Der schlaue Polizist.[1]

Der frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei

eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte und

Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist.

Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser war recht

ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm

Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie

seien alle tüchtig und geschickt.

Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle

Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne.

Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am

anderen Morgen im Palaste einfinden.

Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes

versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen

Beutel haltend. Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn

mitten an der Decke der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit

der Hand erreichen konnte.

Dann sagte der Kaiser:

»Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine

Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel

binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so

gehört ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in

meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe,

so jage ich euch alle zum Teufel!«

Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die

Polizisten heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen,

weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den

Beutel Tag und Nacht bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache

mit Kopfabschlagen gedroht.

So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an

der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete

sich zum Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er

wolle es versuchen aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.

Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und

sagte: »Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück

gelingt euch doch nicht!«

»Das mag stimmen!« erwiderte dieser, »und ich glaube selbst, daß nur

ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder

in den zwei Tagen ein!« Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. »Gut,

so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!«

entschied er.

Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau

und prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause

und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen

Steinchen füllte.

Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner

Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte,

ob das Wunder schon geschehen sei.

Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu

dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der

Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.

Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen

hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu

nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf

eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn

sich wieder an und steckte ihn in den Ärmel, indem er sagte:

»Auf diese Weise würde es gehen!«

Der Kaiser erwiderte lachend: »So ginge es wohl, ist aber nicht

erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß.

Hänge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du

ihn nicht ausführen kannst!«

Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den

Beutel wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den

Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm

vorbereiteten und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen

aufgehangen, während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich

mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis

zum anderen Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.

Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte

die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen

war.

Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle

Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte,

sie für immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn

auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen

Polizisten, indem er ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.

»Ich glaube ja!«, erwiderte dieser.

»Er ist total verrückt oder unverschämt frech!« rief da der Kaiser.

»Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!«

»Ich sehe,« erwiderte der Gescholtene, »daß dort wohl ein Beutel

hängt, ob es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!«

»Das ist denn doch zu stark!« schrie der Kaiser. »Holt den Beutel

herunter und bringt ihn her!« befahl er der Wache.

Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete,

aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem

Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der

frühere Beutel war.

»Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« fragte er den listigen Mann.

Dieser erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen

dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe.

»Bist ein verteufelt schlauer Bursche!« sagte dann der Kaiser. »Und da

du mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren

Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine

Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern!« Und so geschah es!

[Abbildung]

[Anmerkung 1: Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese

Sammlung mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde

und jetzt unter dem Namen »Chosen« eine japanische Provinz ist.

Obige Erzählung erinnert an den »listigen Dieb« aus »1001 Nacht.«]

[Verzierung]

Der Abt des Klosters Yakushi.

Bei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute

allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo[1] bekannt ist, obgleich sein

alter wirklicher Name »Yakushi-ji«[2] ist.

Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt, der

sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu

geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern verteilte die dem

Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt

keinen Sen für sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als

gerechter Diener in Buddha's Paradies einziehen zu können. Als aber

diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha's harrte, der ihn

abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen

nahen, der von allerlei buntfarbigen Höllengeistern gezogen wurde. Der

Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich

keines Unrechts bewußt war, Böses begangen habe, da anstatt Buddhas

Bote Diener der Hölle kämen. Die Antwort lautete:

»Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für

dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde

wegen harret deiner die Hölle!«

Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene

Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese

Bitte wurde ihm gewährt.

Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein

Lager, erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen

unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: »Nehmet alle meine

geringe Habe, veräußert sie und gebet den Erlös zum Klostergute, auf

daß meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch

alle aber ermahne ich, laßt diese Lehre nie aus eurem Herzen

schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Maß Reis wegen die Hölle

drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewußt am Klostergute

vergreifen und Reichtümer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!«

Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen

murmelten: »Der Friedensbote naht!« »Namida Butsu -- Heiliger Buddha

hilf!« Ein Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in

das Paradies als getreuer Diener des Herrn.

[Anmerkung 1: Hort des Westens, Nishi-Welt.]

[Anmerkung 2: Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses

Kloster befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da

letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und

ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt

außerhalb der Stadt an der Landstraße.]

[Verzierung]

Japanische Märchen · 第 5 / 10 题