Auf den Inseln des ewigen Lebens, Horaisan genannt, herrscht ewiges
Glück und ewiger Frieden, dort gibt es weder Schmerz noch Krankheit
noch Tod, weder Leiden noch Unfrieden, dort herrscht ewiger Frühling
und ewige Pracht; kein Sturm, kein Winter vernichtet die in ewiger
Schönheit prangende Natur.
Deshalb ist es kein Wunder, daß die Menschen sich nach diesem Lande
sehnen und nichts unversucht lassen es zu finden. Doch ist es noch
keinem Menschen, der in der Absicht auszog jenes wunderbare Land zu
suchen, gelungen, es zu finden, denn eine lange, lange Seereise trennt
es von allen bekannten Ländern; aber niemand weiß die Richtung, in der
er ziehen muß, um es zu finden; niemand kennt die Lage des
hochgelobten Landes, nur die Schwalben und Sommervögel, die im Winter
Japan verlassen, kennen die glückseligen Inseln und ziehen dorthin,
wenn der Wintersturm Japan durchbraust. Wer aber reinen Herzens ist
und nicht in der Absicht auszieht, sich dem Kampfe des Lebens zu
entziehen, wer nicht beabsichtigt in Frieden und Glück zu leben, ohne
vorher seine Pflichten gegen Gott und Menschen zu erfüllen, dem kann
es geschehen, daß ihn ein günstiger von den Göttern gesandter Wind zu
den ewig grünen Inseln führt, doch nimmer kehrt er dann zurück, denn
gestillt ist all sein Sehnen und ein jeder Wunsch befriedigt.
Vor langen, langen Jahren, so berichtet uns der japanische
Geschichtenerzähler, schenkten die Götter einigen Auserwählten das
große Glück, Horaisan zu finden; aber nur einer namens Wasobiowo
kehrte zurück und brachte Kunde von diesem glückseligen Lande, ja,
es gelang ihm sogar eine Frucht von dort mitzubringen, nämlich die
Orange, die vordem in Japan ganz unbekannt war, heute aber dank der
von Wasobiowo mitgebrachten ersten Frucht auch hier heimisch ist.
Es wird erzählt, daß einst in China ein grausamer Kaiser regierte,
herrschsüchtig und unduldsam, sodaß niemand, der etwas konnte oder
verstand, seines Lebens sicher war; denn er allein wollte der einzige
sein, in allem vollkommen. Wer mehr konnte als er, den ließ er
beseitigen. Dieser Kaiser hatte auch wie alle Kaiser einen Leibarzt,
der hieß Jofuku. Das war ein gar gelehrter Herr und außerordentlich
klug, doch der Kaiser trachtete ihm nach dem Leben, weil er des Arztes
Klugheit fürchtete. Er konnte ihm aber nichts anhaben, denn er wußte
keinen besseren Arzt. Endlich aber wurde der Arzt dieses Lebens in
Furcht und Schrecken satt und er dachte eine List aus, wie er es
anstellen könne, aus dem Lande und aus dem Bereiche des Kaisers zu
flüchten.
Es kam ihm auch ein guter Gedanke und so sagte er eines schönen Tages
zum Kaiser:
»Ihr habt doch neulich von den immergrünen Inseln des ewigen Lebens
erzählen hören. Gebt mir die Erlaubnis sie zu suchen, damit ich von
dort heilkräftige Kräuter und ewiges Leben verleihende Früchte für
Euch holen kann. Wenn es mir gelingt, werdet Ihr in ewiger
Glückseligkeit leben, an nichts Mangel leiden und Herrscher der ganzen
Welt werden!«
Diese Rede schmeichelte dem Kaiser und in der Hoffnung noch größere
Macht und Gewalt zu erlangen, gab er dem Arzte die Erlaubnis zur
Abreise, drohte ihm aber den Tod an, wenn er ohne die begehrten Gaben
zurückkehren würde.
Der Arzt erhielt ein Schiff und ein großes Gefolge und schiffte sich
ein. In Japan angekommen, ließ er in der Nacht, als das Gefolge ans
Land gegangen war und sich dort belustigte, in aller Stille die Anker
lichten und fuhr weiter um einen anderen Platz zu suchen.
Was er nun aber garnicht beabsichtigt hatte, das wollten ihm die
Götter gelingen lassen; denn plötzlich erhob sich ein furchtbarer
Sturm und trieb das Schiff mehrere Tage hin und her, das Steuer ging
verloren, die Schiffsbemannung wurde vom Sturme ins Meer geschleudert
und als endlich wieder schönes Wetter eintrat, war der Arzt nur noch
allein auf dem Schiffe, das er nicht zu regieren verstand. Ein
tapferer Mann wie er, verzweifelte nicht, sondern wandte sich an die
Götter und siehe da, als er sein Gebet vollendet hatte, wurde das
Schiff in ruhiger Fahrt vorwärts getrieben und landete endlich auf
Horaisan.
Kaum hatte er das Schiff verlassen und das Land betreten, da versank
das Schiff spurlos im Meere, ihm jede Rückkehr abschneidend. Am
Strande traf er den Japaner Wasobiowo, der ihn begrüßte und ihm
erklärte, wo er sich befinde. Da war der Arzt froh und dachte garnicht
mehr daran, nach China zurückzukehren, um dem grausamen Kaiser
unverdientes Glück zu bringen, sondern er blieb auf Horaisan und
niemand hat seitdem wieder etwas von ihm gehört.
Anders Wasobiowo. Dieser lebte früher in Nagasaki, wo er ein Häuschen
besaß, das er mit einem Diener bewohnte und wo er in stiller
Zurückgezogenheit lebte, sich nur mit Wissenschaften und allerhand
Künsten beschäftigend. Seine liebste Beschäftigung war das Angeln und
er konnte oft tagelang auf dem Meere zubringen, einzig allein nur um
zu angeln oder im Boote liegend den Gang der Gestirne zu beobachten
und zu berechnen.
Eines Abends war er, wieder mit seinem Angelgerät versehen, bei
herrlichem Mondschein aufs Meer hinausgerudert. Die sternenklare,
ruhige Nacht aber ließ ihn das Angeln vergessen; träumend verfolgte er
den Lauf der Sterne und freute sich des kräftigen, Kühlung wehenden
Meeresodems.
Die Ruder entglitten seinen Händen und er wußte nicht, wie lange er
sich seinen träumerischen Gedanken überlassen hatte, als sich der
Himmel überzog und ein furchtbares Unwetter heranraste. Ohne Ruder war
er machtlos den Wellen und dem Sturme preisgegeben und nur mit Hilfe
des Steuers vermochte er das Boot vor dem Kentern zu bewahren, das mit
unheimlicher Schnelligkeit bald über die hochgehenden Wogen dahin
schoß bald in die schwarzen Wellentäler versank, die es zu
verschlingen drohten. Endlich legte sich das Wüten des Sturmes, es
wurde heller Tag; aber Wasobiowo sah nichts als das unermeßliche,
wogende Meer, nirgends ein Zeichen, nirgends einen Punkt, an dem das
ruhelos schweifende Auge einen Anhalt gefunden hätte um sich zu
orientieren.
Er ergab sich in sein Schicksal und harrte des Abends, um aus der
Stellung der Sterne bestimmen zu können, wo er sich befinde.
Am Abend, als die Sterne zum Vorschein kamen, da sah er zu seinem
Schrecken, daß er mehrere hundert Meilen von der Heimat entfernt war
und er garnicht daran denken konnte ohne Ruder dorthin zurückzukehren,
umsoweniger als ihn entgegengesetzt wehender Wind immer weiter führte.
Wasobiowo hoffte in dieser Richtung bald ein Land zu finden oder einem
Schiffe zu begegnen; deshalb suchte er mit Hilfe des Steuers möglichst
geraden Kurs zu halten, was ihm auch gelang, da die Windrichtung sich
änderte.
Drei volle Monate trieb er so auf dem Meere und lebte nur von den
Fischen, die er mit seiner Angel fing und roh verzehren mußte, da er
kein Feuerzeug bei sich hatte. Nach dieser langen Zeit endlich
begannen sich im Wasser Pflanzen zu zeigen, die, je weiter er kam,
immer dichter wurden; das Meer verlor seine glänzende Farbe und ging
endlich in einen dicht mit Pflanzen aller Art bewachsenen Sumpf über,
in dem das Boot nicht mehr weiter konnte. Aber Wasobiowo verlor nicht
den Mut. Er ergriff die Pflanzen und zog daran und siehe, sie hielten
stand wie Stricke. Nun begann eine mühselige Arbeit. Von Pflanze zu
Pflanze greifend, zog er sich mit dem Boote immer weiter durch dieses
Pflanzengewirr, durch diesen Morast. Über vierzig Stunden dauerte die
Arbeit; todmüde, kraftlos und halbverhungert war er, denn hier gab es
auch nicht das kleinste Lebewesen, das er als Nahrung verwenden
konnte, als er endlich diese unheilvolle Strecke überwunden hatte. Nun
lag vor ihm ein silberglänzendes Meer und in einiger Entfernung
schimmerte ein grünes Land, überragt von einem bis zum Himmel
reichenden Berge. Es war Horaisan mit dem Fusan[2]; doch wußte
Wasobiowo dies noch nicht, ja ahnte es nicht einmal, sondern freute
sich nur endlich wieder Land zu sehen. Eine Strömung führte ihn dem
Lande zu und nach zehn Stunden stieß sein Boot auf den wie Gold und
Silber glänzenden, sandbedeckten Strand. Hocherfreut sprang er aus dem
Boote, fiel nieder und dankte den Göttern für seine Rettung.
Da aber -- o Wunder! Als er sich nach dem Gebete erhob, war alle seine
Müdigkeit verschwunden; vergessen waren alle Strapazen seiner Reise;
er fühlte weder Hunger noch Durst und ein wonniges Kräftegefühl
durchdrang ihn.
Da näherten sieh ihm weise, ehrwürdige Männer und schöne, edle Damen,
die ihn begrüßten; sie priesen sein Glück, die Reise nach Horaisan
überstanden zu haben und nahmen ihn als neuen Bürger in ihre Mitte
auf.
Jetzt wußte er, daß er auf Horaisan war, auf Horaisan, das er stets
für ein sagenhaftes, nicht existierendes Land gehalten hatte. Es
existierte also wirklich, ja, er war jetzt selbst in dieses wunderbare
Land gekommen und als Bürger aufgenommen.
Wieder dankte er den Göttern.
Die Stunden eilen und werden zu Tagen, diese zu Wochen, dann zu Monden
und endlich zu Jahren. Die Jahre zu Jahrhunderten, dann zu
Jahrtausenden und so weiter in unzählbarer Menge bis in alle Ewigkeit.
Aber auf Horaisan gibt es keine Stunden, keinen Tag und keine Nacht,
keine Zeiten und keinen Zeitenwechsel, kein Essen und kein Trinken,
kein Leid und keinen Tod. In ewiger Glückseligkeit, in geistreichen
Gesprächen, bei anregenden Unterhaltungen, bei _Musik_, Gesang und
Tanz streicht die Zeit unaufhaltsam ohne Wechsel und deshalb unbemerkt
vorüber.
[Abbildung]
Wer vermag daher zu sagen, wie lange Zeit Wasobiowo auf Horaisan war,
ob es Jahrzehnte oder Jahrhunderte waren, als die Götter einen neuen
Ankömmling sandten, jenen chinesischen Arzt Jofuku.
Seit dessen Ankunft jedoch war Wasobiowo wie umgewandelt. Hatte der
Arzt Heimatsluft mitgebracht, hatte sein Erscheinen in Wasobiowo einen
schlummernden Gedanken geweckt?
Wer vermag es zu sagen?
Jedenfalls fühlte er sich nicht mehr wohl in diesem ewigen Einerlei
der Glückseligkeit und er sehnte den Tod herbei. Für diesen war jedoch
Horaisan unerreichbar, hier hatte dieser bleiche Gast kein Heim;
deshalb konnte Wasobiowo hier auch nicht sterben; sogar sich selbst
den Tod zu geben, war nicht möglich, denn im Wasser ging man nicht
unter, vom Berge konnte man sich nicht hinabstürzen, denn die Luft
trug wie das Wasser, es gab weder Waffen noch Gifte um sich das Leben
zu nehmen. Nur ein einziges Mittel gab es, das war: »Fort von
Horaisan!«
Aber wie?
Kommen nicht alljährlich die heimatlichen Vögel nach Horaisan um dort
die Zeit zu verbringen, da in Japan der Winter herrscht?
An diesen Umstand denkend, beschloß Wasobiowo sich einen der stärksten
und größten Vögel zu fangen, ihn zu zähmen und abzurichten, damit er
auf dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne.
Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch ans Werk ging, denn
es war gerade die Zeit, da die Zugvögel auf Horaisan ankamen. Unter
diesen war ein besonders großer und starker Kranich, der kräftig genug
erschien, Wasobiowo als Reitpferd dienen zu können.
Diesen zähmte er sich; er hatte ihn auch bald so weit abgerichtet, daß
der Vogel ihn aufsteigen ließ und mit ihm kleine Strecken weit flog.
Als dann der Zeitpunkt kam, da die Vögel sich zur Heimreise
anschickten, da packte Wasobiowo eine große Menge von Früchten
zusammen, von denen er auf seiner Reise leben wollte; denn sobald er
Horaisan verlassen hatte, mußte er wieder an Essen und Trinken denken.
Vorher besprach er sich noch mit dem chinesischen Arzte und lud ihn
zur Mitreise ein, dieser jedoch erwiderte:
»Ich danke sehr für Ihre liebenswürdige Einladung, aber ich wäre ein
Tor, wollte ich dieses vollkommene Leben auf Horaisan mit dem
unvollkommenen in Japan oder China oder sonst einem von Menschen
bewohnten Lande vertauschen. Reisen Sie glücklich und mögen Sie es nie
bereuen, dieses glückselige Land verlassen zu haben, denn die Rückkehr
ist schwierig, sogar unmöglich!«
Wasobiowo sagte lächelnd: »Ich hoffe, daß ich meinen Entschluß nie
bereuen werde, denn meine Seele findet keinen Gefallen an untätiger
Glückseligkeit. Das wahre Glück für mich liegt nicht in ewiger Jugend
und Nichtstun, sondern in Arbeit, Schaffen und Streben für andere;
habe ich für meine Mitmenschen gewirkt, dann habe ich auch für mich
gewirkt!«
Hatte er Recht? Ich glaube es!
Also stieg Wasobiowo auf den Rücken des Kranichs und dieser stieg mit
ihm empor zum azurblauen Himmel. Dann ging es über viele unbekannte
Länder und Städte, durch das Land der Riesen und der Zwerge, der
Einbeiner und der Dreiäugigen und durch viele andere wunderbare
Länder; überall hörte und sah Wasobiowo das Leben und Treiben der
Bewohner und lernte vielerlei Dinge und Weisheiten.
Endlich aber kam er wieder in Japan an. Alle Leute staunten ihn an,
sein Name war fast vergessen, denn nicht weniger als siebenhundert
Jahre war er fort gewesen, aber der Aufenthalt auf Horaisan hatte auf
seinen Körper solchen Einfluß gehabt, daß es ihm nicht ging wie
Urashima, dem Fischer, sondern daß er bei Gesundheit und Kräften war,
als wäre er nur wenige Tage abwesend gewesen. Von allen Früchten, die
er aus dem Lande des ewigen Glückes mitgenommen hatte, brachte er nur
noch eine Orange mit. Diese pflanzte er im Garten und sie trug
tausendfältige Frucht und von ihr stammen die heute in Japan
wachsenden Orangen.
Wasobiowo lebte noch viele, viele Jahre als weiser und zufriedener
Mann und erzählte oft von seinem Aufenthalte auf Horaisan und von
seiner Reise auf dem Kranich.
[Buntbild]
Seinem Angelvergnügen aber blieb er bis ins späte Alter treu und fuhr
noch oft des Abends aufs Meer hinaus. Von einer dieser Ausfahrten
kehrte er nicht mehr zurück. Sein gekentertes Boot wurde später, auf
hoher See treibend, aufgefunden. Von Wasobiowo jedoch war nirgends
eine Spur.
Ob er wieder nach Horaisan zurückgekehrt war?
Sein Andenken wird in Japan hoch in Ehren gehalten als des einzigen
Mannes, der Kunde von Horaisan brachte und die Orange von dort nach
Japan verpflanzte.
Im Munde des Geschichtenerzählers, in Wort und Schrift lebt die
wunderbare Reise Wasobiowos fort und in vielen Tempeln, in Büchern und
Symbolen findet man ihn dargestellt, wie er auf dem Kranich sitzend,
über das Meer getragen wird.
[Anmerkung 1: Horai = Elysium; nach einer Erklärung von R. Lehmann
Name eines fabelhaften Berges im Meere, wo die frommen Einsiedler
in ewiger Jugend wohnen. san = Glückberg. Horaisan in sinngemäßer
Uebersetzung: Land des ewigen Lebens.]
[Anmerkung 2: Fu = Vater, Fusan = Vaterberg oder Vater der Berge,
nicht zu verwechseln mit dem Fujisan in Japan.]
[Verzierung]
[Verzierung]
Die Wünsche des Steinhauers.
Es lebte einmal ein Steinhauer, der mußte sich im Schweiße seines
Angesichts plagen; denn sein Handwerk war ein schweres. Doch da seine
Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, daß er ohne Sorgen
und zufrieden leben konnte.
Seine Arbeitsstätte war am Fuße eines hohen Felsens, von dem er Steine
losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu
Türschwellen oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen
nun hauste ein alter Berggeist, der, wie die Leute erzählten, die
Wünsche derjenigen, denen er wohlwollte, erfüllte. Eines Tages hatte
der Steinhauer einen großen Gartenstein bei einem reichen Bürger
abgeliefert und gesehen, wie wohl der es sich sein lassen könne. Als
er an seiner Arbeitsstätte schweißtriefend wieder angekommen war und
den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit fortzusetzen, da
erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschützt und wohllebend,
daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemühen brauchte wie
er, der Steinhauer. »Ach,« seufzte er, »wer es doch auch so gut haben
könnte!«
»Dein Wunsch sei dir erfüllt! Gehe heim!« erschallte plötzlich eine
dumpfe Stimme, die aus der Höhe zu kommen schien.
Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung
bei, sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem
Gerede gehört, wonach hier ein Geist hause, der Wünsche erfülle, doch
glaubte er nicht daran, sondern war der Meinung, daß ihn irgend ein
Schalk, der seine Stoßseufzer gehört habe, äffen wolle.
Während der Arbeit ließen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein
besonders heißer Tag war, so machte er früher als sonst Feierabend,
lud sein Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er
bei seiner Hütte ankam! Diese war verschwunden; an ihrer Stelle stand
ein gar stattliches Haus, mit allem eingerichtet, was zu einem
sorgenlosen, behaglichen Wohlleben nötig war.
Nun sah er, daß tatsächlich beim Felsen ein guter Geist wohnen müsse,
der seinen Wunsch gehört und erfüllt habe.
Sehr erfreut und ganz glücklich warf er sein Handwerkzeug beiseite und
ging in das Haus. Ein gutes Essen stand bereit, ebenso war ein warmes
Bad vorbereitet, auch fehlten nicht gute Kleider und weiche Polster.
Sein Wunsch war nun erfüllt und er gab sich ganz dem guten Leben hin,
das er sich gewünscht hatte. Bald kam ihm sein früherer Beruf als ein
böser Traum vor und er wunderte sich oft, wie er hatte so lange
zufrieden sein können.
Aber wie es so geht und wie ein Sprichwort sagt: »Auf einen Wunsch
folgen mehrere« oder »wer Macht hat, will größere Macht«, so ging es
auch dem Steinhauer.
Einmal saß er an einem heißen Sommertage, sich fächelnd, auf der
Veranda seines Hauses, als in einer Sänfte ein Fürst vorübergetragen
wurde; eine Anzahl Diener schritt rechts und links von der Sänfte; sie
trugen große, prachtvolle Fächer, mit denen sie dem Fürsten Kühlung
zufächelten. Ein großes Gefolge begleitete ihn und alle Menschen
warfen sich zu Boden und grüßten in dieser Weise den Fürsten.
Da ward der Steinhauer mißmutig und sagte: »Ja, der Fürst hat es gut,
der braucht nicht zu Fuß zu gehen, braucht sich nicht eigenhändig
Kühlung zuzufächeln und alle Welt verneigt sich vor ihm. Wenn es
ginge, möchte ich auch so ein Fürst sein!«
Kaum hatte er dies gesagt, da ertönte wieder die Stimme: »Du hast es
gewünscht, drum sei es!«
Jetzt war er ein Fürst. Verschwunden war das schöne Häuschen, dafür
stand ein herrlicher Palast an der Stelle; zahlreiche Diener liefen
hin und her und kamen jedem seiner Befehle nach. Er wurde in einer
Sänfte umhergetragen, Diener in kostbarer Kleidung fächelten ihm
Kühlung zu und alle Welt verneigte sich vor ihm. Anfänglich machte ihm
diese neue Veränderung viel Vergnügen, bald aber ward er des ewigen
Einerleis überdrüssig und dachte darüber nach, wie er noch besseres
ersinnen könnte. Und als er sah, wie die Sonne so glühend brannte, wie
ihre Strahlen Leben spendeten, zugleich aber auch Feld und Flur
verbrannten, ja ihn selbst nicht schonten, sondern sein Gesicht trotz
Sänfte, Schirmen und Fächern bräunte, da glaubte er, daß die Sonne das
allgewaltigste Ding sei, dem nichts unerreichbar wäre, und so rief er
aus: »Wenn's möglich wäre, möchte ich die Sonne sein!«
»Du sollst sie sein!« rief die Stimme und sogleich stand unser
Steinhauer oben am Himmel als Sonne und schleuderte mit dem größten
Vergnügen seine Strahlen nach allen Seiten, verbrannte das Gras auf
den Wiesen, die Ernte auf den Feldern, ja zündete sogar Wälder an.
Kurz, er trieb im Übermute seiner Macht allerhand Allotria wie ein
Kind mit einem neuen Spielzeug. Wie dieses aber bald des Spieles
überdrüssig wird, so auch der Steinhauer und als sich ihm eine Wolke
in den Weg stellte und seinem Treiben Einhalt gebot, indem sie
verhinderte, daß die Strahlen die Erde trafen, da wurde er bitterböse
und schrie:
»Was, die winzige Wolke hindert mich an meinem Spiel? Dann ist sie ja
mächtiger als ich, die Sonne. Da möchte ich denn doch lieber die Wolke
sein!«
»Es sei!« hörte er die Stimme zu sich herauftönen.
Jetzt schwebte er als Wolke zwischen Erde und Sonne und freute sich
der Sonne einen Schabernack spielen zu können, indem er ihre Strahlen
auffing. Jetzt sah er auch, wie infolge des Schattens, den er auf die
überhitzte Erde warf, alles zu grünen und blühen begann. Dazu gehört
auch Wasser, dachte er, und öffnete seine Schleusen. Hei, wie das
prasselte und plätscherte! Er freute sich königlich über das Treiben
auf der Erde, wie die Menschen rannten und sich zu schützen suchten,
wie die Vöglein sich verbargen und wie die Bäume sich beugten unter
der Last des prasselnden Regens. Und immer mehr ließ er es regnen,
nicht mehr in kleinen Tropfen, nein, in zerschmetternden Güssen, so
daß die Bäche und Flüsse die Wassermenge nicht zu fassen vermochten
und über die Ufer traten. Alles Land wurde überschwemmt, Bäume
entwurzelt, Dämme fortgerissen und von den Bergen stürzten die Wasser
in donnernden Kaskaden hernieder, alles sich ihnen in den Weg
Stellende mit sich reißend. Nur ein einsamer Fels stand ruhig und
fest, ihm vermochte das rasende Ungewitter nichts anzuhaben; stolz
ragte sein Haupt bis nahe zur Wolke empor und die Steinhauer-Wolke
glaubte sogar ein spöttisches Lachen zu hören. Das ergrimmte ihn noch
mehr und in äußerster Wut sandte er einige Blitze auf den Felsen und
goß über ihn den Rest seines Wassers aus. Aber es half alles nichts;
der Fels wankte und wich nicht und endlich mußte die Wolke erschöpft
ihr Wüten einstellen.
»So will ich denn ein Felsen sein!« lautete nun sein Wunsch und wieder
rief ihm die Stimme Erfüllung zu.
Jetzt war er der Fels, stand stolz und selbstbewußt da und freute sich
seiner unbegrenzten Macht. Nicht die Strahlen der Sonne, nicht der
strömende Regen konnten ihm etwas anhaben. Jetzt glaubte der
Steinhauer sein Ziel erreicht zu haben und der Mächtigste dieser Erde
zu sein; denn niemand vermochte ihm Schaden zuzufügen oder ihn von
seiner Stelle zu bewegen.
Niemand!
Wirklich niemand?
Die Freude währte nicht lange; eines Morgens hörte er an seinem Fuße
hämmern und kratzen und als er hinunterschaute, da sah er ein winziges
Menschenkind mit Keil und Hammer bewaffnet, Stück für Stück vom Felsen
losschlagen.
»Wenn das so weiter geht«, brummte er, »bleibt ja nichts von mir
übrig. Sollte man es für möglich halten? Was alle wütenden Elemente
nicht vermögen, das tut so ein kleiner Knirps von einem Menschen. Das
darf nicht sein, da will ich lieber dieser Mensch sein.«
»So sei, was du vordem warst!« ertönte die Stimme des Berggeistes.
Und der Fels wurde wieder zum Steinhauer, der vom frühen Morgen bis
zum späten Abend mühsam die Steine aus dem Felsen brach und zufrieden
und glücklich war mit dem, was er hatte.
Er war von seinen Wünschen geheilt und hatte einsehen gelernt, daß in
jedem Stande und in jedem Berufe etwas zu wünschen übrig bleibt, weil
es auf dieser Erde nichts Vollkommenes gibt.
[Abbildung: Japanischer Glücksgott.]
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