In einem Fischerdorfe, nahe dem heutigen Yokohama lebte vor vielen,
vielen Jahren ein junger Fischer namens Urashima Taro. Als er eines
Abends vom Fischfang zurückkehrte und recht zufrieden und guter Dinge
war, weil er gute Beute gemacht hatte, sah er am Strande eine Schar
Knaben, die eine kleine Schildkröte gefangen hatten und sie an einer
an einem ihrer Vorderbeine befestigten Schnur im Kreise herumschwangen
und quälten[2]. Urashima, der die Tiere gern hatte und jede Quälerei
harmloser Tiere verabscheute, fühlte auch jetzt wieder Mitleid mit dem
armen Tierchen und ging auf die Kinder zu.
Indem er seiner Stimme einen energischen Ton gab, schalt er die
Kinder. »Was ist das für eine Bosheit«, rief er empört aus, »dieses
schuldlose und hilflose Tier so zu quälen! Wißt ihr nicht, daß Gott im
Himmel solche böse Kinder bestraft, die arme Tiere mißhandeln? Zeigt
einmal her, wem gehört denn diese Schildkröte?«
»Dieses Tier gehört niemandem!« entgegnete der älteste der Knaben und
fügte noch unverschämt hinzu: »Wir können machen, was wir wollen; und
wenn wir ein Vergnügen daran haben das Tier zu töten, so ist das unser
freier Wille und geht keinen anderen etwas an!«
Urashima sah ein, daß er diesem frechen Bengel nicht mit Morallehren
kommen dürfe; denn auf solche harte Herzen haben Worte keinen Einfluß;
er änderte also seine Taktik und sagte nun mit möglichst milder
Stimme: »Nun, nun, ärgert euch nur nicht, das war nicht so bös
gemeint; aber diese allerliebste Schildkröte gefällt mir und ich
möchte sie gern besitzen. Wollt ihr euch in einen Handel mit mir
einlassen? Wie wäre es, wenn ihr mir das Tier verkaufen würdet? Für
Geld könnt ihr euch etwas kaufen und euch bessere Freude machen, als
daß ihr dieses Tier hier im Kreise herumschleudert!«
Die Kinder gingen erfreut schnell auf den Handel ein und überließen
Urashima gegen einige Silbermünzen die Schildkröte.
Urashima nahm sie in die Hand, ging bis zum Wasser und setzte das Tier
ins Meer, indem er sagte:
»Armes Tierchen, nicht um dich der Freiheit zu berauben, sondern dir
die Freiheit wiederzugeben, habe ich dich gekauft; nun schwimme hin
und sei in Zukunft vorsichtiger, damit du nicht wieder in böser Buben
Hände fällst!« Er blieb noch ein Weilchen stehen und sah zufrieden
lächelnd der schnell im Wasser dahinschwimmenden Schildkröte nach, bis
er sie nicht mehr erblickte; dann nahm er sein Fischereigerät und
seine Fische und ging wohlgemut in seine Hütte.
Am andern Morgen ging er wie gewöhnlich seinem Handwerk nach. Als er
mit seinem Kahne auf dem Meer war und seine Netze ausgeworfen hatte,
hörte er plötzlich ein zartes Stimmchen rufen:
»Urashima sama!«[3]
Erstaunt sah er sich um, konnte aber nicht entdecken, woher die Stimme
ertönte und wer seinen Namen rief. Da ertönte es abermals:
»Urashima sama!«
Jetzt merkte er, daß die Stimme aus dem Wasser kam und er beugte sich
über den Rand seines Bootes und erblickte die kleine Schildkröte, die
er am Tage vorher aus den Händen der Buben befreit hatte. Im ersten
Moment war er erschrocken; doch faßte er sich ein Herz und fragte:
»Warst du es, die mich rief?«
»Gewiß!« antwortete das Tierchen. »Ich bin gekommen um euch meinen
Dank für euere gestrige edle Tat zu sagen. Und weil ihr mir meine
Freiheit gegeben habt, möchte ich euch etwas recht Schönes zeigen!
Habt ihr Lust, so folget mir!«
Urashima dachte: Was kann es wohl sein, das mir dieses unscheinbare
Tier zeigen könnte? Doch nichts Besonderes. Aber das macht auch
nichts, es will sich mir dankbar erweisen und so will ich ihm auch die
Freude nicht verderben. Nachdem er sich so ein Weilchen bedacht hatte,
fragte er doch vorsorglich:
»Dauert es auch nicht lange? Ich will dir gerne folgen, aber ich habe
nicht viel Zeit zu versäumen. Wohin soll es denn gehen?«
»Garnicht weit von hier. Ich beabsichtige nur, euch zum Palast unserer
Meereskönigin Otohime zu führen und euch dort Wunderdinge zu zeigen!«
»Das ist ganz unmöglich«, erwiderte Urashima, »denn ich kann nicht so
schnell schwimmen und nicht so gut tauchen wie ihr und was schließlich
die Hauptsache ist, ich kann ja im Wasser nicht atmen und dich deshalb
nicht auf den Meeresgrund begleiten!«
»Macht euch deshalb keine Sorge, Urashima«, entgegnete die
Schildkröte, »steigt auf meinen Rücken und das weitere werdet ihr
sehen!«
»Aber mein Boot -- --« meinte Urashima bedenklich.
»Das findet ihr hier wieder, ich führe euch zurück!« unterbrach ihn
das Tier.
»Aber du bist so klein, du kannst mich nicht tragen!« rief Urashima
noch immer bedenklich.
Da rauschte es im Wasser, die Schildkröte dehnte und streckte sich und
staunend sah Urashima, wie sie sich immer mehr vergrößerte, bis sie
die gleiche Größe des Bootes hatte, dann fragte sie lachend:
»Nun? -- Bin ich noch zu schwach für dich?« Da schwanden Urashima alle
Bedenken, flugs stieg er aus seinem Boote, nachdem er dasselbe
sicherheitshalber verankert hatte und nahm auf dem Rücken des Tieres
Platz.
»Halte dich nur recht fest und fürchte dich nicht!« Nach einiger Zeit
rief die Schildkröte: »Nun schließe fest die Augen und öffne sie nicht
eher, als bis ich es dir sage. Auch halte ein Weilchen den Atem an,
es dauert nicht lange!«
Urashima tat, wie ihm geheißen und dann fühlte er, wie das Tier im
Wasser versank; das Wasser rauschte und brauste um seine Ohren;
ängstlich klammerte er sich mit beiden Händen an das Schild seines
sonderbaren Reitpferdes; aber eingedenk der Mahnung behielt er die
Augen geschlossen und hielt den Atem an.
Schon glaubte er, es ginge mit ihm zu Ende; da ertönte der Ruf:
»Jetzt!«
Da öffnete er seine Augen und sah sich auf dem Grunde des Meeres,
dessen feiner Sand aus lauter Perlen bestand. In der Ferne sah er ein
riesiges Gebäude in blendendem Glanze schimmern, auf das die
Schildkröte mit ihrem Reiter zuschwamm. Endlich kamen sie an und
standen vor einem großen Tore, das aus purem Golde mit Edelsteinen
verziert war. Zwei große unheimliche Meerdrachen lagen vor dem Tore
und glotzten Urashima mit fürchterlich rollenden Augen an, so daß ihm
ganz ängstlich wurde. Als die Drachen aber die Schildkröte erblickten,
ließen ihre drohenden Blicke nach und sie versuchten freundlichere
Gesichter zu machen.
»Nun steige ab und warte hier!« sagte die Schildkröte und ging dann,
nachdem Urashima abgestiegen war und sich auf den Boden gesetzt hatte,
durch das Tor.
Urashima sah sich dann um und wunderte sich sehr, daß er, obgleich er
sich auf dem Meeresgrunde befand und das Meerwasser ihn umgab, doch
ganz trocken war und ohne Beschwerden atmen konnte, ja die Luft kam
ihm sogar viel reiner und würziger vor, als die oben auf der Erde.
Es dauerte gar nicht lange, da kehrte die Schildkröte zurück; ihr
folgte eine große Anzahl Fische in allen Größen, Formen und Farben,
wie sie der Ozean birgt; nur trugen alle ein ganz lichtes Gewebe in
blauer Farbe, wie ein Kleid, und hatten silberne Aufschläge. Sie
umringten Urashima, der sich erhoben hatte, und begrüßten ihn durch
Neigen ihres Kopfes ehrerbietig.
Dann nahten sich zwei größere Fische, die auch ein blaues Kleid
anhatten aber mit goldenen Aufschlägen, und die ein ebensolches Kleid
brachten und ohne etwas zu reden, Urashima die Fischerkleider auszogen
und mit dem mitgebrachten blauen Gewande bekleideten.
Urashima ließ alles willenlos mit sich geschehen; er sagte sich, nun
bin ich einmal hier und kann allein nicht fort. Schlimm wird es mir
sicherlich nicht ergehen; denn, wen man mit einem Ehrengewande
bekleidet, den wird man wohl nicht verschlingen.
Nachdem ihm auch noch herrliche Sammetpantoffel an die Füße gesteckt
waren, kam eine wunderbar schöne Zofe, nahm ihn bei der Hand und
führte ihn durch das Tor, während die Fische als Ehrengeleite in
respektvoller Entfernung in schönster Ordnung folgten.
Nachdem sie das Tor durchschritten hatten, gelangten sie an eine
Marmortreppe, die sieben Stufen hatte und an einem Tor von glänzendem
Mahagoniholz, an dem zahlreiche Smaragde flimmerten, endete. Hier
angelangt, öffnete die Zofe das Tor und ließ Urashima eintreten, der
sich nun in einem großen Saale befand, dessen unbeschreibliche Pracht
seine Augen fast blendete. Zwanzig Säulen von reinstem Kristall trugen
die aus Korallen gebildete Decke des Saales, von der eine Unmenge
kostbarer Lampen herabhing, in denen wohlriechende Öle brannten. Die
Wände waren alle aus Marmor und trugen zum Schmuck die verschiedensten
Edelsteine und Rubinen. In der Mitte des Saales befand sich ein
diamantener Thron, auf dem Otohime, die Meereskönigin saß, schön wie
die Morgenröte, die das bleiche Nachtgestirn vertreibt. Den Thron
umgab eine unendliche Menge von Würdenträgern und Palastbeamten, alle
in kostbare Gewänder gekleidet. Die ganze Pracht war für den an
derartige Schönheit und Wunder nicht gewohnten jungen Fischer so
blendend, daß er nur zögernd und halb willenlos, langsam einen Fuß vor
den andern setzte und sich so dem Throne nahte, wo er sich
ehrfurchtsvoll und demütig niederwerfen wollte. Aber die Königin, die
seine Ueberraschung und sein Zögern mit mildem, freundlichem Lächeln
beobachtet hatte, erhob sich schnell, ergriff Urashima bei der Hand
und verhinderte so sein Niederfallen. Mit einer Stimme, die dem Klange
einer silbernen Glocke glich, süß und rein, sagte sie zu ihm:
»Sei mir willkommen. Ich habe gehört, daß du gestern in selbstloser
Weise einer meiner liebsten Dienerinnen das Leben gerettet hast. So
war es mein aufrichtiger Wunsch, dir diese edle Tat zu vergelten und
dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Deshalb habe ich dich zu mir
eingeladen und ich habe mich gefreut, daß du so furchtlos warst und
der Gefahr nicht achtetest, den Weg hierher zu unternehmen. Wer
furchtlos ist, ist in der Regel auch treu!« Der junge Fischer wußte
nicht, wie ihm geschah und er war so verlegen und befangen, daß er
auch nicht ein Wort zu erwidern vermochte; er machte nur eine stumme,
sittsame Verbeugung.
Auf einen Wink der Königin wurden ihm nun seidene Polster gebracht,
auf die er sich niederlassen mußte, dann stellte man ein
elfenbeinernes Tischchen vor ihm hin, auf dem sich auf einer roten
Lackplatte schmackhafte Speisen verschiedenster Art befanden, die ihm
sämtlich unbekannt waren. Er ließ sich nicht länger nötigen, sondern
sprach den Speisen und Getränken tapfer zu. Es war für ihn im wahren
Sinne des Wortes eine Göttermahlzeit; hatte er doch in seinem ganzen
Leben noch nie derartige Sachen gesehen, geschweige denn jemals
gekostet.
Als er sein Mahl beendet hatte, forderte ihn die Königin auf, sich den
Palast anzuschauen; sie führte ihn von Saal zu Saal, von Zimmer zu
Zimmer durch alle Räumlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht
ausgestattet waren und jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit
aufwiesen.
Das wunderbarste aber war der Garten, der vier große Beete enthielt,
die den vier Jahreszeiten entsprachen.
Das eine Beet, der Frühling, enthielt zahllose Pflaumen- und
Kirschbäume, die über und über dicht mit Blüten besät waren und auf
einem saftigen dunkelgrünen Rasen standen. Auf den Zweigen saßen
zahlreiche Nachtigallen, die ihre lieblichen Romanzen melodisch
ertönen ließen und eine unendliche Menge Lerchen hatte ihre Nester in
dem Blütenmeere erbaut.
Nach Süden zu befand sich das Beet des Sommers: Hier standen
Birnen- und Aepfelbäume, deren Zweige sich unter der Last der
herrlichsten Früchte bis nahe zum Erdboden beugten. Grillen und
Zikaden erfüllten die Luft mit ihrem einförmigen und betäubenden
Geschrei. Die große Hitze, die in diesem Teile herrschte, wurde
gemildert durch einen sanften, kühlenden Wind.
Das dritte Beet, der Herbst, im westlichen Teile gelegen, war ganz
bedeckt mit welken Blättern und Chrysanthemenblüten, während das im
Norden befindliche vierte Beet, den Winter, ein dichter Schneeteppich
bedeckte und Eisfelder und ein zugefrorener Graben es umgrenzten. So
verbrachte Urashima sieben lange Tage im Palaste der Meereskönigin und
wurde gar nicht müde, all die Wunder und Herrlichkeiten anzustaunen,
die ihm täglich gezeigt wurden und im Entzücken über die liebliche
Schönheit Otohimes vergaß er ganz seine Heimat, seinen Vater, sein
Weib und seine Kinder. Aber eines Tages, als er wieder müßig
umherschlenderte, kamen ihm diese doch wieder in Erinnerung und ein
tiefes Heimweh befiel ihn. Er seufzte schwer und sprach:
»Was mag wohl mein Vater von meiner langen Abwesenheit denken, wie
unruhig werden meine Frau und Kinder sein und meine Rückkehr erwarten!
Vielleicht glauben sie sogar, daß ich gestorben bin, verschlungen von
den Wogen des Meeres, auf dem Grunde des Ozeans ruhe!«
Ohne sich lange zu besinnen, eilte er zur Königin und bat, ihn zu den
Seinen zurückführen zu lassen, da er jetzt schon sieben Tage von Hause
abwesend sei und die Seinen sich sicherlich ängstigen würden.
Die Königin, die vergeblich sich bemühte, Urashima die Heimwehgedanken
auszureden, nahm, als sie sah, daß ihre Worte nichts halfen, ihn mit
sich in ihr Zimmer, und überreichte ihm ein kleines, fest verschnürtes
Lackkästchen, indem sie sagte: »Ich habe keine Gewalt dich hier gegen
deinen Willen zurückzuhalten, obgleich ich weiß, daß deine Rückkehr in
die Heimat dir nur Elend bringen wird. Aber nimm hier zur Erinnerung
an mich dieses Kästchen, es wird dir immer nützlich sein und dir, wenn
du den Wunsch hast, zu mir zurückzukehren, diese Rückkehr ermöglichen.
Diesen Wert behält das Kästchen aber nur so lange, als es uneröffnet
bleibt. Also beachte wohl! Laß dich nie durch sträfliche Neugierde und
durch sonst irgend welche Umstände verleiten, jemals das Band, das das
Kästchen verschlossen hält, zu lösen und den Deckel zu lüften; es wäre
dein Tod und nie fändest du den Weg zu mir. Willst du zu mir zurück,
so gehe mit dem verschlossenen Kästchen an den Strand und rufe meinen
Namen, so werde ich dir eine meiner Dienerinnen senden, die dich
hergeleitet. Also beherzige meine Worte und laß das Kästchen
geschlossen, dein Leben liegt darin. Und nun lebe wohl!«
Sie küßte ihn auf die Stirne und geleitete ihn bis zum Tore. Hier
stand die Schildkröte bereit, die Urashima bestieg. In kurzer Zeit war
sie mit ihm am Strande, wo sie ihn verließ. Mit dem Kästchen unterm
Arm wollte er schnell seinem Dörfchen zuwandern, blieb aber auf seinem
Wege wiederholt stehen; denn es kam ihm alles, der Strand, der Weg,
die Bäume und Felder etwas verändert vor. Mehrmals glaubte er, daß die
Schildkröte ihn an einer verkehrten Stelle abgeladen hätte, aber doch
war ihm dieses oder jenes wiederum bekannt, so daß er schließlich sich
mit dem Gedanken beruhigte, der siebentägige Aufenthalt auf dem Grunde
des Meeres habe seine Augen, seine Sehkraft beeinflußt.
Als er aber endlich in seinem Dorfe ankam, da waren die Häuser und
Hütten alle verändert, auf dem Markte standen Bäume, die er nie
gesehen hatte; die Bewohner waren ihm unbekannt und so ängstlich er
auch jedem ins Gesicht schaute, er konnte keinen Bekannten entdecken,
auch die Kinder erschienen ihm fremdartig, die auch ihn verwundert
anstarrten und ihm dann nachliefen. Er wurde ganz irre und wußte nicht
mehr, was er denken oder glauben sollte; doch hielt ihn die Hoffnung
aufrecht von den Seinen Aufklärung über diese wunderbare Verwandlung
seiner Heimat während seiner nur siebentägigen Abwesenheit zu
erhalten. Doch je näher er zu seinem Hause kam, desto ängstlicher war
ihm zu Mute und große Bangigkeit erfüllte sein Gemüt. Was wird er
hören müssen?
Aber! o Schmerz! -- Als er an die Stelle kam, da seine Hütte
gestanden, da war sie nicht mehr vorhanden. Ein öder, wüster, mit
Unkraut überwucherter Schutthaufen war der Platz seiner Geburt. Keine
Spur von seinem Vater, seiner Frau, seinen Kindern, nichts von allem,
was ihm lieb und teuer war, war zu sehen. Schmerzerfüllt sank er
weinend zu Boden, während in einiger Entfernung die Leute und Kinder
ihn umringten. Da trat aus der Menge ein gebeugter Greis hervor und
näherte sich Urashima mit der Frage:
»Wer seid ihr Fremdling und wen suchet ihr hier? Was erfüllt eure
Seele mit Kummer und Schmerz?«
»Mein Alter«, antwortete Urashima mit schmerzbebender Stimme leise,
»vor sieben Tagen verließ ich das Haus, das an dieser Stätte stand und
kehrte nun zurück, finde aber nur einen Schutthaufen, ich sehe fremde
Leute, fremde Gestalten und auch euch kenne ich nicht, sah euch noch
nie in diesem Dorfe, sagt, was ist hier in den sieben Tagen geschehen?
Wo sind mein Vater, mein Weib, meine Kinder, die ich hier zurückließ?
O bitte, löst mir dieses Rätsel, reißt die Binde von meinen Augen, daß
ich sehen kann!«
»Ich verstehe euch nicht, junger Mann!« entgegnete der Greis, »diese
Stätte ist ein Trümmerhaufen, solange ich denken kann. Ich kenne euch
nicht; wer seid ihr? Wie ist euer Name?«
»Ich bin Urashima Taro, der Fischer!« rief Urashima.
»Urashima Taro? -- --« rief der Greis voller Erstaunen und wich
schreckerfüllt einige Schritte zurück. »Seid ihr ein Gespenst? -- ein
Schattenbild? -- Urashima Taro könnt ihr nicht sein! Es geht hier die
Sage und ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, da von diesem noch
oft an dunkeln Abenden erzählt wurde, dieser junge Fischer ging vor
nun 700 Jahren eines Morgens aufs Meer und kehrte nicht mehr zurück.
Die Gräber seiner Angehörigen könnt ihr auf dem Friedhofe noch heute
sehen, allerdings zerfallen, verwittert!« --
Urashima erblaßte, »siebenhundert Jahre?« rief er verzweifelt aus und
rang die Hände. Jetzt wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er alles!
Sieben Tage im Palaste der Königin waren sieben Jahrhunderte. Tiefe
Traurigkeit bemächtigte sich seiner, er erzählte dem Alten mit
stockender Stimme sein Lebensschicksal, dann erhob er sich und verließ
schwankenden Schrittes wie ein Träumender das Haus; er wandte sich
wieder dem Meere zu und ließ sich dort am Strande nieder, seine Lage
bedenkend.
[Abbildung]
Tiefsinnig betrachtete er die rollenden Wogen, die unermeßliche Fläche
und schaute verlangend nach der Schildkröte aus, daß sie ihn wieder
zurückführe in das ewig jugendliche Reich der Meereskönigin; er dachte
aber in seiner Traurigkeit nicht daran, sie zu rufen und so sah er
vergeblich nach dem Tiere aus.
Dann fiel sein Blick auf das Kästchen, das ihm die Königin beim
Abschiede gegeben hatte und das er gedankenlos neben sich auf den Sand
gelegt hatte.
»Was bedeutet dieses Kästchen?« fragte er sich. Die schöne Königin hat
zwar gesagt, es sei mein Leben darin und ich werde es verlieren, wenn
ich das Kästchen öffne. Ist dieses Gebot aber vielleicht nur eine
Probe? Enthält das Kästchen nicht vielmehr mein Glück? Ist alles, was
ich heute erlebte, nur eine Täuschung und schwindet diese, wenn ich
das Kästchen öffne? Und selbst wenn ich sterben sollte, was schadet
es? Bin ich jetzt nicht ein Fremdling in meiner Heimat und habe
niemanden, niemanden, der mich liebt, der mich kennt? Ohne Vater, ohne
Familie, ohne Bekannte, ohne Freunde bin ich schlimmer daran als ein
Heimatloser; da ist mir der Tod nur ein Gewinn, er bietet mir etwas
Besseres, als dieses unglückselige Leben! So sprechend, löste er
langsam die Schnur, die um das Kästchen geschlungen war und öffnete
ein wenig den Deckel.
Da stieg ein kleines weißes Wölkchen aus dem Kästchen empor, breitete
sich dann aus, erhob sich und schwebte langsam über das Meer der
Richtung zu, wo sich der Palast der Meereskönigin befand.
Laut aufschreiend sprang Urashima empor und breitete sehnsüchtig die
Arme aus, aber -- ein jäher heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper
und er ließ die Arme sinken, da blickte er auf seine Hand und ein
eisiger Schauer befiel ihn, die Hand, soeben noch so frisch und rosig,
war welk, runzlig und knochig wie die eines Greises; nun fühlte er
auch wie sein Blut erstarrte, wie es träger durch seine Adern floß,
die Haut zog sich in Falten, der Herzschlag stockte, noch einmal
schaute er ins Wasser, da spiegelte sich ihm ein verrunzeltes graues
Greisenantlitz mit spärlich weißem Haar entgegen, sein eigenes
Antlitz, vor Minuten noch in Jugendfrische, jetzt mumienhaft
verändert. Mit einem Wehelaut sank er zu Boden und ein Häuflein grauen
Staubes bezeichnete die Stätte, da Urashima jugendfrisch zurückgekehrt
in wenigen Minuten zu Staub wurde.[4]
[Anmerkung 1: Sprich: Uraschima; Urashima = Eigenname, taro
= ältester Sohn, im übertragenen Sinne etwa: der Erstgeborene,
der Ältere.]
[Anmerkung 2: Derartige Tierquälereien kann man noch heute
tagtäglich als eine Belustigung der japanischen Jugend
beobachten.]
[Anmerkung 3: »sama« auch »san« = Herr, sama ist die höflichere
Form als san.]
[Anmerkung 4: Die Schicksale Urashima's sind urkundlich bestätigt.
Die Zeit seiner Abwesenheit in der japanischen Chronik wird
477--825 n.Chr. angegeben, also 348 Jahre. In den Märchen, die
verschiedenartig lauten, schwankt die Zeit zwischen 300 bis 7000
Jahre. Ich habe die mittlere Zeit gewählt, die in den neuesten
japanischen Ausgaben auf 700 Jahre angegeben wird. Im Dorfe
Kanagawa bei Yokohama werden heute noch das Grab und die
Fischergeräte Urashima's gezeigt. Urashima ist eine der
beliebtesten Märchenfiguren Japans.]
[Verzierung]
Wenn man mit Kobolden tanzt!
In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten
Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser Landmann
eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem
Gewitter überrascht und flüchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz
vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht
geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden;
deshalb blieb er in der Höhlung des Baumes sitzen und erwartete den
Morgen.
Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor
Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich
Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und
sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in
verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in
dem der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als
sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der
Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake[1] zu
sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger
aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.
Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen
Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen
aber zu: »Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser
tanzt!« Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.
Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm
nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.
War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.
[Buntbild]
Da sprachen die Kobolde: »Du hast uns durch deine Gesellschaft
hocherfreut. Komme doch auch morgen nacht wieder!«
Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand
haben, daß er auch sicherlich käme. »Weißt du«, sagten sie zu ihm,
»wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann
morgen wieder bekommen.«
Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm
die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf
eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu
kommen.
Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine
Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber
außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu
meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein
Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.
Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten,
daß er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte
dann, welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten,
verschwieg aber kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als
Unterpfand für sein Wiederkommen abgenommen hatten.
Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der
Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.
Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er seiner
Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben,
wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.
In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er
wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in
dieselbe Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann
gesteckt hatte.
Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit
zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: »Unser Freund von
gestern scheint heute nicht zu kommen!«
Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: »Da
bin ich schon!«
Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf
wieder seine Kunst zu zeigen.
Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake
vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und
torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne
zuzuschauen und so riefen sie: »Du bist heute nicht so geschickt wie
gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach,
daß du fort kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von
dir keine Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst
wieder!«
Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten
Manne ins Gesicht, klitsch -- klatsch -- saß sie an der rechten Wange.
Dann stieß man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten
heimkehren. --
Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen
will, das andere genießen!
[Abbildung]
[Anmerkung 1: Sake = aus Reis bereiteter, stark alkoholhaltiger
Wein, der heiß getrunken wird.]
[Verzierung]
Neid bringt Leid.
[Abbildung]
Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem kleinen
Städtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem ganzen Leben
jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut. Deshalb hatten ihn auch
alle Leute lieb, obgleich er arm war. Gerade gegenüber dem Hause
dieses guten alten Mannes wohnte ein anderer alter Mann, der sehr
reich war, aber nicht gut, sondern habgierig und alles, was er sah,
gern haben wollte.
Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte und er
hätte ganz einsam leben müssen, was er nicht wollte; denn er wünschte
auch in seinem Hause jemanden zu haben, den er lieb haben könnte und
der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich ein allerliebstes
kleines Hündchen an, hegte und pflegte es und hatte bald seine große
Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe vergalt
und so treu und anhänglich war, daß es nie von der Seite seines Herrn
wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete.
Eines Tages gingen der Herr und sein Hündchen spazieren und kamen an
ein ödes Feld. Da bellte plötzlich das Hündchen, eilte zu einer Stelle
in der Mitte des Feldes und begann mit seinen Pfötchen heftig zu
scharren, indem es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte
es sagen:
»Hier grabe nach, hier ist etwas für dich!« Der Alte verstand sein
Hündchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle
nach, die das Hündchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein
Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener
Koban[1], worüber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und
einen großen Teil den Armen spendete.
Trotzdem er nun reich war, blieb er freundlich und bescheiden wie
bisher, hatte aber sein Hündchen noch viel, viel lieber.
Der böse Nachbar aber neidete das Glück des Alten und da er erfahren
hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das
Hündchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo
goldene Koban verborgen wären. Aber das Hündchen folgte den Lockungen
nicht und wich nie von seines Herrn Seite.
[Abbildung]
Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen konnte, wandte
er Gewalt an, indem er das Hündchen, als dieses ruhig vor dem Hause
saß, ergriff und in sein Haus schleppte; dann band er es mit einem
Strick und führte es aufs Feld, damit es ihm vergrabene Schätze zeige.
Das Hündchen scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber
immer, wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im Schweiße
seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts als stinkenden
Unrat, so daß er erboste, das Hündchen mit seiner Hacke erschlug und
den Leichnam dem guten Alten in den Garten warf.
Der Alte war darüber sehr betrübt und begrub seinen Liebling unter
einen Baum im Garten, und obgleich er wohl wußte, wer der Übeltäter
war, trug er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Sühne für die
begangene Tat.
Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hündchen im Traum und
sagte zu ihm:
»Trauere nicht länger, mein Tod wird dir noch größeres Glück bringen,
wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben
bin, um und mache dir aus dem Holze einen Reismörser[2] und Schlegel!«
Der Alte tat, wie ihm geheißen und als er den Mörser in Gebrauch nahm,
welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mörser der Mochi[3] und nahm kein
Ende, bis der Alte zu stampfen aufhörte. Dieser war nun überglücklich;
denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte überdies den
Armen des Ortes reichlich abgeben.
Dem bösen Nachbar aber, dem dieses neue Glück seines Gegenübers zu
Ohren kam, ließ es keine Ruhe; er wollte und mußte den Mörser haben.
Deshalb ging er zu dem Alten und bat, er möge ihm doch den Mörser
wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewiß am
andern Morgen zurück. Der Alte war gutmütig genug dem Manne zu glauben
und ihm den Mörser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus
trug, ihn bis obenan mit Reis füllte und dann zu stampfen anfing. Aber
o Graus! Anstatt schöner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und
erfüllte mit seinem Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte
Mann eine Axt, hieb den Mörser samt Schlegel in viele Stücke und
verbrannte diese zu Asche.
Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mörsers
beraubte Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hündchens,
das ihm wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von
dem Mörser aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem
Gefäße sorgfältig auf.
Da kam eines Tages im Spätherbst, als alle Bäume und Sträucher kahl
waren, der Daimyo[4] mit seinem Gefolge angeritten und mußte am Hause
unseres guten Alten, das an der Landstraße lag, vorüber. Der Alte
ergriff nun schnell einige Hände voll von der Asche, kletterte auf
einen am Wege stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter
war, streute er die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im
ersten Augenblick starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob
solcher Freveltat und sie wollten den Alten ergreifen.
Aber, welch Entzücken erfaßte alle! Überall, wohin die Asche geflogen
war, grünte und blühte es, die Äste und Zweige waren voller Blätter
und Blüten und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter
Kirschblüten auf den Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor
Freude über solch ein Wunder laut auf und die den Alten soeben noch
züchtigen wollten, umarmten ihn und priesen seine Wundertat.
Der Daimyo war gerührt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte
dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die
Geschichte des Hündchens gehört hatte, ein anderes allerliebstes
Hündchen.
Der böse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging
er wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas
Asche übrig hätte, er möge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch
tat.
Als der schlechte Mann nun einmal hörte, daß der Daimyo mit seinem
Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als
die geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen
Baum zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt,
streute der Mensch wirklich die Asche über ihn aus, aber kein Blatt
und keine Blüte zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog
dem Daimyo und seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so daß
ein jeder sich voller Zorn auf den Übeltäter stürzte, ihn gehörig
durchprügelte, dann in Ketten legte und ins Gefängnis steckte, wo er
nach langen großen Schmerzen verstarb. -- So ergehe es allen Neidern
und Habgierigen, die dem Nächsten sein Glück nicht gönnen und es an
sich reißen möchten, anstatt sich über das Glück des Nachbars mit
diesem zu freuen!
[Buntbild]
[Anmerkung 1: Koban = Altjapanische Goldmünzen. Diese Goldmünzen
hatten länglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588
zum ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprägt und
ausgegeben.]
[Anmerkung 2: Großes Holzgefäß zum Reis stampfen.]
[Anmerkung 3: Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zähen Brei
zerstampfter Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird.
Diese Kuchen heißen Mochigwashi (Mochi-gwashi).]
[Anmerkung 4: Daimyo = Fürst.]
[Verzierung]