diesen Fall. Der Kleine legte sich das zu seinen Gunsten aus, und als
Braka noch etwas dazwischen reden wollte, zog er seinen Degen und schwor,
ihn mit ihrem Blute zu färben, wenn sie sich seinem Glücke widersetzte.
Braka schüttelte sich vor Schrecken; sie konnte keinen Bissen essen. Der
Kleine befahl dem Bärnhäuter, zusammenzupacken und einen Fuhrmann, es
koste was es wolle, anzuschaffen, der sie nach dem nächsten Pfarrdorfe
führe, da in Buik, wegen der Nachtmessen, wohl kein Pfarrer zu einer
Trauung bereit sein möchte. Der Bärnhäuter betrieb alles, aus Furcht vor
der trunkenen Wirtin, mit dem größten Eifer und mit der lobenswertesten
Verschwiegenheit. Der Wagen stand vor der Türe, alle saßen darin, ehe
Frau Nietken etwas merkte. Ihrem widersinnigen Geschrei zu entgehen,
wurde ihr das Dreifache, was sie fordern konnte, zugeworfen; und die
sonderbare Gesellschaft, eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig
stellen mußte, eine Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer
Wurzel geschnitten, saßen in feierlicher Eintracht, hegten große Gedanken
vom Glück des Lebens, das sie eben zu begründen fuhren, von Schätzen,
Heldentaten und Biergeldern, auf die der Bärnhäuter bei dieser
Festlichkeit ungemein rechnete. Wie vergebens quält uns das Verhältnis zu
manchen Menschen; könnten wir uns einbilden, er sei ein Toter, eine
Erdscholle, eine Wurzel, unser Kummer und unser Zorn müßte verschwinden,
wie aller Gram über unsre Zeit, wenn wir nur endlich gewiß wüßten, daß wir
bloß träumten.
Wenn es sich in stürmender Nacht zuweilen in Blumenbeeten ereignet, daß
ein paar getrennte Blumenkelche zusammengebeugt werden und sich nicht
erkennen, bis der Mond wieder hervortritt, so ist die Freude stumm, die
Grillen singen aber davon die lange Nacht bis zum Morgen, wo die Vögel sie
ablösen. Der Erzherzog wollte sich rächen wegen des Verrats an seiner
Liebe, das machte ihn gegen jede Sorglichkeit Bellas taub, die nicht wußte,
was mit ihr vorgehe, als er sie heimlich auf sein Zimmer in sein Bette
gebracht. Beide waren eingeschlafen, als der Gesang: De profundis
clamavi ad te, Domine: Domine, exaudi vocem meam in der Kirche, die nicht
fern lag, sie erweckte: ein Gesang, in den die Haufen auf den Straßen, die
darin nicht mehr Platz finden konnten, einstimmten. Es war eine helle
Sommernacht, und beide eilten ans Fenster. Bella erwachte erst jetzt aus
ihrem Taumel: "Heiliger Gott, ist es schon so tief in der Nacht, wie soll
ich in mein Bette kommen, wo bin ich, was ist mir geschehen, was soll aus
mir werden?"
Der Erzherzog hatte sie zu lieb gewonnen, seine Freude war ihm zu neu, um
sie durch eine Erinnerung an ihre Falschheit zu kränken: "Du sollst nun
auf immer bei mir bleiben, wir verlassen uns nicht, wie Leib und Seele!"
"Ist es wahr?" fragte Bella treuherzig, "da bin ich sehr glücklich!"
Der Erzherzog verwunderte sich: "Aber deine Heirat mit Cornelius, willst
du die aufgeben?"
"Bin ich nicht dein?" fragte sie, "soll ich nicht ein Kind von dir haben,
das mein Volk zur Heimat führt?"
"Welchem Volke gehörst du, liebes Mädchen?" fragte der Erzherzog,
"betrüge mich nicht; fürstlich muß ich dich nennen, aber ich möchte wissen,
ob das Schicksal dir gerecht war und dich einem Fürstenstamme
einsegnete?"
"Mein Vater war Fürst Michael von Ägypten", sagte Bella gerührt, "ich bin
der letzte Zweig des alten Geschlechtes, das sich bei allen Umwälzungen
oft siegreich, oft fliehend, doch in steter Unabhängigkeit erhalten hat,
so sagte der Vater. Ich bin das letzte Kind aus meinem Stamme; mein Vater
starb in den Verfolgungen, die über unser Volk ausbrachen; eine alte
Wahrsagung bestimmt, daß ein Kind von mir und einem Weltbeherrscher die
letzten Unglücksscharen unserer verfolgten Untertanen zum segensreichen
Nil würde führen."
"Ich traue deinen Worten ganz", sprach Karl, "doch sage an, wie war es
möglich, da dich so großer Sinn trug, dich gegen mich mit deinem kleinen
Freunde zu verbinden? Wie konntest du dich mir hingeben wollen, ihm eine
Anstellung zu schaffen? Nun ich dich hier so schön und heilig sehe vor
mir stehen in dem Mondenscheine, da möcht' ich meine Ohren Lügen strafen;
doch hörte ich es, als ich nach deiner Schönheit durch die Türe lauschte,
und wollte im Genuß mich an dir rächen; doch hat mich diese Lust bezwungen,
und ich bekenne dir jetzt meine Wut!"
Bella verstand ihn nicht, er schien ihr lauter Güte. Sie lachte seines
Argwohns und erzählte ihm so natürlich alles, wie sie durch Braka zu einer
Nachgiebigkeit gegen die wunderlichen Launen des Kleinen beredet worden
sei; zugleich vertraute sie ihm unter dem Versprechen der Verschwiegenheit
dessen geheimnisvolle Entstehung. Der Erzherzog, aus der gewohnten
folgerechten Natürlichkeit in alle Wunder der Lust und der geheimen Kräfte
in einer Nacht hineingerissen, versank in ein tiefes, ernstes Nachdenken;
er stand innerlich, wie ein Stern hinaufgerissen, über der Welt, mit der
er bis dahin fortvegetiert hatte; was er künftig täte und spräche, alles
schien ihm bedeutsam. Er hatte ein reiches Geheimnis, das er sich
bewahren wollte und dessen er selbst seinen Cenrio nicht würdig achtete:
wie er seine Liebe fortführen sollte, beschäftigte ihn mit stillem Ernste.
"Bist du nicht glücklich wie ich?" fragte Bella -, "alles ist mir so
merkwürdig, und wie alles hat so kommen müssen. Denn wie ich mit dir
gegangen, ahndete ich von allem dem nichts; und sieh, wie die Spinnweben
am Baum im Mondschein sichtbar glänzen, während ich das Tauwerk des
Schiffes dort im Dunkel nicht unterscheiden kann: so fühle ich höhere Wege
und ahnde doch nichts, was mir in den nächsten Tagen bevorsteht. Der
Kleine ist böse, merkt er, daß ich mich ganz zu dir wandte, von ihm kommt
unser Reichtum, er wird uns alles versagen, kannst du mich dann ernähren?"
Der Erzherzog ließ eine Träne fallen: "Ach, liebes Kind, durch die Härte
meiner Eltern bin ich sehr beschränkt; für die törichte Lust an Pferden
habe ich mich tief verschuldet, meine Lehrer dürfen mir gar kein Geld mehr
einhändigen, sondern sie bezahlen, was ich brauche. Aber für dich schaffe
ich Geld, und sollte ich mein künftiges Reich verpfänden."
Bella küßte ihm die Augen und schwor, es sei nur ein Nachsprechen von
ihrer Tante gewesen, wenn sie über ihre Zukunft sich so bedenklich
gestellt hätte; wenn sie aus ihrem Herzen spreche, so sei ihr die Art
Staat, die sie in Gent um sich gesehen, lästig, ihr Anzug quäle sie, und
jede Stunde sei zu allerlei Beschäftigungen, die ihr verhaßt wären,
abgemessen. "Was soll ich Spanisch und Latein sprechen? Was bedarf ich's,
Amo, ich liebe, Amas, du liebest, zu lernen? Ich weiß ja nichts andres,
als daß ich dich liebe und daß du mich liebest." Sie umarmten sich still
traulich, als Cenrios Stimme plötzlich an der Türe schallte; er sagte, daß
Adrian von dem Orte forteile, weil er ein wunderbares Sternzeichen
entdeckt. Gleich darauf hörte der Prinz Adrians heftiges Husten, trieb
Bella in das Seitenzimmer, wo der Kleine krank darnieder gelegen hatte,
und eilte den eigensinnigen Adrian zu besänftigen. Dieser war aber außer
Fassung; er schwor, daß diese Nacht den wunderbarsten Sohn der Venus und
des Mars gezeugt habe, er müsse zu seinen Büchern, um die Beobachtungen
weiter zu vergleichen; er meinte im Erzherzoge gleiches Interesse für die
Beobachtung und hörte dessen Einwürfe kaum. Er war ein echter Hofmeister,
der in seinem Schüler seine Gedanken voraussetzte und durch ihn seine
Zwecke verfolgte. Der Prinz war aber seiner Willkür ganz überlassen und
mußte endlich folgsam sich anziehen, um mit ihm nach Gent zurückzukehren.
Gern hätte er seiner lieben Bella noch ein Lebewohl ins Seitenzimmer
gerufen; doch fürchtete er dadurch ihre Verbindung den Ihren zu verraten,
da er so wenig von dem Schicksale der Golem Bella wie von der Abreise
seiner Nachbarn in der Eile durch Cenrio unterrichtet werden konnte.
Sorgen machte er sich am wenigsten heute, wo sein Herz in den ersten
Freuden der Liebe schwebte und nachschwelgte. Die ganze Welt war ihm
aufgegangen, er dachte weder an Pferde noch an Jagdhunde, zum erstenmal
war ihm die zärtliche Saite seines Herzens angeklungen, die noch im späten
Alter im Lager bei Regensburg bei den Tönen einer schönen Harfenspielerin
nachklang, als Krankheit und Sorge um seine Lieblingswünsche ihn schon von
der Welt loslösten. Vielleicht wäre aus ihm nie der Unermüdliche, der
nach allem griff, alles zu verbinden strebte, geworden, wenn ihn nicht das
Geschick so rasch aus diesem Verhältnisse, das seine ganze Seele
befriedigen konnte, herausgerissen hätte.
Nachdem das Geräusch seiner Abreise vorübergegangen, währenddessen Bella
kaum durch die Scheiben ihm trübe nachzublicken wagte, als das Schiff im
Dunkel anfing zu schwanken, die weißen Segel sich ausbreiteten und die
Ruderer endlich das Wasser anregten: Ach, dachte sie, die mächtige Gewalt
des Tauwerks, das sich vorher unserm Blicke verbarg, tritt so schnell
hervor, uns zu trennen, wird es auch eine unsichtbare Gewalt geben, die
uns wieder verbindet?
Als sie sich in den Gedanken an ihn recht ersättigt und gestärkt hatte,
öffnete sie leise das Nebenzimmer, wo sie mit Braka schlafen sollte, war
aber verwundert, die Fenster offen, die Betten geschlossen und den
Reisekoffer nicht mehr an Ort und Stelle zu sehen. Sie nahte sich dem
Bette der Alten, rief sachte, endlich lauter; aber alles blieb still, und
sie sah jetzt im Mondenscheine, daß keine Spur ihrer Anwesenheit mehr zu
sehen als schmutziges Wasser im Becken und einige nasse Handtücher, über
die Stühle gehängt. Bella konnte sich das alles nicht erklären; aber sie
hatte auch kein Schrecken darüber. Sie ging endlich in das dritte Zimmer,
das Cornelius bewohnen sollte, schüchtern und leise, fand aber auch hier
niemand. Erst jetzt machte sie ihre Verlassenheit ängstlich, sie kannte
niemand im Hause als die widrige Frau Nietken; doch lieber wollte sie
heimlich entlaufen, ehe sie ihre Zuflucht zu der genommen hätte.
Aber Zufall führte sie ihr entgegen. Es wollten sich ein paar alte
Edelleute bei Wein und Spiel mit Mädchen erlustigen, und sie hatte keine
andre Zimmer frei als diese von der Brakaschen Familie und von dem
Erzherzoge verlassenen. Sie kam mit einem Licht, alles darin aufzuräumen,
und erschrak wie vor einem Gespenste, als sie Bella vor sich erblickte.
"Was ist Euch, Frau Nietken, wo ist meine Mutter?"
"Ei, Jesus Maria", seufzte die Alte, "da muß ich doch gleich was auf
meinen Schreck nehmen; haben Sie was vergessen gehabt, liebes Fräulein?
ei, ei, das muß Sie so lange aufhalten! wie weit waren Sie denn schon?
bei mir wär's so sicher aufgehoben, und wenn's ein Scheffel mit Gold
gewesen." Bella konnte sich diese Reden nicht erklären; sie fragte nach
ihrer Mutter, wohin sie gefahren, und kam dabei in Verlegenheit, wie sie
es ihr erklären solle, daß sie nichts davon wisse. Dadurch ward Frau
Nietken, die sich sogleich der Ausfragerei des Erzherzogs erinnerte, klug
genug, irgendein geheimes Einverständnis mit diesem anzunehmen, und da sie
von diesem oder vielmehr von Adrian, der die Kasse führte, schlecht
bezahlt worden, so suchte sie sich durch diese Entdeckung schadlos zu
halten. "Ei", schloß sie ihre Rede mit einem wunderlich ernsthaften
Gesichte, "das hätte ich von einem gnädigen Fräulein mein Seelen nicht
gedacht, daß Sie sich so schlecht aufführen würden. Pfui Teufel, mein
guter Ruf leidet es nicht, die Jungfer Demut muß in die Wache; sie soll
ausgestäupt werden auf öffentlichem Markte zur Warnung!"
Bella zitterte in Scham und Ärger. Sie sah und hörte nichts mehr, so aus
dem Glücke in die entsetzlichste Hilflosigkeit und Verachtung gestoßen,
ohne irgendeine Welterfahrung; kaum konnte sie glauben, daß sie dieselbe
sei, so schauderte ihr vor ihrem Zustande. Nicht das Unglück, aber die
Schande, die ihr so unvermeidlich nahe schien, konnte die Sicherheit ihres
fürstlichen Gemütes vernichten; sie weinte und warf sich auf einen Stuhl.
Frau Nietken ließ diese Verzweiflung noch tiefer in ihre Seele fressen, um
sie zu dem Vorschlage, hier zu bleiben und ein paar alten guten Edelleuten
die Zeit zu vertreiben, vorzubereiten. Bella, als sie ihn erfuhr, ahndete
nichts Schlimmes, sie meinte allenfalls, daß sie ihnen aufwarten, den
Tisch decken solle, und entschloß sich gern dazu, um ungekränkt am andere
Tage zur alten Braka zurückzukommen. Aber alles, was sie an Unmut in sich
spürte, setzte sie heimlich in Reden um, die sie der alten Braka recht
scharf ans Herz legen wollte.
Frau Nietken war sehr vergnügt, sie so willig zu finden. Als die beiden
alten Herren hereintraten, sperrten sie beide über die wunderbare
Schönheit der Bella ihre Augen weit auf und entschuldigten sich, daß sie
in ihr Zimmer gekommen wären: wer konnte sich einbilden, in der Gewalt der
Frau Nietken eine so junge, blühende Schönheit zu treffen. Als aber
dieser Irrtum berichtiget war, indem Bella ihnen schüchtern sagte, daß sie
zu ihrer Aufwartung bestimmt wäre, so erwachte in dem raschen Liebesfeuer,
das Nasen und Wangen der beiden Alten durchglühte, eine Eifersucht, den
Besitz dieser seltenen Jugend einander nicht zu gönnen, dergestalt, daß
jeder seine Stirnfalten hinaufrückte und einer List nachsann, den andern
zu entfernen oder bei der Frau Nietken zu überbieten. Während sie nun aus
hohen Gläsern den Wein tranken und miteinander im Brett spielten, benutzte
es der eine nach dem andern, während jener am Zuge, mit Frau Nietken
heimlich ein Wort zu reden, die in seliger Erwartung, wie hoch sie die
arme Bella in dieser Versteigerung hinauftreiben werde, sehr viele
Schwierigkeiten in Hinsicht ihres Besitzes aufzuzählen wußte. Bella war
in ihres Stammes Natur zu klug, um die Gefahr nicht einzusehen, worin ihre
Liebe und ihre Freiheit schwebten; die alten Herren erlaubten sich schon
manche unbequeme Zudringlichkeit, und sie sann auf einen Anschlag, wie sie
dem Hause entkommen möchte. Aber was sie auch erfinden mochte, sie war zu
strenge belauscht, und niemand gestattete ihr unter irgendeinem Vorwande
das Zimmer zu verlassen. Die beiden Alten, je mehr sie tranken, wurden
immer heftiger, sie sprachen von ihren Kriegszügen und fingen an sich zu
streiten. Die Wirtin fürchtete, sie möchten zu den alten rostigen Degen
greifen und ihre Tassen und Gläser zerschlagen; sie war deswegen sehr
erfreut, als sie eine Musikantenbande, wie sie damals häufig auf den
Kirmessen der Niederlande anzutreffen waren, die vor dem Fenster mit
Küchenmörseln auf Rosten zum Gesange klapperten, in das Zimmer rufen
konnte. Das lustige Völkchen, unter großen Mänteln und Larven versteckt,
trat ins Zimmer, sah sich um und sang, wie sie die beiden alten Herren so
zärtlich gegen das junge Mädchen erblickten, vom Glück des Alters, das
noch lieben kann und geliebt wird:
Väterchen, sang Jugendmut
Aus der Lippen rotem Blut,
Mische Honig zu dem Wein,
Und er wird dir lieblich sein;
Zünde auch ein Feuer an,
Daß sich Amor wärmen kann:
Sieh, der lose kleine Bub
Kommt auf Stelzen in die Stub'.
Bella stellte sich bei diesen Worten, als ob sie den alten Herren den
guten Willen durch Zuvorkommen erwecken wollte, sie trat zu den Musikanten
und sagte, daß sie mit ihnen singen wollte, sie sänge recht hübsch, doch
müßten sie ihr Tracht und Larven leihen. Frau Nietken war seelenvergnügt,
daß sie sich so leicht in ihr Schicksal gegeben: "Herzchen, tanz", sagte
sie, "daß die Röcke übern Kopf fliegen, den Herren will ich ein Glas
Malaga einschenken."
Bella benutzte diese Zeit, einer Musikantenfrau jene kostbare
Demanthalskette, die Cornelius damals in dem Stiefel entdeckte und ihr
umhing, anzubieten, wenn sie unter ihrer Larve entfliehen könnte und jene
an ihrer Stelle zurückbleiben wollte. Das Weib war mit dem Gebot sehr
zufrieden, sollte es darüber auch Händel geben; die Musiker waren ihrer
sechse, die an Raufereien, wie andere Menschen ans Kämmen, gewöhnt waren,
und weil sie nichts als einige alte Lumpen zu verlieren hatten, nur immer
dabei gewinnen konnten. Die Umkleidung war hinter dem Schirme bald
vollendet, und Bella entwich, während ihre reiche Haube von Gold und ihre
Halskette an dem verlarvten Weibe den alten verliebten Toren herrlich
entgegenglänzte; das Weib tanzte, und ihre Sprünge schienen ihnen so
reizend, daß einer nach dem andern aufsprang und ihr um den Hals fiel.
Endlich entfiel ihr bei diesem abwechselnden Zugreifen die Larve, und die
alten Herren erschraken nicht wenig, ein fremdes, abgelebtes Gesicht zu
sehen, das sie mit rechter Bosheit verlachte. "Wo ist Bella, ihr
Spitzbuben?" schrie Frau Nietken, und statt der Antwort warf sie ein
derber Faustschlag des einen Musikanten darnieder. Die alten Herren
sprangen zu, aber mit ihnen wurden die rüstigen Kämpfer noch schneller
fertig; sie knebelten sie, nahmen ihnen die vollen Geldbeutel, mit denen
sie Frau Nietken bestechen wollten, aus den Händen, verschlossen die Türe
und flüchteten sich aus dem stillen Hause, wo alles von den Rasereien des
Tages im Frühmorgen darniederlag, in das Freie; sie hatten genug gewonnen,
um allen Untersuchungen aus dem Wege zu gehen.
Bella hatte sich unterdes mit einer Schnelligkeit auf den ihr
wohlbekannten Fußpfad nach Gent begeben, daß sie sich nach einer Stunde
ganz erschöpft hinter einen Dornstrauch versteckte, um ein wenig sich zu
erholen. Es zog allerlei betrunknes Volk vorüber, was auch von der Kirmes
kam, aber keiner bemerkte sie, nur die Hunde schnupperten und bellten sie
an; da aber der Dornstrauch als Grenze einer Feldmark sie versteckte und
auch mancherlei Knochen den gewöhnlichen Gebrauch dieses Ortes verrieten,
so gab lange Zeit niemand auf sie Achtung. Sie verfiel in einen tiefen
Schlaf, aus dem ihr das Bewußtsein erst am folgenden Abende wiederkam.
Nun konnte sie zwar in dem krampfhaften Zustande, der sich ihrer
bemächtigt hatte, selbst dann noch nicht ein Glied erheben oder die Augen
aufschlagen, doch hörte sie in einzelnen Momenten, was ringsumher auf dem
Wege gesprochen wurde. Sie hörte das Bellen eines Hundes, wie in dichter,
nebeldunkler Nacht der verirrte Schiffer davon überrascht wird, aus einem
unbemerkt angenäherten Schiffe; jetzt hörte sie auch Stimmen, und sie
merkte aus der Art, wie sie sprachen, daß es ein paar Flurschützen von den
beiden aneinanderstoßenden Dörfern wären. Der eine sprach: "Hör, Peter,
das tote Weib liegt auf deinem Grund und Boden."
"Soll es gelten", antwortete der, "und wir müssen sie auf unsere Kosten
begraben lassen, so leg ich hier einen großen Stein in die Erde, und das
Stück gehört unser, und die Grenze kommt jenseits."
"Den Teufel nein", sagte der andre, "du bist verflucht gerieben und bist
noch ein halbwachsener Bengel, ich hätt' sie euch gern aufgeladen, ja da
werden wohl beide Gemeinden die Leichenbestattung zusammen bezahlen müssen,
das macht viel Mühe und Kosten und gibt sicher noch Streit."
"Hör, Alter", sagte der andre, "ich hab ein Kunststückchen vom vorigen
alten Flurschützen, dem rothaarigen Benedikt, gelernt, der sagte immer:
wenn ich einen Toten finde, so seh' ich's ihm gleich an, er sieht so
grämlich aus, bei uns will er nicht gern begraben sein: ei nun, sein Wille
geschehe, ich mache ein Kreuz über die Schelde, werf ihn hinein, und wo er
ans Land treibt, da will er gern hin--aber, Bub, es muß niemand sehen."
"Hör, Peter, der Gedanke ist so dumm nicht; siehst du niemand, wir fassen
zusammen an und tragen sie ins Wasser."
Bella wollte rufen, aber sie vermochte auch nicht die kleinste
Lebensäußerung zu zeigen; schon griffen die beiden Leute sie an, als der
junge Flurschütz rief: "Halt, laß liegen, was führt der Teufel da für
einen struppigen Kerl vom Galgenberge herunter, laß uns nach den Wiesen
gehen, in zwei Stunden ist's dunkel, da sieht uns niemand." Bei diesen
Worten gingen sie miteinander die Grenze herunter, und Bella war von der
unsäglichen Angst in einen wunderlichen Traumzustand übergegangen, in
welchem sie den Vater mit herrlicher Krone auf der ägyptischen Pyramide,
die er ihr oft gezeichnet hatte, sitzen sah; seine Beine waren aber
aneinander gewachsen und seine Hände an den Leib gelegt, und sie fragte
ihn ganz ruhig: "Deine Hand kannst du mir wohl nicht mehr reichen wie
sonst?"
"Nein", sagte er, "sonst hätte ich dir eben beigestanden; sonst hätte ich
dich früher zurückgehalten, als du den Alraun gegraben: sei froh, du bist
frei von ihm! Du bist gesegnet, ein Kind zu tragen, das unser Volk heim
führt. Du aber wirst noch Trauer erleben, sei aber furchtlos wie ein
Nachttau, welcher der Sonne entgegengeht und sie anblickt, auf daß sie ihn
von hinnen nehme." Nachdem dies Traumgesicht ihr entschwunden, wachte
sie auf. Die Sonne war im Sinken, und sie konnte sich erheben und fühlte
nur Ermattung noch in allen Gliedern. Sie schlich langsam der Stadt zu
und ging mit einem Seufzer bei dem verlassenen Landhause vorüber, das ihre
Jugend geschützt hatte: es war ihr jetzt zu eng, zu klein, und sie eilte
nach dem Hause, wo sie vor drei Tagen mit wunderlichen Erwartungen
ausgefahren war. Zutraulich bewegte sie den Klopfer der Tür, es trat ihr
die bekannte Magd entgegen, sie fiel ihr um den Hals; diese aber trat
zurück und kannte sie nicht. Als sie sich nannte, schrie das Mädchen auf,
ließ den Blaker fallen und lief hinauf zur Herrschaft und schrie, daß sie
es hören konnte: "Jesus Maria, da ist noch eine Bella!"
Braka, Cornelius und seine junge Gemahlin, die Golem Bella, stürzten zum
Zimmer hinaus, die Ankommende zu beschauen. Wie läßt sich alles
gegenseitige Erstaunen malen? Braka wußte durchaus sich nicht zu fassen;
Golem war gleichgültig, als wäre sie ihrer Sache zu gewiß, um sich in
ihrer eignen Person zu irren. Bella weinte; von der Müdigkeit, vom Hunger
erschöpft, hatte sie kaum die Kraft aufzublicken. Cornelius, der sich auf
einmal im Besitze zweier Frauen sah und durchaus jetzt nicht begreifen
konnte, wozu er überhaupt eine genommen, sprang wie ein brennender Frosch,
so nennen es die Feuerwerker, zwischen allen herum, fluchte und schimpfte
und wußte eigentlich selbst nicht, was er sagen sollte. Die Magd und
Braka kamen zuerst darauf, unsere Bella möchte doch wohl die echte sein,
aber Cornelius widersprach heftig, weil ihm die geschmückte Golem besser
gefiel als Bella in den alten Lumpen der Dorfsängerin. Bella bat nur um
ein Nachtlager und Nahrung, weil sie erschöpft sei von Müdigkeit; wenn sie
am Morgen nicht mehr geduldet werden sollte, könnte sie leicht
weiterziehen. Aber auch dies wollte Golem nicht leiden, die, wie wir
wissen, außer den wenigen Gedanken, welche der Spiegel von Bella zu ihr
übergetragen und die ihr eine auswendig gelernte Form waren, ein echtes
Judenherz in ihrem Körper bewahrte und jetzt in der Furcht, die Fremde
könnte sie verdrängen oder Geld kosten, schrie: daß, wenn sie nicht
freiwillig gleich das Haus verließe, wenn sie ihre trügliche Ähnlichkeit
mißbrauchen wollte, ihres Mannes Liebe zu teilen, so würde sie ihr das
falsche, lügenhafte Antlitz mit den Nägeln zerreißen. "Du, Mann", rief
sie und wendete sich drohend gegen ihn, "daß du noch so dastehst und ihr
nicht schon längst das Genick gebrochen, das beweist mir deine
Schlechtigkeit, du hast dich auch mit ihr abgegeben, und ich will euch
dafür die Köpfe zusammenstoßen, daß euch das Küssen auf ewig vergehen soll,
ihr Ehebrecher!"
Cornelius fürchtete sich gewaltig vor ihrer Stärke; er stellte sich darum
grimmiger, als er es eigentlich meinte, erhob sein Stöckchen und rief:
"Erbärmliches Fräulein, ich will dich strafen."