Fremdherrschaft erloest hatte, der dann in siebenjaehrigem Kampfe fuer die

wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat gewesen war, der nicht bloss Leib

und Leben, sondern auch Weib und Kind fuer seine Nation eingesetzt hatte, um

dann siebenunddreissigjaehrig von Moerderhand zu fallen, diesem Mann gab sein

Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedaechtnis im Heldenlied.

2. Kapitel

Spanien

Die Zufaelligkeiten der aeusseren Politik bewirkten es, dass die Roemer

frueher als in irgendeinem anderen Teil des ueberseeischen Kontinents sich auf

der Pyrenaeischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches staendiges

Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht, wie in Gallien und in

Illyricum, sich darauf beschraenkt, die Kuesten des italischen Meeres zu

unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach dem Vorgang der Barkiden, die

Eroberung der ganzen Halbinsel in das Auge gefasst. Mit den Lusitanern (in

Portugal und Estremadura) hatten die Roemer gestritten, seit sie sich Herren von

Spanien nannten; die "entferntere Provinz" war recht eigentlich gegen diese und

zugleich mit der naeheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden

ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Roemern botmaessig; kurz vor

derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spaetere Diktator Caesar die

roemischen Waffen bis nach Brigantium (Coruna) getragen und die Zugehoerigkeit

dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue befestigt. Es haben dann

in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in

Nordspanien niemals geruht: nicht weniger als sechs Statthalter haben in dieser

kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung

des suedlichen Abhangs der Pyrenaeen vorzugsweise in diese Epoche ^1. Die Kriege

mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des Gebirges, die in die

gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im Jahre 727 (27) siegreich zu

Ende ging, werden damit in Zusammenhang stehen. Bei der Reorganisation der

Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die Halbinsel an Augustus, weil dort

ausgedehnte militaerische Operationen in Aussicht genommen waren und sie einer

dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das suedliche Drittel der entfernteren

Provinz, seitdem benannt vom Baetisfluss (Guadalquivir), dem Regiment des Senats

bald zurueckgegeben wurde ^2, blieb doch der bei weitem groessere Teil der

Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der groessere Teil der

entfernteren Provinz, Lusitanien und Callaekien ^3, wie die ganze grosse

naehere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich Augustus

persoenlich nach Spanien, um in zweijaehrigem Aufenthalt (728, 729 26, 25) die

neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch nicht botmaessigen

Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus, und es wurde damals

ueberhaupt der Sitz der Regierung der naeheren Provinz von Neukarthago nach

Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese Provinz auch seitdem gewoehnlich

genannt wird. Wenn es einerseits notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung

nicht von der Kueste zu entfernen, so beherrschte andererseits die neue

Hauptstadt das Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den

Pyrenaeen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem

die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich hartnaeckig

in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue ueberliefen, zog sich mit

Unterbrechungen, die die Roemer Siege nannten, der schwere und verlustvolle

Krieg acht Jahre hin, bis es endlich Agrippa gelang, durch Zerstoerung der

Bergstaedte und Verpflanzung der Bewohner in die Taeler den offenen Widerstand

zu brechen.

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^1 Es triumphierten ueber Spanien, abgesehen von dem wohl politischen

Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul 714 40), im

Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38), zwischen 720 (34) und 725

(29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und Appius Claudius Pulcher (Konsul

716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728

(26) Sex. Appuleius (Konsul 725 29). Die Schriftsteller erwaehnen nur den Sieg,

den Calvinus ueber die Cerretaner (bei Puycerda in den oestlichen Pyrenaeen)

erfocht (Dio 48, 42; vgl. Vell. 2, 78 und die Muenze des Sabinus mit Osca,

Eckhel, Bd. 5, S. 203).

^2 Da Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward

(Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen Augustus

Kolonien gegruendet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S. 222), nicht

fueglich unberuecksichtigt geblieben sein kann, so wird die Trennung von

Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem kantabrischen Kriege stattgefunden

haben.

^3 Callaekien ist nicht bloss von der Ulterior aus eingenommen worden,

sondern muss noch in der frueheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehoert

haben, ebenso Asturien anfaenglich zu dieser Provinz geschlagen worden sein.

Sonst ist die Erzaehlung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Carisius, der

Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von Lusitanien, C. Furnius der

der Tarraconensis. Damit stimmt auch die parallele Darstellung bei Florus (epit.

2, 33), denn die Drigaecini der Handschriften sind sicher die Brigaikinoi, die

Ptolemaeos (2, 6, 29) unter den Asturern auffuehrt. Darum fasst auch Agrippa in

seinen Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4, 22,

118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als frueher

Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen Provinzen

erwaehnt Strabon (3, 4, 19, p. 166).

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Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Kueste des Ozeans von

Cadiz bis zur Elbmuendung den Roemern gehorchte, so war in diesem Winkel

derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem Verlass. Zu einer

eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen Spanien noch lange nicht

gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von Kriegszuegen gegen die Asturer die

Rede. Deutlicher noch spricht die Besetzung des Landes, wie Augustus sie

angeordnet hat. Callaekien wurde von Lusitanien getrennt und mit der

tarraconensischen Provinz vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer

Hand zu konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloss damals die einzige gewesen,

welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militaerkommando erhalten

hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei Legionen ^4 dorthin

gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien, und trotz der militaerischen

Bedraengnis in Germanien und in Illyricum ward diese Besatzung nicht vermindert.

Das Hauptquartier ward zwischen der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der

neuen, Asturica Augusta (Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den

Namen fuehrenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens haengen

wahrscheinlich die daselbst in der frueheren Kaiserzeit in bedeutendem Umfange

vorgenommenen Strassenanlagen zusammen, obwohl wir, da die Dislokation dieser

Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist, den Zusammenhang im

einzelnen nicht nachzuweisen vermoegen. So ist von Augustus und Tiberius fuer

die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga) eine Verbindung mit Asturica, das

heisst mit dem grossen Hauptquartier, nicht minder mit den noerdlich,

nordoestlich und suedlich benachbarten Staedten hergestellt worden. Aehnliche

Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasconen und in Kantabrien ^5. Allmaehlich

konnte die Besatzung verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine

zweite anderswo verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert

angesehen, und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische

Besatzung wieder ihre fruehere Staerke; eigentlich reduziert haben sie erst die

Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da an bis in die

diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. gemina und eine gewisse

Zahl von Hilfskontingenten in Leon garnisoniert.

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^4 Es sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina. Die

erste von diesen kam in Folge der durch Claudius' britannische Expedition

veranlassten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die beiden anderen,

obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen noch im Anfang der

Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit ihnen anstatt der 4. die

von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac. hist. 1, 44). Alle drei wurden in

Veranlassung des Bataverkrieges an den Rhein geschickt, und es kam davon nur

eine zurueck. Denn noch im Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin.

paneg. 14; vgl. Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor

dem Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die zweite

muss eine von jenen dreien sein und ist wahrscheinlich die 1. adiutrix, da diese

bald nach dem Jahre 88 an den Donaukriegen Domitians sich beteiligt und unter

Traian in Obergermanien steht, was die Vermutung nahelegt, dass sie eine der

mehreren im Jahre 88 von Spanien nach Obergermanien gefuehrten Legionen gewesen

und bei dieser Veranlassung aus Spanien weggekommen ist. In Lusitanien haben

keine Legionen gestanden.

^5 Bei dem Ort Pisoraca (Herrera am Pisuerga, zwischen Palencia und

Santander), der allein auf Inschriften des Tiberius und des Nero, und zwar als

Ausgangspunkt einer Kaiserstrasse genannt wird (CIL II, 4883, 4884), duerfte das

Lager der kantabrischen Legion gewesen sein, wie bei Leon das asturische. Auch

Augustobriga (westlich von Saragossa) und Complutum (Alcala de Henares,

nordwaerts von Madrid) werden nicht ihrer staedtischen Bedeutung wegen, sondern

als Truppenlager Reichsstrassenzentren gewesen sein.

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Keine Provinz ist unter dem Prinzipat weniger von den aeusseren wie von den

inneren Kriegen beruehrt worden als dieses Land des fernen Westens. Wenn in

dieser Epoche die Truppenkommandos gleichsam die Stelle der rivalisierenden

Parteien uebernahmen, so hat das spanische Heer auch dabei durchaus eine

Nebenrolle gespielt; nur als Helfer seines Kollegen trat Galba in den

Buergerkrieg ein und der blosse Zufall trug ihn an die erste Stelle. Die

vergleichungsweise auch nach der Reduktion noch auffallend starke Besatzung des

Nordwestens der Halbinsel laesst darauf schliessen, dass diese Gegend noch im

zweiten und dritten Jahrhundert nicht vollstaendig botmaessig gewesen ist; indes

vermoegen wir ueber die Verwendung der spanischen Legion innerhalb der Provinz,

die sie besetzt hielt, nichts Bestimmtes anzugeben. Der Krieg gegen die

Kantabrer ist mit Hilfe von Kriegsschiffen gefuehrt worden; nachher haben die

Roemer keine Veranlassung gehabt, hier eine dauernde Flottenstation

einzurichten. Erst in der nachdiocletianischen Zeit finden wir die Pyrenaeische

Halbinsel, wie die italische und die griechisch-makedonische, ohne staendige

Besatzung.

Dass die Provinz Baetica, wenigstens seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts,

von der gegenueberliegenden Kueste aus durch die Mauren - die Piraten des Rif -

vielfach heimgesucht wurde, wird in der Darstellung der afrikanischen

Verhaeltnisse naeher auszufuehren sei. Vermutlich ist es daraus zu erklaeren,

dass, obwohl sonst in den Provinzen des Senats kaiserliche Truppen nicht zu

stehen pflegen, ausnahmsweise Italica (bei Sevilla) mit einer Abteilung der

Legion von Leon belegt war ^6. Hauptsaechlich aber lag es dem in der Provinz von

Tingis (Tanger) stationierten Kommando ob, das reiche suedliche Spanien vor

diesen Einfaellen zu schuetzen. Dennoch ist es vorgekommen, dass Staedte wie

Italica und Singili (unweit Antequera) von den Piraten belagert wurden.

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^6 Damit kann in Verbindung gebracht werden, dass dieselbe Legion auch,

wenngleich nur zeitweise und mit einem Detachement, in Numidien aktiv gewesen

ist.

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Wenn dem weltgeschichtlichen Werke der Kaiserzeit, der Romanisierung des

Okzidents, von der Republik irgendwo vorgearbeitet war, so war dies in Spanien

geschehen. Was das Schwert begonnen, fuehrte der friedliche Verkehr weiter: das

roemische Silbergeld hat in Spanien geherrscht, lange bevor es sonst ausserhalb

Italien gangbar ward, und die Bergwerke, der Wein- und Oelbau, die

Handelsbeziehungen bewirkten an der Kueste, namentlich im Suedwesten, ein

stetiges Einstroemen italischer Elemente. Neukarthago, die Schoepfung der

Barkiden und von seiner Entstehung an bis in die augustische Zeit die Hauptstadt

der Diesseitigen Provinz und der erste Handelsplatz Spaniens, umschloss schon im

siebenten Jahrhundert eine zahlreiche roemische Bevoelkerung; Carteia,

gegenueber dem heutigen Gibraltar, ein Menschenalter vor der Gracchenzeit

gegruendet, ist die erste ueberseeische Stadtgemeinde mit einer Bevoelkerung

roemischen Ursprungs; die altberuehmte Schwesterstadt Karthagos, Gades, das

heutige Cadiz, die erste fremdlaendische Stadt ausserhalb Italien, welche

roemisches Recht und roemische Sprache annahm. Hatte also an dem groessten Teil

der Kueste des Mittellaendischen Meeres die alteinheimische wie die phoenikische

Zivilisation bereits unter der Republik in die Art und Weise des herrschenden

Volkes eingelenkt, so wurde in der Kaiserzeit in keiner Provinz die

Romanisierung so energisch von oben herab gefoerdert wie in Spanien. Vor allem

die suedliche Haelfte der Baetica zwischen dem Baetis und dem Mittelmeer hat,

zum Teil schon unter der Republik oder durch Caesar, zum Teil in den Jahren 739

(15) und 740 (14) durch Augustur, eine stattliche Reihe von roemischen

Vollbuergergemeinden erhalten, die hier nicht etwa vorzugsweise die Kueste,

sondern vor allem das Binnenland fuellen, voran Hispalis (Sevilla) und Corduba

(Cordoba) mit Kolonialrecht, mit Munizipalrecht Italica (bei Sevilla) und Gades

(Cadiz). Auch im suedlichen Lusitanien begegnet eine Reihe gleichberechtigter

Staedte, namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Iulia (Beja) und die von Augustur

waehrend seines Aufenthalts in Spanien gegruendete und zur Hauptstadt dieser

Provinz gemachte Veteranenkolonie Emerita (Merida). In der Tarraconensis finden

sich die Buergerstaedte ueberwiegend an der Kueste, Karthago nova, Ilici

(Elche), Valentia, Dertosa (Tortosa), Tarraco, Barcino (Barcelona); im

Binnenland tritt nur hervor die Kolonie im Ebrotal Caesaraugusta (Saragossa).

Vollbuergergemeinden zaehlte man in ganz Spanien unter Augustus fuenfzig; gegen

fuenfzig andere hatten bis dahin latinisches Recht empfangen und standen

hinsichtlich der inneren Ordnung den Buergergemeinden gleich. Bei den uebrigen

hat dann Kaiser Vespasianus bei Gelegenheit der von ihm im Jahre 74

veranstalteten allgemeinen Reichsschaetzung die latinische Gemeindeordnung

ebenfalls eingefuehrt. Die Verleihung des Buergerrechts ist weder damals noch

ueberhaupt in der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden, als sie in

augustischer Zeit gediehen war ^7, wobei wahrscheinlich hauptsaechlich die

Ruecksicht auf das den Reichsbuergern gegenueber beschraenkte Aushebungsrecht

massgebend gewesen ist.

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^7 Dass "die Iberer Roemer genannt werden", wie Josephus (c. Ap. 2, 4) sich

ausdrueckt, kann nur auf die Erteilung des latinischen Rechts durch Vespasian

bezogen werden und ist eine inkorrekte Angabe des Fremden.

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Die einheimische Bevoelkerung Spaniens, welche also teils mit italischen

Ansiedlern vermischt, teils zu italischer Sitte und Sprache hingeleitet ward,

tritt in der Geschichte der Kaiserzeit nirgends deutlich erkennbar hervor.

Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste und dessen Sprache sich bis auf

den heutigen Tag in den Bergen Vizcayas, Guipuzcoas und Navarras behaupten,

einstmals die ganze Halbinsel in aehnlicher Weise erfuellt wie die Berber das

nordafrikanische Land. Ihr Idiom, von den indogermanischen grundverschieden und

flexionslos wie das der Finnen und Mongolen, beweist ihre urspruengliche

Selbstaendigkeit, und ihre wichtigsten Denkmaeler, die Muenzen, umfassen in dem

ersten Jahrhundert der Herrschaft der Roemer in Spanien die Halbinsel mit

Ausnahme der Suedkueste von Cadiz bis Granada, wo damals die phoenikische

Sprache herrschte, und des Gebietes noerdlich von der Muendung des Tajo und

westlich von den Ebroquellen, welches damals wahrscheinlich grossenteils

faktisch unabhaengig und gewiss durchaus unzivilisiert war; in diesem iberischen

Gebiet unterscheidet sich wohl die suedspanische Schrift deutlich von der der

Nordprovinz, aber nicht minder deutlich sind beide Aeste eines Stammes. Die

phoenikische Einwanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschraenkt als

in Afrika und die keltische Mischung die allgemeine Gleichfoermigkeit der

nationalen Entwicklung nicht in einer fuer uns erkennbaren Weise modifiziert.

Aber die Konflikte der Roemermit den Iberern gehoeren ueberwiegend der

republikanischen Epoche an und sind frueher dargestellt worden. Nach den bereits

erwaehnten letzten Waffengaengen unter der ersten Dynastie verschwinden die

Iberer voellig aus unseren Augen. Auch auf die Frage, wieweit sie in der

Kaiserzeit sich romanisiert haben, gibt die uns gebliebene Kunde keine

befriedigende Antwort. Dass sie im Verkehr mit den fremden Herren von jeher

veranlasst sein werden, sich der roemischen Sprache zu bedienen, bedarf des

Beweises nicht; aber auch aus dem oeffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemeinden

schwindet unter dem Einfluss Roms die nationale Sprache und die nationale

Schrift. Schon im letzten Jahrhundert der Republik ist die anfaenglich in weitem

Umfange gestattete einheimische Praegung in der Hauptsache beseitigt worden; aus

der Kaiserzeit gibt es keine spanische Stadtmuenze mit anderer als lateinischer

Aufschrift ^8. Wie die roemische Tracht war die roemische Sprache auch bei

denjenigen Spaniern, die des italischen Buergerrechts entbehrten, in grossem

Umfang verbreitet, und die Regierung beguenstigte die faktische Romanisierung

des Landes ^9. Als Augustus starb, ueberwog roemische Sprache und Sitte in

Andalusien, Granada, Murcia, Valencia, Katalonien, Arragonien, und ein guter

Teil davon kommt auf Rechnung nicht der Kolonisierung, sondern der

Romanisierung. Durch die vorher erwaehnte Anordnung Vespasians ward die

einheimische Sprache von Rechts wegen auf den Privatverkehr beschraenkt. Dass

sie in diesem sich behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein; was jetzt auf die

Berge sich beschraenkt, welche weder die Goten noch die Araber je besetzt haben,

wird in der roemischen Zeit sicher ueber einen grossen Teil Spaniens, besonders

den Nordwesten, sich erstreckt haben. Dennoch ist die Romanisierung in Spanien

sicher sehr viel frueher und staerker eingetreten als in Afrika; Denkmaeler mit

einheimischer Schrift aus der Kaiserzeit sind in Afrika in ziemlicher Anzahl, in

Spanien kaum nachzuweisen, und die Berbersprache beherrscht heute noch halb

Nordafrika, die iberische nur die engen Taeler der Basken. Es konnte das nicht

anders kommen, teils weil in Spanien die roemische Zivilisation viel frueher und

viel kraeftiger auftrat als in Afrika, teils weil die Eingeborenen dort nicht

wie hier den Rueckhalt an den freien Staemmen hatten.

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^8 Das wohl juengste sicher datierbare Denkmal der einheimischen Sprache

ist eine Muenze von Osicerda, welche den waehrend des Gallischen Krieges von

Caesar geschlagenen Denaren mit dem Elefanten nachgepraegt ist, mit lateinischer

und iberischer Aufschrift (Zobel, Estudio historico de la moneda antigua

espa¤ola. Bd. 2, S. 11). Unter den ganz oder teilweise epichorischen Inschriften

Spaniens moegen sich manche juengere befinden; oeffentliche Setzung ist bei

keiner derselben auch nur wahrscheinlich.

^9 Es hat eine Zeit gegeben, wo die Peregrinengemeinden das Recht, die

lateinische zur Geschaeftssprache zu machen, vom Senat erbitten mussten; aber

fuer die Kaiserzeit gilt das nicht mehr. Vielmehr ist hier wahrscheinlich

haeufig das Umgekehrte eingetreten, zum Beispiel das Muenzrecht in der Weise

gestattet worden, dass die Aufschrift lateinisch sein musste. Ebenso sind

oeffentliche Gebaeude, die Nichtbuerger errichteten, lateinisch bezeichnet; so

lautet eine Inschrift von Ilipa in Andalusien (CIL II, 1087): Urchail Atitta

f(ilius) Chilasurgun portas fornac(es) aedificand(a) curavit de s(ua) p(ecunia).

Dass das Tragen der Toga auch Nichtroemern gestattet und ein Zeichen von loyaler

Gesinnung war, zeigt sowohl Strabons Aeusserung ueber die Tarraconensis togata

wie Agricolas Verhalten in Britannien (Tac. Agr. 21).

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Die einheimische Gemeindeverfassung der Iberer war von der gallischen nicht

in einer fuer uns erkennbaren Weise verschieden. Von Haus aus zerfiel Spanien,

wie das Keltenland dies- und jenseits der Alpen, in Gaubezirke; die Vaccaeer und

die Kantabrer unterschieden sich schwerlich wesentlich von den Cenomanen der

Transpadana und den Remern der Belgica. Dass auf den in der frueheren Epoche der

Roemerherrschaft geschlagenen spanischen Muenzen vorwiegend nicht die Staedte

genannt werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Cessetaner, nicht

Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch als die Geschichte der

damaligen Kriege, dass auch in Spanien einst groessere Gauverbaende bestanden.

Aber die siegenden Roemer behandelten diese Verbaende nicht ueberall in gleicher

Weise. Die transalpinischen Gaue blieben auch unter roemischer Herrschaft

politische Gemeinwesen; wie die cisalpinischen sind die spanischen nur

geographische Begriffe. Wie der Distrikt der Cenomanen nichts ist als ein

Gesamtausdruck fuer die Territorien von Brixia, Bergomum und so weiter, so

bestehen die Asturer aus zweiundzwanzig politisch selbstaendigen Gemeinden, die

allem Anschein nach rechtlich sich nicht mehr angehen als die Staedte Brixia und

Bergomum ^10. Dieser Gemeinden zaehlte die tarraconensische Provinz in

augustischer Zeit 293, in der Mitte des zweiten Jahrhunderts 275. Es sind also

hier die alten Gauverbaende aufgeloest worden. Dabei ist schwerlich bestimmend

gewesen, dass die Geschlossenheit der Vettonen und der Kantabrer bedenklicher

fuer die Reichseinheit erschien als diejenige der Sequaner und der Treuerer;

hauptsaechlich beruht der Unterschied wohl in der Verschiedenheit der Zeit und

der Form der Eroberung. Die Landschaft am Guadalquivir ist anderthalb

Jahrhunderte frueher roemisch geworden als die Ufer der Loire und der Seine; die

Zeit, wo das Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, liegt derjenigen

Epoche nicht so gar fern, wo die samnitische Konfoederation aufgeloest ward.

Hier waltet der Geist der alten Republik, in Gallien die freiere und mildere

Anschauung Caesars. Die kleineren und machtlosen Distrikte, welche nach

Aufloesung der Verbaende die Traeger der politischen Einheit wurden, die

Kleingaue oder Geschlechter, wandelten sich im Laufe der Zeit hier wie ueberall

in Staedte um. Die Anfaenge der staedtischen Entwicklung, auch ausserhalb der zu

italischem Recht gelangten Gemeinden, gehen weit in die republikanische,

vielleicht in die vorroemische Zeit zurueck; spaeter musste die allgemeine

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 6 / 73 段