oder so gut wie allgemein machen ^11. Wirklich gab es unter den 293 augustischen
Gemeinden der Provinz von Tarraco 114, unter den 275 des zweiten Jahrhunderts
nur 27 nicht staedtische Gemeinden.
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^10 Diese merkwuerdigen Ordnungen erhellen namentlich aus den spanischen
Ortsverzeichnissen bei Plinius, und sind von Detlefsen (Philologus 32, 1878, S.
606f.) gut dargelegt worden. Die Terminologie freilich ist schwankend. Da die
Bezeichnungen civitas, populus, gens der selbstaendigen Gemeinde eigen sind,
kommen sie von Rechts wegen diesen Teilen zu; also wird zum Beispiel gesprochen
von den X civitates der Autrigonen, den XXII populi der Asturer, der gens
Zoelarum (CIL II, 2633), welche eben eine dieser 22 Voelkerschaften ist. Das
merkwuerdige Dokument, das wir von diesen Zoelae besitzen (CIL II, 2633) lehrt,
dass diese gens wieder in gentilitates zerfiel, welche letzteren auch selbst
gentes hiessen, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Eph. epigr. II, p.
243) beweisen. Es findet sich auch civis in Beziehung auf einen der
kantabrischen populi (Eph. epigr. II p. 243). Aber auch fuer den groesseren Gau,
der ja einstmals die politische Einheit war, gibt es andere Bezeichnungen nicht
als diese eigentlich retrospektive und inkorrekte; namentlich gens wird dafuer
selbst im technischen Stil verwendet (z. B. CIL II, 4233: Intercat(iensis) ex
gente Vaccaeorum). Dass das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Distrikten
ruht, nicht auf den Gauen, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch
daraus, dass Plinius (3, 3, 18) jenen 293 Ortschaften die civitates contributae
aliis gegenueberstellt; ferner zeigt es der Beamte at census accipiendos
civitatium XXIII Vasconum et Vardulorum (CIL VI, 1463) verglichen mit dem censor
civitates Remorum foederatae (CIL XI, 1855 vgl. 2607).
^11 Da die latinische Gemeindeverfassung fuer eine nicht staedtisch
organisierte Gemeinde nicht passt, so muessen diejenigen spanischen, welche noch
nach Vespasian der staedtischen Organisation entbehrten, entweder von der
Verleihung des latinischen Rechts ausgeschlossen oder fuer sie besondere
Modifikationen eingetreten sein. Das letztere duerfte mehr Wahrscheinlichkeit
haben. Latinische Namensform zeigen nachvespasianische Inschriften auch der
gentes, wie CIL II, 2633 und Eph. epigr. II, 322; und wenn einzelne aus dieser
Zeit sich finden sollten mit nichtroemischen Namen, so wird immer noch zu fragen
sein, ob hier nicht bloss faktische Vernachlaessigung zugrunde liegt. Indizien
nichtroemischer Gemeindeordnung, in den sparsamen sicher vorvespasianischen
Inschriften verhaeltnismaessig haeufig (CIL II, 172, 1953, 2633, 5048), sind mir
in sicher nachvespasianischen nicht vorgekommen.
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Ueber die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu sagen. Bei
der Aushebung haben die spanischen Provinzen eine hervorragende Rolle gespielt.
Die daselbst garnisonierenden Legionen sind wahrscheinlich seit dem Anfang des
Prinzipats vorzugsweise im Lande selbst ausgehoben worden; als spaeterhin
einerseits die Besatzung vermindert ward, andererseits die Aushebung mehr und
mehr auf den eigentlichen Garnisonsbezirk sich beschraenkte, hat die Baetica,
auch hierin das Los Italiens teilend, das zweifelhafte Glueck genossen,
gaenzlich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auxiliare Aushebung,
welcher namentlich die in der staedtischen Entwicklung zurueckgebliebenen
Landschaften unterlagen, ist in Lusitanien, Callaekien, Asturien, nicht minder
im ganzen noerdlichen und inneren Spanien in grossem Massstab durchgefuehrt
worden; Augustus, dessen Vater sogar seine Leibwache aus Spaniern gebildet
hatte, hat abgesehen von der Belgica in keinem der ihm unterstellten Gebiete so
umfassend rekrutiert wie in Spanien.
Fuer die Finanzen des Staates ist dies reiche Land ohne Zweifel eine der
sichersten und ergiebigsten Quellen gewesen; Naeheres ist darueber nicht
ueberliefert.
Auf die Bedeutung des Verkehrs dieser Provinzen gestattet die Fuersorge der
Regierung fuer das spanische Strassenwesen einigermassen einen Schluss. Zwischen
den Pyrenaeen und Tarraco haben sich roemische Meilensteine schon aus der
letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine andere Provinz des
Okzidents aufweist. Dass Augustus und Tiberius den Strassenbau in Spanien
hauptsaechlich aus militaerischen Ruecksichten foerderten, ist schon bemerkt
worden; aber die bei Karthago nova von Augustur gebaute Strasse kann nur des
Verkehrs wegen angelegt sein, und hauptsaechlich dem Verkehr diente auch die von
ihm benannte und teilweise regulierte, teilweise neu angelegte durchgehende
Reichsstrasse ^12, welche, die italisch-gallische Kuestenstrasse fortfuehrend
und die Pyrenaeen bei dem Pass von Puycerda ueberschreitend, von da nach Tarraco
ging, dann ueber Valentia hinaus bis zur Muendung des Jucar ungefaehr der Kueste
folgte, von da aber quer durch das Binnenland das Tal des Baetis aufsuchte,
sodann von dem Augustusbogen an, der die Grenze der beiden Provinzen bezeichnete
und mit dem eine neue Milienzaehlung anhob, durch die Provinz Baetica bis an die
Muendung des Flusses lief und also Rom mit dem Ozean verband. Dies ist
allerdings die einzige Reichsstrasse in Spanien. Spaeter hat die Regierung fuer
die Strassen Spaniens nicht viel getan; die Kommunen, welchen dieselben bald
wesentlich ueberlassen wurden, scheinen, soviel wir sehen, abgesehen von dem
inneren Hochplateau, ueberall die Kommunikationen in dem Umfang hergestellt zu
haben, wie der Kulturstand der Provinz sie verlangte. Denn gebirgig wie Spanien
ist, und nicht ohne Steppen und Oedland, gehoert es doch zu den ertragreichsten
Laendern der Erde, sowohl durch die Fuelle der Bodenfrucht wie durch den
Reichtum an Wein und Oel und an Metallen. Hinzu trat frueh die Industrie,
vorzugsweise in Eisenwaren und in wollenen und leinenen Geweben. Bei den
Schaetzungen unter Augustus hatte keine roemische Buergergemeinde, Patavium
ausgenommen, eine solche Anzahl von reichen Leuten aufzuweisen wie das spanische
Gades mit seinen durch die ganze Welt verbreiteten Grosshaendlern; und dem
entsprach die raffinierte Ueppigkeit der Sitten, die dort heimischen
Kastagnettenschlaegerinnen und die den eleganten Roemern gleich dem
alexandrinischen gelaeufigen gaditanischen Lieder. Die Naehe Italiens und der
bequeme und billige Seeverkehr gaben fuer diese Epoche besonders der spanischen
Sued- und Ostkueste die Gelegenheit, ihre reichen Produkte auf den ersten Markt
der Welt zu bringen, und wahrscheinlich hat Rom mit keinem Lande der Welt einen
so umfassenden und stetigen Grosshandel betrieben wie mit Spanien.
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^12 Die Richtung der via Augusta gibt Strabon (3, 4, 9 p. 160) an; ihr
gehoeren alle Meilensteine an, die jenen Namen haben, sowohl die aus der Gegend
von Lerida (CIL II, 4920-4928) wie die zwischen Tarragona und Valencia
gefundenen (das. 4949-4954), wie endlich die zahlreichen ab Iano Augusto, qui
est ad Baetem oder ab arcu, unde incipit Baetica, ad oceanum.
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Dass die roemische Zivilisation Spanien frueher und staerker durchdrungen
hat als irgendeine andere Provinz, bestaetigt sich nach verschiedenen Seiten,
insbesondere in dem Religionswesen und in der Literatur.
Zwar in dem noch spaeter iberischen, von Einwanderung ziemlich
freigebliebenen Gebiet, in Lusitanien, Callaekien, Asturien, haben die
einheimischen Goetter mit ihren seltsamen, meist auf -icus und -ecus ausgehenden
Namen, der Endovellicus, der Eaecus, Vagodonnaegus und wie sie weiter heissen,
auch unter dem Prinzipat noch sich in den alten Staetten behauptet. Aber in der
ganzen Baetica ist nicht ein einziger Votivstein gefunden worden, der nicht
ebensogut auch in Italien haette gesetzt sein koennen; und von der eigentlichen
Tarraconensis gilt dasselbe, nur dass von dem keltischen Goetterwesen am oberen
Duero vereinzelte Spuren begegnen ^13. Eine gleich energische sakrale
Romanisierung weist keine andere Provinz auf.
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^13 In Clunia ist eine Dedikation an die Muetter gefunden (CIL II, 2776) -
die einzige spanische dieses bei den westlichen Kelten so weit verbreiteten und
so lange anhaltenden Kults -, in Uxama eine den Lugoves gesetzte (das. 2818),
welche Gottheit bei den Kelten von Aventicum wiederkehrt.
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Die lateinischen Poeten in Corduba nennt Cicero nur, um sie zu tadeln; und
das augustische Zeitalter der Literatur ist auch noch wesentlich das Werk der
Italiener, wenngleich einzelne Provinzialen daran mithalfen und unter anderen
der gelehrte Bibliothekar des Kaisers, der Philolog Hyginus, als Unfreier in
Spanien geboren war. Aber von da an uebernahmen die Spanier darin fast die Rolle
wenn nicht des Fuehrers, so doch des Schulmeisters. Die Cordubenser Marcus
Porcius Latro, der Lehrer und das Muster Ovids, und sein Landsmann und
Jugendfreund Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Dezennium juenger als Horaz,
aber laengere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Beredsamkeit taetig, bevor
sie ihre Lehrtaetigkeit nach Rom verlegten, sind recht eigentlich die Vertreter
der die republikanische Redefreiheit und Redefrechheit abloesenden
Schulrhetorik. Als der erstere einmal in einem wirklichen Prozess aufzutreten
nicht umhin konnte, blieb er mit seinem Vortrag stecken und kam erst wieder in
Fluss, als das Gericht dem beruehmten Mann zu Gefallen vom Tribunal weg in den
Schulsaal verlegt ward. Auch Senecas Sohn, der Minister Neros und der
Modephilosoph der Epoche, und sein Enkel, der Poet der Gesinnungsopposition
gegen den Prinzipat, Lucanus, haben eine literarisch ebenso zweifelhafte wie
geschichtlich unbestreitbare Bedeutung, die doch auch in gewissem Sinn Spanien
zugerechnet werden darf. Ebenfalls in der fruehen Kaiserzeit haben zwei andere
Provinzialen aus der Baetica, Mela unter Claudius, Columella unter Nero, jener
durch seine kurze Erdbeschreibung, dieser durch eine eingehende, zum Teil auch
poetische Darstellung des Ackerbaus einen Platz unter den anerkannten
stilisierenden Lehrschriftstellern gewonnen. Wenn in der domitianischen Zeit der
Poet Canius Rufus aus Gades, der Philosoph Decianus aus Emerita und der Redner
Valerius Licinianus aus Bilbilis (Calatayud, unweit Saragossa) als literarische
Groessen neben Vergil und Catull und neben den drei cordubensischen Sternen
gefeiert werden, so geschieht dies allerdings ebenfalls von einem Bilbilitaner,
Valerius Martialis ^14, welcher selbst an Feinheit und Mache, freilich aber auch
an Feilheit und Leere unter den Dichtern dieser Epoche keinem weicht, und man
wird mit Recht dabei die Landsmannschaft in Anrechnung bringen; doch zeigt schon
die blosse Moeglichkeit, einen solchen Dichterstrauss zu binden, die Bedeutung
des spanischen Elements in der damaligen Literatur. Aber die Perle der spanisch-
lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius Quintilianus (35 bis 95) aus
Calagurris am Ebro. Schon sein Vater hatte als Lehrer der Beredsamkeit im Rom
gewirkt; er selbst wurde durch Galba nach Rom gezogen und nahm, namentlich unter
Domitian, als Erzieher der kaiserlichen Neffen eine angesehene Stellung ein.
Sein Lehrbuch der Rhetorik und bis zu einem Grade der roemischen
Literaturgeschichte ist eine der vorzueglichsten Schriften, die wir aus dem
roemischen Altertum besitzen, von feinem Geschmack und sicherem Urteil getragen,
einfach in der Empfindung wie in der Darstellung, lehrhaft ohne Langweiligkeit,
anmutig ohne Bemuehung, in scharfem und bewusstem Gegensatz zu der
phrasenreichen und gedankenleeren Modeliteratur. Nicht am wenigsten ist es sein
Werk, dass die Richtung sich, wenn nicht besserte, so doch aenderte. Spaeterhin
tritt in der allgemeinen Nichtigkeit der Einfluss der Spanier nicht weiter
hervor. Was bei ihrer lateinischen Schriftstellerei geschichtlich besonders ins
Gewicht faellt, ist das vollstaendige Anschmiegen dieser Provinzialen an die
literarische Entwicklung des Mutterlandes. Cicero freilich spottet ueber das
Ungeschick und die Provinzialismen der spanischen Dichtungsbeflissenen; und noch
Latros Latein fand nicht den Beifall des roemisch geborenen, ebenso vornehmen
wie korrekten Messalla Corvinus. Aber nach der augustischen Zeit wird nichts
Aehnliches wieder vernommen. Die gallischen Rhetoren, die grossen afrikanischen
Kirchenschriftsteller sind auch als lateinische Schriftsteller einigermassen
Auslaender geblieben; die Seneca und Martialis wuerde an ihrem Wesen und
Schreiben niemand als solche erkennen; an inniger Liebe zu der eigenen Literatur
und an feinem Verstaendnis derselben hat nie ein Italiener es dem
calagurritanischen Sprachlehrer zuvorgetan.
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^14 Die Hinkejamben (1, 61) lauten:
Hoch schaetzt des feinen Dichters Lieder Verona;
Des Ivlaro freut sich Mantua.
Pataviums grosser Livius macht der Stadt Ruhm aus
Und Stella wie ihr Flaccus auch.
Apollodoren rauscht Beifall des Nils Woge;
Von Nasos Ruhm ist Sulmo voll.
Die beiden Seneca und den einzigen Lucanus
Ruehmt das beredte Corduba.
Das lustige Gades wird den Canius sein nennen,
Emerita meinen Decian.
Also wird unser Bilbilis auf dich stolz sein,
Licinian, und auch auf mich.
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3. Kapitel
Die gallischen Provinzen
Wie Spanien war auch das suedliche Gallien bereits in republikanischer Zeit
ein Teil des Roemischen Reiches geworden, jedoch weder so frueh noch so
vollstaendig wie jenes. Die beiden spanischen Provinzen sind in der
hannibalischen, die Provinz Narbo in der gracchischen Zeit eingerichtet worden;
und wenn dort Rom die ganze Halbinsel an sich nahm, so begnuegte es sich hier
nicht bloss bis in die letzte Zeit der Republik mit dem Besitz der Kueste,
sondern es nahm auch von dieser unmittelbar nur die kleinere und die entferntere
Haelfte. Nicht mit Unrecht bezeichnete die Republik diesen ihren Besitz als das
Stadtgebiet Narbo (Narbonne); der groessere Teil der Kueste, etwa von
Montpellier bis Nizza, gehoerte der Stadt Massalia. Diese Griechengemeinde war
mehr ein Staat als eine Stadt, und das von alters her bestehende gleiche
Buendnis mit Rom erhielt durch ihre Machtstellung eine reale Bedeutung, wie sie
bei keiner zweiten Bundesstadt je vorgekommen ist. Freilich waren
nichtsdestoweniger die Roemer fuer diese benachbarten Griechen, mehr noch als
fuer die entfernteren des Ostens, der Schild wie das Schwert. Die Massalioten
hatten wohl das untere Rhonegebiet bis nach Avignon hinauf in ihrem Besitz; aber
die ligurischen und die keltischen Gaue des Binnenlandes waren ihnen keineswegs
botmaessig, und das roemische Standlager bei Aquae Sextiae (Aix), einen
Tagemarsch nordwaerts von Massalia, ist recht eigentlich zum dauernden Schutz
der reichen griechischen Kaufstadt eingerichtet worden. Es war eine der
schwerwiegendsten Konsequenzen des roemischen Buergerkrieges, dass mit der
legitimen Republik zugleich ihre treueste Verbuendete, die Stadt Massalia,
politisch vernichtet, aus einem mitherrschenden Staat umgewandelt ward in eine
auch ferner reichsfreie und griechische, aber ihre Selbstaendigkeit und ihren
Hellenismus in den bescheidenen Verhaeltnissen einer provinzialen Mittelstadt
bewahrende Gemeinde. In politischer Hinsicht ist nach der Einnahme im
Buergerkrieg nicht weiter von Massalia die Rede; die Stadt ist fortan nur fuer
Gallien, was Neapolis fuer Italien, das Zentrum griechischer Bildung und
griechischer Lehre. Insofern als der groessere Teil der spaeteren Provinz Narbo
erst damals unter unmittelbare roemische Verwaltung trat, gehoert auch deren
Einrichtung gewissermassen erst dieser Epoche an.
Wie das uebrige Gallien in roemische Gewalt kam, ist auch bereits erzaehlt
worden. Vor Caesars Gallischem Krieg erstreckte die Roemerherrschaft sich
ungefaehr bis nach Toulouse, Vienne und Genf, nach demselben bis an den Rhein in
seinem ganzen Lauf und an die Kuesten des Atlantischen Meeres im Norden wie im
Westen. Allerdings war diese Unterwerfung wahrscheinlich nicht vollstaendig, im
Nordwesten vielleicht nicht viel weniger oberflaechlich gewesen als diejenige
Britanniens. Indes erfahren wir von Ergaenzungskriegen hauptsaechlich nur
hinsichtlich der Distrikte iberischer Nationalitaet. Den Iberern gehoerte nicht
bloss der suedliche, sondern auch der noerdliche Abhang der Pyrenaeen mit deren
Vorland, Bearn, die Gascogne, das westliche Languedoc ^1; und es ist schon
erwaehnt worden, dass, als das nordwestliche Spanien mit den Roemern die letzten
Kaempfe bestand, auch auf der noerdlichen Seite der Pyrenaeen und ohne Zweifel
in Zusammenhang damit, ernsthaft gestritten wurde, zuerst von Agrippa im Jahre
716 (38), dann von Marcus Valerius Messalla, dem bekannten Patron der roemischen
Poeten, welcher im Jahre 726 (28) oder 727 (27), also ungefaehr gleichzeitig mit
dem Kantabrischen Krieg, in dem altroemischen Gebiet unweit Narbonne die
Aquitaner in offener Feldschlacht ueberwand. In Betreff der Kelten wird nichts
weiter gemeldet, als dass kurz vor der Actischen Schlacht die Moriner in der
Picardie niedergeworfen wurden; und wenn auch waehrend des zwanzigjaehrigen,
fast ununterbrochenen Buergerkrieges unsere Berichterstatter die
verhaeltnismaessig unbedeutenden gallischen Angelegenheiten aus den Augen
verloren haben moegen, so beweist doch das Schweigen des hier vollstaendigen
Verzeichnisses der Triumphe, dass keine weiteren militaerischen Unternehmungen
von Bedeutung im Keltenland waehrend dieser Zeit stattgefunden haben. Auch
nachher, waehrend der langen Regierung des Augustus und bei allen, zum Teil
recht bedenklichen Krisen der germanischen Kriege, sind die gallischen
Landschaften botmaessig geblieben. Freilich hat die roemische Regierung sowohl
wie die germanische Patriotenpartei, wie wir gesehen haben, bestaendig in
Rechnung gezogen, dass ein entscheidender Erfolg der Deutschen und deren
Einruecken in Gallien eine Erhebung der Gallier gegen Rom im Gefolge haben
werde; sicher also kann die Fremdherrschaft damals noch keineswegs gestanden
haben. Zu einer wirklichen Insurrektion kam es im Jahre 21 unter Tiberius. Es
bildete sich unter dem keltischen Adel eine weit verzweigte Verschwoerung zum
Sturz des roemischen Regiments. Sie kam vorzeitig zum Ausbruch in den wenig
bedeutenden Gauen der Turoner und der Andecaven an der unteren Loire, und es
wurde sogleich nicht bloss die kleine Lyoner Besatzung, sondern auch ein Teil
der Rheinarmee gegen die Aufstaendischen in Marsch gesetzt. Dennoch schlossen
die angesehensten Distrikte sich an; die Treuerer unter Fuehrung des Iulius
Florus warfen sich haufenweise in die Ardennen; in der unmittelbaren
Nachbarschaft von Lyon erhoben sich unter Fuehrung des Iulius Sacrovir die
Haeduer und die Sequaner. Freilich wurden die geschlossenen Legionen ohne grosse
Muehe der Rebellen Herr; allein der Aufstand, an dem die Germanen sich in keiner
Weise beteiligten, zeigt doch den im Lande und namentlich bei dem Adel damals
noch herrschenden Hass gegen die fremden Gebieter, welcher durch den Steuerdruck
und die Finanznot, die als die Ursachen der Insurrektion bezeichnet werden,
gewiss verstaerkt, aber nicht erst erzeugt war. Eine groessere Leistung der
roemischen Staatskunst, als dass sie Galliens Herr zu werden vermocht hat, ist
es, dass sie verstanden hat, es zu bleiben, und dass Vercingetorix keinen
Nachfolger gefunden hat, obwohl es, wie man sieht, nicht ganz an Maennern
fehlte, die gern den gleichen Weg gewandelt waeren. Erreicht ward dies durch
kluge Verbindung des Schreckens und des Gewinnens, man kann hinzusetzen des
Teilens. Die Staerke und die Naehe der Rheinarmee ist ohne Frage das erste und
das wirksamste Mittel gewesen, um die Gallier in der Furcht des Herrn zu
erhalten. Wenn dieselbe durch das ganze Jahrhundert hindurch auf der gleichen
Hoehe geblieben ist, wie dies in dem folgenden Abschnitt dargelegt werden wird,
so ist dies wahrscheinlich ebenso sehr der eigenen Untertanen wegen geschehen,
als wegen der spaeterhin keineswegs besonders furchtbaren Nachbarn. Dass schon
die zeitweilige Entfernung dieser Truppen die Fortdauer der roemischen
Herrschaft in Frage stellte, nicht weil die Germanen dann den Rhein
ueberschreiten, sondern weil die Gallier den Roemern die Treue aufsagen konnten,
lehrt die Erhebung nach Neros Tod trotz ihrer Haltlosigkeit: nachdem die Truppen
nach Italien abgezogen waren, um ihren Feldherrn zum Kaiser zu machen, wurde in
Trier das selbstaendige Gallische Reich proklamiert und die uebriggebliebenen
roemischen Soldaten auf dieses in Eid und Pflicht genommen. Aber wenn auch diese
Fremdherrschaft, wie jede, auf der uebermaechtigen Gewalt, der Ueberlegenheit
der geschlossenen und geschulten Truppe ueber die Menge zunaechst und
hauptsaechlich beruhte, so beruhte sie doch darauf keineswegs ausschliesslich.
Die Kunst des Teilens ist auch hier erfolgreich angewandt worden. Gallien
gehoerte nicht den Kelten allein; nicht bloss die Iberer waren im Sueden stark
vertreten, sondern auch germanische Staemme am Rhein in betraechtlicher Zahl
angesiedelt und durch ihre hervorragende kriegerische Tuechtigkeit mehr noch als
durch ihre Zahl von Bedeutung. In geschickter Weise wusste die Regierung den
Gegensatz zwischen den Kelten und den linksrheinischen Germanen zu naehren und
auszunutzen. Aber maechtiger wirkte die Politik der Verschmelzung und der
Versoehnung. Welche Massregeln zu diesem Zwecke ergriffen wurden, wird weiterhin
auseinandergesetzt werden; indem die Gauverfassung geschont und selbst eine Art
nationaler Vertretung bewilligt, gegen das nationale Priestertum auch, aber
allmaehlich vorgegangen ward, dagegen die lateinische Sprache von Anfang an
obligatorisch und mit jener nationalen Vertretung die neue Kaiserreligion
verschmolzen wurde, ueberhaupt indem die Romanisierung nicht in schroffer Weise
angefasst, aber vorsichtig und geduldig gefoerdert ward, hoerte die roemische
Fremdherrschaft in dem Keltenland auf, dies zu sein, da die Kelten selber Roemer
wurden und sein wollten. Wie weit die Arbeit bereits nach Ablauf des ersten
Jahrhunderts der Roemerherrschaft in Gallien gediehen war, zeigen die eben
erwaehnten Vorgaenge nach Neros Tod, die in ihrem Gesamtverlauf teils der
Geschichte des roemischen Gemeinwesens, teils den Beziehungen desselben zu den
Germanen angehoeren, aber auch in diesem Zusammenhang wenigstens andeutungsweise
erwaehnt werden muessen. Der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie ging von
einem keltischen Adligen aus und begann mit einer keltischen Insurrektion; aber
es war dies keine Auflehnung gegen die Fremdherrschaft wie die des Vercingetorix
oder noch des Sacrovir, ihr Ziel nicht die Beseitigung, sondern die Umgestaltung
des roemischen Regiments; dass ihr Fuehrer seine Abstammung von einem Bastard
Caesars zu den Adelsbriefen seines Geschlechts zaehlte, drueckt den halb
nationalen, halb roemischen Charakter dieser Bewegung deutlich aus. Einige
Monate spaeter proklamierten allerdings, nachdem die abgefallenen roemischen
Truppen germanischer Herkunft und die freien Germanen fuer den Augenblick die
roemische Rheinarmee ueberwaeltigt hatten, einige keltische Staemme die