Die Menschen auf dem Lande sind so wie die arme Classe in der Stadt

bekleidet, und zwar ohne Kopfbedeckung, mit talarartigen Kleidern, welche

die Männer häufig hoch aufgeschürzt haben, ohne Wäsche und an den

Füssen Holzsandalen mit Stöckeln. Die Männer tragen oft nur kurze Hosen

und gehen meist barfuss.

Bei Regen werden grosse Schirme aus Oelpapier getragen oder statt

dessen überdecken sich männliche Arbeiter mit Mänteln, welche aus

herabhängendem Stroh erzeugt sind und guten Schutz gegen das Nasswerden

gewähren sollen.

In meinem Hôtel in Kobe angelangt, legte ich mein Gepäck zurecht und

zahlte meine Hôtelrechnung aus, die für zwei und einen halben Tag sammt

Trinkgeldern auf die Summe von 20 Yen = 24 fl. zu stehen kam. Dann

verfügte ich den Transport meiner Colli an Bord des Dampfers ^Marquis

Bacquehem^ und begab mich auch dahin.

Für die Fahrkarte von Kobe nach Colombo, das ist für 25 Tage, hatte ich

100 Goldgulden = 120 fl. ö. W. zu zahlen, und zwar 90 fl. für die Kost

und 30 fl. für die Reise; die Begünstigung für Officiere abgerechnet,

würde sich der gewöhnliche Preis auf 125 Goldgulden = 150 fl. ö. W.

stellen.

Nachdem ich auf dem Dampfer alle meine Sachen in Ordnung gebracht und meine

Toilette fertiggestellt hatte, fuhr ich in den Deutschen Club, wo ich

mit Herrn C. ein Rendez-vous verabredet hatte, und ging mit ihm in seine

Wohnung. Dieselbe nimmt einen ganzen ersten Stock ein, gewährt einen

hübschen Blick auf den nahen, von Schiffen belebten Hafen, von welchem

frische Luft zuströmt, und ist in allen Einzelheiten reizend hergerichtet.

Unter anderen Kunstgegenständen stand auf einem Kamingesimse ein aus

Schildkrothorn stilvoll ausgearbeiteter Rikschawagen. Als ich über

denselben mein grosses Gefallen äusserte, war Herr C. so liebenswürdig,

mir letzteren zu widmen, und als ich dies dankbar ablehnte, brachte er mir

selben, gelegentlich der Begleitung auf das Schiff, in meine Cabine. Ich

werde ihm hierfür mit Dank das Prachtwerk »Glimpses of India« senden.

Zum Diner bei Herrn C. waren noch die in Kobe wohnhaften Landsleute, sowie

ein deutscher und ein russischer Staatsangehöriger eingeladen. Das Essen

war ebenso gut als die Conversation unterhaltend, und die ausgebrachten

Toaste, deren erster unserem Allergnädigsten Kaiser und König galt, waren

ganz dazu angethan, die Stimmung zu erhöhen. Nach dem Diner producirte

sich einer der Gäste, Herr v. R., ein gebürtiger Ungar, auf der Zither

mit einer Kunstfertigkeit und Virtuosität, wie ich selbe auf diesem

Instrumente noch selten gehört habe.

Um 11 Uhr Nachts begleiteten mich sämmtliche Herren auf das Schiff und

dort empfing ich sie auf heimatlichem Boden. Noch manche Gläser wurden

geleert, noch manche Toaste gesprochen, und bei ihrer Rückfahrt riefen

sie mir noch, von ihrem kleinen Steamer aus, die besten Wünsche für eine

glückliche Reise zu. Man muss wirklich in das weite, ferne Ausland reisen,

um unsere Landsleute, welcher Nationalität sie immer angehören mögen,

völlig geeint und in bester Harmonie zusammenleben zu sehen.

H. Fahrt von Kobe nach Shimonoseki und Schlusswort über meinen Aufenthalt

in Japan.

_Am 30. April_, als ich in meiner Cabine erwachte, bemerkte ich, dass wir

schon in Bewegung begriffen waren. Ein herrliches Wetter begleitete unsere

Fahrt durch das schöne Binnenmeer, welches ich bereits auf der Herfahrt am

1. und 2. April beschrieben habe. An Fahrgästen war ausser mir noch ein

Engländer, der Chef der Eisenbahnen auf der Insel Luzon (Manila), welche

zur Gruppe der Philippinen-Inseln gehört, auf dem Schiffe, und so konnte

ich noch eine zweite Cabine zur Unterbringung meines Gepäckes erhalten.

Der Commandant des Lloyddampfers ^Marquis Bacquehem^ ist der Capitän

Androvich. Der Dampfer gleicht vollkommen dem Schiffe ^Marie Valerie^, mit

welchem ich die Reise von Bombay nach Kobe zurücklegte, und welches ich in

einem vorhergehenden Abschnitte zu schildern Gelegenheit hatte.

Anbei folgt ein Verzeichniss sämmtlicher Ausgaben, Einkäufe natürlich

nicht miteingerechnet, welche ich während meines 28tägigen Aufenthaltes

in Japan gemacht habe, wobei ich hervorheben muss, dass ich stets in den

ersten Hôtels abstieg und es mir auch sonst an nichts fehlen liess.

_Auslagen in Japan._

I. _In Kobe 3½ Tage Aufenthalt_:

Yen Cents fl. kr.

Fahrt für mich und Transport des Gepäckes in's Hôtel 3 -- 3 60

Zweimal Theehausbesuch und Tanzvorstellungen 5 50 6 60

Fahrt nach Osaka, dort Tiffin und zurück 6 50 7 80

Rikschas und Schiffsleute 4 -- 4 80

Hôtel, Pension per Tag 7 Yen, Getränke, drei Einladungen

und Trinkgeld 38 50 46 20

Fahrt und Fracht von Kobe nach Kioto, von Hôtel

zu Hôtel 5 50 6 60

II. _In Kioto 5 Tage Aufenthalt_:

Einmal Theater- und einmal Theehausbesuch mit

Tanzvorstellung 6 50 7 80

Hin- und Rückfahrt nach Mukömachi und nach Nara 8 -- 9 60

Rikschas, Wäsche, Eintrittsgelder für Besichtigungen 5 -- 6 --

Hôtel, Pension per Tag 5½ Yen, Getränke, Einladungen 38 -- 45 60

Fahrt und Fracht von Kioto nach Yokohama von Hôtel

zu Hôtel 16 -- 19 20

III. _In Yokohama 5½ Tage Aufenthalt_:

Fahrt nach Tokio und zurück nebst Wagen, Fahrt

nach Yamakura und zurück 10 50 12 60

Rikschas und Wäsche 6 -- 7 20

Hôtel, Pension per Tag 8 Yen, nur für ¾ Tag und

Getränke 6 -- 7 20

Gäste im Hôtel zum Diner nebst Trinkgeldern 48 -- 57 60

Fahrt von Yokohama nach Tokio und in das

Gesandtschaftshôtel 5 -- 6 --

IV. _In Tokio 8½ Tage Aufenthalt_:

Fahrt hin und zurück in das Militärmuseum und nach

Yokohama 6 -- 7 20

Rikschas mit zwei Leuten, Wagen zu Audienzen,

Wäsche 20 50 24 60

Trinkgelder 13 -- 15 60

Fahrt von Tokio nach Yokohama und von da nach

Kobe, Wagen in das Hôtel 17 50 21 --

V. _In Kobe 2½ Tage Aufenthalt_:

Eine Fahrt nach Himeji und zurück 6 50 7 80

Rikschas und Schiffsleute 3 -- 3 60

Hôtel, Pension per Tag 7 Yen, dazu noch Einladungen

und Getränke 25 -- 30 --

---------------------

_Gesammtsumme_ 303 50 364 20

Wenn ich nun noch für 8½ Tage in Tokio die Hôtelrechnung sammt

Getränke reichlich mit 10 Yen = 12 fl. per Tag berechne, so müsste ich

zu meinen Auslagen noch 85 Yen = 102 fl. hinzufügen. In Yokohama, wo ich

allerdings auch nicht im Hôtel wohnte, habe ich für grössere Diners so

viel ausgegeben, als mein Aufenthalt im Hôtel für 5 Tage gekostet hätte,

es ist dies daher zur Bestimmung der allgemeinen Auslagen nicht in Anschlag

zu bringen.

Der vollen Klarlegung der Ausgaben halber habe ich noch zu bemerken, dass

ich durch Geldwechslung und die Berechnung des bei der Chartered Bank of

India, China and Japan behobenen Geldes einen Abzug von 30 Yen = 36 fl.

erlitten habe. Es stellen sich daher meine Auslagen auf 333 Yen 50 Cent =

400 fl. 20 kr., und wenn ich die mir erspart gebliebene Hôtelrechnung

in Tokio dazu rechne, so hätten sich die Gesammtauslagen für 28 in Japan

verlebte Tage auf rund 500 fl. belaufen.

_Am 1. Mai_ langten wir in der Gegend von Shimonoseki und Moyi an,

landeten aber bei Moyi, weil der Dampfer dort 500 ~t~ Kohlen zum eigenen

Gebrauche und 500 ~t~ Reis zur Verfrachtung aufnehmen wollte.

Ich fuhr mit dem Schiffsarzte auf der Dampfbarkasse des Lloydagenten nach

Shimonoseki, um diesen kleinen Ort zu besichtigen.

Nach meiner Rückkehr zum Schiffe sah ich zeitweise der Einladung von

Kohle und Reis zu. Die anhaltende Arbeitskraft und die Geschicklichkeit

der Japaner ist hierbei staunenerregend. Das Einladen der Kohle erfolgt

korbweise durch eine von Männern und einigen Frauen gebildete Kette. Die

Kohle ist recht schlecht, verflüchtigt mit dem Rauche und hinterlässt

viel Rückstand; allein sie ist auch ausserordentlich billig, was der

fabelhaft billigen Arbeitskraft in Japan zuzuschreiben ist. Der Reis wird

in Säcken mit Krahnen aus den kleinen Frachtschiffen in die unteren Räume

des Dampfschiffes gebracht. Der japanische Reis gehört einer so kleinen

Gattung an, wie selbe in Europa nicht vorkommt.

_Am 2. Mai_ verliess ich das Land, in welchem ich einen Monat zubrachte.

Die Temperaturverhältnisse in Kobe habe ich bereits besprochen; was

den weiteren Verlauf derselben betrifft, so kann ich dieselben als recht

erträgliche und angenehme bezeichnen.

Zum Schlusse meines Aufenthaltes in Japan sei es mir gestattet, noch

einigen Beobachtungen, die ich gemacht, und manchen in mir aufgenommenen

Eindrücken, die ich noch nicht besprach, Ausdruck zu verleihen.

Vorerst will ich von der seit Tausenden von Jahren bei den Japanern

bestehenden Religion sprechen, weil diese die Grundbasis bildet für den

Charakter, die Lebensanschauungen und die staatlichen Einrichtungen der

Japaner.

Dass die Japaner Heiden sind, ist wohl bekannt, indess dürfte weniger

bekannt sein, dass ihre Lehren auf drei verschiedenen Grundlagen beruhen,

und dass sie Anhänger entweder des Confucius oder des Schinto, oder des

Buddha sind.

Die Confucius-Lehre ist keine Religion in der eigentlichen Bedeutung

des Wortes, sondern sie ist eine Aneinanderreihung von Gesetzen und

Vorschriften, deren oberster Grundsatz in der Achtung vor der väterlichen

Gewalt besteht. Confucius hat keine Träger seiner Lehren eingesetzt und so

gibt es auch keine Confucius-Priester.

Die Shinto-Lehre fordert die Anbetung und Respectirung der Götter, das

sind die Naturkräfte, die Berge und Flüsse, die Sonne und der Mond,

und schreibt das Anflehen der Winde vor, damit dieselben die Gebete den

Göttern überbringen. Seiner Anschauung nach stammt der Mikado von

einem Gott ab und ist selbst ein Gott; es gebührt ihm daher die höchste

Verehrung. Ausserdem fordert die Shinto-Religion Gehorsam gegen die

Obrigkeit und gegen die Eltern, Höflichkeit gegen Gleichgestellte und

Tapferkeit bis zur Todesverachtung. Weiters lehrt die Religion, dass die

Seelen der Menschen nach dem Tode in Thierkörper, mit Ausnahme jener der

Fische, wandern, und daraus ergibt es sich, dass die Japaner, welche der

Lehre des Shinto folgen, nur das Fleisch der Fische geniessen. Endlich

empfiehlt Shinto den Ahnencultus an, und so wird denn auch in jeder Familie

ein Vorfahre als Familiengott angesehen. Die Priester der Shinto-Lehre sind

arm und leben nur von den Opfern, welche die Betenden den Göttern spenden.

Seit Kurzem jedoch erhalten dieselben auch vom Staate eine Bezahlung, weil

ihre Glaubenslehren in jüngster Zeit vom Mikado sehr gefördert werden.

Die Priester haben ganz rasirte Köpfe und tragen lange, weisse Gewänder,

Sandalen und im Gürtel oder in der Hand eine Art von Rosenkranz, sowie bei

ihren Tempel-Functionen eine Art von Scapulier.

Die Buddha-Lehre gebietet die Anbetung der Götter, das sind meist

fabelhafte Personen, und die Entsagung von jeder Leidenschaft, und stellt

als höchstes Lebensziel das immer tiefere Eindringen in die Wissenschaft

hin. Die Buddha-Anhänger führten nach und nach die schöne Ausschmückung

der Tempel, die Verfertigung von Heiligenbildern und die Anwendung von

Weihrauch und Musik bei den religiösen Ceremonien ein. Die Priester dieser

Lehre sind durch Schenkungen vermögend geworden, kleiden sich ähnlich

wie die Shinto-Priester, werden aber bis zum heutigen Tage nicht vom Staate

bezahlt. Diese Lehre wurde etwa 800 Jahre n. Chr. von China nach Japan

gebracht. Die schönen grossen Tempel in Japan sind zumeist Buddha-Tempel.

Die Japaner nehmen es mit ihren Göttern sehr leicht; sie gehen bald in

einen Buddha-, bald in einen Shinto-Tempel, rufen hier den einen, dort

den andern Gott an, und fühlen sich dann ganz befriedigt. Wenn sie

ihre Götter anbeten oder anflehen wollen, so läuten sie zuerst in dem

betreffenden Tempel, schlagen in die Hände, um die Aufmerksamkeit des

Gottes auf sich zu lenken, falten die Hände, beten, reiben dann die

Hände aneinander, und werfen schliesslich mehrere Kupfermünzen (Zehntel

Centstücke = ⅛ kr.) auf den Tempelboden vor dem angerufenen Gott;

hierauf ziehen sie ihrer Wege weiter.

Die Ehen werden in Japan sehr einfach, ohne Tempelweihe, und nur mit

Zustimmung der Eltern geschlossen, und erst später im Gemeindeamte, behufs

Eintragung in die Matrikelbücher, bekannt gegeben. Die Ehefrau nimmt

im Hause die Stellung der ersten Magd ein. Die Scheidung der Ehe geht

ebenfalls leicht von statten, kommt aber sehr selten vor, wie überhaupt

sogenannte »unglückliche Ehen« bei der leichten Lebensauffassung und

der angeborenen Gutmüthigkeit der Japaner zu den äussersten Ausnahmen

gehören. Es soll sich sogar ereignen, dass die Ehefrau, deren Mann zu

häufig die Theehäuser besucht und Geld verschwendet, ein hübsches

Mädchen in das Haus nimmt, um dadurch ihren Mann an das Haus zu fesseln.

Die von den Seitenfrauen geborenen Kinder werden stets mit den legitimen

Kindern gleichmässig erzogen. Eifersüchteleien gehören zu den

Seltenheiten. Das japanische Empfinden ist eben ein ganz anderes als das

unserige.

Was die Begräbnisse anbelangt, so sind dieselben nach der Shinto-Lehre

ganz einfach, nach dem Buddhaismus aber mit Feierlichkeiten verbunden, und

dies ist der Grund, dass die meisten Japaner nach dem Buddha-Ritus beerdigt

werden.

Der Familiensinn ist in Japan sehr stark entwickelt. Wie die Kinder ihren

Eltern unbedingte Unterwürfigkeit schulden, so sind andererseits die

Eltern für ihre Kinder sehr besorgt; sie sind sehr geduldig mit ihnen und

lieben dieselben in ihrer Weise. So z. B. nehmen die Eltern ihre Kinder,

selbst die ganz kleinen, zu allen Ausflügen und in das Theater mit sich,

und bleiben dort oft halbe oder auch ganze Tage lang vereint sitzen,

wozu sie die Lebensmittel vom Hause aus mitbringen. Die Kinder sind

verpflichtet, für ihre alt und erwerbsunfähig werdenden Eltern zu

sorgen und dieselben liebreich zu erhalten, eine Pflicht, welche von den

japanischen Kindern durchwegs erfüllt wird. Der japanische Arbeiter oder

Kleinbürger denkt daher nie an ein Sparen für sein Alter, sondern sieht

seine Kinder als das Capital an, von welchem er im Alter leben wird. Darin

ist auch der Grund zu suchen, dass in Japan die Adoption von Kindern zur

Landessitte geworden ist.

Der Unterricht in Japan ist nach der Zeitdauer ein sehr weit ausgedehnter.

Der erste Unterricht in der unteren Volksschule währt vier Jahre und

ebensolange in der oberen Volksschule; daran schliessen sich vier Jahre

untere und vier Jahre obere Mittelschule und endlich vier Jahre Hochschule.

Es sind also 20 Jahre an Schulen durchzumachen, und da der Schulbesuch mit

dem Alter von sechs Jahren zu beginnen hat, so kann ein Japaner, welcher

sämmtliche Schulen absolviren will, nicht vor dem 27. Jahre die Schulbank

verlassen. Hierbei muss noch bemerkt werden, dass die volle Kenntniss der

japanischen Sprache sehr viel Zeit und sehr viel Fleiss in Anspruch nimmt.

Die Schüler der Mittel- und Hochschulen sind uniformirt.

Die Wohnungen der Japaner werden, wie ich bereits mitgetheilt habe,

durchwegs sehr leicht gebaut und besitzen keine Heizvorrichtungen. Es ist

daher natürlich, dass dieselben bei der in Japan im Winter vorherrschenden

tiefen Temperatur recht kalt sind. Diese Kälte vertragen aber die Japaner

sehr gut, da sie abgehärtet sind; sie ziehen dann nur etwas wärmere

Kleider an, und bedienen sich zur Erwärmung der Hände eines irdenen

Topfes, welcher mit glühenden Kohlen gefüllt ist und in die Mitte des

Zimmers gestellt wird.

Den Volkscharakter der Japaner kann man in Bezug auf seine guten und

schlechten Eigenschaften in nachstehender Weise resumiren.

Die guten Eigenschaften der Japaner sind: patriarchalisches Wesen,

Verehrung des Monarchen, Ehrfurcht vor den Eltern, Gehorsam gegen die

Obrigkeit, Höflichkeit gegen die Mitmenschen, Reinlichkeit des Körpers,

Nettigkeit der Kleidung und Wohnung, heiteres Temperament, Neugierde,

Nachahmungsgabe, Geschicklichkeit, Abhärtung, Unverdrossenheit und

Tapferkeit. Ihre schlechten Eigenschaften dagegen wurzeln in ihrer Moral

und Sitte. So nehmen die Japaner oft keinen Anstand, die Rechtlichkeit

ihrem Vortheile zu opfern, und sie besitzen überhaupt des Oefteren

keine strengen Rechtsbegriffe, ein Mangel, welcher für den Handel sehr

nachtheilig ist. Dann haben viele Japaner nur sehr lockere Anschauungen

von Sittsamkeit und von Decenz. Wie tiefstehend diese Begriffe sind, zeigt

sich, wie wir schon erfahren haben, darin, dass sich ältere Studenten, ja

oft sogar Officiere ihre Bräute aus öffentlichen Häusern nehmen. Ueber

das unartige und ungesittete Betragen von Japanern selbst aus der besseren

Classe habe ich gelegentlich der Beschreibung meiner Eisenbahnfahrten schon

Erwähnung gethan.

Wenn ich nun einen Rückblick auf meinen Aufenthalt in Japan werfe, so sehe

ich mit Befriedigung auf die vielen, dort verlebten vergnügten Stunden,

sowie auf die zahlreichen Eindrücke zurück, welche das Sehen von so

mannigfachem Neuen und Interessanten in mir hinterlassen haben. Sehr leid

thut es mir, dass ich aus Mangel an Zeit nicht dazu kam, die beiden Orte

Miyanashitta und Nikko besuchen zu können.

Miyanashitta liegt östlich des höchsten Berges Fugyi und ist von der

Station Közu der Eisenbahnlinie Kioto - Yokohama aus zu erreichen. Von

Közu aus fährt man mit Rikscha oder Wagen in 2½ bis 3 Stunden dahin.

Dort bietet, wie mir von verlässlicher Seite mitgetheilt wurde, das Hôtel

Fuji-ya eine vorzügliche Unterkunft und sehr gute Bäder. Von Miyanashitta

aus kann man nach allen Richtungen hin die lohnendsten Ausflüge machen,

bei welchen sich wundervolle Fernblicke eröffnen.

Nikko liegt im Norden von Tokio und gelangt man von hier mit der Eisenbahn

in fünf Stunden nach diesem Ort, der sich durch seine Naturschönheit in

Japan dieselbe Berühmtheit wie Neapel in Europa erworben hat. Berge und

Thäler, Wälder und Wasserfälle, sowie auch Monumente, Mausoleen mit

Holzschnitzereien und Malereien, und die schönsten Tempelaltäre von

Japan sind dort zu sehen. Viele schöne Villen der reichen und vornehmen

Einheimischen schmücken die Gegend, von wo man allenthalben die

herrlichsten Aussichten geniessen soll. Für das leibliche Wohl sorgen

bestens das Kanaya- und das Nikko- oder Arai-Hôtel. Der Japaner sagt: Erst

wer Nikko gesehen hat, weiss, was Pracht ist.

Miyanashitta hätte ich durch Unterbrechung meiner Reise von Kioto nach

Yokohama in Közu erreichen können, doch wären zu diesem Ausfluge

mindestens vier Tage nothwendig gewesen, und über so viel Zeit verfügte

ich nicht nach meinem einmal fertiggestellten Reiseplane. Eine Excursion

nach Nikko hätte von Tokio aus nur drei Tage in Anspruch genommen, doch

habe ich in der japanischen Hauptstadt, aus schon besprochenen Gründen,

viele Zeit unbenützt verlaufen lassen müssen.

Schliesslich soll hier noch eine Handelsfrage erörtert werden. Ich

überlegte mir nämlich in sehr eingehender Weise, für welche Artikel aus

unserer Monarchie ein gewinnreiches Absatzgebiet in Japan gefunden werden

könnte, und liess mich hierbei von nachstehenden Erwägungen leiten.

Der Japaner besitzt Fleiss, Geschicklichkeit und Nachahmungsgabe, und bei

seiner grossen Mässigkeit erzeugt er seine Arbeiten weit billiger, als

wir dies zu leisten im Stande sind. Er besitzt aber im grossen Allgemeinen

keine geistige Schaffungskraft.

Es müssen also nach Japan solche Artikel in den Handel gebracht

werden, welche unserer Intelligenz entspringen, welche die den Japanern

eigenthümliche Neugierde anregen, die nicht theuer sind, und bei

bescheidenen Mitteln den Ankauf gestatten. Zu solchen Artikeln zähle ich

alle kleineren Erzeugnisse der Mechanik, Physik, Elektricität und Chemie,

wie man dieselben bei uns so vielfältig antrifft und deren Herstellung

auch weiter ausgedehnt werden könnte.

Auch die Einfuhr von Hengsten, welche zur Verbesserung der Pferdezucht in

Japan geeignet und dort wirklich sehr nöthig sind, dürfte den Vermittlern

lohnenden Gewinn abwerfen.

Inwieweit derartige commerzielle Unternehmungen begründete Aussicht auf

Erfolg bieten, und wie dieselben durchzuführen wären, darüber müsste

allerdings noch vorher eine genaue Enquête einberufen werden.

Rückreise von Japan nach Oesterreich-Ungarn.

Fahrt von Shimonoseki nach Hongkong.

_Am 2. Mai_ Vormittag fuhr ich, wie schon erwähnt, auf dem

Dampfer ^Marquis Bacquehem^ bei schlechtem Wetter von Shimonoseki in

westsüdwestlicher Richtung ab. Nachmittags entschwand die Küste Japans

meinen Augen, und als ob auch die Natur hierzu ihren Abschluss geben

wollte, entlud sich gleich darauf ein schweres Gewitter. Der Sturm

peitschte das Meer derart, dass die Wogen sich hoch aufbäumten und im

Zerschellen an des Dampfers Flanken die schäumende Gischt auf das Deck

schleuderten; der Himmel war von stahlgrauen Wolken umdüstert, leuchtende

Blitze zuckten umher und grollende Donner, sich zeitweise bis zum

Kanonenknall steigernd, durchdröhnten die Luft. Ein grossartiges,

gewaltiges Schauspiel.

Unser Lloyddampfer glitt aber verhältnissmässig ruhig, den Wellen

nachgebend, in der vorgezeichneten Richtung weiter. Wohl machte unser

^Bacquehem^ bei diesem Nachgeben auch schaukelnde Bewegungen, doch waren

diese weitaus nicht so stark, als jene auf dem Dampfer der Messagerie bei

viel ruhigerem Wetter während der Fahrt von Yokohama nach Kobe.

_Am 3. Mai_ trat bei umdüstertem Himmel wieder stilles Wetter ein,

weshalb ich meine Lebensweise abermals dem Schiffsgebrauche gemäss

einrichtete. Zur Morgentoilette gehörte das Wannenbad in dem 20 bis 22°

warmen Meerwasser, und um 7½ oder 8 Uhr nahm ich nach altgewohnter

Sitte einen Kaffee. In der Zeit bis zum zweiten Frühstück (Breakfast)

bezeichnete ich auf meiner Karte die vom Dampfer zurückgelegte Strecke,

wozu ich die Ausweise benützte, in welche ein Schiffsofficier täglich den

um 12 Uhr Mittag erreichten Punkt und die eingehaltene Richtung eintrug;

dann machte ich die sich daran fügenden geographischen Ueberlegungen und

endlich auch die Notizen über die Erlebnisse des vorhergegangenen Tages.

Gemäss unserer Fahrtrichtung nach Westen muss die Uhr täglich

zurückgestellt werden, das heisst, dass jetzt der Tag mehr als 24 Stunden

währen wird, wogegen bei der Reise von Europa nach Japan der verkehrte

Fall bestanden hatte.

Die Fahrtgeschwindigkeit des Lloyddampfers ist nicht gross, es werden

von demselben stündlich im Durchschnitt 10 bis 11 Seemeilen oder 18 bis

20 ~km~ zurückgelegt.

Nach dem Breakfast setze ich mein Tagebuch über Japan fort, wozu mir

einerseits die gemachten Vormerkungen und andererseits die geistige

Versetzung in die entsprechenden Zeitmomente das Material liefern. Diese

Beschäftigung, hie und da durch Spaziergänge auf dem Deck unterbrochen,

währt bis zu dem um 1 Uhr Mittag stattfindenden dritten Frühstück

(Tiffin). Ich habe schon gelegentlich der Reise nach Japan die Erfahrung

gemacht, dass ich auf hoher See nicht mehr Mahlzeiten nehmen kann, als

ich es seit jeher gewohnt bin, und demnach habe ich diesmal kein Tiffin

gegessen, sondern diese Zeit zum Spaziergang oder zur Lectüre benützt.

Nach dem Tiffin nahm ich wieder das Tagebuchschreiben auf und betheiligte

mich an dem auf diesem Dampfer eingeführten Spiele, welches darin besteht,

einen Reifen aus Stricken in einen Kreis zu werfen.

Um 6 Uhr Abends findet das Diner statt. Vor demselben mache ich Toilette

und nach demselben gibt es Conversation, Lectüre, hie und da Karten- oder

Schachspiel u. s. w.

Während des Tages und auch am Abend erfreue ich mich oft an dem Ausblick

auf das weite Meer und auf das scheinbar am Horizont in das Wasser

tauchende Firmament. Abends kommt es vor, dass auf dem Schaume der

Meereswellen, welcher durch das Eindringen des Schiffes in die Fluthen

erzeugt wird, sich elektrische Funken erzeugen und diese schöne

Erscheinung manchmal sehr intensiv wird.

Meistens ging ich schon um ½10 Uhr zur Ruhe.

_Am 4. Mai_ war ganz klares, etwas windiges und daher frisches Wetter

eingetreten. Diesen Tag benützte ich hauptsächlich zur Controlirung

und Aufnahme aller der bis jetzt eingekauften Gegenstände, eine recht

ermüdende und zeitraubende Arbeit.

Reise über Indien und China nach Japan. Tagebuch mit Erfahrungen, um zu überseeischen Reisen und Unternehmungen anzuregen. · 第 13 / 19 段