duerfte im Gegensatz stehen nicht zu den Einrichtungen Domitians, sondern zu den

ungeordneten Anfaengen staedtischer Anlagen im Decumatenland vor der Verlegung

der Militaergrenze. Auf kriegerische Vorgaenge unter Traian fuehrt keine Spur;

dass er ein castellum in Alamannorum solo, nach dem Zusammenhang am Main unweit

Mainz, anlegte und nach seinem Namen nannte (Amm. 17, 1, 11), beweist dafuer

ebenso wenig, wie dass ein spaeter Dichter (Sidon. carm. 7, 115), Altes und

Neues vermengend, Agrippina unter ihm den Schrecken der Sugambrer, das heisst in

seinem Sinn der Franken nennt.

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Bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts zeigt die roemische Macht am Rhein

keine Spuren des Schwankens. Waehrend des Markomannenkrieges unter Marcus blieb

in der unteren Provinz alles ruhig. Wenn ein Legat der Belgica damals den

Landsturm gegen die Chauker aufbieten musste, so ist dies vermutlich ein

Piratenzug gewesen, wie sie die Nordkueste oftmals, in dieser Zeit ebenso wie

frueher und spaeter, heimgesucht haben. An die Donauquellen und selbst bis in

das Rheingebiet reichte der Wellenschlag der grossen Voelkerbewegung; aber die

Fundamente erschuetterte er hier nicht. Die Chatten, das einzige bedeutende

germanische Volk an der obergermanisch-raetischen Grenzwacht, brachen in beiden

Richtungen vor und sind wahrscheinlich damals selbst unter den in Italien

einfallenden Germanen gewesen, wie dies weiterhin bei der Darstellung dieses

Krieges gezeigt werden soll. Auf jeden Fall kann die von Marcus damals verfuegte

Verstaerkung der raetischen Armee und ihre Umwandlung in ein Kommando erster

Klasse mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen der Chatten zu

steuern, und beweist, dass man sie auch fuer die Zukunft nicht leicht nahm. Die

schon erwaehnte Verstaerkung der Grenzverteidigung wird damit ebenfalls in

Verbindung stehen. Fuer das naechste Menschenalter muessen diese Massregeln

ausgereicht haben.

Unter Antoninus, dem Sohn des Severus, brach (213) abermals in Raetien ein

neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen die Chatten gefuehrt

worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das hier zum erstenmal

begegnet, das der Alamannen. Woher sie kamen, wissen wir nicht. Einem wenig

spaeter schreibenden Roemer zufolge war es zusammengelaufenes Mischvolk; auf

einen Gemeindebund scheint auch die Benennung hinzuweisen sowie, dass spaeter

noch die verschiedenen, unter diesem Namen zusammengefassten Staemme mehr als

bei den sonstigen grossen germanischen Voelkern in ihrer Besonderheit

hervortreten, und die Juthungen, die Lentienser und andere Alamannenvoelker

nicht selten selbstaendig handeln. Aber dass es nicht die Germanen dieser Gegend

sind, welche unter dem neuen Namen verbuendet und durch den Bund verstaerkt hier

auftreten, zeigt sowohl die Nennung der Alamannen neben den Chatten wie die

Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der Alamannen im Reitergefecht.

Vielmehr sind es der Hauptsache nach sicher aus dem Osten nachrueckende Scharen

gewesen, die dem fast erloschenen Widerstand der Germanen am Rhein neue Kraft

verliehen haben; es ist nicht unwahrscheinlich, dass die in frueherer Zeit an

der mittleren Elbe hausenden maechtigen Semnonen, deren seit dem Ende des 2.

Jahrhunderts nicht wieder gedacht wird, zu den Alamannen ein starkes Kontingent

gestellt haben. Das stetig sich steigernde Missregiment im Roemischen Reich hat

natuerlich auch, wenngleich nur in zweiter Reihe, zu der Machtverschiebung

seinen Teil beigetragen. Der Kaiser zog persoenlich gegen die neuen Feinde ins

Feld; im August des Jahres 213 ueberschritt er die roemische Grenze und ein Sieg

ueber sie am Main wurde erfochten oder wenigstens gefeiert; es wurden noch

Kastelle angelegt; die Voelkerschaften von der Elbe und der Nordsee beschickten

den roemischen Herrscher und verwunderten sich, wenn er sie in ihrer eigenen

Tracht empfing, in silberbeschlagener Jacke und Haar und Bart nach deutscher Art

gefaerbt und geordnet. Aber von da an hoeren die Kriege am Rhein nicht auf, und

die Angreifer sind die Germanen; die sonst so fuegsamen Nachbarn waren wie

ausgetauscht. Zwanzig Jahre spaeter wurden an der Donau wie am Rhein die

Einfaelle der Barbaren so stetig und so ernsthaft, dass Kaiser Alexander

deswegen den weniger unmittelbar gefaehrlichen Persischen Krieg abbrechen und

sich persoenlich in das Lager von Mainz begeben masste, nicht so sehr, um das

Gebiet zu verteidigen, als um von den Deutschen den Frieden durch hohe

Geldsummen zu erkaufen. Die Erbitterung der Soldaten darueber fuehrte zu seiner

Ermordung (235) und damit zu dem Untergang der Severischen Dynastie, der

letzten, die es bis auf die Regeneration des Staats ueberhaupt gegeben hat. Sein

Nachfolger Maximinus, ein roher, aber tapferer, vom gemeinen Soldaten

aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten seines Vorgaengers wieder gut

durch einen nachdruecklichen Feldzug tief in Germanien hinein. Noch wagten die

Barbaren nicht, einem starken und wohlgefuehrten Roemerheere die Spitze zu

bieten; sie wichen in ihre Waelder und Suempfe, und auch dahin ihnen folgend,

focht im Handgemenge der tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kaempfen, die

ohne Zweifel von Mainz aus zunaechst gegen die Alamannen sich richteten, durfte

er mit Recht sich Germanicus nennen; und auch fuer die Zukunft hat die

Expedition vom Jahre 236, auf lange hinaus der letzte grosse Sieg, den die

Roemer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet. Obwohl die stetigen und

blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen im Osten und an der Donau

die Roemer nicht zu Atem kommen liessen, ist doch durch die naechsten zwanzig

Jahre am Rhein wenn nicht eigentlich die Ruhe erhalten worden, doch eine

groessere Katastrophe nicht eingetreten. Es scheint sogar damals eine der

obergermanischen Legionen nach Afrika geschickt worden zu sein, ohne dass dafuer

Ersatz kam, also Obergermanien als wohl gesichert gegolten zu haben. Aber als im

Jahre 253 wieder einmal die verschiedenen Feldherren Roms um die Kaiserwuerde

untereinander schlugen und die Rheinlegionen nach Italien marschierten, um ihren

Kaiser Valerianus gegen den Aemilianus der Donauarmee durchzufechten, scheint

dies das Signal gewesen zu sein ^31 fuer das Vorbrechen der Germanen namentlich

auch gegen den Unterrhein ^32. Diese Germanen sind die hier zuerst auftretenden

Franken, allerdings vielleicht nur dem Namen nach neue Gegner; denn obwohl die

schon im spaeteren Altertum begegnende Identifikation derselben mit frueher am

Unterrhein genannten Voelkerschaften, teils den neben den Bructerern sitzenden

Chamavern, teils den frueher genannten, den Roemern untertaenigen Sugambrern,

unsicher und mindestens unzulaenglich ist, so hat es hier groessere

Wahrscheinlichkeit als bei den Alamannen, dass die bisher von Rom abhaengigen

Germanen am rechten Rheinufer und die frueher vom Rhein abgedraengten

germanischen Staemme damals unter dem Gesamtnamen der "Freien" gemeinschaftlich

die Offensive gegen die Roemer ergriffen haben. Solange Gallienus selbst am

Rhein blieb, hielt er, trotz der geringen, ihm zur Verfuegung stehenden

Streitkraefte, die Gegner einigermassen im Zaum, verhinderte sie am

Ueberschreiten des Flusses oder schlug die Eingedrungenen wieder hinaus, raeumte

auch wohl einem der germanischen Fuehrer einen Teil des begehrten Ufergebietes

ein unter der Bedingung, die roemische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz

gegen seine Landsleute zu verteidigen, was freilich schon fast auf eine

Kapitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die noch

gefaehrlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab und in Gallien

als Repraesentanten seinen noch im Knabenalter stehenden aelteren Sohn

zurueckliess, liess einer der Offiziere, denen er die Verteidigung der Grenze

und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, Marcus Cassianius Latinius Postumus

^33, sich von seinen Leuten zum Kaiser ausrufen und belagerte in Koeln den

Hueter des Kaisersohnes Silvanus. Es gelang ihm, die Stadt einzunehmen und

seinen frueheren Kollegen sowie den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu

bekommen, worauf er beide hinrichten liess. Aber waehrend dieser Wirren brachen

die Franken ueber den Rhein und ueberschwemmten nicht bloss ganz Gallien,

sondern drangen auch in Spanien ein, ja pluenderten selbst die afrikanische

Kueste. Bald nachher, nachdem Valerians Gefangennahme durch die Perser das Mass

des Unheils voll gemacht hatte, ging in der oberrheinischen Provinz alles

roemische Land auf dem linken Rheinufer verloren, ohne Zweifel an die Alamannen,

deren Einbruch in Italien in den letzten Jahren des Gallienus diesen Verlust

notwendig voraussetzt. Dieser ist der letzte Kaiser, dessen Name auf

rechtsrheinischen Denkmaelern gefunden wird. Seine Muenzen feiern ihn wegen

fuenf grosser Siege ueber die Germanen, und nicht minder sind die seines

Nachfolgers in der gallischen Herrschaft, des Postumus, voll des Preises der

deutschen Siege des Retters von Gallien. Gallienus hatte in seinen frueheren

Jahren nicht ohne Energie den Kampf am Rhein aufgenommen, und Postumus war sogar

ein vorzueglicher Offizier und waere gern auch ein guter Regent gewesen. Aber

bei der Meisterlosigkeit, welche damals in dem roemischen Staat oder vielmehr in

der roemischen Armee waltete, nuetzte Talent und Tuechtigkeit des Einzelnen

weder ihm noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe bluehender roemischer Staedte wurde

damals von den einfallenden Barbaren oedegelegt, und das rechte Rheinufer ging

den Roemern auf immer verloren.

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^31 Nicht bloss der ursaechliche Zusammenhang, sondern selbst die zeitliche

Folge dieser wichtigen Vorgaenge liegen im unklaren. Der relativ beste Bericht

bei Zosimus (hist. 1, 29) bezeichnet den germanischen Krieg als die Ursache,

weshalb Valerianus gleich bei seiner Thronbesteigung 253 seinen Sohn zum

Mitherrscher gleichen Rechts gemacht habe; und den Titel Germanicus maximus

fuehrt Valerian schon im Jahre 256 (CIL VIII, 2380; ebenso 259 CIL XI, 826),

vielleicht sogar, wenn der Muenze Cohen n. 54 zu trauen ist, den Titel

Germanicus maximus ter.

^32 Dass die Germanen, gegen die Gallienus zu streiten hatte, wenigstens

hauptsaechlich am Unterrhein zu suchen sind, zeigt die Residenz seines Sohnes in

Agrippina, wo er doch nur als nomineller Repraesentant des Vaters

zurueckgeblieben sein kann. Auch der Biograph (c. 8) nennt die Franken.

^33 Von dem Grade der Geschichtsfaelschung, welche in einem Teil der

Kaiserbiographien herrscht, macht man sich schwer eine Vorstellung; es wird

nicht unnuetz sein, hier an dem Bericht ueber Postumus dies beispielsweise zu

zeigen. Er heisst hier (freilich in einer Einlage) Iulius Postumus (tyr. 6), auf

den Muenzen und Inschriften al. Cassianius Latinius Postumus, im epitomierten

Victor 32 Cassius Labienus Postemus.

Er regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 3 und 5); Muenzen nennen seine tr.

p. X, und zehn Jahre gibt ihm Eutropius (9, 10).

Sein Gegner heisst Lollianus, nach den Muenzen Ulpius Cornelias Laelianus,

Laelianus bei Eutropius (9, 9; nach der einen Handschriftenklasse, waehrend die

andere der Interpolation der Biographen folgt) und bei Victor (c. 33), Aelianus

in der Victorianischen Epitome.

Postumus und Victorinus herrschen nach dem Biographen gemeinschaftlich;

aber es gibt keine beiden gemeinschaftliche Muenzen, und somit bestaetigen diese

den Bericht bei Victor und Eutropius, dass Victorinus der Nachfolger des

Postumus gewesen ist.

Es ist eine Besonderheit dieser Kategorie von Faelschungen, dass sie in den

eingelegten Urkunden gipfeln. Das Koelner Epitaphium der beiden Victorinus (tyr.

7): hic duo Victorini tyranni(!) siti sunt kritisiert sich selbst. Das

angebliche Patent Valerians (tyr. 3), womit dieser den Galliern die Ernennung

des Postumus mitteilt, ruehmt nicht bloss prophetisch des Postumus

Herrschergaben, sondern nennt auch verschiedene unmoegliche Aemter: einen

Transrhenani limitis dux et Galliae praeses hat es zu keiner Zeit gegeben und

kann Postumus arch/e/n en Keltois strati/o/t/o/n empepisteymenos ;Zos. hist. 1,

38) nur praeses einer der beiden Germanien oder, wenn sein Kommando ein

ausserordentliches war, dux per Germanias gewesen sein. Ebenso unmoeglich ist in

derselben Quasi-Urkunde der tribunatus Vocontiorum des Sohnes, eine offenbare

Nachbildung der Tribunate, wie sie in der Notitia dignitatum aus der Zeit des

Honorius auftreten.

Gegen Postumus und Victorinus, unter denen die Gallier und die Franken

fechten, zieht Gallienus mit Aureolus, spaeter seinem Gegner, und dem spaeteren

Kaiser Claudius; er selbst wird durch einen Pfeilschuss verwundet, siegt aber,

ohne dass durch den Sieg sich etwas aendert. Von diesem Kriege wissen die

anderen Berichte nichts. Postumus faellt in dem von dem sogenannten Lollianus

angezettelten Militaeraufstand, waehrend nach dem Bericht bei Victor und

Eutropius Postumus dieser Mainzer Insurrektion Herr wird, aber dann die Soldaten

ihn erschlagen, weil er ihnen Mainz nicht zur Pluenderung ueberliefern will.

Ueber die Erhebung des Postumus steht neben der im wesentlichen mit der

gewoehnlichen uebereinstimmenden Erzaehlung, dass Postumus den seiner Hut

anvertrauten Sohn des Gallienus treulos beseitigt habe, eine andere, offenbar

als Rettung erfundene, wonach das Volk in Gallien dies tat und dann dem Postumus

die Krone antrug. Die enkomiastische Tendenz fuer den, der Gallien das Schicksal

der Donaulaender und Asiens erspart und es vor den Germanen gerettet habe, tritt

hier und ueberall (am offenbarsten tyr. 5) zutage; womit denn zusammenhaengt,

dass dieser Bericht den Verlust des rechten Rheinufers und die Zuege der Franken

nach Gallien, Spanien und Afrika nicht kennt. Bezeichnend ist noch, dass der

angebliche Stammvater des konstantinischen Hauses auch hier mit einer

ehrenvollen Nebenrolle bedacht wird. Diese nicht zerruettete, sondern

durchgefaelschte Erzaehlung wird voellig beseitigt werden muessen; die Berichte

einerseits bei Zosimus, andererseits der aus einer gemeinschaftlichen Quelle

schoepfenden Lateiner Victor und Eutropius, kurz und zerruettet wie sie sind,

koennen allein in Betracht kommen.

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Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing zunaechst ab von

dem Zusammenhalten des Reichs ueberhaupt; solange die italischen Kaiser ihre

Truppen in der Narbonensis aufstellten, um den gallischen Rivalen zu beseitigen

und dieser wieder Miene machte, die Alpen zu ueberschreiten, war eine wirksame

Operation gegen die Germanen von selber ausgeschlossen. Erst nachdem um das Jahr

272 ^34 der damalige Herrscher Galliens, Tetricus, seiner undankbaren Rolle

muede, selbst dazu getan hatte, dass seine Truppen sich dem vom roemischen Senat

anerkannten Kaiser Aurelianus unterwarfen, konnte wieder daran gedacht werden,

den Germanen zu wehren. Den Zuegen der Alamannen, die fast ein Jahrzehnt

hindurch das obere Italien bis nach Ravenna hinab heimgesucht hatten, setzte

derselbe tuechtige Herrscher, der Gallien wieder zum Reich gebracht hatte, fuer

lange Zeit ein Ziel und schlug an der oberen Donau nachdruecklich einen ihrer

Staemme, die Juthungen. Haette sein Regiment Dauer gehabt, so wuerde er wohl

auch in Gallien den Grenzschutz erneuert haben; nach seinem baldigen und jaehen

Ende (275) ueberschritten die Germanen abermals den Rhein und verheerten weit

und breit das Land. Sein Nachfolger Probus (seit 276), auch ein tuechtiger

Soldat, warf sie nicht bloss wieder hinaus - siebzig Staedte soll er ihnen

abgenommen haben -, sondern ging auch wieder angreifend vor, ueberschritt den

Rhein und trieb die Deutschen ueber den Neckar zurueck; aber die Linien der

frueheren Zeit erneuerte er nicht ^35, sondern begnuegte sich, an den

wichtigeren Rheinpositionen Brueckenkoepfe auf dem anderen Ufer einzurichten und

zu besetzen - das heisst, er kam etwa auf die Einrichtungen zurueck, wie sie

hier vor Vespasian bestanden hatten. Gleichzeitig wurden durch seine Feldherren

in der noerdlichen Provinz die Franken niedergeschlagen. Grosse Massen der

ueberwundenen Germanen wurden als gezwungene Ansiedler nach Gallien und vor

allem nach Britannien gesandt. In dieser Weise wurde die Rheingrenze wieder

gewonnen und auf das spaetere Kaiserreich uebertragen. Freilich war wie die

Herrschaft am rechten Rheinufer so auch der Friede am linken unwiderbringlich

dahin. Drohend standen die Alamannen gegenueber Basel und Strassburg, die

Franken gegenueber Koeln. Daneben melden sich andere Staemme. Dass auch die

Burgundionen, einst jenseits der Elbe sesshaft, westwaerts vorrueckend bis an

den oberen Main, Gallien bedrohen, davon ist zuerst unter Kaiser Probus die

Rede; wenige Jahre spaeter beginnen die Sachsen in Gemeinschaft mit den Franken

ihre Angriffe zur See auf die gallische Nordkueste wie auf das roemische

Britannien. Aber unter den groesstenteils tuechtigen und faehigen Kaisern des

Diocletianisch-Konstantinischen Hauses und noch unter den naechsten Nachfolgern

hielt der Roemer die drohende Voelkerflut in gemessenen Schranken.

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^34 Postumus Herrschaft dauerte zehn Jahre. Dass im Jahre 259 der aeltere

Sohn des Gallienus bereits tot war, lehrt die Inschrift von Modena CIL XI, 826;

also faellt Postumus Abfall sicher in oder vor dieses Jahr. Da die Gefangennahme

des Tetricus nicht wohl spaeter als 272, unmittelbar nach der zweiten Expedition

gegen Zenobia, angesetzt werden kann und die drei gallischen Herrscher Postumus

zehn, Victorinus zwei (Eutr. 9, 9), Tetricus zwei (Aur. Vict. Caes. 35) Jahre

regiert haben, so bringt dies Postumus Abfall etwa auf 259; doch sind

dergleichen Zahlen haeufig etwas verschoben. Wenn die Dauer der Germanenzuege in

Spanien unter Gallienus auf zwoelf Jahre bestimmt wird (Oros. hist. 7, 41, 2),

so scheint dies nach der Hieronymischen Chronik oberflaechlich berechnet zu

sein. Die ueblichen genauen Zahlen sind unbeglaubigt und taeuschend.

^35 Nach dem Biographen (c. 14, 15) hat Probus die Germanen des rechten

Rheinufers in Abhaengigkeit gebracht, so dass sie den Roemern tributpflichtig

sind und die Grenze fuer sie verteidigen (omnes iam barbari vobis arant, vobis

iam serviunt et contra interiores gentes militant); das Recht der Waffenfuehrung

wird ihnen vorlaeufig gelassen, aber daran gedacht, bei weiteren Erfolgen die

Grenze vorzuschieben und eine Provinz Germanien einzurichten. Auch als freie

Phantasien eines Roemers des vierten Jahrhunderts - mehr ist es nicht - haben

diese Aeusserungen ein gewisses Interesse.

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Die Germanen in ihrer nationalen Entwicklung darzustellen, ist nicht die

Aufgabe des Geschichtschreibers der Roemer; fuer ihn erscheinen sie nur hemmend

oder auch zerstoerend. Eine Durchdringung der beiden Nationalitaeten und eine

daraus hervorgehende Mischkultur, wie das romanisierte Keltenland, hat das

roemische Germanien nicht aufzuweisen oder sie faellt fuer unsere Auffassung mit

der roemisch-gallischen um so mehr zusammen, als die laengere Zeit in roemischem

Besitz gebliebenen germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufer durchaus mit

keltischen Elementen durchsetzt waren und auch die auf dem rechten, ihrer

urspruenglichen Bevoelkerung groesstenteils beraubt, die Mehrzahl der neuen

Ansiedler aus Gallien erhielten. Dem germanischen Element fehlten die kommunalen

Zentren, wie sie das Keltentum zahlreich besass. Teils deswegen, teils infolge

aeusserer Umstaende konnte, wie schon hervorgehoben worden ist, in dem

germanischen Osten das roemische Element sich eher und voller entwickeln als in

den keltischen Gegenden. Von wesentlichstem Einfluss darauf sind die Heerlager

der Rheinarmee geworden, die alle auf das roemische Germanien fallen. Die

groesseren derselben erhielten teils durch die Handelsleute, die dem Heere sich

anschlossen, teils und vor allem durch die Veteranen, die in ihren gewohnten

Quartieren auch nach der Entlassung verblieben, einen staedtischen Anhang, eine

von den eigentlichen Militaerquartieren gesonderte Budenstadt (canabae);

ueberall und namentlich in Germanien sind aus diesen bei den Legionslagern und

besonders den Hauptquartieren mit der Zeit eigentliche Staedte erwachsen. An der

Spitze steht die roemische Ubierstadt, urspruenglich das zweitgroesste Lager der

niederrheinischen Armee, dann seit dem Jahre 50 roemische Kolonie und von

bedeutendster Wirksamkeit fuer die Hebung der roemischen Zivilisation im

Rheinland. Hier wich die Lagerstadt der roemischen Pflanzstadt; spaeterhin

erhielten, ohne Verlegung der Truppen, Stadtrecht die zu den beiden grossen

unterrheinischen Lagern gehoerenden Ansiedlungen Ulpia Noviomagus im Bataverland

und Ulpia Traiana bei Vetera durch Traianus, im dritten Jahrhundert die

Militaerhauptstadt Obergermaniens Mogontiacum. Freilich haben diese Zivilstaedte

neben den davon unabhaengigen militaerischen Verwaltungszentren immer eine

untergeordnete Stellung behalten.

Blicken wir ueber die Grenze hinueber, wo diese Erzaehlung abschliesst, so

begegnet uns allerdings anstatt der Romanisierung der Germanen gewissermassen

eine Germanisierung der Romanen. Die letzte Phase des roemischen Staats ist

bezeichnet durch dessen Barbarisierung und speziell dessen Germanisierung; und

die Anfaenge reichen weiter zurueck. Sie beginnt mit der Bauernschaft in dem

Kolonat, geht weiter zu der Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfasst

dann die Offiziere und Beamte und endigt mit den roemisch-germanischen

Mischstaaten der Westgoten in Spanien und Gallien, der Vandalen in Afrika, vor

allem dem Italien Theoderichs. Fuer das Verstaendnis dieser letzten Phase bedarf

es allerdings der Einsicht in die staatliche Entwicklung der einen wie der

anderen Nation. Freilich steht in dieser Beziehung die germanische Forschung

sehr im Nachteil. Die staatlichen Einrichtungen, in welche diese Germanen

dienend oder mitherrschend eintraten, sind wohlbekannt, weit besser als die

pragmatische Geschichte der gleichen Epoche; aber ueber den germanischen

Anfaengen liegt ein Dunkel, mit dem verglichen die Anfaenge von Rom und von

Hellas lichte Klarheit sind. Waehrend die nationale Gottesverehrung der antiken

Welt relativ erkennbar ist, ist die Kunde des deutschen Heidentums, vom fernen

Norden abgesehen, vor der historischen Zeit untergegangen. Die Anfaenge der

staatlichen Entwicklung der Germanen schildert uns teils die schillernde und in

der Gedankenschablone des sinkenden Altertums befangene, die eigentlich

entscheidenden Momente nur zu oft auslassende Darstellung des Tacitus, teils

muessen wir sie den auf ehemals roemischem Boden entstandenen, ueberall mit

roemischen Elementen durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen. Wie die germanischen

Worte hier ueberall fehlen und wir fast ausschliesslich auf lateinische,

notwendig inadaequate Bezeichnungen angewiesen sind, so versagen auch

durchgaengig die scharfen Grundanschauungen, derer unsere Kunde des klassischen

Altertums nicht entbehrt. Es gehoert zur Signatur unserer Nation, dass es ihr

versagt geblieben ist, sich aus sich selbst zu entwickeln; und dazu gehoert es

mit, dass deutsche Wissenschaft vielleicht weniger vergeblich bemueht gewesen

ist, die Anfaenge und die Eigenart anderer Nationen zu erkennen als die der

eigenen.

5. Kapitel

Britannien

Siebenundneunzig Jahre waren vergangen, seitdem roemische Truppen das

grosse Inselland im nordwestlichen Ozean betreten und unterworfen und wiederum

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 16 / 73 段