Seit diesem Morgen hielten sich drei Vögel auf unserem Schiffe auf, indem

sie dasselbe entweder begleiteten oder sich auf dasselbe setzten. Diese

Vögel glichen in Gestalt und Farbe unseren Wildtauben, waren aber etwas

grösser, und hatten so lange Schnäbel wie unsere Schnepfen, doch waren

die Schnäbel stärker und mehr nach abwärts gebogen, und endlich besassen

sie lange Ständer ohne Schwimmhaut. Mit einer Flaubertbüchse wurde nach

denselben geschossen, ein Vogel getödtet und zwei verwundet. Ihre Gattung

konnte Niemand auf dem Schiffe bestimmen.

_Am 5. Mai_ begann die Temperatur schon empfindlich warm zu werden und das

Meerwasser hatte 22° R. erreicht.

Ich bekam die Küste Asiens, und zwar jene von China zu Gesicht, und

wusste, dass sich auf der anderen Seite unserer Fahrtlinie die Insel

Formosa befinde. Diese Insel ist seit dem letzten japanisch-chinesischen

Kriege Japans Eigenthum. Diese Errungenschaft ihres glücklichen Feldzuges

macht den Japanern manche Sorge. Wohl soll die Insel reich an Erzen und

auch an Edelsteinen sein, aber sie besitzt keinen Hafen, und der Bau eines

solchen, welcher für den Handel unbedingt nöthig ist, kostet ungeheuer

viel. Ausserdem halten sich in den Klüften des von Norden gegen Süden

sich hinziehenden Gebirges, dessen höchste Spitze, der Monte Morrison,

13.000 Fuss hoch ist, noch wilde Menschenstämme auf, die den Genuss des

Menschenfleisches lieben. Bisher konnten die Japaner ihrer nicht Herr

werden.

_Den 6. Mai_ benützte ich zur sorgsamen Verpackung der gekauften

Gegenstände, dann auch zur Scheidung des Gepäckes in jenes, welches ich

mit mir nehmen, und in jenes, welches ich seines Volumens, seines Gewichtes

oder dessen gegenwärtiger Entbehrlichkeit halber auf dem Dampfer ^Marquis

Bacquehem^ belassen und als Fracht an ihre Bestimmung senden lassen will.

Gegen Abend sahen wir schon viele kleine Segelschiffe, in welchen die am

Ufer wohnenden Fischer zum Fischfang ausgefahren waren, dann auch hie und

da einen Leuchtthurm als Wahrzeichen für die Schiffe, und hiermit wussten

wir, dass wir uns schon nahe dem Hafen von Hongkong befinden.

Aufenthalt in Hongkong.

_Am 7. Mai_ (Sonntag) Morgens langten wir im Hafen von Hongkong an. Ich

fuhr in die Stadt, besuchte dort den Consul, Linienschiffslieutenant K.,

und besprach mit ihm die bei dem vorhergegangenen Aufenthalt in Hongkong

für diesmal in Aussicht genommene Fahrt nach der grossen, vollständig

chinesischen Stadt Kanton. Diese Stadt hat gegen zwei Millionen Einwohner

und bietet das wahre Bild des echt chinesischen Lebens mit engen

Strassen und unbeschreiblichem Schmutz, und hat noch die besondere

Eigenthümlichkeit, dass anschliessend an die Stadt auf dem Lande eine

Stadt auf dem Wasser besteht, wo auf tausenden kleinen Schiffen mit elenden

Hütten chinesische Familien ihr ganzes Leben verbringen. Auf diesen

Schiffen werden die Kinder geboren, dort wachsen sie heran, dort lieben sie

und vermehren sich und dort sterben sie. Ausserdem befinden sich auf

dem Wasser sogenannte Blumenschiffe, welche dazu eingerichtet sind, dort

glänzende Mahlzeiten zu nehmen, wobei neben jeden Gast ein hübsches

chinesisches Mädchen gesetzt wird, welches derselbe aber nur anschauen

darf. Für solche Mahlzeiten sind indess ausserordentlich hohe Preise

zu zahlen. Zu diesem Ausfluge wäre Sonntag Abends mit dem Dampfschiffe

hinzufahren, am Montag die Besichtigung von Kanton vorzunehmen und am

Montag Abends die Rückfahrt anzutreten gewesen, wonach dann das Eintreffen

auf dem Dampfschiffe ^Marquis Bacquehem^ am Dienstag Früh erfolgt wäre.

Auf das Dampfschiff zur Tiffinzeit zurückgekehrt, erfuhr ich aber von

dem Lloydagenten, dass diese Unternehmung ohne irgend eine besondere

Unterhaltung, natürlich auch ohne Besuch eines Blumenschiffes, wenigstens

50 Dollars = 60 fl. ö. W. kosten würde. In Folge dieser Aufklärung

habe ich den Ausflug aufgegeben, denn mir war noch in Erinnerung, was für

einen Ekel mir der chinesische Stadttheil von Shanghai verursacht hatte,

und ich empfand keine Lust, für die Erweckung eines ähnlichen Gefühles

einen so namhaften Betrag auszugeben.

Unmittelbar nach dem Tiffin besuchte ich den Commandanten des eben in

Hongkong weilenden österreichisch-ungarischen Kriegsschiffes ^Saida^.

Dieses Kriegsschiff ist schon seit acht Monaten auf der Reise, war durch

das Rothe Meer längs der Ostküste von Afrika, dann nach Australien

gefahren, hatte sich an vielen Orten aufgehalten und erwartete nun den

Befehl für seine weitere Bestimmung. Der Commandant, Linienschiffscapitän

C., war sehr liebenswürdig und erzählte mir bei einem Glase Champagner

sehr interessante Erlebnisse von seiner Weltreise. Am meisten erregte meine

Aufmerksamkeit die Mittheilung über die seit wenig Jahren eröffneten

Goldfelder von Südwestaustralien, wohin der Linienschiffscapitän von dem

Hafen bei Perth aus zur Besichtigung derselben gefahren war. Die Goldfelder

befinden sich 500-600 ~km~ östlich des genannten Hafens, dann nördlich

des dort liegenden Lefroy-Sees, und diese Gegend ist Coolradie benannt.

Eine Eisenbahn dahin führt durch wüstenartiges Land, in welchem nur Gras

in Buschform wächst, wo es kein Süsswasser gibt und man gleich unter der

Erdoberfläche auf Salzwasser gelangt. Auch die dortigen Landseen enthalten

nur Salzwasser.

Vor acht Jahren wurden die Goldfelder entdeckt und jetzt leben dort etwa

50.000 Menschen. Der Grund und Boden ist sehr billig. Er wird von der

australischen Regierung um fl. 6 per Ar verkauft. Der Besitzer kann dort

nachgraben und aushauen und das dort gefundene Metall gehört ihm. Die

ganze Arbeit bis zum Erhalt des reinen Goldes ist aber sehr schwer und

anstrengend, und deshalb kann ein einzelner Arbeiter in der Woche nicht

mehr als etwa 50 fl. Gold gewinnen. Wenn aber bedacht wird, dass der

Arbeiter, um nur einigermassen entsprechend zu leben, für den Tag 5 fl.

braucht (ein Liter Wasser kostet 5-10 kr.), so bleibt ihm für seine Mühe

und Plage ein nur sehr geringer Gewinn in Händen. Jetzt haben sich dort

grosse Actiengesellschaften gebildet, welche sich vorzügliche, aber sehr

theuere Maschinen angeschafft, damit aber schon so viel gewonnen haben, und

auf einen noch viel grösseren Gewinn rechnen, dass sie nun daran gehen,

eine Süsswasserleitung aus der Gegend von Perth nach Coolradie mit den

Baukosten von etwa zehn Millionen Gulden zu erbauen.

Der Linienschiffscapitän hatte die Güte, mir einen von diesen Goldfeldern

stammenden Goldstein und ein diese Gegend beschreibendes Heft zu schenken,

und ich werde diese beiden sehr interessanten Gegenstände dem Landesmuseum

in Klagenfurt widmen.

Bei dem einige Stunden später erfolgten Gegenbesuch des

Linienschiffscapitäns wurden die staatlichen Verhältnisse von Australien

besprochen, und theile ich Nachstehendes von denselben mit. Dass Australien

beinahe ausschliesslich von Engländern bewohnt wird, ist bekannt. Das

ganze Land ist in fünf von einander ganz unabhängige Staaten getheilt

und deren Präsidenten, sowie deren oberste Gerichtsbeamten werden von der

Königin von Grossbritannien ernannt. Die Minister dieser Präsidenten,

sowie die Abgeordneten in jedem Staate werden von der Bevölkerung

gewählt, bleiben aber je nach dem Staate nur vier bis sechs Jahre in ihrem

Amte und sind dann nicht wieder wählbar. Dieses Gesetz wird aber hie und

da in der Weise umgangen, dass ein Minister vor dem Ablaufe seiner Frist

demissionirt und sich dann wieder auf die festgesetzte Zeit zum Minister

wählen lässt.

Am Abend besuchte ich mit dem Arzte des Dampfschiffes das chinesische

Theater in Hongkong und sah dort eine ähnliche Vorstellung, wie jene in

Shanghai, von welcher ich seinerzeit erzählt habe.

Von dort ging ich mit dem Arzte in ein Theehaus, blieb aber dort des

abscheulichen Schmutzes und der greulichen Musik halber nur kurze Zeit,

und übernachtete in einem Hôtel, weil es wegen des hohen Seeganges nicht

rathsam war, in der Nacht auf einem kleinen Kahn zum Dampfer zurück zu

fahren.

_Am 8. Mai_ wurde, soweit es das unbeständige Wetter gestattete, die

Verladung auf das Schiff vorgenommen; dabei befanden sich viele Colli aus

Manila mit Tabak-Deckblättern für unsere Tabakfabriken.

_Am 9. Mai_ machte mir der Consul, Linienschiffscapitän K., einen Besuch

und klagte bei dieser Gelegenheit darüber, dass so wenige Einwohner von

Oesterreich-Ungarn nach Asien, speciell in die Hafenplätze von China

kommen, um hier Geschäfte zu machen, wo es doch erfahrungsgemäss

sichergestellt ist, dass jeder sich in Hongkong etablirende Kaufmann nach

20-30 Jahren ein Vermögen erworben hat. Diese Erkenntniss befestigte meine

schon öfter ausgesprochene Anschauung, dass sich die nach Asien ziehenden

reellen Handelsleute dort einen bedeutenden Verdienst erwerben können.

Mit dem Consul fuhr ich dann nach Hongkong, um diese Stadt noch einmal zu

besichtigen. Wenn ich Hongkong auch schon beschrieben habe, so will ich

doch noch den Eindruck erwähnen, welchen diese Stadt bei jedesmaligem

Besuche macht. Sie ist eine überaus reiche Handelsstadt mit grossartigen

Gebäuden am Hafen, mit sehr vielen prachtvollen Villen an den Lehnen der

hinter der Stadt aufsteigenden Berge und mit einem äusserst lebhaften

Getriebe auf dem Strande und in den Gassen. Dazwischen bewegen sich

Chinesen mit langen Stangen auf dem Rücken, welche beiderseits mit

unglaublich schwer wiegenden Waaren belastet sind; dann sieht man dort

die Chinesinnen auf ihren verkrüppelten, kleinen Füssen, wie auf Stelzen

gehend, daherhumpeln, und endlich gewahrt man auch Albions Söhne von

Bureau zu Bureau, von Bank zu Bank wandern und den Reichthum der die Stadt

umgebenden chinesischen Provinzen einheimsen.

Auf den Dampfer zurückgekehrt, sah ich, dass einstweilen 600 bis 700

Chinesen eingeschifft worden waren, welche theils nach Singapore, theils

nach Penang transportirt werden sollten, um dort für wenig Geld grosse,

schwere Arbeit zu verrichten.

Diese Chinesen reisen familienweise, mit ihren kleinen, ja mit neugeborenen

Kindern, und sind ungeachtet dessen, dass sie wissen, sich nur einen sehr

bescheidenen Unterhalt verschaffen zu können, dennoch stets guter Dinge,

heiter und gutwillig. Dieselben waren theils auf dem Deck, theils

im Zwischendeck untergebracht, und zwar so dicht, dass sie nur wenig

Bewegungsfreiheit hatten. Ueber ihre Bekleidung habe ich wiederholt

geschrieben. Nun will ich nur noch mittheilen, dass die Männer, wenn es

heiss wird, ihre Kleider ausziehen und nur in kurzen, schwimmhosenartigen

Beinkleidern verbleiben, so dass man dann dort so viel Menschenhaut sieht

und auch solchen Duft riecht, wie vermuthlich im Leben noch nie vorher.

Zu den Cabinenpassagieren war ein in Hongkong lebender italienischer

Musikmeister mit seiner Frau gekommen. Diese Frau war ein Mischling von

einem Engländer und einer Chinesin. Sie war gross und schlank, hatte etwas

braune Gesichtsfarbe und schwarzes Haar. Ihre Sprache war die englische.

Mischlinge werden von den Engländern nicht beachtet, und es wird nie

vorkommen, dass ein Engländer mit einem Mischling verkehrt, oder dass

Mischlinge in irgend eine englische Gesellschaft zugelassen werden, sowie

auch kein Einheimischer je in einen englischen Club Zutritt hat.

Schon um 4 Uhr Nachmittags war die Verladung auf unseren Dampfer vollendet

und um 5 Uhr Nachmittags hätte die Weiterfahrt beginnen sollen. Da

aber der Lloydagent von Hongkong noch nicht angelangt war, um dem

Schiffscapitän die vor der Abfahrt nöthigen Papiere zu übergeben, so

sandte derselbe den zweiten Capitän zum Agenten, um denselben zu ersuchen,

diese Papiere gleich zu bringen, damit das Schiff abfahren könne. Dies war

aber umsonst. Der Agent kam erst um 8 Uhr Abends mit den Papieren, und da

war es nach den in Hongkong bestehenden Hafengesetzen schon zu spät, um

aus dem Hafen auszulaufen. Der Dampfer konnte hiermit erst am folgenden

Morgen weiterfahren. Diese Verzögerung des Agenten zog daher eine solche

von einem halben Tag für den Dampfer nach sich, ein Umstand, welcher

sowohl die Interessen der Lloydgesellschaft, als auch jene der Passagiere

verletzte. Für die Lloydgesellschaft fällt es auch in's Gewicht, dass sie

wegen dieser Verzögerung die 600-700 Chinesen um einen halben Tag mehr als

nöthig verpflegen muss. Es hat die Agentur in Hongkong auch die Abfahrt

des Lloyddampfers ^Marie Valerie^ am 23. März verzögert, und es scheint

demnach, dass dort eine Saumseligkeit zu Ungunsten der Lloydgesellschaft

herrscht. Meiner Ansicht nach sollten die Lloydagenturen, welche aus ihrer

Stellung ohnehin einen grossen Vortheil und Profit ziehen, das Wohl ihrer

Gesellschaft besser im Auge behalten.

Fahrt von Hongkong nach Singapore.

_Am 10. Mai_, zeitlich Früh, fuhren wir von Hongkong ab, gegen Singapore.

Im Osten der Fahrtlinie befanden sich die Philippinen-Inseln Luzon,

Mindsop, Negros u. s. w., welche noch immer im Kriege stehen, um nun

»ihre Befreier vom spanischen Joche« abzuwehren. Viele dort einheimische

Familien sind schon ausgewandert und viele wandern noch aus; die

Landwirthschaft, sowie der Handel liegen brach, und so ist nun das von

der Natur so reich gesegnete Land ganz verarmt. Das sind die Resultate der

sogenannten Volksbeglücker und die Folgen von Staatsumwälzungen.

_Am 11. Mai_ hatten wir schon zeitlich Früh eine sehr drückende Hitze zu

ertragen. Es war dies der Vortag der in unserem Heimatlande gefürchteten

Eistage. Wieder haben sich bei unserem Schiffe ein Paar Vögel eingefunden,

welche von China zu uns kamen und nun der Entfernung halber nicht mehr zum

Festlande zurückfliegen konnten. Es sind Singvögel mittlerer Grösse mit

grauem Kopfe, dunklen Flügeln, schwarzweissem, langem Stoss und gelber

Brust.

Auch muss ich eine neue Frucht anführen, welche uns bei dem Diner auf

dem Lloydschiffe vorgesetzt wurde. Sie heisst Laitshi, ist eine braune

Baumfrucht in der Grösse der Kastanie, umschliesst im Innern einen

kleinen, festen Kern und hat innerhalb der leichtbrüchigen Rinde eine

lichte, fleischige Masse, welche einen angenehmen, etwas süsslichen

Geschmack hat.

_Am 12. Mai._ Unsere Fahrt geht langsam vorwärts. Wir machen kaum

10 Seemeilen = 18·5 ~km~ in der Stunde. Dies ist für mich recht

verdriesslich, weil ich dadurch später nach Colombo gelangen werde und

mich somit auf der herrlichen Insel Ceylon nicht lange werde aufhalten

können. Ich habe nämlich, wie schon erwähnt, den Plan gefasst, von

Colombo mit dem am 1. Juni von dort nach Port Said u. s. w. gehenden

Dampfschiffe der Messagerie maritime nach diesem Ort zu fahren, weil ich

dadurch dem zwischen 10. und 15. Juni im Indischen Ocean beginnenden

Monsum entgehe. Die Stürme und der hohe Seegang während des Monsums sind

wohl nicht so schwerwiegend, aber entsetzlich ist es, dass während der

Monsumzeit der unaufhörlich dicht fallende Regen und die dadurch erzeugte

nasse Luft bis in die Cabinen des Schiffes eindringt, dort die Kleider,

die Wäsche, das Bettzeug u. s. w. durchfeuchtet, und dass man während

dieser Zeit nicht ein Stück trocken erhalten kann. Abgesehen von dieser

Unannehmlichkeit, entsteht dadurch auch das Verderben der in den Koffern

verpackten Stoffe, ein Umstand, welcher mir vornehmlich wegen der gekauften

Seidenwaaren sehr peinlich sein würde.

_13. Mai._ Seit zwei Tagen haben wir auf dem Schiffe eine Temperatur von

mehr als 25° R. Wohl wurde diese Hitze durch zeitweilig eintretende

Gewitter momentan etwas vermindert, doch leider nur für kurze Zeit, und

bald darauf herrschte wieder die frühere Hitze. Das italienische Ehepaar

ist wenig seetüchtig und erkrankte, wenn auch nur leicht, in Folge des

Gewittersturmes, respective der dadurch erzeugten Schiffschwankungen.

_Am 14. Mai_ (Sonntag) war das Wetter ruhig, leicht bewölkt und die

Temperatur auf 23° R. herabgesunken. Ich befand mich demnach während des

Tages sehr wohl, aber die Nacht in der Cabine war dennoch schwül, und so

geht es in den Nächten ohne Schwitzbad nicht ab. Man gewöhnt sich aber

daran und schlaft dennoch sehr gut.

_Am 15. Mai_ machte ich an mir die Erfahrung, dass die Erhaltung

der Gesundheit es erfordert, während des Tages unter der Wäsche ein

Wolleibchen und eine Wollbinde zu tragen, denn als ich vor zwei Tagen der

grossen Hitze halber diese weggegeben hatte und nur ein einfaches Wollhemd

trug, fühlte ich an dem darauffolgenden Tage Schmerzen in der Kreuzgegend.

Ein über die Nacht genommener Priessnitz-Umschlag und dann das

Wiederanlegen der besagten Wollunterkleider behob sofort das Unwohlsein.

Aufenthalt in Singapore.

_Den 16. Mai_ trafen wir in Singapore ein, also mit einem Tage Verspätung

im Vergleiche zu dem officiell angegebenen Ankunftstage. Nach dem Anlangen

des Schiffes in den Hafen kam der Hafenarzt auf den Dampfer zur Inspicirung

des Gesundheitszustandes auf demselben und zur Feststellung, ob auf dem

Schiffe keine ansteckenden Krankheiten vorgekommen sind. Diese Massregel

muss in dem Hafen von Singapore mit um so grösserer Genauigkeit

durchgeführt werden, als dort alle von Bombay und von Hongkong, also von

den beiden pestinfiscirten Städten kommenden Schiffe anhalten, mithin

Singapore der Ansteckungsgefahr sehr ausgesetzt ist.

Der von der Lloydgesellschaft auf dem Dampfer ^Marquis Bacquehem^

angestellte Arzt, ein vor kurzer Zeit promovirter Doctor, hatte die

Pflicht, dem inspicirenden Arzt von Singapore die Aufklärung über den

Gesundheitszustand auf dem Schiffe zu geben.

Während der Fahrt des Dampfers von Hongkong nach Singapore waren von den

ganz kleinen Kindern, welche die Chinesen mit sich genommen hatten, zwei

Kinder gestorben, da sie die Seereise und ganz geänderte Lebensweise nicht

überstehen konnten. Ausserdem befand sich auf dem Schiffe ein Matrose,

welcher seit vier oder fünf Tagen an geschwollenen Drüsen erkrankt

war und ein Fieber mit 38 Grad Körperwärme hatte. Nun befürchtete

der Lloydarzt darin gleich einen Pestfall. Ich machte ihn wohl darauf

aufmerksam, dass nach meiner Erfahrung aus Bombay dort die Pestkranken

binnen 24 Stunden dem Tode erlagen oder, und zwar in den allerseltensten

Fällen, nach dieser Zeit der Genesung entgegen gingen. Der Lloydarzt

hielt dessenungeachtet seine Befürchtung aufrecht und gab trotz meiner ihm

dringlich gemachten Gegenvorstellung dem inspicirenden Arzt aus Singapore

Kenntniss davon. Dieser Inspicirungsarzt war nicht Doctor, sondern

Apotheker, hatte also selbst kein Urtheil in diesem Falle. Er nahm

mithin die ihm vom Doctor gegebene Befürchtung in sich auf, weil er die

Verpflichtung in sich fühlte, die Stadt Singapore vor der Gefahr

einer Ansteckung zu beschützen. Obgleich bei der nachfolgenden

Einzeluntersuchung aller Chinesen, der übrigen Passagiere und der

ganzen Schiffsbemannung kein Pestkranker gefunden wurde, so erklärte der

inspicirende Arzt dennoch den Dampfer ^Marquis Bacquehem^ bis auf

Weiteres in Contumaz und ordnete an, dass sämmtliche Chinesen auf die zum

Quarantaineplatz bestimmte Insel zu überführen seien. Da aber dieser

Arzt doch einsah, dass diese Massregel nicht ganz gerechtfertigt war,

so erlaubte er, dass die europäischen Passagiere nach Singapore fahren

können.

Ich benützte diese Erlaubniss und fuhr gleich mit dem Arzte nach

Singapore, besuchte dort den Honorar-Generalconsul v. Brandt und seinen

Stellvertreter v. Pustau, später dann auch den Dr. Rasch, welcher auf

dem Dampfschiffe ^Marie Valerie^ mit mir nach Singapore gefahren war und

sich dort zur Uebernahme einer ärztlichen Praxis niedergelassen

hatte. Daselbst empfand ich eine grosse Freude darüber, bei Dr. Rasch

wahrzunehmen und es auch von ihm bestätigt zu hören, dass es ihm

vorzüglich gut ergehe und er ausserordentlich viel zu thun habe. Da hat

sich wieder die Initiative glänzend belohnt.

Den folgenden Tag, _17. Mai_, kam der inspicirende Arzt Vormittag wieder

auf unseren Dampfer und fand den erkrankten Matrosen, welcher nach der

Meinung des Lloydarztes einen »leichten Pestanfall« haben sollte, schon

ziemlich wohl. Da mag es dem Apotheker eingeleuchtet haben, dass die

Diagnose des Doctors unrichtig war, aber er fand es dennoch angezeigt, die

Contumaz nicht aufzuheben, sondern verfügte noch eine Untersuchung des

Blutes von dem erkrankten Matrosen und nahm zu diesem Zwecke einige Tropfen

Blut desselben mit sich. Die Contumaz unseres Schiffes hatte demnach noch

wenigstens 24 Stunden zu währen.

Der vom Lloyd angestellte Schiffsarzt hat durch seine ausgesprochene

Befürchtung nicht nur dem Lloyddampfer viele Unannehmlichkeiten, sondern

auch namhafte Auslagen bereitet, weil derselbe bedeutende Expensen für den

längeren Aufenthalt im Hafennetz zu entrichten hat. Mich aber traf diese

Verzögerung sehr unangenehm, weil meine Ankunft in Colombo hierdurch noch

weiter hinausgeschoben und somit mein Reiseplan sehr gestört wurde.

An diesem Tage war ich vom Festlande ganz abgesperrt, weil der inspicirende

Arzt mich aus dem Grunde nicht auf seiner Dampfbarkasse mitnehmen konnte,

weil er noch zu anderen Schiffen fahren musste, und weil kein Boot vom

Lande sich dem in Contumaz befindlichen Dampfer zu nähern wagte. Ja, nicht

einmal der Lloydagent kam an den Dampfer heran.

Bei alledem fühlte ich mich auf dem Deck des Schiffes sehr wohl, denn

Vormittags war es geradezu herrlich, es wehte hier eine so liebliche,

angenehme Luft über das Deck, wie wir eine solche in unserem Lande nur in

den schönsten Tagen des Mai oder Juni erleben können.

Abends erschien der inspicirende Arzt neuerdings und theilte mit, dass

von den vom Dampfer ^Marquis Bacquehem^ auf die Quarantaine-Insel

transportirten Chinesen ein Mann an der Pest erkrankt und auch gestorben

sei, und behauptete, dass dieser Chinese schon auf dem Schiffe erkrankt

gewesen sei, sich aber der Untersuchung entzogen haben müsse. Tags

vorher wurde aber constatirt, dass alle auf dem Schiffe befindlichen

Leute untersucht und pestfrei befunden wurden. Es hatte demnach diese

nachträgliche Angabe keine rechtmässige Basis, wohl bot sie aber der

Behörde in Singapore das Mittel, nach Gutdünken mit dem Dampfer

zu verfahren. Die Ansteckung des Chinesen konnte ja auf der von Pest

durchseuchten Quarantaine-Insel vorgekommen sein. Diese Einwendung

fruchtete nichts. Der inspicirende Arzt theilte nun mit, er werde den

Todesfall dem Gouverneur melden, und dieser werde die weitere Contumaz des

Dampfschiffes verfügen.

Dies war ein schlimmer Fall für mich, denn der Aufenthalt in Singapore

konnte sich nun so weit hinausziehen, dass ich mit Einschluss des

Aufenthaltes in Penang, welcher auch unvorhergesehene Verzögerungen

bringen konnte, erst nach dem 1. Juni nach Colombo gelangen würde, dass

ich daher dort den Dampfer der Messagerie nicht mehr angetroffen haben

würde, folglich auf ein später abgehendes Schiff hätte warten müssen.

Dann aber stand mir bevor, in den für meine Garderobe und für das

gekaufte Seidenzeug gefürchteten Monsum zu kommen. Dies wollte ich,

wie schon erwähnt, vermeiden, und so erwog ich es, den Dampfer

^Marquis Bacquehem^ zu verlassen und mit dem Dampfer einer andern

Dampfschifffahrts-Gesellschaft von Singapore nach Colombo zu fahren. Wohl

hatte ich die Fahrkarte von Kobe bis Colombo genommen, aber ich hoffte,

dass die Lloyddirection in Triest den Betrag von Singapore nach Colombo mir

zurückerstatten werde. (Dies ist später auch erfolgt.) Andererseits sah

ich es voraus, dass durch diesen Wechsel sich meine Fahrt sehr vertheuern

werde, aber dies war schon dadurch herbeigeführt, dass unser Dampfer zur

Einhaltung der Contumaz bestimmt worden war, und dass ein Erlass besteht,

nach welchem jeder Passagier im Falle der Contumaz für jeden solchen Tag

15 Francs zu zahlen hat.

Reise über Indien und China nach Japan. Tagebuch mit Erfahrungen, um zu überseeischen Reisen und Unternehmungen anzuregen. · 第 14 / 19 段