Da der Wendekreis des Krebses in den 23½ Grad nördlicher Breite,

und Triest in den 45½ Grad nördlicher Breite fällt, so sind wir am

6. Februar Vormittags um 22 Grad, oder 330 österreichische Meilen,

oder um 2500 ~km~ südlicher als Triest, eine Entfernung, welche der von

Stockholm nach Messina gleicht. Da Wien um 280 ~km~ nördlicher als Triest

liegt, so befinden wir uns 2780 ~km~ südlicher als unsere Kaiserstadt.

Was den Unterschied an Breitegraden betrifft, so liegt Triest im 14. Grad

östlicher Länge, während wir heute an Ort und Stelle den 37. Grad

östlicher Länge zählen und somit um 23 Grad östlicher als Triest sind

-- eine Distanz, welche der von Strassburg bis nach Kiew gleichkommt. Bei

dem Umstande, als die einmalige Drehung eines Breitekreises der Erde 24

Stunden währt, das sind 360 Grade in 24 Stunden, so ist der um 15 Grad

östlicher gelegene Meridian um eine Stunde in der Tageszeit voraus. Es

entspricht also ein Grad Breite gerade vier Minuten unserer Zeitrechnung,

woraus es sich ergibt, dass wir am 6. Februar 23 × 4, das ist um

92 Minuten der Tageszeit von Triest voraus sind. Im Vergleiche zu Wien,

welches ungefähr im 16. Grad östlicher Länge liegt, beträgt der

Zeitunterschied nur 84 Minuten.

Auch am heutigen Tage verdeckt die ringsum gelagerte Wüstenstaubwolke die

beiderseitigen Ufer. Die Schnelligkeit des Schiffes mag jetzt 10 Seemeilen

oder 18 ~km~ in der Stunde betragen.

_Am 7. Februar_ währt der Nordostwind noch fort, und zwar im erhöhten

Masse, wodurch einerseits das Schaukeln des Schiffes zunimmt, anderseits

aber durch Aufziehen der Segel die Fahrt beschleunigt wird. Das Wetter ist

heiterer als in den beiden letzten Tagen, gestattet aber noch immer

keine Aussicht auf die beiderseitigen Ufer, denn am Horizont lagern stets

nebelhafte Gebilde. Die Temperatur ist auf 20° R. gestiegen, macht sich

aber des heftigen Windes halber nicht stark fühlbar, dabei empfindet man

es indess als grosse Wohlthat, auf dem Schiffe Bäder nehmen zu können.

Die Temperatur des Meerwassers beträgt jetzt 19° R., sonst hat sie

gewöhnlich den gleichen Wärmegrad wie die Luft, ja mitunter ist das

Meerwasser sogar wärmer als die Temperatur der Luft.

Im Verlaufe der Fahrt vom 6. zum 7. Februar befanden sich ostwärts der

arabischen Küste die den Muhamedanern heiligen Städte Medina, und etwas

über 300 ~km~ südlich davon Mekka, die beiden Hauptpilgerorte aller

Korangläubigen. Westlich vom Dampfer liegt das zu Aegypten gehörige

Nubien, durchquert vom Nil, jenem Flusse, welcher in der Nähe des

Aequators aus dem Victoria-See tritt und sich nach einem mehr als

4000 ~km~ langen Laufe in das Mittelländische Meer ergiesst, wobei er

späterhin bei seinen jährlichen Ueberschwemmungen die mitgenommenen

Erdbestandtheile absetzt und hierdurch die grosse Fruchtbarkeit von

Unter-Aegypten herbeiführt. Der Nil ist der längste von allen Flüssen

der Erde. An der Grenze von Nubien gegen Sudan hat die englisch-ägyptische

Armee im verflossenen Jahre nach bewunderungswerther, umsichtiger

Einleitung und Durchführung von militärischen Massregeln die schier

unüberwindlich scheinenden Derwischtruppen vollständig geschlagen, und

hierdurch ein, für diesen Theil von Afrika heilsames Werk vollbracht. Am

Abende des 7. Februar trat die Nordspitze des grossen Reiches Abessinien

hervor, jenes Reiches, welches die Italiener nach dem unglücklichen

Feldzuge unter der Oberleitung des Generals Barattieri aufgegeben haben.

_Am 8. Februar_ erblickten wir im Südwesten der Halbinsel Arabien

das Land Jemen, von welchem Heinrich Heine in seinem Gedichte »Asra«

behauptet, dass die Menschen dort sterben, wenn sie lieben. Die Temperatur

stieg einstweilen auf 22° R., und bei etwas umdüstertem Himmel nahm der

Wind allmälig ab.

Das Leben auf dem Schiffe richtete ich mir ganz angenehm ein. Nach meinem

ersten Frühstück, also nach 8 Uhr Morgens, gehe ich auf das Deck und

halte Umschau, wobei ich auf der Karte die Stelle aufsuche, wo sich das

Schiff eben befindet, dann beurtheile ich die allgemeine Lage, und spaziere

hierauf auf dem Deck herum oder nehme ein Bad. Um 10 Uhr Früh wird das

zweite Frühstück eingenommen, während welchem ich hauptsächlich mit dem

Schiffscapitän conversire. Von 11 bis 1 Uhr Mittag schreibe ich an diesen

Blättern und mache mir sonstige Vormerkungen. Um 1 Uhr Mittags, zur Zeit

des zweiten Gabelfrühstücks, promenire ich abermals auf dem Deck, welches

mittlerweile mit Plachen überdeckt wurde. Hierauf beschäftige ich mich

von 2 bis ½6 Uhr mit Lectüre, besonders mit der von Murray in englischer

Sprache geschriebenen Zusammenstellung der Sehenswürdigkeiten von Indien

und Japan, und gehe dann um 6 Uhr zum Diner. Nach dem Essen spielt der

holländische Passagier lustige Weisen auf dem Clavier, später lese ich

noch aus Baron Hübner's Werke »Autour du monde« jenen Theil, der von

China handelt, nehme eine Schale Thee und gehe um 10 Uhr Abends zu Bette.

Die Cabine glich in der Nacht vom 8. zum 9. Februar, trotz des nur mit

Jalousien verschlossenen Fensters, einem Dampfbade.

_Am 9. Februar_ war es leicht umwölkt, ziemlich windstill und die Luft

hatte 23° R. Um 10 Uhr Vormittags fuhren wir bei der an Arabiens

Küste gelegenen Stadt Mocca vorbei, nach welcher die rühmlich bekannte

Kaffeesorte benannt ist, und um 6 Uhr Abends passirte das Dampfschiff die

Meerenge von Bab el Mandeb, das Thor der Thränen, kam dabei an der, in der

Mitte derselben gelegenen, den Engländern gehörigen Insel Perine vorbei

und gelangte nun aus dem Rothen Meere in den Golf von Aden, respective in

den Indischen Ocean. Hierauf wendete sich das Schiff von Afrika nach Osten

ab, um nach Aden zu fahren. Der Name »Rothes Meer« soll daher rühren,

dass in den Monaten Juli und August der von dem Winde hergebrachte

Wüstenstaub durch die Sonnenstrahlen einen rothen Schimmer erhält. Zur

Zeit meiner Durchfahrt hatte das Meer die gleich tiefblaue Färbung wie

anderwärts.

Aufenthalt in Steamer Port bei Aden.

_Am 10. Februar_, um 9 Uhr Vormittags, landete das Schiff in Steamer

Port, etwa 2 ~km~ westlich von Aden, welches seit dem Jahre 1839 den

Engländern gehört, die sich indess den ungehinderten Besitz hiervon bis

zum Jahre 1867 in blutigen Gefechten gegen die Araber erkämpfen mussten.

Jetzt befindet sich hier eine grössere englische Besatzung.

Die Temperatur war auf 25° R. hinaufgegangen.

Zerklüftetes und kahles Felsengebirge fällt gegen das Meer ab, und dort

auf einem schmalen, ebenen Streifen liegt der kleine Ort Steamer Port. Die

Häuser in ihrer blendenden Weisse, versehen mit Säulen, Terrassen und

Plattformen statt der Dächer, machen einen sehr gefälligen Eindruck.

Braune und schwarze Gestalten kletterten wie die Katzen von ihren Kähnen

auf das Deck des Schiffes. Die braunen Leute, meist in lange, weisse Linnen

gehüllt, die Köpfe mit weissen oder bunten Schärpen umwunden, sind

einheimische Araber, während die Schwarzen, fast ganz entblösst, nur

ein kurzes Leinenstück um die Lenden gebunden, von dem jenseitigen

afrikanischen Lande »Somali« herstammen. Sowohl die Einen, wie die

Anderen sind meist schlanke, hohe Gestalten von auffallender Magerkeit; die

Neger haben durchaus sehr kleine Köpfe mit meist kurzem, schwarzem, ganz

gekraustem und nur hie und da mit braunem, längerem und in unzählig viele

kleine Locken getheiltem Haare, und besitzen dabei eine blauschwarze Haut

und perlenweisse Zähne. Ausser ihrer Muttersprache sprechen dieselben nur

wenige englische Worte.

Die Kaufleute und Händler sind Engländer minderer Sorte. Die Hôtels sind

von aussen recht hübsch, innen aber sehr schmutzig und vernachlässigt.

Die interessantesten Handelswaaren sind weisse und graue Straussenfedern,

welche nach langem Feilschen zu guten Preisen zu kaufen sind. Die

Temperatur im Orte selbst beträgt über 30° R. Einspännige, mit weisser

Leinwand gedeckte Miethfuhrwerke und Kameele, theils geritten, theils mit

Bagage bepackt, durchziehen die Strassen. Die schwarzen Menschen sitzen

oder liegen überall herum, ja man sieht dieselben mit blosser Haut sogar

auf scharfkantigen Schotterhaufen schlafen. Unbegreiflich ist es, dass

diese schwarzen Leute die heissen Sonnenstrahlen auf ihrer entblössten

Haut und ihrem unbedeckten Haupte ertragen können, und dies umsomehr, als

viele von ihnen die Haare ganz kurz geschoren tragen. Sehr ergötzlich ist

es auch zuzusehen, wie die kleinen Somaliknaben behende bis auf den Grund

des Meeres hinuntertauchen, um von dort die hineingeworfenen Münzen

herauszuholen.

In Aden wird nach Rupien gerechnet und hat eine Rupie den Werth von

ungefähr 80 kr. ö. W.; die Rupie hat wieder 16 Annas, und diese 12

Pice. Eine Annas beträgt somit ca. 5 kr. und ein Pice etwas mehr als

⅓ kr. Die Rupie ist eine Silbermünze, beiläufig in der Grösse eines

österreichischen Guldens und zeigt das Bild der Königin Victoria. Auch

die Halben-, Drittel- und Viertel-Rupien werden aus Silber geprägt.

Während meines Aufenthaltes in Steamer Port begegnete ich den beiden

in der Kohlenkammer des Schiffes aufgefundenen Leuten, wie sie unter der

Escorte eines ägyptischen Polizeimannes in den Arrest abgeführt wurden.

Der dunkelblau gekleidete Polizeimann fiel mir dadurch auf, dass er unter

dem Arme einen kurzen, braunen, mit breiten Messingringen versehenen Stock

trug, an dessen Ende ein längerer, breiterer Lederriemen angebracht war.

Die praktische Verwendung dieses Stockes konnte ich wahrnehmen, als ich

später mit einem Kahne zum Dampfer zurückfahren wollte und sich die

schwarzen Kerle an mich behufs der Ueberfuhr herandrängten. Da schwang ein

ägyptischer Wachmann dieses Scepter seiner Macht, hieb mit dem Riemen den

heranstürmenden Leuten auf die Beine, und schaffte auf diese Art rasch

Ruhe. Ich konnte mich des Lachens über diese einfache und dabei etwas

derbe Ausübung der Justiz nicht erwehren.

Fahrt von Aden nach Bombay.

_Am 10. Februar_, um 4 Uhr Nachmittags, dampfte unser Schiff in der

Richtung nach Bombay ab.

_Am 11. Februar_ befand sich der Dampfer zwar noch im Golfe von Aden, doch

waren die beiderseitigen Küsten nicht sichtbar; die Temperatur war

auf 22½° R. zurückgegangen. Wenn das Schiff die gleiche

Fahrtgeschwindigkeit wie bisher einhält, so werden wir am Samstag, den

18. Februar, zur Mittagszeit in Bombay eintreffen.

_Am 12. Februar_ betrug die Temperatur nur mehr 21° R. Es war ein

windstiller, herrlich schöner Sonntag, dessen Feier über meine Initiative

dadurch begangen wurde, dass der amerikanische Missionär im würdig dazu

hergerichteten Schiffssalon andachtsvoll den Gottesdienst verrichtete.

_Am 13. Februar_ hatten wir abermals eine entzückende Fahrt. Es schien

die Sonne, eine leichte Brise machte die Temperatur von 21° R. ganz

angenehm, und ruhig glitt das Schiff über den unabsehbar grossen Indischen

Ocean dahin. Gegen Abend erhob sich plötzlich ein ziemlich heftiger

Ostwind, der unser Schiff so stark rüttelte und schüttelte, dass der

amerikanische Missionär und seine Gattin von der Seekrankheit befallen

wurden.

_Am 14. Februar_ drehte sich der Wind mehr nach Norden, und er blies

tagsüber mit ziemlicher Heftigkeit aus Nordost, also aus der Richtung,

in welcher Persien und Balutschistan liegen. Die Temperatur betrug nur

20° R. Der arme Missionär sammt Gattin litten fortgesetzt an der

Seekrankheit.

_Der 15. Februar_ brachte wieder Ruhe in Wind und Wellen, und es stellte

sich eine angenehme Behaglichkeit in dem Dahingleiten unseres Schiffes ein,

was dem guten Missionärpaare wohl sehr zu statten kam. Das Thermometer

zeigte zu Mittag 19° R., später 18° R. Ein solcher Abend bei ruhiger

See, im Mondenscheine auf Deck zugebracht, ist wahrlich ein hoher Genuss.

Die weite, weite dunkle Fläche des Meeres wird in breiten und immer

breiter werdenden Streifen vom Monde erleuchtet und schimmert hier wie

von einem beweglichen Auerlichte erhellt; oben auf dem blassblauen Himmel

erglänzen in voller Pracht die tausende und tausende Sterne, unter welchen

im fernen Süden das Kreuz sich wie ein Wahrzeichen abhebt, und aus dem

Meere ertönt ein dumpfes Wellen und Schwellen, ein Sausen und Brausen, ein

Rauschen und Plauschen wie aus einer wunderbaren Märchenwelt, so dass auch

den bejahrten Mann ein traumhaftes Schauen und Lauschen ergreift.

_Am 16. Februar_ erfreuten wir uns wieder des hellsten Sonnenscheines,

einer vollkommenen Meeresruhe und einer linden Luft von 18-19° R. In

einem bis anderthalb Tagen werden wir in Bombay eingelangt sein; von da

sind wir 8000 ~km~ oder beinahe um zwei Dritttheile des Erddurchmessers

von Triest entfernt und fast um vier Stunden in der Tageszeit voraus.

_Der 17. Februar_ brachte die gleichen Witterungs- und Fahrtverhältnisse,

wie selbe Tags vorher waren, und somit ist die Ankunft in Bombay für

morgen Vormittag gesichert. Drei volle Wochen befinde ich mich dann an Bord

des Dampfers ^Maria Theresia^, während welcher Zeit es mir vorzüglich

gut ergangen ist. In geistiger Hinsicht habe ich mich an den wechselvollen

Eindrücken der Reise ergötzt und diese zu Papier gebracht, beschäftigte

mich mit der Lectüre der Reisebeschreibungen von Indien und China von

Sr. k. u. k. Hoheit dem Herrn Erzherzog _Franz Ferdinand_ und von Baron

_Hübner_, und füllte die übrige Zeit mit Lesen von anderen deutschen und

englischen Büchern aus, und in physischer Beziehung konnte ich mich an

der herrlichen Seeluft und an den ausgezeichnet guten Mahlzeiten erfreuen,

sowie an einem famosen Schlafe erquicken. Mit voller Anerkennung muss ich

es hier noch hervorheben, dass der Schiffscapitän während der ganzen

Zeit gegen die Reisenden sehr zuvorkommend war. Bei Tische wurde stets

eine animirte Conversation geführt und fehlte es somit auch nicht an

erwünschter Unterhaltung.

Aufenthalt in Bombay.

_Samstag, den 18. Februar_, langten wir in dem Hafen von Bombay um 8 Uhr

Morgens an, woselbst das Schiff verankert wurde, um Nachmittags in die

Docks zu fahren. Bombay präsentirt sich als eine sehr grosse Stadt, da

sich dieselbe längs des Meeresufers auf ein Länge von 8 ~km~ ausdehnt.

Die Stadt befindet sich aber nicht auf dem Festlande, sondern auf einer,

dem Festlande vorgelagerten Insel. Sie ist von mehr als 800.000

Menschen bewohnt, von welcher Zahl nur etwa 3000 Seelen auf Europäer,

hauptsächlich Engländer, entfallen, während das Hauptcontingent

aus Hindus, Parsen und Muhamedanern besteht. Eine grosse Menge von

Fabriksschloten ist sichtbar, welche meist zu Wollspinnereien und Webereien

gehören, da in Bombay vier Millionen Spindeln und 15.000 Webstühle im

Betriebe stehen und hierbei gegen 70.000 Menschen verwendet werden. Auf der

Seeseite, sowie landeinwärts auf den Spitzen von Hügeln sieht man je drei

Forts, welche sämmtlich zum Schutze des Hafens und der Stadt

errichtet wurden. Die Besatzung von Bombay besteht aus einem englischen

Infanterieregimente, drei englischen Artilleriecompagnien, zwei

einheimischen Infanterie- und zwei einheimischen Cavallerieregimentern,

Marinemineurs, Eisenbahncompagnien u. s. w.

Unser Consul hatte die Freundlichkeit, an Bord des Lloydschiffes einen Mann

zu entsenden, welcher mir mittheilte, dass im Hôtel auf der Esplanade für

mich eine Wohnung bestellt wurde. Ich liess mich nun gleich einschiffen,

begab mich in das Consulatsgebäude, und lernte dortselbst den

Generalconsul, den Viceconsul und das Consulatspersonale kennen. Der

Generalconsul ertheilte mir den Rath, mir für die eventuell nach dem

Norden von Indien zu unternehmende Reise von Cook & Son die nöthigen

Aufklärungen geben und ein Reiseprogramm entwerfen zu lassen. Die genannte

Gesellschaft schlug mir vor, Jaipur, Delhi, Agra und Benares zu besuchen,

wozu mindestens zehn Tage erforderlich wären. Der Fahrpreis I. Classe

würde nur 160 Rupien, das sind 120 fl. ö. W., betragen, da die

Eisenbahnfahrten in Indien fabelhaft billig sind. Hierzu muss ich noch

bemerken, dass der Reisende I. Classe für die Nacht im Waggon ein Bett

erhält und dass zu entsprechenden Zeiten in den Stationen europäisch

eingerichtete Restaurants mit fixen Preisen angetroffen werden.

Aus den mir gemachten Mittheilungen ergab es sich aber, dass mir kaum die

erforderliche Zeit zu dieser Reisetour erübrigt wird, da ich mich doch

etliche Tage in Bombay aufhalten wollte, um diese grösste Stadt

Indiens wenigstens theilweise kennen zu lernen. Ich fuhr hierauf zu dem

Generalagenten des Oesterreichischen Lloyd, um auch mit diesem meine

Reiseprojecte zu besprechen, und hierbei vor Allem in Erfahrung zu bringen,

an welchem Tage der Dampfer ^Marie Valerie^, auf welchem ich meine Reise

fortzusetzen habe, voraussichtlich von hier abdampfen werde. Der Termin

für diese Abfahrt wurde für den 1. März, spätestens den 2. März

angegeben, so dass bei einem nur zweitägigen Aufenthalte in Bombay nicht

mehr als eine Woche für die beabsichtigte Reise in das Innere des Landes

übrig bliebe. Es entfiel demnach die Idee für eine solche Tour. Der

Generalagent erbot sich dann, mich am nächsten Tage, Sonntag, Vormittag

in Bombay herumzuführen, und lud mich ein, hierauf bei ihm um 2 Uhr das

Tiffin (zweites Frühstück) zu nehmen. Bevor ich mich nun nochmals auf den

Dampfer ^Maria Theresia^ zurückbegab, kaufte ich für 5 Rupien, das

sind 4 fl., 80 Stück Ansichts-Correspondenzkarten, um dieselben auf dem

Schiffe mit den nöthigen Adressen zu versehen. Um 4 Uhr Nachmittags

kam ich in den Docks an und übergab dort das mitgenommene Schreiben des

englischen Botschafters in Wien an die indische Zollbehörde, dem höchsten

Zollbeamten. Wir kamen dann überein, dass ich die Kiste mit den Gewehren

und Patronen vor der Hand noch auf dem Dampfer so lange belasse, bis

ich dieselben auf dem Lande benöthigen werde, und dass ich bei der

Einhändigung der Waffen einen bestimmten Betrag zu erlegen habe, der

mir seinerzeit, sobald die Gewehre wieder an Bord des Schiffes gelangen,

restituirt werden wird. Im Uebrigen liessen die Zollbeamten meine Bagage

ganz unbehindert passiren.

Als ich in meinem Hôtel ankam, wurde mir ein hübsches Zimmer mit einem

kleinen Balkon und der Aussicht auf das Meer angewiesen. Dasselbe enthielt

ein grosses, quadratförmig construirtes Bett, welches ringsum mit einem

Mosquitonetze umgeben war, zwei Kästen, einen Waschtisch, Stühle und

Tische, sowie elektrische Beleuchtung, und hat einen Nebenraum, in welchem

sich eine Badewanne mit Pipen für kaltes und warmes Wasser und sonstiges

Geräthe befanden. Die Hôtelzimmer sind sehr hoch (gegen 6 ~m~), die

sehr breiten Fenster reichen bis zum Boden und sind nach aussen hin mit

Jalousien versehen. Bei dem Bau des Hauses wurden viele eiserne Säulen und

Eisentraversen, dann Balken und Bretter, und nur wenig und sehr schmales

Mauerwerk in Verwendung gebracht. Das ganze Hôtel ist somit recht luftig,

dafür aber auch sehr geräuschvoll, ein Umstand, welcher speciell zur

Schlafenszeit sehr lästig wird.

Der Eindruck, welchen ich bei dem Eintritte in die Stadt erhielt, war in

erster Linie der des Erstaunens über die grosse Anzahl herrlicher Gebäude

mit ihren Bogengängen, Kuppeln, Thürmen und Zieraten, die durch die

Verschiedenartigkeit ihrer Farben sehr zur Geltung gelangen, und dann,

im geraden Gegensatze hiervon, über die überaus einfache Kleidung der

braunen und schwarzen Menschen, denen man auf der Strasse begegnet. Häufig

besteht diese Kleidung bei den Männern nur aus einem Stückchen von

weissem Linnen, welches um die Lenden geschlungen ist, und bei den Frauen

aus färbigem Linnen, welches aber auch den Oberkörper bedeckt. Dabei sind

diese Menschen jämmerlich mager und haben ein anscheinend sehr stupides

Aussehen. Wenn man die Ueppigkeit und die Pracht der hiesigen Pflanzen- und

Thierwelt in Betracht zieht, so erscheint es um so auffallender, dass die

Menschen hier so schlecht entwickelt sind.

Um 8 Uhr Abends dinirte ich in dem sehr schönen und grossen Speisesalon

des Yachtclubs als Gast unseres Generalconsuls, in der weiteren

Gesellschaft des dortigen Viceconsuls und des k. u. k. Gesandten

in Japan. Das Diner war sehr gut und verlief in einer recht animirten

Stimmung. Sowohl in dem genannten Club, wie auch in den Hôtels sind in

den Salons und den Wohnzimmern 1·5-2 ~m~ lange und 0·5 ~m~ breite,

in Rahmen gespannte Zeugstreifen in entsprechender Anzahl vom Plafond

aus aufgehängt, welche durch Anziehen und Nachlassen von Schnüren durch

Schwarze in schwingende Bewegung gebracht werden, um dadurch die Abkühlung

der Luft zu erzielen, eine Einrichtung, welche bei der hier herrschenden

grossen Hitze (jetzt 24° R.) sehr zweckmässig ist. Während des

Mittagessens verabredeten wir für den morgigen Tag eine Partie nach der

Insel Elephanta.

_Am 19. Februar_ fuhren wir um 9 Uhr Morgens mit einem Dampfboote zur

genannten Insel, wo sich ein in den Felsen ausgehauener Riesentempel der

Brahmanen aus dem 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr. befindet. Die ganze

Tempelhöhle zeigt in ihrer weit ausgedehnten Grösse, in der ausnehmenden

Schönheit der vielen lebensgrossen Steinfiguren an den Wänden und

den prachtvollen Decorationen an den Säulen, ein grossartiges Werk

der Architektur in ältester Zeit und liefert ein höchst interessantes

historisches Material. Wären diese Steinmonumente nicht durch die Decke

der Höhle gegen die Einflüsse der Witterung geschützt gewesen, so

wären sie wohl schon längst verschwunden, so aber besitzen sie heute noch

beinahe die gleiche Frische und Schönheit, wie zur Zeit ihrer Herstellung.

Der Tempel wird noch heutigen Tages von den Hindus aus der Banya-Kaste

zu ihren Festlichkeiten benützt. Die Insel hat ihren Namen von den

Portugiesen nach einem dort befindlichen Heidenaltar erhalten, auf welchem

ein Elephant in Frauengestalt ausgehauen war.

Die Wohnungsverhältnisse in Bombay sind recht ungünstige, da die Zahl der

Wohnungen für die Europäer nicht ausreicht, und somit viele derselben in

Zelten untergebracht sind. So müssen z. B. auch unser Viceconsul und der

Generalagent des Lloyd mit Zelten vorlieb nehmen. Sie haben sich hierzu

gemeinschaftlich eine halbe Stunde vom Centrum der Stadt entfernt, im Hofe

von Baulichkeiten, welche einem vom Lloyd abhängigen Parsen gehören,

mehrere Zelte aufschlagen lassen. Das Hauptzelt besteht aus fünf Zimmern,

ist recht hübsch und gut eingerichtet, und dient den beiden Herren als

Wohnung. Das Zelt ist doppelt mit Segeltuch und mit färbigem Linnen

überdeckt, um dadurch die heisse Wirkung der Sonnenstrahlen möglichst

abzuschwächen. Die vier sich anschliessenden kleineren Zelte sind für die

Dienerschaft und die Küche bestimmt, während die den Herren gehörigen

Pferde in einer offenen Schupfe stehen. Bei dem Umstande, als das Wetter

hier Monate lang bis zum Eintritte der Regenzeit, das ist bis ungefähr

10. oder 15. Juni, ununterbrochen schön bleibt, so ist eine solche

Zeltwohnung für die trockene und heisse Zeit ganz gut und passend. Nun

aber müssen die beiden Herren schon dafür Vorsorge treffen, in einem

Steinhause Unterkunft zu finden, denn in der Monsumzeit regnet und stürmt

es unablässig in einer Weise fort, dass das Bewohnen der Zelte ganz

unmöglich wird, und sich selbst in den solidest aus Stein gebauten

Häusern überall Schimmel ansetzt. Die Wohnungen in solchen Häusern

stehen in Bombay sehr hoch im Preise, sie kosten 300-400 Rupien monatlich,

oder pro Jahr etwa 3000 fl. ö. W.; die Hausbesitzer sind meist reiche

Natives (Einheimische), und zwar vorzüglich Parsen. Die Steinhäuser

befinden sich zum kleineren Theile im Centrum der Stadt zwischen dem

Bakk-Bay einerseits und dem Hafen und den Docks anderseits mit dem

Abschlusse im Norden durch den Stadttheil der Einheimischen, zum grösseren

Theile liegt indess das von Europäern bewohnte Viertel jenseits der

Nativesstadt auf dem Malabar Hill, wo sich die Bungalos (Villen) mit

kleinen Gärten kilometerweit aneinanderreihen.

Die Hütten der Einheimischen bestehen aus wenigen Latten und darüber

und herum aus dünnen, oft durchlöcherten Matten, welche bei trockener

Witterung wohl noch bewohnbar sind, für die Regenzeit aber ganz

ungenügend erscheinen.

Reise über Indien und China nach Japan. Tagebuch mit Erfahrungen, um zu überseeischen Reisen und Unternehmungen anzuregen. · 第 2 / 19 段