Erfolg kam die Nachricht von einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustes in
seiner fuenfzigjaehrigen Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen
noch viel bedeutsamer war als in sich selbst.
Die Zustaende in der Provinz Germanien sind frueher dargelegt worden. Der
Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Unvermeidlichkeit eines
Naturereignisses folgt und der soeben in dem illyrischen Lande eingetreten war,
bereitete auch dort, in den mittelrheinischen Gauen, sich vor. Die Reste der
unmittelbar am Rhein sitzenden Staemme waren freilich voellig entmutigt, aber
die weiter zurueck wohnenden, vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer,
Marser, kaum minder geschaedigt und keineswegs ohnmaechtig. Wie immer in solchen
Lagen, bildete sich in jedem Gau eine Partei der fuegsamen Roemerfreunde und
eine nationale, die Wiedererhebung im Verborgenen vorbereitende. Die Seele von
dieser war ein junger, sechsundzwanzigjaehriger Mann aus dem Fuerstengeschlecht
der Cherusker, Arminius, des Sigimer Sohn; er und sein Bruder Flavus waren vom
Kaiser Augustes mit dem roemischen Buergerrecht und mit Ritterrang beschenkt
worden ^16 und beide hatten als Offiziere in den letzten roemischen Feldzuegen
unter Tiberius mit Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch im roemischen
Heer und hatte sich in Italien eine Heimstatt begruendet. Begreiflicherweise
galt auch Arminius den Roemern als ein Mann besonderen Vertrauens; die
Anschuldigungen, die sein besser unterrichteter Landsmann Segestes gegen ihn
vorbrachte, vermochten dies Zutrauen bei der wohlbekannten, zwischen beiden
bestehenden Verfeindung nicht zu erschuettern. Von den weiteren Vorbereitungen
haben wir keine Kunde; dass der Adel und vor allem die adlige Jugend auf der
Seite der Patrioten stand, versteht sich von selbst und findet darin deutlichen
Ausdruck, dass Segestes' eigene Tochter Thusnelda wider das Verbot ihres Vaters
sich dem Arminius vermaehlte, auch ihr Bruder Segimundus und Segestes' Bruder
Segimer sowie sein Neffe Sesithacus bei der Insurrektion eine hervorragende
Rolle spielten. Weiten Umfang hat sie nicht gehabt, bei weitem nicht den der
illyrischen Erhebung; kaum darf sie, streng genommen, eine germanische genannt
werden. Die Bataver, die Friesen, die Chauker an der Kueste waren nicht daran
beteiligt, ebensowenig was von suebischen Staemmen unter roemischer Herrschaft
stand, noch weniger Koenig Marobod; es erhoben sich in der Tat nur diejenigen
Germanen, die einige Jahre zuvor sich gegen Rom konfoederiert hatten und gegen
die Drusus' Offensive zunaechst gerichtet gewesen war. Der illyrische Aufstand
hat die Gaerung in Germanien ohne Zweifel gefoerdert, aber von verbindenden
Faeden zwischen den beiden gleichartigen und fast gleichzeitigen Insurrektionen
fehlt jede Spur; auch wuerden, haetten sie bestanden, die Germanen schwerlich
mit dem Losschlagen gewartet haben, bis der pannonische Aufstand ueberwaeltigt
war und in Dalmatien eben die letzten Burgen kapitulierten. Arminius war der
tapfere und verschlagene und vor allen Dingen glueckliche Fuehrer in dem
Verzweiflungskampf um die verlorene nationale Unabhaengigkeit; nicht weniger,
aber auch nicht mehr.
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^16 Das sagt Velleius (2, 118): adsiduus militiae nostrae prioris comes,
iure etiam civitatis Romanae eius equestres consequens gradus; was mit dem
ductor popularium des Tacitus (ann. 2, 10) zusammenfaellt. In dieser Zeit
muessen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen sein; so fochten in dem
dritten Feldzug des Drusus inter primores Chumstinctus et Avectius tribuni ex
civitate Nerviorum (Liv. ep. 141) und unter Germanicus Chariovalda dux Batavorum
(Tac. ann. 2, 11).
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Es war mehr die Schuld der Roemer als das Verdienst der Insurgenten, wenn
deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg hier allerdings
eingegriffen. Die tuechtigen Fuehrer und allem Anschein nach auch die erprobten
Truppen waren vom Rhein an die Donau gezogen worden. Vermindert war das
germanische Heer, wie es scheint, nicht, aber der groesste Teil desselben
bestand aus neuen, waehrend des Krieges gebildeten Legionen. Schlimmer noch war
es um die Fuehrerschaft bestellt. Der Statthalter Publius Quinctilius Varus ^17
war wohl der Gemahl einer Nichte des Kaisers und ein Mann von uebel erworbenem,
aber fuerstlichem Reichtum und von fuerstlicher Hoffart, aber von traegem
Koerper und stumpfem Geist und ohne jede militaerische Begabung und Erfahrung,
einer jener vielen hochgestellten Roemer, welche infolge des Festhaltens an der
alten Zusammenwerfung der Administrativ- und der Oberoffiziersstellungen die
Feldherrnschaerpe nach dem Muster Ciceros trugen. Er wusste die neuen Untertanen
weder zu schonen noch zu durchschauen; Bedrueckung und Erpressung wurden geuebt,
wie er es von seiner frueheren Statthalterschaft ueber das geduldige Syrien her
gewohnt war; das Hauptquartier wimmelte von Advokaten und Klienten, und in
dankbarer Demut nahmen insbesondere die Verschworenen bei ihm Urteil und Recht,
waehrend sich das Netz um den hoffaertigen Praetor dichter und dichter
zusammenzog.
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^17 Das Bildnis des Varus zeigt eine Kupfermuenze der afrikanischen Stadt
Achulla, geschlagen unter seinem Prokonsulat von Afrika im Jahre 747/48 (7/6)
(L. Mueller, Numismatique de l'ancienne Afrique. Kopenhagen 18674, Bd. 2, S. 44,
vgl. S. 52). Die Basis, welche einst die ihm von der Stadt Pergamon gesetzte
Bildsaeule trug, haben die Ausgrabungen daselbst wieder ans Licht gebracht; die
Unterschrift lautet: o d/e/mos [etim/e/sen] Poplion Koinktilion Sextoy yion
Oyar[on] pas/e/s aret/e/[s eneka].
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Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen mindestens fuenf
Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager in Mogontiacum, drei in
Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommerlager hatten die letzteren im Jahre
9 an der Weser genommen. Die natuerliche Verbindungsstrasse von der oberen Lippe
zur Weser fuehrt ueber den niederen Hoehenzug des Osning und des Lippischen
Waldes, welcher das Tal der Ems von dem der Weser scheidet, durch die
Doerenschlucht in das Tal der Werre, die bei Rehme unweit Minden in die Weser
faellt. Hier also ungefaehr lagerten damals die Legionen des Varus.
Selbstverstaendlich war dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stuetzpunkt der
roemischen Stellungen am rechten Rheinufer, durch eine Etappenstrasse verbunden.
Die gute Jahreszeit ging zu Ende und man schickte sich zum Rueckmarsch an. Da
kam die Meldung, dass ein benachbarter Gau im Aufstand sei, und Varus entschloss
sich, statt auf jener Etappenstrasse das Heer zurueckzufuehren, einen Umweg zu
nehmen und unterwegs die Abgefallenen zum Gehorsam zurueckzubringen ^18. So
brach man auf; das Heer bestand nach zahlreichen Detachierungen aus drei
Legionen und neun Abteilungen der Truppen zweiter Klasse, zusammen etwa 20000
Mann ^19. Als nun die Armee sich von ihrer Kommunikationslinie hinreichend
entfernt hatte und tief genug in das unwegsame Land eingedrungen war, standen in
den benachbarten Gauen die Konfoederierten auf, machten die bei ihnen
stationierten kleinen Truppenabteilungen nieder und brachen von allen Seiten aus
den Schluchten und Waeldern gegen das marschierende Heer des Statthalters vor.
Arminius und die namhaftesten Fuehrer der Patrioten waren bis zum letzten
Augenblick im roemischen Hauptquartier geblieben, um Varus sicher zu machen;
noch am Abend vor dem Tage, an dem die Insurrektion losbrach, hatten sie im
Feldherrnzelt bei Varus gespeist und Segestes, indem er den bevorstehenden
Ausbruch des Aufstandes ankuendigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst sowie
die Angeschuldigten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung seiner
Anklage von den Tatsachen zu erwarten. Varus' Vertrauen war nicht zu
erschuettern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den Insurgenten und stand den
anderen Tag vor den Waellen des roemischen Lagers. Die militaerische Situation
war weder besser noch schlimmer als die der Armee des Drusus vor der Schlacht
bei Arbalo und als sie unter aehnlichen Verhaeltnissen oftmals fuer roemische
Armeen eingetreten ist; die Kommunikationen waren fuer den Augenblick verloren,
die mit schwerem Tross beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer,
regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemaersche von Aliso getrennt, die
Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Roemern weit ueberlegen. In solchen
Lagen entscheidet die Tuechtigkeit der Truppe; und wenn die Entscheidung hier
einmal zu Ungunsten der Roemer fiel, so wird die Unerfahrenheit der jungen
Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- und Mutlosigkeit des Feldherrn dabei
wohl das meiste getan haben. Nach erfolgtem Angriff setzte das roemische Heer
seinen Marsch, jetzt ohne Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage
fort, unter stetig steigender Bedraengnis und steigender Demoralisation. Auch
die hoeheren Offiziere taten teilweise ihre Schuldigkeit nicht; einer von ihnen
ritt mit der gesamten Reiterei vom Schlachtfeld weg und liess das Fussvolk
allein den Kampf bestehen. Der erste, der voellig verzagte, war der Feldherr
selbst; verwundet im Kampfe, gab er sich den Tod, ehe die letzte Entscheidung
gefallen war, so frueh, dass die Seinigen noch den Versuch machten, die Leiche
zu verbrennen und der Verunehrung durch den Feind zu entziehen. Seinem Beispiel
folgte eine Anzahl der Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, kapitulierte
der uebriggebliebene Fuehrer und gab auch das aus der Hand, was diesen letzten
noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der Taeler der das
Muensterland begrenzenden Hoehenzuege im Herbst des Jahres 9 n. Chr. das
germanische Heer Zugrunde ^20. Die Adler fielen alle drei in Feindeshand. Keine
Abteilung schlug sich durch, auch jene Reiter nicht, die ihre Kameraden im Stich
gelassen hatten; nur wenige Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu
retten. Die Gefangenen, vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden ans
Kreuz geschlagen oder lebendig begraben oder bluteten unter dem Opfermesser der
germanischen Priester. Die abgeschnittenen Koepfe wurden als Siegeszeichen an
die Baeume der heiligen Haine genagelt. Weit und breit stand das Land auf gegen
die Fremdherrschaft; man hoffte auf den Anschluss Marobods; die roemischen
Posten und Strassen fielen auf dem ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die
Gewalt der Sieger. Nur in Aliso leistete der tapfere Kommandant Lucius
Caedicius, kein Offizier, aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen
Widerstand und seine Schuetzen wussten den Germanen, die Fernwaffen nicht
besassen, das Lagern vor den Waellen so zu verleiden, dass sie die Belagerung in
eine Blockade umwandelten. Als die letzten Vorraete der Belagerten erschoepft
waren und immer noch kein Entsatz kam, brach Caedicius in einer finsteren Nacht
auf, und dieser Rest des Heeres erreichte in der Tat, wenn auch beschwert mit
zahlreichen Frauen und Kindern und durch die Angriffe der Germanen starke
Verluste erleidend, schliesslich das Lager von Vetera. Dorthin waren auch die
beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius Nonius Asprenas auf die
Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die entschlossene Verteidigung von Aliso
und Asprenas rasches Eingreifen verhinderten die Germanen, ihren Sieg auf dem
linken Rheinufer zu verfolgen, vielleicht die Gallier, sich gegen Rom zu
erheben.
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^18 Der Dionische Bericht, der einzige, der diese Katastrophe in einigem
Zusammenhang ueberliefert, erklaert den Verlauf derselben in genuegender Weise,
wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt, das allgemeine Verhaeltnis
des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt und die von Ranke (Weltgeschichte.
Leipzig 1881-88. Bd. 3, 2, S. 275) mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine
lokale Insurrektion das ganze Heer hat marschieren koennen, damit beantwortet.
Der Bericht des Florus beruht keineswegs auf urspruenglich anderen Quellen, wie
derselbe Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen
Zusammenruecken der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist.
Die friedliche Rechtspflege des Varus und die Erstuermung des Lagers kennt die
bessere Ueberlieferung beide auch und in ihrem ursaechlichen Zusammenhang; die
laecherliche Schilderung, dass, waehrend Varus auf dem Gerichtsstuhl sitzt und
der Herold die Parteien vorladet, die Germanen zu allen Toren in das Lager
einbrechen, ist nicht Ueberlieferung, sondern aus dieser verfertigtes Tableau.
Dass dieses ausser mit der gesunden Vernunft auch mit Tacitus' Schilderung der
drei Marschlager in unloesbarem Widerspruch steht, leuchtet ein.
^19 Die normale Staerke der drei Alen und der sechs Kohorten ist insofern
nicht genau zu berechnen, als darunter einzelne Doppelabteilungen (miliariae)
gewesen sein koennen; aber viel ueber 20000 Mann kann das Heer nicht gezaehlt
haben. Andererseits liegt keine Ursache vor, eine wesentliche Differenz der
effektiven Staerke von der normalen anzunehmen. Die zahlreichen Detachierungen,
deren Erwaehnung geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck in der
verhaeltnismaessig geringen Zahl der Auxilien, die immer dafuer vorzugsweise
verwendet wurden.
^20 Da Germanicus, von der Ems kommend, das Gebiet zwischen Ems und Lippe,
das heisst das Muensterland, verheert, und nicht weit davon der Teutoburgiensis
saltus liegt, wo Varus' Heer zugrunde ging (Tat. ann. 1, 61), so liegt es am
naechsten, diese Bezeichnung, welche auf das flache Muensterland nicht passt,
von dem das Muensterland nordoestlich begrenzenden Hoehenzug, dem Osning zu
verstehen; aber auch an das etwas weiter noerdlich parallel mit dem Osning von
Minden zur Huntequelle streichende Wiehengebirge kann gedacht werden. Den Punkt
an der Weser, an dem das Sommerlager stand, kennen wir nicht; indes ist nach der
Lage von Aliso bei Paderborn und nach den zwischen diesem und der Weser
bestehenden Verbindungen wahrscheinlich dasselbe etwa bei Minden gewesen. Die
Richtung des Rueckmarsches kann jede andere, nur nicht die naechste nach Aliso
gewesen sein, und die Katastrophe erfolgte also nicht auf der militaerischen
Verbindungslinie zwischen Minden und Paderborn selbst, sondern in groesserer
oder geringerer Entfernung von dieser. Varus mag von Minden etwa in der Richtung
auf Osnabrueck marschiert sein, dann nach dem Angriff von dort aus nach
Paderborn zu gelangen versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden
Hoehenzuege sein Ende gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von
Venne an der Huntequelle eine auffallend grosse Anzahl von roemischen Gold-,
Silber- und Kupfermuenzen gefunden worden, wie sie in augustischer Zeit
umliefen, waehrend spaetere Muenzen daselbst so gut wie gar nicht vorkommen
(vgl. die Nachweisungen bei Paul Hoefen Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16.
Gotha 1884, S. 82 f.). Einem Muenzschatz koennen diese Funde nicht angehoeren,
wegen des zerstreuten Vorkommens und der Verschiedenheit der Metalle; einer
Handelsstaette auch nicht, wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz
aus wie der Nachlass einer grossen aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden
Berichte ueber die Varusschlacht lassen sich mit dieser Lokalitaet vereinigen.
Ueber das Jahr der Katastrophe haette nie gestritten werden sollen; die
Verschiebung in das Jahr 10 ist ein blosses Versehen. Die Jahreszeit wird
einigermassen dadurch bestimmt, dass zwischen der Anordnung der illyrischen
Siegesfeier und dem Eintreffen der Ungluecksbotschaft in Rom nur fuenf Tage
liegen und jene wahrscheinlich den Sieg vom 3. August zur Voraussetzung hat wenn
sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt ist. Danach wird die Niederlage
etwa im September oder Oktober stattgefunden haben, was auch dazu stimmt, dass
der letzte Marsch des Varus offenbar der Rueckmarsch aus dem Sommer- in das
Winterlager gewesen ist.
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Die Niederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die Rheinarmee
sofort nicht bloss ergaenzt, sondern ansehnlich verstaerkt ward. Tiberius
uebernahm abermals das Kommando derselben und wenn aus dem auf die Varusschlacht
folgenden Jahr (10) die Kriegsgeschichte Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so
ist wahrscheinlich damals die Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und
wohl gleichzeitig die Teilung dieses Kommandos in das der oberen Armee mit dem
Hauptquartier Mainz und das der unteren mit dem Hauptquartier Vetera, ueberhaupt
also diejenige Einrichtung daselbst getroffen worden, die dann durch
Jahrhunderte massgebend geblieben ist. Man musste erwarten, dass auf diese
Vermehrung der Rheinarmee die energische Wiederaufnahme der Operationen auf dem
rechten Rheinufer gefolgt waere. Der roemisch-germanische Kampf war nicht ein
Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht stehenden Maechten, in welchem
die Niederlage der einen einen unguenstigen Friedensschluss rechtfertigen kann;
es war der Kampf eines zivilisierten und organisierten Grossstaates gegen eine
tapfere, aber politisch und militaerisch barbarische Nation, in welchem das
schliessliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter Misserfolg
in dem vorgezeichneten Plan so wenig etwas aendern darf, wie das Schiff darum
seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoss es aus der Bahn wirft. Aber es kam
anders. Wohl ging Tiberius im folgenden Jahr (11) ueber den Rhein; aber diese
Expedition glich den frueheren nicht. Er blieb den Sommer drueben und feierte
dort des Kaisers Geburtstag, aber die Armee hielt sich in der unmittelbaren
Naehe des Rheins und von Zuegen an die Weser und an die Elbe war keine Rede - es
sollte offenbar den Germanen nur gezeigt werden, dass die Roemer den Weg in ihr
Land noch zu finden wussten, vielleicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten
Rheinufer getroffen werden, welche die veraenderte Politik erforderte.
Das grosse, beide Heere umfassende Kommando blieb und es blieb also auch im
kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im Jahre 11 neben Tiberius
gefuehrt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des Konsulats in Rom
festhielt, kommandierte Tiberius allein am Rhein; mit dem Anfang des Jahres 13
uebernahm Germanicus den alleinigen Oberbefehl. Man betrachtete sich als im
Kriegsstand gegen die Germanen; aber es waren tatenlose Jahre ^21. Ungern ertrug
der feurige und ehrgeizige Erbprinz den ihm auferlegten Zwang, und man begreift
es von dem Offizier, dass er die drei Adler in Feindeshand nicht vergass, von
dem leiblichen Sohn des Drusus, dass er dessen zerstoerten Bau wieder
aufzurichten wuenschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er nahm sie.
Am 19. August des Jahres 14 starb Kaiser Augustus. Der erste Thronwechsel in der
neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und Germanicus hatte Gelegenheit, durch
Taten seinem Vater zu beweisen, dass er gesonnen war, ihm die Treue zu wahren.
Darin aber fand er zugleich die Rechtfertigung, die lange gewuenschte Invasion
Germaniens auch ungeheissen wieder aufzunehmen; er erklaerte, die nicht
unbedenkliche, durch den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gaerung
durch diesen frischen Kriegszug ersticken zu muessen. Ob dies ein Grund oder ein
Vorwand war, wissen wir nicht und wusste vielleicht er selber nicht. Dem
Kommandanten der Rheinarmee konnte das Ueberschreiten der Grenze ueberall nicht
gewehrt werden, und es hing immer bis zu einem gewissen Grade von ihm ab, wie
weit gegen die Germanen vorgegangen werden sollte. Vielleicht auch glaubte er,
im Sinne des neuen Herrschers zu handeln, der ja wenigstens ebensoviel Anspruch
wie sein Bruder auf den Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen
angekuendigtes Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefasst werden konnte, als
komme er, um die auf Augustus' Geheiss abgebrochene Eroberung Germaniens wieder
aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseits des Rheins begann aufs
neue. Noch im Herbst des Jahres 14 fuehrte Germanicus selbst Detachements aller
Legionen bei Vetera ueber den Rhein und drang an der Lippe hinauf ziemlich tief
in das Binnenland vor, weit und breit das Land verheerend, die Eingeborenen
niedermachend, die Tempel - so den hochgeehrten der Tanfana - zerstoerend. Die
Betroffenen, es waren vornehmlich Bructerer, Tubanten und Usiper, suchten dem
Kronprinzen auf der Heimkehr das Schicksal des Varus zu bereiten; aber an der
energischen Haltung der Legionen prallte der Angriff ab. Da dieser Vorstoss
keinen Tadel fand, vielmehr dem Feldherrn dafuer Danksagungen und
Ehrenbezeugungen dekretiert wurden, ging er weiter. Im Fruehling des Jahres 15
versammelte er seine Hauptmacht zunaechst am Mittelrhein und ging selbst von
Mainz vor gegen die Chatten bis an die oberen Zufluesse der Weser, waehrend das
untere Heer weiter nordwaerts die Cherusker und die Marser angriff. Eine gewisse
Rechtfertigung fuer dies Vorgehen lag darin, dass die roemisch gesinnten
Cherusker, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe des Varus
sich den Patrioten hatten anschliessen muessen, jetzt wieder mit der viel
staerkeren Nationalpartei in offenem Kampfe lagen und die Intervention des
Germanicus anriefen. In der Tat gelang es, den von seinen Landsleuten hart
bedraengten Roemerfreund Segestes zu befreien und dabei dessen Tochter, die
Gattin des Arminius, in die Gewalt zu bekommen; auch des Segestes Bruder
Segimerus, einst neben Arminius der Fuehrer der Patrioten, unterwarf sich; die
inneren Zerwuerfnisse der Germanen ebneten einmal mehr der Fremdherrschaft die
Wege. Noch im selben Jahre unternahm Germanicus den Hauptzug nach dem Emsgebiet;
Caecina rueckte von Vetera aus an die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte
von der Rheinmuendung aus eben dorthin; die Reiterei zog die Kueste entlang
durch das Gebiet der treuen Friesen. Wieder vereinigt, verwuesteten die Roemer
das Land der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und machten
von da aus einen Zug nach der Ungluecksstaette, wo sechs Jahre zuvor das Heer
des Varus geendigt hatte, um den gefallenen Kameraden das Grabmal zu errichten.
Bei dem weiteren Vormarsch wurde die roemische Reiterei von Arminius und den
erbitterten Patriotenscharen in einen Hinterhalt gelockt und waere aufgerieben
worden, wenn nicht die anrueckende Infanterie groesseres Unheil verhindert
haette. Schwerere Gefahren brachte die Heimkehr von der Ems, welche auf
denselben Wegen angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei gelangte
unbeschaedigt in das Winterlager. Dafuer das Fussvolk der vier Legionen die
Flotte bei der schwierigen Fahrt - es war um die Zeit der Herbstnachtgleiche -
nicht genuegte, so schiffte Germanicus zwei derselben wieder aus und liess sie
am Strande zurueckgehen; aber mit dem Verhaeltnis von Ebbe und Flut in dieser
Jahreszeit ungenuegend bekannt, verloren sie ihr Gepaeck und gerieten in Gefahr,
massenweise zu ertrinken. Der Rueckmarsch der vier Legionen des Caecina von der
Ems zum Rhein glich genau dem des Varus, ja das schwere sumpfige Land bot wohl
noch groessere Schwierigkeiten als die Schluchten der Waldgebirge. Die ganze
Masse der Eingeborenen, an ihrer Spitze die beiden Cheruskerfuersten, Arminius
und dessen hochangesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden
Truppen in der sicheren Hoffnung, ihnen das gleiche Schicksal zu bereiten, und