List geht über Gewalt.[1]

Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets

in den Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war,

hörte er plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu

kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte

sich dort. Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte

ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme.

Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend

hin, aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah

endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der

sich vergeblich bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen

ausstieß.

Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: »Was gaffst du

mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo

viele Reichtümer verborgen sind!«

»Daß ich dumm wäre!« entgegnete der Mann. »Bist du frei, so frißt du

mich auf!«

»Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!« versicherte

der Tiger und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich

bereden ließ und den Tiger befreite.

Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er

seinen Befreier eine Weile an und sagte:

»Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen

Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer?

Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir

die Kosten des Begräbnisses.«

»Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?« rief der

Holzfäller.

»Ach was!« sprach der Tiger. »Mit leerem Magen fühlt man keine

Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!« So stritten

sich die Beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen,

hörte den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.

Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber

das Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit.

»Ganz recht, alter Onkel!« sagte da der Hase. »Verspeise den Mann mit

gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch

Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. -- Aber,

was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht

selbst befreien?« sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die

Falle betrachtete. »Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!«

»Ich flunkern?« rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in

die Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. »Seht! so ging

ich, ohne zu beachten, was es ist, hier in die Falle!«

»Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch

gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!« lachte der Hase, sprang

auf die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß

und der Tiger wieder gefangen war.

[Abbildung]

»So!« sagte der Hase zum Holzfäller, »wenn es euch nun beliebt, den

alten Sünder da drinnen wieder zu befreien, mag er euch mit vollem

Recht verspeisen; ich aber will nicht dabei sein!« So sprechend machte

er ein Männchen und sprang lustig in den Wald hinein.

Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet zu sehen, hütete sich

natürlich, den Tiger zum zweiten Male zu befreien und eilte frohgemut

zu seiner Arbeitsstätte zurück, verfolgt von dem wütenden Gebrüll des

überlisteten alten Räubers.

So kommt man mit List weiter als mit Gewalt und wer mehr seinem Magen

folgt als seinem Verstande, geht meistens zugrunde.

[Anmerkung 1: Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu »der schlaue

Polizist« Seite 27.]

[Verzierung]

Die Kröte von Osaka und die von Kyoto.

In Kyoto wohnte einmal eine Kröte, die sehr reich und gelehrt war.

Einmal hörte sie von Naniwa[1] und den dortigen Kunstschätzen sprechen

und sie bekam den Wunsch diese einmal zu sehen.

Eines schönen Frühlingstages machte sie sich denn auch auf die Reise,

die sie aber zu Fuß unternahm, weil man bei einer Fußreise mehr sehen

und erfahren kann.

So wanderte sie denn von Kyoto den Weg entlang, der nach Osaka führt

und kam über Myosin und Yamasaki bei Hishi Kaido, wo der berühmte Berg

Tenno ist, über den der Weg führt.

Da der Tenno yama[2] in der Mitte zwischen Kyoto und Osaka liegt, so

beschloß die Kröte, als sie mit Mühe und Not die Berghöhe erklettert

hatte Rast zu machen.

Nun wohnte aber auch in Osaka eine Kröte, die zur gleichen Zeit den

Wunsch hatte, Kyoto zu sehen; auch diese machte sich auf den Weg und

kam nach vieler Mühe über Tokatsuki ebenfalls auf dem Gipfel des

Tennoyama an, wo sie mit ihrer Kollegin aus Osaka zusammentraf.

Beide Kröten begrüßten sich, wie es bei solch hohen Herrschaften

üblich ist, mit vielen Verbeugungen und besprachen ihre Reise.

Schließlich sagten sie: »Wir haben hier erst die Hälfte unserer Reise

hinter uns und die andere Hälfte noch vor uns. Aber unsere Beine und

Hüften schmerzen uns und drücken uns nieder. Da wir von hier Osaka und

Kyoto sehen können, so wollen wir uns auf unsere fünf Zehen stellen

und jede den Ort betrachten, wo wir hin wollten. Auf diese Weise

vermeiden wir weitere Anstrengung und Schmerzen!«

So taten sie.

Die Kröte von Osaka wendete den Kopf nach Kyoto, die von Kyoto nach

Osaka, dann richteten sie sich auf ihren Hinterfüßen auf und

betrachteten aufmerksam die betreffende Stadt.

Da nun aber die Kröten ihre Augen oben auf dem Kopfe haben, (woran die

beiden nicht dachten), so schauen sie, wenn sie sich emporrichten

stets rückwärts. Und so kam es, daß die Kröte von Osaka nicht Kyoto

sondern Osaka und die andere gleichfalls nicht Osaka sondern Kyoto

sah, jede also die Stadt, von der sie hergekommen war.

Als sie genug geschaut hatten, sagte die Kröte von Kyoto: »Ich habe

gehört, daß Osaka eine berühmte Kunststadt sein soll; aber ich sehe,

sie ist gar nicht anders als Kyoto. Da ist es besser gleich

heimzukehren!«

Auch die Kröte von Osaka sagte, indem sie eine verächtliche Grimasse

schnitt: »Und ich hörte, daß die Hauptstadt[3] die schönste Stadt des

Landes sei und einer Blume gleiche; jetzt sehe ich aber, daß sie

vollständig Osaka gleicht. Da kehre ich auch um und gehe heim!«

Sie begrüßten sich gegenseitig zum Abschied und gingen eine jede in

ihre Heimatstadt zurück.

Wir können an diesem Beispiel lernen, daß oft ein falsches Urteil

gefällt wird, weil man seine Augen nicht richtig benutzt und nicht

weiß, wo man sie hat. Daher ergeht es vielen Menschen so wie diesen

Kröten.

[Anmerkung 1: Naniwa = altjapanischer Name für Osaka.]

[Anmerkung 2: Tennoyama = Berg Tenno, Tenno = Name, yama = Berg.]

[Anmerkung 3: Kyoto war von 794 bis 1869 die Hauptstadt Japans.]

[Verzierung]

Japanische Märchen · 第 6 / 10 题