handelte der batavische Fuehrer im Auftrag Vespasians, ja vielleicht auf geheime

Anweisung des im stillen Vespasian geneigten Statthalters seiner Provinz, und

richtete sich der Aufstand zunaechst lediglich gegen Vitellius. Freilich war die

Lage der Dinge von der Art, dass dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in

einen Germanenkrieg gefaehrlichster Art sich verwandeln konnte. Dieselben

roemischen Truppen, die den Rhein gegen die Germanen des rechten Ufers deckten,

standen infolge der Korpskriege den linksrheinischen Germanen feindlich

gegenueber; die Rollen waren solcher Art, dass es fast leichter schien, sie zu

wechseln als sie durchzufuehren. Civilis selbst mag es wohl auf den Erfolg haben

ankommen lassen, ob die Bewegung auf einen Kaiserwechsel oder auf die

Vertreibung der Roemer aus Gallien durch die Germanen hinauslaufen werde.

Das Kommando ueber die beiden Rheinarmeen fuehrte damals, nachdem der

Statthalter von Untergermanien Kaiser geworden war, sein bisheriger Kollege in

Obergermanien Hordeonius Flaccus, ein hochbejahrter podagrischer Mann, ohne

Energie und ohne Autoritaet, dazu entweder in der Tat im geheimen zu Vespasian

haltend oder doch bei den eifrig dem Kaiser ihrer Mache anhaengenden Legionen

solcher Treulosigkeit sehr verdaechtig. Es zeichnet ihn und seine Stellung, dass

er, um sich von dem Verdacht des Verrats zu reinigen, Befehl gab, die

einlaufenden Regierungsdepeschen uneroeffnet den Adlertraegern der Legionen

zuzustellen und diese sie zunaechst den Soldaten vorlasen, bevor sie dieselben

an ihre Adresse befoerderten. Von den vier Legionen des unteren Heeres, das

zunaechst mit den Aufstaendischen zu tun hatte, standen zwei, die 5. und die

15., unter dem Legaten Munius Lupercus im Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter

Numisius Rufus in Novaesium (Neuss), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna

(Bonn). Von dem oberen Heer, das damals nur drei Legionen zaehlte ^8, blieb die

eine, die 21., in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgaengen fern, wenn

sie nicht vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden anderen, die

4. makedonische und die 22., standen im Hauptquartier Mainz, wo auch Flaccus

sich befand und faktisch der tuechtige Legat des letzteren, Dillius Vocula, den

Oberbefehl fuehrte. Die Legionen hatten durchgaengig nur die Haelfte der vollen

Zahl, und die meisten Soldaten waren Halbinvalide oder Rekruten.

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^8 Die 4. obergermanische Legion war im Jahre 58 nach Kleinasien geschickt,

wegen des Armenisch-Parthischen Krieges (Tac. ann. 13, 35).

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Civilis, an der Spitze einer kleinen Zahl regulaerer Truppen, aber des

Gesamtaufgebots der Bataver, Cannenefaten und Friesen, ging aus der Heimat zum

Angriff vor. Zunaechst am Rhein stiess er auf Reste der aus den noerdlichen

Gauen vertriebenen roemischen Besatzungen und eine Abteilung der roemischen

Rheinflotte; als er angriff, lief nicht bloss die grossenteils aus Batavern

bestehende Schiffsmannschaft zu ihm ueber, sondern auch eine Kohorte der Tungrer

- es war der erste Abfall einer gallischen Abteilung; was von italischen

Mannschaften dabei war, wurde erschlagen oder gefangen. Dieser Erfolg brachte

endlich die rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. Was sie seit langem

vergeblich gehofft hatten, die Erhebung der roemischen Untertanen auf dem

anderen Ufer, ging nun in Erfuellung und sowohl die Chauker und die Friesen an

der Kueste wie vor allem die Bructerer zu beiden Seiten der oberen Ems bis hinab

zur Lippe, und am Mittelrhein, Koeln gegenueber, die Tencterer, in minderem

Masse die suedlich an diese sich anschliessenden Voelkerschaften, Usiper,

Mattiaker, Chatten, warfen sich in den Kampf. Als auf Befehl des Flaccus die

beiden schwachen Legionen von Vetera gegen die Insurgenten ausrueckten, konnten

ihnen diese schon mit zahlreichem ueberrheinischem Zuzug entgegentreten; und die

Schlacht endigte wie das Gefecht am Rhein mit einer Niederlage der Roemer durch

den Abfall der batavischen Reiterei, welche zu der Garnison von Vetera gehoerte,

und durch die schlechte Haltung der Reiter der Ubier wie der Treverer. Die

insurgierten wie die zustroemenden Germanen schritten dazu, das Hauptquartier

des unteren Heeres zu umstellen und zu belagern. Waehrend dieser Belagerung

erreichte die Kunde der Vorgaenge am Unterrhein die uebrigen batavischen

Kohorten in der Naehe von Mainz; sie machten sofort kehrt gegen Norden. Statt

sie zusammenhauen zu lassen, liess der schwachmuetige Oberfeldherr sie ziehen,

und als der Legionskommandant in Bonn sich ihnen entgegenwarf, unterstuetzte

Flaccus diesen nicht, wie er es gekonnt und sogar anfaenglich zugesagt hatte. So

sprengten die tapferen Germanen die Bonner Legion auseinander und gelangten

gluecklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines Heeres, in welchem

jetzt die roemischen Kohortenfahnen neben den Tierstandarten aus den heiligen

Hainen der Germanen standen. Noch immer aber hielt der Bataver, wenigstens

angeblich, an Vespasian; er schwur die roemischen Truppen auf dessen Namen ein

und forderte die Besatzung von Vetera auf, sich mit ihm fuer diesen zu

erklaeren. Indes diese Mannschaften sahen darin, vermutlich mit Recht, nur einen

Versuch der Ueberlistung und wiesen diesen ebenso entschlossen ab wie die

anstuermenden Scharen der Feinde, die bald durch die ueberlegene roemische

Taktik sich gezwungen sahen, die Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Aber

da die roemische Heerleitung durch diese Vorgaenge ueberrascht worden war, waren

die Vorraete knapp und baldiger Entsatz dringend geboten. Um diesen zu bringen,

brachen Flaccus und Vocula mit ihrer gesamten Mannschaft von Mainz auf, zogen

unterwegs die beiden Legionen aus Bonna und Novaesium sowie die auf den

erhaltenen Befehl zahlreich sich einstellenden Hilfstruppen der gallischen Gaue

an sich und naeherten sich Vetera. Aber statt sofort die gesamte Macht von innen

und aussen auf die Belagerer zu werfen, mochte deren Ueberzahl noch so gewaltig

sein, schlug Vocula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein, unweit Krefeld),

einen starken Tagemarsch entfernt von Vetera, waehrend Flaccus weiter

zurueckstand. Die Nichtigkeit des sogenannten Feldherrn und die immer steigende

Demoralisation der Truppen, vor allem das oft bis zu Misshandlungen und

Mordanschlaegen sich steigernde Misstrauen gegen die Offiziere kann allein dies

Einhalten wenigstens erklaeren. Also zog sich das Unheil immer dichter von allen

Seiten zusammen. Ganz Germanien schien sich an dem Krieg beteiligen zu wollen;

waehrend die belagernde Armee bestaendig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen

andere Schwaerme ueber den in diesem trocknen Sommer ungewoehnlich niedrigen

Rhein teils in den Ruecken der Roemer in die Gaue der Ubier und der Treverer,

das Moseltal zu brandschatzen, teils unterhalb Vetera in das Gebiet der Maas und

der Schelde; weitere Haufen erschienen vor Mainz und machten Miene, dies zu

belagern. Da kam die Nachricht von der Katastrophe in Italien. Auf die Kunde von

der zweiten Schlacht bei Betriacum im Herbst des Jahres 69 gaben die

germanischen Legionen die Sache des Vitellius verloren und schwuren, wenn auch

widerwillig, dem Vespasian; vielleicht in der Hoffnung, dass Civilis, der ja

auch den Namen Vespasians auf seine Fahnen geschrieben hatte, dann seinen

Frieden machen werde. Aber die germanischen Schwaerme, die inzwischen ueber ganz

Nordgallien sich ergossen hatten, waren nicht gekommen, um die Flavische

Dynastie einzusetzen; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetzt

haette er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und sprach es offen aus,

was freilich laengst feststand, dass die Germanen Nordgalliens sich mit Hilfe

der freien Landsleute der roemischen Herrschaft zu entwinden gedachten.

Aber das Kriegsglueck schlug um. Civilis versuchte das Lager von Gelduba zu

ueberrumpeln; der Ueberfall begann gluecklich und der Abfall der Kohorten der

Nervier brachte Voculas kleine Schar in eine kritische Lage. Da fielen

ploetzlich zwei spanische Kohorten den Germanen in den Ruecken; die drohende

Niederlage verwandelte sich in einen glaenzenden Sieg; der Kern der angreifenden

Armee blieb auf dem Schlachtfeld. Vocula rueckte zwar nicht sofort gegen Vetera

vor, was er wohl gekonnt haette, aber drang einige Tage spaeter, nach einem

abermaligen heftigen Gefecht mit den Feinden, in die belagerte Stadt. Freilich

Lebensmittel brachte er nicht; und da der Fluss in der Gewalt des Feindes war,

mussten diese auf dem Landweg von Novaesium herbeigeschafft werden, wo Flaccus

lagerte. Der erste Transport kam durch; aber die inzwischen wieder gesammelten

Feinde griffen die zweite Proviantkolonne unterwegs an und noetigten sie, sich

nach Gelduba zu werfen. Zu ihrer Unterstuetzung ging Vocula mit seinen Truppen

und einem Teil der alten Besatzung von Vetera dorthin ab. In Gelduba angelangt,

weigerten sich die Mannschaften, nach Vetera zurueckzukehren und die Leiden der

abermals in Aussicht stehenden Belagerung weiter auf sich zu nehmen; statt

dessen marschierten sie nach Novaesium, und Vocula, welcher den Rest der alten

Garnison von Vetera einigermassen verproviantiert wusste, musste wohl oder uebel

folgen. In Novaesium war inzwischen die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die

Soldaten hatten in Erfahrung gebracht, dass ein von Vitellius fuer sie

bestimmtes Donativ an den Feldherrn gelangt sei und erzwangen dessen Verteilung

auf den Namen Vespasians. Kaum hatten sie es, so brach in den wuesten Gelagen,

welche die Spende im Gefolge hatte, der alte Soldatengroll wieder hervor; sie

pluenderten das Haus des Feldherrn, der die Rheinarmee an den General der

syrischen Legionen verraten hatte, erschlugen ihn und haetten auch dem Vocula

das gleiche Schicksal bereitet, wenn dieser nicht in Vermummung entkommen waere.

Darauf riefen sie abermals den Vitellius zum Kaiser aus, nicht wissend, dass

dieser schon tot war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Teil der

Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen, einigermassen zur

Besinnung; sie vertauschten an ihren Standarten das Bildnis des Vitellius wieder

mit dem Vespasians und stellten sich unter Voculas Befehle; dieser fuehrte sie

nach Mainz, wo er den Rest des Winters 69/70 verblieb. Civilis besetzte Gelduba

und schnitt damit Vetera ab, das aufs neue eng blockiert ward; die Lager von

Novaesium und Bonna wurden noch gehalten.

Bisher hatte das gallische Land, abgesehen von den wenigen insurgierten

germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. Allerdings ging die

Parteiung durch die einzelnen Gaue; unter den Tungrern zum Beispiel hatten die

Bataver starken Anhang, und die schlechte Haltung der gallischen

Hilfsmannschaften waehrend des ganzen Feldzugs wird wohl zum Teil durch

dergleichen roemerfeindliche Stimmungen hervorgerufen sein. Aber auch unter den

Insurgierten gab es eine ansehnliche roemisch gesinnte Partei; ein vornehmer

Bataver, Claudius Labeo, fuehrte gegen seine Landsleute in seiner Heimat und der

Nachbarschaft einen Parteigaengerkrieg nicht ohne Erfolg und Civilis'

Schwestersohn Iulius Briganticus fiel in einem dieser Gefechte an der Spitze

einer roemischen Reiterschar. Dem Befehl, Zuzug zu senden, hatten alle

gallischen Gaue ohne weiteres Folge geleistet; die Ubier, obwohl germanischer

Herkunft, waren auch in diesem Kriege lediglich ihres Roemerrums eingedenk und

sie, wie die Treverer, hatten den in ihr Gebiet einbrechenden Germanen tapferen

und erfolgreichen Widerstand geleistet. Es war das begreiflich. Die Dinge lagen

in Gallien noch so wie in den Zeiten Caesars und Ariovists; eine Befreiung der

gallischen Heimat von der roemischen Herrschaft durch diejenigen Schwaerme,

welche, um dem Civilis landsmannschaftlichen Beistand zu leisten, eben damals

das Mosel-, Maas- und Scheldetal ausraubten, war ebensosehr eine Auslieferung

des Landes an die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer Fehde

zwischen zwei roemischen Truppenkorps zu einem roemisch-germanischen sich

entwickelt hatte, waren die Gallier eigentlich nichts als der Einsatz und die

Beute. Dass die Stimmung der Gallier, trotz aller wohlbegruendeten allgemeinen

und besonderen Beschwerden ueber das roemische Regiment, ueberwiegend

antigermanisch war und fuer jene aufflammende und ruecksichtslose nationale

Erhebung, wie sie vor Zeiten wohl durch das Volk gegangen war, in diesem

inzwischen halb romanisierten Gallien der Zuendstoff fehlte, hatten die

bisherigen Vorgaenge auf das deutlichste gezeigt. Aber unter den bestaendigen

Misserfolgen der roemischen Armee wuchs allmaehlich den roemerfeindlichen

Galliern der Mut, und ihr Abfall vollendete die Katastrophe. Zwei vornehme

Treverer, Iulius Classicus, der Befehlshaber der treverischen Reiterei, und

Iulius Tutor, der Kommandant der Uferbesatzungen am Mittelrhein, der Lingone

Iulius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens sich beruehmte, eines Bastards

Caesars, und einige andere gleichgesinnte Maenner aus verschiedenen Gauen

glaubten in der fahrigen keltischen Weise zu erkennen, dass der Untergang Roms

in den Sternen geschrieben und durch den Brand des Kapitols (Dezember 69) der

Welt verkuendigt sei. So beschlossen sie, die Roemerherrschaft zu beseitigen und

ein Gallisches Reich zu errichten. Dazu gingen sie den Weg des Arminius. Vocula

liess sich wirklich durch gefaelschte Rapporte dieser roemischen Offiziere

bestimmen, mit den unter ihrem Kommando stehenden Kontingenten und einem Teil

der Mainzer Besatzung im Fruehjahr 70 nach dem Unterrhein aufzubrechen, um mit

diesen Truppen und den Legionen von Bonna und Novaesium das hart bedraengte

Vetera zu entsetzen. Auf dem Marsch von Novaesium nach Vetera verliessen

Classicus und die mit ihm einverstandenen Offiziere das roemische Heer und

proklamierten das neue Gallische Reich. Vocula fuehrte die Legionen zurueck nach

Novaesium; unmittelbar davor schlug Classicus sein Lager auf. Vetera konnte sich

nicht mehr lange halten; die Roemer mussten erwarten, nach dessen Fall die

gesamte Macht des Feindes sich gegenueber zu finden. Dies vor Augen, versagten

die roemischen Truppen und kapitulierten mit den abgefallenen Offizieren.

Vergeblich versuchte Vocula noch einmal die Bande der Zucht und der Ehre

anzuziehen; die Legionen Roms liessen es geschehen, dass ein roemischer

Ueberlaeufer von der ersten Legion auf Befehl des Classicus den tapferen

Feldherrn niederstiess und lieferten selbst die uebrigen Oberoffiziere gefesselt

an den Vertreter des Reiches Gallien aus, der dann die Soldaten auf dieses Reich

in Eid und Pflicht nahm. Denselben Schwur leistete in die Haende der

eidbruechigen Offiziere die Besatzung von Vetera, die, durch Hunger bezwungen,

sofort sich ergab, und ebenso die Besatzung von Mainz, wo nur wenige einzelne

der Schande sich durch Flucht oder Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die

erste Armee des Reiches, hatte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien

kapituliert.

Es war ein Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das Gallische Reich

verlief, wie es musste. Civilis und seine Germanen liessen es zunaechst sich

wohl gefallen, dass der Zwist im roemischen Lager ihnen die eine wie die andere

Haelfte der Feinde in die Haende lieferte, aber er dachte nicht daran, jenes

Reich anzuerkennen, und noch weniger seine rechtsrheinischen Genossen.

Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wobei

allerdings der schon bei dem Aufstand des Vindex hervorgetretene Riss zwischen

den oestlichen Distrikten und dem uebrigen Lande mit ins Gewicht fiel. Die

Treverer und die Lingonen, deren leitende Maenner jene Lagerverschwoerung

angezettelt hatten, standen zu ihren Fuehrern, aber sie blieben so gut wie

allein, nur die Vangionen und Triboker schlossen sich an. Die Sequaner, in deren

Gebiet die benachbarten Lingonen einrueckten, um sie zum Beitritt zu bestimmen,

schlugen dieselben kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der

fuehrende Gau in der Belgica, riefen den Landtag der drei Gallien ein, und

obwohl es an politischen Freiheitsrednern auf demselben nicht mangelte, so

beschloss derselbe lediglich, die Treverer von der Auflehnung abzumahnen.

Wie die Verfassung des neuen Reiches ausgefallen sein wuerde, wenn es

zustande gekommen waere, ist schwer zu sagen; wir erfahren nur, dass jener

Sabinus, der Urenkel der Kebse Caesars, sich auch Caesar nannte und in dieser

Eigenschaft sich von den Sequanern schlagen liess, Classicus dagegen, dem solche

Aszendenz nicht zu Gebote stand, die Abzeichen der roemischen Magistratur

anlegte, also wohl den republikanischen Prokonsul spielte. Dazu passt eine

Muenze, die von Classicus oder seinen Anhaengern geschlagen sein muss, welche

den Kopf der Gallia zeigt, wie die Muenzen der roemischen Republik den der Roma,

und daneben das Legionssymbol mit der recht verwegenen Umschrift der "Treue"

(fides).

Zunaechst am Rhein freilich hatten die Reichsmaenner in Gemeinschaft mit

den insurgierten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Legionen, die in

Vetera kapituliert hatten, wurden gegen die Kapitulation und gegen Civilis'

Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und Bonna nach Trier geschickt,

die saemtlichen roemischen Rheinlager, grosse und kleine, mit Ausnahme von

Mogontiacum niedergebrannt. In der schlimmsten Lage fanden sich die

Agrippinenser. Die Reichsmaenner hatten sich allerdings darauf beschraenkt, von

ihnen den Treueid zu fordern; aber ihnen vergassen es die Germanen nicht, dass

sie eigentlich die Ubier waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten

Rheinufer - es war dies einer der Staemme, deren alte Heimat die Roemer

oedegelegt hatten und als Viehtrift benutzten, und die infolgedessen sich andere

Wohnsitze hatten suchen muessen - forderte die Schleifung dieses Hauptsitzes der

germanischen Apostaten und die Hinrichtung aller ihrer Buerger roemischer

Herkunft. Dies waere auch wohl beschlossen worden, wenn nicht sowohl Civilis,

der ihnen persoenlich verpflichtet war, wie auch die germanische Prophetin,

Veleda im Bructerergau, welche diesen Sieg vorhergesagt hatte und deren

Autoritaet das ganze Insurgentenheer anerkannte, ihr Fuerwort eingelegt haetten.

Lange Zeit blieb den Siegern nicht, ueber die Beute zu streiten. Die

Reichsmaenner versicherten allerdings, dass der Buergerkrieg in Italien

ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde ueberzogen und Vespasianus

wahrscheinlich tot sei; aber der schwere Arm Roms wurde bald genug empfunden.

Das neu befestigte Regiment konnte die besten Feldherren und zahlreiche Legionen

an den Rhein entsenden, und es bedurfte allerdings hier einer imposanten

Machtentwicklung. Annius Gallus uebernahm das Kommando in der oberen, Petillius

Cerialis in der unteren Provinz, der letztere, ein ungestuemer und oft

unvorsichtiger, aber tapferer und faehiger Offizier, die eigentliche Aktion.

Ausser der 21. Legion von Vindonissa kamen fuenf aus Italien, drei aus Spanien,

eine nebst der Flotte aus Britannien, dazu ein weiteres Korps von der raetischen

Besatzung. Dieses und die 21. Legion trafen zuerst ein. Die Reichsmaenner hatten

wohl davon geredet, die Alpenpaesse zu sperren; aber geschehen war nichts und

das ganze oberrheinische Land bis nach Mainz lag offen da. Die beiden Mainzer

Legionen hatten zwar dem gallischen Reich geschworen und leisteten anfaenglich

Widerstand; aber sowie sie erkannten, dass eine groessere roemische Armee ihnen

gegenueberstand, kehrten sie zum Gehorsam zurueck und ihrem Beispiel folgten

sofort die Vangionen und die Triboker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne

Schwertstreich, bloss gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000 waffenfaehigen

Maenner ^9. Fast haetten die Treverer selbst das gleiche getan; doch wurden sie

daran durch den Adel verhindert. Die beiden von der niederrheinischen Armee

uebriggebliebenen Legionen, die hier standen, hatten auf die erste Kunde von dem

Annahen der Roemer die gallischen Insignien von ihren Feldzeichen gerissen und

rueckten ab zu den treugebliebenen Mediomatrikern (Metz), wo sie sich der Gnade

des neuen Feldherrn unterwarfen. Als Cerialis bei dem Heer eintraf, fand er

schon ein gutes Stueck der Arbeit getan. Die Insurgentenfuehrer freilich boten

das Aeusserste auf - damals sind auf ihr Geheiss die bei Novaesium

ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden -, aber militaerisch waren sie

ohnmaechtig und ihr letzter politischer Schachzug, dem roemischen Feldherrn

selber die Herrschaft des Gallischen Reiches anzutragen, des Anfangs wuerdig.

Nach kurzem Gefecht besetzte Cerialis die Hauptstadt der Treverer, nachdem die

Fuehrer und der ganze Rat zu den Germanen gefluechtet waren; das war das Ende

des Gallischen Reiches.

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^9 Frontin strat. 4, 3, 14. In ihrem Gebiet muessen die einrueckenden

Truppen eine Reservestellung und ein Depot angelegt haben; nach kuerzlich bei

Mirabeau-sur-Beze, 22 Kilometer nordoestlich von Dijon, gefundenen Ziegeln haben

Mannschaften von wenigstens fuenf der einrueckenden Legionen hier Bauten

ausgefuehrt (Heymes 19, 1884, S. 437).

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Ernster war der Kampf mit den Germanen. Civilis ueberfiel mit seiner

gesamten Streitmacht, den Batavern, dem Zuzug der Germanen und den

landfluechtigen Scharen der gallischen Insurgenten die viel schwaechere

roemische Armee in Trier selbst; schon war das roemische Lager in seiner Gewalt

und die Moselbruecke von ihm besetzt, als seine Leute, statt den gewonnenen Sieg

zu verfolgen, vorzeitig zu pluendern begannen und Cerialis, seine

Unvorsichtigkeit durch glaenzende Tapferkeit wiedergutmachend, den Kampf

wiederherstellte und schliesslich die Germanen aus dem Lager und der Stadt

hinausschlug. Es gelang nichts mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser schlugen

sich sofort wieder zu den Roemern und brachten die bei ihnen weilenden Germanen

in den Haeusern um; eine ganze dort lagernde germanische Kohorte wurde

eingesperrt und in ihrem Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den

Germanen hielt, brachte die aus Britannien eintreffende Legion zum Gehorsam

zurueck; ein Sieg der Cannenefaten ueber die roemischen Schiffe, die die Legion

gelandet hatten, andere einzelne Erfolg der tapferen germanischen Haufen und vor

allem der zahlreicheren und besser gefuehrten germanischen Schiffe aenderten die

allgemeine Kriegslage nicht. Auf den Ruinen von Vetera bot Civilis dem Feind die

Stirn; aber dem inzwischen verdoppelten roemischen Heere musste er weichen, dann

endlich auch die eigene Heimat nach verzweifelter Gegenwehr dem Feind

ueberlassen. Wie immer stellte im Gefolge des Ungluecks die Zwietracht sich ein;

Civilis war seiner eigenen Leute nicht mehr sicher und suchte und fand Schutz

vor ihnen bei den Feinden. Im Spaetherbst des Jahres 70 war der ungleiche Kampf

entschieden; die Auxilien kapitulierten nun ihrerseits vor den Buergerlegionen

und die Priesterin Veleda kam als Gefangene nach Rom.

Blicken wir zurueck auf diesen Krieg, einen der seltsamsten und einen der

entsetzlichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine gleich schwere

Aufgabe gestellt worden wie den beiden roemischen Rheinheeren in den Jahren 69

und 70: im Laufe weniger Monate Soldaten Neros, dann des Senats, dann Galbas,

dann des Vitellius, dann Vespasians; die einzige Stuetze der Herrschaft Italiens

ueber die zwei maechtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die

Soldaten der Auxilien fast ganz, die der Legionen grossenteils aus eben diesen

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 13 / 73 段