vierzigjaehrigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltbluetig auch in der aeussersten
Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden Mannschaften fest in der Hand.
Dennoch haette auch er vielleicht das Unheil nicht abwenden koennen, wenn nicht
nach einem gluecklichen Angriff waehrend des Marsches, bei dem die Roemer einen
grossen Teil ihrer Reiterei und fast das ganze Gepaeck einbuessten, die
siegesgewissen und beutelustigen Deutschen gegen Arminius Rat dem anderen
Fuehrer gefolgt waeren und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu
den Sturm auf das Lager versucht haetten. Caecina liess die Germanen bis an die
Waelle herankommen, brach aber dann aus allen Toren und Pforten mit solcher
Gewalt auf die Stuermenden ein, dass sie eine schwere Niederlage erlitten und
infolgedessen der weitere Rueckzug ohne wesentliche Hinderung stattfand. Am
Rhein hatte man die Armee schon verloren gegeben und war im Begriff gewesen, die
Bruecke bei Vetera abzuwerfen, um wenigstens das Eindringen der Germanen in
Gallien zu verhindern; nur die entschlossene Einrede einer Frau, der Gattin des
Germanicus, der Tochter Agrippas, hatte den verzagten und schimpflichen
Entschluss vereitelt.
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^21 Den fortdauernden Kriegsstand bezeugen Tacitus (ann. 1, 9) und Dio (56,
26); aber berichtet wird gar nichts aus den nominellen Feldzuegen der Sommer 12,
13 und 14, und die Expedition vom Herbst des Jahres 14 erscheint als die erste
von Germanicus unternommene. Allerdings ist Germanicus wahrscheinlich noch bei
Augustus' Lebzeiten als Imperator ausgerufen worden (Monumentum Ancyranum, S.
17); aber es steht nichts im Wege, dies auf den Feldzug des Jahres 11 zu
beziehen, in dem Germanicus mit prokonsularischer Gewalt neben Tiberius
kommandierte (Dio 56, 25). Im Jahre 12 war er in Rom zur Verwaltung des
Konsulats, welche er das ganze Jahr hindurch behielt und mit welcher es damals
noch ernsthaft genommen wurde; dies erklaert, weshalb Tiberius, wie dies jetzt
erwiesen ist (Hermann Schulz, Quaestiones Ovidianae. Greifswald 1883, S. 15 f.),
noch im Jahre 12 nach Germanien ging und sein Rheinkommando erst im Anfang des
Jahres 13 mit der pannonischen Siegesfeier niederlegte.
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Die Wiederaufnahme der Unterwerfung Germaniens begann also nicht gerade mit
Glueck. Das Gebiet zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten und
durchschritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Roemer nicht
aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an Pferden, wurde
schwer empfunden, so dass, wie in Scipios Zeiten, die Staedte Italiens und der
westlichen Provinzen bei dem Ersatz des Verlorenen mit patriotischen Beisteuern
sich beteiligten.
Germanicus aenderte fuer den naechsten Feldzug (16) seinen Kriegsplan: er
versuchte, die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und die Flotte zu
stuetzen, teils weil die Voelkerschaften an der Kueste, die Bataver, Friesen,
Chauker mehr oder minder zu den Roemern hielten, teils um die zeitraubenden und
verlustvollen Maersche vom Rhein zur Weser und zur Elbe und wieder zurueck
abzukuerzen. Nachdem er dieses Fruehjahr wie das vorige zu raschen Vorstoessen
am Main und an der Lippe verwendet hatte, schiffte er im Anfang des Sommers auf
der inzwischen fertiggestellten gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln sein
gesamtes Heer an der Rheinmuendung ein und gelangte in der Tat ohne Verlust bis
an die der Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, vermutlich die Ems hinauf bis
an die Haasemuendung und dann an dieser hinauf in das Werretal, durch dieses an
die Weser. Damit war die Durchfuehrung der bis 80000 Mann starken Armee durch
den Teutoburger Wald, welche namentlich fuer die Verpflegung mit grossen
Schwierigkeiten verbunden war, vermieden, in dem Flottenlager fuer die Zufuhr
ein sicherer Rueckhalt gegeben, und die Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser
statt von vorn in der Flanke angegriffen. Auf diesem trat den Roemern das
Gesamtaufgebot der Germanen entgegen, wiederum gefuehrt von den beiden Haeuptern
der Patriotenpartei, Arminius und Inguiomerus; ueber welche Streitkraefte
dieselben geboten, beweist, dass sie im Cheruskerland zunaechst an der Weser
selbst, dann etwas weiter landeinwaerts ^22, zweimal kurz nacheinander gegen das
gesamte roemische Heer in offener Feldschlacht schlugen und in beiden den Sieg
hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Roemern zu und von den germanischen
Patrioten blieb ein betraechtlicher Teil auf den Schlachtfeldern - Gefangene
wurden nicht gemacht und von beiden Seiten mit aeusserster Erbitterung
gefochten; das zweite Tropaeum des Germanicus sprach von der Niederwerfung aller
germanischen Voelker zwischen Rhein und Elbe; der Sohn stellte diese seine
Kampagne neben die glaenzenden des Vaters und berichtete nach Rom, dass er im
naechsten Feldzug die Unterwerfung Germaniens vollendet haben werde. Aber
Arminius entkam, obwohl verwundet, und blieb auch ferner an der Spitze der
Patrioten, und ein unvorhergesehenes Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der
Heimkehr, die von dem groessten Teil der Legionen zu Schiff gemacht wurde,
geriet die Transportflotte in die Herbststuerme der Nordsee; die Schiffe wurden
nach allen Seiten ueber die Inseln der Nordsee und bis an die britische Kueste
hin geschleudert, ein grosser Teil ging zugrunde und die sich retteten, hatten
groesstenteils Pferde und Gepaeck ueber Bord werfen und froh sein muessen, das
nackte Leben zu bergen. Der Fahrtverlust kam, wie in den Zeiten der Punischen
Kriege, einer Niederlage gleich; Germanicus selbst, mit dem Admiralschiff
einzeln verschlagen an den oeden Strand der Chauker, war in Verzweiflung ueber
diesen Misserfolg drauf und dran, seinen Tod in demselben Ozean zu suchen,
dessen Beistand er im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und so vergeblich
angerufen hatte. Wohl erwies sich spaeterhin der Menschenverlust nicht ganz so
gross, wie es anfaenglich geschienen hatte, und einige erfolgreiche Schlaege,
die der Feldherr nach der Rueckkehr an den Rhein den naechstwohnenden Barbaren
versetzte, hoben den gesunkenen Mut der Truppen. Aber im ganzen genommen endigte
der Feldzug des Jahres 16, verglichen mit dem des vorigen, wohl mit
glaenzenderen Siegen, aber auch mit viel empfindlicherer Einbusse.
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^22 Die Annahme Schmidts (Westfaelische Zeitschrift 20, 1862, S. 301), dass
die erste Schlacht auf dem Idistavisischen Feld, etwa bei Bueckeburg, geschlagen
sei, die zweite, wegen der dabei erwaehnten Suempfe, vielleicht am Steinhuder
See, bei dem suedlich von diesem liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der
Wahrheit sich nicht weit entfernen und kann wenigstens als Veranschaulichung
gelten. Auf ein gesichertes Ergebnis muss bei diesem wie bei den meisten
Taciteischen Schlachtberichten verzichtet werden.
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Germanicus Abberufung war zugleich die Aufhebung des Oberkommandos der
rheinischen Armee. Die blosse Teilung des Kommandos setzte der bisherigen
Kriegfuehrung ein Ziel; dass Germanicus nicht bloss abberufen ward, sondern
keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus auf die Anordnung der Defensive am Rhein.
So ist denn auch der Feldzug des Jahres 16 der letzte gewesen, den die Roemer
gefuehrt haben, um Germanien zu unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an
die Elbe zu verlegen. Dass die Feldzuege des Germanicus dieses Ziel hatten,
lehrt ihr Verlauf selbst und das die Elbgrenze feiernde Tropaeum. Auch die
Wiederherstellung der rechtsrheinischen militaerischen Anlagen, der
Taunuskastelle sowohl wie der Festung Aliso und der diese mit Vetera
verbindenden Linie, gehoert nur zum Teil zu derjenigen Besetzung des rechten
Rheinufers, wie sie auch mit dem beschraenkten Operationsplan nach der
Varusschlacht sich vertrug, zum Teil griff sie weit ueber denselben hinaus. Aber
was der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht oder nicht ganz. Es ist mehr
als wahrscheinlich, dass Tiberius die Unternehmungen des Germanicus am Rhein von
Haus aus mehr hat geschehen lassen, und gewiss, dass er durch dessen Abberufung
im Winter 16/17 denselben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich
ein guter Teil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die Besatzung
zurueckgezogen worden. Wie Germanicus von dem im Teutoburger Walde errichteten
Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen Stein mehr fand, so sind auch die
Ergebnisse seiner Siege wie ein Schlag ins Wasser verschwunden, und keiner
seiner Nachfolger hat auf diesem Grunde weiter gebaut.
Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht verloren
gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung abermals in Angriff
genommen worden war, sie abzubrechen befahl, so ist die Frage wohl berechtigt,
welche Motive die beiden bedeutenden Regenten hierbei geleitet haben und was
diese wichtigen Vorgaenge fuer die allgemeine Reichspolitik bedeuten.
Die Varusschlacht ist ein Raetsel, nicht militaerisch, aber politisch,
nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht unrecht, wenn
er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder dem Schicksal, sondern von
dem Feldherrn zurueckforderte; es war ein Ungluecksfall, wie ungeschickte
Korpsfuehrer sie von Zeit zu Zeit fuer jeden Staat herbeifuehren; schwer
begreift man, dass die Aufreibung einer Armee von 20000 Mann ohne weitere
unmittelbare militaerische Konsequenzen der grossen Politik eines einsichtig
regierten Weltstaates eine entscheidende Wendung gegeben hat. Und doch haben die
beiden Herrscher jene Niederlage mit einer beispiellosen und fuer die Stellung
der Regierung, der Armee wie den Nachbarn gegenueber bedenklichen und
gefaehrlichen Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschluss mit Marobod,
der ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte, zu einem
definitiven werden lassen und nicht weiter versucht, das obere Elbtal in die
Hand zu bekommen. Es muss Tiberius nicht leicht angekommen sein, den grossen,
mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach dessen Tode von ihm fast
vollendeten Bau zusammenstuerzen zu sehen; der gewaltige Eifer, womit er, sowie
er in das Regiment wieder eingetreten war, den vor zehn Jahren begonnenen
germanischen Krieg aufgenommen hatte, laesst ermessen, was diese Entsagung ihn
gekostet haben muss. Wenn dennoch nicht bloss Augustus bei derselben beharrte,
sondern auch nach dessen Tode er selbst, so ist dafuer ein anderer Grund nicht
zu finden, als dass sie die durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Plaene zur
Veraenderung der Nordgrenze als unausfuehrbar erkannten und die Unterwerfung und
Behauptung des Gebietes zwischen dem Rhein und der Elbe ihnen die Kraefte des
Reiches zu uebersteigen schien.
Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an deren Quelle
und den oberen Rhein und dann rheinabwaerts lief, so wurde sie allerdings durch
die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der mittleren Donau sich naehernde
Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich verkuerzt und verbessert; wobei
wahrscheinlich ausser dem evidenten militaerischen Gewinn auch noch das
politische Moment in Betracht kam, dass die moeglichst weite Entfernung der
grossen Kommandos von Rom und Italien eine der leitenden Maximen der
Augusteischen Politik war und ein Elbheer in der weiteren Entwicklung Roms
schwerlich dieselbe Rolle gespielt haben wuerde, wie sie die Rheinheere nur zu
bald uebernahmen. Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung der germanischen
Patriotenpartei und des Suebenkoenigs in Boehmen, waren keine leichten Aufgaben;
indes man hatte dem Gelingen derselben schon einmal ganz nahe gestanden und bei
richtiger Fuehrung konnten diese Erfolge nicht verfehlt werden. Aber eine andere
Frage war es, ob nach der Einrichtung der Elbgrenze die Truppen aus dem
zwischenliegenden Gebiet weggezogen werden konnten; diese Frage hatte der
dalmatisch-pannonische Krieg in sehr ernster Weise der roemischen Regierung
gestellt. Wenn schon das bevorstehende Einruecken der roemischen Donauarmee in
Boehmen einen mit Anstrengung aller militaerischen Hilfsmittel erst nach
vierjaehrigem Kampf niedergeworfenen Volksaufstand in Illyricum hervorgerufen
hatte, so durfte weder zur Zeit noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet
sich selbst ueberlassen werden. Aehnlich stand es ohne Zweifel am Rhein. Das
roemische Publikum pflegte wohl sich zu ruehmen, dass der Staat ganz Gallien in
Unterwuerfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung von Lyon; aber die
Regierung konnte nicht vergessen, dass die beiden grossen Armeen am Rhein nicht
bloss die Germanen abwehrten, sondern auch fuer die keineswegs durch Fuegsamkeit
sich auszeichnenden gallischen Gaue gar sehr in Betracht kamen. An der Weser
oder gar an der Elbe aufgestellt, haetten sie diesen Dienst nicht in gleichem
Masse geleistet; und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten, vermochte
man nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluss kommen, dass mit dem
damaligen, allerdings seit kurzem erheblich verstaerkten, aber immer noch tief
unter dem Mass des wirklich Erforderlichen stehenden Heerbestand jene grosse
Grenzregulierung nicht auszufuehren sei; die Frage ward damit aus einer
militaerischen zu einer Frage der inneren Politik und insonderheit zu einer
Finanzfrage. Die Kosten der Armee noch weiter zu steigern, hat weder Augustus
noch Tiberius sich getraut. Man kann dies tadeln. Der laehmende Doppelschlag der
illyrischen und der germanischen Insurrektion mit ihren schweren Katastrophen,
das hohe Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, die zunehmende Abneigung
des Tiberius gegen frisches Handeln und grosse Initiative und vor allem gegen
jede Abweichung von der Politik des Augustus, haben dabei ohne Zweifel
bestimmend mit- und vielleicht zum Nachteil des Staates gewirkt. Man fuehlt es
in dem nicht zu billigenden, aber wohl erklaerlichen Auftreten des Germanicus,
wie das Militaer und die Jugend das Aufgeben der neuen Provinz Germanien
empfanden. Man erkennt in dem duerftigen Versuch, mit Hilfe der paar
linksrheinischen deutschen Gaue wenigstens dem Namen nach das verlorene
Germanien festzuhalten, in den zweideutigen und unsicheren Worten, mit denen
Augustus selbst in seinem Rechenschaftsbericht Germanien als roemisch in
Anspruch nimmt oder auch nicht, wie verlegen die Regierung in dieser Sache der
oeffentlichen Meinung gegenueber stand. Der Griff nach der Elbgrenze war ein
gewaltiger, vielleicht ueberkuehner gewesen; vielleicht von Augustus, dessen
Flug im allgemeinen so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem Zaudern und wohl
nicht ohne den bestimmenden Einfluss des ihm vor allen nahestehenden juengeren
Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kuehnen Schritt zurueckzutun ist in der
Regel nicht eine Verbesserung des Fehlers, sondern ein zweiter. Die Monarchie
brauchte die unbefleckte kriegerische Ehre und den unbedingten kriegerischen
Erfolg in ganz anderer Weise als das ehemalige Buergermeisterregiment; das
Fehlen der seit der Varusschlacht niemals ausgefuellten Nummern 17, 18 und 19 in
der Reihe der Regimenter passte wenig zu dem militaerischen Prestige, und den
Frieden mit Marobod aufgrund des Status quo konnte die loyalste Rhetorik nicht
in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, dass Germanicus einem eigentlichen Befehl
seiner Regierung zuwider jene weit aussehenden Unternehmungen begonnen hat,
verbietet seine ganze politische Stellung; aber den Vorwurf, dass er seine
doppelte Stellung als Hoechstkommandierender der ersten Armee des Reiches und
als kuenftiger Thronfolger dazu benutzt hat, um seine politisch-militaerischen
Plaene auf eigene Faust durchzufuehren, wird man ihm so wenig ersparen koennen
wie dem Kaiser den nicht minder schweren, zurueckgescheut zu sein vielleicht vor
dem Fassen, vielleicht auch nur vor dem klaren Aussprechen und dem scharfen
Durchfuehren der eigenen Entschluesse. Wenn Tiberius die Wiederaufnahme der
Offensive wenigstens geschehen liess, so muss er empfunden haben, wieviel fuer
eine kraeftigere Politik sprach; wie es ueberbedaechtige Leute wohl tun, mag er
wohl sozusagen dem Schicksal die Entscheidung ueberlassen haben, bis dann der
wiederholte und schwere Misserfolg des Kronprinzen die Politik der Verzagtheit
abermals rechtfertigte. Leicht war es fuer die Regierung nicht, einer Armee Halt
zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern zwei zurueckgebracht hatte; aber
es geschah. Was immer die sachlichen und die persoenlichen Motive gewesen sein
moegen, wir stehen hier an einem Wendepunkt der Voelkergeschicke. Auch die
Geschichte hat ihre Flut und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochflut des
roemischen Weltregiments die Ebbe ein. Nordwaerts von Italien hatte wenige Jahre
hindurch die roemische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der
Varusschlacht sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Maerchen, aber ein
altes, berichtet, dass dem ersten Eroberer Germaniens, dem Drusus, auf seinem
letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauengestalt germanischer Art
erschienen sei und ihm in seiner Sprache das Wort zugerufen habe "Zurueck!" Es
ist nicht gesprochen worden, aber es hat sich erfuellt.
Indes die Niederlage der Augusteischen Politik, wie der Friede mit
Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl bezeichnet werden
darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der Varusschlacht muss wohl durch die
Gemueter der Besten die Hoffnung gegangen sein, dass der Nation aus dem
herrlichen Sieg der Cherusker und ihrer Verbuendeten und aus dem Zurueckweichen
des Feindes im Westen wie im Sueden eine gewisse Einigung erwachsen werde. Den
sonst sich fremd gegenueberstehenden Sachsen und Sueben mag vielleicht eben in
diesen Krisen das Gefuehl der Einheit aufgegangen sein. Dass die Sachsen vom
Schlachtfelde weg den Kopf des Varus an den Suebenkoenig schickten, kann nichts
sein als der wilde Ausdruck des Gedankens, dass fuer alle Germanen die Stunde
gekommen sei, in gemeinschaftlichem Ansturm sich auf das Roemische Reich zu
stuerzen und des Landes Grenze und des Landes Freiheit so zu sichern, wie sie
allein gesichert werden koennen, durch Niederschlagen des Erbfeindes in seinem
eigenen Heim. Aber der gebildete Mann und staatskluge Koenig nahm die Gabe der
Insurgenten nur an, um den Kopf dem Kaiser Augustus zur Beisetzung zu senden; er
tat nichts fuer, aber auch nichts gegen die Roemer und beharrte
unerschuetterlich in seiner Neutralitaet. Unmittelbar nach dem Tode des Augustus
hatte man in Rom den Einbruch der Markomannen in Raetien gefuerchtet, aber, wie
es scheint, ohne Ursache, und als dann Germanicus die Offensive gegen die
Germanen vom Rhein aus wieder aufnahm, hatte der maechtige Markomannenkoenig
untaetig zugesehen. Diese Politik der Feinheit oder der Feigheit in der wild
bewegten, von patriotischen Erfolgen und Hoffnungen trunkenen germanischen Welt
grub sich ihr eigenes Grab. Die entfernteren, nur lose mit dem Reich
verknuepften Suebenstaemme, die Semnonen, Langobarden und Gothonen, sagten dem
Koenig ab und machten gemeinschaftliche Sache mit den saechsischen Patrioten; es
ist nicht unwahrscheinlich, dass die ansehnlichen Streitkraefte, ueber welche
Arminius und Inguiomerus in den Kaempfen gegen Germanicus offenbar geboten,
ihnen grossenteils von daher zugestroemt sind. Als bald darauf der roemische
Angriff ploetzlich abgebrochen ward, wendeten sich die Patrioten (17) zum
Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff auf das Koenigtum ueberhaupt,
wenigstens wie dieser es nach roemischem Muster verwaltete ^23. Aber auch unter
ihnen selbst waren Spaltungen eingetreten; die beiden nah verwandten
cheruskischen Fuersten, die in den letzten Kaempfen die Patrioten wenn nicht
siegreich, doch tapfer und ehrenvoll gefuehrt und bisher stets Schulter an
Schulter gefochten hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der
Oheim Inguiomerus ertrug es nicht noch laenger, neben dem Neffen der zweite zu
sein, und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus' Seite. So kam es zur
Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Germanen, ja zwischen denselben
Staemmen; denn in beiden Armeen fochten sowohl Sueben wie Cherusker. Lange
schwankte der Kampf; beide Heere hatten von der roemischen Taktik gelernt, und
auf beiden Seiten war die Leidenschaft und die Erbitterung gleich. Einen
eigentlichen Sieg erfocht Arminius nicht, aber der Gegner ueberliess ihm das
Schlachtfeld, und da Maroboduus den kuerzeren gezogen zu haben schien,
verliessen ihn die bisher noch zu ihm gehalten hatten und fand er sich auf sein
eigenes Reich beschraenkt. Als er roemische Hilfe gegen die uebermaechtigen
Landsleute erbat, erinnerte ihn Tiberius an sein Verhalten nach der
Varusschlacht und erwiderte, dass jetzt die Roemer ebenfalls neutral bleiben
wuerden. Es ging nun schleunig mit ihm zu Ende. Schon im folgenden Jahr (18)
wurde er von einem Gothonenfuersten Catualda, den er frueher persoenlich
beleidigt hatte und der dann mit den uebrigen ausserboehmischen Sueben von ihm
abgefallen war, in seinem Koenigssitz selbst ueberfallen und rettete, von den
Seinigen verlassen, mit Not sich zu den Roemern, die ihm die erbetene Freistatt
gewaehrten - als roemischer Pensionaer ist er viele Jahre spaeter in Ravenna
gestorben.
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^23 Die Angabe des Tacitus (ann. 2, 45), dass dies eigentlich ein Krieg der
Republikaner gegen die Monarchisten gewesen sei, ist wohl nicht frei von
Uebertragung hellenisch-roemischer Anschauungen auf die sehr verschiedene
germanische Welt. Soweit der Krieg eine ethisch-politische Tendenz gehabt hat,
wird ihn nicht das nomen regis, wie Tacitus sagt, sondern das certum imperium
visque regia des Velleius (2, 108) hervorgerufen haben.
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Also waren Arminius' Gegner wie seine Nebenbuhler fluechtig geworden, und
die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. Aber diese Groesse war
seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen Landsleute, vor allem sein
eigenes Geschlecht schuldigte ihn an, den Weg Marobods zu gehen und nicht bloss
der Erste, sondern auch der Herr und der Koenig der Germanen sein zu wollen - ob
mit Grund oder nicht und ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicht das
Rechte wollte, wer vermag es zu sagen? Es kam zum Buergerkrieg zwischen ihm und
diesen Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus' Verbannung fiel
auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahestehender, republikanisch
gesinnter Adliger. Seine Gattin Thusnelda und sein in der Gefangenschaft
geborener Sohn Thumelicus, den er nie mit Augen gesehen hat, zogen bei dem
Triumph des Germanicus (26. Mai 17) unter den anderen vornehmen Germanen
gefesselt mit auf das Kapitol; der alte Segestes ward fuer seine Treue gegen die
Roemer mit einem Ehrenplatz bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner Tochter und
seines Enkels zuschauen durfte. Sie alle sind im Roemerreich gestorben; mit
Maroboduus fanden auch Gattin und Sohn seines Gegners im Exil von Ravenna sich
zusammen. Wenn Tiberius bei Abberufung des Germanicus bemerkte, dass es gegen
die Deutschen der Kriegfuehrung nicht beduerfe und dass sie das fuer Rom
Erforderliche schon weiter selber besorgen wuerden, so kannte er seine Gegner;
darin allerdings hat die Geschichte ihm recht gegeben. Aber dem hochsinnigen
Mann, der sechsundzwanzigjaehrig seine saechsische Heimat von der italischen