Juki-onna.[1]

Es waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze[2], dieser war

ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und noch ein

Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag

zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen,

mußten sie einen großen Fluß passieren, über den eine Fähre

eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit ihrer Arbeit fertig

waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm überrascht; sie

eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken sehen, daß der

Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen Seite des

reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen

vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des

Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei

befindliche Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr

abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur

Erde, nachdem sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten

dem Tosen des Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und

Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein

Auge schließen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war

unheimlich und das Häuschen erzitterte in allen Fugen.

Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das

Haus zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer

riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die

Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche

Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich

zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem

Schläfer nieder, ihrem Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf

das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam

auf Teramichi zu, der, unfähig ein Glied zu rühren, die Augen

angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie

sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann

sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm

freundlichere Züge an: »Deinen Kameraden habe ich getötet, wie alles,

das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist

du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch

diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst.

Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen, was du hier

erlebtest, -- sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht

Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier

geschah, -- so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!«

[Abbildung]

Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die

Tür.

Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tür

und verschloß sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und

rief ihn an; doch dieser rührte sich nicht, er war steif und starr, er

war tot, sein Gesicht verklärte ein glückliches Lächeln. Endlich ließ

der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fährmann, der nun

zurückkehrte, fand beide Männer in seinem Häuschen und hielt sie für

tot, für erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen

Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, während

Nishikaze tot blieb und begraben wurde.

Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte

tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit

der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewißheit wurde,

hatte. So gingen zwei Jahre dahin.

Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts

wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so

gefiel, daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm,

daß es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle,

wo es hoffe aufgenommen zu werden.

Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach

dieser zu dem Mädchen:

»Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in

meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das

meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst

du morgen früh deine Wanderung fortsetzen!«

Das Mädchen, das sich »Juki« nannte, nahm dies Anerbieten an und

begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine

freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am

andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter,

es möge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt

habe, der es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr

etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon

längst eine Stütze im Hause gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu

dem Mädchen in heißer Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner

Mutter anschloß, so schlug es ein und blieb im Hause.

Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe

zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es

auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre

Liebe erklärt und Teramichi und Juki wurden ein Paar.

Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in

kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem

Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten

zehn geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen

heran; keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück

dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.

Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, daß Juki immer jung

aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren

des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als

eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch

beisammensaß, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der

Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des

Fährmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm

schöner als je erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine

Ähnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen

Jahren das Leben schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher

hervor, so daß er den Ausruf nicht zurückhalten konnte: »Nein, du bist

schöner!«

Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten;

ohne zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das

er mit der Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten:

»Sie war schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich,

natürlich schön!«

Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und

größer wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in

lichtes Weiß verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals

die Schneefrau. Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief:

»Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!«

Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:

»Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange

geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem

Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte

Strafe, daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast!

Denn sieh!« -- hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an -- »als ich

dich damals in jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos

vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte

den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglück zu genießen, anstatt

stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in

menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre ungetrübten

Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in mein

kaltes Reich und du? -- Ich gedenke des Glücks, das ich genossen und

der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch

den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein

guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!«

Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt,

wie Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer

durchtobte das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam

zurücklassend.

Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge

war, ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er

lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf

und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm

dieser die Seele des Mannes mit und führte sie seiner »Juki-onna« zu.

Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei

erfroren.

[Abbildung]

[Anmerkung 1: Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna

= Schneefrau.]

[Anmerkung 2: Sprich Nishikase.]

Der weiße Fuchs.

[Abbildung]

Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda[1] der Sohn eines

Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen Fuchs

weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten, aber

Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd

beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wußte, daß solche Füchse

mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt

werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der

Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben,

schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu

töten. Yasuna aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit

den Jägern kämpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er

doch mit dem Tiere flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach

er erschöpft zusammen; er mußte die Füchsin loslassen, die schnell im

Walde verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha

daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach

Hause geleitete.

Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren

Eltern, die in der Kumamoto-Provinz[2], weit entfernt von Shimoda,

wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt

hier befinde und ihn im Walde gefunden habe.

Kuzunoha aber antwortete: »Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht

Zeit, dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles

erfahren!«

Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich

zu haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf

mit ihr Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glücklich und zufrieden

und ein herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte

ihr Glück. Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo[3] gegeben.

Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends

zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht,

vor der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die

sich lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte,

warum sie nicht in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen.

Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, daß

er sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und

jetzt mit einem andern Weibe zusammenlebe.

Yasuna wußte nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch

mehr verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe

machte. Er öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein

einzutreten. »Wir können uns da drinnen weiter darüber unterhalten,

was eure Vorwürfe bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der

Ort dazu!« sagte er und wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn

im Zimmer saß seine Frau und nähte! -- Hier draußen stand aber auch

seine Frau; die aber behauptete, noch nicht seine Frau zu sein,

sondern nur seine Verlobte! Wer war die richtige, wer die falsche

Kuzunoha? -- Er schloß nun ganz lautlos die Tür, trat zurück und sagte

zu seinen Schwiegereltern: »Wartet hier einen Augenblick, ich komme

gleich zurück!«

Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: »Deine

Eltern sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde

sind wir wieder hier!«

Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging

Yasuna zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen

Spaziergang zu machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus

führen.

Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, daß das bei ihnen

befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei

und daß diese untröstlich darüber, daß Yasuna in der langen Zeit

nichts habe von sich hören lassen, ihre Eltern veranlaßt habe, die

weite Reise mit ihr zu machen. Jetzt angekommen, müßten sie zu ihrer

großen Betrübnis sehen, daß bereits eine andere Frau im Hause sei!

Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe.

Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück

und gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag

auf seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den

Knaben auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe

ihr einen sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er

bedeute. Er sagte zur Kuzunoha: »Vorhin, als ich schlief, sagtest du

zu mir, daß du gar kein Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin

seiest. Der Vater habe dir einmal das Leben gerettet und deshalb

habest du menschliche Gestalt angenommen und seist ihm in Gestalt

seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei aber die wirkliche

Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle dies dem Vater

erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein dummer

Traum, nicht wahr!«

Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die

wirkliche Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas

und erzog den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und

tapfer wurde.

Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört.

[Anmerkung 1: Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei

Yokohama.]

[Anmerkung 2: Kumamoto = Stadt und Provinz im Süden Japans nahe

bei Nagasaki.]

[Anmerkung 3: Dokyo = Mut.]

[Verzierung]

Japanische Märchen · 第 3 / 10 题