Der frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei
eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte und
Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist.
Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser war recht
ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm
Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie
seien alle tüchtig und geschickt.
Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle
Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne.
Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am
anderen Morgen im Palaste einfinden.
Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes
versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen
Beutel haltend. Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn
mitten an der Decke der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit
der Hand erreichen konnte.
Dann sagte der Kaiser:
»Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine
Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel
binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so
gehört ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in
meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe,
so jage ich euch alle zum Teufel!«
Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die
Polizisten heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen,
weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den
Beutel Tag und Nacht bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache
mit Kopfabschlagen gedroht.
So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an
der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete
sich zum Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er
wolle es versuchen aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.
Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und
sagte: »Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück
gelingt euch doch nicht!«
»Das mag stimmen!« erwiderte dieser, »und ich glaube selbst, daß nur
ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder
in den zwei Tagen ein!« Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. »Gut,
so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!«
entschied er.
Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau
und prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause
und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen
Steinchen füllte.
Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner
Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte,
ob das Wunder schon geschehen sei.
Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu
dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der
Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.
Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen
hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu
nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf
eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn
sich wieder an und steckte ihn in den Ärmel, indem er sagte:
»Auf diese Weise würde es gehen!«
Der Kaiser erwiderte lachend: »So ginge es wohl, ist aber nicht
erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß.
Hänge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du
ihn nicht ausführen kannst!«
Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den
Beutel wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den
Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm
vorbereiteten und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen
aufgehangen, während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich
mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis
zum anderen Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.
Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte
die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen
war.
Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle
Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte,
sie für immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn
auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen
Polizisten, indem er ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.
»Ich glaube ja!«, erwiderte dieser.
»Er ist total verrückt oder unverschämt frech!« rief da der Kaiser.
»Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!«
»Ich sehe,« erwiderte der Gescholtene, »daß dort wohl ein Beutel
hängt, ob es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!«
»Das ist denn doch zu stark!« schrie der Kaiser. »Holt den Beutel
herunter und bringt ihn her!« befahl er der Wache.
Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete,
aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem
Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der
frühere Beutel war.
»Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« fragte er den listigen Mann.
Dieser erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen
dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe.
»Bist ein verteufelt schlauer Bursche!« sagte dann der Kaiser. »Und da
du mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren
Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine
Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern!« Und so geschah es!
[Abbildung]
[Anmerkung 1: Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese
Sammlung mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde
und jetzt unter dem Namen »Chosen« eine japanische Provinz ist.
Obige Erzählung erinnert an den »listigen Dieb« aus »1001 Nacht.«]
[Verzierung]
Der Abt des Klosters Yakushi.
Bei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute
allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo[1] bekannt ist, obgleich sein
alter wirklicher Name »Yakushi-ji«[2] ist.
Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt, der
sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu
geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern verteilte die dem
Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt
keinen Sen für sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als
gerechter Diener in Buddha's Paradies einziehen zu können. Als aber
diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha's harrte, der ihn
abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen
nahen, der von allerlei buntfarbigen Höllengeistern gezogen wurde. Der
Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich
keines Unrechts bewußt war, Böses begangen habe, da anstatt Buddhas
Bote Diener der Hölle kämen. Die Antwort lautete:
»Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für
dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde
wegen harret deiner die Hölle!«
Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene
Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese
Bitte wurde ihm gewährt.
Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein
Lager, erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen
unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: »Nehmet alle meine
geringe Habe, veräußert sie und gebet den Erlös zum Klostergute, auf
daß meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch
alle aber ermahne ich, laßt diese Lehre nie aus eurem Herzen
schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Maß Reis wegen die Hölle
drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewußt am Klostergute
vergreifen und Reichtümer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!«
Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen
murmelten: »Der Friedensbote naht!« »Namida Butsu -- Heiliger Buddha
hilf!« Ein Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in
das Paradies als getreuer Diener des Herrn.
[Anmerkung 1: Hort des Westens, Nishi-Welt.]
[Anmerkung 2: Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses
Kloster befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da
letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und
ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt
außerhalb der Stadt an der Landstraße.]
[Verzierung]