Peak von Hongkong, und ideal schön ist die Aussicht während der Fahrt auf
den von Schiffen wimmelnden Hafen und auf die weit ausgedehnte Stadt mit
ihren grossen Regierungsgebäuden, Palästen und Villen, die sich an der
Lehne des Berges erheben. Vom Endpunkte der Bahn aus führt eine prächtig
cementirte Strasse in sanft aufsteigenden Serpentinen noch weiter bis zur
Spitze. Auf Anrathen des Consuls liess ich mich diese Strecke von Kulis in
Tragsesseln hinauftragen. Von oben aus bietet sich ein seltener Rundblick
auf die ganze englische Niederlassung dar, und man hat hier wieder
Gelegenheit, die grossartigen und erfolgreichen Leistungen der Engländer
zu bewundern. Wie auf allen Höhen, so befinden sich auch hier auf dem
Peak Befestigungen und in deren Nähe Unterkunftsräume für englische
Regimenter. Ja, die englische Regierung hat in der Vorsorge für ihre
Truppen hier oben ein weitausgedehntes Hôtel vor Kurzem angekauft und
dasselbe zur Umwandlung in eine Kaserne bestimmt.
Die ganze grosse Stadt mit ihren hervorragenden öffentlichen
Baulichkeiten, Banken, Hôtels und Verkaufsläden hat vor 50 Jahren noch
nicht bestanden. Erst seitdem die Engländer den magnifiquen Freihafen
errichteten, erwuchs nach und nach dieser Welthandelsplatz, welcher heute
seiner Bedeutung nach der drittgrösste auf unserem Erdballe ist und einen
fabelhaften Reichthum repräsentirt.
Je länger ich mich hier in Asien aufhalte und je mehr ich Einblick in das
ganze innere Getriebe nehme, um eine desto grössere Anerkennung muss ich
einer so fruchtbringenden und zielbewussten Regierung zollen, desto mehr
auch würdige ich die englische Verwaltung aller ihrer enormen Gebiete und
der verschiedenartigen Völkerschaften, welche sich unter Englands Führung
im Allgemeinen zufrieden fühlen. Die Engländer treten gleich mit grossen
Werken auf und verwenden hierzu häufig sehr grosse Summen, wohl wissend,
dass diese sich in späterer Zeit vielfältig verzinsen werden; sie sorgen
in umfassender Weise für die Sanirung der Städte und ganzer Landstriche
durch die Anlagen von Wasserleitungen, Canalisirungen, Aufforstungen
u. s. w., sie heben auf jede Art den Aufschwung von Industrie und Handel,
hauptsächlich durch Anlage von Eisenbahnen und Strassen, sie errichten
Gotteshäuser, Schulen und Hospitäler, sie greifen nie in die persönliche
Freiheit ihrer Unterthanen ein, insoweit dies nicht das öffentliche
Wohl stricte erfordert, sie organisiren die Polizei aus Einheimischen
und treffen stets überall die richtigen Vorkehrungen, wie die localen
Verhältnisse dieselben nöthig machen. So kam es in früherer Zeit nicht
selten vor, dass chinesische Schiffer einzelne Fremde, welche in der Nacht
zu ihren Schiffen zurückfahren wollten, umbrachten, ausraubten und in's
Wasser warfen, ohne dass man über den Verbleib dieser Leute eine Ahnung
hatte. Da ordnete die englische Regierung an, dass die Polizei von jedem
Reisenden, welcher in der Nacht auf einem Kahne nach seinem Schiffe
zurückfahren will, den Namen und die Nummer des Kahnes in Vormerkung
nehmen müsse. Seit dieser Zeit sind dergleichen Ermordungen nicht mehr
vorgekommen.
Wenn nun auch die Engländer im Allgemeinen volle Freiheit des Handels und
Wandels zulassen, so haben sie doch gewisse Angelegenheiten, welche eine
weitgehende Bedeutung haben, ganz in ihre eigene Hand genommen. So ist in
Hongkong nur die englische Regierung die ausschliessliche Besitzerin von
Kohle, welche sie in ungeheuerer Menge aufspeichert. Auf diese Weise ist
die englische Regierung hier Herrin der gesammten Schiffsbewegung und kann
im Falle einer kriegerischen Verwicklung sofort die Ausgabe der Kohle
ganz oder theilweise einstellen und somit die Function der Dampfschiffe
vollkommen beherrschen.
Nach einem kurzen Spaziergange in der Stadt machte ich Toilette und begab
mich an Bord unseres Kriegsschiffes ^Kaiserin Elisabeth^, um der an mich
ergangenen Einladung nachzukommen. Das Diner war brillant und während
desselben spielte die Schiffsmusik heimatliche Weisen. Es machte auf mich
eine grosse Impression, mich eben auf jenem Kriegsschiffe zu befinden, auf
welchem Se. k. u. k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz
Ferdinand vor sieben Jahren seine weltberühmte Reise um die Erde gemacht
hat, und in denselben Räumen zu weilen, welche Se. k. u. k. Hoheit
bewohnte und wo er sein epochales Tagebuch niederschrieb.
Bei dieser Gelegenheit wurde dem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, dass
die Oesterreicher und Ungarn im Allgemeinen gar so unbeweglich sind, und
dass weder das Vergnügen am Reisen, noch die Lust zur Erforschung fremder
Länder, noch das Trachten zur Erweiterung des Handels oder zur Erreichung
einer einträglichen Position in anderen Welttheilen ihnen den Antrieb
geben, aussereuropäische Reisen zu unternehmen. Eben bei uns, wo das
Wissen und Können einen hohen Grad erreicht hat und wo das Heimatland
oft gar nicht dazu kommen kann, die Intelligenz Angesichts ihrer
Ueberproduction fruchtbringend zur Geltung zu bringen, wäre es überaus
vortheilhaft, sich in jene Länder zu begeben und sich dort einen
Wirkungskreis zu schaffen, wo intellectuelle Kraft sich gut bezahlt macht.
Auch abgesehen davon, wäre es sehr nützlich, wenn gar manche unserer
Landsleute durch weite Reisen einen weiteren Ausblick gewinnen würden,
damit sie in die Lage kommen, die heimatlichen Verhältnisse von einem
grösseren und richtigeren Standpunkte aus zu beurtheilen.
_Am 23. März_ besichtigte ich nochmals das bunte Treiben in den Strassen
und am Hafen dieses grossen Handels-Emporiums, und kehrte dann auf unseren
Dampfer zurück, welcher um 3 Uhr Nachmittags die Anker lichtete, um seine
Fahrt nach Shanghai fortzusetzen.
Schliesslich möchte ich hier noch davon Erwähnung thun, dass ich bei
meiner Ankunft in Hongkong, auf dem Festlande stehend, das Gefühl hatte,
als ob der Boden unter mir schaukeln würde, und dass ich unbewusst meinen
Körper hin- und herbewegte.
Fahrt von Hongkong nach Shanghai.
Die Fahrt von Hongkong durch die vielen, dem Festlande vorgelagerten Inseln
bis hinaus in's offene Meer war sehr interessant. Ueberall auf den Lehnen
und auf den Höhen der ringsum sich erhebenden Berge, sowie in den Thälern
zeigten sich Befestigungen und Kasernen, dann Fabriken und Häusergruppen,
schöne Paläste und Villen. Der Charakter der Berge ähnelt jenem des
Karstes -- sehr wenig Vegetation, dagegen viel Gestein und Felsen.
Als neue Passagiere kamen vier Amerikaner, anscheinend der Mittelclasse
angehörig, an Bord, dagegen hat das englische Ehepaar mit dem unartigen
Kinde das Schiff in Hongkong verlassen. Einer von den vier Amerikanern ist
ein Freiwilliger von der Armee der Vereinigten Staaten auf den
Philippinen, welcher von dort seinen Abschied genommen hat und nach Amerika
zurückkehrt. Viele Einwohner der Philippinen bedauern jetzt schon, wie
mir von vielen Seiten mitgetheilt wurde, im hohen Grade, sich gegen ihr
Mutterland Spanien aufgelehnt zu haben. Die vielen, vielen aus ihrer
Heimat, den Philippinen, geflohenen Familien, welche jetzt in Penang, in
Singapore und in Hongkong leben müssen, geben ein beredtes Zeugniss ab,
über das »völkerbeglückende« Eingreifen der Amerikaner.
Die Temperatur ist sehr stark herabgegangen, sie beträgt nur 17° R.
und wirkt des fortgesetzt heftigen Windes halber so empfindlich, dass man
wärmere Kleider anziehen muss. Es ist erstaunlich, dass die Südgrenze von
China, welche doch noch in der tropischen Zone und im gleichen Breitegrade
mit der Wüste Sahara liegt, ein so gemässigtes Klima hat.
_Am 24. und 25. März_ fuhr unsere ^Marie Valerie^ längs der chinesischen
Küste in dem chinesischen Meere, einem Theile des Grossen oder Stillen
Oceans Anfangs nordöstlich, dann aber mehr nördlich vorwärts, passirte
die Meeresstrasse von Formosa und hatte durch beständiges Ausweichen von
Inseln und Sandbänken einen wirklich schwierigen Weg zu hinterlegen.
Die Sonne schien, und obwohl der Wind sehr heftig blies, war das Schaukeln
unseres famosen Dampfers ein recht mässiges. Das Thermometer wies nur mehr
14° R. auf, und bei dem herrschenden Sturme fing es an, unangenehm kühl
zu werden. Nach Ansicht des Schiffscapitäns muss es in Ost-Sibirien einen
abnorm kalten Winter gegeben haben, und dem sei es zuzuschreiben, dass es
auch in China so ausnahmsweise kalt ist. Es regnete so ziemlich den ganzen
Tag -- der erste Regentag auf meiner nun zweimonatlichen Reise -- und es
blieb nichts Anderes übrig, als warme Winterkleider zu nehmen.
_Am 26. März_ (Sonntag). Die Temperatur sinkt immer weiter, heute hat
es selbst im geschlossenen Raume nur mehr 10° R. und dabei sind wir im
30. Grade nördlicher Breite, das ist in der Höhe der nordafrikanischen
Küste. Ein dichter weisser Nebel umgibt uns, und bei dem Umstande,
dass wir uns in der Hang-tschan-Bai befinden, vor welcher der
Tschou-hang-Archipel mit seinen sehr vielen Inseln vorgelagert ist,
wird dadurch die Fahrt des Dampfers sehr gefährdet, deshalb die
Fahrtgeschwindigkeit sehr vermindert und mitunter die Maschine ganz
gestoppt. Es wird fortwährend sondirt und erst nach genauer Prüfung der
Stellen streckenweise weitergefahren. Vorsicht erfordert wohl Zeit,
doch dieser Zeitverlust ist verschwindend klein gegen jenen, welchen ein
Accident in Anspruch nehmen würde.
Gegen Abend langten wir zur Einfahrt von Shanghai an. Dort wurde das Schiff
verankert, um erst den anderen Tag nach Eintritt der Fluth um 8½ Uhr
Morgens mit dem Lotsen auf dem Wusungflusse bis nach Shanghai zu fahren,
welches 20 ~km~ von der Küste entfernt ist und an dem Wusungflusse liegt.
Dieser Fluss hat für die ^Marie Valerie^ die nöthige Tiefe, während
unser Kriegsschiff ^Kaiserin Elisabeth^, welches in der nächsten Woche
hier eintreffen soll, wegen seines Tiefganges nicht bis nach Shanghai
kommen kann, sondern im Flusse, auf dem halben Wege dorthin, bei dem Orte
Wusung anhalten muss.
Aufenthalt in Shanghai.
_Am 27. März_ ging der Wind nur mehr ganz schwach, und somit war die
Temperatur, die zwar noch immer nicht mehr als 10° R. erreichte, immerhin
erträglicher als gestern.
In Shanghai wollten die vier Amerikaner das Schiff verlassen, doch spielte
sich vorher noch eine kleine Episode ab. Als wir uns schon dem Hafen
näherten, bei welchem wir anlegen sollten, kamen mit einem kleinen
Localdampfer drei Engländer an uns heran und bestiegen unser Schiff.
Nach dem Anlegen im Hafen entpuppten sich die Engländer als ein
Polizeicommissär und zwei Detectivs, welche einen der Amerikaner
verhafteten, weil von Hongkong die telegraphische Anzeige an die
Polizei-Direction in Shanghai eingetroffen war, dass derselbe dort vor
seiner Abreise einen Diebstahl begangen hatte. Eine nette Gesellschaft --
diese Amerikaner. Ein Anderer von ihnen, ein grosser, ungeschlachter Kerl,
soll der Besitzer eines Circus in Hongkong sein, den er nun nach Shanghai
bringen will; dieser Mann brachte während der Ueberfahrt die Figur des
formlosen und selbstsüchtigen Amerikaners in einer sehr unterhaltenden
Weise zur Darstellung.
Ich stieg nun an das Land, nahm einen von Chinesen gezogenen kleinen
zweiräderigen Wagen (Jinriksha), machte unserem Generalconsul meinen
Besuch und fuhr dann durch die Stadt und in die Umgebung derselben.
Die sanitären Verhältnisse in Shanghai sind nicht gut. Die Erhebung der
Stadt über das Wasserniveau ist eine sehr geringe, und viele Meilen
weit gibt es keine Berge; das Wasser hat demnach nur einen sehr schwachen
Abfluss und steht beinahe unbeweglich in allen Gräben, wo dann alle
dort befindlichen organischen Stoffe verwesen. Hierzu kommt noch die
entsetzliche Unreinlichkeit der Chinesen und ihre sanitätswidrigen
Gepflogenheiten. So werden z. B. die Gemüse auf den Feldern, des besseren
Wachsthumes halber, überall mit flüssiger Jauche übergossen, welche in
der heissen Jahreszeit die Luft verpestet; die Verstorbenen der armen
Leute werden nur in eine Holzkiste gelegt und mit Kalklösung übergossen;
hierauf werden diese Kisten mit Strohmatten umwunden und in diesem
Zustande, ohne sie zu vergraben, auf das freie Feld hinausgestellt! Wo die
Engländer die alleinigen Besitzer einer Stadt sind, werden von denselben
umfassende Vorkehrungen für sanitäre Anlagen gemacht. In Shanghai aber
gibt es drei nebeneinander liegende Niederlassungen (Settlements), die der
Engländer, der Amerikaner und der Franzosen, und daran stosst die alte
Stadt der Chinesen. Die verschiedenen Nationen unternehmen gemeinschaftlich
sehr wenig zur Hebung der sanitären Lage, und die autonome chinesische
Gemeinde thut gar nichts.
Die alte Stadt der Chinesen ist mit einer Mauer umgeben, welche sieben
Eingangsthore besitzt, die von Abend bis Morgen geschlossen sind, weil kein
Europäer dort übernachten darf. Auf den Wällen ihrer Stadt haben die
Chinesen eiserne Kanonen stehen, welche sich aber, wie ich es selbst
gesehen habe, in einem ganz verwahrlosten und gebrauchsunfähigen Zustande
befinden. Die Gassen im Innern der Stadt sind kaum meterbreit, und neben
der Hauptstrasse liegt ein mit faulendem Wasser und Sumpf gefüllter
Graben, welcher alle organischen Abwurfsstoffe aufnimmt und beinahe gar
keinen Abfluss hat. Im Centrum der Stadt ist ein kleiner See gelegen,
welcher die gleichen Verhältnisse zeigt wie der eben beschriebene Graben,
und inmitten des Sees steht ein aus Holz erbautes, sehr grosses Theehaus,
zu welchem man auf Holzstegen hingelangt. Die überall herrschende
Unreinlichkeit und der pestilenzartige Gestank sind geradezu entsetzlich,
und es ist auch die natürliche Folge davon, dass typhöse Krankheiten,
Cholera, Blattern, Dysenterie u. s. w. fortwährend sehr viele Opfer
fordern. Die Reconvalescenten nach solchen Krankheiten sollten, da es bei
Shanghai auch landeinwärts keine besseren sanitären Verhältnisse gibt,
baldmöglichst ein anderes Land aufsuchen, am besten nach Europa reisen.
Nachdem ich mit unserem Generalconsul und seiner liebenswürdigen Frau in
einem zweispännigen Wagen eine Spazierfahrt in dem europäischen
Theile von Shanghai und in dessen Umgebung gemacht hatte, kehrte ich zum
Dampfschiffe zurück und unternahm dann wieder gegen Abend in
Gesellschaft des Schiffscapitäns und des Schiffsdoctors eine von unserem
Consulatssecretär geleitete Excursion in die Stadt. Wir fuhren mit
Rikschas zuerst in die Hauptstrasse des englischen Settlements, wo Tausende
von Chinesen in der elektrisch beleuchteten Strasse hin- und herwogten,
oder von Rikschas in Wagen gezogen oder in Sänften getragen wurden. Die
Auslagen waren hier dicht aneinander gereiht und aussen über denselben
hingen lange schwarze, gelbe, blaue oder rothe Tafeln herunter, welche mit
chinesischen Buchstaben in entsprechender Farbe beschrieben waren. Viele
Theehäuser und mehrere chinesische Theater luden zum Besuche ein. Es
herrschte hier ein ganz fremdartiges Leben, und dabei war das Verhalten
der Chinesen, auch jenes der untersten Volksschichte, ruhig, ohne Lärm
und Getöse. Als wir uns das Strassenleben zur Genüge besehen hatten,
beschlossen wir, in ein Theehaus zu gehen.
Im Theehause war der grosse Saal elektrisch beleuchtet, bunt hergerichtet,
von an langen Tischen nebeneinander sitzenden Chinesen erfüllt. In der
Mitte des Saales befand sich ein Podium, wo gleichfalls an Tischen die
sich im Gesange producirenden Mädchen, und hinter denselben die sie
begleitenden Musikantinnen sassen. Kaum waren wir eingetreten, so wurde uns
Thee in Schalen servirt und ein Teller mit einer gedörrten Getreideart zum
Verzehren der einzelnen Körner vorgesetzt. Auch wurde eine Art Metallkrug
(narguilé) zur Disposition gestellt, aus welchem man den Tabak
raucht, indem man den Rauch vorher durch das Wasser ziehen lässt. Die
Musikantinnen bestehen vornehmlich aus Holz- und Lautenschlägerinnen,
welche ohne Unterlass einen sehr unmusikalischen Lärm hervorbringen.
Die Sängerinnen sind dick aufgeschminkt und gelten bei den Chinesen als
Schönheiten. Sie sind meistens in sehr reich mit Stickereien versehene
Seidengewänder gekleidet, tragen mitunter kostbaren Schmuck und werden
häufig in luxuriösen Sänften in das Theehaus getragen. Ihr Gesang ist
ohrzerreissend -- sie singen nur mit Fistelstimmen in langgezogenen Tönen
ohne alle Harmonie. Eine echte Katzenmusik! Nach ungefähr einer halben
Stunde entfernten wir uns, und hatte ein Jeder für den Genuss von Thee und
Gesang 40 Sens (50 kr.) zu zahlen.
Vom Theehause aus begaben wir uns in ein chinesisches Theater. In demselben
ist die Bühne wie bei uns erbaut, nur gibt es keinen Wechsel der Coulissen
und kein Fallen des Vorhanges, dagegen befindet sich auf der Bühne eine
Musikcapelle, welche aus Holzcinellen- und Lautenschlägern, sowie
aus Trompetenbläsern zusammengesetzt ist. Das Theaterspiel besteht
hauptsächlich aus Aufzügen, welche einer dem anderen unmittelbar folgen,
oder welche auch gleichzeitig erscheinen, um sich auf der Bühne
zu bekämpfen. Die Hauptrolle des chinesischen Theaters spielt der
Bühnengeneral, welcher durch seine goldgestickten bunten Kleider, durch
vier, auf dem Rücken befestigte, wehende Fahnen und durch einen sehr
lang herabhängenden Bart erkenntlich ist. Dieser General, meist mit einer
martialischen Maske vor dem Gesichte, erscheint mit seinem bunten Gefolge
-- etwa sechs bis acht Personen -- auf der Bühne, schreitet sehr
gravitätisch einher, streicht sich den langen Bart, fuchtelt mit seiner
Hellebarde herum, schreit dann mit Fistelstimme einige Worte heraus und
verschwindet hinter der Bühne. Kaum ist er verschwunden, so kommt ein
anderer General mit womöglich noch grässlicherer Maske sammt seinem
Gefolge heraus und hält einen Wedel aus Pferdeschweifhaaren in der Hand,
zum Zeichen, dass er auf dem Pferde sitze. Auch dieses Ungethüm schreit
einige Sätze mit Fistelstimme heraus. Es scheint eben, dass sich die
Fistelstimme bei den Chinesen eine weitgehende Vorliebe erworben hat. An
diese Aufzüge reihen sich andere an, wieder von Theatergeneralen geführt,
und so geht es fort, bis zuerst einzelne, dann mehrere Generale mit Gefolge
gleichzeitig auf der Bühne erscheinen und den Kampf durch das raschere
Herumgehen darstellen, wozu dann die Musik im schnellsten Tempo einen
unerhörten Lärm macht. Das Kommen und Gehen der Aufzüge wird
immer lebhafter, und nun produciren sich, zwischen durch, geschickte
Luftgymnastiker mit ihren famosen Salti mortali. Ist nun dieses Charivari
auf dem Gipfelpunkte angelangt, so verschwindet mit einem Schlage das ganze
Gewühl von der Bühne und es kommt dafür von der anderen Seite ein als
Frau verkleideter Chinese heraus, welcher eine Liebesscene spielt und von
einer Nebenbuhlerin verfolgt wird etc. Frauen und Mädchen dürfen auf den
chinesischen Bühnen nicht auftreten.
Während der Vorstellung wurde uns Thee servirt und erhielten wir, wie
dies auch im Theehause geschah, kleine, in heisses Wasser getauchte
Linnentücher. Mit diesen Tüchern wischen sich die Chinesen Gesicht und
Hände ab, weil dies eine kühlende Wirkung haben soll. Durch Vermittlung
des Consulatssecretärs wurden wir von einem Polizeimann hinter die Bühne
geleitet, wo wir die Schauspieler beim Umkleiden, Rauchen oder Theetrinken
fanden. Ich beschenkte jeden der Chinesen, der einen Bühnengeneral
dargestellt hatte, mit einem 20 Cents-Stücke (24 kr.), worüber dieselben
bei ihrer grossen Anspruchslosigkeit hoch erfreut schienen.
Der Eintritt in das Theater, in welchem man sich nach Belieben in das
Parterre oder auf die Galerie an Tischen setzt, kostet per Person einen
halben Dollar = 60 kr.
Auf der Heimwanderung zum Schiffe sahen wir noch viele geschminkte Schöne,
welche da und dort an den Hausthoren standen, und den Chinesen, aber nie
den Europäern, freundliche Gesichter machten.
_Am 28. März_ fuhr ich in die chinesische Hauptverkaufshalle für
Seidenwaaren, Laou-Kai-Fook & Comp., Corner of Kiukiang and Hohen Road
Nr. 8 and 9, um einige Seidenstoffe auszuwählen. Ich kaufte dort ein
sehr schönes, schweres Seidenstoffstück in lichter Orangefarbe, 10 Yards,
d. i. circa 9 ~m~ lang, um 20 Dollars = 24 fl., dann ein leichtes,
blaues Seidenzeug mit Muster in langen Blättern, 15 Yards lang, um 15
Dollars = 18 fl., und endlich 3 Yards eines wunderschönen, lichtblauen
Seidenstoffes mit reichen Goldstickereien um 18 Dollars = circa 22 fl. In
einer anderen Verkaufshalle erstand ich noch zwei gestickte Seidentheile
für Rücken und Brust um anderthalb Dollars und ein Paar von den kleinen,
gestickten chinesischen Schuhen um einen halben Dollar.
Nach einem sehr guten Tiffin beim Generalconsul kehrte ich auf meinen
Dampfer zurück, und beschäftigte mich mit der Ausfertigung der gekauften
80 Ansichtskarten von Shanghai.
Bezüglich des Geldverkehres sei hier noch erwähnt, dass Hongkong und
Shanghai je eine Bank besitzen, welche eigenes Geld ausgibt, und dass, wenn
dasselbe auch den gleichen Werth in Dollars zu 100 Cents hat, man doch bei
der Umwechslung des Geldes bis zu 5% Abzug erleidet.
_Am 29. März_ fuhr ich Vormittags zu der in Shanghai bestehenden
deutschen Post, wo ich mir für meine Ansichtskarten deutsche Briefmarken,
welche mit dem Worte »China« überdruckt sind, einkaufte, weil die
Expedirung mit der deutschen Post weit sicherer als mit der chinesischen
von statten geht.
Nach einem abermaligen Tiffin beim Generalconsul machte ich unter der
Führung des Consulatssecretärs und in Begleitung des Schiffscapitäns und
mehrerer Lloydbeamten eine Fahrt in die autonome alte Chinesenstadt,
deren wenig erbaulichen Zustand ich schon beschrieben habe. Die dortigen
Verkaufsbuden bieten nur ganz schlechtes und elendes Zeug, so dass ich nur
drei gemalte Porzellan-Theeschalen und ein kleines Holzkästchen mit einer
Magnetnadel zu je 10 Cents kaufen konnte.
Zu einem noch in Aussicht genommenen Ausfluge nach einem französischen
Kinder-Erziehungshause, welches in der Nähe von Shanghai von Jesuiten
geleitet wird, ist es aus Mangel an Zeit nicht gekommen. Die Kinder werden
dort in verschiedenen Handarbeiten ausgebildet, und sollen sehr schöne
Resultate erzielt werden.
Am Abend kaufte ich noch von einem auf das Schiff gekommenen Schneider ein
15 Yards langes Stück von leichter Rohseide um 6 Dollars, und von einem
anderen Händler sechs geschnitzte Holzdosen um 1 Dollar.
Allgemein und sehr tief wird hier noch der Verlust des vor zwei Jahren beim
Baden um's Leben gekommenen Consuls Haas bedauert. Derselbe hatte in der
richtigen Auffassung seiner Stellung Alles aufgeboten, um österreichische
Kaufleute nach Shanghai zu ziehen, und um den Handel mit Oesterreich-Ungarn
zu heben und zu fördern. Jeder unserer Landsleute, der nach Shanghai kam,
konnte gewiss sein, in seinen Unternehmungen auf das Kräftigste von Consul
Haas unterstützt zu werden. Leider haben aber auch seine Bemühungen
unsere Geschäftswelt nicht zu ausgedehnterem Handel mit China bewogen.
Fahrt von Shanghai nach Kobe.
In Shanghai waren wieder neue Passagiere zugewachsen, und zwar ein
spanisches Ehepaar, ein Handelsmann aus Wien mit seiner Frau und zwei
Engländer; trotzdem konnte ich meine beiden Cabinen bis zu dem ohnehin in
drei Tagen bevorstehenden Ende meiner Reise beibehalten.
Das Wetter war während meines Aufenthaltes in Shanghai vortrefflich;
die Sonne schien die ganze Zeit und es war recht warm. Allein am Tage der
Abfahrt _am 30. März_ gab es wieder einen tüchtigen Wetterumschlag, es
stürmte und regnete, und das Thermometer fiel im geschlossenen Raume bis
auf 6° R. herab.