Hotaru.[1]

In einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine

Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.

Die letztere, »Klein-Hotaru« genannt, war ein gar liebliches Geschöpf.

Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem großen Lotosblatte

spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war.

Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche

wohnten. War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses

strahlte ein so himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond

sich beschämt verstecken mußte.

Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht

ausbleiben, daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte

sich ihr niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln

saß, blieb sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen

Freier erblicken. Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab

es ein munteres Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann

flatterte, schwirrte und surrte es; dann kamen sie alle, die die

schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da waren Falter, Käfer, Bienen,

Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war vertreten und zeigte seine

Künste, um Gnade vor Hotaru's Augen zu finden. Diese aber blieb

unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so umschwärmt zu

werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein anfänglich großen

Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende Zudringlichkeit

lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für sich,

in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie

beschloß sich all der Freier zu entledigen.

Deshalb sagte sie zu ihnen:

»Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden

will, muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie

das meine!« Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell

auf den Weg ein solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein

jeder wollte der erste sein, um Hotaru sicher zu erringen.

Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr

als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein

Flügel zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von

einem Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren,

kurz, es war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich

ein Ende nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.

Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu

erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der

erste, der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein

Zimmer, wo ein Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß,

stieß und verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder.

Trotz der Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht

auf und war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen;

aber, o weh! die Flamme versengte seine Flügel und zisch -- zisch --

der Falter war tot.

So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des

Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen

sogar den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue

Scharen durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und

Hotaru heimführen zu können.

Von all dem erfuhr auch Hitaro[2] und dachte bei sich, wenn so viele

Freier um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß

sie sehr schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg

um Hotaru zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt

von der Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt,

daß er schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler

schickte, der um ihre Hand anhalten mußte[3] und sie auch zugesagt

erhielt, umsomehr, als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn

er hatte ja ein ebenso liebliches Lichtlein wie sie selbst und war

überdies ein schmucker Bursche. Nachdem so alles in Ordnung war, wurde

die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Sie lebten glücklich und

zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen eine zahlreiche

Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der eines dieser

Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen müsse, wurde

hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als Familiengesetz.

Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren

und sich die Flügel verbrennen: »Das war Hotarus Freier« oder auch:

»Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.«

[Anmerkung 1: Hotaru = Johanniswürmchen.]

[Anmerkung 2: Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn

= Leuchtkäfer.]

[Anmerkung 3: Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung

durch einen dritten -- Vermittler -- erfolgt. Unschicklich wäre

es, wollte der Freier es selbst tun.]

[Verzierung]

Japanische Märchen · 第 8 / 10 题