grosser Liebenswürdigkeit. Er vertrat die Interessen der Lloydgesellschaft
mit grosser Selbstaufopferung und that sein Möglichstes, um die Fahrzeiten
richtig einzuhalten. Wenn es stark regnete und stürmte, kam er trotz
Kälte und Ungemach nicht, wie gewöhnlich, zu den Mahlzeiten in den
Speisesaal, sondern übernahm die Ueberwachung und zur Nachtzeit die
Führung des Dampfers auf der Commandobrücke.
Meine Hôtelrechnung betrug für 2½ Tage --
Zimmer, Verpflegung und Getränke 16 Yen = 19·-- fl.
Die Ueberführung der Fracht vom Schiff in's
Hôtel und von da zum Bahnhof sammt
allen Trinkgeldern 7 " = 8·40 "
Zwei Einladungen an verschiedene Herren 10 " = 12·-- "
Die Eisenbahnfahrt nach Kioto sammt Fracht 3½ " = 4·20 "
-----------------------------
Im Ganzen 36½ Yen = 43·60 fl.
In Indien, China und Japan ist der englische Gebrauch eingeführt, dass man
bei den Mahlzeiten die genommenen Getränke auf eigene Zettel zu schreiben
hat, dieselben werden dann, mit den Preisen versehen, der Hôtelrechnung
beigelegt und in diese eingerechnet, eine Gepflogenheit, welche für den
Reisenden die Annehmlichkeit hat, nicht nach den Mahlzeiten zahlen zu
müssen.
B. Aufenthalt in Kioto.
_Am 6. April_ kam ich Nachmittags in Kioto an und liess mir sofort mein
Gepäck in das »Kioto-Hôtel« bringen, wo mir zu meiner Ueberraschung
mitgetheilt wurde, dass kurz vor meiner Ankunft bereits der Secretär des
Gouverneurs im Hôtel vorgesprochen hatte, um mir seinen Besuch zu machen.
_Als am 7. April_, um 9 Uhr Morgens, der Secretär abermals bei mir
erschien, sprach ich ihm hierfür meinen verbindlichsten Dank mit dem
Beifügen aus, dass ich demnächst den freundlichen Besuch erwidern werde.
Derselbe wehrte indess meinen Besuch verlegen ab und trug sich unter Einem
an, mir die Sehenswürdigkeiten von Kioto zu zeigen. Sein Anzug bestand
aus einem japanischen seidenen Ober- und Unterrocke, Holzsandalen und einem
europäischen braunen Hute. An den beiden Vormittagen des 7. und 8. April
machten wir zusammen, jeder mit einem Rikscha fahrend, Rundfahrten in der
Stadt und besichtigten dabei neun verschiedene Tempel und Klöster, sowie
etliche Verkaufshallen.
Da die Tempel und Klöster sich mehr oder weniger ähnlich sind, so will
ich vorerst eine allgemeine Charakteristik derselben geben und daran die
besonderen Eigenthümlichkeiten des einen oder des anderen Tempels oder
Klosters anschliessen.
Alle Tempel nehmen grosse Räume ein, welche von Planken eingeschlossen
sind. Ein oder mehrere grosse Prachtthore aus Holz, mit kunstvoll japanisch
geformten Dächern, eröffnen den Eingang in den den Tempel umgebenden
Raum. Im Innern dieses abgeschlossenen Raumes erhebt sich der in sehr
grossen Dimensionen und mit Pracht erbaute Tempel oder das Kloster, daneben
befinden sich noch mehrere Wohnhäuser und Gartenanlagen mit viele hundert
Jahre alten Bäumen. Alle Gebäude, sowie der Tempel selbst sind aus Holz
aufgeführt. Stufengänge in der Breite der Tempelfront, oder auch den
Tempel ganz umgebend, führen hinauf in einen sehr grossen und sehr reich
ausgestatteten Saal, welcher in der Mitte durch ein geschnitztes Geländer
oder ein schönes Gitter abgetheilt ist. Hinter dieser Abtheilung steht
der Hauptaltar und meist auch Seitenaltäre, besonders der erstere im
prachtvollen Schmucke. Vor dem Hauptaltare brennt ein ewiges Licht, und in
der Mitte desselben befindet sich in einem versperrt gehaltenen, prächtig
ausgestatteten Schreine die Figur eines der vielen Heidengötter. Ein
solcher Schrein wird nur zu bestimmten Zeiten oder nach gewissen, oft
jahrelangen Fristen geöffnet.
Mauerwerk und Steine kommen bei den Tempeln und bei allen Gebäuden, welche
zu demselben gehören, nicht vor. Selbst die grossen, mächtigen Säulen am
Eingange oder im Innern des Tempels bestehen aus Holz.
Die Klöster, welche öfters den Tempeln angeschlossen sind, weisen viele
Säle auf, deren Böden mit schön gearbeiteten Rohr- oder Binsenmatten
belegt sind. Die Wände dieser Säle sind mit guten, hie und da
interessanten Malereien, welche dem Leben der Natur entnommen sind,
vollkommen bedeckt und zeigen manchmal im oberen Theile schöne
Holzschnitzereien, die Plafonds sind mit kunstvoller Holzarbeit oder auch
mit Malereien geschmückt; sonst stehen die Säle gänzlich leer. Die, die
Wände rings umgebenden Fenster und Thüren sind, wie in allen japanischen
Räumen, verschiebbar.
Beim Eintritte in die Tempel und Klöster müssen an der untersten Stufe
die Schuhe zurückgelassen werden, eine Bestimmung, welche den Japanern,
die nur Holzsandalen tragen, keine Unannehmlichkeit verursacht, welche aber
für den schuhetragenden Europäer recht zuwider ist. Mitunter kann diese
Vorschrift dadurch umgangen werden, dass man sich über die Schuhe grosse
Leinensocken binden lässt.
Das 300 Jahre alte Kloster Chion-in steht in der Mitte von zur Zeit
blühenden Kirschenbäumen und hat an den Wänden besonders künstlerisch
ausgeführte Bilder; ausserdem besitzt es einen freistehenden Glockenthurm.
Die in demselben hängende Glocke hat 3 ~m~ Höhe, gegen 3 ~m~
Durchmesser und 30 ~cm~ Dicke. Um die Glocke zum Erdröhnen zu bringen,
wird ein 25 ~cm~ dicker Baumstamm, welcher an Stricken befestigt ist, in
Schwingung gebracht und dann mit Wucht gegen die Glocke angestossen.
Neben dem Kyomizu-dera-Tempel steht eine Pagode, welche, vier übereinander
befindliche Hütten mit japanischen Dächern bildend, hoch emporragt. Der
Altar dieses Tempels wird nur alle 33 Jahre geöffnet. Von diesem, sowie
von dem erstgenannten Tempel aus geniesst man eine sehr schöne Aussicht
auf die tief liegende Stadt und auf die Umgebung.
In dem San yü san gen do-Tempel erblickt man tausend nebeneinander
gestellte Figuren ein und desselben Gottes, welche alle in Menschengrösse
aus Holz geschnitzt, reich mit Gold verziert und mit je 50 Armen und
Händen versehen sind, die bei jeder Figur eine andere Stellung haben.
Der Kodaji-Tempel besitzt in dem an ihn anstossenden Kloster sehr gute
Wandbilder und einen sorgfältig gepflegten Park.
Im Daibushu-Tempel ist eine Riesenbronzestatue von Buddha's Oberkörper
errichtet, und nebenan ein Glockenthurm erbaut. Die Höhe dieser Statue
beträgt 20 ~m~, die Länge des Gesichtes 10 ~m~, die Breite 7 ~m~
und die Länge der Nase 3 ~m~. Die Glocke hat 4½ ~m~ Höhe, 3 ~m~
Durchmesser und 30 ~cm~ Dicke, und wird, so wie oben beschrieben, zum
Erdröhnen gebracht.
Der Ost-Honganji-Tempel hat neben sich ein Kloster, dessen grösster Saal
40 ~m~ lang und 25 ~m~ breit ist. An seinen reich mit Gold verzierten
Wänden und auf dem schön geschnitzten Holzplafond sind Malereien
angebracht, in welchen die Chrysanthemform, welche sich im kaiserlich
japanischen Wappen befindet, hauptsächlich zur Geltung kommt.
Der West-Honganji-Tempel ist der grösste Tempel von ganz Japan, er misst
70 ~m~ in der Länge, 60 ~m~ in der Breite und 40 ~m~ in der Höhe, und
wurde nach dem im Jahre 1864 stattgefundenen Brande ganz neu aufgebaut.
Derselbe zeichnet sich durch selten schöne Bronzelaternen und
Holzschnitzereien aus.
In Japan brennen, des allgemeinen Holzbaues halber, die Tempel, ja oft
ganze Stadttheile häufig ab.
Die Jakashimarja- und Nishimura-Tempel sind im Innern sehr reich vergoldet
und besitzen mit schwarzem Lack und Gold prunkvoll verzierte Altäre.
Zu der Besichtigung der Tempel und zu meinen sonstigen Unternehmungen in
Kioto hatte ich auch den mir vom Dampfschiffe aus bekannten, sehr netten
Dr. F., der mit mir im selben Hôtel wohnte, eingeladen.
Am Abend besuchte ich mit dem Secretär und Dr. F. das dortige Theater.
Wir verfügten uns in eine Loge, für welche ich 1½ Yen = 1 fl.
80 kr. zu zahlen hatte. Das Theater war in den Logen und im Parterre
von Zuschauern angefüllt; überall, auch in den Logen, hatten sich ganze
Familien, selbst mit ihren kleinen Kindern, am Boden sitzend, häuslich
niedergelassen, und verzehrten, da die Vorstellung 12 Stunden dauert, hier
mit den landesüblichen zwei Holzstäben die in kleinen hölzernen Kistchen
mitgebrachten, meist aus gekochtem Reis, Wurzeln, Gemüsen und
Früchten bestehenden Speisen. Thee, Zuckerwerk und Früchte wurden von
Theaterdienern zum Verkaufe herumgetragen. Die Vorstellung im japanischen
Theater hat wohl Aehnlichkeit mit jener im chinesischen, wie ich selbe in
der Schilderung meines Aufenthaltes in Shanghai beschrieb, doch wird hier
viel bescheidener gespielt, kein so entsetzlicher Lärm gemacht, und es
kommen auch nicht so täppische militärische Aufzüge und Kämpfe zur
Darstellung. Die Scenerie ist weit schöner als in China und ist auch auf
Verwechslungen eingerichtet. Bei der Vorstellung, welcher wir anwohnten,
wurde mit Rücksicht auf die Zeit der Kirschenblüte, welche in ganz Japan
stets gefeiert wird, die Scene in einen reizenden Kirschenbaumblütengarten
verwandelt und erschienen Tänzerinnen in Kleidern von der Farbe dieser
Blüten und führten mimische Tänze auf. Die einen halben Meter langen und
breiten Theaterzettel bringen bildlich einzelne Scenen aus der Vorstellung
zur Anschauung.
_Am 7. April_ Nachmittags promenirte ich in der Stadt und kaufte in
verschiedenen Läden einzelne Gegenstände zu mässigen Preisen ein.
Die Stadt Kioto unterscheidet sich von Kobe dadurch, dass sie so wie
Osaka sehr schmale Strassen hat, ganz in einer Ebene liegt, und sehr weit
ausgedehnt ist. Bis zum Jahre 1590, in welchem Jahre die Residenzstadt nach
Yedo, heute Tokio genannt, verlegt wurde, war Kioto die Landeshauptstadt.
Der alte kaiserliche Palast in Kioto wurde nach einem Brande im Jahre
1854 ganz neu aufgebaut. Ich konnte denselben aber nicht besichtigen,
weil hierzu die nöthige Erlaubniss vom Hofstaate in Tokio hätte ertheilt
werden müssen und ich zur Einholung derselben keine Zeit mehr hatte.
Am Abend gingen wir in eine Vorstellung, welche nur zur Zeit der
Kirschenbaumblüte stattfindet. Da der Zuschauerraum beschränkt ist und
die Vorstellung nur eine Stunde währt, so werden die sich andrängenden
Leute nur partienweise eingelassen und zuerst in einen Saal geführt, in
welchem ihnen Thee und Gebäck servirt wird.
Der Schauplatz gleicht einem kleinen Theater, in welchem die Bühne und
zwei sehr ausgedehnte Parterrelogen mit Bäumen und Zweigen der blühenden
Kirschenbäume in Wirklichkeit und Bild reizend decorirt sind, und wo
man vorerst in den besprochenen Logen etwa 20 Mädchen in allegorischen
Kirschenblütenanzügen erblickt. Die Mädchen spielen auf verschiedenen
japanischen Instrumenten, unter welchen die Guitarre die Hauptrolle
einnimmt, heimatliche Weisen und singen abwechselnd dazu. Nach etwa einer
Viertelstunde öffneten sich die Deckel von der beiderseits längs des
Zuschauerraumes sich hinziehenden Bodenerhebung, und nun erschienen
unter Begleitung der Instrumental- und Vocalmusik, sehr langsam aus dem
Unterraume emporgehoben, nach und nach zu beiden Seiten etwa 18 Mädchen
in denselben oben beschriebenen Costumen, miteinander durch
Kirschenblütenguirlanden verbunden, und bewegten sich, mit diesen Zweigen
fächelnd und tanzend, gegen die Bühne. Auf der Bühne wurden dann bei
glänzender Beleuchtung und mit Musikbegleitung Tänze mit hübschen
Gruppirungen vorgeführt. Die ganze Vorstellung bot eines der reizendsten
Bilder, die ich je gesehen habe. Nach beendigtem Theater begaben wir uns
in ein Theehaus, wo wir ein Glas japanisches, ganz wohlschmeckendes Bier
tranken, und dann ging es heimwärts.
_Am 8. April_ machte ich nach dem Frühstück nochmals einen Rundgang
durch die Stadt und besorgte dabei einige Einkäufe.
Ich hatte den Secretär des Gouverneurs schon gestern zum Diner geladen
und wiederholte diese Einladung für heute. Da er beide Male unter
Vorschützung von dringenden Geschäften meine Einladung dankend ablehnte,
so erkannte ich daraus, dass er dies wohl aus Toiletterücksichten thun
wolle, weil in den hiesigen Hôtels, sowie in Indien die Gepflogenheit
herrscht, zum Mittagstische im Smokinganzuge zu erscheinen. Ich bat ihn
nun, bei mir das Tiffin nehmen zu wollen, weil für diese Mahlzeit keine
besonderen Bestimmungen für die Kleidung bestehen. Diese Einladung
nahm der Secretär mit Vergnügen an und er erschien dann in lichter,
europäischer Tracht, die ihn aber nicht gut kleidete.
Nachmittag fuhr ich mit dem Secretär und Dr. F. auf der Bahn ungefähr
eine halbe Stunde nach Mukömachi, von wo aus wir einen Spaziergang nach
Arashiyama machten. An diesem Orte nimmt ein enges Thal seinen Anfang,
welches von einem Flusse durchzogen wird, der im oberen Laufe von Felsen
eingeengt wird und dort auch schöne Katarakte bildet. Das Thal war eben
mit vielen blühenden Kirschenbäumen, welche bis hoch oben auf den Hügeln
standen, allerliebst geschmückt. Wir trafen dort an tausend Japaner an,
und so konnte ich mir ihr Volksleben mit Musse betrachten. Die Leute sassen
längs des Ufers theils unter den von Theehausbesitzern erbauten freien
Dächern auf dem mit Matten bedeckten Boden, theils ganz im Freien auf
hergerichteten niederen Platten familienweise beisammen, assen von den
in Schachteln mitgenommenen Speisen und tranken dazu Thee, welcher in den
Theehäusern sehr billig zu haben ist. Hie und da tranken Schüler höherer
Classen auch Saki. Die ganze Unterhaltung war absolut nicht lärmend,
und gab es keinen einzigen irgendwie angetrunkenen Japaner. Alles war
seelenvergnügt, scherzte und lachte, und freute sich stillvergnügt
des Daseins. Eine einzige lärmende, aber ganz kurz währende Kundgebung
erfolgte, als wir Europäer bei einem Theehause, in welchem sich japanische
Studenten befanden, vorübergingen. Die jungen Leute lachten wohl über
unsere, ihnen nicht bekannte europäische Kleidung.
Wir gingen in dem sehr schönen Gebirgsthale aufwärts, bestiegen ein Boot,
liessen uns weiter aufwärts, sonach an's andere Ufer führen, besichtigten
auch von dieser Seite das Felsenthal, tranken in einem Theehause, in
welchem Tische und Stühle vorhanden waren, ein Glas Japanerbier, liessen
uns dann auf dem Boot thalab an's andere Ufer bringen, gingen hierauf zur
Bahn und kehrten schliesslich sehr befriedigt von diesem Ausfluge heim.
_Am 9. April_ ging ich Vormittags mit den beiden mich hier gewöhnlich
begleitenden Herren in die gerade eröffnete Industrie-Ausstellung von
Kioto. Es waren daselbst ganz ähnliche Artikel zur Schau gestellt, wie in
dem ständigen Bazar von Kobe, nur waren die Preise hier höher gehalten.
Was die Kunstarbeiten anbelangt, namentlich Malerei auf Papier oder
auf Stoff, Bronze- und Cloisonet-Gegenstände, so überragte hierin
die Ausstellung den Bazar von Kobe. Besonders fiel mir ein in Sepia
ausgeführtes, ¾ ~m~ hohes und ¼ ~m~ breites Bild auf, welches in
frappanter Naturtreue einen Baum darstellte, in dessen oberen Aesten ein
Adler stand. Der Preis des Bildes, welches von einem der ersten Maler
in Kioto herrührte, war mit 80 Yen = 96 fl. angegeben. Der Besuch der
Ausstellung war zur Zeit, als wir dort waren, seitens der Bevölkerung
ein recht mässiger; vielleicht war die Vormittagsstunde die massgebende
Ursache hierfür.
_Am 10. April_ unternahm ich in der bekannten Gesellschaft um 9 Uhr
Morgens mit der Bahn eine Excursion nach Nara. Am Bahnhofe mussten wir
Europäer beim Nehmen der Fahrkarte unsere Pässe vorzeigen, weil den
Fremden nur, wenn sie im Besitze einer vom Consulate ausgestellten
Legitimation sind, der Eintritt in das Innere von Japan gestattet ist.
Die Eisenbahnen sind in Japan schmalspurig, und daher sind auch die Waggons
schmal, dafür aber sehr lang. Es gibt dort, wie bei uns, drei Fahrclassen,
doch genügt selbst die erste Classe nur sehr bescheidenen Ansprüchen. Die
Züge sind stets stark besetzt, und besonders die Waggons dritter Classe
ganz angefüllt, doch benützen viele Japaner auch die beiden anderen
Classen; Fremdländer fahren fast ausschliesslich nur in der ersten
Classe. Die Schnelligkeit der Züge ist eine mässige, dafür sind auch die
Fahrpreise niedrig gestellt, wenn auch bei Weitem nicht so billig wie
in Indien. An allen grösseren Stationen sind Tafeln angebracht mit den
Ortsnamen in japanischer und darunter in lateinischer Schrift. Auffallend
ist es, dass auch in Japan in allen grossen Stationen kolossale Plakate von
Firmen, auch mit Bildern in allen Farben aufgestellt sind. Es beweist dies
die Nachahmungssucht der Japaner, und es muss ihnen zugestanden werden,
dass sie in dieser Art der Reclame die Europäer sogar übertroffen haben.
So habe ich später bei der Dampfschiffahrtsstation Moji an der Lehne eines
bewaldeten Hügels den Namen einer Firma gelesen, welcher aus 2 ~m~ hohen,
auf Bäumen befestigten Buchstaben zusammengestellt war.
Während der Eisenbahnfahrt beobachtete ich die Bebauung des Bodens,
und erhielt hierüber nähere Aufklärung vom Secretär, und so will ich
nachfolgend die bei dieser, wie auch bei späteren Gelegenheiten gemachten
Erfahrungen über die Landwirthschaft in Japan kurz anführen.
Der Boden besteht hauptsächlich aus thoniger, etwas sandiger Erde und ist
im Allgemeinen sehr wasserreich. Bei dem das ganze Land durchziehenden,
theilweise sehr hohen und breiten Gebirgszuge ist der zum Anbau geeignete
Boden verhältnissmässig beschränkt. Die vielen das Land durchziehenden
Flüsse sind sämmtlich regulirt und mit starken, hohen Dämmen
eingesäumt, eine Massregel zum Schutze des umliegenden Landes, welche
durch die ausserordentlich heftigen Regengüsse, die in den Monaten
Juni und Juli unaufhörlich niedergehen, sowie durch den torrentartigen
Charakter der Flüsse geboten ist. Da die Japaner bei der Verwerthung von
Grund und Boden viel Wasser benöthigen, so haben sie dort, wo sich keine
Flüsse in der Nähe befinden, grosse, künstliche Teiche angelegt.
Die Ausnützung des Bodens erfolgt vorzüglich durch Anbau von Reis,
dann von Getreide, hauptsächlich Weizen und Gerste, von Theestauden,
Maulbeerbäumen für die Seidenzucht, von Gemüsen, Obst und Bambusrohr.
Wiesen kommen beinahe gar nicht vor. Die Wälder in dem ausgedehnten
Berglande liefern das in Japan sehr viel verwendete Holz.
Der Reisbau wird im grossen Massstabe betrieben und schafft das
Hauptnahrungsmittel der Japaner; hierzu sind überall die Reisfelder mit
grosser Sorgfalt angelegt, damit sie die zum Wachsthume und zum Gedeihen
der Reispflanze nöthige Wasserfläche über denselben halten können.
Ja selbst die Getreidefelder sind so eingerichtet, dass sie leicht zu
Reisfeldern umgestaltet werden können, weil, der japanischen Fruchtfolge
entsprechend, nach der Getreideernte das bezügliche Feld für den
Reisanbau und nach der Reisfechsung wieder als Getreidefeld u. s. w.
verwendet wird. Die Felder für das Getreide werden eigenartig bearbeitet
und bebaut. Die Furchen sind vollkommen gerade und gleichlaufend, circa
30 ~cm~ tief, und unten 15, oben 20 ~cm~ breit, die dazwischen liegenden
Feldstreifen sind oben 20, unten 30 ~cm~ breit; und werden in der oberen
Fläche in zwei geraden, parallelen Linien dicht mit der betreffenden
Getreidegattung bebaut. Die Wände von der oberen Fläche der Feldstreifen
bis zur Sohle der Furchen sind wie bei einem Damme bearbeitet. Man ersieht
daraus, dass die ganze Feldarbeit nicht mit dem Pfluge, sondern mit breiten
Schaufeln und breiten Hauen, wie selbe bei uns die Teichgräber benützen,
ausgeführt wird. Es ist demnach die ganze Feldarbeit eher als eine
Gartenarbeit zu bezeichnen. Die angeführte Form der Felder ist in Hinsicht
auf den sehr nassen Grund und auf die Regenzeit im Juni und Juli geboten.
Bei der Beurtheilung der dortigen Landwirthschaft muss man sich
gegenwärtig halten, dass der Haupttheil von Japan zwischen dem 30. und
40. Grad nördlicher Breite, also in den Breitegraden von Nordafrika bis
Griechenland liegt, und dass sich nur die von einem grossen Gebirgsstocke
erfüllte Insel Yezo zwischen dem 40. und 45. Grade nördlicher Breite,
also in der gleichen geographischen Lage wie Italien befindet, und dass
also die Sommermonate im Haupttheile von Japan, mit Ausnahme der Regenzeit
im Juni und Juli, sehr heiss und austrocknend sind.
Der Anbau der Theepflanze erfolgt reihenweise auf trockenen Lagen,
besonders dort, wo der Boden vornehmlich aus einer Mengung von Thon und
Mergel besteht und reich an Eisen ist. Die entwickelten Sträucher sind
etwa einen halben Meter hoch und ebenso breit. Häufig sieht man über
solche Theeanlagen weite Netze von dünnen Bambusstangen ausgebreitet,
welche dazu dienen sollen, die Theepflanzen im Falle von Frösten, wie
solche im Winter häufig vorkommen, etwas zu schützen.
Das Bambusrohr wird ebenfalls an trockenen Stellen waldartig und ziemlich
dicht gezogen, und werden solche Bambuswäldchen ringsum von starken
Laubholzbäumen umgeben zum Schutze gegen die Zerstörung durch Orkane,
welche in Japan nicht zu den Seltenheiten zählen. Der Bambus wächst sehr
rasch; zehn Jahre nach dem Anbau ist er schon 6 ~m~ hoch, und der Stamm
hat am Boden eine Dicke von ungefähr 3 ~cm~. In Borneo sollen aber
derartige Resultate schon nach zwei bis drei Jahren erzielt werden.
Die Ortschaften liegen, wie bei uns, zerstreut im Lande, bestehen
ausschliesslich aus von Holz erbauten und mit Stroh, einzelne auch mit
rinnenartigen Dachziegeln gedeckten Häusern, und es umgeben diese Häuser
zahlreiche Kirschenbäume, welche, zur Zeit meiner Anwesenheit in Japan,
in vollster Blüte standen. Es gibt hier zwei wesentlich von einander
unterschiedene Kirschenbäume. Die einen derselben sind in Blüte und
Frucht den unseren ähnlich, die anderen tragen aber so reiche und
schöne Blüten, dass der ganze Baum wie von einem Rosenmeere umschlossen
erscheint; dafür tragen diese Bäume keine Früchte.
Von Vieh- und Geflügelzucht ist in allen jenen Theilen Japans, die ich
durchreiste, gar nichts zu sehen, eine merkwürdige Erscheinung, die sich
dadurch erklärt, dass die Japaner beinahe nur Fleisch von Fischen essen,
auch keine Milch trinken, und dass zum Feldbau keine Thiere benöthigt
werden. Nur auf der Insel Yezo soll, wie man mir sagte, Viehzucht betrieben
werden. In den Städten verwendet man sporadisch Stiere, welche eine grosse
und starke Race zeigen, zum Ziehen von schweren Lasten, und versieht deren
Hufe mit Strohschuhen, welche lange Zeit vorhalten sollen.
Die inländischen Pferde, welche eigentlich nur bei der Cavallerie in
Verwendung stehen, sind von einer kleinen, elenden Race. Hierüber
werde ich noch eingehend, bei meinen Beobachtungen und Studien über das
japanische Militär, zu schreiben Gelegenheit haben.
Die Strassen und Wege auf dem Lande befinden sich in einem sehr guten
Zustande und werden vorzüglich erhalten, was indess wohl hauptsächlich
auf den Umstand zurückzuführen ist, dass dieselben nicht von mit Thieren
bespannten Wagen befahren werden. Sowohl auf dem Lande als auch fast
ausnahmslos in der Stadt werden die grössten Lasten von Menschen auf
zweiräderigen Karren fortgeschafft.
Nach zweistündiger Eisenbahnfahrt waren wir glücklich in Nara
eingetroffen. Nara war durch etwa hundert Jahre -- im 7. Jahrhundert
n. Chr. -- die Hauptstadt des Landes gewesen, jetzt verdankt es seine
Berühmtheit einem auf dem Berge stehenden, bei den Japanern sehr
hoch gehaltenen Tempel, welcher von einem sehr ausgedehnten Wildparke
eingeschlossen ist, in dem sich von den Einheimischen für heilig
angesehene Hirsche befinden. Dorthin begaben wir uns zuerst; unser Weg
führte uns an uralten Bäumen vorüber, die oft einen Umfang von 12 ~m~
und eine immense Höhe haben, wenn sie nicht, wie dies bei manchen solchen
Bäumen der Fall ist, altershalber im oberen Theile abgestorben und
abgebrochen sind. Der Weg war von steinernen, ungefähr 2 ~m~ hohen
Säulen, die ein Häuschen mit japanisch geformtem Steindache tragen, und
welche in gewissen Distanzen von einander entfernt standen, beiderseits
umgeben. Diese Häuschen sind bestimmt, Lichter aufzunehmen, welche an
gewissen Festtagen angezündet werden.
[Illustration]