erhalten, aber die Sprache ist schwerlich erst mit diesen eingewandert, sondern
allem Anschein nach hier seit Jahrtausenden von einem Geschlecht dem andern
ueberliefert. In dem uebrigen Gallien hat natuerlich im Laufe der Kaiserzeit das
roemische Wesen schrittweise Boden gewonnen; ein Ende gemacht hat aber dem
keltischen Idiom hier wohl nicht so sehr die germanische Einwanderung als die
Christianisierung, welche in Gallien nicht, wie in Syrien und Aegypten, die von
der Regierung beiseite geschobene Landessprache aufnahm und zu ihrem Traeger
machte, sondern das Evangelium lateinisch verkuendigte.
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^15 So hat sich in Nemausus eine in keltischer Sprache geschriebene
Weihinschrift gefunden, gesetzt Matrebo Namaysikabo (CIL XI, p. 383), das
heisst, den oertlichen Muettern.
^16 Beispielsweise liest man auf einem in Neris-les-Bains (Allier)
gefundenen Altarstein (E. Desjardins, Geographie historique et administrative de
la Gaule Romaine. 4 Bde. Paris 1876-93. Bd. 2, S. 476): Bratronos Nantonicn
Epadatextorici Leucullo Suio rebelocitoi. Auf einem andern, den die Pariser
Schiffergilde unter Tiberius dem hoechsten besten Jupiter setzte (Mowat im
Bulletin epigraphique de la Gaule 1, S. 25f.), ist die Hauptinschrift
lateinisch, aber ueber den Reliefs der Seitenflaechen, die eine Prozession von
neun bewaffneten Priestern darzustellen scheinen, stehen erklaerende
Beischriften: Senani Useiloni . . . und Eurises, die nicht lateinisch sind.
Solches Gemenge begegnet auch sonst, zum Beispiel in einer Inschrift von Arrenes
(Creuse im Bulletin epigraphique de la Gaule 1, S. 38): Sacer Peroco ieuru
(wahrscheinlich = fecit) Duorico v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito).
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In dem Vorschreiten der Romanisierung, welche in Gallien, abgesehen von der
Suedprovinz, wesentlich der inneren Entwicklung ueberlassen blieb, zeigt sich
eine bemerkenswerte Verschiedenheit zwischen dem oestlichen Gallien und dem
Westen und Norden, die wohl mit, aber nicht allein auf dem Gegensatz der
Germanen und der Gallier beruht. In den Vorgaengen bei und nach Neros Sturz
tritt diese Verschiedenheit selbst politisch bestimmend hervor. Die nahe
Beruehrung der oestlichen Gaue mit den Rheinlagern und die hier vorzugsweise
stattfindende Rekrutierung der Rheinlegionen hat dem roemischen Wesen hier
frueher und vollstaendiger Eingang verschafft als im Gebiet der Loire und der
Seine. Bei jenen Zerwuerfnissen gingen die rheinischen Gaue, die keltischen
Lingonen und Treverer sowohl wie die germanischen Ubier oder vielmehr die
Agrippinenser mit der Roemerstadt Lugudunum und hielten fest zu der legitimen
roemischen Regierung, waehrend die, wie bemerkt ward, wenigstens in gewissem
Sinn nationale Insurrektion von den Sequanern, Haeduern und Arvernern ausgeht.
In einer spaeteren Phase desselben Kampfes finden wir unter veraenderten
Parteiverhaeltnissen dieselbe Spaltung, jene oestlichen Gaue mit den Germanen im
Bunde, waehrend der Landtag von Reims den Anschluss an diese verweigert.
Wurde somit das gallische Land in Betreff der Sprache im wesentlichen
ebenso behandelt wie die uebrigen Provinzen, so begegnet wiederum die Schonung
seiner alten Institutionen bei den Bestimmungen ueber Mass und Gewicht.
Allerdings haben neben der allgemeinen Reichsordnung, welche in dieser Hinsicht
von Augustus erlassen ward, entsprechend dem toleranten oder vielmehr
indifferenten Verhalten der Regierung in dergleichen Dingen, die oertlichen
Bestimmungen vielerorts fortbestanden, aber nur in Gallien hat die oertliche
Ordnung spaeterhin die des Reiches verdraengt. Die Strassen sind im ganzen
Roemischen Reich gemessen und bezeichnet nach der Einheit der roemischen Meile
(1,48 Kilometer), und bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts trifft dies auch
fuer diese Provinzen zu. Aber von Severus an tritt in den "drei Gallien" und den
beiden Germanien an deren Stelle eine zwar der roemischen angefuegte, aber doch
verschiedene und gallisch benannte Meile, die Leuga (2,22 Kilometer), gleich
anderthalb roemischen Meilen. Unmoeglich kann Severus damit den Kelten eine
nationale Konzession haben machen wollen; es passt dies weder fuer die Epoche,
noch insbesondere fuer diesen Kaiser, der eben diesen Provinzen in
ausgesprochener Feindseligkeit gegenueberstand; ihn muessen
Zweckmaessigkeitsruecksichten bestimmt haben. Diese koennen nur darauf beruhen,
dass das nationale Wegemass, die Leuga oder auch die Doppelleuga, die
germanische Rasta, welche letztere der franzoesischen Lieue entspricht, in
diesen Provinzen nach der Einfuehrung des einheitlichen Wegemasses in
ausgedehnterem Umfang fortbestanden haben, als dies in den uebrigen
Reichslaendern der Fall war. Augustus wird die roemische Meile formell auf
Gallien erstreckt und die Postbuecher und die Reichsstrassen darauf gestellt,
aber der Sache nach dem Lande das alte Wegemass gelassen haben; und so mag es
gekommen sein, dass die spaetere Verwaltung es weniger unbequem fand, die
zwiefache Einheit im Postverkehr sich gefallen zu lassen ^17, als noch laenger
sich eines praktisch im Lande unbekannten Wegemasses zu bedienen.
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^17 Die Postbuecher und Strassentafeln verfehlen nicht bei Lyon und
Toulouse anzumerken, dass hier die Leugen beginnen.
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Von weit groesserer Bedeutung ist das Verhalten der roemischen Regierung zu
der Landesreligion; ohne Zweifel hat das gallische Volkstum seinen festesten
Rueckhalt an dieser gefunden. Selbst in der Suedprovinz muss die Verehrung der
nichtroemischen Gottheiten lange, viel laenger als zum Beispiel in Andalusien
sich behauptet haben. Die grosse Handelsstadt Arelate freilich hat keine anderen
Weihungen aufzuweisen als an die auch in Italien verehrten Goetter; aber in
Frejus, Aix, Nimes und ueberhaupt der ganzen Kuestenlandschaft sind die alten
keltischen Gottheiten in der Kaiserepoche nicht viel weniger verehrt worden als
im inneren Gallien. Auch in dem iberischen Teil Aquitaniens begegnen zahlreiche
Spuren des einheimischen, von dem keltischen durchaus verschiedenen Kultus.
Indes tragen alle im Sueden Galliens zum Vorschein gekommenen Goetterbilder
einen minder von dem gewoehnlichen abweichenden Stempel als die Denkmaeler des
Nordens, und vor allem war es leichter, mit den nationalen Goettern auszukommen
als mit dem nationalen Priestertum, das uns nur im kaiserlichen Gallien und auf
den britannischen Inseln begegnet, den Druiden. Es wuerde vergebliche Muehe
sein, von dem inneren Wesen der aus Spekulation und Imagination wunderbar
zusammengestellten Druidenlehre eine Vorstellung geben zu wollen; nur die
Fremdartigkeit und die Fruchtbarkeit derselben sollen einige Beispiele
erlaeutern. Die Macht der Rede wurde symbolisch dargestellt in einem
kahlkoepfigen, runzligen, von der Sonne verbrannten Greis, der Keule und Bogen
fuehrt und von dessen durchbohrter Zunge zu den Ohren des ihm folgenden Menschen
feine goldene Ketten laufen - das heisst, es fliegen die Pfeile und schmettern
die Schlaege des redegewaltigen Alten und willig folgen ihm die Herzen der
Menge. Das ist der Ogmius der Kelten; den Griechen erschien er wie ein als
Herakles staffierter Charon. Ein in Paris gefundener Altar zeigt uns drei
Goetterbilder mit Beischrift, in der Mitte den Jovis, zu seiner Linken den
Vulcan, ihm zur Rechten den Esus, "den Entsetzlichen mit seinen grausen
Altaeren", wie ihn ein roemischer Dichter nennt, aber dennoch ein Gott des
Handelsverkehrs und des friedlichen Schaffens ^18; er ist zur Arbeit geschuerzt
wie Vulcan, und wie dieser Hammer und Zange fuehrt, so behaut er mit dem Beil
einen Weidenbaum. Eine oefter wiederkehrende Gottheit, wahrscheinlich Cernunnos
genannt, wird kauernd, mit untergeschlagenen Beinen, dargestellt; auf dem Kopf
traegt sie ein Hirschgeweih, an dem eine Halskette haengt, und haelt auf dem
Schoss den Geldsack; vor ihr stehen zuweilen Rinder und Hirsche - es scheint,
als solle damit der Erdboden als die Quelle des Reichtums ausgedrueckt werden.
Die ungeheure Verschiedenheit dieses aller Reinheit und Schoenheit baren, im
barocken und phantastischen Mengen sehr irdischer Dinge sich gefallenden
keltischen Olymp von den einfach menschlichen Formen der griechischen und den
einfach menschlichen Begriffen der roemischen Religion gibt eine Ahnung der
Schranke, die zwischen diesen Besiegten und ihren Siegern stand. Daran hingen
weiter sehr bedenkliche praktische Konsequenzen: ein umfassender Geheimmittel-
und Zauberkram, bei dem die Priester zugleich die Aerzte spielten und wo neben
dem Besprechen und Besegnen auch Menschenopfer und Krankenheilung durch das
Fleisch der also Geschlachteten vorkam. Dass direkte Opposition gegen die
Fremdherrschaft in dem Druidentum dieser Zeit gewaltet hat, laesst sich
wenigstens nicht erweisen; aber auch, wenn dies nicht der Fall war, ist es wohl
begreiflich, dass die roemische Regierung, welche sonst alle oertlichen
Besonderheiten der Gottesverehrung mit gleichgueltiger Duldung gewaehren liess,
diesem Druidenwesen nicht bloss in seinen Ausschreitungen, sondern ueberhaupt
mit Apprehension gegenueberstand. Die Einrichtung des gallischen Jahrfestes in
der rein roemischen Landeshauptstadt und unter Ausschluss aller Anknuepfung an
den nationalen Kultus ist offenbar ein Gegenzug der Regierung gegen die alte
Landesreligion mit ihrem jaehrlichen Priesterkonzil in Chartres, dem Mittelpunkt
des gallischen Landes. Unmittelbar aber ging Augustus gegen das Druidentum nicht
weiter vor, als dass er jedem roemischen Buerger die Beteiligung an dem
gallischen Nationalkult untersagte. Tiberius in seiner energischeren Weise griff
durch und verbot dieses Priestertum mit seinem Anhang von Lehrern und
Heilkuenstlern ueberhaupt; aber es spricht nicht gerade fuer den praktischen
Erfolg dieser Verfuegung, dass dasselbe Verbot abermals unter Claudius erging -
von diesem wird erzaehlt, dass er einen vornehmen Gallier lediglich deshalb
koepfen liess, weil er ueberwiesen ward, fuer guten Erfolg bei Verhandlungen vor
dem Kaiser das landuebliche Zaubermittel in Anwendung gebracht zu haben. Dass
die Besetzung Britanniens, welches von alters her der Hauptsitz dieses
Priestertreibens gewesen war, zum guten Teil beschlossen ward, um damit dieses
an der Wurzel zu fassen, wird weiterhin ausgefuehrt werden. Trotz alledem hat
noch in dem Abfall, den die Gallier nach dem Sturz der claudischen Dynastie
versuchten, dies Priestertum eine bedeutende Rolle gespielt; der Brand des
Kapitols, so predigten die Druiden, verkuende den Umschwung der Dinge und den
Beginn der Herrschaft des Nordens ueber den Sueden. Indes wenn auch dies Orakel
spaeterhin in Erfuellung ging, durch diese Nation und zugunsten ihrer Priester
ist es nicht geschehen. Die Besonderheiten der gallischen Gottesverehrung haben
wohl auch spaeter noch ihre Wirkung geuebt; als im dritten Jahrhundert fuer
einige Zeit ein gallisch-roemisches Sonderreich ins Leben trat, spielt auf
dessen Muenzen die erste Rolle der Herkules, teils in seiner griechisch-
roemischen Gestalt, teils auch als gallischer Deusoniensis oder Magusanus. Von
den Druiden aber ist nur noch etwa insofern die Rede, als die klugen Frauen in
Gallien bis in die diocletianische Zeit unter dem Namen der Druidinnen gehen und
orakeln, und dass die alten adligen Haeuser noch lange nachher in ihrer
Ahnenreihe sich druidischer Altvordern beruehmen. Wohl rascher noch als die
Landessprache ging die Landesreligion zurueck und das eindringende Christentum
hat kaum noch an dieser ernstlichen Widerstand gefunden.
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^18 Die zweite Berner Glosse zu Lucan 1, 445, die den Teutates richtig zum
Mars macht und auch sonst glaubwuerdig scheint, sagt von ihm: Hesum Mercurium
credunt, si quidem a mercatoribus colitur.
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Das suedliche Gallien, mehr als irgendeine andere Provinz durch seine Lage
jedem feindlichen Angriff entzogen und gleich Italien und Andalusien ein Land
der Olive und der Feige, gedieh unter dem Kaiserregiment zu hohem Wohlstand und
reicher staedtischer Entwicklung. Das Amphitheater und das Sarkophagfeld von
Arles, der "Mutter ganz Galliens", das Theater von Orange, die in und bei Nimes
noch heute aufrecht stehenden Tempel und Bruecken sind davon bis in die
Gegenwart lebendige Zeugen. Auch in den noerdlichen Provinzen stieg der alte
Wohlstand des Landes weiter durch den dauernden Frieden, der, allerdings mit dem
dauernden Steuerdruck, durch die Fremdherrschaft in das Land kam. "In Gallien",
sagt ein Schriftsteller der vespasianischen Zeit, "sind die Quellen des
Reichtums heimisch und ihre Fuelle stroemt ueber die ganze Erde ^19." Vielleicht
nirgends sind gleich zahlreiche und gleich praechtige Landhaeuser zum Vorschein
gekommen, vor allen Dingen im Osten Galliens, am Rhein und seinen Zufluessen;
man erkennt deutlich den reichen gallischen Adel. Beruehmt ist das Testament des
vornehmen Lingonen, welcher anordnet, ihm das Grabdenkmal und die Bildsaeule aus
italischem Marmor oder bester Bronze zu errichten und unter anderem sein
saemtliches Geraet fuer Jagd und Vogelfang mit ihm zu verbrennen - es erinnert
dies an die anderweitig erwaehnten, meilenlangen eingefriedigten Jagdparks im
Keltenland und an die hervorragende Rolle, welche die keltischen Jagdhunde und
keltische Waidmannsart bei dem Xenophon der hadrianischen Zeit spielen, welcher
nicht verfehlt hinzuzufuegen, dass dem Xenophon, des Gryllos Sohn, das Jagdwesen
der Kelten nicht habe bekannt sein koennen. Nicht minder gehoert in diesen
Zusammenhang die merkwuerdige Tatsache, dass in dem roemischen Heerwesen der
Kaiserzeit die Kavallerie eigentlich keltisch ist, nicht bloss insofern diese
vorzugsweise aus Gallien sich rekrutiert, sondern auch, indem die Manoever und
selbst die technischen Ausdruecke zum guten Teil den Kelten entlehnt sind; man
erkennt hier, wie nach dem Hinschwinden der alten Buergerreiterei unter der
Republik die Kavallerie durch Caesar und Augustus mit gallischen Mannschaften
und in gallischer Weise reorganisiert worden ist. Die Grundlage dieses vornehmen
Wohlstandes war der Ackerbau, auf dessen Hebung auch Augustus selbst energisch
hinwirkte und der in ganz Gallien, etwa abgesehen von der Steppengegend an der
aquitanischen Kueste, reichen Ertrag gab. Eintraeglich war auch die Viehzucht,
besonders im Norden, namentlich die Zucht von Schweinen und Schafen, welche bald
fuer die Industrie und die Ausfuhr von Bedeutung wurden - die menapischen
Schinken (aus Flandern) und die atrebatischen und nervischen Tuchmaentel (bei
Arras und Tournay) gingen in spaeterer Zeit in das gesamte Reich. Von besonderem
Interesse ist die Entwicklung des Weinbaus. Weder das Klima noch die Regierung
waren demselben guenstig. Der "gallische Winter" blieb lange Zeit bei den
Suedlaendern sprichwoertlich; wie denn in der Tat das Roemische Reich nach
dieser Seite hin am weitesten gegen Norden sich ausdehnt. Aber engere Schranken
zog der gallischen Weinkultur die italische Handelskonkurrenz. Allerdings hat
der Gott Dionysos seine Welteroberung ueberhaupt langsam vollbracht und nur
Schritt vor Schritt ist der aus der Halmfrucht bereitete Trank dem Saft der Rebe
gewichen; aber es beruht auf dem Prohibitivsystem, dass in Gallien das Bier sich
wenigstens im Norden als das gewoehnliche geistige Getraenk die ganze Kaiserzeit
hindurch behauptete und noch Kaiser Julianus bei seinem Aufenthalt in Gallien
mit diesem falschen Bacchus in Konflikt kam ^20. So weit freilich, wie die
Republik, welche den Wein- und Oelbau an der gallischen Suedkueste polizeilich
untersagte, ging das Kaiserregiment nicht; aber die Italiener dieser Zeit waren
doch die rechten Soehne ihrer Vaeter. Die Bluete der beiden grossen
Rhoneemporien Arles und Lyon beruhte zu einem nicht geringen Teil auf dem
Vertrieb des italienischen Weins nach Gallien; daran mag man ermessen, welche
Bedeutung der Weinbau damals fuer Italien selbst gehabt haben muss. Wenn einer
der sorgfaeltigsten Verwalter, die das Kaiseramt gehabt hat, Domitianus, den
Befehl erliess, in saemtlichen Provinzen mindestens die Haelfte der Rebstoecke
zu vertilgen ^21, was freilich so nicht zur Ausfuehrung kam, so darf daraus
geschlossen werden, dass die Ausbreitung des Weinbaus allerdings von Regierungs
wegen ernstlich eingeschraenkt ward. Noch in augustischer Zeit war er in dem
noerdlichen Teil der narbonensischen Provinz unbekannt, und wenn er auch hier
bald in Aufnahme kam, scheint er doch durch Jahrhunderte auf die Narbonensis und
das suedliche Aquitanien beschraenkt geblieben zu sein; von gallischen Weinen
kennt die bessere Zeit nur den allobrogischen und den biturigischen, nach
unserer Redeweise den Burgunder und den Bordeaux ^22. Erst als die Zuegel des
Reiches den Haenden der Italiener entfielen, im Laufe des dritten Jahrhunderts,
aenderte sich dies, und Kaiser Probus (276-282) gab endlich den Provinzialen den
Weinbau frei. Wahrscheinlich erst infolgedessen hat die Rebe festen Fuss gefasst
an der Seine wie an der Mosel. "Ich habe", schreibt Kaiser Julianus, "einen
Winter" (es war der von 357 auf 358) "in dem lieben Lutetia verlebt, denn so
nennen die Gallier das Staedtchen der Pariser, eine kleine Insel im Flusse
gelegen und rings ummauert; das Wasser ist dort trefflich und rein zu schauen
und zu trinken. Die Einwohner haben einen ziemlich milden Winter, und es waechst
bei ihnen guter Wein; ja einige ziehen sogar auch Feigen, indem sie sie im
Winter mit Weizenstroh wie mit einem Rocke zudecken." Und nicht viel spaeter
schildert dann der Dichter von Bordeaux in der anmutigen Beschreibung der Mosel,
wie die Weinberge diesen Fluss an beiden Ufern einfassen, "gleich wie die
eigenen Reben mir kraenzen die gelbe Garonne".
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^19 Ios. bel. Iud. 2, 16, 4. Ebenda sagt Koenig Agrippa zu seinen Juden, ob
sie sich etwa einbildeten, reicher zu sein als die Gallier, tapferer als die
Germanen, klueger als die Hellenen. Damit stimmen alle anderen Zeugnisse
ueberein. Nero vernimmt den Aufstand nicht ungern occasione nata spoliandarum
iure belli opulentissimarum provinciarum (Suet. Nero 40; Plut. Galba 5); die dem
Insurgentenheer des Vindex abgenommene Beute ist unermesslich (Tac. hist. 1,
51). Tacitus (hist. 3, 46) nennt die Haeduer pecunia dites et voluptatibus
opulentos. Nicht mit Unrecht sagt der Feldherr Vespasians zu den abgefallenen
Galliern bei Tacitus (bist. 4, 74); regna bellaque per Gallias semper fuere,
donec in nostrum ius concederetis; nos quamquam totiens lacessiti iure victoriae
id solum vobis addidimus quo pacem tueremur, nam neque quies gentium sine armis
neque arma sine stipendiis neque stipendia sine tributis haberi queunt. Die
Steuern drueckten wohl schwer, aber nicht so schwer wie der alte Fehde- und
Faustrechtzustand.
^20 Sein Epigramm 'Auf den Gerstenwein' ist erhalten (AP 9, 368):
Tis pothen eis, Dionyse? Ma gar ton al/e/thea Bakchon
s?s' epigign/o/sk/o/. ton Dios oida monon
keinos nektar od/o/de. s? de tragoy. /e/ ra se Keltoi
t/e/ peni/e/ botr?/o/n te?xan ap' astach?/o/n.
t/o/ se chr/e/ kaleein D/e/m/e/trion, oy Dionyson
pyrsgen/e/ mallon kai bromon, oy Bromion.
Du, Dionysos, von wo kommst du? Bei dem richtigen Bacchus!
Ich erkenne dich nicht; Zeus Sohn kenn' ich allein.
Jener duftet nach Nektar; du riechst nach dem Bocke. Die Kelten,
Denen die Rebe versagt, braueten dich aus dem Halm,
Scheuer-, nicht Feuersohn, Erdkind, nicht Kind dich des Himmels,
Nur fuer das Futtern gemacht, nicht fuer den lieblichen Trunk.
Auf einem in Paris gefundenen irdenen Ring (Mowat im Bulletin epigraphique
de la Gaule 2, S. 110; 3, S. 133), der hohl und zum Fuellen der Becher
eingerichtet ist, sagt der Trinkende zu dem Wirt: copo, conditu(m) [cnoditu ist
Schreibfehler] abes; est reple(n)da - Wirt, du hast mehr im Keller; die Flasche
ist leer, und zu der Kellnerin: ospita, reple, lagona(m) cervesa - Maedchen,
fuelle die Flasche mit Bier.
^21 Suet. Dom. 7. Wenn als Grund angegeben ward, dass die hohen Kornpreise
durch das Umwandeln des Ackerlandes in Weinberge veranlasst seien, so war das
natuerlich ein auf den Unverstand des Publikums berechneter Vorwand.
^22 Wenn noch V. Hehn (Kulturpflanzen und Haustiere. Berlin 1870, S. 76)
fuer den Weinbau der Arverner und der Sequaner ausserhalb der Narbonensis sich
auf Plinius (nat. 14, 1, 18) beruft, so folgt er beseitigten
Textinterpolationen. Es ist moeglich, dass das straffere kaiserliche Regiment in
den "drei Gallien" den Weinbau mehr zurueckhielt als das schlaffe senatorische
in der Narbonensis.
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Der innere Verkehr so wie der mit den Nachbarlaendern, besonders mit
Italien, muss ein sehr reger gewesen sein und das Strassennetz entwickelt und
gepflegt. Die grosse Reichsstrasse von Rom nach der Muendung des Baetis, deren
bei Spanien gedacht ward, war die Hauptader fuer den Landhandel der Suedprovinz;
die ganze Strecke, in republikanischer Zeit von den Alpen bis zur Rhone durch
die Massalioten, von da bis zu den Pyrenaeen durch die Roemer instand gehalten,
wurde von Augustus neu chaussiert. Im Norden fuehrten die Reichsstrassen
hauptsaechlich teils nach der gallischen Hauptstadt, teils nach den grossen
Rheinlagern; doch scheint auch ausserdem fuer die uebrige Kommunikation in
ausreichender Weise gesorgt gewesen zu sein.
Wenn die Suedprovinz in der aelteren Zeit auf dem geistigen Gebiet zu dem
hellenischen Kreise gehoerte, so hat der Rueckgang von Massalia und das
gewaltige Vordringen des Roemertums im suedlichen Gallien darin freilich eine
Aenderung herbeigefuehrt; dennoch aber ist dieser Teil Galliens immer, wie
Kampanien, ein Sitz hellenischen Wesens geblieben. Dass Nemausus, eine der
Teilerben von Massalia, auf seinen Muenzen aus augustischer Zeit alexandrinische
Jahreszahlen und das Wappen Aegyptens zeigt, ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit
darauf bezogen worden, dass durch Augustus selbst in dieser, dem Griechentum
nicht fremd gegenueberstehenden Stadt Veteranen aus Alexandreia angesiedelt
worden sind. Es darf wohl auch mit dem Einfluss Massalias in Verbindung gebracht
werden, dass dieser Provinz, wenigstens der Abstammung nach, derjenige
Historiker angehoerte, welcher, es scheint im bewussten Gegensatz zu der
nationalroemischen Geschichtschreibung und gelegentlich mit scharfen Ausfaellen
gegen deren namhafteste Vertreter, Sallustius und Livius, die hellenische
vertrat, der Vocontier Pompeius Trogus, Verfasser einer von Alexander und den
Diadochenreichen ausgehenden Weltgeschichte, in welcher die roemischen Dinge nur
innerhalb dieses Rahmens oder anhangsweise dargestellt werden. Ohne Zweifel gab
er damit nur wieder, was eigentlich der literarischen Opposition des Hellenismus
angehoerte; immer bleibt es bemerkenswert, dass diese Tendenz ihren lateinischen
Vertreter, und einen geschickten und sprachgewandten Vertreter, hier in
augustischer Zeit fand. Aus spaeterer ist erwaehnenswert Favorinus, aus einem
angesehenen Buergerhaus von Arles, einer der Haupttraeger der Polymathie der
hadrianischen Zeit; Philosoph mit aristotelischer und skeptischer Tendenz,
daneben Philolog und Kunstredner, Schueler des Dion von Prusa, Freund des
Plutarchos und des Herodes Atticus, polemisch auf dem wissenschaftlichen Gebiet