ihn, ob er nicht endlich Lust habe, die Hofdame zu besuchen. Der
Majoratsherr überraschte ihn mit einem vernehmlichen Ja, hätte aber gern
hinzugefügt, daß er lieber allein den Besuch gemacht hätte. Er kleidete
sich schnell an und machte sich mit dem Vetter auf den Weg, der sich
darüber freute, daß sie jetzt gewiß noch allein sei. Wie sie sich dem
Hause näherten, pochte dem Majoratsherrn das Herz. »Was ist das für ein
schrecklich großer Menschenkasten dort,« fragte er, »mit den
Spiegelscheiben? In dieser Nische habe ich einmal nachts hinter der
Statue in der Nische gesessen!« -- »Kennen Sie noch nicht Ihr eigenes
Majoratshaus?« fragte der Vetter, »da ließe es sich besser wohnen als in
meinem kleinen Neste!« -- »Bewahre der Himmel,« antwortete der
Majoratsherr, »ich wollte, daß ich es nie gesehen hätte; die großen
Steine scheinen mit Hunger und Kummer zusammengemauert.« -- »Freilich,
der es baute, hat sich kaum satt zu essen gewagt, und Ihr Vater war
nicht auf sonderliche Ausgaben eingerichtet, hat mir einmal, als ich
knapp von einem Tage zum andern lebte, einen Prozeß gemacht, weil ich
eine Schneiderrechnung, die er für mich ausgelegt, am festgesetzten Tage
ihm nicht wieder gezahlt hatte.« -- »Gott, das ist hart,« sagte der
Majoratsherr, »das kann den Erben keinen Segen bringen!«
Unter solchen Gesprächen waren sie in das Vorzimmer der Hofdame
getreten, die darum bitten ließ, daß die Herren eine halbe Stunde warten
möchten, sie hätte noch einige Worte zu schreiben. Der Vetter sah an
seiner Uhr, daß er nicht so lange warten könne, wegen seines
regelmäßigen Spazierganges, und ließ den Majoratsherrn allein. Diesem
ward sehr unheimlich in dem Zimmer. Der schreiende Laubfrosch auf der
kleinen Leiter schien von einem fatalen Geiste beseelt; auch die Blumen
in den Töpfen hatten kein recht unschuldiges Ansehen; aus dem Potpourri
glaubte er ein Dutzend abgelebte Diplomaten heraufhorchen zu sehen. Aber
mehr als alles quälte ihn der schwarze Pudel, obgleich sich dieser vor
ihm zu fürchten schien; er hielt ihn für eine Inkarnation des Teufels.
Als nun endlich die Hofdame wie ein chinesisches Feuerwerk mit dem
steifen Wechsel ihrer Farben aus dem andern Zimmer hervortrat, da
vergingen ihm fast die Sinne, denn ihm stand's vor der Seele, daß die
Abscheuliche seine Mutter sei. »Mutter,« sagte er, und sah sie scharf
an, »deinem Sohn ist sehr wehe!« Er dachte, sie würde erschrecken, ihn
für einen Toren erklären; aber sie setzte sich ruhig zu ihm und sagte:
»Sohn, deiner Mutter ist sehr wohl.« Sie wollte ihm ein emailliertes,
großes Riechfläschchen reichen, aber er scheute sich davor und sagte:
»Da sehe ich eine Seele eingesperrt!« Sie legte es leise beiseite und
sagte: »Wenn darin eine Seele, so ist es die Seele deines Vaters, des
Schönen; ich reichte es ihm, als er vom Leutnant, dem Vetter,
durchstochen ward, im unerwarteten Zweikampf vor meiner Türe.« -- »Ich
lebe mit dem Mörder meines Vaters unter einem Dache, und du bist seine
geliebte Freundin?« -- »Du weißt zuviel, mein Sohn,« fuhr sie fort, »als
daß du nicht alles wissen solltest, wieviel du mir zu danken, was ich
für dich getan habe. Dein Vater hieß der schöne ... in der ganzen Stadt;
dieser Ruf machte, daß ich gegen ihn alle Vorsicht vergaß. Unser
Liebeshandel blieb zwar heimlich; aber bei den Folgen, die ich trug,
mußte ich auf Verbannung vom Hofe gefaßt sein, wenn ich diese Folgen
nicht verheimlichen könnte, nachdem dein Vater erstochen war, ehe er
sein Versprechen, mich zu heiraten, erfüllen können. Das gelang mir.« --
»Ich weiß es.« -- »Und zugleich rächte ich deinen Vater an seinem
Mörder, indem ich dir das Vermögen zuwandte, was jenem mit allem Rechte
zugefallen wäre. Ich tat noch mehr. Durch meinen Einfluß am Hofe hemmte
ich jeden seiner Versuche, sich in Ehren fortzuarbeiten, und erhielt ihn
dabei in den Netzen meiner Reize. Weder seinem Verstande noch seinem
Mute wurde gerechte Anerkennung; so veraltete er in sinnlosem Treiben
und quälenden Nahrungsspekulationen, ein lächerliches Spottgesicht aller
Welt, während die ältern Leute noch mit Entzücken von der Schönheit
deines Vaters reden, ihn noch als Sprichwort brauchen, um Schönheit zu
bezeichnen. Wenn ich dich in deinem Reichtum edel, sorgenfrei
aufgewachsen sehe, allem Höheren zugewendet, und den Vetter denke, wie
er da täglich unter schielenden Seitenblicken der Alten und mit
Hohnlachen der Gassenbuben in lächerlichen Hahnentritten vor meinem
Fenster vorübertrippelt, oder Sonntags meinen Hund kämmen muß, dann
fühle ich, daß ich deinen Vater gerächt, ihm ein rechtes Totenopfer
gebracht habe. Oder soll ich noch mehr tun, um den Vetter zu kränken,
soll ich ihn heiraten, ihn in seinem Stundenlauf durch die Stadt stören,
seine Wappensammlung zusammenwerfen?« -- Der Majoratsherr hatte auf das
alles nicht gehört, sonst möchte sein Widerspruch sie früher
unterbrochen haben. Er sprach halbträumend in sich hinein: »Also ward
ich der Edlen nur als ein Dieb an die Mutterbrust gelegt. Und wo ist das
unglückliche Kind, das meinetwegen verstoßen wurde? Ich weiß es, Esther
ist es, die unglückliche, geistreiche, von der Gemeinheit der Ihren, von
dem Fluch ihres Glaubens niedergebeugte Esther!« -- »Darüber kann ich
dir keine Antwort geben,« sagte die Hofdame, »der alte Majoratsherr
allein führte die Sache aus; ich war beruhigt, als ich dich aus der
Schande unehelicher Geburt zu dem glänzendsten Schicksale erhoben sah.
Du dankst mir nicht dafür?« -- Er saß in sich versunken und hörte nicht,
sondern sprach halblaut: »Ich sollte reich sein auf Unkosten einer
Armen? Habe ich nicht manches gelernt, was mir einen Unterhalt
verschaffen kann? Ich spiele mehrere Instrumente so fertig wie
irgendeiner; ich male, ich kann in mancher Sprache Unterricht geben.
Fort mit der Sündenlast des Reichtums, sie hat mich nie beglückt!« --
Die Hofdame hörte ihm aufmerksam zu und sprach mit ihrem Pudel, der
seine Vorderpfoten auf ihre Knie stützte und ihr ans Ohr den Kopf
ausstreckte, dann nahm sie die Hand des Majoratsherrn und sagte: »Du
bist deiner Mutter wenigstens Gehorsam schuldig, und was ich fordere,
ist nicht unbillig; nur vierundzwanzig Stunden bewahre das Geheimnis
deiner Geburt und schiebe jeden Entschluß auf, den es in dir erregen
könnte; darauf gib mir Hand und Wort!« -- Der Majoratsherr war froh, daß
er in vierundzwanzig Stunden zu keinem Entschluß zu kommen brauchte,
schlug ein, küßte die Hand, empfahl sich ihr und eilte nach Hause, um zu
einer ruhigen Fassung zu gelangen.
Aber eine neue Veranlassung zur tiefsten Beunruhigung seines Gemüts
mußte er dort vorfinden. Er sah vor dem Hause der Esther eine große
Versammlung von Juden und Jüdinnen, die heftig miteinander redeten. Weil
er sich nicht darunter mischen wollte, so ging er in sein Haus und
befragte die alte Aufwärterin. Sie berichtete ihm, daß der Verlobte der
schönen Esther vor einer Stunde ganz zerlumpt von einer Reise nach
England zurückgekommen sei; er habe alles das Seine verloren. Die alte
Vasthi habe ihm darauf erklärt, daß er ihre Schwelle nie betreten, an
ihre Stieftochter nicht denken solle; aber Esther habe laut versichert,
daß sie gerade jetzt ihre Zusage erfüllen wolle, den Unglücklichen zu
heiraten, weil er ihrer bedürfe, sonst hätte sie wegen ihrer
Kränklichkeit das Verlöbnis aufgelöst. Darüber sei eine schreckliche Wut
der Mutter Vasthi ausgebrochen, die kaum durch das Zwischentreten der
ältesten Nachbarn beschwichtigt worden sei. Jedermann gebe ihr laut
schuld, daß sie nicht aus Vorsorge für die Stieftochter, sondern aus
Verlangen, sie zu beerben, weil sie sehr kränklich, die Heirat zu
hindern suche.
So war nun ein Mittel der Ausgleichung, wenn er selbst, der
Majoratsherr, die verstoßene Esther geheiratet hätte, fast verloren, und
seine Neigung schien ihm jetzt sträflich. Er sah Esther, die bleich und
erstarrt wie eine Tote auf ihrem Sofa lag, während der Verlobte, ein
jammervoller Mensch, ihr seine unglücklichen Begebenheiten erzählte. Es
wurde Licht angezündet; sie schien sich zu erholen, tröstete ihn,
versprach ihm ihren Handel zu überlassen, wenn sie verheiratet wären,
aber er dürfe dann nie ihr Zimmer betreten. Er beschwor alle
Bedingungen, die sie ihm machen wolle, wenn sie ihn aus dem Elend reißen
und vor dem Zorn der grausamen Vasthi bewahren wolle. »Sie ist der
Würgengel, der Todesengel,« sagte er, »ich weiß es gewiß; sie wird
abends gerufen, daß die toten Leute nicht über Nacht im Hause bleiben
müssen, und saugt ihnen den Atem aus, daß sie sich nicht lange quälen
und den Ihren zur Last fallen. Ich hab's gesehen, als sie von meiner
Mutter fortschlich, und als ich ans Bette kam, war sie tot; ich hab es
gehört von meinem Schwager, es darf nur keiner davon reden. Es ist eine
Sache der Milde, aber ich scheue mich davor.« Esther suchte es ihm
auszureden, endlich sagte sie: »Bedenk Er sich wohl! Wenn Er sich
allzusehr vor ihr fürchtet, so heirate Er mich nicht. Mir ist es
einerlei, ich tue es nur, um Ihn aus dem Elend zu retten; das bedenk Er
sich und geh Er und laß Er mich allein.« Der Verlobte ging. Kaum war er
fort, so stand Esther mit Mühe auf, erschrak, als sie sich im Spiegel
erblickte, und rang die Hände.
Der Majoratsherr beschaute den schmalen Raum, der sie trennte; er
glaubte sie trösten zu müssen. Aber ehe er entschlossen, ob er sich
einem kühnen Sprunge hingeben oder durch ein Brett beide Fenster in
aller Sicherheit vereinigen könnte, hörte er, wie alle Abende, einen
Schuß, und es überfiel der gesellige Wahnsinn die schöne Esther schon
wieder. Sie schlüpfte mit Eile in ein kurzes Ballkleid und warf darüber
einen feuerfarbenen Maskenmantel, nahm auch eine Maske vor, und so
erwartete sie die übrigen Masken zu dem Balle. Es ging wie am vorigen
Tage, nur viel wilder. Groteske Verkleidungen, Teufel, Schornsteinfeger,
Ritter, große Hähne schnarrten und schrien in allen Sprachen, er sah die
Gestalten, sowie ihre Stimme sie belebte. Sie war schlagend witzig gegen
alle Angriffe, die sie sich selbst machte, und scheute in diesen
Spottreden keine ihrer Schwächen, die sie je gehabt hatte; aber sie
wußte auch von allem die beste Seite zu zeigen. Nur einer Maske wußte
sie nichts zu antworten, die ihr vorwarf, so nahe ihrer Hochzeit solchen
Leichtsinn zu treiben. »Nennen Sie dieses Almosen, das ich dem armen
Jungen reiche, keine Hochzeit. Ich bin verlassen; der Majoratsherr wird
sich immerdar zu lange in Unschlüssigkeit bedenken, ehe er etwas für
mich tut, meine Pulse schlagen bald die letzte Stunde, kurz David tanzte
vor der Bundeslade, und ich tanze dem höheren Bunde entgegen.« Bei
diesen Worten ergriff sie die Maske und raste einen schnellen Walzer,
welchem Beispiel die anderen Masken folgten, während ihr Mund mit
seltener Fertigkeit Violinen, Bässe, Hoboen und Waldhörner tanzend
nachzuahmen wußte. Kaum war dieser allgemeine Tanz beendet, so wurde sie
angefleht, die Fandango zu tanzen. Sie warf die Maske und auch das
Ballkleid von sich, ergriff die Kastagnetten und tanzte mit einer
Zierlichkeit den zierlichsten Tanz, daß dem Majoratsherrn alle anderen
Gedanken in Wonne des Anschauens untergingen. Als ihr nun alle für diese
Kunst ihren Dank zollten und sie nur mit Mühe wieder zu Atem kam, sah
sie mit Schrecken einen kleinen Mann eintreten, den auch der
Majoratsherr, sobald sie ihn genannt, in einer sehr abgetragenen Maske
die Herren begrüßen sah. »Gott, das ist mein armer Bräutigam,« sagte
sie, »der will mit seinen Kunststücken Geld verdienen.« Diese armselige
Maske trug einen kleinen Tisch und Stuhl auf dem Rücken, empfahl seine
Kunststücke, ließ einen Teller umhergehen, um für sich einzusammeln, und
eröffnete den Schauplatz mit sehr geschickten Kartenkünsten; dann
brachte er Becher, Ringe, Beutel, Leuchter und ähnliche
Schnurrpfeifereien vor, mit denen er das größte Entzücken in der ganzen
Gesellschaft erregte. Zuletzt sprang er in einem leichten, weißen
Anzuge, doch wieder maskiert, wie eine Seele aus dem schmutzigen
Maskenmantel heraus und versicherte, mit seinem Körper seltsame
Kunststücke machen zu wollen, legte sich auf den Bauch und drehte sich
wie ein angestochener Käfer umher. Aber Esther faßte einen so gräßlichen
Widerwillen gegen ihn in dieser Verzerrung, daß sie mit zugehaltenen
Augen in Krämpfen auf ihr Bett stürzte. Im Augenblicke waren dem
Majoratsherrn alle Gestalten verschwunden; er sah die Geliebte, die
Unterdrückte im schrecklichsten Leiden verlassen; er beschloß, zu ihr zu
eilen. Er sprang die Treppe hinunter; aber er fehlte die Tür und trat in
ein Zimmer, das er nie betreten. Und ihm und seiner Laterne entgegen
drängten sich ungeheure gefiederte Gestalten, denen rote Nasen wie
Nachtmützen über die Schnäbel hingen. Er flieht zurück und steigt zum
Dache empor, indem er sein Zimmer sucht. Er blickt umher in dem Raume,
und still umsitzen ihn heilige Gestalten, fromme Symbole, weiße Tauben;
und das Gefühl, wie er zwischen Himmel und Hölle wohne, und die
Sehnsucht nach dem himmlischen Frieden, dessen Sinnbilder ihn umgaben,
stillte wie Öl die Sturmeswellen, die ihn durchbebten, und eine Ahnung,
daß er ihm nahe, daß es seiner auf Erden nicht mehr bedürfe, drängte
seine aufglimmende Tätigkeit für Esther wieder zurück.
Doch diesem höheren Traum stellte sich die Wirklichkeit mit spitzer
Nachtmütze, einem bunten Band darum gebunden, eine Brille auf der roten
Nase, einen japanischen, bunten Schlafrock am Leibe, mit bloßem Schwerte
entgegen; natürlich der Vetter, der, von dem Geräusch im Hause erwacht,
den Majoratsherrn mit den Worten begrüßte: »Sind Sie es, lieber Vetter,
oder Ihr Geist?« -- »Mein Geist,« antwortete der Majoratsherr verlegen,
»denn kaum weiß ich, wie ich hier unter die Engel versetzt bin.« --
»Kommen Sie in Ihr Zimmer zurück,« entgegnete der Vetter, »sonst
verlassen die Tauben ihre Eier; meine Puthähne unten wollen sich ohnehin
nicht zufrieden geben, Sie waren gewiß auch dort, ich konnte mir dieses
Treppensteigen, den Lärm bei den Tieren nicht anders erklären, als daß
ein Dieb von der Judengasse eingestiegen sei. Nun ist es mir nur lieb,
daß Sie es sind. Vielleicht etwas mondsüchtig, lieber Vetter? Das weiß
ich zu kurieren.« -- Unter solchen Gesprächen führte er den
Majoratsherrn in sein Zimmer zurück. Dieser aber faßte den Entschluß,
dem Vetter zu erzählen, daß er Esther in Krämpfen ganz verlassen aus
seinem Fenster gesehen habe, und daß er in der Eil', ihr zu Hilfe zu
kommen, die Türen verfehlt habe. -- »Welch ein Glück,« rief der Vetter,
»denn wenn die Türe der Gasse offen gewesen, Sie wären nicht ohne
Unglück oder Schimpf hinausgekommen.« -- Der Majoratsherr war an das
Fenster gegangen und sagte: »Sie scheint jetzt zu schlummern, der
schreckliche Anfall ist vorüber.« Der Leutnant erzählte aber weiter:
»Vor einem Jahre hätten Sie die Esther sehen sollen, da war sie schön;
da kam der Sohn eines Regimentskameraden vom Lande hieher unter die
Dragoner. Er war das einzige Gut der Mutter, seitdem der Vater in einem
Scharmützel geblieben; denn die sind oft gefährlicher als die großen
Schlachten. Ich sah es, wie sie ihm das letzte Hemde zu seiner
Equipierung nähte; sie dachte nicht, daß es sein Sterbehemde werden
sollte. Aber der Mensch war unbesonnen, ich sah es ihm gleich beim
Reiten an: er wollte immer Kunststücke auf den Straßen machen und dachte
nicht daran, daß da Leute neben ihm gingen. Genug, der verliebt sich in
die schöne Esther, und sie in ihn, und mein junger Herr will abends zu
ihr schleichen, und wie die armen Juden außer ihrer Gasse mißhandelt
werden, so meinen sie die Christen drinnen auch mißhandeln zu können,
und fallen über ihn her, -- besonders die alte Vasthi, die hätte ihn
fast erwürgt. Die Sache ward laut, die Offiziere wollten nicht mit dem
jungen Fähndrich weiter dienen. Er kam zu mir: was er tun sollte? Ich
sagte ihm: schießt Euch tot, weiter ist nichts zu tun. Und der Mensch
nimmt das Wort buchstäblich und schießt sich tot. Da hatte ich Mühe, es
der Mutter auf gute Art beizubringen. Die Esther aber bekommt seitdem
abends um die Zeit, wo er sich erschossen, einen Eindruck, als ob ein
Pistolenschuß in der Nähe fiele, -- andre hören es nicht, -- und dann
ein Anfall von Reden, Tanzen, daß kein Mensch aus ihr klug wird; und die
andern im Hause lassen sie allein und scheuen sich vor ihr!« -- Entsetzt
von dem kaltblütigen Vortrage rief der Majoratsherr: »Welche Klüfte
trennen die arme Menschheit, die sich immer nach Vereinigung liebend
sehnt! Wie hoch muß ihre Bestimmung sein, daß sie solcher Fundamente
bedarf, daß solche Opfer von der ewigen Liebe gefordert werden, solche
Zeichen, -- die, mehr als Wunder, die Wahrheit der heiligen Geschichte
bewähren? O, sie sind alle wahr, die heiligen Geschichten aller Völker!«
-- Nach einer Pause fragte er: »Ist denn die Vasthi wirklich der
Würgengel? Die Leute sagen, daß sie den Sterbenden den Todesdruck gebe.«
-- »Wenn das der Fall ist,« sagte der Vetter, »so ist es Milde, daß sie
nicht lebend begraben werden, weil ein törichtes Gesetz gebietet, die
Toten nach dreien Stunden aus dem Hause zu schaffen.« Es habe ihm ein
Arzt versichert, daß er deswegen einem, der an Krämpfen gelitten,
schwören mußte, bei ihm zu bleiben, daß er nicht erstickt würde, wenn
man ihn für tot hielte. Und da sah er, wie die Verwandten ihn verlegen
bereden wollten, fortzugehen, der Tote sei tot; aber er blieb und
rettete das Leben des Erstarrten, der ihm noch lange dankte. Da sollte
die Obrigkeit ein Einsehen haben und das frühe Beerdigen verbieten.
»Aber lassen Sie uns von angenehmeren Dingen reden,« fuhr der Vetter
fort. »Ich habe Ihnen vielen Dank zu sagen, Sie haben mein Glück
gemacht. Meine vortreffliche Herzens- und Hofdame fühlt eine so gütige,
mütterliche Zärtlichkeit gegen Sie, daß sie mir die seit dreißig Jahren
versagte Hand reichen will, insofern ich Sie verpflichten kann, als ein
geliebter Sohn in ihrer Nähe zu bleiben und unser nahendes Alter zu
unterstützen. Da Sie nun, lieber Vetter, Ihr ganzes äußeres Dasein mit
der Verwaltung des Majorats mir übertragen haben, ich auch aus der
näheren Kenntnis der Verhandlungen ersehe, daß Sie viel zu abstrakt in
Ihren Studien sind, um Ihrem Vermögen selbst vorstehen zu können, so
habe ich, gleichsam als Ihr natürlicher Vormund, Ihr Wort dazu gegeben.«
Der Majoratsherr fühlte sich in den Willen des Vetters ebenso
hingegeben, wie Esther in den Willen der Vasthi; er kam ihm auch vor wie
ein Würgengel, und er konnte sich denken, daß er ihm ebenso gleichgültig
wie dem jungen Dragoner die Pistole reichen würde, wenn er das Geheimnis
des Majorats erführe. Der Majoratsherr liebte aber sein Leben wie alle
Kranke und Leidende, und es schien ihm ein milder Ausweg, den die
Hofdame ersonnen, ihn durch diese Heirat als Sohn dem Hause dergestalt
zu verknüpfen, daß bei der Unwahrscheinlichkeit, in ihrem Alter noch
andre Kinder zu bekommen, er allein die Aussicht und der Mittelpunkt
aller Hoffnungen beider werden müßte. So fand er sich gezwungen, dem
Vetter zur Heirat Glück zu wünschen und ihm seine kindliche Ergebenheit
gegen die Hofdame zu versichern; auch versprach er ihm, künftig mit ihm
im Majoratshause zu wohnen, Gesellschaften zu sehen und am Hofe sein
Glück zu suchen. Dann las ihm der Vetter einige wohlgereimte Gedichte
vor, in denen er dieses Glück besungen hatte, und empfahl sich erst spät
dem schlaftrunkenen Majoratsherrn, der heimlich allen Versen
abgeschworen, seitdem er die edle Reimkunst mit so fataler nichtiger
Fertigkeit hatte handhaben hören. Und doch konnte er es nicht lassen,
einige Reime bis zum Verzweifeln sich zu wiederholen, und wußte auch
nicht, wo er sie gehört hatte, doch meinte er damals, als er die alte
Vasthi hinter der Bildsäule belauerte.
Es war eine alte Jüdin,
Ein grimmig gelbes Weib;
Sie hat eine schöne Tochter
Ihr Haar war schön geflochten
Mit Perlen, soviel sie mochte,
Zu ihrem Hochzeitskleid.
»Ach liebste, liebste Mutter,
Wie tut mirs Herz so weh; --
In meinem geblümten Kleide
Ach laß mich eine Weile
Spazieren auf grüner Heide,
Bis an die blaue See.
Gut Nacht! Gut Nacht, Herzmutter,
Du siehst mich nimmermehr;
Zum Meere will ich laufen,
Und sollt ich auch ersaufen,
Es muß mich heute taufen;
Es stürmet gar zu sehr!«
Spät entschlafen unter diesen wiederkehrenden Reimen, wurde er erst
gegen Abend durch den Pistolenschuß erweckt, der sich zur gewohnten
Stunde hören ließ. Fast zugleich trat die alte, gute Aufwärterin leise
ein, und als sie ihn wachend fand, fragte sie: ob er nicht der
Judenhochzeit aus dem Hinterfenster zusehen wolle. -- »Wer wird
verheiratet?« fuhr er auf. -- »Die schöne Esther, mit dem armen Lump,
der gestern zurückgekehrt ist.« -- Zum Glück war der Majoratsherr
unausgekleidet auf seinem Sofa eingeschlafen, denn Zeit konnte er nicht
verlieren, mit solcher Heftigkeit sprang er nach den hinteren Fenstern
des Hauses, aus denen er den Begräbnisort mit den wilden Tieren gesehen
hatte. Lange Häuserschatten und zwischendurch strahlende Abendlichter
streiften über den grünen Platz neben dem Begräbnisort, der mit einem
schrecklichen Gewirre schmutziger Kinder eingehegt war. Die Art der
Musik, welche jetzt anhub, erinnerte an das Morgenland, auch der
reichgestickte Baldachin, der von vier Knaben vorausgetragen wurde.
Ebenso fremdartig waren alle Zeichen der Lustigkeit unter den
Zuschauern, welche Nachtigallen und Wachteln künstlich nachahmten,
einander zwickten und Gesichter schnitten, und endlich, zum Teil mit
künstlichen Sprüngen, den Bräutigam begrüßten, der wie ein
Schornsteinfeger ein schwarzes Tuch um den Kopf trug und mit einer Zahl
befreundeter Männer eintrat. Und welche Ungeduld, wie viele seltsame
Einfälle unter den Leuten, als die Braut länger als erlaubt auf sich
warten ließ. Aber endlich kam händeringend ein Weib und schrie
unbarmherzig: »Esther ist tot!«
Die Musik der Zimbeln und kleinen Pauken schwieg, die Knaben ließen den
Thronhimmel fallen, der wilde Stier brüllte schrecklich oder wurde jetzt
erst gehört. Der Majoratsherr allein, während alles lief zu schauen,
blieb erstarrt in seiner Fensterecke liegen, bis die Tauben heimkehrend
es mit lautem Flügel umflogen, und die Aufwärterin sagte: »Ach Gott! da
haben sie wieder eine mitgebracht; wer weiß, welchem armen Menschen sie
gehört hat, und wieviele sich darum grämen!« -- »Sie ists,« rief der
Majoratsherr, »die himmlische Taube, und ich werde nicht lange um sie
weinen!« Er ging auf sein Zimmer zurück und wagte es nach ihrem Fenster
hinzublicken. Schon waren alle aus ihrem Zimmer entflohen, aus Furcht
der Einwirkung eines Toten. Der Verlobte zerriß sein Kleid vor dem Hause
und überließ sich allen Rasereien des Schmerzes, während die Ältesten
von der Beerdigung redeten. Sie lag auf ihrem Bette. Der Kopf hing
herab, und die Haarflechten rollten aufgelöst zum Boden. Ein Topf mit
blühenden Zweigen aller Art stand neben ihr und ein Becher mit Wasser,
aus dem sie wohl die letzte Kühlung im heißen Lebenskampfe mochte
empfangen haben. -- »Wohin seid ihr nun entrückt,« rief er nun zum
Himmel, »ihr himmlischen Gestalten, die ahnend sie umgaben? Wo bist du,
schöner Todesengel, Abbild meiner Mutter! So ist der Glaube nur ein
zweifelhaft Schauen zwischen Schlaf und Wachen, ein Morgennebel, der das
schmerzliche Licht zerstreut! Wo ist die geflügelte Seele, der ich mich
einst in reinster Umgebung zu nahen hoffte? Und wenn ich mir alles
abstreite, wer legt Zeugnis ab für jene höhere Welt? Die Männer vor dem
Hause reden vom Begräbnis, und dann ist alles abgetan. Immer dunkler
wird ihr Zimmer, die geliebten Züge verschwinden darin.«