Beziehungen mit den namhaften Gelehrten des zweiten Jahrhunderts und nicht
minder mit Kaiser Hadrian. Seine mannigfaltigen Forschungen, unter anderm ueber
die Namen der Genossen des Odysseus, die die Scylla verschlang, und ueber den
des ersten Menschen, der zugleich ein Gelehrter war, lassen ihn als den rechten
Vertreter des damals beliebten gelehrten Kleinkrams erscheinen, und seine
Vortraege fuer ein gebildetes Publikum ueber Thersites und das Wechselfieber
sowie seine zum Teil uns aufgezeichneten Unterhaltungen ueber alles und noch
etwas mehr gewaehren kein erfreuliches, aber ein charakteristisches Bild des
damaligen Literatentreibens. Hier ist hervorzuheben, was er selbst unter die
Merkwuerdigkeiten seines Lebenslaufes rechnete, dass er geborener Gallier und
zugleich griechischer Schriftsteller war. Obwohl die Literaten des Okzidents
haeufig nebenbei auch griechisch speziminierten, so haben doch nur wenige sich
dieser als ihrer eigentlichen Schriftstellersprache bedient; hier wird dies mit
durch die Heimat des Gelehrten bedingt sein. Im uebrigen war Suedgallien an der
augustischen Literaturbluete insofern beteiligt, als einige der namhaftesten
Gerichtsredner der spaeteren augustischen Zeit, Votienus Montanus (+ 27 n. Chr.)
aus Narbo - der Ovid der Redner genannt - und Gnaeus Domitius Afer (Konsul 39 n.
Chr.) aus Nemausus, dieser Provinz angehoerten. ueberhaupt erstreckt die
roemische Literatur ihre Kreise natuerlich auch ueber diese Landschaft; die
Dichter der domitianischen Zeit sandten ihre Freiexemplare den Freunden in
Tolosa und Vienna. Plinius unter Traian ist erfreut, dass seine kleinen
Schriften auch in Lugudunum nicht bloss guenstige Leser, sondern auch
Buchhaendler finden, die sie vertreiben. Einen besonderen Einfluss aber, wie ihn
die Baetica in der frueheren, das noerdliche Gallien in der spaeteren Kaiserzeit
auf die geistige und literarische Entwicklung Roms ausgeuebt hat, vermoegen wir
fuer den Sueden nicht nachzuweisen. Wein und Fruechte gediehen in dem schoenen
Land; aber weder Soldaten noch Denker sind dem Reiche von dorther gekommen.
Das eigentliche Gallien ist im Gebiet der Wissenschaft das gelobte Land des
Lehrens und des Lernens; vermutlich geht dies zurueck auf die eigentuemliche
Entwicklung und den maechtigen Einfluss des nationalen Priestertums. Das
Druidentum war keineswegs ein naiver Volksglaube, sondern eine hoch entwickelte
und anspruchsvolle Theologie, die nach guter Kirchensitte alle Gebiete des
menschlichen Denkens und Tuns, Physik und Metaphysik, Rechts- und Heilkunde
bestrebt war zu erleuchten oder doch zu beherrschen, die von ihren Schuelern
unermuedliches, man sagt zwanzigjaehriges Studium forderte und diese ihre
Schueler vor allem in den adligen Kreisen suchte und fand. Die Unterdrueckung
der Druiden durch Tiberius und seine Nachfolger muss in erster Reihe diese
Priesterschulen betroffen und deren wenigstens oeffentliche Beseitigung
herbeigefuehrt haben; aber wirksam konnte dies nur dann geschehen, wenn der
nationalen Jugendbildung die roemisch-griechische ebenso gegenuebergestellt
ward, wie dem carnutischen Druidenkonzil der Roma-Tempel in Lyon. Wie frueh
dies, ohne Frage unter dem bestimmenden Einfluss der Regierung, in Gallien
eingetreten ist, zeigt die merkwuerdige Tatsache, dass bei dem frueher
erwaehnten Aufstand unter Tiberius die Insurgenten vor allen Dingen versuchten,
sich der Stadt Augustodunum (Autun) zu bemaechtigen, um die dort studierende
vornehme Jugend in ihre Gewalt zu bekommen und dadurch die grossen Familien zu
gewinnen oder zu schrecken. Zunaechst moegen wohl diese gallischen Lyzeen trotz
ihres keineswegs nationalen Bildungskursus dennoch ein Ferment des spezifisch
gallischen Volkstums gewesen sein; schwerlich zufaellig hat das damals
bedeutendste derselben nicht in dem roemischen Lyon seinen Sitz, sondern in der
Hauptstadt der Haeduer, des vornehmsten unter den gallischen Gauen. Aber die
roemisch-hellenische Bildung, wenn auch vielleicht der Nation aufgenoetigt und
zunaechst mit Opposition aufgenommen, drang, wie allmaehlich der Gegensatz sich
verschliff, in das keltische Wesen so sehr ein, dass mit der Zeit die Schueler
sich ihr eifriger zuwandten als die Lehrmeister. Die Gentlemanbildung, etwa in
der Art, wie sie heute in England besteht, ruhend auf dem Studium des
Lateinischen und in zweiter Reihe des Griechischen und in der Entwicklung der
Schulrede mit ihren Schnitzelpointen und Glanzphrasen lebhaft an neuere,
demselben Boden entstammende literarische Erscheinungen erinnernd, ward
allmaehlich im Okzident eine Art Privilegium der Galloromanen. Besser bezahlt
als in Italien wurden dort die Lehrer wohl von jeher, und vor allen Dingen auch
besser behandelt. Schon Quintilianus nennt mit Achtung unter den hervorragenden
Gerichtsrednern mehrere Gallier; und nicht ohne Absicht macht Tacitus in dem
feinen Dialog ueber die Redekunst den gallischen Advokaten Marcus Aper zum
Verteidiger der modernen Beredsamkeit gegen die Verehrer Ciceros und Caesars.
Den ersten Platz unter den gallischen Universitaeten nahm spaeterhin Burdigala
ein, wie denn ueberall Aquitanien hinsichtlich der Bildung dem mittleren und
noerdlichen Gallien weit voran war - in einem dort geschriebenen Dialog aus dem
Anfang des 5. Jahrhunderts wagt einer der Mitsprechenden, ein Geistlicher aus
Chalon-sur-Saone, kaum den Mund aufzutun vor dem gebildeten aquitanischen
Kreise. Hier wirkte der frueher erwaehnte, von Kaiser Valentinianus zum Lehrer
seines Sohnes Grabanus (geb. 359) berufene Professor Ausonius, der in seinen
vermischten Gedichten einer grossen Anzahl seiner Kollegen ein Denkmal gestiftet
hat; und als sein Zeitgenosse Symmachus, der beruehmteste Redner dieser Epoche,
fuer seinen Sohn einen Hofmeister suchte, liess er in Erinnerung an seinen
alten, an der Garonne heimischen Lehrer sich einen aus Gallien kommen. Daneben
ist Augustodunum immer einer der grossen Mittelpunkte der gallischen Studien
geblieben; wir haben noch die Reden, welche wegen der Wiederherstellung dieser
Lehranstalt bittend und dankend vor dem Kaiser Konstantin gehalten worden sind.
Die literarische Vertretung dieser eifrigen Schultaetigkeit ist
untergeordneter Art und geringen Wertes: Prunkreden, die namentlich durch die
spaetere Umwandlung von Trier in eine kaiserliche Residenz und das haeufige
Verweilen des Hofes im gallischen Land gefoerdert worden sind, und
Gelegenheitsgedichte mannigfaltiger Art. Wie die Redeleistung war das
Versemachen ein notwendiges Attribut des Lehramts und der oeffentliche Lehrer
der Literatur zugleich nicht gerade geborener, aber doch bestallter Dichter.
Wenigstens die Geringschaetzung der Poesie, welche der uebrigens gleichartigen
hellenischen Literatur der gleichen Epoche eigen ist, hat sich auf diese
Okzidentalen nicht uebertragen. In den Versen herrscht die Schulreminiszenz und
das Pedantenkunststueck vor ^23 und nur selten begegnen, wie in der Moselfahrt
des Ausonius, lebendige und empfundene Schilderungen. Die Reden, die wir
freilich nur nach einigen spaeten, am kaiserlichen Hoflager gehaltenen
Vortraegen zu beurteilen in der Lage sind, sind Musterstuecke in der Kunst, mit
vielen Worten wenig zu sagen und die unbedingte Loyalitaet in gleich unbedingter
Gedankenlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Wenn eine vermoegende Mutter ihren
Sohn, nachdem er die Fuelle und den Schmuck der gallischen Rede sich angeeignet
hat, weiter nach Italien schickt, um auch die roemische Wuerde ^24 zu gewinnen,
so war diesen gallischen Rhetoren allerdings diese schwieriger abzulernen als
der Wortpomp. Fuer das fruehe Mittelalter sind diese Leistungen bestimmend
gewesen; durch sie ist in der ersten christlichen Zeit Gallien die eigentliche
Staette der frommen Verse und doch auch der letzte Zufluchtsort der
Schulliteratur geworden, waehrend die grosse geistige Bewegung innerhalb des
Christentums ihre Hauptvertreter nicht hier gefunden hat.
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^23 Eines der Professorengedichte des Ausonius ist vier griechischen
Grammatikern gewidmet: "Alle fleissig walteten sie des Lehramts; Schmal nur war
der Sold ja und duenn der Vortrag; Aber da sie lehrten zu meinen Zeiten, Will
ich sie nennen." Dies ist um so verdienstlicher, da er nichts Rechtes bei ihnen
gelernt hat: "Wohl, weil mich gehindert die allzu schwache Fassungskraft des
Geistes und mich von Hellas Bildung fernhielt leider damals des Knaben trauriger
Irrtum." Diese Gedanken sind oefter, aber selten in sapphischem Masse
vorgetragen worden.
^24 Romana gravitas: Hier. epist. 125 p. 929 Vall.
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In dem Kreise der bauenden und der bildenden Kuenste rief schon das Klima
manche Erscheinung hervor, welche der eigentliche Sueden nicht oder nur in den
Anfaengen kennt; so ist die in Italien nur bei Baedern gebraeuchliche
Luftheizung und der dort ebenfalls wenig verbreitete Gebrauch der Glasfenster in
der gallischen Baukunst in umfassender Weise zur Anwendung gekommen. Aber auch
von einer diesem Gebiet eigenen Kunstentwicklung darf vielleicht insofern
gesprochen werden, als die Bildnisse und in weiterer Entwicklung die Darstellung
der Szenen des taeglichen Lebens in dem keltischen Gebiet relativ haeufiger
auftreten als in Italien und die abgenutzten mythologischen Darstellungen durch
erfreulichere ersetzen. Wir koennen diese Richtung auf das Reale und das Genre
allerdings fast nur an den Grabmonumenten erkennen, aber sie hat wohl in der
Kunstuebung ueberhaupt vorgeherrscht. Der Bogen von Arausio (Orange) aus der
fruehen Kaiserzeit mit seinen gallischen Waffen und Feldzeichen, die bei Vetera
gefundene Bronzestatue des Berliner Museums, wie es scheint, den Ortsgott mit
Gerstenaehren im Haar darstellend, das wahrscheinlich zum Teil aus gallischen
Werkstaetten hervorgegangene Hildesheimer Silbergeraet beweisen eine gewisse
Freiheit in der Aufnahme und Umbildung der italischen Motive. Das Juliergrabmal
von St. Remy bei Avignon, ein Werk augustischer Zeit, ist ein merkwuerdiges
Zeugnis fuer die lebendige und geistreiche Rezeption der hellenischen Kunst im
suedlichen Gallien, sowohl in seinem kuehnen architektonischen Aufbau zweier
quadratischer Stockwerke, welche ein Saeulenkreis mit konischer Kuppel kroent,
wie auch in seinen Reliefs, welche, im Stil den pergamenischen naechst verwandt,
figurenreiche Kampf- und Jagdszenen, wie es scheint, dem Leben der Geehrten
entnommen, in malerisch bewegter Ausfuehrung darstellen. Merkwuerdigerweise
liegt der Hoehepunkt dieser Entwicklung neben der Suedprovinz in der Gegend der
Mosel und der Maas; diese Landschaft, nicht so voellig unter roemischem Einfluss
stehend wie Lyon und die rheinischen Lagerstaedte und wohlhabender und
zivilisierter als die Gegenden an der Loire und der Seine, scheint diese
Kunstuebung einigermassen aus sich selbst erzeugt zu haben. Das unter dem Namen
der Igeler Saeule bekannte Grabdenkmal eines vornehmen Trierers gibt ein
deutliches Bild der hier einheimischen turmartigen, mit spitzem Dach gekroenten,
auf allen Seiten mit Darstellungen aus dem Leben des Verstorbenen bedeckten
Denkmaeler. Haeufig sehen wir auf denselben den Gutsherrn, dem seine Kolonen
Schafe, Fische, Gefluegel, Eier darbringen. Ein Grabstein aus Arlon bei
Luxemburg zeigt ausser den Portraets der beiden Gatten auf der einen Seite einen
Karren und eine Frau mit einem Fruchtkorb, auf der andern ueber zwei auf dem
Boden hockenden Maennern einen Aepfelverkauf. Ein anderer Grabstein aus Neumagen
bei Trier hat die Form eines Schiffes: in diesem sitzen sechs Schiffer, die
Ruder fuehrend; die Ladung besteht aus grossen Faessern, neben denen der lustig
blickende Steuermann, man moechte meinen, sich des darin geborgenen Weines zu
freuen scheint. Wir duerfen sie wohl in Verbindung bringen mit dem heiteren
Bilde, das der Poet von Bordeaux uns vom Moseltal bewahrt hat mit den
praechtigen Schloessern, den lustigen Rebgelaenden und dem regen Fischer- und
Schiffertreiben, und den Beweis darin finden, dass in diesem schoenen Lande
bereits vor anderthalb Jahrtausenden friedliche Taetigkeit, heiterer Genuss und
warmes Leben pulsiert hat.
4. Kapitel
Das roemische Germanien und die freien Germanen
Die beiden roemischen Provinzen Ober- und Untergermanien sind das Ergebnis
derjenigen Niederlage der roemischen Waffen und der roemischen Staatskunst unter
der Regierung des Augustus, welche frueher geschildert worden ist. Die
urspruengliche Provinz Germanien, die das Land vom Rhein bis zur Elbe umfasste,
hat nur zwanzig Jahre, vom ersten Feldzug des Drusus (742 12 v. Chr.) bis zur
Varusschlacht und dem Falle Alisos (762 9 n. Chr.) bestanden; da sie aber
einerseits die Militaerlager auf dem linken Rheinufer, Vindonissa, Mogontiacum,
Vetera in sich schloss, andererseits auch nach jener Katastrophe mehr oder
minder betraechtliche Teile des rechten Ufers roemisch blieben, so wurden durch
jene Katastrophe die Statthalterschaft und das Kommando nicht eigentlich
aufgehoben, obwohl sie sozusagen in der Luft standen. Die innere Ordnung der
drei Gallien ist frueher dargelegt worden; sie umfassten das gesamte Gebiet bis
an den Rhein, ohne Unterschied der Abstammung -nur etwa die erst waehrend der
letzten Krisen nach Gallien uebergesiedelten Ubier gehoerten nicht zu den 64
Gauen, wohl aber die Helvetier, die Triboker und ueberhaupt die sonst von den
rheinischen Truppen besetzt gehaltenen Distrikte. Es war die Absicht gewesen,
die germanischen Gaue zwischen Rhein und Elbe zu einer aehnlichen Gemeinschaft
unter roemischer Hoheit zusammenzufassen, wie dies mit den gallischen geschehen
war, und denselben in dem Augustusaltar der Ubierstadt, dem Keim des heutigen
Koeln, einen aehnlichen exzentrischen Mittelpunkt zu verleihen, wie der
Augustusaltar von Lyon ihn fuer Gallien bildete; fuer die fernere Zukunft war
wohl auch die Verlegung der Hauptlager auf das rechte Rheinufer und die
Rueckgabe des linken, wenigstens im wesentlichen, an den Statthalter der Belgica
in Aussicht genommen. Allein diese Entwuerfe gingen mit den Legionen des Varus
zugrunde; der germanische Augustusaltar am Rhein ward oder blieb der Altar der
Ubier; die Legionen behielten dauernd ihre Standquartiere in dem Gebiet, welches
eigentlich zur Belgica gehoerte, aber, da eine Trennung der Militaer- und
Zivilverwaltung nach der roemischen Ordnung ausgeschlossen war, so lange, als
die Truppen hier standen, auch administrativ unter den Kommandanten der beiden
Heere gelegt war. Denn, wie schon frueher angegeben worden ist, Varus ist
wahrscheinlich der letzte Kommandant der vereinigten Rheinarmee gewesen ^1; bei
der Vermehrung der Armee auf acht Legionen, welche diese Katastrophe im Gefolge
gehabt hat, ist allem Anschein nach auch deren Teilung eingetreten. Es sind also
in diesem Abschnitt nicht eigentlich die Zustaende einer roemischen Landschaft
zu schildern, sondern die Geschicke einer roemischen Armee, und, was damit aufs
engste zusammenhaengt, die der Nachbarvoelker und der Gegner, soweit sie in die
Geschichte Roms verflochten sind.
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^1 Diese Teilung einer Provinz unter drei Statthalter ist in der roemischen
Verwaltung sonst ohne Beispiel; das Verhaeltnis von Afrika und Numidien bietet
wohl eine aeussere Analogie, ist aber politisch bedingt durch die Stellung des
senatorischen Statthalters zu dem kaiserlichen Militaerkommandanten, waehrend
die drei Statthalter der Belgica gleichmaessig kaiserlich sind und gar nicht
abzusehen ist, warum den beiden germanischen Sprengel innerhalb der Belgica
statt eigener angewiesen werden. Nur das Zuruecknehmen der Grenze unter
Beibehaltung des bisherigen Namens - aehnlich wie das transdanuvianische Dakien
spaeterhin als cisdanuvianisches dem Namen nach fortbestand - erklaert diese
Seltsamkeit.
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Die beiden Hauptquartiere der Rheinarmee waren von jeher Vetera bei Wesel
und Mogontiacum, das heutige Mainz, beide wohl aelter als die Teilung des
Kommandos und eine der Ursachen, dass dieselbe eintrat. Die beiden Armeen
zaehlten jede im ersten Jahrhundert n. Chr. vier Legionen, also ungefaehr 30000
Mann ^2; in oder zwischen jenen beiden Punkten lag die Hauptmasse der roemischen
Truppen, ausserdem eine Legion bei Noviomagus (Nimwegen), eine andere in
Argentoratum (Strassburg), eine dritte bei Vindonissa (Windisch, unweit
Zuerich), nicht weit von der raetischen Grenze. Zu dem unteren Heere gehoerte
die nicht unbetraechtliche Rheinflotte. Die Grenze zwischen der oberen und der
unteren Armee liegt zwischen Andernach und Remagen bei Brohl ^3, so dass Koblenz
und Bingen in das obere, Bonn und Koeln in das untere Militaergebiet fielen. Auf
dem linken Ufer gehoerten zu dem obergermanischen Verwaltungsbezirk die
Distrikte der Helvetier (Schweiz), der Sequaner (Besan‡on), der Lingonen
(Langres), der Rauriker (Basel), der Triboker (Elsass), der Nemeter (Speyer) und
der Vangionen (Worms); zu dem beschraenkteren untergermanischen der Distrikt der
Ubier oder vielmehr die Kolonie Agrippina (Koeln), der Tungrer (Tongern), der
Menapier (Brabant) und der Bataver, waehrend die weiter westlich gelegenen Gaue
mit Einschluss von Metz und Trier unter den verschiedenen Statthaltern der drei
Gallien standen. Wenn diese Scheidung nur administrative Bedeutung hat, so
faellt dagegen die wechselnde Ausdehnung der beiden Sprengel auf dem rechten
Ufer mit den wechselnden Beziehungen zu den Nachbarn und der dadurch bedingten
Vor- und Zurueckschiebung der Grenzen der roemischen Herrschaft zusammen. Diesen
Nachbarn gegenueber sind die unterrheinischen und die oberrheinischen
Verhaeltnisse in so verschiedener Weise geordnet worden und die Ereignisse in so
durchaus anderer Richtung verlaufen, dass hier die provinziale Trennung
geschichtlich von der eingreifendsten Bedeutung wurde. Betrachten wir zunaechst
die Entwicklung der Dinge am Unterrhein.
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^2 Die Staerke der Auxilien der oberen Armee laesst sich fuer die
domitianisch-traianische Epoche mit ziemlicher Sicherheit auf etwa 10000 Mann
bestimmen. Eine Urkunde vom Jahre 90 zaehlt vier Alen und vierzehn Kohorten
dieser Armee auf; zu diesen kommt wenigstens eine Kohorte (I Germanorum), die
nachweislich, sowohl im Jahre 82 wie im Jahre 116, daselbst garnisonierte; ob
zwei Alen, die im Jahre 82, und mindestens drei Kohorten, die im Jahre 116
daselbst sich befanden und die in der Liste vom Jahre 90 fehlen, im Jahr 90 dort
garnisonierten oder nicht, ist zweifelhaft, die meisten derselben aber sind wohl
vor 90 aus der Provinz weg oder erst nach 90 in dieselbe gekommen. Von jenen
neunzehn Auxilien ist eine sicher (coh. I Damascenorum), eine andere (ala I
Flavia gemina) vielleicht eine Doppelabteilung. Im Minimum also ergibt sich als
Normaletat der Auxilien dieses Heeres die oben bezeichnete Ziffer, und bedeutend
kann sie nicht ueberschritten sein. Wohl aber moegen die Auxilien von
Untergermanien, dessen Garnisonen weniger ausgedehnt waren, an Zahl geringer
gewesen sein.
^3 An der Grenzbruecke ueber den Abrinca-, jetzt Vinxtbach, der alten
Grenze der Erzdioezesen Koeln und Trier, standen zwei Altaere, der auf der Seite
von Remagen den Grenzen, dem Ortsgeist und dem Jupiter (Finibus et Genio loci et
Iovi optimo maximo) gewidmet von Soldaten der 30. niedergermanischen Legion, der
auf der Seite von Andernach dem Jupiter, dem Ortsgott und der Juno geweiht von
einem Soldaten der 8. obergermanischen (Brambach 649, 650).
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Es ist frueher dargestellt worden, wieweit die Roemer zu beiden Seiten des
Unterrheins die Germanen sich unterworfen hatten. Die germanischen Bataver sind
nicht durch Caesar, aber nicht lange nachher, vielleicht durch Drusus, auf
friedlichem Wege mit dem Reiche vereinigt worden. Sie sassen im Rheindelta, das
heisst auf dem linken Rheinufer und auf den durch die Rheinarmee gebildeten
Inseln aufwaerts bis wenigstens an den Alten Rhein, also etwa von Antwerpen bis
Utrecht und Leiden in Seeland und dem suedlichen Holland, auf urspruenglich
keltischem Gebiet - wenigstens sind die Ortsnamen ueberwiegend keltisch; ihren
Namen fuehrt noch die Betuwe, die Niederung zwischen Waal und Leck mit der
Hauptstadt Noviomagus, jetzt Nimwegen. Sie waren, insbesondere verglichen mit
den unruhigen und stoerrigen Kelten, gehorsame und nuetzliche Untertanen und
nahmen daher im roemischen Reichsverband und namentlich im Heerwesen eine
Sonderstellung ein. Sie blieben gaenzlich steuerfrei, wurden aber dagegen so
stark wie kein anderer Gau bei der Rekrutierung angezogen; der eine Gau stellte
zu dem Reichsheer 1000 Reiter und 9000 Fusssoldaten; ausserdem wurden die
kaiserlichen Leibwaechter vorzugsweise aus ihnen genommen. Das Kommando dieser
batavischen Abteilungen wurde ausschliesslich an geborene Bataver vergeben. Die
Bataver galten unbestritten nicht bloss als die besten Reiter und Schwimmer der
Armee, sondern auch als das Muster treuer Soldaten, wobei allerdings der gute
Sold der batavischen Leibwaechter sowohl wie der bevorzugte Offiziersdienst der
Adligen die Loyalitaet erheblich befestigte. Diese Germanen waren denn auch bei
der Varuskatastrophe weder vorbereitend noch nachfolgend beteiligt; und wenn
Augustus unter dem ersten Eindruck der Schreckensnachricht seine batavischen
Leibwaechter verabschiedete, so ueberzeugte er sich bald selbst von der
Grundlosigkeit seines Argwohns, und die Truppe wurde kurze Zeit darauf wieder
hergestellt.
Am anderen Ufer des Rheins wohnten den Batavern zunaechst, im heutigen
Kennemerland (Nordholland ueber Amsterdam), die ihnen eng verwandten, aber
weniger zahlreichen Cannenefaten; sie werden nicht bloss unter den durch
Tiberius unterworfenen Voelkerschaften genannt, sondern sind auch in der
Stellung von Mannschaften wie die Bataver behandelt worden.
Die weiterhin sich anschliessenden Friesen in dem noch heute nach ihnen
benannten Kuestenland bis zu der unteren Ems unterwarfen sich dem Drusus und
erhielten eine aehnliche Stellung wie die Bataver; es wurde ihnen, anstatt der
Steuer, nur die Ablieferung einer Anzahl von Rindshaeuten fuer die Beduerfnisse
des Heeres auferlegt; dagegen hatten auch sie verhaeltnismaessig zahlreiche
Mannschaften fuer den roemischen Dienst zu stellen. Sie waren seine so wie
spaeter des Germanicus treueste Bundesgenossen, ihm nuetzlich sowohl bei dem
Kanalbau wie besonders nach den ungluecklichen Nordseefahrten.
Auf sie folgen oestlich die Chauker, ein weitausgedehntes Schiffer- und
Fischervolk an der Nordseekueste zu beiden Seiten der Weser, vielleicht von der
Ems bis zur Elbe; sie wurden durch Drusus zugleich mit den Friesen, aber nicht
wie diese ohne Gegenwehr, den Roemern botmaessig.
Alle diese germanischen Kuestenvoelker fuegten sich entweder durch Vertrag
oder doch ohne schweren Kampf der neuen Herrschaft, und wie sie an dem
Cheruskeraufstand keinen Teil gehabt haben, blieben sie nach der Varusschlacht
gleichfalls in den frueheren Verhaeltnissen zum Roemischen Reich; selbst aus den
entfernter liegenden Gauen der Friesen und der Chauker sind die Besatzungen
damals nicht herausgezogen worden, und noch zu den Feldzuegen des Germanicus
haben die letzteren Zuzug gestellt. Bei der abermaligen Raeumung Germaniens im