In einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine
Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.
Die letztere, »Klein-Hotaru« genannt, war ein gar liebliches Geschöpf.
Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem großen Lotosblatte
spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war.
Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche
wohnten. War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses
strahlte ein so himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond
sich beschämt verstecken mußte.
Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht
ausbleiben, daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte
sich ihr niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln
saß, blieb sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen
Freier erblicken. Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab
es ein munteres Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann
flatterte, schwirrte und surrte es; dann kamen sie alle, die die
schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da waren Falter, Käfer, Bienen,
Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war vertreten und zeigte seine
Künste, um Gnade vor Hotaru's Augen zu finden. Diese aber blieb
unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so umschwärmt zu
werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein anfänglich großen
Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende Zudringlichkeit
lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für sich,
in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie
beschloß sich all der Freier zu entledigen.
Deshalb sagte sie zu ihnen:
»Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden
will, muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie
das meine!« Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell
auf den Weg ein solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein
jeder wollte der erste sein, um Hotaru sicher zu erringen.
Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr
als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein
Flügel zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von
einem Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren,
kurz, es war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich
ein Ende nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.
Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu
erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der
erste, der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein
Zimmer, wo ein Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß,
stieß und verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder.
Trotz der Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht
auf und war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen;
aber, o weh! die Flamme versengte seine Flügel und zisch -- zisch --
der Falter war tot.
So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des
Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen
sogar den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue
Scharen durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und
Hotaru heimführen zu können.
Von all dem erfuhr auch Hitaro[2] und dachte bei sich, wenn so viele
Freier um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß
sie sehr schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg
um Hotaru zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt
von der Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt,
daß er schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler
schickte, der um ihre Hand anhalten mußte[3] und sie auch zugesagt
erhielt, umsomehr, als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn
er hatte ja ein ebenso liebliches Lichtlein wie sie selbst und war
überdies ein schmucker Bursche. Nachdem so alles in Ordnung war, wurde
die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Sie lebten glücklich und
zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen eine zahlreiche
Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der eines dieser
Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen müsse, wurde
hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als Familiengesetz.
Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren
und sich die Flügel verbrennen: »Das war Hotarus Freier« oder auch:
»Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.«
[Anmerkung 1: Hotaru = Johanniswürmchen.]
[Anmerkung 2: Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn
= Leuchtkäfer.]
[Anmerkung 3: Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung
durch einen dritten -- Vermittler -- erfolgt. Unschicklich wäre
es, wollte der Freier es selbst tun.]
[Verzierung]