Erzherzogs hatte sich noch nicht erklärt und seine Freigebigkeit war nicht
so weltkundig, im Gegenteil hatte sie von Frau Nietken erfahren, daß er
etwas im Rufe der Knauserei stehe; der Alraun dagegen konnte so viel
Schätze entdecken, als irgend in der Welt verborgen wären, er kümmerte
sich durchaus nicht, wie das Geld verwendet würde, solange es ihm selbst
nicht fehlte. Störten die beiden Liebhaber einander gegenseitig, so
entgingen ihr vielleicht alle Hoffnungen für die Bequemlichkeit ihres
künftigen Lebens, und die großen Absichten für ihr Volk wurden auch nicht
erfüllt. Der Erzherzog war jetzt wieder allein mit Bella, er hatte mehr
Mut gewonnen, sie aber war besorgt und erzürnt, wie es ihrem Kleinen gehen
möchte; sie äußerte das, und er nahm es nicht ohne eine kleine Eifersucht
auf. Er fragte mit einem gewissen Stolze, ob es ihr Bräutigam wirklich
sei, und verlor in Erwartung ihrer zögernden Antwort so gänzlich alle
Haltung, daß er seine vergebliche Doktorrolle aufgab und sich ihr als
Erzherzog darstellte. Sie konnte sich zu wenig verstellen, um sich
darüber zu verwundern, und so waren sie miteinander in einem Vertrauen,
ehe sie einander etwas vertraut hatten. Endlich sagte Bella, daß die
Vermählung mit ihrem Vetter nur ihrer Mutter, nicht ihr Wille sei. Der
Erzherzog beschwor sie jetzt, dem Willen ihrer Mutter nicht so gänzlich
nachzugeben, daß sie Lebensglück und Schönheit der Trauer einer
unglücklichen Verbindung hingebe; von seiner Liebe schwieg er. Bella
stotterte, wie es ihr vorgeschrieben war, daß ihr Vermögen ganz in der
Gewalt dieses reichen Vetters sei, daß sie dem Wunsche ihrer Verwandten
sich ergeben müsse, insbesondre da sie niemand in der Welt kenne, der sie
gegen den Zwang derselben schützen möchte. Der Erzherzog versicherte ihr
jetzt, daß jede Kränkung, die sie erfahren würde, unerbittlich von ihm
bestraft und gerächt werden sollte. Diese Worte führten eine
Liebeserklärung herbei, die nicht nur die beiden Verklärten, sondern auch
die horchende Braka von einer schweren Last befreite. Wie schwer fiel es
aber plötzlich auf das Herz der Alten, als Bella, die von der Liebe zum
Erzherzog durchdrungen, jede Falschheit verfluchte, ihm zu Füßen fiel und
ihn bei seiner Liebe beschwor, sie nicht zu verachten, wenn sie ihn
betrogen, sie sei nicht, wofür sie sich ausgegeben, die Tochter ihrer
Begleiterin, sie sei die Tochter--hier erstickte die Stimme in einem
Tränenstrom. Einer der Edelleute, die den Kleinen begleitet hatten, trat
herein und meldete dem Erzherzog, er möchte sich in sein Zimmer
zurückziehen, der Kleine lasse sich nicht mehr halten; sie führten ihn
durch Umwege in dasselbe Haus zurück, woraus sie ihn fortgeführt, er halte
sich für todkrank. Der Erzherzog sprang fort, entrüstet, in seiner ersten
Neigung betrogen zu sein. Bella ging in das Nebenzimmer, weil es in ihrem
Gemüte noch von den Blättern nachregnete, nachdem der erste
Gewitterschauer verzogen.
Der Kleine ließ sich die Treppe vom Bärnhäuter hinauftragen, der ängstlich
nach der gnädigen Frau rief, weil er das Ende seines guten Dienstes
fürchtete. Als Braka kam, rief der Kleine ihr mit schwacher Stimme
entgegen, er sei von der Pest so schwach, daß er auf seinen Füßen nicht
mehr zu stehen vermöge, alles gehe mit ihm herum, er sehe gar nichts mehr,
und seinen Gedanken hinke er mit der Zunge so weit nach, daß er es fast
aus den Augen verloren, was er eben sagen wolle. Braka stellte sich sehr
mitleidig und erschrocken; Bella hatte bei seiner sichtbaren Blässe
einiges Bedauern.
"Ach", seufzte der Kleine, "wenn ich nur den Doktor festgehalten hätte,
der mir die Pest gleich angesehen, vielleicht weiß er auch ein Mittel
dagegen."
"O", sprach Braka, "die Pest habe ich oft schon kuriert, ich lege ein
Kraut in lauwarmes Wasser, und davon trinkst du alle fünf Minuten eine
Tasse, so wird alles glücklich vorübergehen."
"Schnell, schnell", sprach er und versank in einen dumpfen Rausch,
währenddessen ihn der Bärnhäuter auszog und auf den Sofa legte, mit Decken
wohl verhüllt. Braka flößte ihm von Zeit zu Zeit eine Tasse heißes
Fenchelwasser ein, wie die kleinen Kinder zu bekommen pflegen.
Entsetzliche Übelkeiten erweckten ihn, endlich erleichterte sich die Natur
von dem Überflusse des Weines, womit die Ehre des Zutrinkens sie überfüllt
hatte; schluchzend und stöhnend sprach er: "Wo mag der Doktor jetzt sein,
den ich im anderen Hause sah, wäre der Mann nur zu finden, er könnte mir
wohl noch helfen, ich habe so ein Zutrauen zu ihm, da er mir die Krankheit
gleich angesehen; macht doch die Türe auf", fuhr er fort, "es wird hier so
heiß."
"Die Türe ist verschlossen", sagte Bella, "der Erzherzog ist dort
eingezogen."
"Der Erzherzog!" Bei diesem Worte sprang der Kleine, wie er war, aus dem
Bette, konnte sich aber taumelnd nicht halten, sondern sank in das
Waschbecken.
"Der Erzherzog ist hier, und ich kann ihn nicht um meine Hauptmannsstelle
ansprechen, ich versäume mein ganzes Glück, wenn ich sterbe."
Der Bärnhäuter rollte ihn wieder ins Bette, aber der Kleine weinte
bitterlich und jammerte nach dem Arzte, den er unterwegs gesehen. Braka
entschloß sich endlich, indem sie ihm versprach, alle Sorgfalt anzuwenden,
den Mann zu entdecken, zu Frau Nietken zu gehen und durch diese den
Prinzen noch einmal als Arzt kommen zu lassen. Der Erzherzog zog aber
sein Messer gegen diese Frau und befahl ihr mit drohender Stimme, ihm zu
sagen, was sie von den Fremden wüßte, die vielleicht von einem Feinde
seines Hauses zu seinem Verderben gesendet wären. Frau Nietken ließ ohne
Rückhalt alle Geheimnisse von sich gehen; sie sagte, daß Braka eine alte
Zigeunerin sei, die sie lange gekannt, daß diese in einer Nacht mit der
schönen Bella und dem Kleinen zu ihr gekommen und sich nach Gent habe
fahren lassen, wo sie bekanntlich viel Geld ausgegeben. ihr Kind sei
Bella gewiß nicht, dafür wolle sie stehen, ob aber das Mädchen aus einem
hohen Hause, dafür wolle sie nicht einstehen, doch sei es so ihre
Philosophie. Geraubt sei das Mädchen aber nicht, denn sie habe mit der
Alten zugleich befehlend und doch mit Liebe gesprochen, unter sich in
einer fremden Sprache, die sie für französisch gehalten.
Dies verwandelte die ganze Ansicht des Prinzen, erst glaubte er sich in
der Falle einer Buhlerin, jetzt meinte er ernstlich, daß es die
französische Prinzeß sein könnte, deren Heirat mit ihm von dem
französischen Hofe gegen den Willen seines Großvaters betrieben wurde. Es
ist bekannt, daß sein späteres politisches Talent in seinen früheren
Jahren, die sich ganz zur körperlichen Ausbildung hinneigten, wenig
durchschien, er hielt so manches für möglich, was ein andrer bezweifelt
hätte, und Cenrio war eben mit Adrian zu beschäftigt, um ihm zu raten, er
nahm also die Bitte, als Arzt wieder zu erscheinen, mit einer gewissen
Ehrfurcht an, welche die zitternde Frau Nietken sehr überraschte.
Er machte sich jetzt durch einige Züge mit Kohle in den Augenbrauen und
vor der Stirn unkenntlicher und ließ sich in das Krankenzimmer führen.
Der Kleine war entzückt, ihn zu hören; der Erzherzog befragte ihn sehr
ernstlich nach allen Kennzeichen. Der Kleine erzählte von dem wüsten
Kopfschmerz, von der Übligkeit, vom Aufstoßen, von der gänzlichen
Dunkelheit seiner Augen und wie er über sein ganzes Gesicht einen
Ausschlag spüre (seine Augen im Nacken hervorzubringen schämte er sich vor
den Leuten, auch hatte er sich ihrer in der guten Gesellschaft längst
entwöhnt; endlich sagte er, daß er sein ganzes Glück versäume, wenn er
nicht bald hergestellt wäre, weil der Erzherzog im Nebenzimmer seinetwegen
angekommen sei und die Stellen im neuen Fähnlein wahrscheinlich in diesen
Tagen vergebe:
"Ach, lieber Herr Doktor", rief er in seiner militärischen Begeisterung,
"wenn ich so wegstürbe, hätte mich die Welt nie in dem Glanze und der
Herrlichkeit gekannt, wozu meine Abstammung und mein Mut mich berechtigen;
oft kommt es mir vor, als wenn böse Zauberer der wahren Verwandlung meines
Lebens entgegenstreben."
Der Erzherzog hörte ihn geduldig an und konnte sich das alles wiederum
nicht mit der fremden Prinzessin reimen, es sei denn, daß er ein von der
alten Fee verzauberter Prinz sei, wie damals die Geschichten in spanischen
Romanen häufig umliefen. Dieser Gedanke, zusammengehalten mit der
Erscheinung im Landhause, setzte ihn in ein gewisses Staunen, was ihn
leicht hätte verraten können, wenn der Kleine nicht allzu berauscht
gewesen wäre und seine ahndenden Augen hätte brauchen dürfen. Endlich
faßte doch der Erzherzog einen Entschluß, sagte ihm, das Mittel der
gnädigen Frau sei wohlerdacht, er müsse sich jetzt ganz mit Decken
überspannen und einwickeln lassen, um in einer recht gewaltsamen Dünstung
den Kern des Übels auszutreiben. Vergebens seufzte der Kleine, er
erschrecke vor sich selbst, als wenn er einen glühenden Ofen anfasse;
Braka warf ihm mit beredter Zunge eine Decke nach der andern über, band
sie zusammen und entfernte sich mit dem treuen Bärnhäuter unter dem
Vorwande, als ob sie dem Kleinen etwas zu seiner Erfrischung schaffen
wolle. Der Erzherzog war jetzt wieder mit Bella allein, doch mußten sie
aus Rücksicht gegen den eingepackten Kranken jedes laute Wort vermeiden;
auch war Bella noch sehr beschämt, als der Erzherzog sich auf ein Knie
niederließ und zu ihr sprach: "In welchem schönen Bekenntnisse sind Sie
gestört worden, Angebetete, ich ahnde, Sie sind eines edlen Fürsten
Tochter, ich ahnde alles, was Sie mir zu sagen haben, aber ich wünschte
die Gewißheit aus Ihrem Munde, die Gewißheit Ihrer Liebe, die allen Glanz
Ihres Standes aufgegeben hat, um dem verhaßten Zwange der Politik zu
entgehen. Nichts soll uns scheiden, ich kenne meine Niederländer, sie
kennen ihre Freiheiten und werden auch meine Freiheit schützen, und selbst
wenn die Gewalt über uns siegte, trägt uns das Meer zu einer neuentdeckten
reicheren Welt!"
Wer könnte es Bella verdenken, die von aller Politik Europas nichts wußte,
als daß der Fürst ihr Vater in derselben nicht geachtet, sondern verfolgt
worden, daß sie bestimmt glaubte, der Erzherzog habe ihre Abstammung
erfahren und erwähle sie zu seiner Gattin. Sie stand mit gerührtem Blicke
vor ihm, blickte auf und nieder und sprach dann gebrochen: sie habe sich
nur einmal verstellen können und nimmermehr wieder, sie leugne nicht ihre
Abkunft, sie leugne nicht ihre Zärtlichkeit, die er schon früher in ihrem
heimlichen Aufenthalte in ihr erweckt, die sein Anblick ihr bestätigt habe.
Sie senkte ihr holdes Angesicht, der Erzherzog wollte eben den Rand ihrer
Lippen berühren, als der Kleine unter den Decken Bewegungen machte,
entsetzlich über den Magen klagte und zuschwor, er müßte ersticken, ehe er
kuriert sei. Der glücklich Liebende duldet keinen Leidenden, der
Erzherzog sprang hinzu und öffnete das Gebinde, es dampfte, als wenn man
die Serviette öffnet, worin ein Pudding gekocht worden; der Erzherzog sah
ihn an, schob das Pflaster leicht von dem triefenden Gesichte und
versicherte, er sei schon kuriert; er eile jetzt, um ihm noch ein paar
stärkende Mittel zu senden, er möchte sich inzwischen ruhig halten.
So eilte er fort, und der Kleine, dem allmählich der Rausch verflogen, der
wieder um sich sehen konnte, lag auf dem Bette mit dem seligen Gefühle
eines vom Tode Erretteten, der sein Leben sehr lieb hat; er nahm Bellas
Hand, drückte sie und sprach, daß ihm der Gedanke des Todes darum lästig
gewesen sei, weil er sie hätte verlassen müssen. Er schien so sanft und
zärtlich, daß Bellas alte, gleichsam mütterliche Zuneigung zu ihm nicht
erlaubte, ihn zum Vertrauten ihrer neuen Liebe und ihres neuen Glücks zu
machen. Er küßte sie, wie er gewohnt war, und der Erzherzog, der wieder
an seiner Türwarte, an dem künstlich gebohrten Loche, lauerte, ergrimmte,
weil er sich von neuem verraten glaubte, doppelt verraten, weil er in
seiner Leichtgläubigkeit gegen Bella unverzeihlich kindisch und gutmütig
sich erschien. Der Kleine versuchte sich jetzt auf seinen Beinen, und er
konnte wieder gehen und stehen, ordnete seine Kleider und sagte Bella, sie
möchte jetzt recht artig sein, er werde den Erzherzog zu ihr führen, und
wenn dieser in recht heitrer Stimmung schiene, sollte sie um die
Hauptmannsstelle für ihn anhalten, sie möchte aber recht schmeicheln, das
Glück seines Lebens hänge daran; auch wolle er sie dann sicher heiraten.
Sie schwieg verlegen. Er vergaß über seine kriegerischen Aussichten so
ganz alle Krankheitsfurcht und alles Übelbefinden vom Trunk, daß er wie
vor tausend Mann in dem Zimmer auf- und niederstolzierte und Braka zur Tür
hinaustrieb, als diese mit ihrem heißen Wasser ihm in die Quere kam. So
sind die meisten kleinen Leute, das Herz ist ihnen so nahe am Kopf, daß es
in den Kopf überkocht oder überdampft.
Unser Wurzelmännlein konnte sich nicht mehr halten, er bürstete sich bald
rechts, bald links; gleich wollte er dem Erzherzoge seine Aufwartung
machen und fiel diesem, der in einem Anfalle der heftigsten Eifersucht Tag
und Stunde verfluchte, ins Zimmer. Kaum hatte er sein Anliegen
vorgebracht, so überhäufte ihn der Erzherzog mit Schimpfreden, nannte ihn
einen lächerlichen, kleinen Wurzelburzius, einen Dukatenmacher, ein
Alraunchen, daß der Kleine in die größte Verwunderung geriet, wie er diese
seine Entstehung erfahren habe, und sich eilig davon machte, indem er
verlegen ausrief: "Gnädiger Herr, woher wissen Sie das?"
Als er zurückgekommen, sagte er nichts von diesem Empfange, nur sah es ihm
Braka an seinem ganzen Wesen an, daß er gedemütigt worden. Er sprach nur,
daß er den Erzherzog nicht getroffen, daß er sich bald fort von dem Orte
wünsche, wo ihm in jetziger Pestzeit jeden Augenblick eine neue Gefahr
drohe; zugleich erkundigte er sich, ob der Arzt nichts gesendet. Braka,
um ihren Aufenthalt zu sichern, ging selbst über die Straße in den Laden
eines reisenden jüdischen Doktors, kaufte die stärksten Tropfen, welche
manchen Sterbenden schon belebt hatten, und brachte sie dem Kleinen als
etwas, das der belobte Arzt im Hause abgegeben. Kaum hatte der Kleine
diese Höllentropfen eingenommen, so kam ihm der alte Mut wieder zurück.
Er hätte rasend werden mögen, daß er dem Erzherzoge nicht derb geantwortet
hatte; ihm fiel so viel Beißendes ein, daß er, bloß um es ihm oder einem
seines Gefolges aufzuhängen, sich leicht bereden ließ, den Tag noch im
Orte zuzubringen.
Es war jetzt die Zeit des höchsten Tumultes herangerückt. Die Rennen auf
umgesattelten Pferden, wo der Reiter einer Gans, um sie zu gewinnen, den
Faden, der sie an einem Seile aufgehängt hält, mit der Schere abschneiden
muß, hatten angefangen; das Wiehern der Pferde, das Lachen der Menge über
die getäuschte Zuversicht, die sich im Sande erniedrigt fand, rief alles
herbei; auch unser Wurzelmännlein führte seine Damen zu diesem Schauspiele.
Kaum war er dort, so verlor er aus Eifer die beiden Frauen fast ganz
aus dem Gesicht, so daß Braka ihre Pflegetochter etwas überhören konnte.
Bella erzählte ihr, daß der Erzherzog sie heiraten wolle; Braka sagte, das
hätte seine schlimme Seite, sie könnte darüber ins Zuchthaus kommen, aber
sie möchte ihm nur dreist und ohne Umschweife zu verstehen geben, daß sie
ein Kind von ihm haben möchte, daß dies ihres Volkes Glück sei, so würde
sich alles von selbst ohne weitere Einsegnung finden. Bella versprach,
nach ihrer Vorschrift ihm alles zu sagen, wenn die Gelegenheit käme.
Diese wurde aber durch den Zorn des Erzherzogs auf eine wunderliche Art
herbeigeführt. Er hatte seine rasende Eifersucht ohne alle Zögerung
seinem Freunde Cenrio verraten, dem sogleich ein trefflicher Einfall
gekommen war. Er hatte bei einem Guckkasten einen gelehrten Juden aus
Polen wiedergefunden, der ihm schon früher durch seine Kunst, Golems zu
machen, manche Ergötzlichkeit verschafft hatte. Diese Golems sind Figuren
aus Ton nach dem Ebenbilde eines Menschen abgedruckt, über welche das
geheimnisreiche und wunderkräftige Schemhamphoras gesprochen worden, auf
dessen Stirn das Wort Aemaeth, Wahrheit, geschrieben, wodurch sie lebendig
werden und zu allen Geschäften zu gebrauchen wären, wenn sie nicht so
schnell wüchsen, daß sie bald stärker als ihre Schöpfer sind. Solange man
aber ihre Stirn erreichen kann, ist es leicht, sie zu töten, es braucht
nur das Ae vor der Stirne ausgestrichen zu werden, so bleibt bloß das
letztere Maeth stehen, welches Tod bezeichnet, und im Augenblicke fallen
sie wie eine trockene Tonerde zusammen.
Der alte Jude wurde herbeigeholt, der Erzherzog verlangte ein solches Bild
der schönen Bella und er wolle ihn fürstlich lohnen. Der Jude warnte ihn,
er möchte sich mit solchem Bilde nicht abgeben, in seinem Vaterlande sei
manches Unglück damit geschehen: einem Vetter sei der Golem, den er zu
häuslichen Diensten gebraucht, so hoch gewachsen, daß er ihm nicht mehr an
die Stirn habe langen können, um das Ae auszulöschen; da habe er befohlen,
er sollte ihm die Stiefeln ausziehen, und während sich der Golem danach
gebückt, habe er ihm listig das Ae von der Stirne gewischt, aber die ganze
Last der Erde sei auf den armen Vetter gefallen, und er sei davon erdrückt
worden. Der Erzherzog schwor, daß ein solcher Unfall dem nicht schade,
dem er ihn bereiten solle, doch eine neue Schwierigkeit sei zu überwinden,
wie das Bild der schönen Bella ähnlich zu machen sei. Der Jude verlangte,
sie nur einmal in seinen Kunstspiegel einsehen zu lassen, so bleibe ihr
Bild darin festgemalt. Der Kunstspiegel steckte in einem Guckkasten, und
die ganze Kunst war, Bella zu demselben hinzulocken. Cenrio, der den
Wurzelmann kannte, übernahm diese Besorgung, ihn und seine Schöne zu dem
Guckkasten zu führen, während der Erzherzog verkleidet hinter dem
Guckkasten versteckt war; alle eilten an ihren Posten. Cenrio traf den
Kleinen noch bei dem Pferderennen; er sagte ihm heimlich ins Ohr, er solle
sich den Zorn des Prinzen nicht zu Herzen nehmen, ein geheimer Feind von
ihm habe dem Prinzen eine verhaßte Erzählung von seinem Betragen gegen die
Schauspieler gemacht; doch sei dieser Eindruck noch zu überwinden, wenn er
behaupte, daß er einmal von einem tollen Hunde gebissen sei. Der Kleine
wurde froh und nötigte ihn, bei der Gesellschaft zu bleiben, indem er ihm
seine Braut vorstellte. Cenrio sagte ihr manches Artige und bat sie, doch
ja einem Guckkasten nicht vorbeizugehen, der eine Welt im Kleinen, alle
Städte, Völker in bunten Bildern zeigte. Sie gingen dahin, Bella sah
zuerst hinein, ungeachtet der neugierige Kleine nur mit Mißgunst diese
Artigkeit erlaubt hatte; sie war überrascht von aller Herrlichkeit und
hätte gern die ganze Vorstellungsreihe noch einmal übersehen, wenn nicht
des Kleinen Ungeduld sie von dem Glase zurückgerissen hätte. Er war ganz
außer sich über alles, was er erblickte: in jeder Stadt dachte er sich als
Fürst; sah er fremde Soldaten, so prüfte er sich, wie er als Heerführer in
der Tracht sich ausnehmen würde.
In dieser Zeit hatte sich der Erzherzog leise in ein Gespräch mit Bella
eingelassen. Er warf ihr die schändliche Falschheit vor, mit der sie ihm
Liebe geheuchelt, um dem kleinen Bräutigam eine Hauptmannsstelle zu
verschaffen. Bella brach in Tränen aus und schwor ihm, es sei alles
anders, ihre Liebe zu ihm sei ungeheuchelt, ja, es sei ihr edelster Wunsch,
von ihm ein Kind zu haben, das ihrem Volke Glanz und Freiheit gebe.
Diese Freimütigkeit setzte den Erzherzog in einige Verlegenheit (sie war
tiefinnerlich unschuldig, er aber war nur unschuldig aus Stolz); er schwor
stammelnd, daß er alles Mögliche tun wolle, ihren Wunsch zu erfüllen, der
auch seinem politischen Verhältnisse angemessen sei.
Unter solchen Versicherungen führte er sie, ohne daß es der Kleine merkte,
während Braka ihnen Zeichen zum Abzuge gab, ungestört von dannen.
Der Kleine hatte diese Welt im kleinen schon zweimal angesehen, und sie
gefiel ihm viel besser als die wirkliche, während der Jude unter allerlei
Gesprächen mit Cenrio das Ebenbild der feldflüchtigen Bella bearbeitete.
Cenrio bat den Juden, ihm doch nur eine Möglichkeit anzugeben, wie solch
ein Bild belebt werden könne.
Der Jude sprach: "Herr, warum hat Gott die Menschen erschaffen, als alles
übrige fertig war? Offenbar, weil das in ihrer Natur lag, als diese von
Gott sich losgedacht hatte. Liegt das in ihrer Natur, so bleibt's auch in
ihrer Natur, und der Mensch, der ein Ebenbild Gottes ist, kann etwas
Ähnliches hervorbringen, wenn er nur die rechten Worte weiß, die Gott
dabei gebraucht hat. Wenn es noch ein Paradies gäbe, so könnten wir so
viel Menschen machen, als Erdenklöße darin liegen; da wir aber
ausgetrieben aus dem Paradies, so werden unsre Menschen um so viel
schlechter, als dieses Landes Leimen sich zum Leimen des Paradieses
verhält!
Als er das gesprochen, hatte der alte Jude sein Werk beendigt, er hauchte
die Bildsäule an, schrieb das Wort auf ihre Stirn, das sich unter
Haarlocken versteckte, und eine zweite Bella stand vor beiden, die alles
durch jenen Spiegel wußte, was Bella bis dahin erfahren, die aber nichts
Eignes wollte, als was in des jüdischen Schöpfers Gedanken gelegen,
nämlich Hochmut, Wollust und Geiz, drei plumpe Verkörperungen geistiger,
herrlicher Richtungen, wie alle Laster; daß diese hier ohne die geistige
Richtung in ihr sich zeigten, das unterschied sie selbst vom Juden,
überhaupt aber von allen Menschen, die sie übrigens so wunderbar täuschen
konnte, wie jenes alte Bild von Früchten alle Vögel, daß sie an die
Leinewand flogen und davon zu naschen suchten. So naschten auch Cenrio
und der alte Jude an dem Bilde, jeder gab ihr einen Kuß, ehe sie dieselbe
an den Arm des Kleinen hingen, der endlich sich satt gesehen hatte und mit
seiner Bella durch die übrige Lust des Abendgewühls, wo jetzt schon
manches Messer unter den trunkenen Bauern gezogen wurde, sich nach Hause
zurückzog. Braka war des Austausches der beiden Gestalten so wenig inne
geworden wie der Kleine. Sie speisten alle drei in einer gewissen
Stummheit miteinander, die nach den geräuschvollen Abwechselungen eines so
wunderlichen Tages sehr natürlich war. Als sie abgesessen hatten, kam der
Bärnhäuter mit einem halbzerkratzten Gesicht ins Zimmer und sprach: "So
hat mich das verfluchte Weib, die Frau Nietken, zugerichtet, die in ihrer
Trunkenheit ein Auge auf mich geworfen hatte und mich nicht loslassen
wollte, da ich doch so dringende Neuigkeiten mitzuteilen habe. Sie hat
mir verraten, daß der Erzherzog einen Anschlag auf unser Fräulein vorhaben
müsse, weil er sich so heftig nach ihr erkundigt habe."
Golem Bella, die nur bis zu dem Punkte etwas von der wirklichen Bella
wußte, wo sie in den Spiegel gesehen, rief ganz laut: "Wie lieb ist mir
das, da werde ich ein Kind bekommen, das mein Volk frei machen wird!"
Braka erschrak über diese laute Vertraulichkeit, und der Kleine sprang wie
ein Rasender auf: "Also, du weißt davon, Bella, liebst ihn?"
"Freilich", antwortete Golem Bella.
Der Kleine riß sich die Hirsenhaare aus und erstickte fast in gekränkter
Eitelkeit, endlich brach sein Jammer, nach der Vorschrift seines
rhetorischen Lehrers bearbeitet, in folgenden Worten aus: "Warum hast du
mich zum Menschenleben aus dem sichern Schoße meiner Vorwelt durch
höllische Künste herausgerissen? Ohne Falsch bestrahlten mich Sonne und
Mond; ruhig sinnend stand ich da am Tage und faltete abends meine Blätter
zum Gebete; ich sah nichts Böses, denn ich hatte keine Augen, ich hörte
nichts Böses, denn ich hatte keine Ohren, aber die Anlage zu allem, die
ich in mir fühlte, machte mich so sicher und reich. Meine Augen werde ich
mir ausweinen und werde sie vermissen, mein Leben werde ich aufgeben und
werde es ewig suchen, aber dieses Suchen soll deine Qual sein; wenn du
mich fern von dir glaubst, werde ich bei dir sein. Du kannst mich nicht
zerstören, wie du mich leichtsinnig spielend geschaffen hast; ich bleibe
bei dir, werde die Wünsche deiner Habsucht nach Geld befriedigen, werde
dir Schätze bringen, soviel du verlangst, aber es wird dein Verderben sein.
Du wirst mich von dir werfen, mich vernichten wollen, aber doch bleibe
ich bei dir, dir bin ich gebannt, bis eine andre mit noch größerem Verrat,
als du gegen mich verübt, mich an sich kauft. Wehe allen kommenden
Geschlechtern! Du brachtest mich zur Teufelei in die Welt, von der ich
mich bis zum jüngsten Tage nicht frei machen kann!"
Golem Bella sprach ihm ganz in der Gesinnung der echten Bella von ihrer
Zärtlichkeit vor, die sie trotz aller Liebe zum Erzherzoge für ihn hegte.
Der Kleine sah sie verwundert an und sprach: "Du könntest mich wieder
belügen, Bella; wer weiß, was diese Nacht mit dem Erzherzog verabredet ist.
Gib mir ein Zeichen der Aufrichtigkeit. Der Mond scheint helle, wir
fahren in der herrlichsten Kühlung bis zum nächsten Morgen nach einem
Dorfe, wo wir in aller Stille getraut werden können, so kehren wir
verbunden nach Gent zurück, um es bald auf immer zu verlassen, daß der
glattzüngige Erzherzog uns nicht mehr versuchen kann. Wir reisen nach
Paris, und ich erbiete meinen kriegerischen Mut dem Könige von Frankreich,
der tapfere Männer, wenn sie auch klein von Gestalt sind, doch zu schätzen
weiß."