Chaukerland aufgegeben worden zu sein; wenigstens gibt es fuer die Fortdauer der
roemischen Herrschaft daselbst keine spaeteren Belege, und einige Dezennien
nachher finden wir sie unabhaengig. Aber alles Land westwaerts der unteren Ems
blieb bei dem Reiche, dessen Grenze also die heutigen Niederlande einschloss.
Die Verteidigung dieses Teils der Reichsgrenze gegen die nicht zum Reich
gehoerigen Germanen blieb in der Hauptsache den botmaessigen Seegauen selber
ueberlassen.
Weiter stromaufwaerts wurde anders verfahren; hier ward eine Grenzstrasse
abgesteckt und das Zwischenland entvoelkert. An die in groesserer oder
geringerer Entfernung vom Rhein gezogene Grenzstrasse, den Limes ^4, knuepfte
sich die Kontrolle des Grenzverkehrs, indem die Ueberschreitung dieser Strasse
zur Nachtzeit ueberhaupt, am Tage den Bewaffneten untersagt und den uebrigen in
der Regel nur unter besonderen Sicherheitsmassregeln und unter Erlegung der
vorgeschriebenen Grenzzoelle gestattet war. Eine solche Strasse hat gegenueber
dem unterrheinischen Hauptquartier im heutigen Muensterland Tiberius nach der
Varusschlacht gezogen, in einiger Entfernung vom Rhein, dazwischen ihr und dem
Fluss der seiner Lage nach nicht naeher bekannte "Caesische Wald" sich
erstreckte. Aehnliche Anstalten muessen gleichzeitig in den Taelern der Ruhr und
der Sieg bis zu dem der Wied hin, wo die unterrheinische Provinz endigte,
getroffen worden sein. Militaerisch besetzt und zur Verteidigung eingerichtet
brauchte diese Strasse nicht notwendig zu sein, obwohl natuerlich die
Grenzverteidigung und die Grenzbefestigung immer darauf hinausgingen, die
Grenzstrasse moeglichst sicher zu stellen. Ein hauptsaechliches Mittel fuer den
Grenzschutz war die Entvoelkerung des Landstrichs zwischen dem Fluss und der
Strasse. "Vom rechten Rheinufer", sagt ein kundiger Schriftsteller der
tiberischen Zeit, "haben teils die Roemer die Voelkerschaften auf das linke
uebergefuehrt, teils diese selbst sich in das Innere zurueckgezogen." Dies traf
im heutigen Muensterland die daselbst frueher ansaessigen germanischen Staemme
der Usiper, Tencterer, Tubanten. In den Zuegen des Germanicus erscheinen
dieselben vom Rhein abgedraengt, aber noch in der Gegend der Lippe, spaeter,
wahrscheinlich eben infolge jener Expeditionen, weiter suedwaerts, Mainz
gegenueber. Ihr altes Heim lag seitdem oede und bildete das ausgedehnte, fuer
die Herden der niedergermanischen Armee reservierte Triftland, auf welchem im
Jahre 58 erst die Friesen und dann die heimatlos irrenden Amsivarier sich
niederzulassen gedachten, ohne dazu die Erlaubnis der roemischen Behoerden
auswirken zu koennen. Weiter suedwaerts blieb von den Sugambrern, die ebenfalls
zum grossen Teil derselben Behandlung unterlagen, wenigstens ein Teil am rechten
Ufer ansaessig ^5, waehrend andere kleinere Voelkerschaften ganz verdraengt
wurden. Die spaerliche innerhalb des Limes geduldete Bevoelkerung war
selbstverstaendlich reichsuntertaenig, wie dies die bei den Sugambrern
stattfindende roemische Aushebung bestaetigt.
-------------------------------------------------------
^4 Limes (von limus quer) ist ein unseren Rechtsverhaeltnissen fremder und
daher auch in unserer Sprache nicht wiederzugebender technischer Ausdruck, davon
hergenommen, dass die roemische Ackerteilung, die alle Naturgrenzen
ausschliesst, die Quadrate, in welche der im Privateigentum stehende Boden
geteilt wird, durch Zwischenwege von einer bestimmten Breite trennt; diese
Zwischenwege sind die limites, und insofern bezeichnet das Wort immer zugleich
sowohl die von Menschenhand gezogene Grenze wie die von Menschenhand gebaute
Strasse. Diese Doppelbedeutung behaelt das Wort auch in der Anwendung auf den
Staat (unrichtig Rudorff); limes ist nicht jede Reichsgrenze, sondern nur die
von Menschenhand abgesteckte und zugleich zum Begehen und Postenstellen fuer die
Grenzverteidigung eingerichtete (vita Hadriani 12: locis in quibus barbari non
fluminibus, sed limitibus dividuntur), wie wir sie in Germanien und in Afrika
finden. Darum werden auch auf die Anlage dieses Limes die fuer den Strassenbau
dienenden Bezeichnungen angewandt aperire (Vell. 2, 121, was nicht, wie
Muellenhoff in der Zeitschrift fuer deutsches Altertum, N. F. 2, S. 32 will, so
zu verstehen ist wie unser oeffnen des Schlagbaums), munire, agere (Frontin.
straf. 1, 3, 10: limitibus per CXX m. p. actis). Darum ist der Limes nicht bloss
eine Laengenlinie, sondern auch von einer gewissen Breite (Tac. ann. 1, 50:
castra in limite locat). Daher verbindet sich die Anlage des limes oft mit
derjenigen des agger, das heisst des Strassendammes (Tac. ann. 2, 7: cuncta
novis limitibus aggeribusque permunita) und die Verschiebung desselben mit der
Verlegung der Grenzposten (Tac. Germ. 29: limite acto promotisque praesidiis).
Der Limes ist also die Reichsgrenzstrasse, bestimmt zur Regulierung des
Grenzverkehrs dadurch, dass ihre Ueberschreitung nur an gewissen, den Bruecken
der Flussgrenze entsprechenden Punkten gestattet, sonst untersagt wird.
Zunaechst ist dies ohne Zweifel herbeigefuehrt worden durch Abpatrouillierung
der Linie, und solange dies geschah blieb der Limes ein Grenzweg. Er blieb dies
auch, wenn er an beiden Seiten befestigt ward, wie dies in Britannien und an der
Donaumuendung geschah; auch der britannische Wall heisst limes. Es konnten aber
auch an den gestatteten Ueberschreitungspunkten Posten aufgestellt und die
Zwischenstrecken der Grenzwege in irgendeiner Weise unwegsam gemacht werden, In
diesem Sinne sagt der Biograph in der oben angefuehrten Steile von Hadrian, dass
an den limites er stipitibus magnis in modum muralis saepis funditus iactis
atque conexis barbaros separavit. Damit verwandelt sich die Grenzstrasse in eine
mit gewissen Durchgaengen versehene Grenzbarrikade, und das ist der Limes
Obergermaniens in der entwickelten, weiterhin darzulegenden Gestalt. Uebrigens
wird das Wort in diesem Werte in republikanischer Zeit nicht gebraucht und ist
ohne Zweifel dieser Begriff des limes erst entstanden mit der Einrichtung der
den Staat, wo Naturgrenzen fehlen, umschliessenden Postenkette, welcher
Reichsgrenzschutz der Republik fremd, aber das Fundament des Augusteischen
Militaer- und vor allem des Augusteischen Zollsystems ist.
^5 Die auf das linke Ufer uebergesiedelten Sugambrer werden unter diesem
Namen nachher nicht erwaehnt und sind wahrscheinlich die unterhalb Koeln am
Rhein wohnenden Cugerner. Aber dass die Sugambrer auf dem rechten Ufer, welche
Strabo erwaehnt, wenigstens noch zu Claudius' Zeit bestanden, zeigt die nach
diesem Kaiser benannte, also sicher unter ihm und zwar aus Sugambrern errichtete
Kohorte (CIL III p. 877); und sie, sowie die vier anderen, wahrscheinlich
augustischen Kohorten dieses Namens bestaetigen, was eigentlich auch Strabon
sagt, dass diese Sugambrer zum Roemischen Reich gehoerten. Sie sind wohl, wie
die Mattiaker, erst in den Stuermen der Voelkerwanderung verschwunden.
-------------------------------------------------------
In dieser Weise wurden nach dem Aufgeben der weiter greifenden Entwuerfe
die Verhaeltnisse am Unterrhein geordnet, immer also noch ein nicht
unbetraechtliches Gebiet am rechten Ufer von den Roemern gehalten. Aber es
knuepften sich daran mancherlei unbequeme Verwicklungen. Gegen das Ende der
Regierung des Tiberius (28) fielen die Friesen infolge der unertraeglichen
Bedrueckung bei der Erhebung der an sich geringen Abgabe vom Reiche ab,
erschlugen die bei der Erhebung beschaeftigten Leute und belagerten den hier
fungierenden roemischen Kommandanten mit dem Reste der im Gebiet verweilenden
roemischen Soldaten und Zivilpersonen in dem Kastell Flevum, da, wo vor der im
Mittelalter erfolgten Ausdehnung der Zuidersee die oestlichste Rheinmuendung
war, bei der heutigen Insel Vlieland neben dem Texel. Der Aufstand nahm solche
Verhaeltnisse an, dass beide Rheinheere gemeinschaftlich gegen die Friesen
marschierten; aber der Statthalter Lucius Apronius richtete dennoch nichts aus.
Die Belagerung des Kastells gaben die Friesen auf, als die roemische Flotte die
Legionen herantrug; aber ihnen selbst war in dem durchschnittenen Lande schwer
beizukommen; mehrere roemische Heerhaufen wurden vereinzelt aufgerieben und die
roemische Vorhut so gruendlich geschlagen, dass selbst die Leichen der
Gefallenen in der Gewalt des Feindes blieben. Zu einer entscheidenden Aktion kam
es nicht, aber auch nicht zu rechter Unterwerfung; groesseren Unternehmungen,
die dem kommandierenden Feldherrn eine Machtstellung gaben, war Tiberius, je
aelter er wurde, immer weniger geneigt. Damit steht in Zusammenhang, dass in den
naechsten Jahren die Nachbarn der Friesen, die Chauker, den Roemern sehr
unbequem wurden, im Jahre 41 der Statthalter Publius Gabinius Secundus gegen sie
eine Expedition unternehmen musste und sechs Jahre spaeter (47) sie sogar unter
Fuehrung des roemischen Ueberlaeufers Gannascus, eines geborenen Cannenefaten,
mit ihren leichten Piratenschiffen die gallische Kueste weithin brandschatzten.
Gnaeus Domitius Corbulo, von Claudius zum Statthalter Niedergermaniens ernannt,
legte mit der Rheinflotte diesen Vorgaengern der Sachsen und Normannen das
Handwerk und brachte dann die Friesen energisch zum Gehorsam zurueck, indem er
ihr Gemeinwesen neu ordnete und roemische Besatzung dorthin legte. Er hatte die
Absicht, weiter die Chauker zu zuechtigen; auf sein Anstiften wurde Gannascus
aus dem Wege geraeumt - gegen den Ueberlaeufer hielt er sich auch dazu
berechtigt -, und er war im Begriff, die Ems ueberschreitend in das Chaukerland
einzuruecken, als er nicht bloss Gegenbefehl von Rom erhielt, sondern die
roemische Regierung ueberhaupt ihre Stellung am Unterrhein vollstaendig
aenderte. Kaiser Claudius wies den Statthalter an, alle roemischen Besatzungen
vom rechten Ufer wegzunehmen. Es ist begreiflich, dass der kaiserliche General
die freien Feldherren des ehemaligen Rom mit bitteren Worten gluecklich pries;
es wurde allerdings damit die nach der Varusschlacht nur halb gezogene
Konsequenz der Niederlage vervollstaendigt. Wahrscheinlich ist diese durch keine
unmittelbare Noetigung veranlasste Einschraenkung der roemischen Okkupation
Germaniens hervorgerufen worden durch den eben damals gefassten Entschluss,
Britannien zu besetzen, und findet darin ihre Rechtfertigung, dass die Truppen
beidem zugleich nicht genuegten. Dass der Befehl ausgefuehrt ward und es auch
spaeter dabei blieb, beweist das Fehlen der roemischen Militaerinschriften am
ganzen rechten Unterrhein ^6. Nur einzelne Uebergangspunkte und Ausfallstore,
wie insbesondere Deutz gegenueber Koeln, machen Ausnahmen von dieser allgemeinen
Regel. Auch die Militaerstrasse haelt sich hier auf dem linken Ufer und streng
an den Rheinlauf, waehrend der hinter derselben herlaufende Verkehrsweg, die
Kruemmungen abschneidend, die gerade Verbindung verfolgt. Auf dem rechten
Rheinufer sind hier nirgends, weder durch aufgefundene Meilensteine noch
anderweitig, roemische Militaerstrassen bezeugt.
---------------------------------------------
^6 Das Kastell von Niederbiber, unweit der Muendung der Wied in den Rhein,
sowie das von Arzbach bei Montabaur im Lahngebiet gehoeren schon zu
Obergermanien. Die besondere Bedeutung jener Festung, des groessten Kastells in
Obergermanien, beruht darauf, dass sie die roemischen Linien auf dem rechten
Rheinufer militaerisch abschloss.
---------------------------------------------
Einen eigentlichen Verzicht auf den Besitz des rechten Ufers in dieser
Provinz schliesst die Zurueckziehung der Besatzungen nicht ein. Dasselbe galt
den Roemern seitdem etwa wie dem Festungskommandanten das unter seinen Kanonen
liegende Terrain. Die Cannenefaten und wenigstens ein Teil der Friesen ^7 sind
nach wie vor reichsuntertaenig gewesen. Dass auch spaeter noch im Muensterland
die Herden der Legionen weideten und den Germanen nicht gestattet wurde, sich
dort niederzulassen, ist schon bemerkt worden. Aber die Regierung hat seitdem
fuer den Schutz des Grenzgebietes auf dem rechten Ufer, das es in dieser Provinz
auch ferner gab, im Norden sich auf die Cannenefaten und die Friesen verlassen,
weiter stromaufwaerts im wesentlichen der Oedgrenze vertraut und auch die
roemische Ansiedelung hier, wenn nicht geradezu untersagt, doch nicht aufkommen
lassen. Der in Altenberg (Kreis Muelheim) am Dhuenfluss gefundene Altarstein
eines Privaten ist fast das einzige Zeugnis roemischer Einwohnerschaft in diesen
Gegenden. Es ist dies um so bemerkenswerter, als das Aufbluehen von Koeln, wenn
hier nicht besondere Hindernisse im Wege gestanden haetten, die roemische
Zivilisation von selber weithin auf das andere Ufer getragen haben wuerde. Oft
genug werden roemische Truppen diese ausgedehnten Gebiete betreten, vielleicht
selbst die gerade hier in augustischer Zeit zahlreich angelegten Strassen
einigermassen gangbar gehalten, auch wohl neue angelegt haben; spaerliche
Ansiedler, teils Ueberreste der alten germanischen Bevoelkerung, teils
Kolonisten aus dem Reich, werden hier gesessen haben, aehnlich wie wir sie bald
in der frueheren Kaiserzeit am rechten Ufer des Oberrheins finden werden; aber
den Wegen wie den Besitzungen fehlte der Stempel der Dauerhaftigkeit. Man wollte
hier nicht eine Arbeit von gleicher Ausdehnung und gleicher Schwierigkeit
unternehmen, wie wir sie weiterhin in der oberen Provinz kennenlernen werden,
nicht hier, wie es dort geschah, die Reichsgrenze militaerisch schuetzen und
befestigen. Darum hat den Unterrhein wohl die roemische Herrschaft, aber nicht,
wie den Oberrhein, auch die roemische Kultur ueberschritten.
------------------------------------------
^7 Dies fordern die Aushebungen (Eph. epigr. V, p. 274), waehrend die
Friesen, wie sie im Jahre 58 (Tac. ann. 13, 54) auftreten, eher unabhaengig
erscheinen; auch der aeltere Plinius (nat. 25, 3, 22) unter Vespasian nennt sie
im Rueckblick auf die Zeit des Germanicus gens tum fida. Wahrscheinlich haengt
dies zusammen mit der Unterscheidung der Frisii und Frisiavones bei Plinius
(nat. 4, 15, 101) und der Frisii maiores und minores bei Tacitus (Germ. 34). Die
roemisch gebliebenen Friesen werden die westlichen sein, die freien die
oestlichen; wenn die Friesen ueberhaupt bis zur Ems reichen (Ptol. geogr. 3, 11,
7), so moegen die spaeter roemischen etwa westwaerts der Yssel gesessen haben.
Anderswo als an der noch heute ihren Namen tragenden Kueste darf man sie nicht
ansetzen; die Nennung bei Plinius (nat. 4, 17, 106) steht vereinzelt und ist
ohne Zweifel fehlerhaft.
------------------------------------------
Ihrer doppelten Aufgabe, das benachbarte Gallien in Gehorsam und die
Germanen des rechten Rheinufers von Gallien abzuhalten, hatte die Armee am
Unterrhein auch nach dem Verzicht auf Besetzung des rechtsrheinischen Gebietes
ausreichend genuegt; und es waere die Ruhe nach aussen und innen voraussichtlich
nicht unterbrochen worden, wenn nicht der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie
und der dadurch hervorgerufene Buerger- oder vielmehr Korpskrieg in diese
Verhaeltnisse in verhaengnisvoller Weise eingegriffen haette. Die Insurrektion
des Keltenlandes unter Fuehrung des Vindex wurde zwar von den beiden
germanischen Armeen niedergeschlagen; aber Neros Sturz erfolgte dennoch, und als
sowohl das spanische Heer wie die Kaisergarde in Rom ihm einen Nachfolger
bestellten, taten auch die Rheinarmeen das gleiche, und im Anfang des Jahres 69
ueberschritt der groesste Teil dieser Truppen die Alpen, um auf den
Schlachtfeldern Italiens auszumachen, ob dessen Herrscher Marcus oder Aulus
heissen werde. Im Mai desselben Jahres folgte der neue Kaiser Vitellius, nachdem
die Waffen fuer ihn entschieden hatten, begleitet von dem Rest der guten
kriegsgewohnten Mannschaften. Durch eilig in Gallien ausgehobene Rekruten waren
allerdings die Luecken in den Rheinbesatzungen notduerftig ausgefuellt worden;
aber dass es nicht die alten Legionen waren, wusste das ganze Land, und bald
zeigte es sich auch, dass jene nicht zurueckkamen. Haette der neue Herrscher die
Armee, die ihn auf den Thron gesetzt hatte, in seiner Gewalt gehabt, so haette
gleich nach der Niederwerfung Othos im April wenigstens ein Teil derselben an
den Rhein zurueckkehren muessen; aber mehr noch die Unbotmaessigkeit der
Soldaten als die bald eintretende neue Verwicklung mit dem im Osten zum Kaiser
ausgerufenen Vespasian hielt die germanischen Legionen in Italien zurueck.
Gallien war in der furchtbarsten Aufregung. Die Insurrektion des Vindex
war, wie frueher bemerkt ward, an sich nicht gegen die Herrschaft Roms, sondern
gegen den dermaligen Herrscher gerichtet; aber darum war sie nicht weniger eine
Kriegfuehrung gewesen zwischen den Rheinarmeen und dem Landsturm der grossen
Mehrzahl der keltischen Gaue, und diese nicht weniger gleich Besiegten
gepluendert und misshandelt worden. Die Stimmung, die zwischen den Provinzialen
und den Soldaten bestand, zeigt zum Beispiel die Behandlung, welche der Gau der
Helvetier bei dem Durchmarsch der nach Italien bestimmten Truppen erfuhr: weil
hier ein von den Vitellianern nach Pannonien abgesandter Kurier aufgegriffen
worden war, rueckten die Marschkolonnen von der einen Seite, von der anderen die
in Raetien in Garnison stehenden Roemer in den Gau ein, pluenderten weit und
breit die Ortschaften, namentlich das heutige Baden bei Zuerich, jagten die in
die Berge Fluechtenden aus ihrem Versteck auf und machten sie zu Tausenden
nieder oder verkauften die Gefangenen nach Kriegsrecht. Obwohl die Hauptstadt
Aventicum (Avenches bei Murten) sich ohne Gegenwehr unterwarf, forderten die
Agitatoren der Armee ihre Schleifung und alles, was der Feldherr gewaehrte, war
die Verweisung der Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des
grossen Hauptquartiers; diese sassen ueber das Schicksal der Stadt zu Gericht
und nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstoerung.
Dergleichen Misshandlungen brachten die Provinzialen aufs aeusserste; noch bevor
Vitellius Gallien verliess, trat ein gewisser Mariccus aus dem von den Haeduern
abhaengigen Gau der Boier auf, ein Gott auf Erden, wie er sagte, und bestimmt,
die Freiheit der Kelten wieder herzustellen; und scharenweise stroemten die
Leute unter seine Fahnen. Indes kam auf die Erbitterung im Keltenland nicht
allzu viel an. Eben der Aufstand des Vindex hatte auf das deutlichste gezeigt,
wie voellig unfaehig die Gallier waren, sich der roemischen Umklammerung zu
entwinden. Aber die Stimmung der zu Gallien gerechneten germanischen Distrikte
in den heutigen Niederlanden, der Bataver, der Cannenefaten, der Friesen, deren
Sonderstellung schon hervorgehoben ward, hatte etwas mehr zu bedeuten; und es
traf sich, dass eben diese einerseits aufs aeusserste erbittert worden waren,
andererseits ihre Kontingente zufaellig sich in Gallien befanden. Die Masse der
batavischen Truppen, 8000 Mann, der 14. Legion beigegeben, hatte laengere Zeit
mit dieser bei dem oberen Rheinheere gestanden und war dann unter Claudius bei
der Besetzung Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo dieses Korps kurz zuvor
die entscheidende Schlacht unter Paullinus durch seine unvergleichliche
Tapferkeit fuer die Roemer gewonnen hatte; von diesem Tag an nahm dasselbe unter
allen roemischen Heeresabteilungen unbestritten den ersten Platz ein. Eben
dieser Auszeichnung wegen von Nero abberufen, um mit ihm zum Kriege in den
Orient abzugehen, hatte die in Gallien ausbrechende Revolution ein Zerwuerfnis
zwischen der Legion und ihren Hilfsmannschaften herbeigefuehrt: jene, dem Nero
treu ergeben, eilte nach Italien, die Bataver dagegen weigerten sich zu folgen.
Vielleicht hing dies damit zusammen, dass zwei ihrer angesehensten Offiziere,
die Brueder Paulus und Civilis, ohne jeden Grund und ohne Ruecksicht auf
vieljaehrige treue Dienste und ehrenvolle Wunden, kurz vorher als des
Hochverrats verdaechtig in Untersuchung gezogen, der erstere hingerichtet, der
zweite gefangengesetzt worden war. Nach Neros Sturz, zu welchem der Abfall der
batavischen Kohorten wesentlich beigetragen hatte, gab Galba den Civilis frei
und sandte die Bataver in ihr altes Standquartier nach Britannien zurueck.
Waehrend sie auf dem Marsch dahin bei den Lingonen (Langres) lagerten, fielen
die Rheinlegionen von Galba ab und riefen den Vitellius zum Kaiser aus. Die
Bataver schlossen nach laengerem Schwanken schliesslich sich an; dieses
Schwanken vergab ihnen Vitellius nicht, doch wagte er nicht, den Fuehrer des
maechtigen Korps geradezu zur Verantwortung zu ziehen. So waren die Bataver mit
den Legionen von Untergermanien nach Italien marschiert und hatten mit gewohnter
Tapferkeit in der Schlacht von Betriacum fuer Vitellius gefochten, waehrend ihre
alten Legionskameraden ihnen in dem Heere Othos gegenueberstanden. Aber der
Uebermut dieser Germanen erbitterte ihre roemischen Siegesgenossen, wie sehr sie
ihre Tapferkeit im Kampf anerkannten; auch die kommandierenden Generale trauten
ihnen nicht und machten sogar einen Versuch, durch Detachierung sie zu teilen,
was freilich in diesem Krieg, in dem die Soldaten kommandierten und die Generale
gehorchten, nicht durchzufuehren war und fast dem General das Leben gekostet
haette. Nach dem Siege wurden sie beauftragt, ihre feindlichen Kameraden von der
14. Legion nach Britannien zu eskortieren; aber da es zwischen beiden in Turin
zum Handgemenge gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach
Germanien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen worden,
und waehrend infolgedessen Vitellius sowohl den batavischen Kohorten
Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern neue umfassende
Aushebungen anordnete, knuepften Vespasians Beauftragte mit den batavischen
Offizieren an, um diesen Abmarsch zu verhindern und in Germanien selbst einen
Aufstand hervorzurufen, der die Truppen dort festhielte. Civilis ging darauf
ein. Er begab sich in seine Heimat und gewann leicht die Zustimmung der
Seinigen, sowie der benachbarten Cannenefaten und Friesen. Bei jenen brach der
Aufstand aus; die beiden Kohortenlager in der Naehe wurden ueberfallen und die
roemischen Posten aufgehoben; die roemischen Rekruten schlugen sich schlecht;
bald warf Civilis mit seiner Kohorte, die er hatte nachkommen lassen, um sie
angeblich gegen die Insurgenten zu gebrauchen, sich selbst offen in die
Bewegung, sagte mit den drei germanischen Gauen dem Vitellius auf und forderte
die uebrigen, eben damals von Mainz zum Abmarsch nach Italien aufbrechenden
Bataver und Cannenefaten auf, sich ihm anzuschliessen.
Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrektion der Provinz
oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rheinlegionen mit denen von der
Donau und weiter mit diesen und der Euphratarmee schlugen, so war es nur
folgerichtig, dass auch die Soldaten zweiter Klasse, und vor allem die
angesehenste Truppe derselben, die batavische, selbstaendig in diesen Korpskrieg
eintrat. Wer diese Bewegung bei den Kohorten der Bataver und den
linksrheinischen Germanen mit der Insurrektion der rechtsrheinischen unter
Augustus zusammenstellt, der darf nicht uebersehen, dass in jener die Alen und
Kohorten die Rolle des Landsturms der Cherusker uebernahmen; und wenn der
treulose Offizier des Varus seine Nation aus der Roemerherrschaft erloeste, so