Vasthi mit einer Diebeslaterne in das Zimmer, öffnete einen Schrank und
nahm einige Beutel heraus, die sie in ihre lange Seitentasche steckte.
Dann nahm sie den Brautschmuck der Erstarrten vom Kopfe und maß mit
einem Bande ihre Länge, wohl nicht zu einem Kleide, sondern zur Auswahl
des Sarges. Und nun setzte sie sich auf das Bett, und es schien, als ob
sie bete. Und der Majoratsherr vergab ihr den Diebstahl für dies Gebet
und betete mit ihr. Und wie sie gebetet hatte, zogen sich alle Züge
ihres Antlitzes in lauter Schatten zusammen, wie die ausgeschnittenen
Kartengesichter, welche, einem Lichte entgegengestellt, mit dem
durchscheinenden Lichte ein menschliches Bild darstellen, das sie doch
selbst nicht zu erkennen geben: sie erschien nicht wie ein menschliches
Wesen, sondern wie ein Geier, der, lange von Gottes Sonne gnädig
beschienen, mit der gesammelten Glut auf eine Taube niederstößt. So
setzte sie sich wie ein Alpdruck auf die Brust der armen Esther und
legte ihre Hände an ihren Hals. Der Majoratsherr meinte einige
Bewegungen am Kopf, an Händen und Füßen der schönen Esther zu sehen;
aber Wille und Entschluß lagen ihm wie immer fern, der Anblick ergriff
ihn, daß er es nicht meinte überleben zu können. »Der grimmige Geier,
die arme Taube!« -- Und wie Esther das Ringen aufgab und ihre Arme über
den Kopf ausstreckte, da erlosch das Licht, und aus der Tiefe des
Zimmers erschienen mit mildem Gruße die Gestalten der ersten reinen
Schöpfung, Adam und Eva, unter dem verhängnisvollen Baume und blickten
tröstend zu der Sterbenden aus dem Frühlingshimmel des wiedergewonnenen
Paradieses, während der Todesengel zu ihrem Haupte mit traurigem Antlitz
in einem Kleide voll Augen mit glänzendem, gesenktem Flammenschwerte
lauerte, den letzten, bittern Tropfen ihren Lippen einzuflößen. So saß
der Engel wartend, tiefsinnig, wie ein Erfinder am Schlusse seiner
mühevollen Arbeit. Aber Esther sprach mit gebrochener Stimme zu Adam und
Eva: »Euretwegen muß ich so viel leiden!« -- Und jene erwiderten: »Wir
taten nur eine Sünde, und hast du auch nur eine getan?« -- Da seufzte
Esther, und wie sich ihr Mund öffnete, fiel der bittre Tropfen von dem
Schwerte des Todesengels in ihren Mund, und mit Unruhe lief ihr Geist
durch alle Glieder getrieben und nahm Abschied von dem schmerzlich
geliebten Aufenthaltsorte. Der Todesengel wusch aber die Spitze seines
Schwertes in dem offenen Wasserbecher vor dem Bette ab und steckte es in
die Scheide und empfing dann die geflügelte, lauschende Seele von den
Lippen der schönen Esther, ihr feines Ebenbild. Und die Seele stellte
sich auf die Zehen in seine Hand und faltete die Hände zum Himmel, und
so entschwanden beide, als ob das Haus ihrem Fluge kein Hindernis sei,
und es erschien überall durch den Bau dieser Welt eine höhere, welche
den Sinnen nur in der Phantasie erkenntlich wird: in der Phantasie, die
zwischen beiden Welten als Vermittlerin steht und immer neu den toten
Stoff der Umhüllung zu lebender Gestaltung vergeistigt, indem sie das
Höhere verkörpert. Die alte Vasthi schien aber von all der Herrlichkeit
nichts zu erkennen und zu sehen; ihre Augen waren abgewandt, und als
sich der Todeskampf gestillt hatte, nahm sie noch einigen Schmuck zu
sich und hob das Bild von Adam und Eva von der Wand und schleppte es
auch mit fort.
Erst jetzt fiel dem Majoratsherrn ein, daß etwas Wirkliches auch für
diese Welt an allem dem sein könne, was er gesehen, und mit dem Schrei:
»Um Gottes Gnade willen, die Alte hat sie erwürgt,« sprang er, seiner
selbst unbewußt, auf das Fenster und glücklich hinüber in das offene
Fenster der Esther. Sein Schrei hatte die Totengräber und den Verlobten
ins Haus gerufen. Sie kamen in das Zimmer, wo sie den Majoratsherrn, den
keiner kannte, beschäftigt fanden, der armen Esther Leben einzuhauchen.
Aber vergebens. Mit Mühe sagte er ihnen, was er gesehen, wie Vasthi sie
erwürgt habe. Der Verlobte rief: »Es ist gewißlich wahr, ich sah sie
hinaufschleichen und sah sie herunterschleichen, aber ich fürchtete mich
vor ihr!« Die Totenbegleiter verwiesen ihm aber solche frevelhafte
Gedanken, der Fremde sei ein Rasender, vielleicht ein Dieb, der solche
Lügen ersonnen, um sich der Strafe zu entziehen. Da ergriff der
Majoratsherr den Becher mit Wasser und sprach: »So gewiß der Tod in
diesem Wasser sein Schwert gewaschen und es tödlich vergiftet hat, so
gewiß hat Vasthi die arme Esther vor meinen Augen erwürgt!« -- Bei
diesen Worten trank er den Becher aus und sank am Bette nieder. -- Alle
sahen an dem Glanze seiner Augen, an der Bleichheit seiner Lippen, daß
ihm sehr wehe sei, und sie hörten seinen gebrochenen Reden zu. »Sie
würgte an ihr schon manches Jahr,« sagte er, »und Esther starb in einem
Abbilde ihres Lebens, das mit seinem eiteln Schmuck noch in dem Tode die
Raubgier der Alten und vergebliche Liebe in mir regte. Sie ist dem
Himmel ihres Glaubens nicht entzogen, sie hat ihn gefunden, und auch ich
werde meinen Himmel, die Ruhe und Unbeweglichkeit des ewigen Blaus
finden, das mich aufnimmt in seiner Unendlichkeit, sein jüngstes Kind,
wie seine Erstgeborenen, alle in gleicher Seligkeit!«
Bald wurden seine Worte undeutlicher, und er bewegte kaum noch die
Lippen. Und die Juden alle sagten, daß das Wasser in einem Sterbezimmer
gefährlich und selbst öfter als tödlich erfunden sei bei gewaltsamen
Todesfällen. Sie trugen ihn in das Haus des Leutnants und erzählten, was
er ihnen von den Ereignissen berichtet hätte. Dieser versicherte ihnen,
der Sterbende sei schon lange sehr kränklich gewesen, und rief eben den
Arzt in das Haus, den der Majoratsherr zuerst erblickt hatte, wie der
Tod auf seinem Wagen gesessen und die beiden Rosse, Hunger und Schmerz,
gelenkt habe. Dieser zuckte die Achseln, machte Versuche mit Stechen und
Brennen und einigen heftigen Mitteln; aber er konnte die Ruhe des
Unglücklichen nicht mehr stören, sondern beschleunigte nur seinen Tod.
Noch am Abend nahm der Leutnant Besitz von dem Majoratshause und schlief
seine erste selige Nacht in dem Prachtbette des Hauses. Seine glänzende
Bedienung, sein Geschmack in der Pracht zeigte sich zur allgemeinen
Bewunderung bei dem Leichenbegängnisse des Majoratsherrn. Er gab mehrere
große Mittagessen, und es verging keine Woche und jedermann war
erstaunt, wie dem Manne Unrecht geschehen. Viele rühmten seinen echt
praktischen Verstand, wie er sich durch alle Not des Lebens
durchgearbeitet habe; andre erinnerten sich jetzt, wie viele Proben
seines Mutes er im Kriege gegeben; einige verehrten sogar seine Gedichte
und erboten sich, sie herauszugeben. Bald trat er nach seinem
Dienstalter in die Armee ein und reichte als General der alten Hofdame
seine Hand, nachdem er durch die glückliche Erfindungsgabe jenes Arztes
von seiner roten Nase kuriert war.
Dem Hochzeitstage zu Ehren wurde alles Geflügel geschlachtet, das er im
kleinen Hause so lange verpflegt hatte. Die hohen Herrschaften beehrten
ihn selbst mit ihrer Gegenwart, und jedermann rühmte die Fröhlichkeit
und die Pracht dieses Festes. Um so unruhiger war die Nacht. Die Ärzte
behaupteten, der Vetter habe sich im Weine übernommen; die Leute im
Hause aber berichteten, die Hofdame habe im zu Bette gehen ein
emailliertes Riechfläschchen zerbrochen, worin der Geist ihres
erstochenen Freundes eingeschlossen gewesen. Dieser Geist habe ihr Bett
gegen ihn mit dem Degen verteidigt, und beide hätten die ganze Nacht
gefochten, bis endlich der Herr ermüdet sich vor ihm zurückgezogen. Die
Hofdame verhöhnte ihn am Morgen als einen törichten Geisterseher, und
als er ihr im Zorne antwortete, drohte sie die Geschichte zu seinem
Schimpfe am Hofe bekannt zu machen. Zu ihren Füßen flehte er, daß sie
schweigen möchte, und sie versprach es unter der Bedingung, daß er sie
in keiner ihrer Launen stören wolle. So mußte er es ruhig dulden, daß
die Hunde der Frau, als diese die Wappensammlung besehen und offen
stehen lassen, mit den kostbarsten Wappen spielten und sie im Spiel
zerbissen. Auch mit der Ordnung seiner Zeit hatte es ein Ende, denn die
Frau verstellte und verdrehte ihm alle Uhren, wenn die Hunde zum
Mittagessen früher eine Lust bezeigten. Auch hatte er zum Spazierengehen
nun so wenig Zeit übrig, seit ihm die Frau eine gewisse Anzahl junger
Hühnerhunde und Hetzhunde zum Abrichten übergeben hatte. Die gute alte
Ursula wagte es, zuzureden, ihn zum Widerstand aufzumuntern; aber er
fürchtete schon bei dem bloßen Gedanken, daß sie in der nächsten Nacht
den Geist aus dem emaillierten Riechfläschchen loslassen möchte, und
jagte sie aus seinem Dienste; er trug die physische Angst in seinem
Herzen, wie ein gebissener Hahn, der einmal vor seinem Gegner flüchtig
geworden ist.
Die Frau kannte diese schwache Seite und trieb ihn mit dieser Furcht aus
allen guten Zimmern des großen Hauses auf ein Bodenzimmer, um ihre neuen
Kolonien von Hunderassen aller Art in den Prachtzimmern wohl
unterzubringen. Ungeachtet seiner Ehrenstellen wagte er sich unter
solchen beschämenden Umständen nicht in die Welt, die sich der Frau
wegen der allmählich verbreiteten Geschichte ihrer heimlichen
Niederkunft und des Kindertausches ohnehin verschloß. Um so ungestörter
gab sie sich ihrer Liebhaberei zu Tieren aller Art und gestattete
niemand den Eintritt in das Innere ihres Hauses. Neugierige Leute
lauerten wohl abends vor dem Fenster, wenn sie durch die Ritzen der
Fensterladen die Kronleuchter hell brennen sahen, und kletterten auch
wohl hinan, um etwas von diesem seltsamen Feste zu ersehen. Sie
erzählten dann, daß sie unzählige Hunde und Katzen an großen
wohlbedeckten Tischen hätten tafeln sehen, und wie der Herr General
hinter dem Stuhle des Lieblingshundes mit einem Teller unter dem Arme
aufgewartet habe, während sie alle mit den artigsten französischen
Worten zum Essen überredet habe. Sie erzählten, wie sie als einen
artigen Einfall belacht habe, als ein paar Hunde die schmutzigen Pfoten
an dem großen Wappen des Majoratsdamastgedeckes abgewischt hätten,
während der Teller des Eheherrn hinter dem Stuhle des Hundes vom Zittern
des unterdrückten Zornes an den Uniformknöpfen den hellsten Triller
geschlagen habe. »Wir sind jetzt alle bei recht guter Laune«, hatte sie
da befragt gesagt, »lesen Sie uns Ihr Gedicht auf den Namenstag meines
Kartusch vor!« Als der Horcher bei diesen Worten laut auflachte, brachte
dies dem ganzen Feste eine Störung. Die Frau schalt, die Hunde bellten,
der General schickte seine Leute hinaus. Alle Zuschauer flüchteten, und
am anderen Tage wurde das Haus mit einem hohen, eisernen Gitter umgeben,
so daß niemand mehr diesen Heimlichkeiten zusehen konnte.
Mit diesem Gitter schließen sich auch, zufällig oder historisch, je
nachdem man es ansehen will, die Nachrichten von den Majoratsherren. Die
Stadt hatte während des Revolutionskrieges sehr bald Gelegenheit, andere
Leutnants und Generale zu beobachten. Es war eine so unruhige Zeit, daß
die alten Leute gar nicht mehr mitkommen konnten und deswegen unbemerkt
abstarben. So erging es wenigstens dem Majoratsherrn, seiner Frau und
ihren Hunden nach einigen heftigen Auftritten, in denen einer der
fremden Offiziere, der eine bessere Hausordnung zu stiften sich berufen
glaubte, die Hunde auf gewaltsame Weise aus dem Staatszimmer hetzte und
den alten Majoratsherrn in seine Rechte auf die Hausherrschaft wieder
einzusetzen strebte. Bald darauf kam die Stadt unter die Herrschaft der
Fremden; die Lehnsmajorate wurden aufgehoben, die Juden aus der engen
Gasse befreit, der Kontinent aber wie ein überwiesener Verbrecher
eingesperrt. Da gab es viel heimlichen Handelsverkehr auf Schleichwegen,
und Vasthi soll ihre Zeit so wohl benutzt haben, daß sie das
ausgestorbene Majoratshaus durch Gunst der neuen Regierung zur Anlegung
einer Salmiakfabrik für eine Kleinigkeit erkaufte, welche durch den
Verkauf einiger darin übernommenen Bilder völlig wiedererstattet war. So
erhielt das Majoratshaus eine den Nachbarn zwar unangenehme, aber doch
sehr nützliche Bestimmung, und es trat der Kredit an die Stelle des
Lehnrechtes.
Achim von Arnim's »Die Majoratsherren«
mit den Zeichnungen von Alfred Kubin
wurde im Auftrage des Avalun-Verlages,
Wien, neunzehnhundertzweiundzwanzig
bei Jakob Hegner in Hellerau bei Dresden
in Jean-Paul-Fraktur auf Bütten gedruckt.
Anmerkungen zur Transkription
Die folgenden Fehler wurden wie hier aufgeführt korrigiert
(vorher/nachher):
[S. 15]:
... in ununsern ...
... in unsern ...
[S. 22]:
... von den Grausamen zurück, der sie mit kannibalischer Begierde
ansieht. ...
... von dem Grausamen zurück, der sie mit kannibalischer Begierde
ansieht. ...
[S. 46]:
... beschwichtigt worden sei. Jederman gebe ihr laut schuld, daß ...
... beschwichtigt worden sei. Jedermann gebe ihr laut schuld, daß ...