der an Agrippas Stelle das Kommando in Illyricum uebernahm, und Drusus, der an

den Rhein ging, beide jetzt nicht mehr unerprobte Juenglinge, sondern Maenner in

der Bluete ihrer Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen.

An naechsten Anlaessen fuer die Kriegfuehrung fehlte es in der Donaugegend

nicht. Raubgesindel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen Noricum

pluenderte im Jahre 738 (16) bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre darauf

ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die Waffen und obwohl

sie dann, als Agrippa im Herbst des Jahres 741 (13) das Kommando uebernahm, ohne

Widerstand zu leisten zum Gehorsam zurueckkehrten, sollen doch unmittelbar nach

seinem Tode die Unruhen aufs neue begonnen haben. Wir vermoegen nicht zu sagen,

wieweit diese roemischen Erzaehlungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche

Grund und Zweck dieses Krieges war gewiss die durch die allgemeine politische

Lage geforderte Vorschiebung der roemischen Grenze. Ueber die drei Kampagnen des

Tiberius in Pannonien 742 bis 744 (12-10) sind wir sehr unvollkommen

unterrichtet. Als Ergebnis derselben wurde von der Regierung die Feststellung

der Donaugrenze fuer die Provinz Illyricum angegeben. Dass diese seitdem in

ihrem ganzen Laufe als die Grenze des roemischen Gebiets angesehen wurde, ist

ohne Zweifel richtig, aber eine eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung

dieses ganzen weiten Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Hauptsaechlichen

Widerstand gegen Tiberius leisteten die schon frueher fuer roemisch erklaerten

Voelkerschaften, insbesondere die Dalmater; unter den damals zuerst effektiv

unterworfenen ist die namhafteste die der pannonischen Breuker an der unteren

Save. Schwerlich haben die roemischen Heere waehrend dieser Feldzuege die Drau

auch nur ueberschritten, auf keinen Fall ihre Standlager an die Donau verlegt.

Das Gebiet zwischen Save und Drau wurde allerdings besetzt und das Hauptquartier

der illyrischen Nordarmee von Siscia an der Save nach Poetovio (Pettau) an der

mittleren Drau verlegt, waehrend in dem vor kurzem besetzten norischen Gebiet

die roemischen Besatzungen bis an die Donau bei Carnuntum reichten (Petronell

bei Wien), damals die letzte norische Stadt gegen Osten. Das weite und grosse

Gebiet zwischen der Drau und der Donau, das heutige westliche Ungarn, ist allem

Anschein nach damals nicht einmal militaerisch besetzt worden. Es entsprach dies

dem Gesamtplan der begonnenen Offensive; man suchte die Fuehlung mit dem

gallischen Heer, und fuer die neue Reichsgrenze im Nordosten war der natuerliche

Stuetzpunkt nicht Ofen, sondern Wien.

Gewissermassen eine Ergaenzung zu dieser pannonischen Expedition des

Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thraker von Lucius Piso

unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen Statthalter, den Moesien gehabt

hat. Die beiden grossen benachbarten Nationen, die Illyriker und die Thraker,

von denen in einem spaeteren Abschnitt eingehender gehandelt werden wird,

standen damals gleichmaessig zur Unterwerfung. Die Voelkerschaften des inneren

Thrakiens erwiesen sich noch stoerriger als die Illyriker und den von Rom ihnen

gesetzten Koenigen wenig botmaessig; im Jahre 738 (16) musste ein roemisches

Heer dort einruecken und den Fuersten gegen die Besser zu Hilfe kommen. Wenn wir

genauere Berichte ueber die dort wie hier in den Jahren 741 bis 743 (13-11)

gefuehrten Kaempfe haetten, wuerde das gleichzeitige Handeln der Thraker und der

Illyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen. Gewiss ist es, dass die

Masse der Thrakerstaemme suedlich vom Haemus und vermutlich auch die in Moesien

sitzenden sich an diesem Nationalkrieg beteiligten, und dass die Gegenwehr der

Thraker nicht minder hartnaeckig war als die der Illyriker. Es war fuer sie

zugleich ein Religionskrieg; das den Bessern genommene und den roemisch

gesinnten Odrysenfuersten ueberwiesene Dionysosheiligtum ^6 war nicht vergessen;

ein Priester dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrektion und sie

richtete sich zunaechst eben gegen jene Odrysenfuersten. Der eine derselben

wurde gefangen und getoetet, der andere verjagt; die zum Teil nach roemischem

Muster bewaffneten und disziplinierten Insurgenten siegten indem ersten Treffen

ueber Piso und drangen vor bis nach Makedonien und in den Thrakischen Chersones;

man fuerchtete fuer Asien. Indes die roemische Zucht behielt doch schliesslich

das Uebergewicht auch ueber diese tapferen Gegner; in mehreren Feldzuegen wurde

Piso des Widerstandes Herr, und das entweder schon bei dieser Gelegenheit oder

bald nachher auf dem "thrakischen Ufer" eingerichtete Kommando von Moesien brach

den Zusammenhang der dakisch-thrakischen Voelkerschaften, indem es die Staemme

am linken Ufer der Donau und die verwandten suedlich vom Haemus voneinander

schied, und sicherte dauernd die roemische Herrschaft im Gebiet der unteren

Donau.

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^6 Die Oertlichkeit, "in welcher die Besser den Gott Dionysos verehren" und

die Crassus ihnen nahm und den Odrysen gab (Dio 51, 25), ist gewiss derselbe

Liberi patris lucus, in welchem Alexander opferte und der Vater des Augustus,

cum per secreta Thraciae exercitum duceret, das Orakel wegen seines Sohnes

befragte (Suet. Aug. 94) und das schon Herodot (2, 111; vgl. Eur. Hek. 1267) als

unter Obhut der Besser stehendes Orakelheiligtum erwaehnt. Gewiss ist es

nordwaerts der Rhodope zu suchen; wiedergefunden ist es noch nicht.

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Naeher noch als von den Pannoniern und den Thrakern ward es den Roemern von

den Germanen gelegt, dass der damalige Zustand der Dinge auf die Dauer nicht

bleiben koenne. Die Reichsgrenze war seit Caesar der Rhein, vom Bodensee bis zu

seiner Muendung. Eine Voelkerscheide war er nicht, da schon von alters her im

Nordosten Galliens die Kelten sich vielfach mit Deutschen gemischt hatten, die

Treuerer und die Nervier Germanen wenigstens gern gewesen waeren, am mittleren

Rhein Caesar selbst die Reste der Scharen des Ariovistus, Triboker (im Elsass),

Nemeter (um Speyer), Vangionen (um Worms) sesshaft gemacht hatte. Freilich

hielten diese linksrheinischen Deutschen fester zu der roemischen Herrschaft als

die keltischen Gaue und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten Ufer die

Pforten Galliens geoeffnet. Aber diese, seit langem der Plunderzuege ueber den

Fluss gewohnt und der mehrfach halb geglueckten Versuche, dort sich

festzusetzen, keineswegs vergessen, kamen auch ungerufen. Die einzige

germanische Voelkerschaft jenseits des Rheines, die schon in Caesars Zeit sich

von ihren Landsleuten getrennt und unter roemischen Schutz gestellt hatte, die

Ubier, hatten vor dem Hass ihrer erbitterten Stammgenossen weichen und auf dem

roemischen Ufer Schutz und neue Wohnsitze suchen muessen (716 38); Agrippa,

obwohl persoenlich in Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals

bevorstehenden sizilischen Krieges nicht vermocht, ihnen in anderer Weise zu

helfen, und den Rhein nur ueberschritten, um die Ueberfuehrung zu bewirken. Aus

dieser ihrer Siedlung ist spaeter unser Koeln erwachsen. Nicht bloss die auf dem

rechten Rheinufer Handel treibenden Roemer wurden vielfaeltig von den Germanen

geschaedigt, so dass sogar im Jahre 729 (25) deswegen ein Vorstoss ueber den

Rhein ausgefuehrt ward und Agrippa im Jahre 734 (20) vom Rhein heruebergekommene

germanische Schwaerme aus Gallien hinauszuschlagen hatte; es geriet im Jahre 738

(16) das jenseitige Ufer in eine allgemeinere, auf einen Einbruch in grossem

Massstab hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr gingen voran, mit

ihnen ihre Nachbarn, noerdlich im Lippetal die Usiper, suedlich die Tencterer;

sie griffen die bei ihnen verweilenden roemischen Haendler auf und schlugen sie

ans Kreuz, ueberschritten dann den Rhein, pluenderten weit und breit die

gallischen Gaue, und als ihnen der Statthalter von Germanien den Legaten Marcus

Lollius mit der fuenften Legion entgegenschickte, fingen sie erst deren Reiterei

ab und schlugen dann die Legion selbst in schimpfliche Flucht, wobei ihnen sogar

deren Adler in die Haende fiel. Nach allem diesem kehrten sie unangefochten

zurueck in ihre Heimat. Dieser Misserfolg der roemischen Waffen, wenn auch an

sich nicht von Gewicht, war doch der germanischen Bewegung und selbst der

schwierigen Stimmung in Gallien gegenueber nichts weniger als unbedenklich;

Augustus selbst ging nach der angegriffenen Provinz, und es mag dieser Vorgang

wohl die naechste Veranlassung gewesen sein zur Aufnahme jener grossen

Offensive, die, mit dem Raetischen Krieg 739 (15) beginnend, weiter zu den

Feldzuegen des Tiberius in Illyricum und des Drusus in Germanien fuehrte.

Nero Claudius Drusus, geboren im Jahre 716 (38) von Livia im Hause ihres

neuen Gemahls, des spaeteren Augustus, und von diesem gleich einem Sohn - die

boesen Zungen sagten, als sein Sohn - geliebt und gehalten, ein Bild maennlicher

Schoenheit und von gewinnender Anmut im Verkehr, ein tapferer Soldat und ein

tuechtiger Feldherr, dazu ein erklaerter Lobredner der alten republikanischen

Ordnung und in jeder Hinsicht der populaerste Prinz des kaiserlichen Hauses,

uebernahm bei Augustus' Rueckkehr nach Italien (741 13) die Verwaltung von

Gallien und den Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt

ernstlich in das Auge gefasst ward. Wir vermoegen weder die Staerke der damals

am Rhein stehenden Armee noch die bei den Germanen obwaltenden Zustaende

genuegend zu erkennen; nur das tritt deutlich hervor, dass die letzteren nicht

imstande waren, dem geschlossenen Angriff in entsprechender Weise zu begegnen.

Das Neckargebiet, ehemals von den Helvetiern besessen, dann lange Zeit

streitiges Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag veroedet und

beherrscht einerseits durch die juengst unterworfene Landschaft der Vindeliker,

andererseits durch die roemisch gesinnten Germanen um Strassburg, Speyer und

Worms. Weiter nordwaerts, in der oberen Maingegend, sassen die Markomannen,

vielleicht der maechtigste der suebischen Staemme, aber mit den Germanen des

Mittelrheins seit alters her verfeindet. Nordwaerts des Mains folgten zunaechst

im Taunus die Chatten, weiter rheinabwaerts die schon genannten Tencterer,

Sugambrer und Usiper; hinter ihnen die maechtigen Cherusker an der Weser,

ausserdem eine Anzahl Voelkerschaften zweiten Ranges. Wie diese

mittelrheinischen Staemme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das roemische

Gallien ausgefuehrt hatten, so richtete sich auch der Vergeltungszug des Drusus

hauptsaechlich gegen sie, und sie auch verbanden sich gegen Drusus zur

gemeinschaftlichen Abwehr und zur Aufstellung eines aus dem Zuzug aller dieser

Gaue zu bildenden Volksheers. Aber die friesischen Staemme an der Nordseekueste

schlossen sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen eigenen Isolierung.

Es waren die Germanen, die die Offensive ergriffen. Die Sugambrer und ihre

Verbuendeten griffen wieder alle Roemer auf, deren sie auf ihrem Ufer habhaft

werden konnten, und schlugen die Centurionen darunter, ihrer zwanzig an der

Zahl, ans Kreuz. Die verbuendeten Staemme beschlossen, abermals in Gallien

einzufallen, und teilten auch die Beute im voraus - die Sugambrer sollten die

Leute, die Cherusker die Pferde, die suebischen Staemme das Gold und Silber

erhalten. So versuchten sie im Anfang des Jahres 742 (12) wieder den Rhein zu

ueberschreiten und hofften auf die Unterstuetzung der linksrheinischen Germanen

und selbst auf eine Insurrektion der eben damals durch das ungewohnte

Schaetzungsgeschaeft erregten gallischen Gaue. Aber der junge Feldherr traf

seine Massregeln gut: er erstickte die Bewegung im roemischen Gebiet, noch ehe

sie recht in Gang kam, warf die Eindringenden bei dem Flussuebergang selbst

zurueck und ging dann seinerseits ueber den Strom, um das Gebiet der Usiper und

Sugambrer zu brandschatzen. Dies war eine vorlaeufige Abwehr; der eigentliche

Kriegsplan, in groesserem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung der

Nordseekueste und der Muendungen der Eins und der Elbe. Der zahlreiche und

tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem Anschein nach damals und

durch guetliche Vereinbarung, dem Roemischen Reiche einverleibt worden; mit

ihrer Hilfe wurde vom Rheine zur Zuidersee und aus dieser in die Nordsee eine

Wasserverbindung hergestellt, welche der Rheinflotte einen sichereren und

kuerzeren Weg zur Ems- und Elbemuendung eroeffnete. Die Friesen an der

Nordkueste folgten dem Beispiel der Bataver und fuegten sich gleichfalls der

Fremdherrschaft. Es war wohl mehr noch die masshaltende Politik als die

militaerische Uebergewalt, die hier den Roemern den Weg bahnte: diese

Voelkerschaften blieben fast ganz steuerfrei und wurden zum Kriegsdienst in

einer Weise herangezogen, die nicht schreckte, sondern lockte. Von da ging die

Expedition an der Nordseekueste hinauf; im offenen Meer wurde die Insel

Burchanis (vielleicht Borkum vor Ostfriesland) mit stuermender Hand genommen,

auf der Ems die Bootflotte der Bructerer von der roemischen Flotte besiegt; bis

an die Muendung der Weser zu den Chaukern ist Drusus gelangt. Freilich geriet

die Flotte heimkehrend auf die gefaehrlichen und unbekannten Watten, und wenn

die Friesen nicht der schiffbruechigen Armee sicheres Geleit gewaehrt haetten,

waere sie in sehr kritische Lage geraten. Nichtsdestoweniger war durch diesen

ersten Feldzug die Kueste von der Rhein- zur Wesermuendung roemisch geworden.

Nachdem also die Kueste umfasst war, begann im naechsten Jahr (743 11) die

Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich erleichtert durch den Zwist

unter den mittelrheinischen Germanen. Zu dem im Jahre vorher versuchten Angriff

auf Gallien hatten die Chatten den versprochenen Zuzug nicht gestellt; in

begreiflichem, aber noch vielmehr unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit

gesamter Hand das Chattenland ueberfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet sowie

das ihrer naechsten Nachbarn am Rhein ohne Schwierigkeit von den Roemern

besetzt. Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer Feinde ohne

Gegenwehr; nichtsdestoweniger wurden sie angewiesen, das Rheinufer zu raeumen

und dafuer dasjenige Gebiet zu besetzen, das bis dahin die Sugambrer innegehabt

hatten. Nicht minder unterlagen weiter landeinwaerts die maechtigen Cherusker an

der mittleren Weser. Die an der unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr

zuvor von der Seeseite, so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesamte

Gebiet zwischen Rhein und Weser wenigstens an den militaerisch entscheidenden

Stellen in Besitz genommen. Der Rueckweg waere allerdings, eben wie im vorigen

Jahre, fast verhaengnisvoll geworden; bei Arbalo (unbekannter Lage) sahen sich

die Roemer in einem Engpass von allen Seiten von den Germanen umzingelt und

ihrer Verbindungen verlustig; aber die feste Zucht der Legionaere und daneben

die uebermuetige Siegesgewissheit der Deutschen verwandelten die drohende

Niederlage in einen glaenzenden Sieg ^7. Im naechsten Jahr (744 10) standen die

Chatten auf, erbittert ueber den Verlust ihrer alten schoenen Heimstatt; aber

jetzt blieben sie ihrerseits allein und wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr und

nicht ohne empfindlichen Verlust von den Roemern ueberwaeltigt (745 9). Die

Markomannen am oberen Main, die nach der Einnahme des Chattengebiets zunaechst

dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus und zogen sich rueckwaerts in das

Land der Boier, das heutige Boehmen, ohne von hier aus, wo sie dem unmittelbaren

Machtkreise Roms entrueckt waren, in die Kaempfe am Rhein einzugreifen. In dem

ganzen Gebiet zwischen Rhein und Weser war der Krieg zu Ende. Drusus konnte im

Jahre 745 (9) im Cheruskergau das rechte Weserufer betreten und von da vorgehen

bis an die Elbe, die er nicht ueberschritt, vermutlich angewiesen war, nicht zu

ueberschreiten. Manches harte Gefecht wurde geliefert, erfolgreicher Widerstand

nirgends geleistet. Aber auf dem Rueckweg, der, wie es scheint, die Saale hinauf

und von da zur Weser genommen ward, traf die Roemer ein schwerer Schlag, nicht

durch den Feind, aber durch einen unberechenbaren Ungluecksfall. Der Feldherr

stuerzte mit dem Pferd und brach den Schenkel; nach dreissigtaegigen Leiden

verschied er in dem fernen Lande zwischen Saale und Weser ^8, das nie vor ihm

eine roemische Armee betreten hatte, in den Armen des aus Rom herbeigeeilten

Bruders, im dreissigsten Jahre seines Alters, im Vollgefuehl seiner Kraft und

seiner Erfolge, von den Seinigen und dem ganzen Volke tief und lange betrauert,

vielleicht gluecklich zu preisen, weil die Goetter ihm gaben, jung aus dem Leben

zu scheiden und den Enttaeuschungen und Bitterkeiten zu entgehen, welche die

Hoechstgestellten am schmerzlichsten treffen, waehrend in der Erinnerung der

Welt noch heute seine glaenzende Heldengestalt fortlebt.

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^7 Dass die Schlacht bei Arbalo (Plin. nat. 11, 17, 55) in dieses Jahr

gehoert, zeigt Obsequens 72 und also geht auf sie die Erzaehlung bei Dio 54, 33.

^8 Dass der Sturz des Drusus in der Saalegegend erfolgte, wird aus Strabon

7,1, 3 p. 291 gefolgert werden duerfen, obwohl er nur sagt, dass er auf dem

Heerzuge zwischen Salas und Rhein umkam und die Identifikation des Salas mit der

Saale allein auf der Namensaehnlichkeit beruht. Von der Ungluecksstaette wurde

er dann bis in das Sommerlager transportiert (Sen. dial. ad Marciam 3: ipsis

illum hostibus aegrum cum veneratione et pace mutua prosequentibus nec optare

quod expediebat audentibus) und in diesem ist er gestorben (Suet. Claud. 1).

Dies lag tief im Barbarenland (Val. Max. 5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem

Schlachtfelde des Varus (Tac. ann. 2, 7, wo die vetus ara Druso sita gewiss auf

den Sterbeplatz zu beziehen ist); man wird dasselbe im Wesergebiet suchen

duerfen. Die Leiche wurde dann in das Winterlager geschafft (Dio 55, 2) und dort

verbrannt; diese Staette galt nach roemischem Gebrauch auch als Grabstaette,

obwohl die Beisetzung der Asche in Rom stattfand, und darauf ist der honorarius

tumulus mit der jaehrlichen Leichenfeier zu beziehen (Suet. a. a. O.).

Wahrscheinlich hat man dessen Staette in Vetera zu suchen. Wenn ein spaeterer

Schriftsteller (Eutr. 7, 13) von dem monumentum des Drusus bei Mainz spricht, so

ist dies nicht wohl das Grabmal, sondern das anderweitig erwaehnte Tropaeum

(Flor. epit. 2, 30: Marcomanorum spoliis et insignibus quendam editum tumulum in

tropaei modum excoluit).

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In dem grossen Gang der Dinge aenderte, wie billig, der Tod des tuechtigen

Feldherrn nichts. Sein Bruder Tiberius kam frueh genug, nicht bloss um ihm die

Augen zuzudruecken, sondern auch um mit seiner sicheren Hand das Heer zurueck

und die Eroberung Germaniens weiter zu fuehren. Er kommandierte dort waehrend

der beiden folgenden Jahre (746, 747 8, 7); zu groesseren Kaempfen ist es

waehrend derselben nicht gekommen, aber weit und breit zwischen Rhein und Elbe

zeigten sich die roemischen Truppen, und als Tiberius die Forderung stellte,

dass saemtliche Gaue die roemische Herrschaft foermlich anzuerkennen haetten,

und zugleich erklaerte, die Anerkennung nur von saemtlichen Gauen zugleich

entgegennehmen zu koennen, fuegten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt von allen die

Sugambrer, fuer die es freilich einen wirklichen Frieden nicht gab. Wie weit man

militaerisch gelangt war, beweist die wenig spaeter fallende Expedition des

Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser konnte als Statthalter von Illyricum,

wahrscheinlich von Vindelizien aus, einem unsteten Hermundurenschwarm im

Markomannenlande selbst Sitze anweisen und gelangte bei dieser Expedition bis an

und ueber die obere Elbe, ohne auf Widerstand zu treffen ^9. Die Markomannen in

Boehmen waren voellig isoliert, und das uebrige Germanien zwischen Rhein und

Elbe eine, wenn auch noch keineswegs befriedete, roemische Provinz.

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^9 Die Mitteilung Dios (55, IOa), zum Teil bestaetigt durch Tacitus (arm.

4, 44) kann nicht anders aufgefasst werden. Diesem Statthalter muss

ausnahmsweise auch Noricum und Raetien unterstellt gewesen sein oder der Lauf

der Operationen veranlasste ihn, die Grenze seiner Statthalterschaft zu

ueberschreiten. Dass er Boehmen selbst durchschritten habe, was in noch

groessere Schwierigkeiten verwickeln wuerde, fordert der Bericht nicht.

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Die militaerisch-politische Organisation Germaniens, wie sie damals

angelegt ward, vermoegen wir nur unvollkommen zu erkennen, da uns einmal ueber

die in frueherer Zeit zum Schutz der gallischen Ostgrenze getroffenen

Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andererseits diejenigen der beiden

Brueder durch die spaetere Entwicklung der Dinge grossenteils zerstoert worden

sind. Eine Verlegung der roemischen Grenzhut vom Rhein weg hat keineswegs

stattgefunden; so weit wollte man vielleicht kommen, aber war man nicht.

Aehnlich wie in Illyricum damals die Donau, war die Elbe wohl die politische

Reichsgrenze, aber der Rhein die Linie der Grenzverteidigung, und von den

Rheinlagern liefen die rueckwaertigen Verbindungen nach den grossen Staedten

Galliens und nach dessen Haefen ^10. Das grosse Hauptquartier waehrend dieser

Feldzuege ist das spaetere sogenannte "alte Lager", Castra vetera (Birten bei

Xanten), die erste bedeutende Hoehe abwaerts Bonn am linken Rheinufer,

militaerisch etwa dem heutigen Wesel am rechten entsprechend. Dieser Platz,

besetzt vielleicht seit den Anfaengen der Roemerherrschaft am Rhein, ist von

Augustus eingerichtet worden als Zwingburg fuer Germanien; und wenn die Festung

zu allen Zeiten der Stuetzpunkt fuer die roemische Defensive am linken Rheinufer

gewesen ist, so war sie fuer die Invasion des rechten nicht weniger wohl

gewaehlt, gelegen gegenueber der Muendung der weit hinauf schiffbaren Lippe und

mit dem rechten Ufer durch eine feste Bruecke verbunden. Den Gegensatz zu diesem

"alten Lager" an der Muendung der Lippe, bildete wahrscheinlich das an der

Muendung des Main, Mogontiacum, das heutige Mainz, allem Anschein nach eine

Schoepfung des Drusus; wenigstens zeigen die schon erwaehnten, den Chatten

auferlegten Gebietsabtretungen, sowie die weiterhin zu erwaehnenden Anlagen im

Taunus, dass Drusus die militaerische Wichtigkeit der Mainlinie und also auch

die ihres Schluessels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt hat. Wenn das

Legionslager an der Aare, wie es scheint, eingerichtet worden ist, um die Raeter

und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten, so faellt dessen Anlage vermutlich schon

in diese Zeit, aber es ist dann auch mit den gallisch-germanischen

Militaereinrichtungen nur aeusserlich verknuepft gewesen. Das Strassburger

Legionslager reicht schwerlich bis in so fruehe Zeit hinauf. Die Basis der

roemischen Heerstellung bildet die Linie von Mainz bis Wesel. Dass Drusus und

Tiberius, abgesehen von der damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen

Provinz, sowohl die Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Kommando der

saemtlichen rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen

Prinzen abgesehen, mag damals wohl die Zivilverwaltung Galliens von dem Kommando

der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwerlich war das letztere damals

schon in zwei koordinierte Kommandos geteilt ^11.

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^10 Auf eine rueckwaertige Verbindung der Rheinlager mit dem Hafen von

Boulogne duerfte die viel bestrittene Notiz des Florus (epit. 2, 30) zu beziehen

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 2 / 73 段