Roemische Geschichte
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian
Der Wunsch, dass die 'Roemische Geschichte' fortgesetzt werden moege, ist
mir oefter geaeussert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen, so
schwer es auch ist, nach dreissig Jahren den Faden da wieder aufzunehmen, wo ich
ihn fallen lassen musste. Wenn er nicht unmittelbar anknuepft, so ist daran
wenig gelegen; ein Fragment wuerde der vierte Band ohne den fuenften ebenso
sein, wie es der fuenfte jetzt ist ohne den vierten. Ueberdies meine ich, dass
die beiden zwischen diesem und den frueheren fehlenden Buecher fuer das
gebildete Publikum, dessen Verstaendnis des roemischen Altertums zu foerdern
diese Geschichte bestimmt ist, eher durch andere Werke vertreten werden koennen
als das vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die durch Caesar
errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, welche in dem Sechsten
Buch erzaehlt werden sollen, sind so gut aus dem Altertum ueberliefert, dass
jede Darstellung wesentlich auf eine Nacherzaehlung hinauslaeuft. Das
monarchische Regiment in seiner Eigenart und die Fluktuationen der Monarchie
sowie die durch die Persoenlichkeit der einzelnen Herrscher bedingten
allgemeinen Regierungsverhaeltnisse, denen das Siebente Buch bestimmt ist, sind
wenigstens oftmals zum Gegenstand der Darstellung gemacht worden. Was hier
gegeben wird, die Geschichte der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf
Diocletian, liegt, wenn ich nicht irre, dem Publikum, an das dieses Werk sich
wendet, in zugaenglicher Zusammenfassung nirgends vor, und dass dies nicht der
Fall ist, scheint mir die Ursache zu sein, weshalb dasselbe die roemische
Kaiserzeit haeufig unrichtig und unbillig beurteilt. Freilich kann diese meines
Erachtens fuer das richtige Verstaendnis der Geschichte der roemischen
Kaiserzeit vorbedingende Trennung dieser Spezialgeschichten von der allgemeinen
des Reiches fuer manche Abschnitte, insbesondere fuer die Epoche von Gallienus
bis auf Diocletian, wieder nicht vollstaendig durchgefuehrt werden und hat hier
die noch ausstehende allgemeine Darstellung ergaenzend einzutreten.
Wenn ueberhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Faellen nur mit und durch
die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser Darstellung des Reiches
der drei Erdteile nach seinen Provinzen in besonderem Grade, waehrend hierfuer
genuegende Karten nur in den Haenden weniger Leser sein koennen. Dieselben
werden also mit mir meinem Freunde Kiepert es danken, dass er, in der Weise und
in der Begrenzung, wie der Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, demselben
zunaechst ein allgemeines Uebersichtsblatt, das ausserdem mehrfach fuer die
Spezialkarten ergaenzend eintritt, und weiter Spezialkarten der einzelnen
Reichsteile hinzugefuegt hat ...
Berlin, im Februar 1885
Einige Versehen, auf die ich aufmerksam gemacht worden bin und die in den
Platten sich beseitigen liessen, sind bei dem dritten Abzuge verbessert worden,
der vierte ist ein unveraenderter Abdruck des vorigen.
Februar 1886; September 1894
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian
Gehe durch die Welt und sprich mit jedem.
Firdusi
Einleitung
Die Geschichte der roemischen Kaiserzeit stellt aehnliche Probleme wie
diejenige der frueheren Republik.
Was aus der literarischen Ueberlieferung unmittelbar entnommen werden kann,
ist nicht bloss ohne Farbe und Gestalt, sondern in der Tat meistens ohne Inhalt.
Das Verzeichnis der roemischen Monarchen ist ungefaehr ebenso glaubwuerdig wie
das der Konsuln der Republik und ungefaehr ebenso instruktiv. Die den ganzen
Staat erschuetternden grossen Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel
besser aber als ueber die Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet ueber
die germanischen unter den Kaisern Augustus und Marcus. Der republikanische
Anekdotenschatz ist sehr viel ehrbarer als der gleiche der Kaiserzeit; aber die
Erzaehlungen von Fabricius und die vom Kaiser Gaius sind ziemlich gleich flach
und gleich verlogen. Die innerliche Entwicklung des Gemeinwesens liegt
vielleicht fuer die fruehere Republik in der Ueberlieferung vollstaendiger vor
als fuer die Kaiserzeit; dort bewahrt sie eine, wenn auch getruebte und
verfaelschte Schilderung der schliesslich wenigstens auf dem Markte Roms
endigenden Wandlungen der staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im
kaiserlichen Kabinett und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgueltigkeiten
in die Oeffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehnung des Kreises und die
Verschiebung der lebendigen Entwicklung vom Zentrum in die Peripherie. Die
Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des Landes Italien, diese zu der der
Welt des Mittelmeers erweitert, und worauf es am meisten ankommt, davon erfahren
wir am wenigsten. Der roemische Staat dieser Epoche gleicht einem gewaltigen
Baum, um dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm maechtige Nebentriebe rings
emporstreben. Der roemische Senat und die roemischen Herrscher entstammen bald
jedem anderen Reichsland ebensosehr wie Italien; die Quiriten dieser Epoche,
welche die nominellen Erben der weltbezwingenden Legionaere geworden sind, haben
zu den grossen Erinnerungen der Vorzeit ungefaehr dasselbe Verhaeltnis wie
unsere Johanniter zu Rhodos und Malta und betrachten ihre Erbschaft als ein
nutzbares Recht, als stiftungsmaessige Versorgung arbeitsscheuer Armer. Wer an
die sogenannten Quellen dieser Epoche, auch die besseren, geht, bemeistert
schwer den Unwillen ueber das Sagen dessen, was verschwiegen zu werden
verdiente, und das Verschweigen dessen, was notwendig war zu sagen. Denn gross
Gedachtes und weithin Wirkendes ist auch in dieser Epoche geschaffen worden; die
Fuehrung des Weltregiments ist selten so lange in geordneter Folge verblieben,
und die festen Verwaltungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren Nachfolgern
vorzeichneten, haben sich im ganzen mit merkwuerdiger Festigkeit behauptet,
trotz allem Wechsel der Dynastien und der Dynasten, welcher in der nur darauf
blickenden und bald zu Kaiserbiographien zusammenschwindenden Ueberlieferung
mehr als billig im Vordergrunde steht. Die scharfen Abschnitte, welche in der
landlaeufigen, durch jene Oberflaechlichkeit der Grundlage geirrten Auffassung
die Regierungswechsel machen, gehoeren weit mehr dem Hoftreiben an als der
Reichsgeschichte. Das eben ist das Grossartige dieser Jahrhunderte, dass das
einmal angelegte Werk, die Durchfuehrung der lateinisch-griechischen
Zivilisierung in der Form der Ausbildung der staedtischen Gemeindeverfassung,
die allmaehliche Einziehung der barbarischen oder doch fremdartigen Elemente in
diesen Kreis, eine Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahrhunderte stetiger
Taetigkeit und ruhiger Selbstentwicklung erforderte, diese lange Frist und
diesen Frieden zu Lande und zur See gefunden hat. Das Greisenalter vermag nicht
neue Gedanken und schoepferische Taetigkeit zu entwickeln, und das hat auch das
roemische Kaiserregiment nicht getan; aber es hat in seinem Kreise, den die,
welche ihm angehoerten, nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden
und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen laenger und vollstaendiger
gehegt, als es irgendeiner anderen Vormacht je gelungen ist. In den
Ackerstaedten Afrikas, in den Winzerheimstaetten an der Mosel, in den bluehenden
Ortschaften der lykischen Gebirge und des syrischen Wuestenrandes ist die Arbeit
der Kaiserzeit zu suchen und auch zu finden. Noch heute gibt es manche
Landschaft des Orients wie des Okzidents, fuer welche die Kaiserzeit den an sich
sehr bescheidenen, aber doch vorher wie nachher nie erreichten Hoehepunkt des
guten Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz
aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet damals oder
heute mit groesserem Verstande und mit groesserer Humanitaet regiert worden ist,
ob Gesittung und Voelkerglueck im allgemeinen seitdem vorwaerts- oder
zurueckgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der Spruch zu Gunsten der
Gegenwart ausfallen wuerde. Aber wenn wir finden, dass dieses also war, so
fragen wir die Buecher, die uns geblieben sind, meistens umsonst, wie dieses
also geworden ist. Sie geben darauf sowenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung
der frueheren Republik die gewaltige Erscheinung des Rom erklaert, welches in
Alexanders Spuren die Welt unterwarf und zivilisierte.
Ausfuellen laesst sich die eine Luecke sowenig wie die andere. Aber es
schien des Versuches wert, einmal abzusehen sowohl von den Regentenschilderungen
mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu oft gefaelschten Farben wie auch
von dem scheinhaft chronologischen Aneinanderreihen nicht zusammenpassender
Fragmente, und dafuer zu sammeln und zu ordnen, was fuer die Darstellung des
roemischen Provinzialregiments die Ueberlieferung und die Denkmaeler bieten, der
Muehe wert, durch diese oder durch jene zufaellig erhaltene Nachrichten, in dem
Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen in ihrer
Beziehung auf die einzelnen Landesteile, mit den fuer jeder. derselben, durch
die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen Bedingungen, durch die
Phantasie, welche wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter ist, nicht zu
einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Aber die
Epoche Diocletians habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue
Regiment, welches damals geschaffen wurde, hoechstens im zusammenfassenden
Ausblick den Schlussstein dieser Erzaehlung bilden kann; seine volle Wuerdigung
verlangt eine besondere Erzaehlung und einen anderen Weltrahmen, ein bei
schaerferem Verstaendnis des Einzelnen in dem grossen Sinn und mit dem weiten
Blick Gibbons durchgefuehrtes selbstaendiges Geschichtswerk. Italien und seine
Inseln sind ausgeschlossen worden, da diese Darstellung von der des allgemeinen
Reichsregiments nicht getrennt werden kann. Die sogenannte aeussere Geschichte
der Kaiserzeit ist aufgenommen als integrierender Teil der Provinzialverwaltung;
was wir Reichskriege nennen wuerden, sind gegen das Ausland unter der Kaiserzeit
nicht gefuehrt worden, wenngleich die durch die Arrondierung oder Verteidigung
der Grenzen hervorgerufenen Kaempfe einige Male Verhaeltnisse annahmen, dass sie
als Kriege zwischen zwei gleichartigen Maechten erscheinen, und der
Zusammensturz der roemischen Herrschaft in der Mitte des dritten Jahrhunderts,
welcher einige Dezennien hindurch ihr definitives Ende werden zu sollen schien,
aus der an mehreren Stellen gleichzeitig ungluecklich gefuehrten
Grenzverteidigung sich entwickelte. Die grosse Vorschiebung und Regulierung der
Nordgrenze, wie sie unter Augustus teilweise ausgefuehrt ward, teilweise
misslang, leitet die Erzaehlung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem
jeden der drei hauptsaechlichsten Schauplaetze der Grenzverteidigung, des
Rheins, der Donau, des Euphrat, zusammengefasst worden. Im uebrigen ist die
Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im einzelnen fesselndes Detail,
Stimmungsschilderungen und Charakterkoepfe hat sie nicht zu bieten; es ist dem
Kuenstler, aber nicht dem Geschichtschreiber erlaubt, das Antlitz des Arminius
zu erfinden. Mit Entsagung ist dies Buch geschrieben und mit Entsagung moechte
es gelesen sein.
1. Kapitel
Die Nordgrenze Italiens
Die roemische Republik hat ihr Gebiet hauptsaechlich auf den Seewegen gegen
Westen, Sueden und Osten erweitert; nach derjenigen Richtung hin, in welcher
Italien und die von ihm abhaengigen beiden Halbinseln im Westen und im Osten mit
dem grossen Kontinent Europas zusammenhaengen, war dies wenig geschehen. Das
Hinterland Makedoniens gehorchte den Roemern nicht und nicht einmal der
noerdliche Abhang der Alpen; nur das Hinterland der gallischen Suedkueste war
durch Caesar zum Reiche gekommen. Bei der Stellung, die das Reich im allgemeinen
einnahm, durfte dies so nicht bleiben; die Beseitigung des traegen und
unsicheren Regiments der Aristokratie musste vor allem an dieser Stelle sich
geltend machen. Nicht so geradezu wie die Eroberung Britanniens hatte Caesar die
Ausdehnung des roemischen Gebiets am Nordabhang der Alpen und am rechten Ufer
des Rheins den Erben seiner Machtstellung aufgetragen; aber der Sache nach war
die letztere Grenzerweiterung bei weitem naeher gelegt und notwendiger als die
Unterwerfung der ueberseeischen Kelten, und man versteht es, dass Augustus diese
unterliess und jene aufnahm. Dieselbe zerfiel in drei grosse Abschnitte: die
Operationen an der Nordgrenze der griechisch-makedonischen Halbinsel im Gebiet
der mittleren und unteren Donau, in Illyricum; die an der Nordgrenze Italiens
selbst, im oberen Donaugebiet, in Raetien und Noricum; endlich die am rechten
Rheinufer, in Germanien. Meistens selbstaendig gefuehrt, haengen die
militaerisch-politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch innerlich zusammen,
und wie sie saemtlich aus der freien Initiative der roemischen Regierung
hervorgegangen sind, koennen sie auch in ihrem Gelingen wie in ihrem teilweisen
Misslingen nur in ihrer Gesamtheit militaerisch und politisch verstanden werden.
Sie werden darum auch mehr im oertlichen als wie zeitlichen Zusammenhang
dargelegt werden; das Gebaeude, von dem sie doch nur Teile sind, wird besser in
seiner inneren Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet.
Das Vorspiel zu dieser grossen Gesamtaktion machen die Einrichtungen,
welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sizilien freie Hand gewonnen
hatte, an den oberen Kuesten des Adriatischen Meeres und im angrenzenden
Binnenland vornahm. In den hundertundfuenfzig Jahren, die seit der Gruendung
Aquileias verflossen waren, hatte wohl der roemische Kaufmann von dort aus sich
des Verkehrs mehr und mehr bemaechtigt, aber der Staat unmittelbar nur geringe
Fortschritte gemacht. An den Haupthaefen der dalmatinischen Kueste, ebenso auf
der von Aquileia in das Savetal fuehrenden Strasse bei Nauportus (Ober-Laibach)
hatten sich ansehnliche Handelsniederlassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien,
Istrien und die Krain galten als roemisches Gebiet und wenigstens das
Kuestenland war in der Tat botmaessig; aber die rechtliche Staedtegruendung
stand noch ebenso aus wie die Baendigung des unwirtlichen Binnenlandes. Hier
aber kam noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen Caesar und
Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso entschieden fuer den letzteren
Partei ergriffen wie die dort ansaessigen Roemer fuer Caesar; auch nach der
Niederlage des Pompeius bei Pharsalos und nach der Verdraengung der
Pompeianischen Flotte aus den illyrischen Gewaessern setzten die Eingeborenen
den Widerstand energisch und erfolgreich fort. Der tapfere und faehige Publius
Vatinius, der frueher in diese Kaempfe mit grossem Erfolg eingegriffen hatte,
wurde mit einem starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem
Jahre vor Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit welchem der
Diktator selbst nachfolgend die eben damals maechtig emporstrebenden Daker
niederzuwerfen und die Verhaeltnisse im ganzen Donaugebiet zu ordnen
beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Moerder ab; man musste sich
gluecklich schaetzen, dass die Daker nicht ihrerseits in Makedonien eindrangen,
und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater ungluecklich und mit starken
Verlusten. Als dann die Republikaner im Osten ruesteten, ging das illyrische
Heer in das des Brutus ueber und die Dalmatiner blieben laengere Zeit
unangefochten. Nach der Niederwerfung der Republikaner liess Antonius, dem bei
der Teilung des Reiches Makedonien zugefallen war, im Jahre 715 (39) die
unbotmaessigen Dardaner im Nordwesten und die Parthiner an der Kueste (oestlich
von Durazzo) zu Paaren treiben, wobei der beruehmte Redner Gaius Asinius Pollio
die Ehren des Triumphes gewann. In Illyricum, welches unter Caesar stand, konnte
nichts geschehen, solange dieser seine ganze Macht auf den sizilischen Krieg
gegen Sextus Pompeius wenden musste; aber nach dessen gluecklicher Beendigung
warf Caesar selbst sich mit aller Kraft auf diese Aufgabe. Die kleinen
Voelkerschaften von Doclea (Cernagora) bis zu den Japuden (bei Fiume) wurden in
dem ersten Feldzug (719 35) zur Botmaessigkeit zurueckgebracht oder jetzt zuerst
gebaendigt. Es war kein grosser Krieg mit namhaften Feldschlachten, aber die
Gebirgskaempfe gegen die tapferen und verzweifelnden Staemme und das Brechen der
festen, zum Teil mit roemischen Maschinen ausgeruesteten Burgen waren keine
leichte Aufgabe; in keinem seiner Kriege hat Caesar in gleichem Grade eigene
Energie und persoenliche Tapferkeit entwickelt. Nach der muehsamen Unterwerfung
des Japudengebiets marschierte er noch in demselben Jahre im Tal der Kulpa
aufwaerts zu deren Muendung in die Save; die dort gelegene feste Ortschaft
Siscia (Sziszek), der Hauptwaffenplatz der Pannonier, gegen den bisher die
Roemer noch nie mit Erfolg vorgegangen waren, ward jetzt besetzt und zum
Stuetzpunkt bestimmt fuer den Krieg gegen die Daker, den Caesar demnaechst
aufzunehmen gedachte. In den beiden folgenden Jahren (720, 721 34, 33) wurden
die Dalmater, die seit einer Reihe von Jahren gegen die Roemer in Waffen
standen, nach dem Fall ihrer Feste Promona (Promina bei Dernis, oberhalb
Sebenico) zur Unterwerfung gezwungen. Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war
das Friedenswerk, das zugleich sich vollzog und zu dessen Sicherung sie dienen
sollten. Ohne Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplaetze an der
istrischen und dalmatinischen Kueste, soweit sie in dem Machtbereich Caesars
lagen, Tergeste (Triest), Pola, Iader (Zara), Salome (bei Spalato), Narona (an
der Narentamuendung), nicht minder jenseits der Alpen, auf der Strasse von
Aquileia ueber die Julische Alpe zur Save, Emona (Laibach), durch den zweiten
Julier zum Teil staedtische Mauern, saemtlich staedtisches Recht. Die Plaetze
selbst bestanden wohl alle schon laengst als roemische Flecken; aber es war
immer von wesentlicher Bedeutung, dass sie jetzt unter die italischen Gemeinden
gleichberechtigt eingereiht wurden.
Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Buergerkrieg ging zum zweitenmal ihm
vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den Osten; und der grosse
Entscheidungskampf zwischen Caesar und Antonius warf seine Wellen bis in das
ferne Donaugebiet. Das durch den Koenig Burebista geeinigte und gereinigte Volk
der Daker, jetzt unter dem Koenig Cotiso, sah sich von beiden Gegnern umworben -
Caesar wurde sogar beschuldigt, des Koenigs Tochter zur Ehe begehrt und ihm
dagegen die Hand seiner fuenfjaehrigen Tochter Julia angetragen zu haben. Dass
der Daker im Hinblick auf die von dem Vater geplante, von dem Sohn durch die
Befestigung Siscias eingeleitete Invasion sich auf Antonius' Seite schlug, ist
begreiflich; und haette er ausgefuehrt, was man in Rom besorgte, waere er,
waehrend Caesar im Osten focht, vom Norden her in das wehrlose Italien
eingedrungen, oder haette Antonius nach dem Vorschlag der Daker die Entscheidung
statt in Epirus vielmehr in Makedonien gesucht und dort die dakischen Scharen an
sich gezogen, so waeren die Wuerfel des Kriegsgluecks vielleicht anders
gefallen. Aber weder das eine noch das andere geschah; zudem brach eben damals
der durch Burebistas kraeftige Hand geschaffene Dakerstaat wieder auseinander;
die inneren Unruhen, vielleicht auch von Norden her die Angriffe der
germanischen Bastarner und der spaeterhin Dakien nach allen Richtungen
umklammernden sarmatischen Staemme, verhinderten die Daker, in den auch ueber
ihre Zukunft entscheidenden roemischen Buergerkrieg einzugreifen.
Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, wandte sich
Caesar zu der Regulierung der Verhaeltnisse an der unteren Donau. Indes da teils
die Daker selbst nicht mehr so wie frueher zu fuerchten waren, teils Caesar
jetzt nicht mehr bloss ueber Illyricum, sondern ueber die ganze griechisch-
makedonische Halbinsel gebot, wurde zunaechst diese die Basis der roemischen
Operationen. Vergegenwaertigen wir uns die Voelker und die
Herrschaftsverhaeltnisse; die Augustus dort vorfand.
Makedonien war seit Jahrhunderten roemische Provinz. Als solche reichte es
nicht hinaus noerdlich ueber Stobi und oestlich ueber das Rhodopegebirge; aber
der Machtbereich Roms erstreckte sich weit ueber die eigentliche Landesgrenze,
obwohl in schwankendem Umfang und ohne feste Form. Ungefaehr scheinen die Roemer
damals bis zum Haemus (Balkan) die Vormacht gehabt zu haben, waehrend das Gebiet
jenseits des Balkan bis zur Donau wohl einmal von roemischen Truppen betreten,
aber keineswegs von Rom abhaengig war ^1. Jenseits des Rhodopegebirges waren die
Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich die der Odrysen, denen
der groesste Teil der Suedkueste und ein Teil der Kueste des Schwarzen Meeres
botmaessig war, durch die Expedition des Lucullus unter roemische
Schutzherrschaft gekommen, waehrend die Bewohner der mehr binnenlaendischen
Gebiete, namentlich die Besser an der oberen Mariza Untertanen wohl hiessen,
aber nicht waren und ihre Einfaelle in das befriedete Gebiet sowie die
Vergeltungszuege in das ihrige stetig fortgingen. So hatte um das Jahr 694 (60)
der leibliche Vater des Augustus, Gaius Octavius, und im Jahre 711 (43) waehrend
der Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die Triumvirn Marcus Brutus gegen sie
gestritten. Eine andere thrakische Voelkerschaft, die Dentheleten (in der Gegend
von Sofia), hatten noch in Ciceros Zeit bei einem Einfall in Makedonien Miene
gemacht, dessen Hauptstadt Thessalonike zu belagern. Mit den Dardanern, den
westlichen Nachbarn der Thraker, einem Zweig der illyrischen Voelkerfamilie,
welche das suedliche Serbien und den Distrikt Prisrend bewohnten, hatte der
Amtsvorgaenger des Lucullus, Curio, mit Erfolg und ein Dezennium spaeter Ciceros
Kollege im Konsulat, Gaius Antonius, im Jahre 692 (62) ungluecklich gefochten.
Unterhalb des dardanischen Gebiets, unmittelbar an der Donau, sassen wieder
thrakische Staemme, die einstmals maechtigen, jetzt herabgekommenen Triballer im
Tal des Oescus (in der Gegend von Plewna), weiterhin an beiden Ufern der Donau
bis zur Muendung Daker, oder wie sie am rechten Donauufer mit dem alten, auch
den asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen gewoehnlich genannt wurden,
Myser oder Moeser, wahrscheinlich zu Burebistas Zeit ein Teil seines Reiches,
jetzt wieder in verschiedene Fuerstentuemer zersplittert. Die maechtigste
Voelkerschaft aber zwischen Balkan und Donau waren damals die Bastarner. Wir
sind diesem tapferen und zahlreichen Stamm, dem oestlichsten Zweig der grossen
germanischen Sippe, schon mehrfach begegnet. Eigentlich ansaessig hinter den
transdanuvianischen Dakern jenseits der Gebirge, die Siebenbuergen von der
Moldau scheiden, an den Donaumuendungen und in dem weiten Gebiet von da zum
Dnjestr, befanden sie sich selber ausserhalb des roemischen Bereichs; aber
vorzugsweise aus ihnen hatte sowohl Koenig Philipp von Makedonien wie Koenig
Mithradates von Pontus seine Heere gebildet und in dieser Weise hatten die
Roemer schon frueher oft mit ihnen gestritten. Jetzt hatten sie in grossen
Massen die Donau ueberschritten und sich noerdlich vom Haemus festgesetzt;
insofern der dakische Krieg, wie ihn Caesar der Vater und dann der Sohn geplant
hatten, ohne Zweifel der Gewinnung des rechten Ufers der unteren Donau galt, war
er nicht minder gegen sie gerichtet wie gegen die rechtsufrigen dakischen
Moeser. Die griechischen Kuestenstaedte in dem Barbarenland Odessos (bei Varna),
Tomis, Istropolis, schwer bedraengt durch dies Voelkergewoge, waren hier wie
ueberall die geborenen Klienten der Roemer.
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^1 Dies sagt ausdruecklich Dio (51, 23) zum Jahre 725 (29): teos men o?n
ta?t epoioyn (d. h. solange die Bastarner nur die Triballer - bei Oescus in
Niedermoesien - und die Dardaner in Obermoesien angriffen), oyden sphisi pragma
pros to?s R/o/maioys /e/n. Epei de ton te Aimon yperebesan kai t/e/n THrak/e/n
t/e/n Denthel/e/t/o/n enspondon aytois o?san katedramon k. t. l. Die
Bundesgenossen in Moesien, von denen Dio 38, 10 spricht, sind die
Kuestenstaedte.
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Zur Zeit der Diktatur Caesars, als Burebista auf der Hoehe seiner Macht
stand, hatten die Daker an der Kueste bis hinab nach Apollonia jenen
fuerchterlichen Verheerungszug ausgefuehrt, dessen Spuren noch nach anderthalb
Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl zunaechst dieser Einfall
gewesen sein, welcher Caesar den Vater bestimmte, den Dakerkrieg zu unternehmen;
und nachdem der Sohn jetzt auch ueber Makedonien gebot, musste er allerdings
sich verpflichtet fuehlen, eben hier sofort und energisch einzugreifen. Die
Niederlage, die Ciceros Kollege Antonius bei Istropolis durch die Bastarner
erlitten hatte, darf als ein Beweis dafuer genommen werden, dass diese Griechen
wieder einmal der Hilfe der Roemer bedurften.
In der Tat wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725 29) Marcus Licinius
Crassus, der Enkel des bei Karrhae gefallenen, von Caesar als Statthalter nach
Makedonien gesandt und beauftragt, den zweimal verhinderten Feldzug nun
auszufuehren. Die Bastarner, welche eben damals in Thrakien eingefallen waren,
fuegten sich ohne Widerstand, als Crassus sie auffordern liess, das roemische
Gebiet zu verlassen; aber ihr Rueckzug genuegte dem Roemer nicht. Er
ueberschritt seinerseits den Haemus ^2, schlug am Einfluss des Cibrus
(Tzibritza) in die Donau die Feinde, deren Koenig Deldo auf der Wahlstatt blieb,
und nahm, was aus der Schlacht in eine nahe Festung entkommen war, mit Hilfe
eines zu den Roemern haltenden Dakerfuersten gefangen. Ohne weiteren Widerstand
zu leisten, unterwarf sich dem Ueberwinder der Bastarner das gesamte moesische
Gebiet. Diese kamen im naechsten Jahr wieder, um die erlittene Niederlage
wettzumachen; aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, was von den moesischen
Staemmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. Damit waren diese Feinde von dem
rechten Donauufer ein fuer allemal ausgewiesen und dieses vollstaendig der
roemischen Herrschaft unterworfen. Zugleich wurden die noch nicht botmaessigen
Thraker gebaendigt, den Bessern das nationale Heiligtum des Dionysos genommen
und die Verwaltung desselben den Fuersten der Odrysen uebertragen, welche
ueberhaupt seitdem unter dem Schutz der roemischen Obergewalt die
Oberherrlichkeit ueber die thrakischen Voelkerschaften suedlich vom Haemus
fuehrten oder doch fuehren sollten. Unter seinen Schutz wurden ferner die
griechischen Kuestenstaedte am Schwarzen Meere gestellt und auch das uebrige
eroberte Gebiet verschiedenen Lehnsfuersten zugeteilt, auf die somit zunaechst
der Schutz der Reichsgrenze ueberging ^3; eigene Legionen hatte Rom fuer diese
fernen Landschaften nicht uebrig. Makedonien wurde dadurch zur Binnenprovinz,
die der militaerischen Verwaltung nicht ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen
dakischen Kriegsplaenen ins Auge gefasst worden war, war erreicht.
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^2 Wenn Dio sagt (51, 23): t/e/n Segetik/e/n kakoymen/e/n prosepoi/e/sato
kai es t/e/n Mysida enebale, so kann jene Stadt wohl nur Serdica sein, das
heutige Sofia, am oberen Oescus, der Schluessel fuer das moesische Land.
^3 Nach dem Feldzug des Crassus ist das eroberte Land wahrscheinlich in der
Weise organisiert worden, dass die Kueste zum Thrakischen Reich kam, wie dies G.
Zippel (Die roemische Herrschaft in Illyricum bis auf Augustus. Leipzig 1877, S.
243) dargetan hat, der westliche Teil aber, aehnlich wie Thrakien den
einheimischen Fuersten zu Lehen gegeben ward, an deren eines Stelle der noch
unter Tiberius fungierende praefectus civitatium Moesiae et Triballiae (CIL V,
1838) getreten sein muss. Die uebliche Annahme, dass Moesien anfaenglich mit
Illyricum verbunden gewesen sei, ruht nur darauf, dass dasselbe bei der
Aufzaehlung der im Jahre 727 (27) zwischen Kaiser und Senat geteilten Provinzen
bei Dio 53, 12 nicht genannt werde und also in "Dalmatien" enthalten sei. Aber
auf die Lehnsstaaten und die prokuratorischen Provinzen erstreckt sich diese
Aufzaehlung ueberhaupt nicht und insofern ist bei jener Annahme alles in
Ordnung. Dagegen sprechen gegen die gewoehnliche Auffassung schwerwiegende
Argumente. Waere Moesien urspruenglich ein Teil der Provinz Illyricum gewesen,
so haette es diesen Namen behalten; denn bei Teilung der Provinz pflegt der Name
zu bleiben und nur ein Determinativ hinzuzutreten. Die Benennung Illyricum aber,
die Dio ohne Zweifel a. a. O. wiedergibt, hat sich in dieser Verbindung immer
beschraenkt auf das obere (Dalmatien) und das untere (Pannonien). Ferner bleibt,
wenn Moesien ein Teil von Illyricum war, fuer jenen Praefekten von Moesien und
Triballien, resp. seinen koeniglichen Vorgaenger kein Raum. Endlich ist es wenig
wahrscheinlich, dass im Jahre 727 (27) einem einzigen senatorischen Statthalter
ein Kommando von dieser Ausdehnung und Wichtigkeit anvertraut worden ist.
Dagegen erklaert sich alles einfach, wenn nach dem Kriege des Crassus in Moesien
kleine Klientelstaaten entstanden; diese standen als solche von Haus aus unter
dem Kaiser, und da bei deren sukzessiver Einziehung und Umwandlung in eine
Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den Annalen
ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem Jahre 743 (11), da der damals
den Krieg gegen die Thraker fuehrende Statthalter L. Calpurnius Piso, dem Dio
54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, als Provinz nur Pannonien oder
Moesien gehabt haben kann und da in Pannonien damals Tiberius als Legat
fungierte, fuer ihn nur Moesien uebrig bleibt. Im Jahre 6 n. Chr. erscheint
sicher ein kaiserlicher Statthalter von Moesien.
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Allerdings war dieses Ziel nur ein vorlaeufiges. Aber bevor Augustus die
definitive Regulierung der Nordgrenze in die Hand nahm, wandte er sich zu der
Reorganisation der schon zum Reiche gehoerigen Landschaften; ueber ein Dezennium
verging mit der Ordnung der Dinge in Spanien, Gallien, Asien, Syrien. Wie er
dann, als dort das Noetige geschehen war, das umfassende Werk angriff, soll nun
erzaehlt werden.
Italien, das ueber drei Weltteile gebot, war, wie gesagt, noch keineswegs
unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen Norden beschirmen,
waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Meer zum andern angefuellt mit
kleinen, wenig zivilisierten Voelkerschaften illyrischer, raetischer, keltischer
Nationalitaet, deren Gebiete zum Teil hart angrenzten an die der grossen Staedte
der Transpadana - so das der Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das
der Camunner (Val Camonica, oberhalb des Lago d'Iseo) an die Stadt Bergomum, das
der Salasser (Val d'Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs friedliche
Nachbarschaft pflogen. Oft genug ueberwunden und als besiegt auf dem Kapitol
proklamiert, pluenderten diese Staemme, allen Lorbeeren der vornehmen
Triumphatoren zum Trotz, fortwaehrend die Bauern und die Kaufleute Oberitaliens.
Ernstlich zu steuern war dem Unwesen nicht, solange die Regierung sich nicht
entschloss, die Alpenhoehen zu ueberschreiten und auch den noerdlichen Abhang in
ihre Gewalt zu bringen; denn ohne Zweifel stroemten bestaendig zahlreiche dieser
Raubgesellen ueber die Berge herueber, um das reiche Nachbarland zu
brandschatzen. Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu tun; die
Voelkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) waren zwar von Caesar
unterworfen worden, aber sind auch unter denen genannt, die den Feldherren
seines Sohnes zu schaffen machten. Andererseits klagten die friedlichen
gallischen Grenzdistrikte ueber die stetigen Einfaelle der Raeter. Eine
Geschichtserzaehlung leiden und fordern die zahlreichen Expeditionen nicht,
welche Augustus dieser Missstaende halber veranstaltet hat; in den
Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und gehoeren auch nicht hinein, aber
sie gaben Italien zum ersten Mal Befriedung des Nordens. Erwaehnt moegen werden
die Niederwerfung der oben erwaehnten Camunner im Jahre 738 (16) durch den
Statthalter von Illyricum und die gewisser ligurischer Voelkerschaften in der
Gegend von Nizza im Jahre 740 (14), weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der
augustischen Zeit diese unbotmaessigen Staemme unmittelbar auf Italien
drueckten. Wenn der Kaiser spaeterhin in dem Gesamtbericht ueber seine
Reichsverwaltung erklaerte, dass gegen keine dieser kleinen Voelkerschaften von
ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird dies dahin zu verstehen
sein, dass ihnen Gebietsabtretungen und Sitzwechsel angesonnen wurden und sie
sich dagegen zur Wehr setzten; nur der unter Koenig Cottius von Segusio (Susa)
vereinigte kleine Gauverband fuegte sich ohne Kampf in die neue Ordnung.
Der Schauplatz dieser Kaempfe waren die suedlichen Abhaenge und die Taeler
der Alpen. Es folgte die Festsetzung auf dem Nordabhang der Gebirge und in dem
noerdlichen Vorlande im Jahre 739 (15). Die beiden dem kaiserlichen Hause
zugezaehlten Stiefsoehne Augusts, Tiberius, der spaetere Kaiser, und sein Bruder
Drusus, wurden damit in die ihnen bestimmte Feldherrnlaufbahn eingefuehrt - es
waren sehr sichere und sehr dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt
wurden. Von Italien aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die raetischen
Berge ein und erfocht hier einen ersten Sieg; fuer das weitere Vordringen
reichte ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet aus
die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die roemischen Trieren die Boote der
Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 739 (15), wurde in der Umgegend der
Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen, durch die Raetien und das
Vindelikerland, das heisst Tirol, die Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile
des Roemischen Reiches wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen,
um den Krieg und die Einrichtung der neuen Provinz zu ueberwachen. Da wo die
Alpen am Golf von Genua endigen, auf der Hoehe oberhalb Monaco, wurde einige
Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus ein weit in das
Tyrrhenische Meer hinausschauendes, noch heute nicht ganz verschwundenes Denkmal
dafuer errichtet, dass unter seinem Regiment die Alpenvoelker alle vom oberen
zum unteren Meer - ihrer sechsundvierzig zaehlt die Inschrift auf - in die
Gewalt des roemischen Volkes gebracht worden waren. Es war nicht mehr als die
einfache Wahrheit, und dieser Krieg das, was der Krieg sein soll, der Schirmer
und der Buerge des Friedens.
Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Organisation des
neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren politischen
Verhaeltnisse hier zum Teil recht stoerend eingriffen. Da nach der Lage der
Dinge das militaerische Schwergewicht nicht in Italien liegen durfte, so musste
die Regierung darauf bedacht sein, die grossen Militaerkommandos aus der
unmittelbaren Naehe Italiens moeglichst zu entfernen; ja es hat wohl bei der
Besetzung Raetiens selbst das Bestreben mitgewirkt, das Kommando, welches
wahrscheinlich bis dahin in Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden
koennen, definitiv von dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausfuehrung kam.
Was man zunaechst erwarten sollte, dass fuer die in dem neugewonnenen Gebiet
unentbehrlichen militaerischen Aufstellungen ein grosser Mittelpunkt am
Nordabhang der Alpen geschaffen worden waere, davon geschah das gerade
Gegenteil. Es wurde zwischen Italien einer- und den grossen Rhein- und
Donaukommandos andererseits ein Guertel kleinerer Statthalterschaften gezogen,
die nicht bloss alle vom Kaiser, sondern auch durchaus mit dem Senat nicht
angehoerigen Maennern besetzt wurden. Italien und die suedgallische Provinz
wurden geschieden durch die drei kleinen Militaerdistrikte der Seealpen
(Departement der Seealpen und Provinz Cuneo), der Kottischen mit der Hauptstadt
Segusio (Susa) und wahrscheinlich der Graischen (Ostsavoyen), unter denen der
zweite, von dem schon genannten Gaufuersten Cottius und seinen Nachkommen eine
Zeitlang in den Formen der Klientel verwaltete ^4 am meisten bedeutete, die aber
alle eine gewisse Militaergewalt besassen und deren naechste Bestimmung war, in
dem betreffenden Gebiet und vor allem auf den wichtigen, dasselbe
durchschneidenden Reichsstrassen die oeffentliche Sicherheit zu erhalten. Das
obere Rhonetal dagegen, also das Wallis, und das neu eroberte Raetien wurden
einem nicht im Rang, aber wohl an Macht hoeher stehenden Befehlhaber untergeben;
ein relativ ansehnliches Korps war hier nun einmal unumgaenglich erforderlich.
Indes wurde, um dasselbe moeglichst verringern zu koennen, Raetien durch
Entfernung seiner Bewohner im grossen Massstab entvoelkert. Den Ring schloss die
aehnlich organisierte Provinz Noricum, den groessten Teil des heutigen deutschen
Osterreich umfassend. Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich ohne
wesentlichen Widerstand der roemischen Herrschaft unterworfen, wahrscheinlich in
der Form, dass hier zunaechst ein abhaengiges Fuerstenrum entstand, bald aber
der Koenig dem kaiserlichen Prokurator wich, von dem er ohnehin sich nicht
wesentlich unterschied. Von den Rhein- und Donaulegionen erhielten allerdings
einige ihre Standlager in der unmittelbaren Naehe, einerseits der raetischen
Grenze bei Vindonissa, andererseits der norischen bei Poetovio, offenbar, um auf
die Nachbarprovinz zu druecken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter
senatorischen Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie
senatorische Statthalter. Das Misstrauen gegen das neben dem Kaiser den Staat
regierende Kollegium findet in dieser Einrichtung einen sehr drastischen
Ausdruck.
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^4 Der offizielle Titel des Cottius war nicht Koenig, wie der seines Vaters
Donnus, sondern "Gauverbandsvorstand" (praefectus civitatium), wie er auf dem
noch stehenden, im Jahre 745/46 (9/8) von ihm zu Ehren des Augustus errichteten
Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung war ohne Zweifel lebenslaenglich
und, unter Vorbehalt der Bestaetigung des Lehnsherrn, auch erblich, also
insofern der Verband allerdings ein Fuerstentum, wie er auch gewoehnlich heisst.
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Naechst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Organisation die
Sicherung seiner Kommunikationen mit dem Norden, die fuer den Handelsverkehr von
nicht minder einschneidender Bedeutung war wie in militaerischer Beziehung. Mit
besonderer Energie griff Augustus diese Aufgabe an und es ist wohl verdient,
dass in den Namen Aosta und Augsburg, vielleicht auch in dem der Julischen Alpen
der seinige noch heute fortlebt. Die alte Kuestenstrasse, die Augustus von der
ligurischen Kueste durch Gallien und Spanien bis an den Atlantischen Ozean teils
erneuerte, teils herstellte, hat nur Handelszwecken dienen koennen. Auch die
Strasse ueber die Kottische Alpe, schon durch Pompeius eroeffnet, ist unter
Augustus durch den schon erwaehnten Fuersten von Susa ausgebaut und nach ihm
benannt worden; ebenfalls eine Handelsstrasse, verknuepft sie Italien ueber
Turin und Susa mit der Handelshauptstadt Suedgalliens Arelate. Aber die
eigentliche Militaerlinie, die unmittelbare Verbindung zwischen Italien und den
Rheinlagern fuehrt durch das Tal der Dora Baltea aus Italien teils nach der
Hauptstadt Galliens, Lyon, teils nach dem Rhein. Hatte die Republik sich darauf
beschraenkt, den Eingang jenes Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in
ihre Gewalt zu bringen, so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise,
dass er dessen Bewohner, die immer noch unruhigen und schon waehrend des
dalmatinischen Krieges von ihm bekaempften Salasser, nicht bloss unterwarf,
sondern geradezu austilgte - ihrer 36000, darunter 8000 streitbare Maenner,
wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei verkauft und
den Kaeufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem derselben die Freiheit zu
gewaehren. Das Feldlager selbst, von dem aus sein Feldherr Varro Murena im Jahre
729 (25) sie schliesslich aufs Haupt geschlagen hatte, wurde die Festung,
welche, besetzt mit 3000 der Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die
Verbindungen sichern sollte, die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta,
deren damals errichtete Mauern und Tore noch heute stehen. Sie beherrschte
spaeter zwei Alpenstrassen, sowohl die ueber die Grafische Alpe oder den Kleinen
St. Bernhard an der oberen Isere und der Rhone nach Lyon fuehrende wie die,
welche ueber die Poeninische Alpe, den Grossen St. Bernhard, zum Rhonetal und
zum Genfer See und von da in die Taeler der Aare und des Rheins lief. Aber fuer
die erste dieser Strassen ist die Stadt angelegt worden, da sie urspruenglich
nur nach Osten und Westen fuehrende Tore gehabt hat, und es konnte dies auch
nicht anders sein, da die Festung ein Dezennium vor der Besetzung Raetiens
gebaut ward, auch in jenen Jahren die spaetere Organisation der Rheinlager noch
nicht bestand und die direkte Verbindung der Hauptstaedte Italiens und Galliens
durchaus in erster Reihe stand. In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage
von Emona an der oberen Save auf der alten Handelsstrasse von Aquileia ueber die
Julische Alpe in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese Strasse war
zugleich die Hauptader der militaerischen Verbindung von Italien mit dem
Donaugebiet. Mit der Eroberung Raetiens endlich verband sich die Eroeffnung der
Strasse, welche von der letzten italischen Stadt Tridentum (Trient) das Etschtal
hinauf zu der im Lande der Vindeliker neu angelegten Augusta, dem heutigen
Augsburg, und weiter zur oberen Donau fuehrte. Als dann der Sohn des Feldherrn,
der dieses Gebiet zuerst aufgeschlossen hatte, zur Regierung gelangte, ist
dieser Strasse der Name der Claudischen beigelegt worden ^5. Sie stellte
zwischen Raetien und Italien die militaerisch unentbehrliche Verbindung her;
indes hat sie in Folge der relativ geringen Bedeutung der raetischen Armee und
wohl auch in Folge der schwierigeren Kommunikation niemals die Bedeutung gehabt
wie die Strasse von Aosta.
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^5 Wir kennen diese Strasse nur in der Gestalt, die der Sohn des Erbauers,
Kaiser Claudius, ihr gab; urspruenglich kann sie natuerlich nicht via Claudia
Augusta geheissen haben, sondern nur via Augusta, und schwerlich als ihr
Endpunkt in Italien Altinum, ungefaehr das heutige Venedig, betrachtet worden
sein, da unter Augustus noch alle Reichsstrassen nach Rom fuehrten. Dass die
Strasse auch durch das obere Etschtal lief, ist erwiesen durch den bei Meran
gefundenen Meilenstein (CIL V 8003); dass sie an die Donau fuehrte, ist bezeugt,
die Verbindung dieses Strassenbaus mit der Anlage von Augusta Vindelicum, wenn
dies auch zunaechst nur Marktflecken (forum) war, mehr als wahrscheinlich (CIL
III, p. 711); auf welchem Wege von Meran aus Augsburg und die Donau erreicht
wurden, wissen wir nicht. Spaeterhin ist die Strasse dahin korrigiert worden,
dass sie bei Bozen die Etsch verlaesst und das Eisacktal hinauf ueber den
Brenner nach Augsburg fuehrt.
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Die Alpenpaesse und der Nordabhang der Alpen waren somit in gesichertem
roemischen Besitz. Jenseits der Alpen erstreckte sich oestlich vom Rhein das
germanische Land, suedwaerts der Donau das der Pannonier und der Moeser. Auch
hier wurde kurz nach der Besetzung Raetiens, und ziemlich gleichzeitig nach
beiden Seiten hin, die Offensive ergriffen. Betrachten wir zunaechst die
Vorgaenge an der Donau.
Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum Jahre 727 (27) mit Oberitalien
zusammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des Reiches ein
selbstaendiger Verwaltungsbezirk Illyricum unter eigenem Statthalter. Er bestand
aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum Drin, waehrend die Kueste weiter
suedwaerts seit langem zur Statthalterschaft Makedonien gehoerte, und den
roemischen Besitzungen im Lande der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen
dem Haemus und der Donau bis zum Schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in
Reichsabhaengigkeit gebracht hatte, sowie nicht minder Noricum und Raetien
standen im Klientelverhaeltnis zu Rom, gehoerten also zwar nicht zu diesem
Sprengel, aber hingen doch zunaechst von dem Statthalter Illyricums ab. Auch das
noch keineswegs beruhigte Thrakien suedlich vom Haemus fiel militaerisch in
denselben Bereich. Es ist eine bis in spaete Zeit bestehende Fortwirkung dieser
urspruenglichen Organisation gewesen, dass das ganze Donaugebiet von Raetien bis
Moesien als ein Zollbezirk unter dem Namen Illyricum im weiteren Sinne
zusammengefasst worden ist. Legionen standen nur in dem eigentlichen Illyricum,
in den uebrigen Distrikten wahrscheinlich gar keine Reichstruppen, hoechstens
kleinere Detachements; das Oberkommando fuehrte der aus dem Senat hervorgehende
Prokonsul der neuen Provinz, waehrend die Soldaten und die Offiziere
selbstverstaendlich kaiserlich waren. Es zeugt von dem ernsten Charakter der
nach der Eroberung Raetiens beginnenden Offensive, dass zunaechst der
Nebenherrscher Agrippa das Kommando im Donaugebiet uebernahm, dem der Prokonsul
von Illyricum von Rechts wegen sich unterzuordnen hatte, und dann, als Agrippas
ploetzlicher Tod im Fruehjahr 742 (12) diese Kombination scheitern machte, im
Jahre darauf Illyricum in kaiserliche Verwaltung ueberging, also die
kaiserlichen Feldherren hier das Oberkommando erhielten. Bald bildeten sich hier
drei militaerische Mittelpunkte, welche dann auch die administrative Dreiteilung
des Donaugebiets herbeifuehrten. Die kleinen Fuerstentuemer in dem von Crassus
eroberten Gebiet machten der Provinz Moesien Platz, deren Statthalter fortan in
dem heutigen Serbien und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen Daker und
Bastarner. In der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Teil der Legionen an
der Kerka und der Cettina postiert, um die immer noch schwierigen Dalmater im
Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in Pannonien an der damaligen Reichsgrenze,
der Save. Chronologisch genau laesst sich diese Dislokation der Legionen und
Organisation der Provinzen nicht fixieren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig
gefuehrten ernsthaften Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir
gleich zu berichten haben werden, zunaechst dazu gefuehrt, die Statthalterschaft
von Moesien einzurichten, und haben erst einige Zeit nachher die dalmatischen
Legionen und die an der Save eigene Oberbefehlshaber erhalten.
Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen gleichsam eine
Wiederholung des raetischen Feldzugs in erweitertem Massstab sind, so waren auch
die Fuehrer, welche mit dem Titel kaiserlicher Legaten an die Spitze gestellt
wurden, dieselben; wieder die beiden Prinzen des kaiserlichen Hauses, Tiberius,