dort alle Eventualitäten zu erforschen und dann auf Grund der darauf
gestützten Erwägungen das mir am zweckdienlichsten Erscheinende zu
unternehmen. Als nun am nächsten Tag, den 18. Mai, der inspicirende Arzt
Vormittags wieder auf das Schiff kam und mittheilte, dass die Dauer der
Contumaz des Dampfers ^Marquis Bacquehem^ noch nicht festgestellt wurde,
machte ich von meiner Freiheit, auf das Land zu fahren, Gebrauch und
schiffte mich mit dem Inspicirenden nach Singapore über. Während dieser
Fahrt erhielt ich von demselben die Zusage, dass seinerseits kein Bedenken
erhoben werden soll, wenn ich gleich auf einem andern Dampfer weiterfahren
werde.
In Singapore verfügte ich mich gleich zum österreichisch-ungarischen
Consulat und brachte dort in Erfahrung, dass der Dampfer ^Marquis
Bacquehem^ im Hinblick auf die vom inspicirenden Arzt abgegebene Darlegung
der Verhältnisse voraussichtlich noch längere Zeit in Contumaz gehalten
sein werde, dass dann derselbe erst die Verladungsarbeiten vornehmen könne
und demnach die Abfahrt des Dampfers von Singapore sich weit hinausziehen
dürfte. Weiters wurde dort gesprochen, dass der Dampfer auch von Singapore
nach Penang eine grosse Zahl von Chinesen transportiren müsse, dabei
wieder ein Pestfall vorkommen oder vermuthet werden, und dass dann in
Penang ein gleiches Zeitversäumniss wie in Singapore eintreten könnte.
Darauf hin entschloss ich mich, auf einem andern Dampfer weiter zu reisen.
Von Singapore gingen zu dieser Zeit nach Colombo ab: am 19. Mai der
Dampfer ^Coromandel^ der englischen P and O- (Peninsula and Oriental-)
Gesellschaft, und am 25. Mai ein Dampfer der französischen Gesellschaft
Messagerie maritime. Im Hinblicke darauf, dass ich bald von Singapore
wegkommen und in Colombo eintreffen wollte, wählte ich zur Weiterfahrt das
Dampfschiff ^Coromandel^, war aber dadurch zur Eile gedrängt, weil dieser
Dampfer den nächsten Tag schon um 8 Uhr Früh abfuhr. Vorerst traf
ich die Vorkehrung, dass am Abend mein Gepäck von dem Dampfer ^Marquis
Bacquehem^ abgeholt und auf den Dampfer ^Coromandel^ geführt werde. Dann
liess ich mir von unserem Consulate ein Certificat für die mitgenommene
Cycas revoluta ausstellen, weil ohne solche Belege keine Pflanzen oder
Blumen nach Oesterreich-Ungarn eingeführt werden dürfen. Hierauf nahm ich
eine Fahrkarte erster Classe für den Dampfer ^Coromandel^ von Singapore
nach Colombo auf der Insel Ceylon. Diese Karte kostete 140 Dollars =
168 fl. ö. W. Der Betrag erscheint für eine fünf und einen halben Tag
währende Fahrt sammt Unterkunft und Verpflegung, also für den Tag etwa
30 fl. 50 kr. ö. W., ziemlich theuer. Nachdem dies besorgt war, fuhr
ich auf den Dampfer ^Marquis Bacquehem^ zurück, um dort mein Gepäck in
Ordnung zu bringen. Hierzu theilte ich meine Effecten, die einstweilen auf
22 Colli angewachsen waren, derart, dass ich 9 Stück auf dem Lloyddampfer
zur Ueberführung nach Triest beliess und 13 Stück mit mir nahm.
Vor dem Scheiden von dem Dampfer ^Marquis Bacquehem^ dankte ich noch
dem Schiffscapitän und den Schiffsofficieren für die mir bezeigte
Zuvorkommenheit und wünschte ihnen, bald von der Contumaz loszukommen.
Die Nacht schlief ich vortrefflich im Adelphi-Hôtel in Singapore. Des
andern Tags zeitlich Früh besichtigte ich die vom Hôtelier _Hassner_,
einem Oesterreicher, aus seiner Sammlung alter Waffen und sonstiger
Gegenstände von wilden Völkern für mich gewählten Curiositäten, und
zwar: einen Buka Bogen mit Sehne, circa 2 ~m~ lang, zehn Buka Rohrpfeile
mit Widerhaken, circa 1½ ~m~ lang, sechs Rohrspeere, circa 1½ ~m~
lang, und zwei Speere, circa 2½ ~m~ lang, von den Neu-Irland-Inseln
(Neu-Mecklenburg); einen Bogen mit Sehne, circa 1½ ~m~ lang, und
sechs Speere mit sägeartigen Spitzen, circa 1¾ ~m~ lang, von den
Salomons-Inseln; eine Arbeitshacke, eine mit Muscheln besetzte Tasche und
ein Olivenheft von der Admiralitäts-Insel; zwei aus Bast erzeugte Taschen
und eine Holzmaske aus Neu-Guinea; ein Beil mit einem Ruthenbündel und
Klappern zum Vertreiben der Weiber bei dem Essen von Neu-Pommern;
zwei Speere von den Marschall-Inseln und ein Tempel-Aufsatz von der
Bougainville-Insel.
Da der Hôtelier _Hassner_ für diese interessanten Antiquitäten, welche
ich für das kärntnerische Landesmuseum bestimmt habe, keine Bezahlung
annehmen wollte, so werde ich demselben nach meiner Rückkunft
eine grössere Zahl von Flaschen mit rothem und mit weissem Chateau
Palugyay-Wein zusenden lassen.
Das Hôtel Adelphi in Singapore ist sehr gut und schön gelegen, besteht
aus einem prächtigen und grossen Hause mit vielen geräumigen,
luftigen Gesellschaftsräumen und mit schönen, sehr gut eingerichteten
Passagierzimmern, und ist von einem sehr gut gehaltenen Garten umgeben. Die
Verpflegung ist dort sehr gut, die Bedienung vortrefflich und dabei sind
die Pensionspreise ausserordentlich billig. Der Hôtelier _Hassner_, wie
gesagt, ein Oesterreicher aus Nordböhmen, ist schon seit einer langen
Reihe von Jahren im Hôteldienste thätig, in der Stadt Singapore allgemein
hochgeachtet und beliebt, für seine Gäste sehr aufmerksam und sorgsam,
und so kann das Hôtel Adelphi mit gutem Gewissen jedem nach Singapore
Reisenden bestens anempfohlen werden.
Fahrt von Singapore nach Colombo.
_Am 19. Mai_, um 7¼ Uhr Früh, nach erfolgter rascher Verpackung und
Abfertigung der mir übergebenen Antiquitäten, fuhr ich zum Dampfer
^Coromandel^, wo ich mein sämmtliches Gepäck, und zwar sechs Stück
in meiner Cabine und acht Stück auf dem Schiffsdeck vorfand. Der mich
begleitende Hôtelier überwachte speciell, dass das Stück mit den
Antiquitäten zu den Effecten auf das Deck gelegt worden war. Der mit der
Ueberwachung des Gepäckes betraute Schiffsofficier hat die auf dem Deck
befindlichen Colli gesehen und in dem Gepäcksraum unterbringen lassen.
Ich hebe diese Angelegenheit hervor, weil es bei dem Ausschiffen einen sehr
unliebsamen Anstand wegen meines Gepäckes gab.
Das englische Schiff ^Coromandel^ ist weit grösser und in mancher Richtung
besser eingerichtet, als das Lloydschiff ^Marquis Bacquehem^. So
z. B. geniesst der Reisende auf dem Deck des ^Coromandel^ viel mehr
Bewegungsfreiheit und hat nicht die Unannehmlichkeit, an dem heissen
Dampfkessel vorbeigehen zu müssen, wie auf ^Marquis Bacquehem^. In den
Cabinen befinden sich grössere Fenster und demnach sind dieselben kühler,
als bei ^Marquis Bacquehem^. Im Uebrigen sind aber die Verhältnisse auf
dem ^Coromandel^, ungeachtet des vierfach höheren Fahrpreises als auf
dem Lloydschiff, nicht besser als auf diesem. Die Mahlzeiten sind wohl
ein wenig reicher, aber nicht besser, dagegen gibt es zum Tiffin nur kalte
Speisen und der Wein ist sehr theuer. Eine Flasche des billigsten Weines
kostet 2 Dollars = 2 fl. 40 kr. ö. W.
Auch auf dem englischen Dampfer wurde mir eine für drei Personen
eingerichtete Cabine zur Verfügung gestellt, eine Zuvorkommenheit, für
welche ich dem Schiffscapitän meinen Dank aussprach.
Ich befand mich auf dem Schiffe inmitten von Engländern, auch einige
Frauen mit ihren Männern und selbst Kinder fehlten dort nicht. Im Ganzen
befanden sich in der ersten Classe etwa 30 Engländer und ich war der
einzige Nichtengländer. Das Leben unter den Engländern ist insofern recht
angenehm, als dieselben ein durchaus sehr anständiges und ruhiges Betragen
haben und Niemanden in seiner Lebensweise stören.
Die englischen Herren sind meist gross, schlank, haben durchschnittlich
blonde oder braune Haare, und viele haben lichtblaue Augen. Sie tragen
entweder gar keinen Bart oder nur einen Schnurrbart, diesen aber nach
abwärts, und sind sonst stets sorgfältig rasirt. Die englischen Damen
sind auch sehr schlank, jene auf dem Schiffe waren aber nicht besonders
hübsch.
In der äusseren Erscheinung sind die Engländer sich beinahe ganz gleich.
Während des Tages tragen sie leichte, lichte, einfarbige oder leicht
gerippte kurze Röcke und Beinkleider von gleichem Stoffe, und zwar
entweder von Wolle oder von roher Seide, unter demselben ein Wollhemd
mit umgelegtem Kragen und auf dem Kopfe die bekannte Reisemütze. Morgens
tragen die Engländer bis zum Breakfast um 9 Uhr weite Leibchen und
Beinkleider aus grobem, lichtem Wollstoff (Pangshyana) und Abends zum Diner
sind sie in schwarzem Frack oder Smoking, schwarzen Pantalons, tief und
breit ausgeschnittenen Gilets, Hemden mit glattgestärkter Brust, in
welcher sich meist nur ein Knopfloch befindet, das mit einem ziemlich
grossen Gold- oder Perlenknopf geschlossen wird, und mit schwarzer Cravatte
gekleidet. Nach dem Diner wechseln manche Engländer bei grosser Hitze den
Frack oder Smoking mit einem weissen, gestärkten Piquetleibchen, welches
in der Form dem Smoking ähnlich ist, aber nur bis zur Taille reicht und
dort gerade endet. Die auf dem Schiffe befindlichen Damen machten zum Diner
auch Toilette, aber nicht mit ausgeschnittenen Kleidern. Sie wussten wohl
warum.
Alle Reisenden brachten auf das Schiff Rohrfauteuils oder Rohrsofas mit,
die mit ihrem Namen versehen waren, und welche sie dann stets an jene
Stelle auf dem Deck schoben, welche ihnen zur Ruhe am besten dünkte. Die
englischen Ehepaare sassen dort während des ganzen Tages ohne geringste
Unterbrechung stets nebeneinander. Nun that es mir recht leid, dass ich,
der Gepäcksverminderung halber, meine Rohrmöbel nicht mitgenommen
hatte. Auch in der Art und Weise des Essens und Trinkens gleichen sich die
Engländer. So z. B. nehmen sie beim Essen der Suppe stets den breiten
Theil des Löffels an den Mund, die Trinkgefässe stellen sie rechts
seitwärts der Teller, und als Getränke nehmen sie Whisky mit Soda. Die
Begrüssungsform der Engländer besteht nur in einem leichten Nicken des
Kopfes, höchstens in dem Erheben der Hand wie zum Salutiren, und nur bei
grösserer Intimität in der Phrase: How do you do?
Ich nahm von keinem Menschen Notiz und beschäftigte mich mit Lesen und
Schreiben. Es scheint den Engländern mein Wesen nicht fremdartig gewesen
zu sein, weil sie sich allmälig zuvorkommend gegen mich benahmen,
mich begrüssten und die bei den Mahlzeiten neben mir Sitzenden mit
mir conversirten. Freilich sah ich mich genöthigt, denselben gleich
mitzutheilen, dass es mir noch schwer wird, die Engländer beim Sprechen zu
verstehen. Darauf bemühten sie sich, recht langsam und deutlich zu reden,
und hierin hat der links neben mir sitzende Engländer sein Möglichstes
geleistet. Bei dieser Gelegenheit will ich zur Charakterisirung der
Engländer eine kleine Episode aus unserer Conversation erzählen. Als ich
nämlich dem Nebensitzenden auf seine Frage, ob ich in Nikko gewesen sei,
antwortete, dass ich hierzu leider nicht die Zeit finden konnte, weil ich
in Tokio bei Gesandten und anderen hohen Personen eingeladen war, und weil
ich bei dem Kaiser und der Kaiserin Audienz genommen hatte, so erwiderte er
nach einer Weile: »Der Thee ist im Preise erheblich gestiegen«, und als
wir bei einer andern Gelegenheit über Oesterreich-Ungarn sprachen,
fragte er unvermittelt: »Welche Gattung Kaffee wird in Oesterreich-Ungarn
hauptsächlich getrunken?« Man erkennt daraus, dass des Engländers Geist
bei Allem und Jedem vom Geschäft erfüllt ist.
_Am 20. Mai_, gegen 3 Uhr Nachmittags, kamen wir in Penang an und blieben
dort bis nach 6 Uhr Abends. Ich benützte diese Zeit, mich nach dem
Festlande übersetzen zu lassen und dort eine Rikschafahrt nach dem
Rennplatz, dem Garten und dem Wasserfalle von Penang zu machen, weil ich
diese herrliche Gegend wieder sehen und einen dort befindlichen Händler
antreffen wollte, welchen ich bei der Herreise entdeckt hatte und von dem
ich wusste, dass er solche ausgestopfte Thiere besitze, die ich für das
Landesmuseum in Klagenfurt mitbringen wollte. Diese Fahrt zwischen den weit
ausgedehnten Cocosnusswäldern und zwischen den in denselben eingestreuten
schönen Villen und eigenthümlich gebauten Bauernhäusern hat mich
wieder sehr entzückt. Bei dem Händler kaufte ich die Bälge von drei
buntfärbigen, grossen Vögeln, und ich hätte auch gerne einen dort
befindlichen ausgestopften Pelzflatterer, einen sogenannten geflügelten
Affen, gekauft, war aber daran verhindert, weil der Händler keine Kiste
zum Verpacken dieses grossen Thieres beistellen konnte und ich dasselbe
unverpackt nicht mitnehmen wollte.
Während meiner Abwesenheit vom Schiffe waren mehrere neue Passagiere
erster Classe, darunter auch eine schwarze Indierin mit ihrem kleinen
schwarzen Bebé und mit ihren halbwüchsigen schwarzen Dienern, einem
Burschen und einer Magd, eingestiegen. Wenn nun wohl auch kein Passagier
in meiner Cabine untergebracht worden war, so erwuchs mir doch die
Unannehmlichkeit, dass die Indierin mit Kind und Dienern in die Nebencabine
einquartiert wurde und dass ich Tags über, ja sogar auch Nachts das
Raunzen, Weinen und Schreien des kleinen, schwarzen Unholdes hören musste.
_Am 21. Mai_ (Pfingstsonntag) befand ich mich auf hoher See, bei
leichtgetrübtem Wetter und bei ziemlich heftigem Winde. Das Schiff
schwankte recht kräftig auf und ab. Dies gereichte mir aber zum Vergnügen
und so fühlte ich mich dabei sehr wohl.
Meine Gedanken überflogen den weiten, weiten Raum, der mich von meinen
Lieben trennte, und dieselben liessen mich in meinem schönen, trauten
Heimatlande das Pfingstfest recht heiter und freudevoll begehen, und sie
trugen meinen Lieben die Empfindungen hin, welche meinem, von inniger Liebe
für sie erfüllten Herzen entstammten und die allerbesten Wünsche für
ihr Wohlergehen enthielten. Ich war davon überzeugt, dass auch meine
Lieben in ähnlicher Weise meiner gedachten.
Während der weiteren Fahrt bewegten wir uns einerseits längs der
Nordküste der gebirgigen Insel Sumatra und andererseits südlich
der Nikobar-Inseln. Ein sehr heftiger Sturm hatte sich nach und nach
entwickelt. Die Wogen rollten in mächtiger Höhe heran und der Dampfer
hob sich, diese Wogen passirend, gewaltig empor und senkte sich wieder tief
hinab. Die Fenster der Cabinen wurden mit starken Eisenplatten geschlossen.
Alle Damen und manche Herren zogen sich zurück, um dem Meergott Neptun
ihren Tribut zu zahlen. Ich zahlte dem Neptun in dieser Hinsicht
keinen Tribut und doch ging ich nicht frei aus. Bei der fortwährenden
Transpiration, welche die grosse Hitze in den Tropen verursacht, sind
nur die in diesem Klima lebenden Menschen gegen die ewige Zugluft, welche
überall erzeugt wird, immun, ich aber, der in dieser Richtung verwöhnte
Festländer, konnte diese Combination nicht ertragen, und so habe ich
mir ein kleines Rheuma in der linken Hüfte (Ischias) zugezogen. Meinem
Grundsätze getreu, mir nichts gefallen zu lassen, sondern gleich alle
Unannehmlichkeiten zu bekämpfen, machte ich mir vor dem Schlafengehen
einen Priessnitz-Umschlag mit Kautschukpapier-Umhüllung, dann massirte ich
mich am nächsten Morgen kräftig, nahm darauf ein Meerwasser-Wannenbad
und machte endlich noch entsprechende Gelenksübungen. Gebessert wurde mein
Leiden wohl, aber nicht vollkommen behoben, und so nahm ich mir vor, diese
Procedur am nächsten Abend und Morgen zu wiederholen.
_Am 22. Mai_ (Pfingstmontag) war das Wetter klarer geworden und es hatte
der Sturm ein wenig nachgelassen, dennoch erhob und verbeugte sich unser
Dampfer noch so bedeutend, dass die Damen sich noch nicht aus ihren
Verstecken herauswagten.
Nirgends mehr war Land zu sehen. Wir durchquerten das Meer von Osten nach
Westen; im Norden war das Bengalische Meer und im Süden der Indische
Ocean.
Diesen Tag benützte ich emsig zur Fortsetzung meines Tagebuches. Mein
Ischias war wohl besser geworden, aber noch nicht behoben.
Auch das _am 23. Mai_ vorgenommene Heilverfahren, bestehend in Massiren,
Gelenksübungen, Bädern, Einreiben mit Gichtfluid und Nachts über in
Priessnitz-Umschlägen, behob wohl zeitweilig, aber nicht für immer den
Schmerz in der linken Hüfte, und so muss ich mit dieser Procedur so lange
täglich fortfahren, bis ich das Leiden vollständig bewältigt haben
werde.
Die Reise auf dem Dampfschiffe bietet ungeachtet des durch die Hitze
entstehenden Ungemaches sehr viel Schönes. Die tiefblaue Farbe des Meeres,
die rollenden Wellen und Wogen mit den auf ihren Scheiteln thronenden
Schaumperlen, das Kräuseln der ganzen Oberfläche, der lichtblaue
Himmelsbogen mit seinen eingestreuten weissen und grauen Wölkchen, welcher
sich am Horizont in's Meer zu tauchen scheint, das Rauschen und Brausen des
vom Schiffe durchfurchten Meeres, alles dies gibt dem Gesicht, dem Gehör
und der Phantasie reichliche Anregung.
Eben auf diesem Schiffe, umgeben von Engländern, welche in ihrer ruhigen,
schön gesitteten Lebensweise die sich erhebenden Stimmungen nicht
beeinträchtigen, sondern durch ihr durchaus anständiges Wesen eher
fördern, eben hier empfand ich das Gefühl der Freude und Lust über die
Meerfahrt am allermeisten.
Bei alledem darf man sich das Leben der Engländer nicht so wie ihre
Aussenseite als hölzern und steif vorstellen. Sie spielen hier auf dem
Schiffe theils Schieb-, theils Wurfspiele, theils Karten, und zwar Whist,
theils »langen Puff«, Schach, Domino u. s. w., oder sie lesen, oder
führen Conversation. Dabei bleibt aber Alles in voller Ruhe, und sie sind
stets recht heiter. Bei Whistpartien kommt es absolut nicht vor, dass ein
Partner gegen den andern eine Kritik übt.
Das englische Schiff ^Coromandel^ hält ein weit besseres Tempo ein, als
es die gewöhnlichen Schiffe des Oesterreichischen Lloyd gethan haben, denn
die letzteren hinterlegten in der Stunde etwa 10 Seemeilen = etwa 18 ~km~,
während ^Coromandel^ in der Stunde 13-13½ Seemeilen = 24-25 ~km~
zurücklegt. Daraus folgt, dass zur Fahrt der Strecke von Hongkong über
Penang nach Colombo auf dem Lloydschiffe acht Tage und auf dem ^Coromandel^
nur sechs Tage erforderlich sind. Wir werden demnach am 25. Mai Früh in
Colombo eintreffen.
_Am 24. Mai_ war der Himmel ganz bewölkt, der Sturm hob die Wellen und
diese hoben und senkten das Schiff, und die Luft war schwül.
Im Laufe des Tages sprach ich den Schiffscapitän wegen des Zeitpunktes
meiner Ausschiffung in Colombo, und erhielt von demselben die Aufforderung,
es ganz nach meinem Belieben einzurichten, jedenfalls aber noch vorher, am
25. Mai um 9 Uhr, das Breakfast auf dem Schiffe einzunehmen.
Als ich _am 25. Mai_ Morgens auf das Deck des Schiffes ^Coromandel^
kam, befanden wir uns in dem von den Engländern bei Colombo kunstvoll
hergerichteten Hafen, und ich sah dort das grossartig schöne Schauspiel,
wie sich die heranstürmenden Meereswogen an den gewaltig fest erbauten
Steinmauern des Hafens brachen, dann in Millionen Wasserperlen zerstoben,
und dabei viele Meter hoch in die Luft stiegen, um von dort als dichter,
weisser Schaum wieder in das Meer zurückzufallen. Diese Erscheinung
wiederholte sich fort und fort, bald hier, bald dort.
Nach dem Breakfast liess ich durch einen auf das Dampfschiff gelangten
Diener des Grand Oriental-Hôtel aus meiner Cabine die dort befindlichen
sechs Gepäckstücke auf das Deck schaffen und sah mich dann um meine im
Gepäcksraume des Schiffes untergebrachten acht Colli um. Es waren aber zu
dieser Zeit von denselben nur zwei Stück auf das Deck geschafft worden.
Als ich mich nun an dem bei dem Gepäcke befindlichen Beamten des
^Coromandel^ mit der Bitte wandte, gefälligst dahin zu wirken, dass alle
meine Colli bald aus dem Gepäcksraume geschafft werden, erwiderte mir
derselbe in durchaus nicht höflicher Weise, es kümmere ihn dies nichts
und ich möge mich an den Gepäcksofficier wenden. Erst nach vielfachem
Fragen konnte ich bei dem nicht artigen Benehmen der Schiffsofficiere
endlich den Gepäcksofficier ausfindig machen. Ich theilte ihm nun mit,
dass mir noch sechs Gepäckstücke fehlen, von welchen fünf Stück mit
meiner Adresse versehen sind, während ich auf das lange Paket mit Speeren,
Bogen, Pfeilen u. s. w. bis jetzt noch keine Adresse habe anbringen
können. Der Gepäcksofficier erwiderte darauf, dass er sich speciell
an das lange Paket, aus welchem beiderseits die Enden der beinahe 3 ~m~
langen Speere herausstanden, gut erinnere, und dass ich in mein Hôtel
fahren und von dort einen Bediensteten zur Uebernahme und Ueberführung der
fehlenden sechs Colli auf das Schiff senden soll. Ich könne beruhigt sein,
ich werde bis am Abend Alles bei mir haben.
Ich fuhr also Mittags mit den bei mir habenden acht Gepäckstücken in
das Grand Oriental-Hôtel und sandte von dort einen Diener mit einem
Certificat, in welchem die fehlenden Colli genau bezeichnet waren, auf das
Schiff. Dieser Diener musste aber dort von Mittag bis 6 Uhr Abends warten,
bekam dann nur fünf von den bezeichneten Effecten ausgefolgt, und es wurde
ihm mitgetheilt, dass das sechste Stück, nämlich das Paket mit den alten
Waffen, nicht vorgefunden werden konnte. Da nun das Schiff ^Coromandel^
am nächsten Tag weitergefahren war, so ging ich zur Agentschaft der
P and O-Gesellschaft in Colombo, um das fehlende Stück zu reclamiren.
Der Agent versprach, deshalb Nachforschungen zu erheben, und gab der
Hoffnung Ausdruck mir das fehlende Stück noch vor meiner Abreise von
Ceylon zustellen zu können.
Aufenthalt auf der Insel Ceylon.
A. In Colombo.
Nachdem ich in das genannte Hôtel in Colombo gelangt war, fuhr ich mit
einem Rikscha zu dem Honorarconsul für Oesterreich-Ungarn, Schulze,
mit welchem ich schon in schriftlichen Verkehr getreten war, um mich
persönlich mit demselben bekannt zu machen und ihn zu fragen, ob Sendungen
an mich bei ihm angelangt seien, und ihn zu bitten, mir Auskunft über
Herrn Dumaresq-Thomas zu verschaffen, welcher mich gebeten hatte, ihm meine
Ankunft in Colombo nach Jawalakelle telegraphisch bekannt zu geben.
Das Resultat dieser Besprechung war nachfolgendes: dem in Ceylon sehr
angesehenen Engländer und Theeplantagenbesitzer Dumaresq-Thomas werde der
Consul meine Ankunft in Colombo telegraphisch anzeigen, und dem Besitzer
des Queen Hôtel in Kandia, dem Ungarn Raden, werde er mein Eintreffen dort
am 27. Mai aus dem Grunde telegraphisch bekannt geben, damit in dem
stets angefüllten Hôtel ein Zimmer für mich bereit gestellt werde.
Schliesslich lud mich der Consul für den 26. Mai, um ½8 Uhr Abends, zu
sich zum Diner ein.
_Am 26. Mai_ erfuhr ich bei dem Consulate, dass von Dumaresq-Thomas auf
telegraphischem Wege die Bitte eingelangt sei, gleich zu ihm nach Nowera
Elya in seine Villa Astley-House zu kommen und hierzu mit der Bahn nach
Nuna oya zu fahren, von wo er mich abholen lassen werde. Hierauf wurde dem
Herrn Dumaresq-Thomas telegraphisch bekannt gegeben, dass ich am 28. Mai
Mittags in Nuna oya eintreffen werde.
Vom Consulate ging ich zur Agentschaft der französischen
Dampfschifffahrts-Gesellschaft Messagerie maritime, um dort die
Reiseverhältnisse zu besprechen und dementsprechend eine Fahrkarte zu
nehmen. Nach den dort erhaltenen Aufklärungen fasste ich nachstehenden
Reiseplan. Am 2. Juni Abends werde ich mit dem französischen Dampfer
^Australien^ nach Ismaila in Aegypten, von dort, nach meiner Ankunft am
12. Juni, nach dem mit der Eisenbahn in einer Stunde zu erreichenden
Kairo, sonach von dort mit derselben nach dem in 2½ Stunden
entfernten Alexandrien, und endlich von dort mit dem Oesterreichischen
Lloyd-Schnelldampfer nach Triest fahren. Nachdem ich später bei der
Lloydagentschaft erfahren hatte, dass die Schnelldampfer von Alexandrien
nach Triest jeden Samstag abgehen und nach vier Tagen in Triest anlangen,
präcisirte ich meinen Plan dahin, dass ich am 12. Juni von Ismaila
nach Kairo fahren, dort vom 12.-15. Juni verweilen, am 15. Juni nach
Alexandrien fahren, dort vom 15.-17. Juni verbleiben, und an diesem Tage
mit dem Lloyddampfer nach Triest fahren werde, wo ich sonach am 21. Juni
einzutreffen Aussicht habe.
Die Fahrkarte erster Classe auf dem Dampfer der Messagerie maritime von
Colombo nach Ismaila oder nach Port Said kostet 625 Rupien = 500 fl.
ö. W. Da die Fahrt zehn Tage währt, so entfällt auf jeden Tag der Fahrt
50 fl. ö. W. Es ist dies ein abnorm hoher Preis, und dieser entsteht
daraus, dass die Gesellschaft Messagerie maritime jene Reisenden, welche
nicht nach Frankreich fahren, einen verhältnissmässig sehr gesteigerten
Fahrpreis zahlen lassen.