem Kaiser wurden in Rom
und danach in anderen Staedten Triumphbogen errichtet wegen des "ohne
irgendwelche Verluste" errungenen Sieges; der kurz vor der Invasion geborene
Kronprinz erhielt anstatt des grossvaeterlichen den Namen Britannicus. Man wird
hierin die unmilitaerische, der Siege mit Verlust entwoehnte Zeit und die der
politischen Altersschwaeche angemessene Ueberschwenglichkeit erkennen duerfen;
aber wenn die Invasion Britanniens vom militaerischen Standpunkt aus nicht viel
bedeuten will, so muss doch den leitenden Maennern das Zeugnis gegeben werden,
dass sie das Werk in energischer und folgerichtiger Weise angriffen und die
peinliche und gefahrvolle Zeit des Uebergangs von der Unabhaengigkeit zur
Fremdherrschaft in Britannien eine ungewoehnlich kurze war.
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^8 Die nur auf bedenkliche Emendationen gestuetzte Identifikation der
Boduner und Catuellaner bei Dio 60, 20 mit Voelkerschaften aehnlichen Namens bei
Ptolemaeos kann nicht richtig sein; diese ersten Kaempfe muessen zwischen der
Kueste und der Themse stattgefunden haben.
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Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten auch hier sich die
Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Besetzung der Insel nicht
bloss den Eroberten brachte, sondern auch den Eroberern.
Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des Meeres. Vor
allem der Westen machte den Roemern zu schaffen. Zwar im aeussersten Suedwest,
im heutigen Cornwall, hielt sich das alte Volkstum wohl mehr, weil die Eroberer
sich um diese entlegene Ecke wenig kuemmerten, als weil es geradezu sich gegen
sie auflehnte. Aber die Siluren im Sueden des heutigen Wales und ihre
noerdlichen Nachbarn, die Ordoviker, trotzten beharrlich den roemischen Waffen;
die den letzteren anliegende Insel Mona (Anglesey) war der rechte Herd der
nationalen und religioesen Gegenwehr. Nicht die Bodenverhaeltnisse allein
hemmten das Vordringen der Roemer; was Britannien fuer Gallien gewesen, das war
jetzt fuer Britannien, und insbesondere fuer diese Westkueste, die grosse Insel
Ivernia; die Freiheit drueben liess die Fremdherrschaft hueben nicht feste
Wurzel fassen. Deutlich erkennt man an der Anlegung der Legionslager, dass die
Invasion hier zum Stehen kam. Unter Plautius' Nachfolger wurde das Lager fuer
die vierzehnte Legion am Einfluss des Tern in den Severn bei Viroconium
(Wroxeter, unweit Shrewsbury ^9) angelegt, vermutlich um dieselbe Zeit suedlich
davon das von Isca (Caerleon = castra legionis) fuer die zweite, noerdlich das
von Deva (Chester = castra) fuer die zwanzigste; diese drei Lager schlossen das
walisische Gebiet ab gegen Sueden, Norden und Westen und schuetzten also das
befriedete Land gegen das frei gebliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem
seine Heimat roemisch geworden war, der letzte Fuerst von Camalodunum,
Caratacus. Er wurde von dem Nachfolger des Plautius, Publius Ostorius Scapula,
im Ordovikergebiet geschlagen und bald darauf von den geschreckten Briganten, zu
denen er gefluechtet war, den Roemern ausgeliefert (51) und mit all den Seinen
nach Italien gefuehrt. Verwundert fragte er, als er die stolze Stadt sah, wie es
die Herren solcher Palaeste nach den armen Huetten seiner Heimat verlangen
koenne. Aber damit war der Westen keineswegs bezwungen; die Siluren vor allem
verharrten in hartnaeckiger Gegenwehr, und dass der roemische Feldherr
ankuendigte, sie bis auf den letzten Mann ausrotten zu wollen, trug auch nicht
dazu bei, sie fuegsamer zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius
Paullinus versuchte einige Jahre spaeter (61), den Hauptsitz des Widerstandes,
die Insel Mona, in roemische Gewalt zu bringen, und trotz der wuetenden
Gegenwehr, welche ihn hier empfing und in der die Priester und die Weiber
vorangingen, fielen die heiligen Baeume, unter denen mancher roemische Gefangene
geblutet hatte, unter den Aexten der Legionaere. Aber aus der Besetzung dieses
letzten Asyls der keltischen Priesterschaft entwickelte sich eine gefaehrliche
Krise in dem unterworfenen Gebiete selbst, und die Eroberung Monas zu vollenden,
war dem Statthalter nicht beschieden.
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^9 Tac. ann. 12, 31: (P. Ostorius) cuncta castris ad . . . ntonam
(ueberliefert ist castris antonam) et Sabrinam fluvios cohibere parat. So ist
hier herzustellen, nur dass der sonst nicht ueberlieferte Name des Flusses Tern
nicht ergaenzt werden kann. Die einzigen in England gefundenen Inschriften von
Soldaten der 14. Legion, die unter Nero England verliess, sind in Wroxeter, dem
sogenannten "englischen Pompeii" zum Vorschein gekommen. Da dort sich auch die
Grabschrift eines Soldaten der 20. gefunden hat, war das von Tacitus bezeichnete
Lager vielleicht anfaenglich beiden Legionen gemeinsam und ist die 20. erst
spaeter nach Deva gekommen. Dass das Lager bei Isca gleich nach der Invasion
angelegt ward, geht aus Tac. ann. 12, 32 u. 38 hervor.
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Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der nationalen
Insurrektion zu bestehen. Was Mithradates in Kleinasien, Vercingetorix bei den
Kelten des Kontinents, Civilis bei den unterworfenen Germanen unternahmen, das
versuchte bei den Inselkelten eine Frau, die Gattin eines jener von Rom
bestaetigten Vasallenfuersten, die Koenigin der Icener, Boudicca. Ihr
verstorbener Gatte hatte, um seiner Frau und seiner Toechter Zukunft zu sichern,
seine Herrschaft dem Kaiser Nero vermacht, sein Vermoegen zwischen ihm und den
Seinigen geteilt. Der Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was ihm nicht zufallen
sollte, dazu; die fuerstlichen Vettern wurden in Ketten gelegt, die Witwe
geschlagen, die Toechter in schaendlicherer Weise misshandelt. Dazu kam andere
Unbill des spaeteren Neronischen Regiments. Die in Camalodunum angesiedelten
Veteranen jagten die frueheren Besitzer von Haus und Hof, wie es ihnen beliebte,
ohne dass die Behoerden dagegen einschritten. Die vom Kaiser Claudius
verliehenen Geschenke wurden als widerrufliche Gaben eingezogen. Roemische
Minister, die zugleich Geldgeschaefte machten, trieben auf diesem Wege die
britannischen Gemeinden eine nach der anderen zum Bankrott. Der Moment war
guenstig. Der mehr tapfere als vorsichtige Statthalter Paullinus befand sich,
wie gesagt wurde, mit dem Kern der roemischen Armee auf der entlegenen Insel
Mona, und dieser Angriff auf den heiligsten Sitz der nationalen Religion
erbitterte ebenso die Gemueter, wie er dem Aufstande den Weg ebnete. Der alte
gewaltige Keltenglaube, der den Roemern so viel zu schaffen gemacht, loderte