so grimmig anstellte; aber Bella schlich einsam hinunter, Cornelius hieb
auf das Geländer, trat zurück und sagte: "Der habe ich ein paar aufgezogen,
daran soll sie ihr Lebtag gedenken." Golem küßte ihn dafür und nannte
ihn ihren lieben Mann, und er ahndete nicht, daß er die herrliche Bella
für eine Lehmpuppe verworfen, denn leider hatte ihm Golem Bella in der
Nacht der Hochzeit die beiden ahndenden Augen, die er noch immer im Nacken
bewahrt hatte, unwissend, weil sie da keine Augen vermutete, eingedrückt.
Solch Unglück ist leicht bei außerordentlichen Eigenschaften; ich
erinnere mich eines außerordentlich begeisterten Redners, der diese
Eigenschaft ganz verloren, seit die Zuhörer, um einen Versuch mit ihm zu
machen, ihn einmal während dieser Begeisterung mit kaltem Wasser
übergossen. Bella war jetzt entschlossen, beim Erzherzoge eine Zuflucht
zu suchen; sie kannte sein Schloß, das über die andern Häuser hervorragte,
aus der Ferne, und so heftig ihr das Herz klopfte, ihre Knien zitterten
und ihre Sprache fast versagte, sie brachte es endlich doch beim Türsteher
an, daß sie den Erzherzog notwendig sprechen müsse. Der Türsteher, ein
alter Mann, war ganz in dem Interesse des alten Adrian, der ängstlich die
Unschuld seines Prinzen bewachen ließ, um seine Lebensdauer zu verlängern.
Der alte Türsteher ließ Bella in ein Zimmer treten, ging heimlich zu
Adrian und hinterbrachte ihm, daß ein verdächtiges Mädchen nach dem
Erzherzoge gefragt habe. Adrian saß eben bei seinem Nachtessen, einem
feisten Hahnenbraten, auf seinem Studierzimmer, wie er da abends allein zu
essen gewohnt war; er befahl mit zornigen Augenbraunen, das Mädchen
hereinzuführen. Bella wurde eingeführt, aber nach dem Erschrecken über
die Abwesenheit des Prinzen machte ihr der Anblick des kräftigen, würdigen
Adrian einen sehr beruhigenden Eindruck. Er sah sie an und sprach nichts
als: "Kurios, kurios!"
Sie sah den Braten, und vom langen Hunger getrieben, rückte sie einen
Stuhl ihm gegenüber zum Tisch, schnitt sich ein Stück ab und aß mit dem
Heißhunger eines armen Leibes, der seit zwei Tagen nichts genossen.
Adrian schüttelte mit dem Kopfe, sagte wieder: "Kurios, kurios", legte ihr
dann gekochte Früchte vor, die dem Braten zugesellt waren, und schenkte
ihr ein Glas Wein ein. "Du bist ein wunderliches Mädchen", sagte Adrian,
"sprich, wann bist du geboren? ich möchte deine Zeichen erforschen."
"Ach, würdiger Herr", sagte Bella, "ich weiß es mir nicht mehr recht zu
erinnern, ich muß zu der Zeit noch sehr dumm gewesen sein."
"Kurios, kurios", sagte Adrian, "wie hieß aber dein Vater?"
"Ach, mein armer Vater", sagte Bella, "wenn der das gewußt hätte!"
"Kurios, kurios", sagte Adrian; "nun, ich will deine Geheimnisse nicht
wissen."
"Aber kommt denn der Erzherzog nicht bald?" fragte Bella.
"Kurios, kurios", sagte Adrian, "du meinst wohl gar, ich soll dich zu ihm
führen, das geht nicht."
"Ei, Väterchen", schmeichelte Bella, "tu's doch, ich muß ihn sprechen,
führ mich zu ihm, es macht ihm sicher Freude, ich hab ihn so lieb."
"Ein wunderliches Mädchen", flüsterte Adrian vor sich, "macht mich zu
ihrem Liebesboten; wer weiß, ob ich mit dieser Liebschaft nicht des
Prinzen leichten Sinn an einen Menschen binden könnte; es wird nicht lange
mehr gelingen, ihn von dem Umgang mit den Frauen abzuhalten, gar viele
mühen sich um ihn, die ihn auf eitle Wege führen könnten, und diese
scheint noch schuldlos jung." Die Religion war in ihm beim Lesen der
alten römischen Dichter zu einer Art klugen Naturkunde geworden.
"Was sprichst du vor dir, lieber Vater?" fragte Bella.
"ich will dich bald zum Erzherzog führen", sagte Adrian, "wart nur etwas,
und bist du müde, ruhe aus auf meinem Bette und sprich recht zutraulich,
woher du bist, ich will es treu behalten."
Bella fand ihre ganze Seele gegen ihn erschlossen; sie erzählte ihm
aufrichtig ihr ganzes Schicksal, nur eins konnte sie ihm nicht sagen, wie
sie mit dem Prinzen in Buik zusammengetroffen, sie sagte, daß sie sich im
Gedränge von der alten Braka verloren hätte. Nach dieser Erzählung
versank Adrian in ein tiefes Nachdenken und in mancherlei Rechnerei,
worüber Bella einschlief. Sowie er wieder etwas Merkwürdiges über sie
herausgerechnet zu haben meinte, trat er an ihr Bette, lehnte sich sachte
über und sah sie verwundert an; überhaupt war es ihm merkwürdig, wie ein
Mädchen auf seinem harten, geistlichen Lager schlafe.
Endlich hörte er den Erzherzog, der bei dem Grafen Egmont zu Nacht
gegessen hatte, im Schlosse einreiten; er wartete noch einige Zeit und
ging dann fort, ohne daß es Bella bemerkte, ihn in seinem Schlafzimmer
aufzusuchen. Cenrio, von seiner Ankunft sehr überrascht, winkte ihm,
leise aufzutreten, weil der Prinz sehr müde gewesen und gleich in einen
tiefen Schlaf gesunken sei. Adrian ging an das Bette, sah das hellblonde
Haar des Prinzen, wie er es gewöhnlich mit einem goldenen Netze umspannte,
und zog sich auf den Zehen, mit der Hand Ruhe winkend, zurück. Cenrio biß
sich lachend auf einen Finger und krümmte vor Lustigkeit den Leib und hob
ein Bein auf; der gefährliche Betrug war gelungen, und Adrian hatte die
ausgestopfte Puppe für den wahren Erzherzog gehalten, der inzwischen seine
lebendige Bella versäumte, um bei der leblosen Puppe Golem Bella an dem
Nachgenusse der Liebe, die ihn das erstemal so reich entzückt hatte, zu
verzweifeln. Er hatte nämlich schon am Morgen jene Golem Bella, die außer
den Liebesgedanken der wirklichen Bella noch ein gemeines jüdisches Gemüt
hatte, durch Cenrio bestimmt, seinen Besuch in der Nacht anzunehmen,
nachdem das Wurzelmännlein mit einem Schlaftrunke, den er ihr mitgeteilt,
zur Ruhe gebracht sei. Auch Braka wußte darum und sollte in ihrem
Bettplatze vikariieren, weil der Kleine so eifersüchtig war, daß er selbst
schlafend einen Finger von ihr in Händen hielt; dies war seine einzige Art,
ihr zu liebkosen, daß er diesen Finger zuweilen küßte. Der Erzherzog war
in das Haus geschlichen, als der Kleine, über die zweite Bella noch immer
sehr verwundert, kaum zur Ruhe gebracht worden; er mußte lange harren, ehe
Golem Bella sich losmachen und zu ihm kommen konnte, und jetzt war seine
Neugierde aufs höchste gespannt, wie es ihr ergangen und wie sie dem Herrn
von Cornelius vermählt worden, was aus der Golem geworden sei, die er vom
Juden habe nachbilden lassen, um ihren Mann zu täuschen. Golem Bella
antwortete auf das alles so natürlich, daß er keinen Argwohn schöpfte, sie
selbst möchte diese Puppe sein: insbesondre, da er die täuschende Kunst
der Sinne für unfähig achtete, sein scharfes Auge zu täuschen. Sie sagte
ihm, daß Cornelius aus Argwohn gegen sie, als ob sie mit dem Erzherzoge
ein Verständnis habe, erst sehr böse gewesen und sie dann gezwungen hätte,
sich ihm im nächsten Dorfe zu vermählen, wofür sie in der Liebe des
Erzherzogs eine Entschädigung zu finden hoffe. Die geheimnisvolle Stunde
war nicht zu langen Erörterungen geschaffen; der Erzherzog hatte die
Zauberei spielend herausgefordert, seine Lüste zu begünstigen, diesmal
täuschte sie ihn um seine Lust; in der Liebe ist alles so ehrlich, daß
jeder Betrug, wie ein falscher Stein in dem prachtvollsten Ringe, das
freie Zutrauen stören kann, und betrog nicht der Erzherzog Bella, als er
sie durch sein Kunststück in seine Gewalt brachte? es war nicht Liebe
allein, es war der Wunsch in ihm, sich zu rächen, weil er sich betrogen
glaubte, daß er sie so wild und rasch seiner Lust opferte.
Als der Morgen dämmerte und die Krähen, die einzigen Singvögel großer
Städte, schrien, als ihn Cenrio erweckte, da konnte er nicht begreifen,
was ihm mitten im Genusse gefehlt hatte; sein ganzes Herz war traurig und
schwer, weil es nicht jubeln konnte, wie damals, als er sich von Bella in
Buik trennte; ja es war ihm, als sei es ein anderes Wesen gewesen, die bei
ihm geschlummert, und wäre sie nicht früher fortgeschlichen gewesen, er
hätte sicher die dunkeln Locken von der Stirn erhoben, um das Wort des
Todes zu entdecken. Er verfluchte die Nacht und schwor sich, nie wieder
diesen Weg zu gehen, auf welchem er sich verkleidet in sein Schloß schlich,
wo ihm Cenrio erst erzählte, welche Gefahr er gelaufen, von dem alten
Adrian entdeckt zu werden.
Der alte Adrian war unterdessen in einer viel ärgern Verlegenheit gewesen;
gleich nachdem er den ausgestopften Erzherzog verlassen, hatte er sich
ernste Vorwürfe gemacht, daß er auf den Gedanken gekommen, die Liebschaft
des Erzherzoges zu begünstigen. Er hätte Bella ohne Barmherzigkeit
verstoßen, wenn er nicht vorher schon dem Türsteher hätte sagen lassen,
das Schloß zu verschließen, er habe das verdächtige Mädchen schon zur
Hinterpforte hinausgelassen. Die Nachtposten waren jetzt auf den Gängen
verteilt, und es hätte ohne ein böses Gerede nicht endigen können, wenn er
so spät noch ein Mädchen aus seinem Zimmer entlassen hätte; er mußte sich
also in zagender Geduld fügen und der armen, müden Bella sein eignes Bette
zum Nachtlager anweisen, während er sich selbst vornahm, sich durch ein
hartes Bußlager von jeder Versuchung frei zu halten. Seine Verlegenheit
ging aber bald an, als ihm unwiderstehlich nach dem Wasserglase verlangte,
das sich Bella an ihr Bett gesetzt: es war das einzige, und es drängte ihn
der Durst, daß er aufstehen mußte und Bella, vom festen Schlafe rötlich
angewärmt, schnell atmend in schöner Lage erblickte. Ihm war nie solch
ein Anblick vorgekommen, und er konnte es selbst nicht recht begreifen,
warum er so langsam trinken mußte und gar nicht fertig werden konnte, die
einzelne Fliege abzuwehren, die immer zu dem schlafenden Engel
zurückkehrte; endlich stach ihn selbst eine Art Götterverehrung, die bis
dahin nur ganz äußerlich aus den römischen Dichtern in seine Rhetorik
übergegangen war. Venus war jetzt Fleisch geworden, er rief sie in
Horazens Versen leise an, und wer weiß, wozu ihn diese läppische
Schulweisheit verführt haben möchte, wenn er nicht mitten in seiner
Adonisrolle seine Tonsur und sein graues Haar im Spiegel gesehen hätte.
ihm schauderte, es war ihm, als habe er einen Heiligen gesehen, der sich
im Nachtmahlwein vor seinem Tode betrunken. Er legte sich seufzend auf
die harten Dielen, konnte aber nicht schlafen, denn seine Gedanken waren
immer beschäftigt, bald reuig, bald sündig, bald wie er sich aus der
Verlegenheit ziehen sollte, wie er Bella fortschaffen und doch für sie
sorgen könnte; auch war es ihm zumute, als könnte er sie nicht von sich
lassen. Allmählich verweilte sein Auge bei den Kleidern eines Knaben, der
ihm lange aufgewartet hatte, und den er wegen seiner Tücken endlich
fortgejagt hatte; diese schienen ihm geschickt, das Mädchen unbemerkt aus
dem Hause zu führen. Als Bella aufwachte, sich die großen Augen rieb und
erschreckend fragte, wo sie sei, und fast weinte, hatte der gute Alte erst
genug zu trösten. Er betete ihr ein Ave Maria, das sie ihm fromm
nachsagte, dann erst erzählte er ihr, daß sie sich in Geduld fügen müsse,
er könne sie nicht zum Erzherzoge führen, das sei gegen sein Gewissen;
aber er wolle für sie sorgen, ob sie ihm nicht einen Rat geben könne, wo
sie unterzubringen, da er niemand kenne. Sein voriger Knabe, der habe bei
armen Verwandten gewohnt und sei morgens und abends gekommen, um sich zu
erkundigen, ob er für ihn etwas zu laufen oder sonst zu verrichten habe;
wenn sie dessen Kleider anlegen wolle, könne sie ihm dieselben Dienste,
welche ihm die vornehmen Hoflakaien immer unordentlich versorgten, in den
Kleidern des Knaben verrichten. Bella nahm alles an, was ihr der Alte
riet, denn sie sah die Möglichkeit, den Erzherzog in dieser Verkleidung zu
sehen, und das war jetzt ihr einziges Verlangen; sie eilte zum Ankleiden
des neuen Staates, aber ihr fehlte alle Kenntnis, wie sie diese
verschlitzten und vielfach mit Haken und Ösen verbundenen Beinkleider und
den Wams anlegen sollte, so daß ihr der alte geistliche Herr nicht ohne
Lachen dabei helfen mußte. Sie erzählte ihm, daß sie wieder nach dem
Landhause zurückkehren und sich dort verstecken wolle; ihre Haut wisse sie
durch Pflanzensäfte so zu bräunen, daß niemand sie für ein Mädchen halten
sollte. Adrian sah wohl die Klugheit ihres Volks bei allen ihren
Äußerungen, aber er fürchtete sich doch vor Verrat und war gar sehr
erleichtert, als er sie aus dem Schloß entlassen über den Platz
hinschreiten sah, wo die Buben, welche einen Reifen trieben, ihr in der
Meinung zuriefen, es sei ihr alter Kamerad, der vorige Knabe Adrians.
Das war seine letzte Angst für diesen Tag; nachher eilte er zum Erzherzoge,
und als er ihn noch schlafend fand, der die Nacht versäumt hatte,
schüttelte er ihn auf und hielt ihm eine lange Strafrede über die Trägheit,
daß in ihr, wie in einem bodenlosen Meere, kein Anker der Tugend fassen
könne, sondern verloren gehe. Den Abend habe er ihn nicht stören wollen,
denn die Stunden vor Mitternacht seien der edelste Schlaf, wo eine einzige
für Körper und Seele mehr wert als zwei nachher; jetzt aber, wo ihm die
Sonne in die Naselöcher scheine, sei das Schnarchen etwas ganz
Ungeziemendes.
Er konnte stundenlang so fortreden und brachte diesmal den Erzherzog aus
einem Schlaf in den andern, so daß der alte Herr endlich unmutig aufstand
und Cenrio die Beweise vortrug, daß jenes vermeinte Werk des Petrus
Lombardus, was er in Buik aufgefunden, entweder erdichtet oder aus einer
Zeit des Verfassers sei, wo er seinen Geist und seine Grundsätze schon
aufgegeben hätte. Cenrio tat verwundert; heimlich lachte aber der Schelm,
daß die alte Scharteke dem gelehrten Manne so viel Studium gekostet; er
fragte ihn dann nach der merkwürdigen Sternenjunktur, die er in Buik
beobachtet, worauf ihm Adrian deutlich machte, daß in der Nacht ein
mächtiger Herrscher im Morgenlande gezeugt sei, wo aber, das könne er
nicht herausbringen. Auch hierin fand sich Cenrio heimlich wieder viel
besser unterrichtet, ungeachtet ihm einige Dinge im Kopfe herumgingen, die
er nicht bequem reimen konnte, vielleicht weil die Natur bloß Assonanzen
machen wollte, er hatte nicht herausbringen können, wo die Golem Bella
geblieben; auch wußte er nicht, wie Bella wieder zur alten Frau von Braka
zurückgekommen, nachdem sie von dieser in den Armen des Erzherzogs
zurückgelassen, Dinge, die er aus Zeitmangel und aus Überfluß an Zeugen
mit dem Erzherzoge noch nicht überlegen konnte. Nachdem der Alte das
Zimmer verlassen mit den Worten: "Kurios, kurios, ich gäbe was darum, dies
Wunderkind zu entdecken!"
so wendete Cenrio seine Fragen an den Erzherzog, der nicht wenig erstaunt
war, da er selbst in seiner Lust nach einer verlornen Bella geschmachtet
hatte.
"Gewiß ist jene verloren, die ich liebte, die im Tor meines Lebens wie die
zarte Morgenröte vor der hellen Sonne verschwunden ist, statt des
Götterbilds habe ich eine irdische Gestalt umarmt, die mich in niederer
Glut an sich zieht, und vor der mein Herz zurückweicht. Ach, daß
Millionen auf mich blicken! Dürft' ich ein armer Pilger werden, wie
wollte ich die Welt durchirren, meine Klagen allen Winden singen und sie
aufsuchen, der ich ewig gehöre, und wenn ich sie nicht fände, als
Einsiedler in den stillen Kapellen des Monserate vertrauern: Cenrio, das
wäre, was ich mir wünschte, und da ich es nicht erreichen kann, da werde
ich auch vieles nicht erfüllen, was die Welt von mir will."
Cenrio gehörte zu den verkehrten Fürstenhofmeistern, die jeden ernsten
Gedanken wie eine Zugluft von dem verehrten jungen Leben abhalten möchten.
Sie wollen sie im Genusse bilden, und der Genuß eines Fürsten ist so
beschränkt und die Entsagung so überschwenglich; der Scherz bleibt vor
ihrer Tür stehen, und der Ernst herrscht wie ein alter Geist im Schlosse.
Cenrio versprach dem Erzherzoge, in Buik alle Erkundigungen einzuziehen,
um das Rätsel zu erklären, und eilte dahin.
Unterdessen wurde der Herr von Cornelius bei dem Erzherzoge angemeldet,
und dieser nahm ihn an, weil er der Golem zur Sicherheit ihres
Verhältnisses versprochen hatte, ihm eine Anstellung zu schaffen, insofern
er von vielen Herren seines Standes ein Zeugnis brächte, daß er ein Mensch
sei.
Der kleine Kerl war schon den ganzen Morgen herumgelaufen und hatte sich
die Meinungen der Herren, ob er ein Mensch wirklich sei, aufschreiben
lassen, sah aber zu seinem Erstaunen, daß bei allen mehr oder weniger
Zweifel darüber obwalteten. Die Zeugnisse waren immer nur bedingungsweise
ausgestellt, so sagte von ihm der Baron Vanderloo: Wenn er hinter einem
Tische säße, würde man ihn schon für einen ordentlichen Menschen passieren
lassen, er dürfe aber niemals aufstehen wegen unverhältnismäßiger Kürze
seiner Beine, welche ihm Ähnlichkeit mit einem verkleideten Dachshunde
gebe.
Herr von Meulen erklärte, er würde durchaus untadelhaft sein, aber seine
Mutter müsse einen zu heißen Leib gehabt haben, darüber sei er, wie ein
allzu scharf gebackenes verbranntes Brot, aufgerissen und
zusammengekrochen.
Graf Egmont schrieb auf den Umlaufzettel: Da es eine Hauptkunst sei, dem
Feinde in gewissen Kriegsfällen seine Stärke zu verbergen, so könnte er
sehr nützlich in einer Hosentasche jedes tüchtigen Soldaten angestellt
werden, die Muskete auf dessen Hosenknopf anlegen und den Feind durch
einen ganz unerwarteten Schuß aus den Hosen des Soldaten erschrecken.
Diese und ähnliche Meinungen, die jeder ihm, als sehr günstig für seine
Anstellung, eingeredet hatte, brachte der Kleine jetzt dem Erzherzoge, der
sie mit verbissenem Lachen durchlas und ihm dann eine ihm angemessene
Anstellung in einem Regimente versprach, das er bald errichten wolle, und
wozu er neue Art von Helmen erfunden, die durch eine Schelle sich hörbar
und durch zwei lange Ohren sichtbar machten. Der Kleine war über die nahe
Erfüllung seiner Wünsche entzückt; er hatte noch nie einen Schalksnarren
gesehen als in Buik, und da hatte er ihn für eine militärische Person
gehalten und die Gewalt seiner Waffen gegen ihn versucht. Er war deswegen
auch sehr bereitwillig, den Erzherzog bei sich zu empfangen, der sich nach
seiner jungen Frau erkundigte und sie kennen zu lernen wünschte. Derselbe
Tag noch wurde zu einem Feste bestimmt, das Herr von Cornelius in seinem
Hause geben sollte. Der Erzherzog fühlte, trotz der unbefriedigten Nacht,
trotz der Vermutung, eine Zaubergestalt treibe ihren Spott mit seiner
Liebe, eine unwiderstehliche Begierde zu diesem Golem. Es war ein Drang
andrer Art, als er geahndet, aber er konnte ihn doch nicht abstreiten,
nicht zurückweisen; auch konnte er nicht leugnen, daß diese Empfindung
etwas Bestimmtes, etwas Mögliches forderte, während jene sich vielleicht
ins Unendliche traumartig ausblühte; ja in diesem Zwiespalte seines
Gemütes schien ihm das Wesenlose, das Ungewisse in jenen hohen Freuden
leer und verächtlich gegen diesen erkannten Sieg seiner Sinne.
Bella war am Morgen traurig den Weg nach dem Landhause gewandelt, wo sie
durch einige bekannte Löcher in der Gartenmauer unbemerkt einzuschlüpfen
hoffte. Es begegnete ihr aber in der Nähe des Kirchhofes der arme
Bärnhäuter, der sich beim Überzählen seines verdienten Schatzes im Sarge
etwas zu lange verweilt hatte; als er Bella erblickte, konnte er sich der
Tränen nicht enthalten, sondern faßte ihre Hand und fragte, was die liebe,
junge Herrschaft mache, er habe es gleich bemerkt, daß sie von einer
falschen, nachgebildeten Figur verdrängt sei, aber aus Furcht, seinen
Dienst zu verlieren, habe er nichts zu sagen gewagt. Bella bat ihn zu
schweigen: seit dem Empfange in dem Hause habe sie einen unwiderstehlichen
Widerwillen gegen Braka, Cornelius und alle bekommen, daß sie sich nie
entschließen könnte, ihre fürstliche Freiheit dem Zwange der Stadt zu
unterwerfen; sie wolle wieder in ihrem alten Hause leben, bis sie freie
Leute ihres Volkes antreffe. Dann fragte sie ihn aus, wie sich alles
begeben, und warum er an dem Abende nicht erschienen. Da erzählte er ihr,
daß er von der falschen Bella ausgestellt worden sei, um den Erzherzog
durch die Hintertüre einzuführen, der erst spät anlangen konnte. Bei
diesen Worten verschloß Bella den Mund des Bärnhäuters; sie wollte nichts
mehr hören, nachdem diese unselige Betrügerin ihr auch das letzte, was sie
auf Erden reichlich tröstete, die Liebe des Erzherzogs, entwendet hatte.
Der Jammer füllte ihre Seele, und es fiel ihr wie ein Stein vom Herzen,
als sie weinen konnte; sie hing sich an den Bärnhäuter und ließ ihn wohl
eine Stunde nicht los; ein Glück, daß den Weg wenig Leute gingen, es hätte
sonst Aufsehen gemacht. Der Bärnhäuter war bald in ein neues Rechnen in
Gedanken gekommen, wie lange er noch dienen müsse, und so ließ er die
Tränen an sich vorübergehen, wie eine Mühle den schönsten Wasserfall, sie
ist zufrieden, daß nur ihr Rad dabei gehen kann. Zuletzt, als er
fürchtete, zu spät zu kommen, wußte er sich nicht anders loszumachen, als
daß er eine Pflaume, die wurmstichig vom nahen Baume gefallen war,
aufdrückte und sprach: "Wieviel glücklicher ist doch solch eine Made als
wir Menschen, je länger sie lebt, je süßer wird die Frucht am Baume; was
ich aber als eine Undankbarkeit an dem Tiere betrachte, ist wohl, daß sie
alles in ihr Zimmer macht und sich dadurch ihren eignen Lebensgenuß
verdirbt."
Der einfältige Kerl dachte nicht, daß sein eignes Sammeln ins Leben nichts
anders gewesen war, als was die Maden in der edlen Frucht anhäufen. Bella
war zu traurig, um ihn darauf aufmerksam zu machen, sie ließ ihn aber los,
und er verließ sie eilig mit den heiligsten Versicherungen, er wolle für
eine Kleinigkeit jede Nacht zu ihr kommen und einholen, was sie brauche.
Sie dachte nicht, was sie noch brauchen könne; ihr fehlte alles.
Gleichgültig gegen alle Welt ging sie, ohne eine Vorsicht zu brauchen,
nach dem Gespensterhause und öffnete die Türe in der ihr bekannten Art.
Keine Betrachtung über die Veränderlichkeit ihres Schicksals störte sie;
ganz entehrt fühlte sie sich, seit der Erzherzog sie nicht mehr liebte,
ohne Sicherheit und Würde; sie wollte ihn vergessen, und doch war es ihre
Angst, wo er eben sein möchte. Auch war es dieser Gedanke mehr als der
Hunger, der sie abends nach dem Schlosse zurückführte, wo sie aber diesmal
Adrians Zimmer verschlossen fand, weil er mit einigen Geistlichen darin
disputierte. Als sie unbestimmt auf dem dunklen Gange des Schlosses stand,
kam der Erzherzog und hielt sie in der schwachen Beleuchtung für den
ehemaligen Knaben Adrians, den er sich durch kleine Geschenke lange zu
eigen gemacht hatte; er rief ihm zu, eine Fackel zu nehmen und ihm nach
dem Hause des Herrn von Cornelius vorzuleuchten. Bella erfüllte eilig
seinen Befehl, zündete eine Fackel und ging voran. Der Erzherzog war in
heftiger Bewegung: ein geheimer Freund war aus Spanien mit der sichern
Nachricht angekommen, sein Großvater könne nur wenige Tage noch mit dem
ihn lange bedrohenden Tode kämpfen; umsonst suche er dem Tode zu
entfliehen und ziehe aus einer Stadt in die andre, wie andre Kranke aus
einem Bett in das andre. Carvajal, Zapara und Vargas hätten ihm endlich
die Nähe seines Todes vorgestellt, und er hätte, sein Unrecht gegen Karl
zu verbessern, statt Ferdinands den Kardinal Ximenez zum Reichsverweser
ernannt und die rechtmäßige Erbfolge Karls unangefochten gelassen. Der
magnetische Kreis der nahen Herrschaft bewegte Karls herrschendes Gemüt so
unruhig wie ein Nordlicht die Magnetnadel; dabei war er so in sich
versunken, daß er keinen Blick auf Bella warf, sondern, ohne darauf weiter
zu achten, dem Schein der Fackel nachlief und Bella befahl, vor dem Hause
bis zu seiner Heimkehr zu warten.