oft hungernd und ueber alle Massen elend gefuehrt, ist ihnen allerdings
innerlich wie aeusserlich Uebermenschliches zugemutet worden. Sie haben die
schwere Probe uebel bestanden. Es ist dieser Krieg weniger einer gewesen
zwischen zwei Armeekorps, wie die anderen Buergerkriege dieser entsetzlichen
Zeit, als ein Krieg der Soldaten und vor allem der Offiziere zweiter Klasse
gegen die der ersten, verbunden mit einer gefaehrlichen Insurrektion und
Invasion der Germanen und einer beilaeufigen und unbedeutenden Auflehnung
einiger keltischer Distrikte. In der roemischen Militaergeschichte sind Cannae
und Karrhae und der Teutoburger Wald Ruhmesblaetter, verglichen mit der
Doppelschmach von Novaesium; nur wenige einzelne Maenner, keine einzige Truppe
hat in der allgemeinen Verunehrung sich reinen Schild bewahrt. Die grauenhafte
Zerruettung des Staats- und vor allem des Heerwesens, welche bei dem Untergang
der Julisch-Claudischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint deutlicher noch
als in der fuehrerlosen Schlacht von Betriacum in diesen Vorgaengen am Rhein,
derengleichen die Geschichte Roms nie vorher und nie nachher aufweist.
Bei dem Umfang und der Allgemeinheit dieser Frevel war ein entsprechendes
Strafgericht unmoeglich. Es verdient Anerkennung, dass der neue Herrscher, der
gluecklicherweise persoenlich all diesen Vorgaengen fern geblieben war, in echt
staatsmaennischer Weise das Vergangene vergangen sein liess und nur bemueht war,
der Wiederholung aehnlicher Auftritte vorzubeugen. Dass die hervorragenden
Schuldigen, sowohl aus den Reihen der Truppen wie aus den Insurgenten, fuer ihre
Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden, versteht sich von selbst; man mag
das Strafgericht daran messen, dass, als fuenf Jahre spaeter einer der
gallischen Insurgentenfuehrer in einem Versteck aufgefunden wurde, in dem seine
Gattin ihn bis dahin verborgen gehalten hatte, Vespasian ihn wie sie dem Henker
uebergab. Aber man gestattete den abtruennigen Legionen, mit gegen die Deutschen
zu kaempfen und in den heissen Schlachten bei Trier und bei Vetera ihre Schuld
einigermassen zu suehnen. Allerdings wurden nichtsdestoweniger die vier Legionen
des unterrheinischen Heeres alle, und von den beiden beteiligten oberrheinischen
die eine kassiert - gern moechte man glauben, dass die 22. verschont ward in
ehrender Erinnerung an ihren tapferen Legaten. Auch von den batavischen Kohorten
ist wahrscheinlich eine betraechtliche Anzahl von dem gleichen Schicksal
betroffen worden, nicht minder, wie es scheint, das Reiterregiment der Treverer
und vielleicht noch manche andere besonders hervorgetretene Truppe. Noch viel
weniger als gegen die abtruennigen Soldaten konnte gegen die insurgierten
keltischen und germanischen Gaue mit der vollen Schaerfe des Gesetzes
eingeschritten werden; dass die roemischen Legionen die Schleifung der
treverischen Augustuskolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondern der
Rache wegen, ist wenigstens ebenso begreiflich wie die von den Germanen begehrte
Zerstoerung der Ubierstadt; aber wie Civilis diese, so schuetzte jene Vespasian.
Selbst den linksrheinischen Germanen wurde ihre bisherige Stellung im ganzen
gelassen. Wahrscheinlich aber trat - wir sind hier ohne sichere Ueberlieferung -
in der Aushebung und der Verwendung der Auxilien eine wesentliche Aenderung ein,
welche die in dem Auxilienwesen liegende Gefahr minderte. Den Batavern blieb die
Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes Dienstverhaeltnis; hatte doch ein
nicht ganz geringer Teil derselben die Sache der Roemer mit den Waffen
verfochten. Aber die batavischen Truppen wurden betraechtlich verringert, und
wenn ihnen bisher, wie es scheint von Rechts wegen, die Offiziere aus dem
eigenen Adel gesetzt worden waren, und auch gegenueber den sonstigen
germanischen und keltischen das gleiche wenigstens haeufig geschehen war, so
werden die Offiziere der Alen und Kohorten spaeterhin ueberwiegend aus dem
Stande genommen, dem Vespasian selber entstammte, aus dem guten staedtischen
Mittelstand Italiens und der italisch geordneten Provinzialstaedte. Offiziere
von der Stellung des Cheruskers Arminius, des Batavers Civilis, des Treverers
Classicus begegnen seitdem nicht wieder. Die bisherige Geschlossenheit der aus
dem gleichen Gau ausgehobenen Truppen findet sich spaeter ebensowenig, sondern
die Leute dienen ohne Unterschied ihrer Herkunft in den verschiedensten
Abteilungen; es ist das wahrscheinlich eine Lehre, welche die roemische
Militaerverwaltung sich aus diesem Kriege gezogen hat. Eine andere durch diesen
Krieg gewiesene Aenderung wird es sein, dass, wenn bis dahin die in Germanien
verwendeten Auxilien der Mehrzahl nach aus den germanischen und den benachbarten
Gauen genommen waren, seitdem eben, wie die dalmatischen und pannonischen
infolge des Batonischen Krieges, fortan auch die germanischen Auxiliartruppen
ueberwiegend ausserhalb ihrer Heimat Verwendung fanden. Vespasian war ein
einsichtiger und erfahrener Militaer; es ist wahrscheinlich zum guten Teil sein
Verdienst, wenn von Auflehnung der Auxilien gegen ihre Legionen kein spaeteres
Beispiel begegnet.
Dass die eben berichtete Insurrektion der linksrheinischen Germanen, obwohl
sie, infolge der zufaelligen Vollstaendigkeit der darueber erhaltenen Berichte,
allein uns einen deutlichen Einblick in die politischen und militaerischen
Verhaeltnisse am Unterrhein und Galliens ueberhaupt gewaehrt und darum auch eine
ausfuehrliche Erzaehlung verdiente, dennoch mehr durch aeussere und zufaellige
Ursachen als durch die innere Notwendigkeit der Dinge hervorgerufen wurden,
beweist die nun folgende, anscheinend vollstaendige Ruhe daselbst und der,
soviel wir sehen, ununterbrochene Status quo eben in dieser Gegend. Die
roemischen Germanen sind in dem Reiche nicht minder vollstaendig aufgegangen als
die roemischen Gallier; von Insurrektionsversuchen jener ist nie wieder die
Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhunderts wird von den ueber den Unterrhein in
Gallien einbrechenden Franken auch das batavische Gebiet mit erfasst; doch haben
sich die Bataver in ihren alten, wenn auch geschmaelerten Sitzen und ebenso die
Friesen selbst waehrend der Wirren der Voelkerwanderung behauptet und, soviel
wir wissen, auch dem baufaelligen Reichsganzen die Treue bewahrt.
Wenden wir uns von den roemischen zu den freien Germanen oestlich vom
Rhein, so ist fuer diese mit ihrer Beteiligung an jener batavischen Insurrektion
das offensive Vorgehen nicht minder vorbei, wie mit den Expeditionen des
Germanicus die Versuche der Roemer zu Ende sind, eine Grenzveraenderung im
grossen Stil in diesen Gebieten herbeizufuehren.
Unter den freien Germanen sind die dem roemischen Gebiet naechstwohnenden
die Bructerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in dem Quellgebiet der Ems
und der Lippe, weshalb sie auch vor allen uebrigen Germanen sich an der
batavischen Insurrektion beteiligten. Aus ihrem Gau war das Maedchen Veleda, die
ihre Landsleute in den Krieg gegen Rom entsandte und ihnen den Sieg verhiess,
deren Ausspruch ueber das Schicksal der Ubierstadt entschied, zu deren hohem
Turm die gefangenen Senatoren und das erbeutete Admiralschiff der Rheinflotte
gesendet wurden. Die Niederwerfung der Bataver traf auch sie, vielleicht noch
ein besonderer Gegenschlag der Roemer, da jene Jungfrau spaeterhin gefangen nach
Rom gefuehrt ward. Diese Katastrophe sowie Fehden mit den benachbarten Voelkern
brachen ihre Macht; unter Nerva ist ihnen ein Koenig, den sie nicht wollten, von
ihren Nachbarn unter passiver Assistenz des roemischen Legaten mit den Waffen
aufgezwungen worden.
Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus' und Tiberius' Zeit der
fuehrende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode selten genannt,
immer aber als in guten Beziehungen zu den Roemern stehend. Als der
Buergerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius' Fall weiter gewuetet haben muss,
ihr ganzes Fuerstengeschlecht hingerafft, erbaten sie sich den letzten des
Hauses, den in Italien lebenden Brudersohn Armins, Italicus, von der roemischen
Regierung zum Herrscher; freilich entzuendete die Heimkehr des tapferen, aber
mehr seinem Namen als seiner Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde abermals
und, von den Seinen vertrieben, setzten ihn noch einmal die Langobarden auf den
wankenden Herrschersitz. Einer seiner Nachfolger, der Koenig Chariomerus,
ergriff in dem Chattenkrieg Domitians so ernstlich fuer die Roemer Partei, dass
er nach dessen Beendigung, von den Chatten vertrieben, zu den Roemern fluechtete
und deren Intervention, freilich vergebens, anrief. Durch diese ewigen inneren
und aeusseren Fehden ward das Cheruskervolk so geschwaecht, dass es seitdem aus
der aktiven Politik verschwindet. Der Name der Marser wird seit den Zuegen des
Germanicus ueberhaupt nicht mehr gefunden. Dass die weiter oestlich an der Elbe
wohnenden Voelkerschaften, wie alle entfernteren Germanen, an den Kaempfen der
Bataver und ihrer Genossen in den Jahren 69 und 70 sich so wenig beteiligt haben
wie diese an den germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei der
Ausfuehrlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie spaeterhin
einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung gegen die Roemer.
Dass die Langobarden den roemischen Cheruskerkoenig wieder einsetzten, wurde
schon erwaehnt. Der Koenig der Semnonen, Masuus, und merkwuerdigerweise mit ihm
die Prophetin Ganna, welche bei diesem, wegen besonderer Glaeubigkeit beruehmten
Stamme in hohem Ansehen stand, besuchten den Kaiser Domitianus in Rom und wurden
an dessen Hofe freundlich aufgenommen. Es mag in den Gegenden von der Weser bis
zur Elbe in diesen Jahrhunderten manche Fehde getobt, manche Machtstellung sich
verschoben, mancher Gau den Namen gewechselt oder sich anderer Verbindung
eingefuegt haben; den Roemern gegenueber trat, nachdem der feste Verzicht
derselben auf Unterwerfung dieser Landschaft allgemein empfunden ward, ein
dauernder Grenzfriede ein. Auch Invasionen aus dem fernen Osten koennen
denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestoert haben; denn der Rueckschlag
davon auf die roemische Grenzwacht haette nicht ausbleiben koennen und von
ernsteren Krisen auf diesem Gebiet wuerde die Kunde nicht fehlen. Zu allem
diesem gibt das Siegel die Reduktion der niederrheinischen Armee auf die Haelfte
des frueheren Bestandes, welche, wir wissen nicht genau wann, aber in dieser
Epoche eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu
kaempfen hatte, zaehlte vier Legionen, das der traianischen Zeit vermutlich die
gleiche Zahl, mindestens drei ^10; wahrscheinlich schon unter Hadrian, gewiss
unter Marcus, standen daselbst nicht mehr als zwei, die 1. minervische und die
30. Traians.
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^10 Unter dem Legaten Q. Acutius Nerva, welcher wahrscheinlich der Konsul
des Jahres 100 ist, also nach diesem Jahre Untergermanien verwaltete, standen
nach Inschriften von Brohl (Brambach 660, 662, 679, 680) in dieser Provinz vier
Legionen, die 1. Minervia, 6. victrix, 10. gemina, 22. primigenia. Da jede
dieser Inschriften nur zwei oder drei nennt, so kann die Besatzung damals nur
aus drei Legionen bestanden haben, wenn waehrend Acutius' Statthalterschaft die
1. Minervia fuer die anderswohin abgegebene 22. primigenia eintrat. Aber bei
weitem wahrscheinlicher ist es, da bei den Detachierungen in die Steinbrueche
bei Brohl nicht immer alle Legionen beteiligt waren, dass jene vier Legionen
gleichzeitig in Untergermanien garnisonierten. Diese vier Legionen sind
wahrscheinlich eben die, welche bei der Reorganisation der germanischen Heere
durch Vespasian nach Untergermanien kamen, nur dass die 1. Minervia von Domitian
an die Stelle der wahrscheinlich von ihm aufgeloesten 21. gesetzt ist.
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In anderer Weise entwickelten sich die germanischen Verhaeltnisse in der
oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser angehoerten, den
Tribokern, Nemetern, Vangionen, ist geschichtlich nichts hervorzuheben als dass
sie, seit langem unter den Kelten ansaessig, die Schicksale Galliens teilten.
Die hauptsaechliche Verteidigungslinie der Roemer ist auch hier der Rhein immer
geblieben. Alle Standlager der Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken
Rheinufer; nicht einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt worden,
als das ganze Neckargebiet roemisch war. Aber wenn in der unteren Provinz die
roemische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im Laufe der Zeit beschraenkt
wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert. Die von Augustus beabsichtigte
Verknuepfung der Rheinlager mit denen an der Donau durch Vorschiebung der
Reichsgrenze in oestlicher Richtung, welche, wenn sie zur Ausfuehrung gekommen
waere, mehr Ober- als Untergermanien erweitert haben wuerde, ist in diesem
Kommando wohl niemals voellig aufgegeben und spaeterhin, wenn auch in
bescheidenerem Massstabe, wieder aufgenommen worden. Die Ueberlieferung
gestattet uns nicht, die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fortgefuehrten
Operationen, die dazu gehoerigen Strassen- und Wallbauten, die deshalb
gefuehrten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und auch der noch vorhandene
grosse Militaerbau, dessen gleichfalls Jahrhunderte umfassende Entstehung einen
guten Teil jener Geschichte in sich schliessen muss, ist bisher nicht so, wie es
wohl geschehen koennte, von militaerisch geschaerften Augen in seiner Gesamtheit
untersucht worden - die Hoffnung, dass das geeinigte Deutschland sich auch zu
der Erforschung dieses seines aeltesten geschichtlichen Gesamtdenkmals
vereinigen werde, ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den Truemmern der
roemischen Annalen oder der roemischen Kastelle darueber ans Licht gekommen ist,
soll hier versucht werden zusammenzufassen.
Auf dem rechten Ufer legt sich, nicht weit von dem noerdlichen Ende der
Provinz, dem ebenen oder huegeligen niederrheinischen Land in westoestlicher
Richtung die Taunuskette vor, die gegenueber Bingen auf den Rhein stoesst.
Diesem Bergzug parallel, auf der anderen Seite abgeschlossen durch die
Auslaeufer des Odenwaldes, erstreckt sich die Ebene des unteren Maintales, der
rechte Zugang zum inneren Deutschland, beherrscht von der Schluesselstellung an
der Muendung des Mains in den Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit Drusus' Zeit
bis zum Ausgang Roms der Ausfallsburg der Roemer aus Gallien gegen Germanien ^11
wie heutzutage dem rechten Riegel Deutschlands gegen Frankreich. Hier behielten
die Roemer, auch nachdem sie auf die Herrschaft im ueberrheinischen Land im
allgemeinen verzichtet hatten, nicht bloss den Brueckenkopf am anderen Ufer, das
castellum Mogontiacense (Kastel), sondern jene Mainebene selbst in ihrem Besitz;
und in diesem Gebiet durfte auch die roemische Zivilisation sich festsetzen. Es
war dies urspruenglich chattisches Land und ein chattischer Stamm, die
Mattiaker, sind auch unter roemischer Herrschaft hier ansaessig geblieben; aber
nachdem die Chatten diesen Distrikt an Drusus hatten abtreten muessen, ist
derselbe ein Teil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der naechsten
Naehe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich in Vespasians
Zeit, und sicher schon lange vorher, von den Roemern benutzt; unter Claudius
wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker haben schon frueh wie andere
Untertanendistrikte Truppen zur Armee gestellt. An der allgemeinen Auflehnung
der Germanen unter Civilis nahmen sie Anteil; aber nach der Besiegung stellten
die frueheren Verhaeltnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten
Jahrhunderts finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter roemisch
geordneten Behoerden ^12.
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^11 Nach Zangemeisters (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3,
1884, S. 307ff.) schoenen Entzifferungen steht es fest, dass eine
Militaerstrasse am linken Rheinufer von Mainz bis an die Grenze der
obergermanischen Provinz schon unter Claudius angelegt ward.
^12 Der volle Name c(ivitas) M(attiacorum) Ta(unensium) erscheint auf der
Inschrift von Kastel (Brambach 1330); als civitas Mattiacorum oder civitas
Taunensium kommt sie oefter vor, mit Duovirn Aedilen, Decurionen, Sacerdotalen
Sevirn; eigentuemlich und fuer die Grenzstadt bezeichnend sind die
wahrscheinlich als Munizipalmiliz zu fassenden hastiferi civitatis Mattiacorum
(Brambach 1336). Das aelteste datierte Dokument dieser Gemeinde ist vom Jahre
198 (Brambach 956).
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Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedraengt, erscheinen in der folgenden
Zeit als der maechtigste Stamm unter denen des germanischen Binnenlandes, die
mit den Roemern in Beziehung kamen; die Fuehrung, die unter Augustur und
Tiberius die Cherusker an der mittleren Weser gehabt hatten, ging in der
stetigen Fehde mit diesen, ihren stammverwandten suedlichen Nachbarn auf die
letzteren ueber. Alle Kriege zwischen Roemern und Germanen, von denen wir aus
der Zeit nach Arminius' Tod bis auf die beginnende Voelkerverschiebung am Ende
des 3. Jahrhunderts Kunde haben, sind gegen die Chatten gefuehrt worden; so im
Jahre 41 unter Claudius durch den spaeteren Kaiser Galba, im Jahre 50 unter
demselben Kaiser durch den als Dichter gefeierten Publius Pomponius Secundus.
Dies waren die ueblichen Grenzeinfaelle, und an dem grossen Batavischen Kriege
waren die Chatten zwar auch, aber nur nebenbei beteiligt. Aber in dem Feldzug,
den der Kaiser Domitianus im Jahre 83 unternahm, waren die Roemer die
Angreifenden, und dieser Krieg fuehrte zwar nicht zu glaenzenden Siegen, aber
wohl zu einer bedeutenden und folgenreichen Vorschiebung der roemischen Grenze
^13. Damals wird die Grenzlinie so, wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet
und in dieselbe, welche in ihrem noerdlichsten Stueck sich nicht weit vom Rhein
entfernte, hier ein grosser Teil des Taunus und das Maingebiet bis oberhalb
Friedberg hineingezogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer schon
berichteten Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Vespasians in der Naehe
von Mainz auftreten und oestlich von den Mattiakern an der Kinzig oder im
Fuldischen neue Sitze gefunden haben moegen, sind damals zum Reiche gezogen
worden, und zugleich mit ihnen eine Anzahl kleinerer, von den Chatten
abgesprengter Voelkerschaften. Als dann im Jahre 88 unter dem Statthalter Lucius
Antonius Saturninus das obergermanische Heer gegen Domitian sich erhob, haette
fast der Krieg sich erneuert; die abgefallenen Truppen machten gemeinschaftliche
Sache mit den Chatten ^14 und nur die Unterbrechung der Kommunikationen, indem
das Eis auf dem Rhein aufging, machte den treu gebliebenen Regimentern moeglich,
mit den abgefallenen fertigzuwerden, bevor der gefaehrliche Zuzug eintraf. Es
wird berichtet, dass die roemische Herrschaft von Mainz landeinwaerts 80 Leugen
weit, also noch ueber Fulda hinaus, sich erstreckt hat ^15; und diese Nachricht
erscheint glaubwuerdig, wenn dabei in Betracht gezogen wird, dass die
militaerische Grenzlinie, die allerdings nicht weit ueber Friedberg
hinausgegangen zu sein scheint, sich wohl auch hier innerhalb der Gebietsgrenze
hielt.
^13 Die Berichte ueber diesen Krieg sind verloren gegangen; Zeit und Ort
lassen sich bestimmen. Da die Muenzen dem Domitian den Titel Germanicus seit dem
Anfang des Jahres 84 geben (Eckhel, Bd. 6, S. 378, 397), so faellt der Feldzug
in das Jahr 83. Dazu stimmt die in eben dieses Jahr fallende Aushebung der
Usiper und ihr verzweifelter Fluchtversuch (Tac. Agr. 28; vgl. Matt. 6, 60). Es
war ein Angriffskrieg (Suet. Dom. 6: expeditio sponte suscepta; Zon. 11, 19: le
plt/e/as tina t/o/n peran R/e/noy t/o/n espond/o/n}). Die Verlegung der
Postenlinie bezeugt Frontmus, der den Krieg mitgemacht hat (strat. 2, 11, 7):
cum in finibus Cubiorum (Name unbekannt und wohl verdorben) castella poneret und
(strat. 1, 3, 10): limitibus per CXX m. p. actis, was hier mit den
militaerischen Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher auch
von dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die laengst in
roemischer Gewalt stehenden agri decumates bezogen werden darf. Auch ist das
Mass von 177 Kilometern wohl denkbar fuer die Militaerlinie, die Domitian am
Taunus angelegt hat (nach v. Cohausens Ansetzungen - Der roemische Grenzwall in
Deutschland. Wiesbaden 1884, S. 8 - stellt sich der spaetere Limes vom Rhein um
den Taunus herum bis zum Main auf 237« Kilometer), aber viel zu klein, um auf
die Verbindungslinie von da bis Regensburg bezogen werden zu koennen.
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^14 Die Germanen (Suet. Dom. 6) koennen nur die Chatten und deren fruehere
Verbuendete sein, vielleicht zunaechst eben die Usiper und ihre
Schicksalsgenossen. Ausgebrochen ist der Aufstand in Mainz, das allein ein
Doppellager zweier Legionen war. Saturninus wurde von Raetien aus angegriffen
durch die Truppen des L. Appius Maximus Korbanus. Denn anders kann das Epigramm
Martials 9, 84 um so weniger gefasst werden, als sein Besiegen senatorischen
Standes wie er war, ein regulaeres Kommando in Raetien und Vindelicien nicht
verwalten und nur durch einen Kriegsfall in diese Landschaft gefuehrt werden
konnte, wie denn auch die sacrilegi furores deutlich auf den Aufstand weisen.
Die Ziegel desselben Appius, die in den Provinzen Obergermanien und Aquitanien
sich gefunden haben, berechtigen nicht, ihn zum Legaten der Lugdunensis zu
machen, wie Asbach (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3, 1884, S.
9) vorschlaegt, sondern muessen auf die Epoche nach der Ueberwindung des
Antonius bezogen werden (Heymes 19, 1884, S. 438). Wo die Schlacht geliefert
ward, bleibt zweifelhaft; am naechsten liegt die Gegend von Vindonissa, bis
wohin Saturninus dem Norbanus entgegen gegangen sein kann. Waere Norbanus erst
bei Mainz auf die Aufstaendischen gestossen, was an sich auch denkbar erscheint,
so hatten diese den Rheinuebergang in der Gewalt und konnte der Zuzug der
Germanen durch das Aufgehen des Rheines nicht verhindert werden.
^15 Die abgerissene Notiz findet sich hinter dem Veroneser
Provinzialverzeichnis (Notitia dignitatum, ed. Seeck, p. 253): nomina civitatum
trans Renum fluvium quae sunt: Usiphorum (schr. Usiporum) - Tuvanium (schr.
Tubantum) - Nictrensium - Novarii - Casuariorum: istae omnes civitates trans
Renum in formulam Belgicae primae redactae trans castellum .Montiacese: nam LXXX
leugas trans Renum Romani possederunt. Istae civitates sub Gallieno imperatore a
barbaris occupatae sunt. Dass die Usiper spaeter in dieser Gegend gewohnt haben,
bestaetigt Tacitus (hist. 4, 37; Germ. 32); dass sie im Jahre 83 zum Reich
gehoert haben, vielleicht aber erst kurz vorher unterworfen waren, geht aus der
Erzaehlung Agr. 28 hervor. Die Tubanten und Chasuarier stellt Ptolemaeos (geogr.
2, 11, 11) in die Naehe der Chatten; dass sie das Schicksal der Usiper teilten,
ist demnach wahrscheinlich. Eine sichere Identifikation der anderen beiden
verdorbenen Namen ist bisher nicht gefunden; vielleicht standen die Tencterer
hier oder einige der kleinen, nur bei Ptolemaeos (geogr. 2, 11, 6) mit diesen
genannten Staemme. Die Notiz nannte in ihrer urspruenglichen Form die Belgica
schlechthin, da die Provinz erst durch Diocletian geteilt worden ist, und diese
insofern mit Recht, als die beiden Germanien geographisch zu Belgica gehoerten.