Meiner Abhandlung über Shanghai will ich nun noch Einiges über die

dortigen militärischen Verhältnisse beifügen. Im geraden Gegensatze

zu Hongkong, wo man auf Schritt und Tritt Soldaten und militärische

Einrichtungen sieht, sind in Shanghai gar keine militärischen Vorkehrungen

getroffen und existirt überhaupt hier kein actives Militär. Bei

dem Umstande indess, dass diese völlige Entblössung von jedweder

militärischen Macht den europäischen Einwohnern denn doch etwas

unheimlich und gefährlich schien, bildete sich eine militärische

Freiwilligen-Abtheilung, welche aus Commis oder sonst dort in Kondition

stehenden Europäern gebildet ist. Diese Leute sind mit Gewehren

ausgerüstet und scheinen auch eine Art von Uniform zu besitzen. Ich

habe diese Abtheilung an zwei Abenden auf einem freien Platz inmitten des

englischen Settlements exercieren gesehen. Der Wille scheint gut zu sein,

die Ausführung ist aber recht mangelhaft. Hoffentlich genügt diese

Freiwilligenschaar, um Ruhe und Ordnung im Innern der Stadt aufrecht zu

erhalten und das europäische Shanghai auch vor einem etwaigen chinesischen

Ueberfalle zu sichern, eine Annahme, welche im Hinblick auf die elenden

militärischen Verhältnisse bei den Chinesen doch einige Berechtigung in

sich schliesst.

_Am 31. März_ (Charfreitag) fuhren wir direct auf die Meerenge zwischen

Nippon und der Insel Kiuschin zu, welche in einen Binnensee führt, an

dessen Ufer Kobe liegt. Auf unserer Fahrt befinden wir uns etwa 500 ~km~

südlich von Kiautschau, welches von den Deutschen besetzt ist. Kiautschau

befindet sich am südlichen Ufer der Provinz und Halbinsel Schantung,

zwischen der Mündung des alten und des neuen Laufes des aus dem Centrum

von China kommenden Flusses Hwangho und etwa 300 ~km~ östlich von dem

1300 ~km~ langen Kaisercanale, welcher von Peking nach Süden bis zur

Hangtschau-Bai geführt ist.

Die Lage von Kiautschau ist demnach für den Handel sehr günstig, nur

erscheint es geboten zu sein, behufs einer Verbindung mit den genannten

Wasserstrassen noch gute Communicationen zu erbauen. Aber auch in

politischer und militärischer Hinsicht kann die Wahl von Kiautschau als

deutscher Ansiedlungsort als eine sehr glückliche bezeichnet werden,

weil dieses Gebiet nur etwa 400 ~km~ südlich der Wasserstrasse von Tsill

liegt, die ungefähr in einer Breite von 40 ~km~ den Wasserweg zum Golfe

von Tsill, das ist zur Zufahrt nach Peking, eröffnet. Ausserdem

dürfte der bergige Charakter der Gegend vortheilhafte Verhältnisse zur

Verteidigung bieten und den sanitären Bedingungen zu Gute kommen.

_Am 1. April_, bei der Annäherung an Japan, wurde das Wetter endlich

wieder besser. Gestern hatte ich den kältesten Tag der ganzen Reise

erlebt, das Thermometer hatte sich nicht über 5° R. erhoben und die

Witterung war die denkbar schlechteste. Der Wechsel der Temperatur, den ich

auf der Reise durchgemacht habe, ist in der That sehr empfindlich

gewesen. Auf der Fahrt zwischen Candia und Cypern gegen Port Said und bis

18. Februar in Bombay, dann weiter bis nach Hongkong war es fortwährend

sehr heiss oder mindestens recht warm gewesen, aber vom 24. März an wurde

es empfindlich kalt, so dass selbst die wärmsten Kleider nicht vor dem

Frieren schützen konnten.

Zu Mittag passirten wir die Meerenge zum erwähnten Binnensee, und

sahen die sehr starken Vertheidigungsmassregeln, welche Japan gegen eine

feindliche Flotte, welche hier einfahren wollte, getroffen hat. Diese

Vorkehrungen sind speciell gegen China gerichtet. An den Ufern und auf

den Höhen von Shimonoseki und Moji sind viele Schanzen aufgeworfen und

reichlich mit sehr guten Geschützen ausgerüstet. Der Name der Stadt

Shimonoseki ist in der Welt durch den Friedensschluss bekannt geworden,

welcher den letzten Krieg zwischen China und Japan beendete. Eine

unzählige Menge von Fischerbooten werden nun sichtbar, und die vielen

Dampf- und Segelschiffe, welche im Hafen von Moji vor Anker liegen, geben

Zeugniss von dem lebhaften Handel, der hier betrieben wird. Dabei liefern

aber zwei, nur mit den Schloten über den Wasserspiegel vorragende

japanische Dampfschiffe gleichzeitig den Nachweis, dass in Japan nicht

überall volle Solidität herrscht.

Die Fahrt in den Binnensee gewährt manche schöne Ausblicke auf die

angrenzenden Ufer von Japan, ist aber nicht ganz ungefährlich, und das

Dampfschiff muss daher von einem Lotsen geleitet werden. Der zur ^Marie

Valerie^ herangekommene Lotse ist ein Norddeutscher, welcher schon seit 25

Jahren diesen Dienst versieht, und der sich hierbei ein hübsches Vermögen

erspart hat, wie ich mich des anderen Tages durch Besichtigung seiner ihm

gehörigen Villa überzeugen konnte.

Aufenthalt in Japan.

A. Aufenthalt in Kobe und Ausflug nach Osaka.

_Am 2. April_ (Ostersonntag) kamen wir in den Hafen von Kobe an, und somit

war das Ziel meiner Dampfschiffahrt nach mehr als zweimonatlicher Reise

erreicht.

Im Hafen von Kobe, einem bedeutenden Handelspunkte von Japan, erblickten

wir mehr denn 20 Dampfschiffe und viele grosse Segelschiffe, sowie das

mittelgrosse, deutsche Kriegsschiff ^Kaiser^, welches am nächsten Tage

nach Kiautschau abdampfte.

Die Stadt Kobe liegt weit ausgebreitet, theils am Ufer des Binnensees,

theils an der Lehne eines steil aufsteigenden Höhenrückens, und macht

durch die matt gehaltene Farbe der Häuser, sowie durch die stellenweise

kahlen Abhänge der Berge keinen lebhaften Eindruck.

Die Japaner sind von kleiner Statur, haben grosse Köpfe and magere Beine,

und tragen keinen Zopf; ihre beinahe ausnahmslos ganz schwarzen Haare

sind, man könnte sagen borstenartig zugeschoren. Ausser dem langen,

kaftanartigen Ueberrocke tragen sie einen kurzen Leibrock und knapp

anliegende, dunkle Pantalons. Die Füsse sind mit Strohsohlen bekleidet,

welche durch Strohschnüre zwischen der ersten und zweiten Zehe

festgehalten werden; an Stelle der Stroh- werden auch Holzsandalen

getragen. Der Kopf bleibt unbedeckt. Die japanischen Frauen und Mädchen

sind durchaus in lange, dunkle Kleider in der Art von Schlafröcken

gehüllt, und haben in der Mitte des Rückens ein Kissenstück, man könnte

wirklich sagen ein Kopfkissen, welches mit lichtem, buntem Seidenzeuge

aufgeputzt ist. Die rabenschwarzen Haare sind künstlich hoch gewellt

und meist mit Korallen geschmückt. An den Füssen tragen die Frauen

gleichfalls mit Strohmatten belegte Holzsandalen, die sie so befestigen,

wie es oben gesagt wurde. An der Unterseite der Holzsandalen sind häufig

zwei Querhölzer angebracht. Das Gehen mit solchen Holzsandalen macht einen

klappernden Lärm, und muss, nach der ungeschickten Weise der Fortbewegung

zu urtheilen, gar nicht leicht sein. Auch die Frauen tragen keine

Kopfbedeckung. Die Mütter tragen ihre Kinder auf dem Rücken, und

schmücken dieselben mit lichten, bunten Stoffen. Sonn- und Regenschirme

werden aus Rohr und ölgetränktem Papier erzeugt.

[Illustration]

Gleich beim Betreten des Landes macht sich Ordnungs- und Reinlichkeitssinn

bemerkbar. So sind die Jinrikshas gleichartig und zweckmässig adjustirt,

die Strassen, Häuser, Höfe und Kaufläden sind durchwegs rein gehalten,

und selbst die kleinen, auf der Strasse spielenden Kinder machen einen

netten und sauberen Eindruck.

Die Häuser sind zum grössten Theile aus Holz erbaut, statt Glasscheiben

haben die Fenster gewöhnlich ölgetränkte Papiere, und überall

sind Fenster und Thüren für das Oeffnen und Schliessen zum Schieben

eingerichtet. Im Innern der Wohnungen vertreten Matten die Stelle der

Thüren; auch die Fussböden sind nur Matten bedeckt. Diese Matten sind

zierlich geflochten, und werden äusserst reinlich gehalten. Dieselben

dienen den Hausbewohnern zum Sitzen, wobei ein Kissen unterlegt wird, und

zum Liegen. Zur Erhaltung ihrer mühsam fertig zu stellenden Frisur, deren

tägliche Erneuerung möglichst vermieden werden soll, schieben sich die

japanischen Frauen beim Liegen und Schlafen einen kleinen, etwa 10 ~cm~

hohen und mit mehrfach gerollten Linnen bedeckten Holzblock unter den

Nacken oder den Hals, eine Liegeart, welche für uns Europäer wohl ganz

unbegreiflich ist.

Die wenigen, aus Ziegeln erbauten Häuser, so z. B. die ersten Hôtels,

sind sehr leicht aufgeführt, haben nur ziegelbreit dicke Mauern und

einfache Fenster mit Jalousien, eine Bauart, welche zur kalten Jahreszeit,

wo die Temperatur monatelang nahe an dem Gefrierpunkte steht, wohl wenig

schützend ist. Hierzu kommt noch, dass selbst in den vornehmsten Häusern

keine Oefen, sondern nur hie und da offene Kamine angebracht sind. Um sich

die Hände zu wärmen und auch zum Anzünden der kleinen Tabakpfeifen, aus

welchen Herren und Damen dort gerne rauchen, werden Töpfe mit glühenden

Holzkohlen auf den Boden gestellt.

Die Hôtels sind mit europäischen Möbeln und sehr breiten Betten

versehen.

Jedenfalls ist bei einer solchen Bauart die Feuersgefahr eine sehr grosse,

und so ist z. B. vor wenigen Tagen das zweitgrösste Hôtel in Kioto

(Hôtel Yarmi) ganz niedergebrannt.

Nachmittags suchte ich mit dem Schiffscapitän den Lotsen auf, von dem

ich früher gesprochen habe. Derselbe hat sich an der Lehne des gegen Kobe

abfallenden Berges eine reizende Villa erbaut, welche seine Frau, eine

Ungarin aus dem Banat, in musterhafter Ordnung erhält. Seine fünf Kinder,

die sehr gut erzogen sind, sprechen Deutsch, Englisch und etwas Japanisch,

und haben sehr nette musikalische Anlagen. Von dort fuhren wir mit

Rikschas zu einem sehenswerthen Wasserfall und besahen uns dann einige

Einkaufsbuden.

_Am 3. April_ zahlte ich vorerst auf dem Dampfschiffe ^Marie Valerie^

für die Zeit von Bombay, den 1. März, bis Kobe, den 2. April, also für

32½ Tage, an Getränken 24 Goldgulden, für das Tiffin in Singapore 10

Goldgulden und an Trinkgeld, sowie für Wäsche 17 Goldgulden, zusammen 51

Goldgulden oder 61 fl. ö. W.; sodann fuhr ich etwas in der Stadt herum.

Am Abend begab ich mich nochmals mit einem Mitreisenden, dem Dr. F., in

die Stadt, um Unterhaltungsorte zu besuchen. Als wir zum Theater kamen,

begehrte der Cassier, der uns natürlich gleich als Fremde erkannte,

das Fünffache des gewöhnlichen Eintrittspreises, worauf wir auf dieses

Vergnügen verzichteten; dann wollten wir in ein Haus gehen, wo sich

japanische Tänzerinnen producirten; hier verlangte die amtirende Frau von

uns als Entrée 16 Dollars, was gleichfalls unsere Verzichtleistung auf die

Vorstellung zur Folge hatte. Nach diesen Misserfolgen verfügten wir uns in

ein Theehaus, wo die Unterhaltung eine recht mässige war.

Was die Forderungen der Japaner an Fremde betrifft, so sind dieselben im

Allgemeinen ganz unverschämt hoch, und liegt stets die Tendenz vor, den

Ausländer über's Ohr zu hauen. Diese Wahrnehmung machte ich nicht nur bei

Einkäufen, sondern auch zu verschiedenen Malen in meinem Hôtel in Kobe.

So hatte ein Kellner, welcher mir Briefmarken brachte, gleich versucht,

mir bei der Geldumwechslung um 50 kr. weniger zurückzugeben. Selbst der

Hôtelier übervortheilte mich. Ich nahm ein Zimmer mit Pension, welches

laut Uebereinkommen 6 Yen = 7 fl. 20 kr. kostete, als es aber zur

Zahlung kam, liess er vorher in meinem Zimmer einen Zettel ankleben, auf

welchem der Preis mit 7 Yen bezeichnet war, und nach diesem Ansatze musste

ich auch die Pension bezahlen.

Die Rikschas sind dem Tarife nach sehr billig, sie haben per Stunde nur den

Anspruch auf 15 Sens = 18 kr.; wenn man ihnen aber auch mehr gibt, so sind

sie doch nicht damit zufrieden.

In Japan ist die Geldeinheit der Yen im Werthe von circa 1 fl. 20 kr.

ö. W. und der hundertste Theil heisst Sens. Dieses Geld hat aber einen

höheren Werth als der Dollar in China, weil in Japan kürzlich die

Goldwährung eingeführt wurde.

Bei dem Umwechseln, sowie beim Beheben des Geldes verliert der Reisende

in diesen Ländern immer. In Hongkong hatte ich 400 Dollars zum Preise

von 1 fl. 20 kr. bei der Chartered Bank, an welche ich von unserer

Creditanstalt angewiesen war, behoben. Schon in Shanghai, welches seine

eigene Bank besitzt, verlor ich beim nöthigen Geldwechseln 5 Procent

und hier in Japan wieder ebensoviel -- ein Verlust, welcher bei meinem

Geldbetrag von 320 Dollars beiläufig 16 Dollars oder 19 fl. ausmachte.

_Am 4. April_ war Regenwetter eingetreten und die Temperatur schwankte

zwischen 6 und 9° R. Ich besorgte Vormittags die Ausfertigung von

Ansichtskarten und arbeitete an der Fortsetzung meines Tagebuches, was

übrigens recht peinlich war, da es in meinem Zimmer, das nicht geheizt

werden konnte, nur 8° R. hatte.

Es trat nun an mich die Frage heran, ob ich mir, wie Murray's Reisehandbuch

es dringend anrathet, einen Diener, der täglich 2 Yen oder 2 fl.

40 kr. kostet, oder auch einen Führer, welcher per Tag 2½ Yen = 3 fl.

verlangt, nehmen soll oder nicht. Da ich aber wahrgenommen hatte, dass

Murray's Ortsbeschreibungen zur Orientirung vollauf genügen, und dass

die Rikschas ein wenig Englisch sprechen und auch bei den Einkäufen als

Dolmetsche dienen können, so nahm ich von der Aufnahme eines Dieners

oder Führers völlig Abstand. Ich möchte dies allen nach Japan Reisenden

empfehlen, die der englischen Sprache etwas mächtig sind. Mir kam

es allerdings auch sehr zu statten, dass ich von Zeit zu Zeit mit dem

Lloydcapitän oder mit Schiffsbekanntschaften gemeinsame Ausgänge machen

konnte.

Vor dem Tiffin liess ich mich durch einen ein wenig Englisch sprechenden

Rikscha in den Bazar von Kobe, ein im Viereck erbautes Gebäude mit grossem

Hof, Garten und Theehaus an der Peripherie der Stadt, führen. In

diesem Gebäude befinden sich ringsum in vier Reihen die verschiedenen

Verkaufsartikel der japanischen Kaufleute nebeneinander aufgestellt.

Diese Artikel sind sehr mannigfaltig, haben feste und billige Preise

und gestatten einen guten Ueberblick über die Betriebsamkeit und

Kunstfertigkeit der Japaner.

Nachmittags fuhr ich ungeachtet des Regens in die Stadt in Begleitung

unseres Capitäns, der japanische Pflanzen einkaufen wollte. Der erste

Gärtner, zu dem wir kamen, machte enorme Preise, während ein zweiter,

den wir dann aufsuchten, Namens Tomigama, sehr schöne und billige

Tropenpflanzen besass. Dann besichtigten wir die Porzellanhandlung

Nishida in der Molomachistrasse und fanden dort sehr schöne, grosse und

preiswürdige Vasen, in einer anderen Porzellanhandlung gab es kunstvoll

ausgeführte Kaffee- und Theeservice (bei Fujii), im Kaufladen von Ohashi

wurden grosse, aber nicht besonders gute Teppiche, sowie Waffen und

Ofenschirme feilgeboten, und endlich in einer Verkaufshalle von Lackwaaren

(Shidzuoka Shikki) war eine grössere Quantität von Holztassen, Ständern,

Schachteln und dergleichen mehr ausgestellt. Alle diese Gegenstände waren

recht hübsch verfertigt und zu verhältnissmässig billigen Preisen zu

haben. Ich machte mir hierüber nur Vormerkungen und verschob die Einkäufe

auf die Zeit meiner Rückkehr nach Kobe.

Da mir unser Schiffscapitän mittheilte, dass er beabsichtige, den

nächsten Tag nach der sehr bedeutenden Industriestadt Osaka zu fahren,

so entschloss ich mich sofort, ihn dahin zu begleiten, um bei dieser

Gelegenheit den dortigen Truppen-Divisions-Commandanten aufzusuchen,

an welchen mir der japanische Militär-Attaché in Wien ein

Empfehlungsschreiben mitgegeben hatte, damit ich die dortigen

militärischen Einrichtungen zu sehen bekomme.

Nach dem Tiffin liess ich mich bei dem Photographen Schida in der

Motomachistrasse im Tropencostume aufnehmen und übergab ihm auch eine

Wiener Photographie zum Malen. Für ein Dutzend Cabinet-Photographien

beanspruchte derselbe den Preis von 5 Yen = 6 fl., also

unverhältnissmässig weniger, als ich dafür in Bombay hätte bezahlen

müssen.

_Am 5. April_ unternahm ich mit dem Capitän den besprochenen Ausflug

nach der von Kobe eine Stunde entfernten Stadt Osaka. Die Begleitung des

Capitäns war mir in mehrfacher Hinsicht sehr erwünscht, da eine solche

Reise in einem sprachfremden Lande für eine einzelne Person doch etwas

beschwerlich ist, da der Capitän die englische Sprache geläufiger

sprach als ich, und da es mir angezeigt erschien, den Besuch bei einem

hochstehenden japanischen Officiere nicht allein zu machen.

Schon bei der Einfahrt von Osaka ist es an den vielen hundert rauchenden

Essen ersichtlich, dass diese Stadt ein Hauptstapelplatz für die

japanische Industrie ist; noch mehr tritt dies zu Tage in dem grossen

Getriebe, welches in den engen Gassen herrscht, sowie an den allenthalben

vorhandenen Telegraphen- und Telephonleitungen, wozu in manchen Strassen

an mächtigen Stangen wohl 80 Drähte angebracht sind. Der Umstand, dass

in den dortigen Verkaufshallen nur mittelmässige oder geringe Waaren

ausgeboten werden, und dass von diesem Orte nach fünf Richtungen

Bahnstränge ausgehen, weist darauf hin, dass von Osaka aus hauptsächlich

die Ausfuhr betrieben wird.

Ich fuhr mit dem Capitän in je einem Rikschawagen, dessen Führer etwas

Englisch sprachen, vom Bahnhofe direct in das dortige berühmte alte

Castell, in welchem der Generallieutenant O. wohnt. Am Hauptthore des

höher als die Stadt gelegenen, mit breiten Wassergräben und mächtigen

Steinmauern umgebenen Castells stand ein japanischer Wachposten. Ich

entsandte nun meinen Rikscha zu diesem Posten, um in Erfahrung zu bringen,

in welchem Theile des Castells die Wohnung des Generallieutenants gelegen

sei. Der Rikscha machte vorerst dem Posten eine bis gegen die Erde

reichende Verbeugung und bat denselben dann um die betreffende Auskunft.

Hierauf entspann sich zwischen dem Rikscha und dem Posten ein langwieriges

Zwiegespräch, dessen Ende darin bestand, dass der Soldat den Rikscha

an den Postencommandanten verwies. Vor diesem, in einer kleinen, offenen

Hütte zwischen vier Soldaten stehenden Unterofficiere machte der Rikscha

zwei ebenfalls bis zum Boden reichende Complimente und brachte dann

seine Bitte vor. Wieder entstand eine längere Unterhandlung, bis der

Unterofficier mein Empfehlungsschreiben zu sehen wünschte, dessen Adresse

in lateinischen und japanischen Buchstaben abgefasst war. Der Unterofficier

betrachtete lange die Adresse, kam aber zu keinem Entschlusse. Da verfügte

ich, ganz einfach in das Castell einzutreten, was die Wache auch ruhig

geschehen liess. Nach einigen Schritten kamen wir zu einem überaus

mächtigen, aus riesengrossen Steinen erbauten zweiten Festungsthore,

dessen Flügel mit kolossalen Eisenplatten versehen waren. Hier war

abermals eine Wache aufgestellt, es erfolgten dieselben erfolglosen

Debatten zwischen meinem Rikscha, dem Posten und dem Wachcommandanten,

und wieder setzten wir schliesslich unseren Weg in das innere Castell

unbehindert fort. Nun gelangten wir zu einem ausgedehnten Gebäude, traten

in dasselbe ein und gingen in dem Corridor so lange vorwärts, bis wir zu

einer offenen Thür kamen, hinter welcher ein Soldat stand. Diesem übergab

ich meinen Brief, mit welchem er auch abging. Eine Weile darauf kam

ein anderer Soldat, der den Capitän und mich in ein Zimmer nahe dem

Hauseingange geleitete und uns durch pantomimische Zeichen bedeutete, hier

das Weitere abzuwarten.

Es verging nun eine geraume Weile, und ich stand eben im Begriffe,

unverrichteter Dinge fortzugehen, als ein in Civil gekleideter Diener sich

uns näherte und durch Zeichensprache zu verstehen gab, ihm zu folgen. Wir

durchschritten nun einen langen, düsteren Gang, an dessen Ende ich einen

japanischen Officier auf mich zukommen sah. Als wir uns begegneten, sprach

er mich zuerst japanisch an, und stellte sich hierauf in englischer Sprache

als Generalstabsmajor N. vor. Ich antwortete deutsch, nannte meinen Namen

und meine Charge, und sprach den Wunsch aus, dem Generallieutenant meinen

Besuch abzustatten. Da der Officier der deutschen Sprache nicht mächtig

war, wurde die Conversation englisch weitergeführt. Auf seine Einladung

hin, verfügten wir uns in ein anstossendes Gemach, wo wir uns, nachdem

ich ihm den Capitän vorgestellt hatte, niederliessen. Im Laufe eines

sich langsam hinziehenden Gespräches wurde uns eine Schale Thee, eine in

Stanniol eingewickelte Cigarre und zuletzt eine grössere Schale mit einer

unbestimmbaren süsslichen Flüssigkeit angeboten. Da aber der japanische

Major nur mich reden liess und selbst beinahe kein Wort sprach, hielt ich

es für angezeigt, mich zu verabschieden. Nun trug mir endlich der Major

an, mich in der Festung herumzuführen, ein Antrag, den ich gerne

annahm. Das seit 400 Jahren bestehende Castell ist mit guten, neuartigen

Geschützen ausgerüstet und besitzt eine sehr ergiebige und ingeniös

angelegte Wasserleitung. In dem Castell stehen mehrere Wohnhäuser für

höhere Officiere, und es wird dort soeben ein grosses Gebäude für einen

der drei japanischen Truppeninspectoren aufgeführt. Das Castell überragt

die ganze umliegende weite Ebene, sowie die Stadt und gewährt einen sehr

hübschen Rundblick. Im Uebrigen hat dasselbe eine geringe Ausdehnung

und eine sehr untergeordnete militärische Bedeutung. Erst beim Abschiede

theilte mir der Generalstabsofficier mit, dass der Generallieutenant nicht

anwesend sei, worauf ich ihm meine Visitkarte mit dem Ersuchen übergab,

dieselbe seinem Chef einzuhändigen. So endete diese ganze, durch das

etwas unbeholfene Benehmen der japanischen Soldaten wirklich drollige

Unternehmung.

Nach dem Tiffin, welches wir in dem dortigen, im europäischen Stile

eingerichteten Hôtel »Jiyutai« einnahmen (das Couvert ohne Getränke

zu 1 Yen = 1 fl. 20 kr.), spazierten wir noch in der Stadt herum, sahen

mehrere Verkaufsstellen an und kehrten dann nach Kobe zurück.

Dort machte mir der bereits erwähnte Dr. F. den Vorschlag, in

Gesellschaft eines seit 20 Jahren in Kobe ansässigen Deutschen ein

japanisches Tanzhaus anzusehen. Ich ging gerne hierauf ein, und auch

der Capitän und einige Lloydschiffs-Officiere schlossen sich uns an.

Im Tanzhause producirten sich fünf Mädchen im Spiele auf japanischen

Guitarren und im Gesange, und vier Mädchen im Tanzen. Die Spielerinnen, im

Alter von 18 bis 24 Jahren, waren recht nett in dunklen Stoffen gekleidet,

während die Tänzerinnen, im Alter von 14 bis 16 Jahren, in sehr reichen

und lichten buntfärbigen Seidenkleidern und mit schönem Haarschmucke

erschienen. Die Musik der fünf Mädchen -- Guitarre und Gesang -- ist

getragen, eintönig, aber doch viel melodiöser als jene in China; der Tanz

ist ruhig und mimisch, und besteht mehr aus graziösen Körperbewegungen

und Wendungen, als aus einem Tanze nach europäischen Begriffen. Schon

der Eintritt dieser Mädchen in den Tanzsaal, wo wir uns ohne Schuhe auf

Polstern sitzend befanden, war höchst originell. Jedes Mädchen kniete an

der Eintrittsthür nieder und verbeugte sich dann den Zuschauern gegenüber

mit dem Kopfe bis zum Boden, dann erst begannen sie zu tanzen. Es wurde

sonach Thee, Saki (ein aus Reis erzeugtes alkoholisches Getränk) und

rohes, in kleine Stücke geschnittenes Fischfleisch servirt. Diese

Fischstückchen müssen nach der Landessitte mit zwei in einer Hand zu

haltenden Stäbchen aufgenommen, in eine dazu hergerichtete scharfe Sauce

getaucht und so in den Mund geführt werden. Nach längerem Zaudern ass ich

ein solches Stückchen vom rohen Fischfleisch und trank auch Saki, und

kann nur constatiren, dass dieser Genuss mir kein sonderliches Vergnügen

machte, aber auch keine üblen Folgen nach sich zog. Der Saki schmeckt

ähnlich wie ein leichter Kornbranntwein. Das Benehmen der Mädchen,

welche schliesslich in bunter Reihe neben uns auf dem Boden sassen, war

ungezwungen und voll Heiterkeit, und dabei ein vollauf anständiges.

Ich hatte mich wohl, weil der Abend sehr kühl war, mit Ueberzieher und

Regenmantel versehen, doch war mir dieses Sitzen in Socken in einem kalten

Zimmer, auf einem schmalen Polster auf dem Boden, nach und nach recht

peinlich geworden, und ich war daher recht froh, dass wir endlich

aufbrachen und heimfuhren.

_Der 6. April_ brach wieder so kalt und trübe an wie die vorhergegangenen

Tage. Ich hatte diesen Tag zu meiner Abreise nach Kioto bestimmt und

im dortigen »Kioto-Hôtel« meine Unterkunft bereits signalisirt.

Gleichzeitig bestellte ich mein Quartier in Yokohama im »Grand Hôtel«

für den 11. und im »Hotel Impérial« in Tokio für den 16. des laufenden

Monates.

Da in Japan auf den Bahnhöfen nur japanisch gesprochen wird und ich keinen

Diener als Dolmetsch mit mir nahm, so liess ich einen Hôteldiener mit mir

zum Bahnhof in Kobe kommen, von ihm die Fahrkarte lösen und meine Bagage

aufgeben, wobei ich denselben strenge überwachte, weil mein Vertrauen in

die Ehrlichkeit der Japaner wankend geworden war. Das Handgepäck nahm ich

zu mir in den Waggon. Vor meiner Abreise kam noch der Lloydcapitän F. auf

den Bahnhof, um von mir Abschied zu nehmen und mir glückliche Reise zu

wünschen.

Reise über Indien und China nach Japan. Tagebuch mit Erfahrungen, um zu überseeischen Reisen und Unternehmungen anzuregen. · 第 8 / 19 段