liegt, schafft das Heraufziehen der Fahrgäste auf dem aufsteigenden Wege
den Jinrikshas schwere Arbeit. Wohl lässt sich die Mehrzahl der Europäer
nicht hinaufziehen, doch sind nicht alle Leute so rücksichtsvoll, am
wenigsten die Japaner. Die armen Rikscha sehen auch schlecht und abgemagert
aus, und man hört aus dem beständigen Husten von so Manchem, dass er sich
zu Tode arbeitet, um sich seinen kargen Lebensunterhalt zu verdienen.
Bei dem Tiffin im Grand Hôtel, an welchem unter Anderen auch die Doctoren
Bieler und Honda, beide Professoren an der japanischen Universität
für Landwirthschaft zu Komaba bei Tokio, theilnahmen, sprach ich dem
Dr. Bieler gegenüber den Wunsch aus, verschiedene Samengattungen von
Bäumen, welche in Japan, hauptsächlich auf Bergen wachsen, mit mir nach
Oesterreich-Ungarn zu nehmen, damit Versuche über das Fortkommen solcher
Bäume gemacht und die gut gedeihenden bei uns eingebürgert werden
können. Dr. Bieler erwiderte mir hierauf, dass sein anwesender College
Dr. Honda, ein Japaner, in dieser Hinsicht eine Koryphäe sei, und dass
er mir gerne mit Rath und That an die Hand gehen werde. Als ich mich nun
in dieser Angelegenheit an Dr. Honda wandte, versprach er mir mit grosser
Bereitwilligkeit seinen Beistand, und dann, wenn ich nach Komaba kommen
werde, um die dortige landwirthschaftliche Universität zu besichtigen,
diese Frage der Baumsamen zu einem befriedigenden Resultate zu führen.
Bei dieser Gelegenheit besprachen wir auch die mir schon in Singapore
mitgetheilte Absonderlichkeit, dass in Asien als der allerbeste, aber nur
in verhältnissmässig kleinen Quantitäten vorkommende Kaffee jene Sorte
angesehen wird, welche den Namen Musang-Kaffee führt, und zwar deshalb,
weil dieser Kaffee durch Musange -- Mardergattung -- durchgegangen ist.
Der Musang klaubt nämlich die besten Früchte des Kaffeebaumes auf und
gibt dann die Bohnen wieder von sich. Diese Kaffeebohnen werden hierauf
sorgsam zusammengelesen und als Delicatesse verkauft.
Nachmittags besichtigte ich mit unserem Consul dessen Pferde, einen
grösseren und einen kleineren Schimmel, sowie einen Schwarzbraun,
und beobachtete die Art der Fütterung, wie selbe in Japan allgemein
eingeführt ist. Die Pferde bekommen gar kein Heu, dafür aber dreimal
des Tages ein Schaff mit einem Gemenge von einer grösseren Quantität
Häckerling, und dann je ungefähr einen Liter von geschrotetem Korn, von
ungeschrotetem Hafer, von gebrochenem Mais, von geschnittener Rübe und
von halbgekochter Kleie. Die Pferde in Japan -- dies schalte ich hier
der Vollständigkeit halber ein -- unterliegen einer eigenthümlichen
Krankheit, welche sich in einer Knochenauftreibung an den Kopfschläfen
zeigt.
E. Aufenthalt in Tokio.
_Am 17. April_ nahm ich von Yokohama und meinem liebenswürdigen Gastgeber
Abschied und machte die glücklicherweise recht kurze Reise nach Tokio.
Bei meiner Ankunft in der japanischen Landeshauptstadt hatte der
österreichisch-ungarische Geschäftsträger die grosse Aufmerksamkeit,
mich am Bahnhofe abzuholen und mich in Begleitung seiner charmanten
Gemahlin nach dem Gesandtschaftshôtel zu führen, wo ich, seiner Einladung
gemäss, mein Absteigequartier nahm. Ich erwähne gerne diesen Umstand,
weil er einen erfreulichen Beweis dafür bietet, wie ausserordentlich
zuvorkommend sich unsere Vertretungsbehörden in jenen so weit entlegenen
Ländern ihren Landsleuten gegenüber erweisen. An demselben Tage noch
stattete ich in Begleitung unseres Vertreters den verschiedenen officiellen
japanischen Persönlichkeiten Besuche ab. Ganz flüchtig will ich bemerken,
dass sich zur Zeit fast alle hohen japanischen Würdenträger im Besitze
von europäischen Adelstiteln befinden. Diese Einrichtung rührt erst von
dem jetzt regierenden Mikado her, während früher nur die ältesten und
grössten Familien den Titel »Daimo« (Fürst) inne hatten; diese Familien
stehen auch heutzutage noch bei den Japanern in grösstem Ansehen.
_Am 18. April_ machte ich mit Rikscha eine Spazierfahrt durch die Stadt.
Die Adjustirung der zum Ziehen des Wagens bestimmten zwei Leute bestand
aus einer Kopfbedeckung, deren weisser flacher Deckel nach innen zu ein
leichtes Rohrgestell hat, welches den Kopf frei erhält, dann aus einem
Wollhemd, einer blauen Blouse und einer Art von Leinenschwimmhose. Der eine
der beiden Rikschas lief in der Wagengabel, und der andere zog den Wagen
zwei Meter voraus an einem Stricke, welchen er über eine Schulter und die
Brust geschlungen hatte. Ich begab mich in meinem Gefährte sodann zu dem
Bazar, wo ich die verschiedenen Kaufläden aufmerksam musterte. Dieser
Bazar steht indess hinter jenem in Kobe entschieden zurück, sowohl was die
Menge als auch die Qualität der Waaren betrifft.
Nach dem Tiffin setzte ich in dem mit Pferden bespannten Wagen des
Geschäftsträgers meine Besuche von Tags zuvor fort.
Bei diesem Anlasse möchte ich einige Worte über die japanischen
Privatwagen und über die eigenthümliche Aufgabe sagen, welche den
Bedienten bei den dortigen Equipagen zufällt. Die Wagen sind nach
europäischem Muster, aber, mit wenig Ausnahmen, nicht sehr elegant gebaut;
Kutscher und Bediente haben dann und wann goldbetresste Cylinder und auch
mit Wappenknöpfen versehene Livréen, doch in der Mehrzahl der Fälle
sieht man dieselben in einer kleidsamen japanischen Tracht. Der japanische
Bediente schwingt sich, bevor der Wagen zu einer Wendung, zu einer Kreuzung
des Weges oder in's Gedränge kommt, während des Trabfahrens von demselben
herunter, läuft vor dem im Trab weiterfahrenden Wagen voraus, um den
Weg freizumachen, oder um dem Kutscher ein Zeichen über entgegenkommende
Hindernisse zu geben, läuft dann noch so lange mit den Pferden, bis
dieselben wieder vollkommen freie Bahn haben, und springt sonach auf den
Bock oder auf den Rücktritt hinauf. Dieses Auf- und Abschwingen, sowie
das Mitlaufen der Bedienten wiederholt sich bei der Fahrt so häufig, dass
dieselben sicher ein Drittheil, wenn nicht die Hälfte des ganzen Weges zu
Fuss zurücklegen.
Bei Galafahrten der hohen japanischen Persönlichkeiten laufen etwa 20
Schritte vor den Pferden zwei, vier bis sechs Vorläufer voraus.
_Am 19. April_ fuhr ich Vormittags abermals in den Strassen der Stadt
herum, um ein richtiges Bild von derselben zu erhalten.
Tokio, die Hauptstadt Japans, hat gegen zwei Millionen Einwohner, nimmt
einen Flächeninhalt von 250 ~km~² auf gewelltem und von Wasserläufen
durchzogenem Terrain ein und hat einen Umfang von 65 ~km~. Diese
riesenmässige Ausdehnung kommt hauptsächlich daher, weil der kaiserliche
Palast mit seinen Nebengebäuden und seinem Parke einen Flächeninhalt von
etwa 8 ~km~² hat und in der Mitte der Stadt liegt, weil sich überhaupt
sehr viele Paläste mit ausgedehnten Gärten im Weichbilde der Stadt
befinden, und weil beinahe sämmtliche Häuser nur ein Stockwerk hoch sind.
Die Stadt ist elektrisch beleuchtet, von Pferde- und elektrischen
Bahnen durchzogen, und besitzt ein sehr umfangreiches Telegraphen- und
Telephonnetz. Die grossen Verkaufshallen trifft man vereint nur in der
Strasse Naka döri und dann in den mit derselben parallel laufenden
Strassen Kyöbashi und Nihonbashi an, -- mehrere andere liegen zerstreut
in den übrigen Stadttheilen. Bei dem Umstande, als in Tokio weit weniger
Kaufleute etwas Englisch sprechen als in Kobe und Yokohama, und dieselben
auch für die Fremden die Preise viel höher ansetzen als in den genannten
beiden anderen Städten, so ist es rathsamer, die Haupteinkäufe nicht in
Tokio zu machen. Mit Rücksicht auf die so grosse Ausdehnung der Stadt ist
die Besichtigung der vielen Sehenswürdigkeiten nur mit einem bedeutenden
Zeitaufwande möglich, und so musste ich zu meinem grossen Bedauern,
bei meinem nur auf zehn Tage bemessenen hiesigen Aufenthalte, darauf
verzichten, mir Alles gründlich anzusehen. Besonders leid that es
mir, dass ich nicht dazu kam, in den grossen Ueno-Park (mit dem darin
befindlichen Landesmuseum) und in den botanischen Garten zu fahren.
Auf meinen vielen Wanderungen und Fahrten durch die Stadt fesselte manches
schöne und ganz im modernen Stile erbaute Palais meine Aufmerksamkeit; von
diesen Palästen dienen viele öffentlichen Zwecken.
Nach dem Tiffin holte mich der Interprête der Gesandtschaft ab, um mich in
das Militärmuseum zu geleiten, welches mit der Bahn in etwa 20 Minuten zu
erreichen ist. Das Museum ist in einem nicht sonderlich grossen Gebäude
untergebracht, welches in einem durch seinen Baumwuchs interessanten Garten
liegt. In den betreffenden Sälen gab es viel altes Rüstzeug, und zwar
fratzenhafte Gesichtsvisire und Kopfhelme, schwerfällige, aber schön
gearbeitete Brust- und Rückenpanzer, Schwerter, Speere, Keulen u. s. w.;
dann waren altartige Schiesswaffen aller Art aufgespeichert, neben welchen
koreanische Bronzekanonen standen, und den Schluss bildeten sehr viele,
im letzten Kriege eroberte chinesische Kanonen, Gewehre und Fahnen. Diese
chinesischen Waffen zeigen in ihrem Material und ihrer Construction die
entsetzliche Vernachlässigung der Wehrmacht im chinesischen Reiche. Die
Gewehre und Kanonen gehören meist ganz verschiedenen und veralterten
Systemen an; da sieht man Gewehre, deren Läufe durch die abgegebenen
Schüsse stellenweise ganz ausgeweitet und auch zersprungen sind, und dort
erblickt man Kanonen von ganz unglaublichen Formen, von schlechtem Material
und noch schlechterer Erzeugung. Ein Krieg gegen eine mit solchen
Waffen ausgerüstete Armee muss dem Gegner, wenn er nur halbwegs gut und
gleichmässig bewaffnet ist, zum Siege verhelfen. In einem Saale dieses
Museums prangen die in Lebensgrösse ausgeführten Oelgemälde aller hohen
japanischen Officiere, welche den letzten Krieg gegen China mitgemacht
haben.
In dem an das Museum sich anschliessenden Garten steht der sehenswerthe
Shökonsha-Tempel, von dem aus man in der Vogelperspective einen grossen
Theil von Tokio überblickt. In unmittelbarer Nähe hieran dehnt sich der
hauptstädtische Rennplatz aus, von welchem eine breite Strasse zu
einem freien Platz führt, der eine grosse Bronzestatue eines berühmten
japanischen Patrioten schmückt. Es ist das erste Mal, dass hier zu Lande
einem verdienten Manne ein Monument errichtet wurde.
Das Diner nahm ich bei dem Obersthofmeister der Kaiserin, Grafen K.,
ein, zu welchem auch unter anderen Gästen ein katholischer Geistlicher
zugezogen war -- gewiss ein schönes Zeichen von Toleranz und
fortschrittlicher Denkungsart. Der Graf bewohnt ein sehr elegant
eingerichtetes Palais, welches im europäischen Stile montirt ist. Er
besitzt zwei Töchter, von welchen die ältere die Obersthofmeisterin der
Kaiserin ist und im Hause ihres Vaters die Frau des Hauses repräsentirt,
nachdem ihrer Mutter Gesundheitszustand es schon seit langer Zeit nicht
zulässt, sich in Gesellschaften zu zeigen. Der Ton während des ganzen
Abends war ein durchaus sehr feiner und den europäischen Anschauungen
nach vollständig angemessen, und ebenso waren Dienerschaft, Einrichtung,
Service und das Diner nach europäischem Geschmacke sehr gut hergerichtet.
Ich hebe dies besonders hervor und lasse auch die Beschreibung des Diners
folgen, weil ich im Gegensatze zu den Erfahrungen, welche ich auf den
Eisenbahnen gemacht habe, doch auch nachweisen muss, dass in vielen hohen
Kreisen die gute Sitte und die Civilisation in bester Weise eingedrungen
ist.
Das Speisezimmer des Grafen K. reiht sich den anderen Salons würdig
an. Die Tafel war im europäischen Geschmack prachtvoll gedeckt und mit
kunstvollem Porzellan, Glas, wappengeschmückten Silber- und Goldbestecken,
Goldschüsseln und in der Mitte mit einer Jardinière ausgestattet, welche
mit den blütenreichen Zweigen des japanischen fruchtlosen Kirschenbaumes
derart umwunden war, dass dieselben den Eindruck machten, aus der
prächtigen Vase herausgewachsen zu sein. Im Verlaufe des Diners folgte
noch ein zweites Porzellanservice von wundervoller alter Arbeit, welches
jeden Kenner entzücken musste. Zum Schlusse der Mahlzeit wurde als kleine
Aufmerksamkeit für mich ein alter Tokayerwein servirt. Beim schwarzen
Kaffee und einer guten Cigarre besah ich mir noch eingehend die vielen
Kunstschätze, die allenthalben aufgespeichert waren. Graf K. zeigte mir
auch mit sichtlichem Vergnügen eine ziemliche Anzahl Photographien
von unseren Majestäten und von anderen erlauchten Mitgliedern unseres
Kaiserhauses, welche Bilder in seinem Besitze sind. Den Schluss des
Festes bildete ein recht unterhaltendes kleines Gesellschaftsspiel mit
französischen Karten, welches bis gegen Mitternacht währte.
_Am 20. April_ begegnete ich Vormittags bei einer Spazierfahrt
verschiedenen Infanterie- und Cavallerie-Abtheilungen. Die Adjustirung des
japanischen Militärs ist gut, nett und rein. Die Infanterie zeigte gute
Haltung und stramme Disciplin, die Cavallerie konnte mir aber in keiner
Hinsicht gefallen, denn der einheimische Pferdeschlag ist elend, die Pferde
sind klein, schwerfällig und ganz ohne Energie. Dieselben können daher
auch unmöglich nur zu halbwegs brauchbaren Cavalleriepferden abgerichtet
werden, und dies umsoweniger, als die Japaner absolut kein Reitervolk sind,
und dermalen, was Sitz, Führung und Einwirkung anbelangt, sehr Vieles zu
wünschen übrig lassen.
Ich überlegte nun, welche Race von Pferden zur Hebung der Pferdezucht in
Japan wohl am besten und zweckdienlichsten wäre, und kam nach Erwägung
aller einschlägigen Factoren zu dem Resultate, dass eine wirkliche und
gedeihliche Aufbesserung der hiesigen Pferde am ehesten durch unsere
Lipizzaner erzielt werden könnte. Die Begründung hierfür ist eine
gegebene und einleuchtende. Die Lipizzaner stehen an Grösse einigermassen
dem japanischen Pferde näher als andere Racen; sie sind sehr gut gebaut
und fundamendirt, ausdauernd und zähe, an heisse Sommer gewöhnt
und besitzen vor Allem im hohen Grade die Energie, welche dem hier
einheimischen Pferdeschlage noththut.
Gegen Abend besichtigte ich in Gesellschaft von Bekannten einen Theil der
Stadt, wo in hell erleuchteten Strassen die ebenerdigen Fronten der Häuser
gegen die Strassenseite mit Holzstäben abgeschlossen sind, hinter welchen
sich japanisch eingerichtete Salons zeigen. Längs der Wände dieser Salons
sitzen auf Polstern nebeneinander junge japanische Mädchen, mehr
oder weniger hübsch, aber jedenfalls sehr reich gekleidet, welche den
Vorübergehenden zur Schau ausgestellt sind. Die in diesen käfigartigen
Kammern eingeschlossenen Mädchen sehen meist unschuldig in die Welt
hinaus, wobei sie aus ihren kleinen Tabakpfeifchen rauchen, oder mit
Zuhilfenahme des Toilettetäschchens, welches jede Japanerin stets bei sich
führt, ihren Teint mit Puder, die vorderen Theile der Lippen mit Purpur
oder das Haar mit einem kleinen Kamme zurecht richten. In diesen, uns
Europäer wohl höchst fremdartig und seltsam berührenden Strassen
wanderte ich wohl eine Stunde lang herum, reichte hin und wieder den
Mädchen durch das Gitter kleine Cigarettenschachteln, und lernte da einen
Theil des japanischen Volkslebens kennen, von welchem wir uns in Europa
keinen Begriff machen können. Es ereignet sich nicht selten, dass solche
Mädchen von ihren Liebhabern aus diesen Häusern losgekauft und dann
geheiratet werden, ja es wurde mir erzählt, dass sogar japanische
Officiere mitunter sich hier ihre Gattin aussuchen. Das würde nur klar
beweisen, dass in Japan die Begriffe von unserer christlichen Moral
gänzlich fehlen, und dass in diesem Punkte die Civilisation noch sehr im
Argen liegt.
_Am 21. April_ ging ein ziemlich starker Regen nieder, und ich benützte
den Vormittag gerne dazu, um Notizen über die vergangenen Tage zur
Fortsetzung meines Tagebuches einzutragen. Ausserdem schrieb ich an die
mir vielseitig gerühmte Verkaufshalle von Kuhn & Cie., eines Wieners,
in Yokohama, er möge mir eine Collection seiner Waaren, welche sich
zu Geschenken eignen, im Gesammtwerthe von 100 Yen = 120 fl.
zusammenstellen, damit ich dieselben in nächster Zeit besehen und
eventuell kaufen könne. Auch sandte ich ein Schreiben an die Agentie der
Messagerie maritime in Yokohama ab, um mir auf dem am 27. April von dort
nach Kobe verkehrenden Dampfschiffe einen Platz erster Classe reserviren zu
lassen, eine Vorausbestellung, welche aus dem Grunde nöthig erschien,
weil diese Dampfschiffe oft nicht alle eintreffenden Passagiere aufnehmen
können.
Für Nachmittag hatte ich den Besuch der landwirthschaftlichen Universität
in Komaba in Aussicht genommen, um dieselbe zu besichtigen und die mir
zugesagten Baumsamen abzuholen. Da der Legationsrath der hiesigen deutschen
Gesandtschaft Graf W. an meinem Projecte lebhaftes Interesse genommen
hatte, so wurde verabredet, uns an diesem Nachmittag gemeinsam nach Komaba
zu begeben. Nach dem Tiffin war ich aber des anhaltend schlechten Wetters
halber noch unentschlossen, dieses Vorhaben zur Ausführung zu bringen. Als
jedoch Graf W. trotz Jupiter pluvius mit seinem Wagen ankam, traten
wir nun zusammen unsere Fahrt an. Bei dem durch den Regen aufgeweichten,
thonigen Erdreiche waren die Strassen recht schlecht geworden, und die
Pferde mussten grosse Anstrengungen machen, um uns weiter zu bringen. Nach
anderthalb Stunden langten wir endlich glücklich bei der Universität an,
wo uns die Professoren Dr. Bieler und Dr. Honda auf das Freundlichste
empfingen. Ich erhielt meinem Wunsche gemäss eine reichhaltige Sammlung
von Samen für Bäume, welche von den beiden obgenannten Herren vorher
ausgewählt und mit zwei erläuternden Listen versehen worden war. In zwei
ansehnlichen Säcken befanden sich 22 Sorten von Baumsamen, jede Sorte
numerirt und besonders in einem kleinen Beutel aufbewahrt; dann waren
auf einer Liste nummernweise die lateinischen Namen der Sorten und in der
zweiten Liste die Bestimmungen für die Anpflanzung und für die Behandlung
der jungen Bäumchen sehr klar und genau angegeben. Ich hatte über diese
so reiche und vorzüglich gut zusammengestellte Gabe eine sehr grosse
Freude, und versprach den Professoren, da dieselben für die Samen keine
Bezahlung annehmen wollten, ihnen von Oesterreich-Ungarn aus Samen von dort
heimischen Bäumen und Pflanzen zu senden. Da die Zeit für die Anpflanzung
schon weit vorgeschritten war, so benützte ich die nächste Post zur
betreffenden Versendung, und so gelangten dieselben zum Zwecke von
Versuchen an die landwirtschaftliche Anstalt in Klagenfurt und an
verschiedene Verwandte und Bekannte, welche grössere Gütercomplexe
besitzen.
Obzwar der Regen nicht nachlassen wollte, schickten wir uns dennoch an,
die Universitätsbaulichkeiten, sowie den Versuchsgarten in Augenschein zu
nehmen.
Die Anstalt verfügt über einen sehr ausgedehnten Raum. In dem Garten
werden viele Versuche in mannigfaltigen Arten mit grosser Sorgfalt gemacht.
In den Gebäuden befinden sich die Lehrsäle, die Säle mit den Sammlungen,
die Locale für chemische Versuche u. s. w. Das Ganze macht einen
vortrefflichen Eindruck.
Bei unserem Rundgange lernte ich einen dort weilenden deutschen Professor
und Doctor der Thierarzneikunde kennen, mit welchem ich mich des Längeren
über die Pferdezucht in Japan unterhielt. Auch seiner Ansicht nach
bedürfen die Pferde in Japan dringend einer Aufbesserung, und es haben
die bisher gemachten Versuche wegen der unrichtigen Auswahl der Hengste
nur unbefriedigende Ergebnisse geliefert. So z. B. waren die Versuche mit
Trakehner-Hengsten, welche für die hiesigen Stuten durchaus nicht passen,
gänzlich missglückt -- bessere Erfahrungen habe man mit der erst vor
Kurzem begonnenen Kreuzung mit ungarischen Hengsten gemacht, doch können
wirklich gute Resultate nur von der Verwendung der Lipizzaner Hengste
erwartet werden. Ich war erfreut darüber, dass der Professor die gleiche
Anschauung mit mir theilte. Nachdem wir den uns begleitenden Professoren
für ihr freundliches Entgegenkommen bestens gedankt hatten, fuhren wir bei
Wind und Regen heimwärts.
_Am 22. April_ benützte ich Vormittags die Bahn nach Yokohama und
besuchte dort unseren Consul, wo ich zufällig auch den Commandanten des
Lloyddampfers ^Marquis Bacquehem^ antraf, mit welchem ich die Rückreise
von Kobe aus antreten wollte. Dann fuhr ich in die Samenhandlung Böhmer &
Cie., welche von einem Deutschen, Dr. Unger, geleitet wird. Auch an diese
Handlung hatte ich mich seinerzeit schriftlich um Beschaffung von Baumsamen
gewendet. Dr. Unger hatte mir aber keine diesbezügliche Zusammenstellung
gemacht, und behauptete, dass solche Samen nur im allerersten Frühjahre
von ihm versendet werden. Im weiteren Verlaufe des Gespräches erzählte er
mir, dass er über Auftrag der deutschen Colonie in Kiautschau eine grosse
Menge von Waldbaum-Samen dorthin expedirt habe, weil im genannten
Districte viel aufgeforstet werden soll. Es schien mir hieraus zur Evidenz
hervorzugehen, dass Dr. Unger überhaupt keinen Vorrath an dem gesuchten
Samen mehr hatte, und mir folgerichtig auch keinen verkaufen konnte. Er
übergab mir aber einen Preiscourant für Sämereien sammt Abbildungen,
und sagte mir über meine Bitte zu, mehrere solche Exemplare an diverse
Anstalten und Privatpersonen in Oesterreich-Ungarn senden zu wollen.
Zum Schlusse suchte ich die Verkaufshalle von Kuhn & Cie. auf. Kuhn,
wie schon früher bemerkt, ein Wiener, ist bereits seit etwa 40 Jahren in
Yokohama etablirt und gehört dort unbedingt zu den ersten Kaufleuten. Sein
Ruf ist ein sehr guter, und allem Anscheine nach mag er sich schon dort
ein beträchtliches Vermögen erworben haben. Die Collection, welche er mir
zusammengestellt hatte, war sehr schön und vielfältig. Als ich dann die
Preise jedes einzelnen Gegenstandes mit jenen Preisen verglich, welche in
den anderen Verkaufshallen für ähnliche, aber nicht so gut angefertigte
Gegenstände gefordert wurden, erkannte ich, dass man bei Kuhn & Cie. am
besten, solidesten und billigsten seine Einkäufe besorgt. Ich erstand die
ganze Collection zu dem gebotenen Preise und ertheilte den Auftrag, die
Gegenstände in einem in Japan erzeugten, sehr praktischen, geflochtenen
Koffer zu verpacken und denselben an Bord des eben in Yokohama verankerten
Lloydschiffes ^Marquis Bacquehem^ spediren zu lassen.
Nach erfolgtem Ankaufe besah ich mir noch die anderen, theilweise sehr
werthvollen Gegenstände, welche zum Verkaufe ausgestellt waren, darunter
Credenzen, Schreibtische, Broderien, Stoffmalereien etc. Die Feinheit
und Eleganz der Ausführung überraschte mich ebenso, als mich der
verhältnissmässig billige Preis in Erstaunen versetzte. Ich konnte es nur
bedauern, dass ich nicht über die erforderlichen Mittel verfügte, um auch
einige dieser sehr werthvollen Objecte mit mir zu nehmen.
Nach dem eingenommenen Tiffin bei unserem Consul fuhr ich mit ihm und
seinen anderen Gästen zu dem Rennplatze bei Yokohama, wo an diesem Tage
die Pferde für die am 8., 9. und 10. Mai abzuhaltenden Rennen trainirt
wurden. Ich sah dort etwa 50 Pferde, und darunter nicht eines, welches ich
besitzen möchte. Die Pferde waren entweder sehr klein und dabei plump,
oder sie waren gross und dabei hochbeinig, ohne Tiefe des Körpers, manche
mit zu kurzem Halse; einige Thiere waren wohl schneidig, aber sehr fein,
andere hatten einen zu schweren Kopf, mit einem Worte, kein einziges war
von jenem Schnitte, von dem wir die guten Reitpferde bei uns sehen. Die
Jockeys sind Japaner oder Chinesen und gleichen den englischen Jockeys nur
durch ihre Benennung und einigermassen durch ihre Kleidung.