[Abbildung]
Es wollte einmal ein Jäger einen Affen fangen. Da aber die Affen sehr
schlaue Tiere sind, gelang es ihm lange Zeit nicht einen zu fangen.
Da fiel ihm plötzlich eine List ein. Er nahm eine große Schüssel,
füllte sie bis obenan mit Sake und stellte sie etwas entfernt vom
Rande des Waldes auf.
Der Affe hatte, hinter den Blättern eines Baumes versteckt, dem Jäger
zugeschaut und als dieser sich entfernt hatte, sprang er vom Baume und
wollte sehen, was in der Schüssel sei.
Er roch, daß es Sake sei.
»Aha!« dachte er, »ich soll den Sake trinken und wenn ich betrunken
bin, will mich der Jäger fangen. Aber ich bin klüger als er denkt und
werde von dem Sake nichts trinken.«
Damit ging er zurück, blieb aber nach einem Weilchen stehen; denn der
Sake roch doch zu lieblich und verführerisch.
»Was kann es schaden«, setzte er sein Selbstgespräch fort, »wenn ich
nur davon nippe und einige Tropfen genieße! Das macht noch lange nicht
betrunken. Nur vorsichtig muß ich sein und darf nicht zu viel
trinken!«
Zögernd ging er wieder zurück und näherte sich der Schüssel; dann
schlürfte er einige Tropfen, die ihm recht gut schmeckten.
»Ein wenig mehr kann nichts schaden!« dachte er weiter und nahm wieder
einige Tropfen zu sich.
»Ah, wie das wohl tut!« sprach er mit dem Sake liebäugelnd, »nur noch
einen kräftigen Schluck, dann aber sei es genug und fort von hier«.
Er nahm nun einen recht großen Schluck und lief dann zum Walde zurück,
aber am Rande blieb er stehen.
»Noch bin ich nicht betrunken,« meinte er, »und ich merke nichts
weiter als ein angenehmes Wohlgefühl. Zu stark scheint mir also der
Sake nicht zu sein oder ich kann mehr vertragen, als ich dachte.
Übrigens habe ich ja auch fast gar nichts getrunken; die Schüssel ist
noch nahezu voll. Also schnell nochmals hin und einen guten Zug
getan.«
Auch dies geschah; aber der Zug war so kräftig, daß nur noch ein
kleiner Rest in der Schüssel blieb, den der Affe überlegend
betrachtete und schließlich auch noch leerte; »denn dieser kleine
Rest,« so philosophierte er, »macht jetzt auch nichts mehr aus.«
So war die Schüssel leer geworden, aber Kopf und Wangen des Affen
waren voll; er konnte den Wald nicht mehr erkennen und wurde sehr
müde.
Er nahm daher die Schüssel, stülpte sie um und legte sie unter seinen
Kopf; dann schlief er ein, indem er noch dachte: »Was mag wohl aus
dieser Geschichte jetzt werden?«
Kaum war er eingeschlafen, so kam der Jäger, band ihn und trug ihn
nach Hause.
Als der Affe ausgeschlafen hatte, fand er sich in einem Käfig und
hatte fürchterliche Schmerzen im Schädel.
So geht es, wenn man lüstern ist und sich nicht zu beherrschen weiß.
Wer am Sake riecht, trinkt ihn dann auch.
[Abbildung]
[Anmerkung 1: Sake = Reiswein.]
[Verzierung]
Die Auster.
Auf dem Meeresgrunde lebte einmal eine Auster. Diese hatte, wie alle
Austern, sehr starke Schalen, die sie, wenn ein verdächtiges Geräusch
ertönte, jedesmal fest schloß; denn dann konnte ihr, wie sie glaubte,
nie etwas Böses geschehen. Die Fische im Meere beneideten sie deshalb
und sagten zu ihr: »Frau Auster, Ihr habt eine schöne Festung; wenn
Ihr sie schließt, seid Ihr sicher und könnt daher ein recht schönes
Wohlleben führen!«
»Es ist nicht weit her,« erwiderte die Auster bescheiden aber mit
Stolz; »wenn ich auch vor äußerer Gefahr sicher bin, so bin ich doch
nicht ohne Not; denn es ist gar zu langweilig das Leben!«
In diesem Augenblick gab es unter den Fischen eine große Unruhe und
das Wasser wurde aufgerührt, flugs schloß die Auster ihre Schalen und
dachte: »Ach, die armen Fische! Jedenfalls ist da wieder ein Netz oder
eine Angel. Ich bin nur froh, daß ich in meiner Schale sicher bin! Ja,
ja, man muß stets vorsichtig sein!«
Die Auster verhielt sich ganz ruhig; nachdem das Geräusch verstummt
war, wollte sie sehen, was geschehen sei und öffnete vorsichtig die
Schalen, aber o Schreck: An ihrer Schale hing ein Zettel, auf dem
stand: »Diese Auster kostet 2 _sen_!«[1]
Sie befand sich auf dem Ladentisch eines Fischhändlers.
Hieraus kann man lernen, sich nie in Sicherheit zu wiegen und nie vor
einer Gefahr die Augen zu schließen.
[Anmerkung 1: Ein _Sen_, jetzige japanische Münze = 2 Pfennig.]
[Verzierung]
Der Sperling mit abgeschnittener Zunge.
Es lebte einmal ein altes Ehepaar. Der Mann war stets mitleidsvoll und
erbarmte sich der Tiere. Er war ruhig und nie unzufrieden. Seine Frau
war gerade das Gegenteil von ihm, habgierig, unzufrieden und
rachsüchtig.
Eines Tages fand der Mann im Garten einen jungen Sperling, der sich
einen Flügel gebrochen hatte und deshalb nicht weiterfliegen konnte.
Den Mann dauerte das arme Tierchen, er nahm es daher vom Boden auf und
trug es behutsam in sein Haus. Dort verband er den verletzten Flügel
und bettete den Sperling in einen Vogelkorb, den er mit Watte
ausgepolstert hatte.
Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen ließ,
heilte der Flügel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder
fliegen.
Einige Tage später ging der Mann früh morgens in den Wald um trockene
Äste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat
der Mann sonst täglich, hatte es aber während der Pflege des Sperlings
ganz vergessen, so daß er, als er sah, daß es dem Vogel besser gehe,
sich endlich wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling
kein Futter hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurück zu sein.
Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hüpfte er aus dem
Körbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade
einen dicken Stärkekleister zurecht gemacht hatte. Den Kleister sehen
und seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu,
als es sich der Sperling schmecken ließ. Wütend darüber lief die Frau
ins Haus, holte eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt
ihm die Zunge ab und ließ ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: »Warte
ich will dich lehren, fremder Leute Kleister zu fressen!«
Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde
verschwunden.
Als der Mann mit seiner Holzlast zurückkam und die Alte, noch immer
wütend, ihm erzählte, daß der Sperling von ihrem Kleister genascht und
sie ihm zur Strafe dafür die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr
betrübt, setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme
Tierchen zu suchen. Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er
überall fragte: »Habt Ihr nicht einen Sperling mit abgeschnittener
Zunge gesehen?« Aber niemand hatte ihn gesehen, niemand konnte
Auskunft geben.
Endlich kam er an ein dich{tes Ge}büsch, vor dem ein hübscher kleiner
Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm entgegenhüpfte
und sich verneigte.
»Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast«, sagte er; »ich
habe beobachtet, daß du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater
ist gesund heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen
gekommen, um dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also,
bitte, komm und folge mir!«
Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhüpfenden
Sperling.
Nach einem Weilchen kamen sie an ein großes, schönes Haus, in dem
viele, viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den
der Alte gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein näher zu treten
und ließ ihn Platz nehmen. Er sagte: »Dir braven Manne zu Ehren habe
ich das heutige Fest veranstaltet. Nun iß und trink und laß es dir
wohl sein; ich werde dir zeigen, daß auch ein Sperling dankbar sein
kann!«
Als der Alte Platz genommen hatte, wurden ihm gebackene Fische,
Fleisch, Kuchen und allerlei Leckerbissen vorgesetzt, so viel und so
schön und gut wie er noch nie in seinem Leben gesehen, viel weniger
denn gegessen hatte. Dazu wurde eine herrliche Musik gemacht und
muntere Sperlingweibchen und Sperlingfräulein führten einen
kunstvollen Tanz auf. Kurz, der alte Mann kam aus dem Staunen garnicht
heraus und glaubte im Himmel zu sein, so schön erschien ihm dies
alles, ihm, der bisher zwar nicht gehungert, wohl aber kümmerlich in
Not und Sorge gelebt hatte.
Zum großen Leidwesen aller ging auch dieses schöne Fest, wie alles in
der Welt, einmal zu Ende und der Mann verabschiedete sich unter vielen
Dankesworten von den gastfreundlichen und dankbaren Sperlingen. Der
Sperling aber, den der Mann gepflegt hatte, führte ihn noch in ein
Zimmer und zeigte ihm zwei Lackkästen, der eine groß, der andere
klein, und sagte ihm: »Damit du nicht leer nach Hause kommst, wähle
dir einen dieser beiden Kästen zur Erinnerung an mich!«
Der Alte dachte, den großen zu nehmen wäre unbescheiden; »auch bin ich
alt und schwach und kann den kleinen besser tragen.«
[Buntbild]
Also wählte er den kleinen Kasten und nahm ihn auf den Rücken, indem
er dem Sperling nochmals für alles Gute und Schöne, das er gesehen und
genossen hatte, bestens dankte. Der Sperling begleitete ihn noch ein
Stückchen Wegs und als er sich von dem alten Manne am Rande des Waldes
verabschiedete, warnte er ihn, unterwegs den Kasten zu öffnen. Er
dürfe ihn erst zu Hause öffnen. Der Alte versprach es; während er nun
seines Weges dahinschritt, wurde der Kasten auf seinem Rücken immer
schwerer, so daß er ihn kaum zu tragen vermochte und mehrmals in
Versuchung kam, ihn abzusetzen und zu sehen, was darinnen sei; aber er
gedachte der Warnung des Sperlings und schritt tapfer weiter, bis er
endlich ganz erschöpft bei seinem Hause ankam. Hier empfing ihn seine
Frau mit Scheltworten und hieß ihn einen Nichtstuer und Herumtreiber.
Als der Mann ihr aber erzählte, wie es ihm ergangen sei, da wurde sie
sehr neugierig und beide öffneten den Kasten.
Man denke sich die Freude! Der Kasten war bis obenan mit Gold und
Edelsteinen und kostbaren Dingen gefüllt. Nun hatte alle Not ein Ende.
Der Alte mußte nochmals sein Erlebnis ganz genau erzählen. Als die
Frau hörte, daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe,
da wurde sie ganz bleich vor Ärger und Wut und schrie den Alten an:
»Du bist und bleibst ein dummer Kerl! Nein solche grenzenlose Dummheit
ist mir noch nie vorgekommen, einen kleinen Kasten zu nehmen, wenn du
einen großen erhalten kannst. Gleich trägst du den Kasten zurück und
holst den größeren!«
»Dann wäre ich wirklich dumm«, erwiderte der Alte, »das, was wir jetzt
haben, reicht für unser Leben aus, ja, es ist mehr als zuviel. Was
sollen wir mit noch größerem Reichtum. Ich bin vollständig zufrieden
und glücklich!«
Da wurde die Frau noch böser und rief: »Dann sei du es, ich will aber
den großen Kasten unbedingt haben und werde ihn mir selbst holen!«
Kaum hatte sie dieses gesagt, da war sie auch schon zum Hause hinaus
und auf dem Wege zum Sperlingsheim.
Am Gebüsch angekommen, stand wieder der kleine Sperling da.
»Führe mich zu deinem Vater!« herrschte sie ihn an.
»Komm!« erwiderte kurz der Sperling und hüpfte voran.
Im Sperlingsheim waren nur noch wenige Sperlinge anwesend. Der
Sperling, dem die Frau die Zunge abgeschnitten hatte, empfing die Frau
und sagte zu ihr: »Ich weiß schon, warum du kommst. Doch erst setze
dich und erhole dich von deinem Wege!«
Sie wurde ins Haus geführt und mußte sich setzen, dann brachte man ihr
allerlei Essen und Getränke in geschlossenen Schüsseln.
Als sie lüstern den Deckel von der ersten Schüssel hob, da sprang ein
Frosch heraus. Dann machte sie sich an die anderen Schüsseln, aber in
jeder war irgend ein Untier wie Kröten, Schlangen u. dgl. verborgen
und in den Trinkgefäßen war übelriechendes Wasser, so daß sie sich mit
Ekel und Entsetzen abwenden und hungrig aufstehen mußte. Hierauf wurde
sie in das Zimmer geführt, wo wieder zwei Kästen standen, der eine
groß, der andere klein. Ohne lange zu warten, ergriff sie den großen
Kasten, nahm ihn auf den Rücken und eilte davon. Der Sperling rief ihr
noch nach: »Öffne den Kasten nicht unterwegs!« »Schon gut, schon gut!«
schrie die Alte zurück, ohne sich aufzuhalten; denn sie konnte ihre
Begierde gar nicht verbergen.
Auf der Hälfte des Weges plagte sie die Neugier, sie mußte unbedingt
wissen, wieviel in dem Kasten sei. Ihre Neugierde und Habsucht ließen
es nicht zu, daß sie wartete, bis sie daheim war. An einer lichten
Stelle im Walde setzte sie den Kasten ab und vor Aufregung zitternd
hob sie den Deckel ab, um über den Reichtum herzufallen.
Aber mit furchtbarem Getöse flog ihr der Deckel aus den Händen und dem
Kasten entstiegen eine Unzahl schrecklicher Gestalten, Gespenster,
Geister, Teufel und Drachen und bedrohten die Frau, die vor Schreck
auf den Rücken fiel, dann aber emporsprang und schreiend davonlief,
die Schar der dem Kasten entsprungenen fürchterlichen Gestalten mit
Gebrüll hinter ihr her.
Die Frau lief, was sie laufen konnte, sie hielt sich dabei die Ohren
zu, um das entsetzliche Gebrüll nicht zu hören und jeden Augenblick
glaubte sie, die Krallen eines der Ungetüme im Nacken zu fühlen. So
rannte sie durch den Wald, stieß an Bäume und zerschlug sich die
Stirne, während die Zweige sie ins Gesicht peitschten und die Dornen
ihre Kleider, Füße und Hände zerrissen. Erst am Waldesrande wurde das
Getöse leiser und verstummte endlich ganz, als sie erschöpft,
zerschunden und zerschlagen vor ihrem Hause ankam, wo sie ohne
Besinnung zusammenfiel. Ihr Mann kam heraus, trug sie ins Haus und
pflegte sie. Als sie endlich wieder die Augen aufschlug und gesund
wurde, da war sie ganz umgewandelt, sie war still und geduldig und
sagte kein böses Wort mehr.
Darüber freute sich der Mann sehr und lebte mit seiner jetzt braven
Frau noch viele, viele lange Jahre, während deren beide von ihrem
Reichtum den Armen abgaben und Freunde und Beschützer der Tierwelt
wurden. Die Vögel und Tiere des Waldes kamen jetzt immer gern zum
Hause der alten Leute und fürchteten sich nicht mehr vor der bösen
Frau, die nun vollständig von ihren bösen Leidenschaften befreit war
und den Tieren gern Futter streute.
So erwies sich ein Sperling dankbar und besserte die Frau, die ihm die
Zunge abgeschnitten hatte, durch den furchtbaren Schreck, den sie nie
vergaß.
[Verzierung]
Die geplagte Krabbe.
In uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten, Häuser
bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem kleinen, sauberen
Häuschen eine Krabbe, dicht an einem Berge und zwar an dessen
Schattenseite, weil es dort nicht zu heiß wird, sondern immer hübsch
kühl und feucht bleibt, wie es die Krabben lieben. Diese Krabbe war
eine fleißige und tüchtige Hausfrau, die sich mit ihrer Hände Arbeit
mühselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr Häuschen stets in
Ordnung hielt und so von früh bis spät beschäftigt war. Eines Tages
nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause bequem
gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter wanderte,
ließ er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die Krabbe
hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Häuschen zu
schaffen. Dies hatte aber ein Affe beobachtet, der ebenfalls Appetit
auf Reis hatte. Er kam schnell herbei und schlug der Krabbe vor den
Reis zu teilen. Die gutmütige Krabbe war dazu gern bereit, aber die
Hälfte des Restes war dem Affen doch zu wenig, um seinen Appetit zu
befriedigen und so schlug er vor, die Krabbe solle ihm den ganzen Rest
des Reises geben, wofür er ihr eine Hand voll Kakikerne geben wolle.
Er hatte nämlich kurz vorher eine rote, saftige Kaki[1] gegessen und
die Kerne aufgehoben: Man sieht, der Affe war ein schlauer Patron und
dachte die Krabbe zu überlisten.
Die Krabbe ging auch auf den Tausch ein und nahm die Kakikerne in
Empfang, während der Affe den Reis empfing, den er sogleich verzehrte
und sich dann, die dumme Krabbe verspottend, lachend entfernte. Die
Krabbe war aber gar nicht so dumm als der Affe dachte; sie wußte sehr
wohl, warum sie den Tausch annahm. Nachdem sich nämlich der Affe
entfernt hatte, ging sie in ihren Garten, der sich vor ihrem Häuschen
befand, wählte dort eine schöne Stelle gerade am Eingange und pflanzte
dort die Kerne ein, dann trug sie Wasser aus dem nahen Bache herbei
und goß dieses auf die eingepflanzten Kerne. Dann sorgte sie
tagtäglich, daß der Platz ungestört blieb und hatte endlich die Freude
zu sehen, daß aus einem der Kerne wirklich ein Pflänzchen emporschoß.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem zarten Pflänzchen, dank der
Sorgfalt und Pflege, die die Krabbe darauf verwendete, ein recht
kräftiger Kakibaum, der auch bald schöne, saftige Früchte, so süß wie
Ame[2] trug, und dessen Zweige der Krabbe überdies reichlich Schatten
spendeten.
So verging eine geraume Zeit. Eines schönen Tages aber spazierte unser
Affe vorbei und sah mit großem Erstaunen den schönen Kakibaum voll
herrlicher Früchte. Er trat näher, begrüßte die Krabbe mit
ausgesuchtester Höflichkeit und fragte, wie dieser Baum hieher komme,
wo doch früher nicht einmal ein Strauch war. Die Krabbe erzählte mit
großer Befriedigung, daß der Baum aus einem der Kerne ersprossen sei,
die sie vor Jahren von dem Affen gegen den Reis eingetauscht habe.
»So, so!« meinte da der Affe, »dann wäre es ja eigentlich mein Baum
und die Früchte wären ebenfalls mein Eigentum!«
»Warum nicht gar!« rief entrüstet die Krabbe; »du hast die Kerne in
Tausch gegeben, ich habe sie also redlich erworben. Die Kerne waren
also nicht mehr dein Eigentum, denn du hast den Reis dafür genommen.
Überdies ist es nur meiner Arbeit und meiner Mühe gelungen, den Baum
großzuziehen, du hast also gar keinen Anteil daran.«
»Na, seid nur nicht gleich so bös!« entgegnete lachend der Affe, »ich
habe ja nur einen Scherz gemacht; oder dachtet ihr, ich würde euch den
schweren Baum fortschleppen? Aber, damit ich es euch sage, ich habe
gerade etwas Hunger und so einige schöne Kaki hätte ich gern wieder
einmal gegessen!«
Die Krabbe war schnell besänftigt, und da der Affe gar zu schön zu
bitten verstand, erlaubte sie es ihm, sich selbst einige Früchte vom
Baume zu holen, da sie nicht so gut klettern könne als er, der Affe.
Auch mußte dieser ihr versprechen die Hälfte der reifen Früchte ihr
herabzuwerfen, die andere Hälfte könne er dann verzehren oder
mitnehmen. Der Affe ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern
versprach der Krabbe ihren Wunsch zu erfüllen, und kletterte schnell
am Baum empor.
Kaum war er oben, als er an sein Versprechen nicht mehr dachte, er
suchte sich die schönsten Früchte aus und verspeiste sie in aller
Gemütlichkeit. Die arme Krabbe wartete und wartete, aber der Affe
dachte nicht daran, ihr auch nur eine Kaki hinabzuwerfen, so daß sie
ihn endlich an Erfüllung seines Versprechens mahnte. Der jedoch warf
ihr jetzt lachend nur die Kerne ins Gesicht und als die Krabbe darüber
ärgerlich wurde und den Affen einen Schwindler, Betrüger und Dieb
nannte, da riß er unreife und harte Früchte ab und schleuderte sie auf
die Krabbe, die sich dem Bombardement nur durch schleunigste Flucht
entziehen konnte.
[Abbildung]
Da sie nun einsah, daß sie auf diese Weise mit dem Affen nicht fertig
würde, dachte sie sich eine List aus und rief, indem sie langsam
zurückkehrte, als der Affe sich gerade seine Taschen mit den reifsten
Früchten gefüllt hatte:
»Nun laß es einmal genug sein des absonderlichen Spaßes; daß du werfen
kannst, habe ich gesehen. Man sagt aber auch, daß ihr Affen so schöne
Purzelbäume schlagen und am Schwanze hängend euch von Zweig zu Zweig
schwingen könnt, das kannst du sicherlich nicht!«
»Was kann ich nicht, du dumme Krabbe? Ich kann keine Purzelbäume
schlagen?« schrie ganz empört der Affe. »Da schau her, du dummes
Vieh!« Dies sagend, hing er sich am Schwanze auf, schwang sich über
verschiedene Zweige und machte die schönsten Bauchwellen an einem
kräftigen, glatten Aste. Darauf nun hatte die Krabbe nur gewartet;
denn beim Herabhängen und Schwingen waren natürlicherweise dem Affen
die Früchte aus den Taschen gefallen und rollten am Boden dahin,
wo sie die Krabbe schnell auflas und in ihr Häuschen in Sicherheit
brachte.
Als der Affe mit seinen Turnkunststückchen fertig war und siegesbewußt
der Krabbe einige Spottworte zurufen wollte, da merkte er, daß seine
Taschen leer waren und sah, wie die Krabbe soeben die letzte Kaki
auflas.
Voller Wut, sich überlistet zu sehen, war er mit einem Satze vom
Baume, warf sich auf die Krabbe, prügelte sie windelweich und ließ sie
halbtot liegen, dann machte er sich schleunigst davon. Die arme Krabbe
aber schleppte sich, als der Affe verschwunden war, mühselig und unter
großen Schmerzen zum Bache, wo sie ihre Wunden wusch und kühlte. Nun
hatte aber die Krabbe eine Freundin, nämlich eine Wespe, die in einem
alten, abgestorbenen Baume, der am Rande des Baches stand, wohnte.
Diese sah, wie die Krabbe ihre Wunden wusch; sie flog herbei und
fragte, was denn geschehen sei.
Die Krabbe erzählte ihr die Schandtat des Affen, worüber die Wespe
sehr empört war und beschloß den Affen zu bestrafen; sie flog zu
einigen anderen Freunden, erzählte denen die Geschichte weiter und
hatte es endlich auch soweit gebracht, daß zwei derselben, nämlich ein
Ei und ein großer, schwerer Reismörser sich mit ihr einig erklärten
den Affen zu bestrafen. Zunächst aber mußte die Krabbe erst wieder
gesund werden, weshalb die drei sie aufsuchten und in ihrem Leiden so
vortrefflich verpflegten, daß sie bald wieder ganz hergestellt war bis
auf eine kleine Lähmung im rechten Vorderbein.
Als nun die Krabbe wieder ausgehen konnte, wurde Kriegsrat gehalten.
Die Krabbe, die gutmütig war und mit dem Aufhören der Schmerzen auch
keine Rachegedanken mehr hatte, wollte jedoch von einer so strengen
Bestrafung, wie das Töten des Affen, das die andern vorschlugen,
nichts wissen. Schließlich einigte man sich dahin, daß, wenn der Affe
um Verzeihung bitte und verspreche nichts Böses mehr gegen die Krabbe
zu unternehmen, ihm verziehen werden solle; wenn nicht, müsse es ihm
ans Leben gehen.
Die Wespe erhielt den Auftrag diesen Beschluß dem Affen zu verkünden
und ihn aufzufordern, vor dem Hause der Krabbe zu erscheinen, um seine
Entschuldigung vorzubringen. Sie flog, sum, sum, in den nicht zu weit
entfernten Wald, wo der Affe wohnte, und hatte das Glück ihn
anzutreffen. Mit lautem Summen flog sie durchs Fenster ins Zimmer,
wo der Affe bei einem Fläschchen Sake[3] hockte[4].
»Was bringt ihr denn Gutes, Frau Wespe?« fragte er.
»Gutes oder Böses, wie ihr es nehmen wollt!« entgegnete die Wespe und
richtete ihren Auftrag aus. Der Affe lachte: »Eure Drohung verlache
ich, wie könnt ihr euch erdreisten mir mit dem Tode zu drohen, da
müssen doch erst andre kommen als ihr winzigen Geschöpfe.« »Seid nur
nicht zu übermütig«, sagte die Wespe, »so klein wir sind, haben wir
doch unsre Waffen!«
»Prahle nicht, dummes Vieh!« rief der Affe ärgerlich; aber kaum hatte
er das gesagt, so saß ihm die Wespe schon auf der Nase und versetzte
ihm einen recht kräftigen Stich. Brüllend vor Schmerz sprang er da auf
und schrie: »Ich komme, ich werde kommen!«
»Schön! das war dein Glück! Aber hüte dich vor schlechten Streichen,
du entrinnst uns nicht!« Mit diesen Worten flog die Wespe davon und
verkündete ihren Freunden daheim das Resultat ihrer Sendung.
Am andern Tage mußte die Krabbe sich noch krank stellen und sie legte
sich auf ihr Lager sich bis zum Kopfe zudeckend, der Mörser stellte
sich außen auf einen Vorsprung oberhalb der Tür, das Ei legte sich auf
den Herd und die Wespe setzte sich auf den Rand eines Wasserkübels,
der in einer dunkeln Ecke stand. So erwarteten alle vier den Affen. Es
dauerte auch gar nicht lange, so kam er ganz furchtsam angeschlichen.
Seine Nase war infolge des Wespenstiches furchtbar angeschwollen, das
sah so komisch aus, daß der Mörser sich vor Lachen schüttelte und fast
von seinem Platze gestürzt wäre, wenn er sich nicht schnell
festgehalten hätte. Der Affe sah sich sorgfältig nach allen Seiten um;
als er aber niemanden erblickte, kam er näher und spähte durch die Tür
ins Zimmer, wo er die Krabbe still liegen sah. Nun kehrte sein Mut
zurück und er trat keck ins Zimmer und begrüßte mit scheinheiliger
Miene die Krabbe, die ganz krank und elend tat und mit leiser Stimme
seinen Gruß erwiderte. Sie erwartete, daß der Affe seine Bitte um
Verzeihung vorbringen werde; dem war aber sein alter Übermut wieder
zurückgekehrt und er dachte gar nicht daran sich zu demütigen,
vielmehr erblickte er das Ei auf dem Herde, das er schnell ergriff,
indem er höhnisch lächelnd sagte: »Du also bist eins von denen, die
mir ans Leben wollen? Das darf nicht ungestraft dahingehen. Deine
Frechheit soll jetzt dich das Leben kosten und dabei sollst du mir
noch recht schön schmecken, denn Eier esse ich zu gerne!«
»Hüte dich, Affe,« rief warnend die Krabbe, »du weißt, was deiner
wartet, wenn du deine bösen Streiche nicht läßt!«
»Da sieh, wie ich deine und deiner sogenannten Freunde Drohung
fürchte!« sagte da der Affe und legte das Ei auf die glühenden Kohlen
um es zu backen. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße; denn als er sich
auf das Ei niederbeugte um zu beobachten, wie die Schale sich durch
die heiße Glut braun färbte, da platzte die Schale und die heißen
Stücke flogen ihm in die Augen und verbrannten ihm das Gesicht.
Um den Schmerz zu lindern, eilte er zum Wasserkübel; aber hier wartete
seiner die Wespe, die, als er sein Gesicht ins Wasser stecken wollte,
unbarmherzig auf ihn losstach, so daß er vor Schmerz heulend aus dem
Zimmer eilen wollte; doch, als er durch die Türe lief, sprang von oben
der Mörser herunter und hieb mit seinem Schlegel auf den Affen ein;
nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus; erstere setzte sich auf
das Genick des Affen und zwickte ihn, die Wespe zog ihr Schwert und
stach ihn tot. Auch das Ei hatte sich wieder erholt und schaute dem
Spektakel zu.
So straften die unscheinbaren Wesen den böswilligen Affen.
Daraus folgt, daß böse Taten immer ihren Lohn finden und daß man als
Rächer auch den Kleinsten nicht gering achten soll.
Nach dem Tode des Affen lebte die Krabbe noch viele, viele Jahre in
Ruhe und Zufriedenheit im Schatten des Kakibaumes und wenn man sie
auch nicht getötet hat, so lebt sie heute doch nicht mehr.
[Abbildung]
[Anmerkung 1: Kaki = Persimonpflaume. Diospyros Kaki hat in Japan
die Größe eines Apfels und ist sehr beliebt. Wird frisch gegessen,
auch getrocknet nach Feigenart.]
[Anmerkung 2: Ame (Ton auf dem e) = Weizengluten. Aus Weizen
bereiteter Sirup, dem Honig entsprechend.]
[Anmerkung 3: Sake = Reiswein.]
[Anmerkung 4: Bekanntlich sitzen die Japaner nicht auf Stühlen
sondern hocken auf dem Fußboden, wie verschiedene Bilder dieses
Buches zeigen.]
[Buntbild]
[Verzierung]
Der kluge Hase.
Eines schönen Tages schwamm der Fischkönig[1] in seinem Reiche
wohlgemut umher; es war ein wunderschöner Tag und die Sonne erhellte
das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er plötzlich vor sich
einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar appetitlich erschien und da er
gerade einen kleinen Hunger verspürte, so schwamm er auf den Wurm zu,
schnappte nach ihm und -- ein furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen
Körper, denn er saß an einer Angel, deren Haken ihm im Maule saß. Er
zerrte und zerrte, und nach heftigem Kampfe und unter großen Schmerzen
gelang es ihm endlich die Angelschnur zu zerreißen und in sein Schloß
zu schwimmen, wo er sich auf sein Lager warf und die Leibärzte rufen
ließ. Als diese am Bette des Fischkönigs standen, erzählte er ihnen
sein Ungemach, wie er an der Angel festgesessen und wie es ihm endlich
gelungen sei, sich durch Zerreißen der Angelschnur zu befreien und
sich davor zu bewahren, daß sein königlicher Leib gewöhnlichen
Zweibeinern, die man Menschen heiße, zur Speise diene.
»Aber der verdammte Haken,« schloß er seine Erzählung, »der sitzt hier
fest im Halse und mir ist es unmöglich ihn zu entfernen, ich leide
furchtbare Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich königlich
belohnen.« Da standen nun die Ärzte ratlos am Bette des Fischkönigs
und beratschlagten, was zu tun sei.
Der König wurde ärgerlich und ließ in seinem Reiche verkünden, wer ihm
den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit königlichen
Ehren versehen und reich belohnen.
Da ward eine große Bewegung im Wasser, von allen Seiten eilten die
Untertanen herbei, die Großen und Würdenträger bis zu den Kleinsten,
vom Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hörten die Botschaft,
aber sie schüttelten ihr Haupt, denn niemand wußte Rat, niemand konnte
sagen, wie man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches
entferne.
Da meldete sich endlich eine Schildkröte, die ganz im Hintergrunde
gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklärte sie, daß das
beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese müsse
man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann würde der Haken
durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der
Schildkröte zu, und auch den Ärzten, die den Rat mit angehört hatten,
erschien er gut.
Aber wo die Hasenaugen hernehmen? Der König entschied: »Wer ein
Hilfsmittel vorschlägt, hat auch für ein solches zu sorgen; geh also
Schildkröte und besorge mir die Hasenaugen oder du darfst dich in
meinem Reiche nicht mehr blicken lassen!«
»Gut!« sagte die Schildkröte, »ich werde Euch einen Hasen
herbeischaffen, die Augen müßt ihr Ärzte selbst ihm nehmen und mir
gestatten mich zu entfernen, da ich kein Blut sehen und riechen kann!«
Des waren alle zufrieden und die Schildkröte machte sich auf den Weg
und freute sich schon auf die großen Ehren und Geschenke, die ihr
zuteil werden würden, wenn es ihr gelinge den Hasen in des Königs
Schloß zu bringen. Sie kletterte also aus dem Wasser und wanderte
einem Hügel zu, auf dem, wie sie wußte, ein Hase sich niedergelassen
hatte. Sie hatte Glück; denn als sie mühsam den Hügel erklettert
hatte, sah sie den Hasen gerade beim Frühstück sitzen; er hatte einen
prachtvollen Krautkopf vor sich, an dem er knabberte. Als der Hase das
Geräusch der sich nähernden Schildkröte hörte, ließ er erschreckt den
Krautkopf fallen und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor, um
zu sehen, wer da komme. Da er aber sah, daß es nur die Schildkröte
war, beruhigte er sich und begrüßte sie. »Was verschafft mir denn die
Ehre Eueres Besuches, verehrte Frau Schildkröte?« fragte er.
»Nichts Besonderes, Herr Lampe!« antwortete die Schildkröte, vom
Klettern noch ganz atemlos. »Man hat im Reiche des Fischkönigs die
wunderschöne Aussicht gerühmt, die man von hier haben soll, und so bin
ich abgesandt, festzustellen, ob dies wirklich so ist. Ihr gestattet
doch, daß ich mich ein wenig umschaue!«
»Bitte, bitte!« erwiderte der Hase.
Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn, schaute nach hinten,
schaute nach rechts und schaute nach links, machte auch einige
Schritte bald nach dieser, bald nach jener Seite und tat, als ob sie
alles sorgfältig betrachtete, dann meinte sie: »So etwas besonders
Schönes kann ich nicht sehen, da hat man diese Gegend mehr gerühmt als
sie wert ist!«
»Ja, Frau Schildkröte,« entgegnete der Hase, »auf dieser Seite des
Hügels gibt es nichts Besonderes zu sehen, da müßt Ihr Euch schon auf
die andre Seite bemühen! Kommt, ich will Euch führen!«
»Was gibt es denn auf der andern Seite des Hügels?«
»Viel, viel Besseres als hier! Hier gibt es nur Wiesen und Weiden,
aber auf der andern Seite prachtvolle Kraut- und Rübenfelder, so
saftig, so delikat, eine wahre Wonne!« rief der Hase.
Die Schildkröte lachte und meinte: »Ihr seht die Sache mit dem
Magen anstatt mit den Augen. Doch bleibt nur, ich habe keine Lust,
Kraut- und Rübenfelder zu sehen, da lob ich mir doch das Land des
Fischkönigs, da gibt es alles Gute und Schöne, prachtvolle, kühle
Wälder, herrliche Wiesen, Täler, Höhen und Felder, auf denen die
Krautköpfe viel größer und saftiger sind als hier auf der trockenen
Erde. Und dann die Bequemlichkeit, keine Mühe und Anstrengung. Hier
mußte ich um zu Euch zu gelangen, mühsam klettern, so daß ich fast den
Atem verlor, während mich das Wasser überall hinträgt, wohin ich will.
Und dann die Ruhe und Sicherheit dort unten, da gibt es keine Menschen
und keine Jäger! Nein, wißt Ihr Herr Hase, Eure ganze schöne Gegend
und die ganze Erde kann mir gestohlen werden, ich lobe mir mein Reich
und will mich nur schnell wieder auf den Heimweg machen!«
»Hm, Hm!« machte der Hase und dachte ein Weilchen nach. »Hört mal,
Frau Schildkröte, Ihr habt mir Eure Gegend so schön geschildert, daß
ich wirklich Lust bekomme, sie einmal zu sehen; aber leider geht es
nicht, denn in dem verflixten Wasser kann unsereiner ja gar nicht
leben. Könntet Ihr mir nicht einen Krautkopf von da unten gelegentlich
mal schicken oder mitbringen?«
»Das geht leider nicht!« entgegnete die listige Schildkröte, die
bemerkte, daß der Hase Lust hatte in das Reich des Fischkönigs
mitzukommen. »Unsere Krautköpfe sind so groß, daß ich auch nicht einen
tragen kann. Aber, kommt doch mit mir. Das Wasser wird Euch keinerlei
Umstände machen, ob Ihr in der Luft oder im Wasser lebt, ist alles
gleich, das ist alles nur Gewohnheit!«
»Das mag gut und schön sein, aber ich kann nicht schwimmen!« sagte
betrübt der Hase.
»Das macht nichts!« rief die Schildkröte, die kaum noch ihre Aufregung
und Freude unterdrücken konnte, »wenn Ihr mit mir geht, will ich Euch
gerne aus reiner Freundschaft helfen und in unser Reich bringen. Ihr
steigt, wenn wir am Wasser angekommen sind, auf meinen Rücken, steckt
Eure Pfoten vorne unter mein Schild und haltet Euch so fest an. Ich
führe Euch dann sicher hinunter und, wenn es Euch nicht gefällt,
ebenso sicher wieder zurück!«
Der Hase traute der Geschichte doch nicht so recht, er hatte eine
furchtbare Angst vor dem Wasser, aber die Schildkröte stellte ihm die
Reise ganz ungefährlich dar und gab ihm schließlich sogar ihr
Ehrenwort, daß ihm das Wasser nicht das geringste tun werde.
Da war der Hase überwunden und er beschloß die Reise zu wagen. Als nun
beide am Rande des Wassers angekommen waren, stieg er auf den Rücken
der Schildkröte und hielt sich mit seinen Vorderpfoten am Schilde der
Kröte fest, die langsam ins Wasser ging. Dem Hasen wurde es doch
ungemütlich, als er das kalte Wasser fühlte und als es ihm sogar über
den Kopf ging, da schloß er ängstlich die Augen. Dann öffnete er sie
wieder und sah nun, daß das Wasser ihm wirklich keine Beschwerde
machte. Er war ganz entzückt von den Wundern unter dem Wasser, von
denen er bisher keine Ahnung hatte, er sah blühende Täler mit saftigen
Wiesen, grünende Felder, schimmernde Berge, bewachsen mit Rosen und
anderen Blumen, die er nicht kannte.
Und dann das Leben im Wasser! Tausende von Fischen umschwärmten ihn
und jubelten ihm zu. Da kamen auf einmal lange, schmale, zierliche
Fische angeschwommen, denen alle andern ehrerbietig Platz machten.
»Was sind das für Tiere?« fragte der Hase. »Das sind Diener des
Königs!« antwortete die Schildkröte.
Als diese Fische nahe waren, machten sie dem Hasen ihr Kompliment,
beglückwünschten ihn, daß er den Mut zu solcher Reise gehabt habe und
erzählten ihm, daß der König von seinem Besuche gehört habe und seinen
Mut bewundre. Der König wolle einen so mutigen Hasen sehen und lade
ihn in sein Schloß ein.
Der Hase war ganz stolz auf solche Ehre und nahm die Einladung an. Die
Fische kehrten um und schwammen voran, während die Schildkröte mit dem
Hasen folgte.
Im Schlosse des Königs angelangt, stieg der Hase von seinem Sitze und
wurde in das Krankenzimmer geführt, während die Schildkröte sich
einstweilen aus dem Staube machte.
Im Krankenzimmer waren nur die Ärzte um den König versammelt, die den
Hasen freundlich einluden auf einem prachtvollen Muschelsessel Platz
zu nehmen. Dann besprachen sich die Ärzte leise, wie man wohl am
leichtesten dem Hasen die Augen nehmen könne. Der Hase hatte aber gute
Ohren und so hörte er mit Entsetzen dieses leise Gespräch und obwohl
ihm die Haare klitschnaß am Leibe klebten, standen sie ihm doch
sogleich vor Angst zu Berge. Er verwünschte seine Neugier und
überlegte, wie er sich am besten aus dieser Schlinge ziehen könne, die
ihm die Schildkröte gelegt hatte. Endlich kam ihm ein Gedanke. »Hört,
Ihr Herren!« rief er, »ich hörte, daß Ihr von meinen Augen sprachet.
Was ist es damit, was wollt Ihr mit meinen Augen?«
Die Ärzte erklärten ihm in höflicher Weise die ganze Angelegenheit und
baten, daß er, um das Leben des Königs zu retten, seine Augen
freiwillig hergeben solle!
»Das ist aber dumm,« sagte der Hase, der tat, als ob er nachdenke und
seine Ohren hin und her bewegte, »ja, ja das ist dumm von der
Schildkröte, daß sie mir das nicht gleich gesagt hat, dann wäre Eurem
König jetzt schon geholfen. Ihr müßt nämlich wissen, Ihr hohen und
gelehrten Herren, daß wir Hasen vier Augen haben, nämlich zwei
natürliche und zwei aus Bergkristall gefertigte. Diese letzteren
tragen wir, um die natürlichen Augen zu schonen, so bei staubigem oder
Regenwetter, bei Sturm und Ungewitter. Da mir nun Eure Schildkröte
nicht sagte, weshalb ich herkommen sollte, so steckte ich meine
künstlichen Augen ein, weil ich glaubte, daß die natürlichen Augen,
mit denen ich auf dem Lande sehe, hier im Wasser mir wenig nützen
würden oder sogar beschädigt werden könnten. Diese natürlichen Augen
habe ich daheim verborgen und es wird mir eine große Freude sein, sie
Eurem König zu seiner Heilung anzubieten. Es bleibt nichts weiter
übrig,« fügte er scheinheilig hinzu, »als daß Ihr die Schildkröte
wieder ans Land schickt und meine Augen holen lasset!« »Ja, wird denn
die Schildkröte die Augen auch finden?« warf einer der Ärzte ein.
»Man muß sie fragen!« sagte ein anderer und so wurde die Schildkröte
wieder gerufen. Diese kam fröhlich herbei, denn sie glaubte nun sei
alles zu Ende und ihr Glück sei gemacht. Aber wie erschrak sie, als
sie den Hasen ganz munter, mit seinen Augen im Kopfe auf dem
Muschelsessel sitzen sah. Sie wußte nicht, was sie denken sollte und
war höchst erstaunt, daß sie Scheltworte zu hören bekam, anstatt Worte
des Dankes. Man machte ihr Vorwürfe, daß sie einem so liebenswürdigen
Herrn nicht gleich gesagt habe, was man von ihm wolle, sie habe
dadurch die Heilung des Königs verzögert.
»Das ist gut!« dachte die Schildkröte, »aber das kommt davon her, wenn
man Großen einen Dienst erweisen will. Wie man es auch macht, richtig
ist es nie!« Die Schildkröte wurde nun gefragt, ob sie sich getraue,
die Augen des Hasen zu finden und herzubringen, wenn der Hase ihr den
Ort genau beschreibe, wo er sie verborgen habe.
Aber die Schildkröte erklärte, daß sie es wohl übernehmen wolle, die
Augen zu finden; sie aber herzubringen, das sei für sie zu riskant,
denn sie verstehe es nicht, mit so empfindlichen Dingen, als die Augen
sind, umzugehen. Am besten sei es wohl, wenn der Hase sie selbst hole,
hin und her wolle sie den Hasen gern tragen. Das war es, was der Hase
gern wollte, er tat aber so, als ob das für ihn zuviel verlangt sei,
auch der König wurde ärgerlich und sagte:
»Ist es nicht genug, daß der Hase uns seine Augen anbietet? Sollen wir
einem so liebenswürdigen Herrn zumuten, auch noch selbst den Weg zu
machen, bloß weil Ihr Schildkröte zu lässig waret? Nein! machet Euch
sofort auf den Weg und seht zu, wie Ihr die Augen herbringt. Eure
Sache ist es, den Fehler, den ihr begangen, wieder gut zu machen!«
Der Hase, der Angst hatte, daß man ihn wirklich da behalten würde,
nahm sich zusammen und entgegnete:
»Verzeiht, edler König! Aber ich glaube Frau Schildkröte hat Recht.
Wenn sie die Augen auch findet, fürchte ich doch, daß sie damit nicht
richtig umgeht und sie verletzt, so daß sie für Euch ohne Nutzen sind.
Erlaubt also, daß ich die Schildkröte begleite und die Augen selbst
überreiche. Dieser kleine Weg ist keine Mühe, und selbst, wenn es Mühe
wäre, für Euch, edler König, um Euch zu helfen ist mir keine Mühe zu
groß!«
Alle waren erstaunt über solch großen Edelmut, sie schämten sich aber
auch zugleich, daß man den Hasen habe betrügen wollen, ihn, der so
großmütig war, den Weg nochmals zu machen, nur um dem König einen
Dienst erweisen zu können. Nach langem Hin- und Herreden wurde der
Schildkröte denn schließlich befohlen, den Hasen ans Land zu bringen
und ihn ungefährdet mit den Augen wieder zum König zu führen.
Die Schildkröte nahm also den Hasen, nachdem sich dieser höflichst
verabschiedet hatte, wieder auf den Rücken und trug ihn ans Land. Dort
angekommen, schüttelte der Hase das Wasser aus seinem Fell und sprach
zur Schildkröte:
»Du listiges Vieh, beinahe hättest du mich überlistet, aber meine List
war besser als die deine und Eure Dummheit größer als die meine. Wenn
du Hasenaugen brauchst, suche sie dir nur. Ich brauche die meinen
vorläufig noch für mich. Lebt also wohl und grüßet Euren König recht
schön von mir!«
Sprach's, sprang auf und eilte den Hügel hinan, die verdutzte
Schildkröte sprachlos zurücklassend.
Seit dieser Zeit geht der Hase einer jeden Schildkröte vorsichtig aus
dem Wege und die Schildkröte lebt seitdem bald im Wasser, bald auf dem
Lande, denn im Wasser fürchtet sie den Fischkönig und auf dem Lande
hofft sie noch immer ein Paar Hasenaugen zu finden.
[Anmerkung 1: Gemeint ist der Karpfen, der in Japan als Sinnbild
der Kraft und Stärke gilt, weil er gegen den Strom schwimmt und
selbst Wasserfälle und Stromschnellen überwindet.]
[Verzierung]
Maorigashima[1].
Maorigashima war einst eine blühende Insel, deren Bewohner glücklich
und zufrieden leben konnten, da alles, was man zum Leben braucht, die
Insel hervorbrachte. Auch gab es dort einen vorzüglichen Ton, aus dem
die Leute prachtvolle Töpfe und Schalen bereiteten, die hochbezahlt
wurden. Aus diesem Grunde herrschte auf der Insel Wohlstand und
Reichtum, arme Leute gab es dort überhaupt nicht.
Die Insel lag im Süden von Japan, nahe bei dem heutigen Formosa, ihr
Herrscher war Pairuno, ein gottesfürchtiger und gerechter Fürst, der
mit großer Betrübnis sah, wie der Reichtum und das Wohlleben die
Sitten seiner Untertanen verdarb, wie diese immer mehr sich der
Völlerei und dem Nichtstun ergaben und die Lehren der Götter
verachteten.
Alle Mahnungen und das gute Beispiel eines gottgefälligen, redlichen
Lebens des Herrschers vermochten nicht, die Bewohner von Maorigashima
wieder auf den Pfad eines ehrsamen Lebenswandels zurückzubringen; im
Gegenteil, die Laster nahmen überhand, selbst die Beamten, die sich
bisher noch immer in Schranken gehalten hatten, ergaben sich
schließlich dem lasterhaften Leben und vernachlässigten ihre
Pflichten. Als Pairuno sah, daß alle seine guten Lehren nichts helfen
wollten und daß ihm die Macht fehlte, gewaltsam eine Besserung der
Zustände herbeizuführen, weil ja die Beamten selbst ein zügelloses
Leben führten und nicht mehr gehorchten, wandte er sich an die Götter
und bat diese um Hilfe und Rettung.
Eines Tages war er wieder im Tempel in inbrünstigem Gebete versunken,
da hörte er eine Stimme, die ihm zuraunte:
»Das Maß der Sünden Maorigashima's ist voll und die Götter haben
beschlossen, die Insel mit allen Bewohnern zu vernichten. Du allein
bist ausersehen am Leben zu bleiben, um der Nachwelt den Untergang der
Insel zu verkünden, auf daß andre sich daran ein Beispiel nehmen.
Halte darum ein Schiff bereit, um, wenn die Stunde naht, dich dem
Strafgerichte zu entziehen, das die Götter über Maorigashima und seine
Bewohner verhängt haben. Weil du gerecht bist und die Götter ehrst,
sollst du die Stunde des Gerichts wissen. Wenn das Antlitz der
Tempelwächter, die als Bildsäulen am Eingang des Tempels stehen, rot
sein werden, dann schiffe dich ein und säume nicht; solange die
Antlitze ihre weiße Farbe behalten, hat es keine Gefahr!«
Pairuno dankte den Göttern für die Offenbarung und bat diese seinen
Untertanen bekannt geben zu dürfen, auf daß sich bekehren könne, wer
es wolle.
Die Götter bewilligten die Bitte und gaben Pairuno die Zusicherung,
daß ein Jeder, der sich freiwillig mit ihm einschiffe, verschont und
gerettet sein werde. Hocherfreut ging der Herrscher in seinen Palast
zurück. Er ließ alle Beamten rufen und verkündete ihnen, was ihm die
Götter offenbart hatten; auch gab er Befehl, dies dem ganzen Volke
bekannt zu geben.
Aber die Beamten und das Volk verlachten die Warnung und spotteten
über ihren Fürsten, ja einer der Beamten schlich sich eines Nachts
heimlich zum Tempel und beschmierte die Gesichter der Bildsäulen mit
rotem Ton.
Als Pairuno dies am Morgen sah, glaubte er die Stunde des
Strafgerichts gekommen und schiffte sich schnell mit den Seinen ein.
Er forderte das Volk auf sich zu retten und bat zu ihm aufs Schiff zu
kommen. Doch alle verlachten ihn und der Spötter, der in der Nacht die
Gesichter der Bildsäulen beschmiert hatte, gestand seine Tat
hohnlachend ein, indem er erklärte, daß nicht die Götter, sondern er
die Rotfärbung vorgenommen habe.
Aber Pairuno entgegnete ernst:
»Die Götter haben mir nicht gesagt, daß sie selbst das Weiß der
Angesichter der Tempelwächter in Rot verwandeln werden, sondern
sie haben mir nur gesagt, wenn das Antlitz rot sein werde, dann
sei die Stunde gekommen! Rot sind jetzt die Angesichter und an
den Worten der Götter soll man nicht drehen und deuteln. Wenn du
Spötter den Göttern vorgegriffen hast, umso schlimmer für dich!«
Damit gab Pairuno den Befehl vom Lande abzustoßen und in angemessener
Entfernung zu verharren. Kaum war das geschehen, da verfinsterte sich
die Luft, ein Brausen ertönte aus der Tiefe des Meeres, dessen Wellen
sich hoch auftürmten, und die Insel sank mit allem, was darauf war,
auf den Meeresgrund. Dann wurde es wieder licht, das Meer lag ruhig
wie immer, ein azurblauer Himmel lächelte, aber von der blühenden
Insel war nichts mehr zu sehen. Pairuno fuhr nach dem Festlande und
gab Kunde vom Ende Maorigashima's und seiner Bewohner.
Noch heute, wenn bei ruhigem Wetter und mondklaren Nächten Fischer
über die Stätte fahren, da die Insel einst gestanden, können sie tief
unten die Straßen und Häuser erkennen; manchmal geschieht es auch, daß
die Netze das eine oder andere Stück der früher auf Maorigashima
angefertigten kostbaren Töpferwaren, eine Vase, eine Schale oder
irgend einen Topf enthalten. Solche Gegenstände sind sehr begehrt und
werden hoch bezahlt, deshalb wird ein jeder Fischer glücklich
gepriesen, der ein solches Stück findet. Viele hat es schon verlockt,
nach solchen Gegenständen zu suchen, doch nur, wer reinen Herzens ist
und den nicht die Sucht nach Reichtum treibt, den lassen die Götter
einiges finden; alle übrigen aber müssen mit leeren Händen und oftmals
auch mit zerrissenen Netzen heimkehren.
[Anmerkung 1: Sprich: Maurigaschima. Diese Sage erinnert an die
»Vineta« Sage.]
[Verzierung]
[Verzierung]
Der Hase und der Dachs.
[Abbildung]
Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes
Ehepaar, das sich durch fleißige Arbeit redlich, doch kümmerlich
nährte. Der Mann ging täglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das
er verkaufte, und aus dem Erlös bestritt er den Lebensunterhalt.
Während der Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte
das Haus sauber.
Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines
weißen Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam
es zu einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen,
unterhielten sie sich freundschaftlich über dieses und jenes, denn zu
damaliger Zeit konnten die Tiere noch sprechen. An Feiertagen luden
sie sich auch oft zum Essen ein und machten sich einander Geschenke.
Nun hatte aber in der Nähe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs
seinen Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrämiger Kerl und
ein Geizhals dazu. Den verdroß die innige Freundschaft des Hasen mit
dem Menschen und er suchte die zwei auf alle mögliche Weise
auseinander zu bringen und zu entzweien. Aber alles, was er versuchte,
blieb vergeblich, alle seine Niederträchtigkeiten scheiterten an der
festen Freundschaft. Als nun eines Tages der Mann wieder den Hasen
besuchte, brachte er ihm auch einige Süßigkeiten mit, die die Frau
gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem Hasen unterhielt und ihm die
Süßigkeiten geben wollte, da hatte sich der Dachs hinzugeschlichen und
sie gestohlen. Da wurden beide recht ärgerlich und beschlossen, dem
Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben sich zu seinem Bau
und trafen ihn gerade dabei die Süßigkeiten zu verzehren. Der Mann
packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit einem recht festen
Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause.
Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: »Der Kerl hat sich
durch seine Niederträchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn
schlachten und dann zu Mittag verspeisen!« Mit diesen Worten hing er
den Dachs an einem oberen Querbalken in der Küche auf und ging
nochmals in den Wald, um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu
holen.
Die Frau nahm während dieser Zeit ihren Reismörser und begann Reis zum
Mittagessen zu stampfen. Während ihrer Arbeit hörte sie oben den Dachs
stöhnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, ließ sie
sich an ihrer Arbeit nicht stören und tat, als ob sie nichts gehört
hätte.
Doch der Dachs hörte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das
Mitleid der Frau erregen, weil er hoffte, sie würde ihn freilassen;
als er aber sah, daß alles Lamentieren nichts half, wurde er
nachdenklich und besann sich auf eine List, denn loskommen wollte er
wenigstens und sei es auch nur auf eine Minute. Die Dachse können sich
nämlich in jede Gestalt verwandeln, doch können sie das nur, wenn sie
im freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen sind. Gefesselt vermögen sie ihre
Kunst nicht auszuüben. Darauf baute er nun seinen Plan, um nicht nur
frei zu kommen, sondern sich auch zu rächen. Deshalb hörte er mit
seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit sanftmütigster Stimme zu:
»Aber, liebe Frau, was quälen Sie sich denn so sehr! Das Reisstampfen
ist für eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen Sie mich hinunter
und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!«
»Ich danke,« erwiderte die Frau, »bleibt nur hübsch da oben, denn
helfen würdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann könnten wir
Euch nicht zu Mittag essen und mein Mann würde zornig werden und mich
schlagen!«
»Aber seid doch nicht so ängstlich,« sprach der Dachs mit
einschmeichelnder Stimme, »schließt doch alle Fenster und Türen, dann
kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer
Mann braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hängt mich hier
wieder auf, wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur
Euch zu lieb, weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer
quälen zu sehen!«
Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, daß seine Worte
nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schöne Worte, so daß
die Frau -- einfältig, wie sie war, -- seinen Worten wirklich Glauben
schenkte und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fußboden und
frei, so stürzte er sich auf die Frau, tötete sie, nahm ihr die
Kleider fort und legte sie sich selbst an, sich so in die Frau
verwandelnd. Dann schnitt er von der toten Frau einige Stücke Fleisch
ab, warf diese in den Mörser und vermischte sie mit dem Reis. Die
übrigen Teile des Leichnams warf er hinter dem Hause auf einen Haufen.
Nun kochte er ein schönes Gericht und als der Mann zurückkam, bekam er
es zum Essen vorgesetzt. Der Mann glaubte natürlich, es sei seine
Frau, die den Dachs während seiner Abwesenheit geschlachtet hätte. Er
freute sich sehr darüber und das Essen schmeckte ihm vortrefflich, nur
wunderte er sich, daß das Fleisch etwas zähe und mager war.
Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente[1], auch etwas
zum Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles
aufgegessen hatte, zu diesem recht spöttisch:
»Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui über dich,
seine eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst,
und schaue, was hinter dem Hause liegt!«
Damit nahm er wieder seine Gestalt als Dachs an und rannte zum Hause
hinaus. Der Mann, aufs höchste erschreckt, eilte auch hinaus und
erblickte hinter dem Hause den zerstückelten Leichnam seiner Frau.
Er brach darüber in Tränen aus und war ganz untröstlich.
Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er tröstete
den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und
den Tod der Frau seines Freundes zu rächen.
[Buntbild]
Er nahm in der Küche etwas Miso[2] und mischte dieses mit gestoßenem
rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurück, wo er bald den Dachs
traf, der sich Spreu für sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm
das Bündel auf den Rücken und als der Dachs damit seinem Bau
zuwanderte, zündete der Hase es flink an. Da das Bündel recht fest auf
den Rücken gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel
es nicht eher herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war,
durchgebrannt war, natürlich war auch der Rücken des Dachses arg
verbrannt. Scheinbar hilfsbereit, sagte der Hase: »Jammere doch nicht,
wie ein altes Weib. Ich habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte
still und laß dich einreiben!«
Der Dachs biß die Zähne zusammen und der Hase machte sich daran, den
verbrannten Rücken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso
einzuschmieren.
Daß er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, daß
der Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeißen konnte und furchtbar zu
heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken
begannen.
Er erlitt höllische Schmerzen und schleppte sich mühselig in seinen
Bau, wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. »Hättest
du früher gewinselt, ginge es dir heute nicht _so_ schlecht!« rief ihm
der Hase zu, als er ihn verließ, um zu dem alten Manne zu eilen und
diesem von der Bestrafung des Bösewichts Mitteilung zu machen.
Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit
dieser Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses
als Sühne, denn er befürchtete mit Recht, daß, wenn dieser wieder
gesund sei, er noch weitere Rache nehmen würde. Dem Hasen leuchtete
dies ein und er machte einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu
bringen: Er baute also zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein
größeres aus Ton. Nachdem diese fertig waren, besuchte er den Dachs um
zu sehen, wie es ihm gehe. Bei diesem war inzwischen die Wunde etwas
geheilt, aber er litt furchtbaren Hunger, hatte er doch während seines
Krankseins nichts zu sich genommen. Als er den Hasen erblickte, freute
er sich, denn er glaubte wirklich, daß ihm die schreckliche Salbe
geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen. Der Hase
aber erwiderte: »Ich habe leider nichts hier, aber im Flusse sah ich
einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns fangen.«
Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwäche kaum gehen konnte,
schleppte er sich doch bis zum Flußufer, wo die beiden Boote lagen.
Der Hase fragte: »Welches willst du nehmen?« »Natürlich das große,«
entschied der Dachs, »ich bin einmal der Vornehmere und dann auch
schwerer als du, da würde mich das kleine Boot nicht tragen!«
Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, während der Hase,
zufrieden mit seiner List, in das kleine hölzerne Boot sprang.
Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch ließ sich
kein Fisch sehen, worüber der Dachs recht zornig wurde.
»Dort ist einer!« rief der Hase plötzlich. Als der Dachs sich
umwendete um nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder
und tat einen kräftigen Schlag nach dem andern Boote, das natürlich
sofort in Stücke sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser
und wollte sich durch Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem
Boote schnell hinter ihm her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei
jedem Schlage ausrufend: »Das ist für die ermordete alte Frau, das ist
für die ermordete alte Frau!«
So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot
war und von einigen großen Fischen, die gerade vorbeikamen,
aufgefressen wurde.
Nun war der Hase fröhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurück und
eilte zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen.
»Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gerächt!« rief
er schon von weitem und erzählte, im Hause des alten Mannes
angekommen, diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das
Boot zerschlagen und endlich den Bösewicht getötet habe, der nachher
von den Fischen gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer
noch Furcht hatte, daß der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid
zufügen werde, wieder frohen Herzens. Er lud den Hasen ein mit an das
Grab seiner Frau zu kommen.
Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau
noch lebe:
»Liebe Frau! Du bist jetzt gerächt. Der Dachs, unser Widersacher ist
tot, getötet von meinem Freund, dem weißen Hasen, hier neben mir. Wir
können jetzt ohne Sorge sein, der Bösewicht wird uns nicht mehr
schaden!«
Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen[3] und
ging mit dem Hasen in das Haus zurück. Hier bereitete er diesem ein
Essen, so gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu
beweisen.
Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu
wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er könne
nicht schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er könne nur
schlafen im Freien unter dem Dache des Himmels.
So mußte sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein
wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in
den Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen über alle
möglichen Dinge, ihr Hauptgespräch aber bildete der Dachs, der durch
seinen Neid und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe.
War das Wetter schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und
brachte ihm stets schöne Früchte mit.
So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft
noch viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, weiß man nicht; aber
der weiße Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzählt, und
diese sie wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag,
wo sie niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen
werde und sich ein Jeder erinnere, daß man sich selbst straft, wenn
man mißgünstig die Freundschaft anderer stören will.
[Anmerkung 1: In den japanischen Familien ist es noch vielfach
Sitte, daß der Mann allein ißt und von seiner Frau bedient wird.
Sind Kinder vorhanden, so ißt der Mann mit den Söhnen zuerst, die
Frau mit den Töchtern später.]
[Anmerkung 2: Miso = Aus Bohnen, Hefe und Salz bereitete dickliche
Brühe.]
[Anmerkung 3: Japanische Sitte. In Japan wird jedes
Familienereignis, Geburt, Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen
der Familie verkündet.]
[Verzierung]
[Verzierung]
Schlauheit schützt nicht vor Täuschung.
Im japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen Fugu[1]
hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen und sich
zubereitet. Schließlich kamen ihm aber doch Bedenken und er warf
zunächst ein Stückchen seiner Katze hin. Diese ergriff es und eilte
damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu sehen, ob es ihr etwas
schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen gekrochen und kam
nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor.
Nun dachte der Mann, daß die Katze das Stück Fisch ohne Schaden zu
sich genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen
Fisch, der für giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern
unbedenklich verzehre, dann könne er es auch tun; er setzte sich hin
und aß mit großem Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war
wirklich ein schlaues Tier; denn auch ihr waren Bedenken gekommen und
sie hatte deshalb das Stück Fisch vorläufig versteckt um erst zu
sehen, ob ihr Herr vom Fische genieße. Als sie nun sah, daß er ihn mit
gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie zurück und ließ es sich
schmecken. Aber die Folgen blieben nicht aus. Das Gift fing bald an zu
wirken und Herr und Katze starben unter großen Qualen. So sieht man,
wie sich selbst der Schlaueste manchmal täuschen läßt.
[Anmerkung 1: Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der
Tetrodon gehörig; das Fleisch dieses Fisches ist giftig und
daher ungenießbar. Er wird nur gefangen um als Düngemittel
verwendet zu werden.]
[Verzierung]
[Verzierung]
Der bedächtige Reiher.
Ein Reiher spazierte am frühen Morgen im Teiche gravitätisch auf und
ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er plötzlich einen
zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlängeln; auch ein
munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich hüpfte ein Frosch
auf ein großes Lotosblatt und stimmte seinen Morgengesang an.
»Hei!« dachte der Reiher, »das ist reiche Beute! Aber welchen von den
dreien nehme ich zuerst?«
Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber während er überlegte, hatten
die drei Tierlein ihren gefährlichen Feind erblickt.
Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein
tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im
tiefsten Schlamm.
Da stand nun der Reiher, als er sich entschieden hatte, wieder einsam,
die sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen.
Er steht noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer.
So geht es allen zu Bedächtigen, die über dem Überlegen das Handeln
vergessen.
[Abbildung]
[Verzierung]
Belohnte Kindesliebe.
Vor ungefähr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und Harima
gelegenen Provinz Mino nahe beim Städtchen Tarni ein Holzhacker, der
nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und mußten täglich ins
Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot mühsam und spärlich zu verdienen.
Solange beide gesund und kräftig waren, gelang es ihnen auch ihren
Lebensunterhalt zu gewinnen. Aber der Vater wurde immer älter und
immer steifer und ungelenkiger wurden seine Glieder, sodaß schließlich
der Sohn allein in den Wald gehen mußte, während der Alte daheim
blieb. Dem jungen Manne machte dies keine große Sorge; kräftig und
rüstig, wie er war, arbeitete er umso fleißiger und war glücklich,
wenn er außer der täglichen Nahrung noch einige Sen[1] mehr verdient
hatte, um seinem alten Vater ein Fläschchen Sake[2] kaufen zu können,
den dieser leidenschaftlich gern trank und der ihm auch wohltat und
ihn kräftigte.
Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis
spät in den Frühling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar,
sodaß der junge Holzhauer nur einen kärglichen Verdienst fand und
daher oftmals seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte.
Darüber war er natürlich sehr traurig und betete oft zu den Göttern,
sie möchten doch dem harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit
Hilfe senden. Eines Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last
Holz in die Stadt bringen können, und der Erlös reichte nicht einmal
zu dem Nötigsten, geschweige denn zu einem Fläschchen Sake für den
Vater. Obgleich ihm der Sakehändler gern auf Borg gegeben hätte,
wollte der junge Mann davon nichts wissen, denn er gedachte des
Sprichworts: »Schulden sind schlimmer als Motten im Pelz!«[3]
So ging er denn betrübt heim und dachte während seines Weges nur
darüber nach, wie er seinem Vater eine Stärkung verschaffen könnte.
Am Fuße des Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen
auszuruhen, aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so
wandte er sich wieder in inbrünstigem Gebete zu den Göttern.
Da hörte er plötzlich ein seltsames Rauschen, Dampf stieg an der Seite
des Berges auf und ein eigentümlicher Geruch, fast wie erwärmter Sake,
erfüllte die Luft. Schnell war die Müdigkeit des jungen Mannes
verschwunden, er sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf
aufstieg.
Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen?
Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer
Quell hervor und hüpfte in lustigen Sprüngen dem Tale zu. Der junge
Mann schöpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und
kostete es. Welch' eigentümlicher Geschmack! So etwas hatte er noch
nie getrunken. »Das ist ein Geschenk von Euch, o Götter!« rief er aus
und füllte, nachdem er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine
Reiseflasche mit dem kostbaren Naß.
Frohgemut und seiner Sorge ledig, eilte er nun seinem Heime zu, wo er
seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch
wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fühlte neue Kräfte in
seinen Körper einziehen; ja, am nächsten Tage fühlte er sich schon so
weit gekräftigt, daß er aufstehen und, auf seinen Sohn gestützt, zur
Quelle wandern konnte. »Sollte diese Gabe der Götter nur zum Trinken
sein?« fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser
ein Bad zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, daß nach dem Bade
seine Gliederschmerzen nachließen.
Tagtäglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach
kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, daß er seinen Sohn
wieder in den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte;
infolgedessen waren beide von aller Sorge befreit und konnten
zufrieden und glücklich leben.
Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natürlich
schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um
Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde
von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der
Richtigkeit überzeugt hatte, ihr den Namen Yoro[4] geben ließ, ja,
er nannte sogar die Zeitepoche von der Entstehung der Quelle
»Yoro-Zeit.«[5]
Die Quelle -- eine Mineralquelle -- hat ihre Heilkraft bis auf den
heutigen Tag behalten.[6]
[Anmerkung 1: Japanische Kupfermünze heutiger Währung = 2 Pfg.]
[Anmerkung 2: Reiswein.]
[Anmerkung 3: Japanisches Sprichwort. Es ähnelt dem deutschen
»Borgen macht Sorgen!«]
[Anmerkung 4: Yo = Kraft, Stärke, Pflege, ro = das Alter, Yoro
= Kräftigung oder Pflege des Alters.]
[Anmerkung 5: Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die
Jahreszahl nicht ununterbrochen fortlaufend zu führen, sondern in
Zeitepochen, von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So
haben die Japaner jetzt nicht 1912 sondern das Jahr »45 Meiji«,
d.h. »Aera des wahren Friedens«.]
[Anmerkung 6: Der vollständige Name der Quelle ist: Yoronotaki
auch Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.]
[Buntbild]
[Verzierung]
Der bestrafte Tierquäler.
In Yedo[1] lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst sehr
gering war, sodaß er mit Not und Sorgen zu kämpfen hatte. Auf einem
Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger ausgestellt und als
er beobachtete, wie sich alles Volk in diese Bude drängte und der
Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er auf den Gedanken gleichfalls
auf den Märkten einen Tiger auszustellen.
Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte
er kein Geld. Er wußte sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er
ein Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und
nähte dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blöken seine
wahre Gestalt nicht verrate, band er dem Tiere das Maul zu.
Nun zog er auf die Messen und Märkte und hatte großen Zulauf, denn
solch einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen.
Da der Verkehr in seiner Bude vom frühen Morgen bis zum späten Abend
kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht
schmälern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb
zu füttern oder zu tränken, sodaß dasselbe nach einigen Tagen zu
Grunde ging.
Da kaufte er sich ein anderes Kalb und so weiter, bis er wohl an zehn
Kälber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Götter schlafen nicht
und rächen jede Unbill, die ihren Geschöpfen zugefügt wird.
Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein
klägliches Blöken ertönte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn
der Wahnsinn; er riß seine Kleider vom Leibe, umhüllte sich mit dem
Tigerfell und eilte in komischen Sprüngen und unter fortwährendem
Blöken auf die Straße. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn
mit Steinen und Unrat bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte
weder essen noch trinken und starb endlich eines elenden Todes.
Das war die Strafe der Götter für seine Tierquälerei.
[Anmerkung 1: Das heutige Tokyo.]
[Verzierung]
Rai-taro[1].
Raiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große
Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von
Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in den
Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern und die
Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm- und
Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben von
schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit
krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus
seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch
blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses
Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der
fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule
schlägt; zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall,
wo sie hinfällt, Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen
zerschmettert sie Berge und zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen
und Vieh zu Tode oder zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer
über den Schultern einen Sack, der vier Öffnungen hat und in dem die
Winde stecken. Hält er den Sack geschlossen, dann herrscht Windstille
auf Erden; aber die Schiffer auf dem Meere bitten ihn doch den Sack
ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute Fahrt haben. Macht Futen
eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein Gewittersturm heraus; wehe,
dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei Stellen öffnet, denn dann
kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen Bereich Kommende
vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan »Tai-fu« -- großer
Wind -- Orkan. -- Und nun will ich einmal von diesen beiden Unholden
ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß sie nicht immer
so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen.
Hoch oben an der Nordwestküste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt
das ewig weiße Haupt eines der höchsten Berge Japans stolz empor. Es
ist der Hakusan[2] auch »Shirayama« genannt.
Am Fuße dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens
Bimbo[3], er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich
zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder
sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch
in einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter
ab, da ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mühe hatte er
mit seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der
Erntesegen blieb oft aus.
[Abbildung]
Auch in diesem Jahre, da diese Geschichte beginnt, hatte er große
Sorgen, denn Tag für Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen
auf das Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wölkchen ließ
sich blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen
Reisähren hingen schlaff herab.
Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft,
warum der Himmel ihnen zürne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus.
Selbst das höchste Glück des Menschen, der größte Segen der Götter,
ein Kind, war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft
inbrünstig darum gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und
hatten jede Hoffnung aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder
verschönt zu sehen; sie hatten sich darein ergeben, ein einsames Alter
in Sorgen und Not zu haben; denn auch jetzt wieder schien die Ernte
durch den heißen, trocknen Sommer vernichtet zu werden.
Sehnsüchtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus,
ob sich denn nirgends ein Lüftchen rege und den segenspendenden Regen
bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und
betrübt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am
Horizonte ein leichter Schleier zeigte.
»Wind -- Sturm!« rief der Bauer freudig aus, »das bringt Regen!«
Er hatte sich nicht getäuscht.
Näher und näher wehte der Schleier, er zerriß in viele Fetzen, die
sich zu dunkeln Wolken formten, sich näherten und endlich zu einer
dichten Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises
Raunen, dann ein Flüstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die
Vögel und die Sänger des Waldes verstummten, nur krächzende Raben und
Sturmvögel durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen
den Bäumen, die angstvoll und bebend ihre Häupter senkten. Nun ging es
los das Stöhnen, Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Dröhnen und
wie ein Heer wilder Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein
Weib achteten nicht des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller
Freude, denn dieser Sturm bedeutete für sie Segen; Segen nicht nur der
Ernte, sondern noch einen andern Segen, den sie nicht erwarteten.
[Buntbild]
Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergoß sich das kostbare Naß des
Himmels auf die lechzenden Fluren und tränkte die ausgedörrte Mutter
Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzücken und drückte zufrieden die
Hand seines Weibes. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl
zwischen ihnen zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein
furchtbarer Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken.
Als sie aus ihrer Betäubung erwachten, hatte sich das Unwetter
verzogen und die Sonne lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur
hernieder. Aber Bimbo und seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu
ihrem größten Erstaunen lag neben ihnen ein hübsches Kindlein, ein
Knabe, genau an der Stelle, wo der Blitz in den Erdboden gefahren war.
Es lächelte gar lieblich und freundlich und streckte seine rosigen
Ärmchen den beiden hochbeglückten Alten entgegen.
Schnell hob Bimbo das Kindlein vom nassen Erdboden auf und barg es
schützend unter seinem Strohmantel[4]; dann eilte er mit seiner Frau
heim und bereitete dem Kinde ein warmes Lager.
Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjähriger
Wunsch erfüllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, für das
sie sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten.
Wie sollte der Name sein?
Darüber war Bimbo nicht im Zweifel.
»Das Kind hat uns Raiden geschenkt«, sagte er zu seiner Frau; »deshalb
wollen wir es Raitaro nennen!«
Und so geschah es.
Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz
anders geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein
Vergnügen daran mit den andern Kindern herumzutollen oder an ihren
Spielen teilzunehmen. Am liebsten begleitete er seinen Vater auf das
Feld oder tummelte sich allein im Walde umher oder lag oft stundenlang
auf dem Rücken und verfolgte den Lauf der Winde und den Flug der
Vögel. Ein Unwetter versetzte ihn in Entzücken und beim Rollen des
Donners brach er in ein lautes Jauchzen aus.
Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses
ihnen auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben
reichliche Ernte, keine Dürre und kein übermäßiger Regen vernichtete
mehr die Frucht mühevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten,
so daß er es bald zu einem gewissen Wohlstand brachte.
Achtzehn Jahre waren schließlich dahin gerollt; man feierte den Tag
der Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und
fröhlichen Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und
vergeblich war die Mühe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend
nahte und die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte
seinen Eltern für alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. »Meine Zeit
ist um«, sagte er zuletzt, »meine Absicht euch zu nützen ist gelungen,
auch in Zukunft werde ich über euch wachen. Lebt wohl!«
Während dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genähert und senkte
sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollständig einhüllend; dann
erhob sie sich wieder und verschwand eilends in unermeßlicher Höhe;
der Platz aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer.
Bimbo und seine Frau waren ganz bestürzt und traurig und konnten es
gar nicht begreifen, daß sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein
sollten; da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und
sorgenfrei leben konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und
in stiller Wehmut fügten sie sich in das Unabänderliche. Sie lebten
noch viele Jahre und starben endlich beide hochbetagt zur gleichen
Stunde. Auf ihr Grab wurde ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte
Raitaro's erzählt und dieser selbst in Gestalt eines fliegenden
Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch heute vorhanden, doch
hüllt ihn eine vielhundertjährige Moosdecke ein. Wer sich aber Mühe
gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die Geschichte von
Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier
wiedererzählt habe.
[Anmerkung 1: Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners,
Donnersohn.]
[Anmerkung 2: Sprich: Haksan = Haku = weiß; auch Shiro = weiß.
Also »weißer Berg.« Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und
2720 m hoch. Die Schneehöhe auf diesem Berge ist im Winter enorm,
man hat schon bei 800 Meter Höhe eine Schneehöhe von 6 bis 7 Meter
gefunden, sodaß eine Besteigung des Berges über einen Kilometer
hinauf im Winter undurchführbar war.]
[Anmerkung 3: Bimbo = arm.]
[Anmerkung 4: Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch
bei Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh,
gefertigt, der warm hält und den Regen nicht durchläßt. Ein
solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist ½ bis ¾ Meter
lang.]
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