Es waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze[2], dieser war
ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und noch ein
Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag
zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen,
mußten sie einen großen Fluß passieren, über den eine Fähre
eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit ihrer Arbeit fertig
waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm überrascht; sie
eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken sehen, daß der
Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen Seite des
reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen
vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des
Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei
befindliche Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr
abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur
Erde, nachdem sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten
dem Tosen des Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und
Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein
Auge schließen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war
unheimlich und das Häuschen erzitterte in allen Fugen.
Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das
Haus zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer
riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die
Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche
Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich
zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem
Schläfer nieder, ihrem Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf
das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam
auf Teramichi zu, der, unfähig ein Glied zu rühren, die Augen
angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie
sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann
sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm
freundlichere Züge an: »Deinen Kameraden habe ich getötet, wie alles,
das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist
du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch
diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst.
Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen, was du hier
erlebtest, -- sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht
Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier
geschah, -- so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!«
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Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die
Tür.
Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tür
und verschloß sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und
rief ihn an; doch dieser rührte sich nicht, er war steif und starr, er
war tot, sein Gesicht verklärte ein glückliches Lächeln. Endlich ließ
der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fährmann, der nun
zurückkehrte, fand beide Männer in seinem Häuschen und hielt sie für
tot, für erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen
Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, während
Nishikaze tot blieb und begraben wurde.
Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte
tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit
der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewißheit wurde,
hatte. So gingen zwei Jahre dahin.
Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts
wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so
gefiel, daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm,
daß es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle,
wo es hoffe aufgenommen zu werden.
Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach
dieser zu dem Mädchen:
»Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in
meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das
meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst
du morgen früh deine Wanderung fortsetzen!«
Das Mädchen, das sich »Juki« nannte, nahm dies Anerbieten an und
begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine
freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am
andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter,
es möge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt
habe, der es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr
etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon
längst eine Stütze im Hause gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu
dem Mädchen in heißer Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner
Mutter anschloß, so schlug es ein und blieb im Hause.
Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe
zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es
auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre
Liebe erklärt und Teramichi und Juki wurden ein Paar.
Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in
kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem
Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten
zehn geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen
heran; keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück
dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.
Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, daß Juki immer jung
aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren
des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als
eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch
beisammensaß, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der
Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des
Fährmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm
schöner als je erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine
Ähnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen
Jahren das Leben schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher
hervor, so daß er den Ausruf nicht zurückhalten konnte: »Nein, du bist
schöner!«
Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten;
ohne zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das
er mit der Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten:
»Sie war schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich,
natürlich schön!«
Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und
größer wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in
lichtes Weiß verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals
die Schneefrau. Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief:
»Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!«
Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:
»Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange
geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem
Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte
Strafe, daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast!
Denn sieh!« -- hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an -- »als ich
dich damals in jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos
vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte
den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglück zu genießen, anstatt
stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in
menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre ungetrübten
Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in mein
kaltes Reich und du? -- Ich gedenke des Glücks, das ich genossen und
der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch
den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein
guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!«
Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt,
wie Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer
durchtobte das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam
zurücklassend.
Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge
war, ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er
lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf
und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm
dieser die Seele des Mannes mit und führte sie seiner »Juki-onna« zu.
Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei
erfroren.
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[Anmerkung 1: Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna
= Schneefrau.]
[Anmerkung 2: Sprich Nishikase.]
Der weiße Fuchs.
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Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda[1] der Sohn eines
Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen Fuchs
weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten, aber
Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd
beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wußte, daß solche Füchse
mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt
werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der
Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben,
schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu
töten. Yasuna aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit
den Jägern kämpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er
doch mit dem Tiere flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach
er erschöpft zusammen; er mußte die Füchsin loslassen, die schnell im
Walde verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha
daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach
Hause geleitete.
Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren
Eltern, die in der Kumamoto-Provinz[2], weit entfernt von Shimoda,
wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt
hier befinde und ihn im Walde gefunden habe.
Kuzunoha aber antwortete: »Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht
Zeit, dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles
erfahren!«
Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich
zu haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf
mit ihr Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glücklich und zufrieden
und ein herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte
ihr Glück. Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo[3] gegeben.
Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends
zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht,
vor der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die
sich lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte,
warum sie nicht in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen.
Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, daß
er sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und
jetzt mit einem andern Weibe zusammenlebe.
Yasuna wußte nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch
mehr verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe
machte. Er öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein
einzutreten. »Wir können uns da drinnen weiter darüber unterhalten,
was eure Vorwürfe bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der
Ort dazu!« sagte er und wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn
im Zimmer saß seine Frau und nähte! -- Hier draußen stand aber auch
seine Frau; die aber behauptete, noch nicht seine Frau zu sein,
sondern nur seine Verlobte! Wer war die richtige, wer die falsche
Kuzunoha? -- Er schloß nun ganz lautlos die Tür, trat zurück und sagte
zu seinen Schwiegereltern: »Wartet hier einen Augenblick, ich komme
gleich zurück!«
Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: »Deine
Eltern sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde
sind wir wieder hier!«
Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging
Yasuna zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen
Spaziergang zu machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus
führen.
Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, daß das bei ihnen
befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei
und daß diese untröstlich darüber, daß Yasuna in der langen Zeit
nichts habe von sich hören lassen, ihre Eltern veranlaßt habe, die
weite Reise mit ihr zu machen. Jetzt angekommen, müßten sie zu ihrer
großen Betrübnis sehen, daß bereits eine andere Frau im Hause sei!
Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe.
Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück
und gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag
auf seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den
Knaben auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe
ihr einen sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er
bedeute. Er sagte zur Kuzunoha: »Vorhin, als ich schlief, sagtest du
zu mir, daß du gar kein Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin
seiest. Der Vater habe dir einmal das Leben gerettet und deshalb
habest du menschliche Gestalt angenommen und seist ihm in Gestalt
seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei aber die wirkliche
Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle dies dem Vater
erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein dummer
Traum, nicht wahr!«
Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die
wirkliche Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas
und erzog den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und
tapfer wurde.
Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört.
[Anmerkung 1: Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei
Yokohama.]
[Anmerkung 2: Kumamoto = Stadt und Provinz im Süden Japans nahe
bei Nagasaki.]
[Anmerkung 3: Dokyo = Mut.]
[Verzierung]