Werth, zuletzt Schlackenwerth) wird dem Slavek von Riesenburg
zugeschrieben, welcher die Stadt dem Bürgermeister und Rath überliess,
so dass dieselbe von König Johann (1310) bis zu Kaiser Sigmunds
Regierung unter dem Stadtrathe verblieb, bis endlich genannter Kaiser
dieselbe im J. 1419 an seinen Kanzler Caspar Schlick verpfändete, der,
aus einer Egerischen Patricierfamilie stammend, bis zum Reichsgrafen
(1437) emporstieg und mit Elbogen, Falkenau und Schlackenwerth belehnt
wurde. Graf Caspar Schlick, dreier Kaiser Reichskanzler und »ein Mann
von grosser Geistesgewandtheit«, wurde der Begründer dreier berühmten,
reichbegüterten Grafenlinien, von denen die Schlackenwerther Schloss,
Dominium und Stadt bis zum Jahre 1578 beherrschte. Unter der Regierung
des Königs Georg von Poděbrad wurde ein Theil des Schlosses und der
Stadt in Asche gelegt, da Graf Schlick mit den Schlackenwerthern an
den katholischen Herrenbund gegen den König sich angeschlossen hatte.
1578 kam die Herrschaft Schlackenwerth an die Schönburge, Stadt und
Schloss wurden 1621 von den Soldaten Mannfelds geplündert. Die nach
der Schlacht am Weissen Berge von dem königlichen Fiscus eingezogene
Herrschaft überliess Kaiser Ferdinand II. im J. 1625 käuflich dem
Herzog Julius Heinrich von Sachsen-Lauenburg. Derselbe liess 1650
mit Benützung der Grundmauern des Schlick'schen Schlosses ein neues
Schloss aufbauen und mit einem Geldaufwande von 60.000 Reichsthalern
einen grossartigen Park anlegen, der mit seinen Wasserleitungen und
50 Springbrunnen eine Art Klein-Versailles darstellen sollte und von
einem Schriftsteller des 18. Jahrhunderts sogar das achte Wunder der
Welt genannt wurde. Dem verstorbenen Herzog Julius Heinrich folgte
sein Sohn Julius Franz, dessen Tochter Franziska Sybilla Augusta
sich 1690 nach dem Tode ihres Vaters (1689) mit dem Markgrafen Ludwig
Wilhelm von Baden-Baden vermählte. So gelangte der Besitz an das Haus
Baden-Baden, um bei demselben bis 1782 zu verbleiben. Nach dem Tode des
Markgrafen August Georg erhielt dessen Nichte, die Prinzessin Elisabeth
Augusta von Baden, das Nutzungsrecht der Herrschaft Schlackenwerth von
der Kaiserin Maria Theresia lebenslänglich. Von 1799 fiel auch das
Nutzungsrecht wieder an die Kammer zurück. Später kam Schlackenwerth
an Ferdinand II., Grossherzog von Toskana. Als Grossherzog Leopold
II. von Toskana, der edle, so schwer geprüfte Fürstengreis aus
Habsburgs Herrscherhause, in dem verhängnissvollen Jahre 1859 mit der
grossherzoglichen, hochherzigen Familie hier bleibenden Aufenthalt
genommen, begann für Schlackenwerth eine neue segensreiche Periode.
In Schlackenwerths Annalen wird für immerwährende Zeiten mit goldenen
Lettern der denkwürdige 23. Februar 1861 glänzen, wo Leopold II.,
Grossherzog von Toskana und Erzherzog von Oesterreich, einstimmig zum
Bürgermeister der Stadt Schlackenwerth gewählt wurde. »Leopold II. nahm
aber nicht blos die Wahl als Bürgermeister an, sondern unterzog sich
auch persönlich allen durch die Communalgesetze gebotenen Pflichten,
ein schönes und seltenes Beispiel in der That, welches hier einerseits
aus einem Familienzuge der Habsburger, der Achtung vor dem Volke,
anderseits aus dem in Italiens Boden tiefgewurzelten Bewusstsein,
bei der Gemeindeautonomie mit der Entgegennahme des Rechtes sich
auch im strengsten Sinn der Pflicht zu unterziehen, entspringt.
Diese enge Beziehung zwischen dem Grossherzog und der Bürgerschaft
Schlackenwerths erneuerte sich bei der Wiederwahl (22. August
1864), deren Annahme wieder erfolgte und in der Stadt grosse Freude
hervorrief.« Der durchlauchtigste Grossherzog-Bürgermeister leistete
für Schlackenwerth wahrhaft Hervorragendes und Unvergängliches! Aber
auch dessen durchlauchtigste Gemahlin, die Frau Grossherzogin Maria
Antonia bewährte sich stets als eine hohe Gönnerin und fürstliche
Wohlthäterin dieser Stadt. »In ganz ähnlicher Weise übertrug sich auch
dieses Verhältniss auf den dermaligen Besitzer und seine Gemahlin«,
nämlich auf Sr. kais. Hoheit den durchlauchtigsten Herrn Ferdinand IV.,
Grossherzog von Toskana, und Ihre kais. Hoheit die durchlauchtigste
Frau Grossherzogin. Von hohen fürstlichen Besuchen, deren sich
Schlackenwerth zu erfreuen hatte, heben wir hervor: _Den Besuch Sr.
kais. u. kön. Majestät des Kaisers Franz Josef_ I. am 23. Juni 1864,
welchen Tag Grossherzog Leopold II., der damalige Bürgermeister
Schlackenwerths, durch eine Gedenktafel aus Marmor am Rathhausgebäude
verewigte. In demselben Jahre (am 30. Juni 1864) stattete auch _König
Otto von Griechenland_ der grossherzoglichen Familie einen Besuch ab.
_König Johann von Sachsen_, der gekrönte Dante-Uebersetzer, Vater der
ersten Gemahlin des Grossherzogs und Grossvater der Erzherzogin Maria
Antoinette, der fürstlichen Dichterin, verweilte wiederholt bei der
Grossherzog Toskanischen Familie zum Besuche.
Nachdem wir die Sehenswürdigkeiten Schlackenwerths in Augenschein
genommen haben, kehren wir der Stadt den Rücken, um unsere Tour
fortzusetzen. Ein wahrhaft entzückendes Landschaftsbild entrollt sich
vor unseren trunkenen Blicken! Inmitten einer vegetationsreichen
Ebene mit wogenden Feldern, beblumten, saftiggrünen Wiesen und
ergiebigen Obstbäumen sehen wir aus dreiviertelstündiger Entfernung die
waldesdunklen und mannigfaltig geformten Berge des wie eine Mauer steil
sich aufthürmenden Erzgebirges, durchbrochen von einem tiefgefurchten,
romantischen Querthal, dem unsere Tour gilt. Wir wandern, aufjauchzend
vor Lust, auf der schönen, beiderseits mit Obstbäumen bepflanzten
Aerarialstrasse in nördlicher Richtung weiter und gelangen in
einer halben Stunde nach _Unterbrand_, wo wir den grossherzoglich
Toskanischen Meierhof besichtigen, dessen landwirthschaftliche
Maschinen, den neuesten Fortschritten auf diesem Gebiete Rechnung
tragend, besonders den Oekonomen interessiren dürften. Von hier
erreichen wir nach ¼stündiger Wanderung das freundliche, mit Obstbäumen
geschmückte Dorf _Oberbrand_, dessen Einwohner noch den lohnendsten
Feldbau betreiben. Statt der Obstbäume bilden aber bald Vogelbeerbäume
mit ihren zinnoberfarbenen Beeren Strassenspalier; wir stehen an der
Eingangspforte des engen, prächtigen _Weseritzthales_. Die Strasse, ein
schmaler Wiesensaum und die rauschende Weseritz bilden die Thalsohle,
während zur Rechten und Linken die mit Fichten, Tannen und Buchen reich
bedeckten Abhänge mit jedem Schritte steiler und majestätischer sich
gestalten. Bald wird das immer höher aufsteigende Thal etwas weiter,
wir schreiten an mehreren, schon zur Gemeinde Joachimsthal gehörigen
Mühlen vorbei, _Hansgirgs_ Verse reproducirend: »Im Erzgebirge, wie
klappern die Mühlen so laut; so laut, wie rauschen die Bächlein gar
frisch im Kühlen so traut, so traut.« Oberhalb der _Herrenmühle_ (die
dritte Mühle oberhalb der _Trinksmühle mit Restauration_) betreten wir
-- was den Touristen _warm empfohlen_ werden kann -- den links von der
Strasse abzweigenden, bequemen Fussweg, der in Serpentinen durch den
schattigen Wald aufwärts führt. Nach kurzer Steigung erreichen wir den
ebenen _Seilerweg_, der, an der westlichen Berglehne sich dahinziehend,
eine _wunderschöne Aussicht_ gewährt (siehe Joachimsthaler Spaziergänge
3). Verfolgt man dagegen die Strasse, so kommt man zum k. k.
_Hüttenwerke_ (siehe Joachimsthaler Spaziergänge 2), das uns daran
erinnert, dass wir in der Nähe von Joachimsthal sind, das jedoch --
wir meinen die eigentliche obere Stadt -- die Krümmung des Thales noch
verhüllt, links erblickt man die Barbara-Kapelle. Hier sieht man den
untersten Theil der Stadt, nordwestlich aufsteigend, und hoch auf dem
Berge nordöstlich die _Prokopi-Kapelle_. Immer mehr sind die Wälder
gelichtet, und was sich die Natur abzwingen liess, ist zu Feldern und
Wiesen verwandelt.
Joachimsthal.
=Gasthöfe=: _Hôtel zur Stadt Dresden_, im oberen Theile der
Stadt am Marktplatze gelegen. -- _Hôtel zum wilden Mann_, das
zweite Haus neben genanntem Hôtel.
=Photographische Ansichten= von Joachimsthal und hervorragenden
Gebäuden dieser Stadt bei dem Photographen _Anton Kraus_
(Marktplatz).
=Post- und Telegraphenamt= auf dem Marktplatze.
=Postverbindung= nach Schlackenwerth täglich 3mal.
" " Platten " 1 "
" " Weipert " 1 "
=Privatfuhrwerke= bei Rudolf Günther, Christof Porkert und
Wilhelm Seidl. Auf besonderes Verlangen besorgt auch der
Hôtelbesitzer »zur Stadt Dresden« Fahrgelegenheiten.
=Aemter.= Bezirkshauptmannschaft, Bezirksgericht, Steuer-
und Grundbuchsamt, Bürgermeisteramt, städt. Forst- und
Rentamt, Sparkassa (sämmtlich im Stadthause), Berg- und
Hüttenverwaltung sowie Forstamt (Oberamtsgebäude), Notariat,
Finanzwachkommissariat.
Beschreibung und Geschichte der Stadt.
Die k. Bergstadt Joachimsthal, die Metropole des böhmischen Erzgebirges
genannt, liegt in einem engen und tiefen, nach Südosten und Süden
geöffneten Querthale, das von dem rasch herabstürzenden Weseritzbache
durchbraust wird, zwischen hohen Bergen, dem _Galgenberge_ im Osten,
dem _Pfaffenberge_ im Süden, dem _Schlossberge_ im Westen, dem _Obern_
und _Untern Türkner-Berge_ im Norden. Sie besteht in ihren eigentlichen
Grundlinien im Thalgrunde vorzugsweise nur aus zwei Häuserreihen,
an die sich aber beim Bräuhausplatze, wo das Thal sich erweitert,
beiderseits terrassenförmig noch je zwei Häuserzeilen, sowie in
einem westlichen Seitenthale der Stadttheil Pfaffenberg anreihen.
Die seit dem grossen Brande von 1873 grösstentheils neu aufgebaute,
sehr freundliche Stadt, die überdies vom hiesigen Anpflanzungsvereine
an mehreren Plätzen durch Anlagen verschönert wurde, übt sicherlich
auf jeden Besucher einen _wahrhaft bezaubernden, nachhaltigen_
Eindruck aus, so dass man kaum fehlgehen wird, Joachimsthal als _die
schönste und regelmässigste_ Stadt im ganzen böhmischen Erzgebirge
zu bezeichnen. Sie zählt 612 Häuser und gegen 7000 Einwohner, welche
sich durch Bergbau, Cigarren-, Handschuh- und Stöpselfabrication,
Spitzenklöppelei, Spitzenhandel, sowie durch das karge Erträgniss der
Landwirthschaft ernähren.
=Sehenswürdigkeiten=: _Decanalkirche_ (auf dem viereckigen, mit einer
Anlage geschmückten Kirchenplatze gelegen) wurde von der Stadtgemeinde
in den Jahren 1874--1876 in neugothischem Styl vom Baumeister Friedrich
Karl _Richter_ aus Breitenbach unter Leitung des Prager Dombaumeisters
und Architekten Josef _Mocker_ neu hergestellt. Mit Bezug auf die
inneren Räume dieser Kirche hat _Hansgirg's_ Behauptung: _dass sie
ein gar seltenes, sowohl im Totaleindruck als auch in der liebevollen
Durchführung des Details überwältigendes Kunstwerk sei, welchem im
westlichen Böhmen kaum noch ein Bau ähnlicher Art ebenbürtig an die
Seite gestellt werden kann_, seine vollste Berechtigung. Architekt
(_Mocker_), Maler (_Gebrüder Jobst_ aus Wien) und _Bildhauer_ (_Leimer_
aus Wien) haben sich hier ein unvergängliches Monument einheitlichen
Strebens gesetzt. Nicht nur die Altäre (3) und die Kanzel, sondern
alle übrigen Objecte der inneren Kirche entsprechen dem Geiste der
Gothik. Die Gemälde der Altäre sind _plastisch_. Der _Hauptaltar_ ist
ein grossartiger, echt gothischer Bau. »Anmuth ist der Grundtypus
dieses herrlichen Werkes, das durch das echte Naive und Herzinnige der
Skulpturcompositionen noch potencirt wird, deren Bemalung eine elegante
ist, dass bei der Empfindung der Frömmigkeit zugleich die des höchsten
Wohlgefallens erweckt wird.« Die Hauptnische dieses Altars enthält
die _hl. Familie_ (in der Mitte die hl. _Maria_, etwas rückwärts zur
Seite St. _Joachim_ und St. _Anna_ -- die Patrone der Kirche). In
den zwei Nebennischen (links) der hl. Prokopius, Schutzpatron der
Bergleute, (rechts) der hl. Johannes. Bei sämmtlichen Altären ist
Plastik, Ornamentik, Farbe und Goldzier gleich rühmenswerth. Den
Kunstfreunden sei von den Seitenaltären besonders der _Marien-Altar_
(links) empfohlen (Hauptfigur: _die unbefleckte Maria im Gebet_). Der
_Josefi-Altar_ (rechts), Hauptfigur: der hl. _Josef_, den Lilienstengel
in der rechten Hand, das Jesukindlein mit der Erdkugel am linken Arm
haltend. Die prachtvolle _Kanzel_ mit den Gestalten der Kirchenlehrer;
das _Baptisterium_ (Taufkapelle), die _Orgel_ (Kegelladensystem,
_Steinmeier_ in Oettingen).
_Das Stadthaus_ (an der Ecke des Kirchenplatzes), ein alterthümliches,
ansehnliches Gebäude, das dem letzten gewaltigen Brand Widerstand
geleistet, enthält _die interessante, sehenswerthe Gemeindebibliothek_,
welche 1540 begründet worden ist. Sie enthält 190 Werke aus dem XV.
und XVI. Jahrhundert (in deutscher, lateinischer, griechischer und
hebräischer Sprache) und zwar dem Inhalte nach: Jurisprudenz 17,
Theologie 60, Poesie und classische Literatur 51, realistische Fächer
17, hebräische Sprache 7, linguistische 20, Geschichte, Geographie und
Statistik 18. -- Eine Biblia hebräica, in Frakturlettern auf Pergament
sehr schön geschrieben, stammt nach Dr. Oppenheimer's Untersuchung vom
Jahre 1384.
_Das k. k. Bergoberamtsgebäude_ (neben dem Stadthause) mit
reichhaltiger _Mineraliensammlung_ des montanistischen Vereines.
(Daselbst werden auch Mineralien verkauft.) _Das Volks- und
Bürgerschulgebäude_ (links von der Kirche), ein wahrer Schulpalast,
mit einer reichlich ausgestatteten Lehrmittelsammlung. -- (Rechts
von der Kirche): _Die k. k. priv. Handschuhfabrik von Martin Bencker
u. Sohn_, die grösste in Oesterreich-Ungarn, und _die Stöpselfabrik
des Anton Schreiber_. _Der k. k. Einigkeitsschacht_ (ober dem
Schulgebäude) bietet vielfaches Interesse, und ist dessen Befahren
durch Schalenbeförderung leicht, gefahrlos und lohnend. (Wegen Einfahrt
wende man sich an den k. k. Bergrath im Oberamtsgebäude.) _Schloss
Freudenstein, k. k. Cigarrenfabrik und k. k. Hüttenwerk._ (Siehe
»Kleine Spaziergänge«.)
Die ganze Gegend, wo jetzt Joachimsthal steht, war bis zum Jahre
1516, dem eigentlichen Gründungsjahre dieser Stadt, eine nur mit Wald
bedeckte Gebirgslandschaft, welche zur Herrschaft Schlackenwerth
gehörte, die nebst Lichtenstadt Kaiser Sigmund 1437 seinem treuen
Reichskanzler Kaspar Schlick, Grafen von Passaun (Bassano), geschenkt
hatte. Einzelne Bergleute aus Schlackenwerth (»der alte Oeser«) und
aus dem Markgrafenthum Meissen (»Kaspar Bach«) betrieben hier ohne
Zweifel schon gegen Ende des XV. oder in den ersten Jahren des XVI.
Jahrhunderts Bergbau auf Silber, der aber nicht bedeutend gewesen zu
sein scheint. Im Jahre 1515 stellte sich Graf Stefan Schlick an die
Spitze einer Gewerkschaft, welche die alte Fundgrube am Schottenberg
wieder belegte und 1516 die erste Ausbeute vertheilte. Bis zu diesem
Jahre sollen etliche verfallene Häuser am untern Türckner, eine Mühle
am Brotmarkt -- dem heutigen Pfaffenberg -- und ein Hammer in dieser
Gegend gewesen sein; nach einer Wiese wurde Thal und Weiler Conradsgrün
(»Cunradisgrün«) genannt. Aber die Kunde von dem überaus ergiebigen
Bergbau drang mit staunenswerther Raschheit durch das ganze Erzgebirge
und lockte baulustige deutsche Bergleute und Gewerke in solcher Anzahl
in's »Thal«, dass die neue Bergcolonie bis December genannten Jahres
bereits 400 Häuser gezählt haben soll. Der Silberreichthum war hier
geradezu fabelhaft. Deshalb fand sich Graf Stefan Schlick, der damalige
Grundherr, bewogen, den Grund zu einer Bergstadt zu legen, welche
bald gedeihlich aufblühte. Da es auf dem jenseitigen meissnischen
Gebiete bereits ein Annaberg (1496) und Jöhstadt (Josefsstadt, 1517)
gab, wurde, um die Glieder der hl. Familie als Schutzpatrone auf
einem verhältnissmässig kleinen Raume zu ergänzen, das Thal und die
neu angelegte Stadt nach Christi Grossvater, dem hl. Joachim, St.
Joachimsthal (»Jochimsthal«) genannt. Aber gar bald erhoben die
Brüder von Haslau, deren Grundeigenthum an das Schlickische grenzte,
Ansprüche auf benachbartes Gebiet, bis auf welches sich der Bergbau
und die Anlage der Stadt auszudehnen begonnen hatten. Der darüber
mit den Grafen Schlick entstandene Streit wurde jedoch durch einen
schleunigen Vergleich (1518) beendigt, in Folge dessen die Herren von
Haslau eine Entschädigung zugesichert erhielten. Ein in demselben
Jahre ausgebrochener Aufstand der Bergleute veranlasste den Grafen
Schlick zur Herausgabe der berühmten Bergordnung; er liess ferner eine
Münze (an dieser Stelle steht das heutige Oberamtshaus) erbauen, »aus
welcher im nächsten Jahre 1519 die ersten Münzen, Guldengroschen, zu
24 weissen Groschen, wie sie in Sachsen geprägt wurden, hervorgingen.
Man nannte sie nach dem Orte ihres Ursprungs _Thalergroschen_, später
einfach _Thaler_, ein Name, welcher allmählig in ganz Deutschland
das Bürgerrecht erhalten und selbst in fremden Ländern (als Dollar
in England und Amerika, als _Talar_, _Talari_ in der Levante etc.)
Eingang gefunden hat. Sie trugen auf der Vorderseite das Bildniss des
hl. Joachim, auf der Rückseite das des Königs Ludwig und des Grafen
Schlick, oder auch den böhmischen Löwen und führten daher auch den
Namen _Schlickenthaler_ und _Löwenthaler_. Lateinisch nannte man sie,
weil sie zwei Loth oder eine Unze wogen, _Unciales_, auch _Vallenses_
(_Joachimicos_) und später, nachdem sie als deutsche Reichsmünze
Geltung und Umlauf erlangt hatten, _Imperiales_ (Reichsthaler). --
König Ludwig bestätigte nicht nur im Jahre 1519 die Freiheiten, welche
Graf Stefan Schlick der Gemeinde und Knappschaft zu Joachimsthal
verliehen hatte, sondern erhob auch auf Ansuchen des genannten Grund-
und Burgherrn mittelst Majestätsbriefes vom 6. Jänner 1520 Joachimsthal
zu einer _freien Bergstadt_ und verlieh ihr alle damit verbundenen
Rechte und Freiheiten, sowie die Errichtung eines Schöppenstuhls
zur Schlichtung der zwischen dem Bergpersonale entstehenden
Rechtsstreitigkeiten. In demselben Jahre bestätigte der König auch
das Münzprivilegium des Grafen Schlick.« Trotz zweier neuerlicher
Aufstände (1523 und 1525) blühte die Bergstadt unter der vortrefflichen
Fürsorge des ritterlichen Grafen Stefan Schlick immer mehr und mehr zu
einer hochansehnlichen, reichen, dichtbevölkerten Stadt empor, die mit
tüchtiger Gemeideverwaltung und Schule ausgestattet war. Sie zählte
zur Zeit ihrer höchsten Blüthe über 1200 Häuser, gegen 12000 Bergleute,
400 Schichtmeister, 800 Steiger und 800 in Betrieb stehende Zechen.
Leider fand Graf Stefan Schlick, ein treuer und tapferer Unterthan
seines Königs, im 39. Lebensjahre seinen Tod in der unglücklichen
Schlacht bei Mohacz (29. August 1526).
Nun folgten dessen jüngere Brüder Graf Hieronymus und Lorenz, die
Joachimsthal wechselweise immer zwei Jahre beherrschten; doch kam es zu
Erbstreitigkeiten. Diese gaben den ersten Anlass, dass König Ferdinand
I. den Grafen Schlick »ihr ohnehin nicht ganz rechtmässiges Münzregal«
entzog, das nun an die Regierung kam (1528). Nichtsdestoweniger
schenkten die Schlicke in den Jahren 1530--1536 der Stadt von neuem
Grund und Boden und begannen 1534 den Bau der Kirche, »welche ohne
fremde Hilf erbaut ist« und 1537 zum Gottesdienste benützt wurde. 1545
mussten die Schlicke das Joachimsthaler Bergwerk dem König unter der
Bedingung abtreten, »dass sie sich« -- wie Mathesius sagt -- »ihres
Zehendens Erbkux und Hüttenwerks unverhindert von meniglich gebrauchen
mögen.« -- Als 1518 die Reformation im benachbarten Sachsen feste
Wurzeln fasste, fanden Dr. Luthers Lehren auch in Joachimsthal eifrige
Anhänger, namentlich in den Grafen Schlick. Lange stritten sich hier
die katholische und protestantische Partei um die Herrschaft, bis
endlich 1540 der Protestantismus den vollständigen Sieg davontrug.
In jener Zeit wirkten zu Joachimsthal: Der hervorragende Gelehrte
M. _Johannes Mathesius_ (geb. am 24. Juni 1504 zu Rochlitz in
Sachsen, gest. zu Joachimsthal den 8. Okt. 1565) erst als Rector an
der berühmten Lateinschule, dann als Pfarrer; (die Bürgerschaft hat
ihm am 24. Juni 1874 an dem Stadthause eine Votivtafel eingesetzt),
ferner _Nikolaus Hermann_, der »alte Cantor« genannt, einer der
besten Liederdichter des XVI. Jahrhunderts, als Cantor (gest. am 3.
Mai 1561 zu Joachimsthal) und endlich _Georg Agricola_, der Begründer
der Mineralogie (geb. am 24. März 1494 zu Glaucha in Sachsen, gest.
am 21. Nov. 1555 zu Chemnitz) von 1527--1530 (1533?) als Stadtarzt.
Durch den schmalkaldischen Krieg, in welchem die Joachimsthaler sich
den aufständischen böhmischen Ständen anschlossen und die Stadt
von sächsischen Truppen eingenommen wurde, büsste sie ihre alte
Blüthe ein und ging, obgleich Kaiser Ferdinand I. und namentlich
Kaiser Rudolf II. verschiedene Mittel zum Aufschwunge des Bergbaues
anwandten, immer mehr dem Verfalle entgegen, der mit dem 30jährigen
Kriege eintrat. Das protestantische Joachimsthal stellte sich bei
dessen Ausbruche auf die Seite der aufrührerischen Stände Böhmens
und wurde sammt dem Schlosse Freudenstein von dem utraquistischen
Feldherrn Mannsfeld besetzt, der aber 1621 abzog. Nach der Schlacht
am Weissen Berge (1620) trat bekanntlich die Gegenreformation ein,
und da sich der grösste Theil der Bewohner Joachimsthals zur Annahme
der katholischen Lehre nicht bequemen wollte, wanderten Tausende über
die Landesgrenze. Die letzten Auswanderungen der Protestanten fanden
1653 statt. (Vergl. Bergstadt _Platten_.) 1631 besetzten die Sachsen
Joachimsthal und die Veste Freudenstein, wohin aber schon 1632 die
Kaiserlichen eine Besatzung legten. Dieselbe vertheidigte sich 1634
gegen eine schwedisch-sächsische Heeresabtheilung so tapfer, dass sie
erst capitulirte, als die Feinde durch ihre Batterie-Kugeln das Schloss
unhaltbar gemacht hatten. Die Schweden plünderten dasselbe, überliessen
es den Flammen, wodurch es zur Ruine wurde. Schon vorher hatte sich die
arg verwüstete Stadt ergeben müssen.
Am 31. März 1873 wurde Joachimsthal durch einen schrecklichen Brand
schwer heimgesucht, so zu sagen vernichtet, denn das wüthende
Element verwandelte unaufhaltsam in fliegender Eile 309 Häuser sammt
Nebengebäuden in Schutt und Trümmerhaufen. Auch die grossartige Kirche,
»ein kunsthistorisches und archäologisches Unicum,« wurde zerstört.
Tausende hatten Obdach und Habe verloren! Bei dieser Gelegenheit hat
sich der deutsch-böhmische Dichter und Menschenfreund _Karl Viktor
Ritter von Hansgirg_, der damals Bezirkshauptmann war (geb. am 5.
August 1823 zu Pilsen, gest. den 12. Jänner 1877 zu Joachimsthal), ein
bleibendes Denkmal durch seine aufopferungsvolle, rastlose Thätigkeit
zur Milderung der Nothlage gesetzt. Seine an die Mildthätigkeit
appellirenden Worte wirkten wie ein zündender Funke, und Dank der
Staatssubvention von 500.000 fl., Dank den grossartigsten Hilfsquellen
von Seite der vielsprachigen Völker Oesterreichs und der Nachbarländer
konnte der Wiederaufbau der Stadt in überraschend kurzer Zeit
stattfinden; leider fiel derselbe aber in eine äusserst kostspielige
Bauperiode, so dass es niemand Wunder nimmt, wenn der grösste Theil der
Häuser noch schwer mit Schulden belastet ist.
Kleinere Spaziergänge.
Die Umgebung von Joachimsthal bietet eine Menge einladender und
lohnender Spaziergänge:
1. _Schloss Freudenstein_, auf der westlichen Seite der Stadt, liegt
auf dem steilen Schlossberg, der nur westwärts in eine Ebene ausläuft.
Von der einstigen festen, überaus zweckmässig angelegten Veste sind nur
zwei runde Thürme von bedeutendem Umfange und ein Stück Ringmauer übrig
geblieben. Von denselben zeichnet sich der vordere, nordöstliche durch
seine Höhe aus; er besitzt ein Laternenthürmchen mit einer Glocke und
wird von dem Stadtwächter bewohnt, welcher früh Morgens um 3 Uhr, dann
um 4 Uhr, Mittags um 11, beziehungsweise 12 Uhr, Abends aber um 7 und
8 Uhr durch Glockengeläute den Bergknappen zum Ein- und Ausfahren das
Signal geben, überdies aber bei Tag und Nacht der Stadtuhr nachschlagen
muss. Den zweiten, kleineren Thurm benützt das k. k. Bergamt als
Pulvermagazin. -- Vom Bergabhange geniesst man _eine ausgezeichnete
Uebersicht der ganzen Stadt_. »Wie im Grundrisse sehen wir sie vor
uns aufgerollt, und einem spähenden Auge entgeht kein Reisender, der
die Strasse einherwandelt; ja, selbst die von anderen Seiten über das
Gebirge herführenden Fusssteige können von diesem Punkte aus übersehen
und bewacht werden, so dass -- wie man sich gewöhnlich ausdrückt --
nicht eine Maus in die Stadt gelangen kann, ohne dass sie von dem
lauernden Wächter nicht bemerkt worden wäre.«
=Geschichtliches.= Graf Stefan Schlick legte 1518 den Grundstein zu
dem Schlosse Freudenstein, dessen Bau 1520 vollendet ward. Es lag vor
dem 30jährigen Kriege in der Mitte der Stadt, dessen oberer Theil im
Thale lag, während ein grösserer Theil hinter der Burg auf dem Berge,
wo jetzt die _Neustadt_ liegt, stand. Von dem ehemaligen Stadttheil,
hinter dem Freudenstein gegen Westen, sind jetzt nur Spuren von Mauern
und Kellern vorhanden. Es wurde Anfangs von dem Berghauptmann des
Burgherrn bewohnt, 1525 von aufständischen Bergleuten geplündert und
theilweise verwüstet, bald aber wieder hergestellt. Seit 1545 diente
es dem jeweiligen königl. Berghauptmann zur Wohnung, bis es nebst dem
oberen Theil der Stadt 1634 von den Schweden zerstört wurde. (Siehe
Näheres Geschichte der Stadt Joachimsthal.)
2. _*K. k. Cigarrenfabrik und k. k. Hüttenwerk._ Auf der
Aerarialstrasse thalabwärts betritt man die _links_ abzweigende
Gemeindestrasse, die zur Cigarrenfabrik führt. Kürzer und bei
staubiger Strasse empfehlenswerther ist der Weg längs der sogenannten
»Ziegengasse«, die von der Hauptstrasse schon beim Kaufmann Siegl
abbiegt. Die k. k. Cigarrenfabrik, ein imposantes Gebäude, liegt in
einem _höchst romantischen_ Seitenthal und beschäftigt 700 Personen.
(Anmeldung behufs innerer Besichtigung hat beim k. k. Fabriksdirektor
zu geschehen.) -- Auf der Aerarialstrasse etwas weiter abwärts gelangt
man zur _Barbara-Kapelle_ und dann zum k. k. _Hüttenwerk_, leicht
erkenntlich durch seine riesenhaften schlanken Essen. Hier werden die
_berühmten Uranpräparate_ erzeugt, die nicht nur nach den verschiedenen
Ländern von Oesterreich-Ungarn, sondern auch in's Ausland versendet
werden. (Man melde sich beim k. k. Hüttenverwalter in dem rechts von
der Strasse auf einer Anhöhe liegenden Verwaltungsgebäude an.)