Wir begegneten auf unserer Wanderung vielen Rudeln von Hirschen, welche

sämmtlich ganz zahm waren, und welche die eigens für sie erzeugten

Kuchen, die stellenweise zum Verkaufe angeboten wurden, ganz ungescheut

aus der Hand annahmen. Nach einer approximativen Schätzung mag ich sicher

hundert Hirsche, Thiere und Kälber gesehen haben.

Der auf der Bergesspitze erbaute Tempel imponirt durch Grossartigkeit und

Schönheit, und hat neben sich einen Glockenthurm mit einer Riesenglocke;

sonst gleicht er ganz den anderen Tempeln, wie ich dieselben bereits

beschrieben habe.

Die Einheimischen, welche in diesen Tempel gehen, werfen auf den Boden

vor dem Gotte, den sie für ihre Wünsche geneigt machen, oder vor jenem,

dessen Zorn sie abhalten wollen, Kupfermünzen in einer gewissen Anzahl

hin, ein Cultus, den ich übrigens schon in den meisten anderen Tempeln

ebenfalls wahrgenommen hatte.

Nach der Besichtigung des Tempels kehrten wir in ein bei dem nahe gelegenen

Orte Musashino befindliches Gasthaus ein, wo sowohl europäische als

japanische Speisen zu haben sind. Ich bat den Secretär, für uns ein

Tiffin zu bestellen, und so erhielten Dr. F. und ich je eine Eierspeise,

Schnitzel mit Salat und Käse nebst Bier, während mein japanischer

Begleiter für sich einen rohen Fisch mit der dazu gehörigen Sauce und

Saki bestellt hatte. Nachdem ich der Wirthin die sehr mässige Rechnung

ausgezahlt hatte, gab sie mir, wie dies in den Gasthäusern auf dem Lande

allgemein der Brauch sein soll, ein kleines Andenken, und zwar in der

Gestalt einer sehr gut hergestellten Photographie ihres Etablissements.

Auf dem Rückwege zur Bahnstation kaufte ich in den nahe dem Tempel

aufgestellten Verkaufshallen mehrere grössere Bronzefiguren und eine Menge

von originell geformten Haarnadeln.

Wenn auch die bevorstehende Eisenbahnfahrt von Kioto nach Yokohama einen

ganzen Tag in Anspruch nahm, so miethete ich mir hierfür dennoch keinen

japanischen Diener, sondern traf nur die Vorsorge, dass uns die für einen

Tag nöthigen Trink- und Esswaaren mitgegeben werden, weil auf der ganzen

Strecke keine europäisch eingerichteten Bahnhofrestaurationen existiren.

Es wurde mir zwar gerathen, meine Fahrt um ungefähr 1 Uhr Mittag bei

Nogaya zu unterbrechen, wo man ein europäisch eingerichtetes Hôtel

antrifft, und am nächsten Tage von da aus nach Yokohama zu reisen. Da mir

aber diese Umsiedlung in Nogaya von der Bahn zum Hôtel und am nächsten

Tag von dort zur Bahn sehr unangenehm erschien, so entschloss ich mich, die

Fahrt Kioto-Yokohama in einer Tour zu machen.

_Am 11. April_ Früh zahlte ich meine Hôtelrechnung aus, welche im ersten

Hôtel in Kioto sehr mässig war. Für Sitz- und Schlafzimmer sammt der

sehr guten Verpflegung rechnete man pro Tag nur 5 Yen = 6 fl. auf. Für

Getränke, zwei Einladungen, Mundvorräthe für die Eisenbahnfahrt

nach Yokohama und Trinkgelder hatte ich während meines fünftägigen

Aufenthaltes 18 Yen = 21 fl. 60 kr. verausgabt.

C. Die Eisenbahnfahrt von Kioto nach Yokohama.

Die Rikschafahrt und der Transport meiner Bagage zum Bahnhofe, die

Entlohnung des Hôteldieners, die Eisenbahnkarte erster Classe, sowie die

Frachtgebühr für meine Effecten von Kioto nach Yokohama, einer Route von

14 Stunden, belief sich nicht höher als auf 15 Yen = 18 fl. ö. W.

Zum Abschiede hatte sich noch der Gouverneurssecretär Kobayaski im

Nationalcostume im Hôtel eingestellt. Ich dankte ihm bestens für seine

freundliche Führung und Begleitung während meines Aufenthaltes in

Kioto, und gab ihm als Andenken meine mit einer entsprechenden Dedication

versehene Photographie. Sodann begleitete er mich noch bis zur Bahn, gab

seiner Freude Ausdruck, mir als Wegweiser haben dienen zu können, und

dankte nochmals für das ihm gespendete Bild. Dieser Secretär hatte sich

in früheren Jahren bei der Führung weiland unseres Herrn Kronprinzen und

später des Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand hervorgethan, und wurde dafür

mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone und mit einer schönen

Cravattennadel, welche die kaiserlichen und königlichen Initialen in

Brillanten zeigt, ausgezeichnet.

Bei meiner Abreise musste ich abermals meinen Pass vorzeigen. Der Waggon

erster Classe, in welchem ich mit Dr. F. untergebracht wurde, bestand aus

zwei Reihen längs der Fenster sich hinziehenden gepolsterten und mit Leder

überzogenen, einen halben Meter breiten Bänken, zwischen welchen sich ein

1¼ Meter breiter Gang befand. In demselben Waggon trafen wir am äusseren

Ende ein junges und ein älteres englisches Ehepaar, das letztere mit einer

Tochter, und am Eingange einen Japaner in mittleren Jahren mit seiner wenig

schönen Frau und mit noch zwei älteren Japanerinnen an. Dr. F. und ich

nahmen nebeneinander in der Mitte des Waggons näher den Engländern Platz.

Die Aussicht, auf diesen Marterbänken in einem nichts weniger als

reinen Wagen 14 Stunden lang ausharren zu müssen, war eben nicht sehr

erquicklich. Um mir die Zeit zu kürzen und die Unbehaglichkeit ein

wenig zu vergessen, begann ich mit der Fortsetzung meines Tagebuches, das

einigermassen im Rückstande war, und dachte auf diese Art, wie durch die

Besichtigung der Gegend, durch Lectüre und Conversation mit Dr. F. diese

fatale Eisenbahnfahrt tant pis que mal überstehen zu können. Leider

gestaltete sich aber die Sache ganz anders. Nach etwa drei Stunden

bestiegen in irgend einer Station mehrere Japaner mit Koffern, Rollen,

Bünden von Wein- und Bierflaschen unseren Waggon und richteten sich da

häuslich ein. Der grösste derselben trug europäische Kleidung mit langem

Gehrock und schien ein hoher Beamter zu sein, weil auf dem Bahnhofe vor

dem Waggon, den er bestieg, sehr viele Japaner und Japanerinnen in

Seidencostumen und auch japanische Officiere standen, und dem Abreisenden

ihre Ehrfurcht bezeigten, welche sich besonders bei der Abfahrt durch tiefe

Verneigungen kundgab. An dem entfernten Flügel der zum Abschiede vereinten

Gesellschaft stand eine Anzahl von japanischen Polizeisoldaten in Reih'

und Glied und grüssten militärisch bei der Vorbeifahrt des beschriebenen

Japaners. Derselbe hatte einen Secretär bei sich, welcher gleichfalls

europäisch gekleidet war. Der Secretär begann nun die Rollen zu öffnen

und Plaids herauszunehmen, welche auf die Bank ausgebreitet wurden,

dann stellte er auf den Boden eine kleine Theekanne und Schalen sammt

Schnellsieder auf und bereitete hier den Thee.

Die eingetretenen Japaner hatten uns so gegen die Engländer

zusammengedrängt, dass wir gar keinen freien Raum zwischen uns mehr

hatten, während sie selbst sich Platz zum Niederlegen freiliessen. Nun

war es mit dem Schreiben meines Tagebuches vorbei, und ich blieb darauf

angewiesen, die recht monotone Gegend zu betrachten oder mich mit Lectüre

oder Conversation zu beschäftigen. Aber auch diese Zerstreuung wurde mir

durch das Benehmen der Japaner, die doch in der ersten Classe fuhren,

ganz vergällt. Abgesehen von der Theebereitung war ihr Verhalten ein

unglaubliches, welches sich durch Pfeifen, durch lautes, dröhnendes

Gähnen, Ausziehen der Schuhe u. s. w. kundgab. Und Alles dies geschah in

Gegenwart der höchst ladyliken englischen Damen, doch die Japaner schienen

keine Ahnung davon zu haben, wie unschicksam sie sind. Den Engländerinnen

sei es zur Ehre gesagt, dass sie alle diese Ausschreitungen unbeachtet

liessen und hiervon weiter nicht Notiz nahmen.

Wieder eine Stunde mochte vergangen sein, als eine sehr alte Japanerin mit

einem Manne von etwa 40 Jahren, vermuthlich ihrem Sohne, in unseren Waggon

kam und mir gegenüber Platz nahm. Die Frau war in einfachster japanischer

Tracht, ihr Begleiter europäisch gekleidet; sie selbst setzte sich nach

japanischer Sitte mit unterschlagenen Füssen auf die Bank. Als dies

geschehen war, sagte der Secretär seinem Vorgesetzten etwas in's Ohr,

wahrscheinlich nannte er ihm den Namen der alten Frau und ihres Sohnes,

worauf der erwähnte Dignitär aufstand und sich zuerst vor der alten

Frau und dann vor ihrem Begleiter mit dem Oberleibe ganz tief hinunter

verbeugte, was hierauf auch der Secretär that. Der Dank der alten

Japanerin bestand darin, dass sie in sitzender Stellung ebenfalls ein

tiefes Compliment machte und hierzu ihre Hände auf dem Sitze aufstemmte;

ihr Sohn erwiderte den ihm dargebrachten Gruss in ganz gleicher Weise, wie

er ihn empfangen hatte. Unzweifelhaft gehörten Mutter und Sohn dem hohen

Geburtsadel an, der in Japan in grossem Ansehen steht. Die Begrüssungsform

kam sowohl dem Dr. F., wie mir höchst komisch vor, doch liessen wir,

selbstredender Weise, dies absolut nicht merken. Um die Mittagszeit packten

alle Japaner ihre in flachen Schachteln eingepackten Esswaaren aus, welche

vornehmlich aus gekochtem Reis, Wurzeln und dergleichen mehr bestanden,

und verzehrten dieselben in der bekannten landesüblichen Art. Auch die

mitgebrachten Bier- und Weinflaschen wurden hierbei ausgeleert. Auch wir

Beide nahmen unser bescheidenes Mahl zu uns und konnten dann sehen, wie

sich die Japaner nach ihrer Mahlzeit, wenn auch zusammengekauert,

zum Schlafen niederlegten. Die Engländer folgten dem Beispiele der

Eingeborenen und machten sich auf dem Fussboden ihren Thee zurecht. Nach

dem Essen war der Boden des Waggons mit Kistchen, Flaschen, Theekannen

und Schalen ganz bedeckt, weil es keinem Japaner einfiel, seine Sachen

wegzuräumen und den Gang freizuhalten. Wollte man in einer Station mit

etwas längerem Aufenthalte ein wenig aussteigen, so musste man über alle

diese Gegenstände wie eine Balleteuse hinüber hüpfen, eine wahrlich

nicht leichte Aufgabe. Nachmittags schliefen die Japaner um die Wette und

führten ein ganzes Schnarchconcert auf. Am anständigsten war zweifelsohne

das Benehmen der alten Frau und ihres Sohnes. Dieselbe blieb fortwährend

mit unterschlagenen Beinen auf der Bank sitzen und wendete nur hie und da

den Oberkörper um, was wohl Niemandem lästig fiel.

Was die Gegend anbelangt, welche wir durchfuhren, so war ich vorerst

sehr enttäuscht bei dem Anblicke des Biwa-Sees, den die Japaner als eine

Sehenswürdigkeit ersten Ranges rühmen, welcher aber weit hinter allen

unseren heimatlichen Gebirgsseen zurücksteht. Späterhin sah man zu beiden

Seiten der Bahn nur bebaute Felder und im Norden auf weitere Entfernung

hin bewaldete Berge. Hierauf gelangten wir in die Nähe des Meeres,

längs dessen Ufer wir dann, auf sehr vielen und mitunter sehr langen

Eisenbahnbrücken viele breite Flüsse und Rinnsale übersetzend, bis nach

Yokohama fuhren. Eine sehr erwünschte Zerstreuung bot der Anblick des

nördlich gelegenen, 12.000 Fuss hohen Fugyiberges, welcher, alle anderen

Berge weit überragend, schon von Ferne sichtbar ist, bis er sich später

in seiner Riesengestalt, aus der Ebene aufsteigend, zeigt. Es ist ein

feuerspeiender Berg, dessen letzte Eruption im Jahre 1708 stattfand. Der

Blick auf diesen gewaltigen Riesen ist wahrlich einzig in seiner Art.

Als nach 6 Uhr Abends die Dunkelheit anbrach, verzehrten wir noch den

zweiten Theil unseres frugalen Mittagessens und warteten hierauf Gott

ergeben und geduldig die Ankunft in Yokohama ab.

Diese ganze Eisenbahnfahrt war für mich eine wahre Pein; sie brachte mir

aber doch den Anlass, einen Einblick in das innere Leben der Japaner und

dazu noch der besseren Gesellschaft zu gewinnen. Das, gelinde gesagt,

der guten Sitte sehr wenig entsprechende Benehmen derselben beweist recht

drastisch den Mangel an wirklicher Civilisation. Mit Anerkennung und

mit aufrichtigem Dankgefühle muss ich noch erwähnen, dass Dr. F. das

Möglichste that, um mir die Beschwerlichkeiten der Reise erträglicher zu

machen.

D. Aufenthalt in Yokohama.

Bei meinem Ankommen in die Stadt um 10 Uhr Abends erwartete mich am

Bahnhofe ein Diener des dortigen Grand Hôtel, der mir einen Rikscha

besorgte, und die Ueberführung meiner Bagage in das Hôtel vermittelte.

Eine ausgiebige Nachtruhe war nun für mich ein grosses Bedürfniss.

_Am 12. April_ begab ich mich um 11 Uhr Vormittags zu unserem dortigen

Consul v. F., welcher auf dem Bluff (Anhöhe) eine reizende Villa mit

Nebengebäuden und Garten bewohnt. Nach erfolgter Begrüssung lud mich der

Consul ein, während der Zeit meines Aufenthaltes in Yokohama bei ihm

zu wohnen und sein Gast zu sein; ich nahm natürlich diesen so

liebenswürdigen Antrag dankbarst an, und kehrte nun in das Grand

Hôtel zurück, um die Ueberführung meines Reisegepäckes in das

Consulatsgebäude anzuordnen.

Im Grand Hôtel beträgt der Preis für ein Zimmer sammt Verpflegung

täglich 8 Yen = 9 fl. 60 kr. Es sind aber in Yokohama noch andere, im

europäischen Stile geführte Hôtels, welche weit billiger sind, z. B.

das Club Hôtel, welches eine sehr schöne und angenehme Lage innerhalb der

Hauptverkehrslinie am Meeresstrande hat.

Ich machte abermals, meinem Vorsatze getreu, einen Ankauf von 80

Ansichtskarten sammt Marken zum Preise von 8 Yen = 9 fl. 60 kr. und

fuhr hierauf in die Villa des Consuls, wo mir ein allerliebstes Zimmer

zur Verfügung gestellt wurde, in welchem ich mich in behaglichster und

comfortablester Weise zurecht machte. Die Villa ist reizend gelegen und

bietet eine herrliche Aussicht auf den unten liegenden Stadttheil und

auf das Meer. Ihre schöne Einrichtung wetteifert mit der praktischen

Eintheilung. Im Halbgeschosse befinden sich die Kanzleiräume, zwei

Sitzzimmer, ein Salon und ein grosses Speisezimmer, und im ersten Stocke

ist der Platz für Schlaf-, Fremden- und Badezimmer verwendet. Küche und

Dienerschaft sind im Nebentracte untergebracht. Im Garten gibt es einen

hübschen Tennisplatz, und jenseits des Gartens liegt das Stallgebäude, in

dem die drei Reitpferde des Consuls stehen, woran sich die Wagenremise und

ein Zimmer für das Stallpersonal anschliessen.

_Am 13. April_ wurde in Tokio ein grosses und interessantes Fest

gefeiert, nämlich das vom Kaiser von Japan (Mikado) alljährlich gegebene

Kirschenblüten-Parkfest, zu welchem alle fremden Vertreter mit ihren

Damen, die ersten Staatswürdenträger und die vornehmsten Familien

des Landes geladen waren. Durch die Liebenswürdigkeit unseres

Geschäftsträgers in Tokio hatte ich auch eine Einladung zu diesem

Parkfeste erhalten, und fuhr daher an diesem Tage mit dem Consul mit

Benützung eines Vormittagszuges nach der, eine Stunde entfernten

japanischen Hauptstadt. Von dem dortigen Bahnhofe begab ich mich sofort auf

die k. u. k. Gesandtschaft, welche sich nahe dem kaiserlichen Palais

auf einem, eine hübsche Aussicht gewährenden Hügel befindet. Das

Gesandtschaftshôtel ist nach Bauart und innerer Einrichtung sehr vornehm

und von einem grossen Garten umgeben, in welchem sich auch die Villa

des Gesandtschaftssecretärs und weiter ab die Nebengebäude für die

Dienerschaft und der Tennisplatz befinden. An der Grenze des Gartens stehen

die Stallungen, Schupfen und Unterkunftsräume für das Stallpersonal.

Sofort nach dem Tiffin fuhren wir in zwei Equipagen zur kaiserlichen

Residenz. Dort waren an den Eingängen und längs des Weges bis zur

Versammlungsstelle der Gäste Wachen und reich gallonirte Lakaien

aufgestellt. Der Park mit seinen vielen alten Bäumen, darunter eine grosse

Menge von Kirschenbäumen der blütenreichen Gattung, seinen Zierpflanzen

und Blumen, seinen Teichen und sorgsam gehaltenen Bächen macht einen

ebenso hübschen als vornehmen Eindruck. Der Versammlungsort der

Eingeladenen bot ein fremdartiges und fesselndes Bild. Bunt gemengt

zwischen den Europäern sah man die Japaner und Japanerinnen, sämmtlich

in europäischer Kleidung, sowie die japanischen Generale und sonstigen

höheren Officiere in ihren Uniformen. Man merkte es aber den einheimischen

Damen häufig an, dass sie sich in unserer Tracht nicht recht heimisch

fühlten. Sehr eigenthümlich sahen bei dieser Adjustirung die Complimente

aus, welche die einheimischen Damen in japanischer Weise mit einer tiefen

Verbeugung des Oberleibes ihren Bekannten machten, eine Begrüssungsart,

welche zur europäischen Kleidung wohl nicht passt. Unser zuvorkommender

Geschäftsträger v. G. liess es sich angelegen sein, mich nach

Möglichkeit den hohen Civil-Würdenträgern, Marschällen und Generalen

vorzustellen, und ich habe an Jeden einige englische oder französische

Worte gerichtet.

Plötzlich wurde gezischt zum Zeichen, dass sich die Majestäten mit ihrem

Hofstaate nähern. Die Gäste bildeten eine Gasse, durch welche der Kaiser

voraus, dann zehn Schritte hinter ihm die Kaiserin und wieder nach zehn

Schritten der Hofstaat -- alle europäisch gekleidet -- gegen den weiter

im Innern gelegenen, sehr geräumigen Pavillon schritten. Der Mikado ist

mittleren Alters, ziemlich wohlbeleibt, und hat einen etwas schleppenden

Gang; die Kaiserin ist fast klein zu nennen, zeigt Geist in ihrem Ausdrucke

und Anmuth in ihrer Erscheinung. Dem Hofstaate schlossen sich dann

die Gäste an, und ich hatte auf dem Wege zum Pavillon noch vollauf

Gelegenheit, die schönen Anlagen des Parkes und die Pracht der in vollen

Blüten entwickelten herrlichen Kirschenbäume zu bewundern.

Sofort beim Erscheinen der Majestäten intonirten die im Parke vertheilten

Militär-Musikcapellen die japanische Volkshymne, welche so lange

fortgesetzt wurde, bis Kaiser und Kaiserin zum Pavillon gelangt waren.

Dieser Pavillon bestand aus einem sehr langen und breiten Raum, in dessen

Mitte, etwas weiter zurückstehend, sich ein grosser Saal befand, in

welchem die Majestäten mit dem Hofstaat Aufstellung nahmen, und den zu

ihnen herangerufenen Personen Audienzen ertheilten. In den Gängen des

Pavillons waren kleine Tische, Sessel und ein Buffet aufgestellt.

Der Geschäftsträger wollte mir ebenfalls eine Audienz verschaffen,

erhielt aber von dem Obersthofmeister die Mittheilung, dass mich die

Majestäten in Privataudienz empfangen werden, dass ich aber hierzu in

Uniform zu erscheinen habe. Nachdem die Audienzertheilungen beendet waren,

gingen die Majestäten mit ihren Suiten an das eine Ende des Ganges und

liessen sich dort an dem für sie hergerichteten Tische nieder, worauf

sich die Gäste an den übrigen Tischen vertheilten. Nun wurde das Goûter

servirt, welches aus kalten Speisen, Süssigkeiten, Obst und Champagner

bestand. Das Serviren wurde in guter und prompter Weise von den Lakaien

besorgt, aber auch die hohen Würdenträger, Minister u. s. w. machten

den fremdländischen Gästen die Honneurs und präsentirten ihnen

verschiedene Platten. Während des Goûters executirten die Musikcapellen

europäische Tonstücke.

Als ich mit den beiden Damen, zwischen welchen ich Platz genommen hatte,

eben ein eifriges Gespräch unterhielt, und mir hierbei die aufgetragenen,

wirklich exquisiten Speisen wohl schmecken liess, kam der Marschall,

Marquis Ogawa, einer der Commandanten der japanischen Armee in ihrem

letzten siegreichen Feldzuge gegen China, mit einem Glase und einer Flasche

Champagner auf mich zu und schenkte mir ein. Glücklicherweise wusste ich

bereits Bescheid, wie in Japan auf solchen Gruss erwidert wird. Ich trank

nämlich, der Landessitte entsprechend, sobald ich mich erhoben hatte, mein

Glas aus, nahm ihm die Champagnerflasche aus der Hand und schenkte ihm nun

sein Glas voll. Er nahm diesen japanischen Gegengruss sehr freundlich auf

und leerte, sichtlich angenehm berührt, sein Glas. Diese Aufmerksamkeit

und Zuvorkommenheit des alten verdienten Marschalls freute mich sehr, denn

er wollte damit zweifellos seiner Verehrung für unsere Armee Ausdruck

geben.

Sowie der Kaiser und die Kaiserin sich von der Tafel erhoben, wurde

abermals die japanische Volkshymne gespielt. Alles erhob sich von den

Sitzen und die Majestäten zogen sich in ihre Gemächer zurück. Das Fest

hatte hiermit sein offizielles Ende erreicht. Beim Abschiede lud mich unser

Geschäftsträger freundlichst ein, während meines Aufenthaltes in Tokio

in einem Fremdenzimmer des Gesandtschaftshôtels abzusteigen, und sein

und seiner Frau Gast sein zu wollen. Ich wusste diese liebenswürdige

Einladung, die ebenso freundlich angeboten, als von mir dankbarst

angenommen wurde, hoch zu schätzen, da ich hierdurch die mir wirklich

schon überdrüssig gewordene Hôtelexistenz gegen ein charmantes

Familienleben umtauschen konnte.

_Am 14. April_ befand ich mich wieder in Yokohama. Ich benützte den

Nachmittag zu einem Besuche des dortigen United Club, der am Meeresstrande

gelegen und mit grossem Comfort eingerichtet ist. Nach einem prächtigen

Galadiner auf unserem Consulate verfügte sich die ganze geladene

Gesellschaft zu einem Ballfeste, welches von den jungen Herren in Yokohama

gegeben wurde. Die Tanzlocalitäten waren sehr geräumig und hatten einen

eleganten Anstrich. Die Mehrzahl der Ballgäste recrutirte sich aus der

hiesigen englischen Colonie. Die Damen erschienen meist in einfacher

Toilette und sahen gut aus, ohne gerade auffallend schön zu sein. Am Balle

nahm auch die Frau des japanischen Ministers des Aeussern, Vicomte A.,

eine geborene Deutsche, Theil, welche als einzige Ausnahme eine wirklich

schöne Balltoilette trug, und mit der ich eine längere Conversation

anknüpfte. Die Rundtänze wurden in einem Tempo ausgeführt, wie dies zur

Zeit unserer Grossmütter der Brauch gewesen sein mag, und die Françaisen

glichen mit ihren beständigen grossen Complimenten eigentlich mehr einem

Lancier. Vor dem Souper, welches, wie man mir nachträglich erzählte, von

den jungen Herren sehr hübsch arrangirt worden war, entfernte ich mich und

legte mich zur Ruhe.

_Am 15. April_ unternahm ich in Gesellschaft von unserem und dem

belgischen Consul eine Partie nach Komakura, welcher Ort mit der Bahn 50

Minuten von Yokohama entfernt ist. Dort machten wir in einer hübschen,

baumreichen Gegend einen Spaziergang zu dem Tempel von Hashiman, dem Gotte

des Krieges. Dieser Tempel wurde im 12. Jahrhundert errichtet und nach

einem Brande im Jahre 1828 neu erbaut. Derselbe hat schöne Altäre, rothe

Säulen und bemerkenswerthe Holzschnitzereien. Nahe von diesem Tempel, auf

einem Hügel, steht im Freien die kolossale Bronzestatue des Buddha, die

schönste Statue dieses Gottes, welche dessen leitende Ideen, nämlich die

Hochhaltung der Intelligenz und die Enthaltung von allen Leidenschaften,

am besten zum Ausdruck bringt. Die Höhe der Statue beträgt 16 ~m~, der

Umfang 32 ~m~, die Länge des Gesichtes 3 ~m~, die der Augen und der Nase

je 1 ~m~; die Augen sind aus purem Golde eingesetzt. Die Statue, welche

sich inmitten von hohen Bäumen erhebt, macht einen imposanten Eindruck.

In einem nahe gelegenen, europäisch eingerichteten Gasthause nahmen

wir das Tiffin ein, machten dann einen Spaziergang und gingen über eine

Brücke auf eine Insel, auf welcher eines bevorstehenden Tempelfestes

halber viele Buden installirt waren. Dort kaufte ich eine Photographie der

Buddhastatue und mehrere andere Kleinigkeiten.

Nachmittags um 5 Uhr sass ich wieder in meinem Zimmer in der

Consulatsvilla und fertigte eben Ansichtskarten aus, als es dort zu zittern

und der Boden zu schwanken begann. Dieses Zittern und Schwanken wurde immer

stärker und währte auffallend lange, so dass kein Zweifel mehr darüber

vorhanden war, dass ich eines der in jener Gegend ziemlich häufig

vorkommenden Erdbeben mitmachte, und zwar eines Erdbebens, welches sich,

nach der Aussage des Consuls, durch seine lange Dauer ganz besonders

hervorthat. Ich persönlich war nicht ungehalten darüber, auch einmal im

Leben bei einem Erdbeben zugegen gewesen zu sein.

_Am 16. April_ (Sonntag) Vormittags machte ich einen längeren Spaziergang

auf dem Bluff, wo sehr viele, darunter manche sehr schöne Villen im

europäischen Stile mit schönen Parks stehen, und von welchen man eine

sehr schöne Aussicht auf die Stadt und auf den Hafen hat. Die Stadt

Yokohama hat 150.000 Einwohner, ist die grösste Hafenstadt von Japan

und ihr Hafen ist eigentlich auch jener von Tokio. Eine grosse Zahl von

Handlungshäusern haben sich in Yokohama etablirt und ist somit diese Stadt

der bedeutendste Handelsplatz von Japan.

Reise über Indien und China nach Japan. Tagebuch mit Erfahrungen, um zu überseeischen Reisen und Unternehmungen anzuregen. · 第 10 / 19 段