Der Erzherzog erfuhr die Worte, und da er leichten Blutes war, so mußte

der Edelknabe den Spötter zum Essen laden. Der kleine Cornelius trat

innerlich mit einem Beben, aber um so frecher und unverschämter ins Zimmer;

Karl war in der Blüte seines Lebens, und sein Mitleid beschwichtigte den

lächerlichen Eindruck, den ihm der kleine stramme Kerl machte. Karl

fragte ihn über sein Land aus, der Kleine war unerschöpflich in

lächerlichen Beschreibungen von den Bauern im Lande Hadeln, und jedermann

hätte geschworen, es sei wahr. Über das ihm reichlich wie Zuckerwerk

zugeworfene Lob stieg ihm der Mut immer mehr in der Eitelkeit, wie ein

Tauchermännlein, wenn der Druck der großen Hand über ihm nachläßt; er fing

an von seinem Zweikampfe zu prahlen, den er zur Ehre seiner Damen gegen

zwei fremde Ritter bestanden, die er tödlich verwundet hätte, wobei er

aber selbst an der Brust durchstoßen, so daß er halbtot nach Gent gefahren

sei. Als einige nach dem Wundarzte fragten, der ihn behandelt, und seiner

Zuversicht mit zweifelndem Blick begegneten, riß er sich die Weste auf und

zeigte seine eingekerbte Wurzelhaut, die jedermann für vernarbt ansah.

Nach diesem Hauptschlag rühmte er seine Reichtümer und seine Familie; die

Tante Braka wurde eine so altadelige herrliche Hofdame, voll Erfahrung und

Charakter, Herzensgüte, Zartgefühl und feiner Lebensart, wie Gent noch

keine aufzuweisen hätte. Bellas Schönheit übertraf nach seiner

Beschreibung die Helena; dabei erzählte er von ihrer Unschuld eine Menge

Anekdoten, die allerdings wahr waren, die ihm aber niemand glauben wollte,

weil sie ihre wunderliche Erziehung und Natur hätten kennen müssen.

Zuletzt gab er zu verstehen, daß er sie heiraten werde. Der Erzherzog

bekam einen eignen Anfall von Sehnsucht nach ihr, wie er aber schon früh

sich zu verbergen wußte, so suchte er nur durch Spott den Kleinen dahin zu

bringen, daß er einmal öffentlich mit seiner Braut erschiene, und dazu

schlug er ihm die nächste Kirmes in Buik vor, die von allen vornehmen und

geringen Gentern gleich zahlreich besucht werde. Der Kleine ließ sich

fangen und gab das Haus der Frau Nietken an, wo er mit den Seinen

erscheinen wollte. Nach dieser Verabredung gingen sie auseinander, aber

der Erzherzog, der noch kein Mädchen näher kennen gelernt hatte und die

meisten nicht der Mühe wert gehalten, empfand ein solches

unwiderstehliches Vorgefühl, daß er auch ohne Bellas täglich herrlicher

sich entfaltenden Schönheit sich wahrscheinlich in ihr unschuldiges und

heimliches Wesen verliebt hätte. Er sprach mit Cenrio, der sein Vertrauen

durch Aufopferung seiner Pflicht oft schon bei unbedeutenderem Anlaß

erkauft hatte, wie sie der strengen Aufsicht des Adrian von Utrecht, des

Oberhofmeisters, entgehen könnten. Cenrio versprach ein altes Buch mit

einem falschen Titel einzurichten, daß Adrian glauben könne, es sei ein

ihm unbekannter Anhang zu den Sentenzen des Petrus Lombardus, über die er

einen Kommentar schrieb, das solle bei Frau Nietken zum Verkauf liegen,

und so werde er sich gleich darüber machen, es zu durchlaufen, und ließe

sie laufen, wohin ihr Lusten sie treibe. Der Erzherzog war des Vorschlags

sehr froh. Nichts schmeichelt einem jungen Fürsten mehr, als in der

Befriedigung seiner Leidenschaft die Klugheit lächerlich zu machen, und

nichts verdirbt schneller.

Als die Begeisterung des Wurzelmännchens über alle Ehre, die er beim

Erzherzog genossen, etwas nachgelassen mit dem Weindunste, der seinen

kleinen Kopf eingenommen hatte, so gingen ihm alle einzelnen Reden

hindurch, die er mit ihm geführt, daß er sich als Bräutigam ausgegeben,

daß er Bella auf der Kirmes ihm zeigen wollte. In eitlem Vergnügen rieb

er sich die Hände und konnte sich nicht enthalten, alles dem alten

Bärnhäuter zu sagen, der wie alle Bedienten klug genug war, so dumm er in

seinem Dienste sein mochte, seinem Herren den Kutzen zu streichen, aus

welchem ihm schon manches Trinkgeld gefallen. Dies vollendete, wozu der

Kleine aus Nachahmerei seiner Bekannten schon vorgereift, eine feste

Überzeugung in ihm, er sei in Bella verliebt, und bei der vielen

Zärtlichkeit, die sie aus einer Art mütterlichen Gefühls ihm bezeugte,

glaubte er in ihr ein gleiches Gefühl voraussetzen zu dürfen und hielt

seinen Vorteil für so gewiß, daß er nicht einmal die ahndenden Augen auf

sie zu werfen nötig fand, um zu unterscheiden, wie sich alles in ihr

verwandelt hatte, wie sie nicht bloß mit ihren Augen die Frühlingssonne,

sondern auch mit ihrem Herzen die Liebe gesucht habe. Er kannte nicht die

Macht des Frühlings, der aus dem Himmel in alle Fenster ruft: "Ihr Mädchen

schaut euch um nach einem, der mir gleicht."

Auch Bella hatte die Frühlingsstimme gehört und lief unzähligemal von

ihrer Arbeit ans Fenster, und so kam es, daß seit ein paar Tagen mit ihr

eine so gerechte und natürliche Veränderung vorgegangen war. Sie hatte in

der Abwesenheit des Kleinen, der die Zimmer nach der Straße bewohnte,

einmal gerade zu der Stunde durch die Teppiche der dichtverhängten Fenster

nur mit einem Auge gesehen, als der Erzherzog mit seinem Gefolge

vorbeiritt, aber ein Schlag, mächtig wie jener, der sie auf dem

Galgenberge betäubte, doch ohne jenes Schrecken, hatte ihre Erinnerung

aufgeklärt, und wie das goldne Vlies an einer starken, unauflöslichen

Kette um seinen Hals hing, so war sie an seinen Blicken hängen geblieben,

das sanfte, liebe Lamm, mit ganzer Seele; und das alles, was sie vor dem

Zauberschlage am Galgenberge in ihrer Seele für ihn gefühlt hatte, das war

in der Einwirkung seiner hellen Augen ihr wieder ganz gegenwärtig geworden.

Ja, als er vorbei war, schlug sie die Hände über den Kopf zusammen und

weinte so heftig, weil ihr alles verhaßt war, was sie erlebt, was sie

umgab, daß Braka herbeieilte und lange kein Wort ihr entlocken konnte und

endlich selbst mit ihrem Troste in ein geselliges Heulen ausartete. Bella

mußte sich einem in der Welt vertrauen, sie bekannte ihr endlich, wer ihr

wieder erschienen, wie verhaßt ihr nun dieses Lernen im Stadtleben sei,

wie froh sie jetzt im kleinen Hause vor der Stadt an den Bodenfenstern

Frühling und Sommer in Nähe und Ferne überschauen könne, der jetzt kaum in

einzelnen Baumspitzen und abgebrochenen Blumensträußen zu ihnen dringe.

"Mutter", seufzte sie, "wie möchte ich still ungestört in einsamen Nächten

durch die Fluren schauen und beten."

Als Braka das gehört, schlug sie lustig in beide Hände und sprach: "Sieh,

verstehst du nun, was ich dir im Garten sagte, ehe wir nach Buik gingen?

Nun, wenn's weiter nichts ist, da will ich dir schon Mittel schaffen, die

dir besser helfen als Seufzen und Beten. Du sollst ihn haben, du mußt ihn

haben, denn sieh, liebes Kind, das ist schon lange mein versteckter Plan

mit dir, den auch die Oberhäupter unsres Volks billigen. Du mußt von

diesem künftigen Erben der halben Welt ein Kind bekommen, das durch die

Liebe seines mächtigen Vaters den zerstreuten Überbleib deines Volkes in

Europa sammelt und in die heiligen Wohnplätze unseres Ägypterlandes

zurückführt. Also weine nicht, das macht dir die Augen trübe, ich will ja

nichts andres, als was dir lieb ist."

"Aber wie soll ich von ihm ein Kind kriegen?" fragte Bella. "Wird er es

mir gleich ohne Umstände aus dem Brunnen holen, von dem mir der Vater

erzählte, wo eines immer muß die Leiter halten, während das andre

heruntersteigt?"

"Liebes Kind", sagte Braka mit verschmitzter Bosheit, "wenn du mit ihm

allein bist, mußt du ihn recht dringend darum bitten; wenn er gerade in

recht gnädiger Stimmung, so gewährt er es dir vielleicht im Augenblicke,

und du wirst immer stark genug sein, ihm dabei die Leiter zu halten!"

"Ach, mein Karl ist gewiß gut, das sagte mir sein Auge, seine Stirn, als

er im Vorbeireiten das Barett vor einem alten einbeinigen Kriegsknecht

abnahm, er tut's mir gewiß zu Gefallen", rief Bella, "wir wollen es ihm

durch den Kleinen sagen lassen."

"Um unsrer lieben Jungfrau harte Haut am Fuße bitte ich dich", sprach

Braka und hielt ihr den Mund, "sage dem kein Wort, denn sieh, der würde es

dir in seiner Bosheit nicht vergeben, daß du dich bisher stelltest, als

sei er dein Schatz."

"Mein Schatz, nein, das war er nie", sagte Bella, "aber er war mir bis zu

dieser Stunde lieb; jetzt wollte ich, wir hätten ihn oben stehen lassen

beim Meerrettich, er scheint mir jetzt recht unmenschlich, ich weiß nicht,

warum?"

"Nun, Kind", fuhr Braka fort, "darin kann ich dir nicht unrecht geben; ich

hab mich lange gewundert, wie du so schmeichelnd zuweilen den garstigen

Kniehoch auf deinen Knien reiten ließest, während er dir alles gebrannte

Herzeleid antat, deine Zeichenbücher zu Papierknallen zerriß, Suppe auf

deine Kleider schüttete. Aber sei klug, folge mir, laß dir nichts merken,

wenn ich ihm die verfluchten Augen hinten einmal packen kann, reiß ich

sie ihm aus, daß er das nicht entdeckt. Er muß uns Geld und Gelegenheit

schaffen, daß wir den Erzherzog sehen; schmeichle ihm recht, daß du ihn

liebst."

"Aber ist das nicht unrecht?" fragte Bella.

"Wie dumm", rief Braka, "wenn es ein Mensch wäre, ei nun, aber eine alte

Wurzel, was kann man da für Unrecht tun, eine andre wird mir nichts, dir

nichts klein geschnitten und gekocht; Ehre genug für diese, daß wir mit

ihr wie mit einer Puppe zuweilen umgehen. Nun weiß ich wohl, es wird uns

nicht leicht werden, seiner los zu werden, aber da hab ich mein Plänchen

mit dem Bärnhäuter, der ist des Dienens zum Verzweifeln satt und müde und

möchte sich gern wieder zu Grabe legen, der mag ihn mit dem Schatze nehmen.

Hat dich der Erzherzog lieb, so brauchen wir keine solche Schätze, der

wird uns nicht Hungers sterben lassen."

Bella, in ihrer Ungeduld nach dem Erzherzoge, ging alles ein, sie wollte

sich gegen den Kleinen zärtlich stellen, und sie hatte in den nächsten

Tagen schon Gelegenheit dazu, als er von dem Erzherzoge heimgekehrt war

und ihr zum erstenmal von der Zukunft redete, wie sie sich in Gent

vermählen und niederlassen wollten. Braka war gegenwärtig und fragte ihn

listig, wie es denn mit seinem Kriegshandwerk jetzt stehe, ob er bald

General oder Korporal sein würde.

Er lächelte selbstzufrieden und gab zu verstehen: seine Anstellung sei

ziemlich unfehlbar, er vermochte alles über den Erzherzog; dann erzählte

er ihnen, wie er mit diesem eine Zusammenkunft in Buik zur Kirmes

verabredet hätte, sie möchten sich doch bei Frau Nietken einige artige

Zimmer bestellen.

Braka war heimlich erfreut, wandte aber scheinbar ein, daß die Frau sie

kenne und sie verraten möchte, doch freilich sei dies in Gent ebenso

möglich, und mit Geld ließe sie sich leicht in ihr Interesse ziehen. Die

Lustfahrt wurde also beschlossen und gleich die Schneiderinnen zu einem

rechten Feststaate in Bewegung gesetzt; es entstand ein Geschicke nach

allen Seiten, daß selbst der arme Bärnhäuter, trotz seiner kalten

Leichennatur, schwitzen mußte. Dieser gute Kerl tat wirklich alles, was

man nur von einem lebenden Menschen erwarten konnte, dabei aß er aber so

gewaltig, daß seine irdische Natur ein frisches Leben gewann und er sich

immer mehr überzeugte, er werde sie nicht mehr so geruhig zu Grabe bringen,

wie sie sonst darin gelegen, auch erhob sich zuweilen ein solcher Streit

zwischen dem lebenden und verstorbenen Körper in ihm, daß es ihm über der

ganzen Haut zuckte und juckte. Ebensolcher Zwiespalt war in seiner

Meinung von der Herrschaft: sein verstorbener Leib rechnete sich zu Herren

Cornelius, sein neulebender war ganz der Frau Braka und der schönen Bella

ergeben und achtete den Herren nicht mehr als einen Glückspilz. Wie nun

die eine oder die andre dieser Seiten hervortritt, werden wir ihn bald für

den einen, bald für den andern tätig sehen; doch verriet er keinen dem

andern.

Alles war endlich zur Fahrt bereit. Der Wagen hatte dreifach bezahlt

werden müssen, solch eine Menge Leute, die sonst im stillen Gewerbe lebten,

hatten diesen Tag zum Auslüften sich erwählt. Da traten so viele

verlegne Kleider ans Licht, da lärmten die Kinder so früh im Hause; aber

nur die wenigsten konnten sich der Bequemlichkeit eines Wagens erfreuen,

die meisten mußten sich in langen Reihen einen Weg durch das Korn drängen,

um nicht im Staube des Fuhrweges zu ersticken; doch zogen andre diesen vor,

weil viele die reichen, geputzten Kaufleute und den Adel nicht früh genug

zu sehen meinten, wenn sie dort alle versammelt wären, sondern sie einzeln

auf dem Wege dahin zu mustern wünschten. Insbesondere war aber die

Schaulust durch die allgemein verbreitete Nachricht gespannt worden, daß

selbst der Erzherzog im großen Staate des Vliesordens mit allen seinen

Edelknaben und allen Rittern die Lustbarkeit der Buiker Kirmes mit seiner

Gegenwart beehren werde, eine Herablassung, die ohne Beispiel war und die

Vorsteher des Orts zu der gewaltigsten Anstrengung an Reden und

Ordnungsgesetzen, Ehrenpforten und Blumenopfern begeistert hatte. Von

einem sichtbaren Punkte zum andern waren Bauern mit Fahnen ausgestellt,

durch deren Wink der Ausritt des Erzherzogs kundgetan werden konnte; bei

jeder Fahne hatte sich ein Haufe Wanderer gesammelt. Dieser Prinz, der

weniger mit dem Feste als mit seiner Liebe beschäftigt sein wollte,

täuschte aber die allgemeine Neugierde, indem er sich ganz einsam mit

Cenrio und Adrian in einer bedeckten Gondel einschiffte, um unmittelbar am

Hause der Frau Nietken, wo Cenrio ihnen Zimmer bestellt hatte, abzutreten.

Unterweges nahm er zum erstenmal einigen willigen Unterricht in der

Dialektik bei Adrian, dem es eine Freude war, als der Prinz den Schluß

erfunden hatte: Alle junge Männer sind verliebt, Cajus ist ein junger Mann,

also ist Cajus verliebt. Der genannte Cajus war aber unser Erzherzog

selbst, der dabei heimlich mit Cenrio lachte. Der Erzherzog war in den

bloßen Gedanken an die schöne Unbekannte, die er an dem Tage sehen sollte,

so verliebt, daß es ihm wie eine Überfahrt auf dem langsamen Styx zu einem

neuen Leben schien, wo alles freier, wunderbarer, lieblicher und

schrecklicher ihm erscheinen sollte. Adrian dachte heimlich an das Buch

des Petrus Lombardus, wovon ihm Cenrio erzählt, daß er es bei einer

Trödlerin gesehen, Cenrio an die künftige Gunst, die seiner warte, wenn

der Erzherzog zur Regierung gekommen.

In solchen Gedanken landeten sie im Hofe von Frau Nietken, die, ungeachtet

sie von Cenrio wohl unterrichtet war, doch sich stellte, als kennte sie

ihre hohen Gäste nicht, und es bedauerte, daß ein paar Familien aus Gent

ihr Haus in Beschlag genommen hätten. Adrian fragte, ob sie nicht in der

Bibliothek unterkommen könnten, aber Frau Nietken lachte, daß ihr der

Kader schwoll, sie hätte nur ein paar alte, wurmstichige Schwarten, die

lägen in einer Bodenkammer, wo sich knapp ein Mensch umdrehen könnte.

Adrian ließ nicht nach, bis sie dahin geführt wurden; erst dort sagte er

ihr, daß ihrem Hause die Gnade heut geworden sei, den Erzherzog zu

beherbergen, die Familien aus Gent würden wohl aus Achtung gegen ihn ein

paar Zimmer nach der Straße frei machen. Das dicke Weib schien beinahe in

die Knie zu fallen aus Verwunderung und Demut, küßte die Zipfel der

erzherzoglichen Feldbinde und eilte in das Zimmer der Frau von Braka, um

ihr anzuzeigen, daß der Erzherzog gekommen, daß sie ihm die benachbarten

Zimmer einräumen und die Türen offen lassen wolle.

Der Kleine war in der Zwischenzeit mit dem Bärnhäuter schon auf den

Jubelplatz in der Mitte des Orts gegangen, um den Erzherzog zu erwarten,

von dem er sich recht viel Ehre versprach. Zu seinem Leid mußte er dessen

Abwesenheit von Edelknaben des Prinzen erfahren, die vor dem Rathause,

dessen prachtvoller alter Bau mit großen Fenstern und Türmen der einzige

Rest von der ehemaligen Größe des Ortes war, alle Reden der

Gemeindevorsteher, die auf den Prinzen berechnet waren, abhörten. Er

wollte gleich nach Hause, um die fehlgeschlagene Erwartung mit dem Prinzen

seinen Frauen anzukündigen; aber ein paar Vertraute Cenrios, die ihn auch

kannten, nahmen ihn beiseite und sprachen ihm vor, warum er sich jetzt

keine ansehnliche Stelle unter dem neuerrichteten Fähnlein vom Prinzen

erbitte, den er so gut kenne und der ihm so gewogen. Der Kleine wurde

ganz heiß vor eitler Lust bei diesem erwünschten Vortrage, der seinen

Lieblingsgedanken zutage förderte, er ließ sich wohlgefällig mit den

beiden in ein Gespräch ein, und als sie ihn auf ein Glas Wein in ein

nahgelegenes Haus nötigten, schickte er den treuen Bärnhäuter an seine

Frauen mit der Nachricht zurück, daß sie den Erzherzog nicht unnütz

erwarten möchten, er sei ausgeblieben, einige wichtige Geschäfte hielten

ihn mit Edelleuten des Hofes zurück, nachher wollte er ihnen die Zeit

vertreiben. Die Zeit verging dem Kleinen sehr schnell, denn außer den

schmeichelnden Freunden und dem guten Weine wirkte auf ihn der Rausch

einer unendlichen Volksmenge, die sich mit Leib und Seele diesen drei

lustigen Tagen aufopfern wollte und deswegen auch nicht die kleinste Zeit

in dem angefangenen Werke zu verlieren strebte. Welche Vorräte an

Fleisch, Kuchen und Brot wurden da teils von den Ankommenden ausgepackt,

teils aus den Wirtshäusern geholt; es war ein Frühstück, wie sonst ein

erstes Mittagsbrot nach dem Fasten, und sicher wäre den Heißhungrigen

mancher der ungeheuren Bissen im Halse stecken geblieben, wenn sie nicht

eine künstliche Schleuseneinrichtung mit Wein und Bier gemacht hätten,

wodurch alles glücklich an seinen Ort hinuntergeschwemmt wurde. Die

Niederländer verstehen so etwas vortrefflich, und die Städter waren in

dieser Zeit so übermächtig reich durch Handel und Wandel mit aller Welt,

daß ihnen alles einländische, unmittelbare Landeserzeugnis fast

unbedeutend wenig kostete. Einem Reichen war es eine Kleinigkeit,

Tausende durch Wohltaten zu sättigen, darum gab es eigentlich keine

Notleidende in den Städten und nur Bettler, die in dem müßigen Leben ihre

Freude fanden. Aber auch diese entzogen sich zu solchen öffentlichen

Festen ihren Lumpen und trieben als Schauspieler in Königstracht ihren

Mutwillen vor der Welt, deren Mitleid sie sonst anflehten. Einige Fässer,

die mit Brettern überlegt waren, dienten ihnen zum Theater, ein

Platzknecht, ein langes, ausgestopftes Kissen an der Peitsche, hieb auf

die Kinder, die in ihrer Neugierde an das Theater heranklettern wollten;

zugleich hatte er eine Schellenkappe mit Eselsohren auf dem Kopfe, sprach

als Narr im Stücke und mit den Zuschauern. Unser Kleiner war ganz

entzückt von dem Schauspiele. Die Geschichte des Menschen, der, von

seiner Frau in einen Hund verwandelt, soviel vergebliche Versuche macht,

sich den Leuten als ein vernünftiger Mensch zu beweisen, zog ihn so an,

daß er so nahe kletterte, bis ihm der Platzknecht einen derben Schlag über

den Rücken zog. Unser Kleiner glaubte sich vor den Augen aller Welt

grimmig beschimpft, er zog seinen Degen und ging gegen den Schalksnarren

an, der sich sehr lächerlich mit seiner ausgestopften Wurst gegen ihn

verteidigte; alles schrie vor Vergnügen. Viele, weil sie den Spaß

zwischen dem kleinen und dem großen Manne für eine verabredete Posse

hielten, munterten beide auf; die Kinder kletterten auf die Schultern der

Erwachsenen, andre stiegen auf Tische und auf die eisernen Stangen

zwischen den Bogen des Rathauses, auf die Bäume, woran sie wie seltsame

Früchte hingen. Die beiden Edelleute sahen diesem Ritterzug ihres

Schutzempfohlnen eine Zeitlang mit ungemeiner Freude zu, als er aber dem

Narren ein kleines Loch in die Wade mit seinem Degen gestochen, da

fürchteten sie für ihn, denn die Zuhörer waren mit dieser Störung gar

nicht mehr zufrieden, und ein Bauer sprach schon davon, ihm Nase und Ohren

abschneiden zu wollen. Sie griffen ihn deswegen, steckten ihn unter ihre

Mäntel und trugen ihn, so heftig er sich sträuben mochte, in das erste

beste Haus, was sich ihnen öffnete. Der Zufall wollte, daß es das Haus

der guten Frau Nietken war, die wegen einer Zahl feiler Stadtjungfern, die

ein paar Zimmer gemietet hatten, diese Türe stets offen lassen mußte,

damit die Menschen so unbemerkt wie möglich einschlüpfen konnten. Welch

eine Freude dieser Jungfern über die beiden schönen Edelleute und über den

kleinen Zwerg, denn so nannten sie ihn, bis er grimmig auf sie einging und

sich als einen jungen Offizier ihnen kund gab. Es gab tausend Spaß mit

ihm, wir wollen ihn nicht wiederholen; aber der Mutwille der Edelleute,

die Frechheit der Weiber und der Hochmut des Kleinen trieb sich wie

Kreisel und Peitsche, und wurde der Kleine ungeduldig und wollte ausreißen,

da schrien ein paar, als stände der Narr mit den Bauern noch vor der Türe

und wollte ihm die Ohren abschneiden.

Wie benutzten diese Zeit die Verliebten? Der Erzherzog hatte kaum sein

Zimmer betreten, so horchte er an der Türe und merkte, daß die beiden

Frauen im Nebenzimmer wären; er bat Cenrio, ihm einen Bohrer zu

verschaffen. Dieser holte in aller Eile den Anbrechbohrer eines

Weinküpers, der im Hofe ein Ohmfaß abgezogen hatte: das ging vortrefflich;

ganz leise konnte er durch die Türe dringen, bis der erste feine Punkt der

Spitze hindurch sah, während sein Auge sich in die breite Höhlung einlegen

konnte. Schade war's, daß die Mühe unnütz, denn die Türe war seinetwegen

offen gelassen. Wie pochte sein Herz, und er wußte doch nichts davon, als

er nun zum erstenmal hindurchblickte, und wie fuhr er zurück und fühlte

sich an den Kopf, als ihm das verschönerte Bild desselben Geistes, der ihn

damals im Landhause geneckt hatte, vorüberschwebte. "Cenrio", sagte er,

"Wir sind in den Händen von wunderbaren Geistern, wir glaubten mit ihnen

zu spielen, und sie spielen mit uns; ich möchte fliehen, aber ich kann

nicht, sie ist zu schön!"

Cenrio war verwirrt.

"Es ist derselbe Geist, der mich schon damals im Anfange des Winters im

Landhause verjagte, aber er ist menschlich gewachsen, und ich widerstehe

ihm nicht mehr; schaff Rat, wie ich sie sprechen kann, ich könnte ihr

jetzt alles sagen."

"Ich hab es wohl gedacht ", sprach Cenrio, "zum Glück können wir frei

schalten mit der Zeit; Adrian sitzt eben in der hitzigsten Arbeit, um zu

beweisen, daß der von mir geschmiedete Anhang zum Lombardus nicht echt sei;

zum Überfluß habe ich noch die Türe seines Vorzimmers zugeschlossen, so

daß er uns nicht überraschen kann. Nun will ich Euch, mein Prinz, meinen

Vorschlag sagen: das junge Mädchen leidet an Kopfweh, Ihr müßt den Arzt

vorstellen, so seid Ihr allein bei ihr, und die Worte werden sich im

Pulsfühlen schon finden."

Wirklich war Bella durch die Vorbereitungen zur Fahrt, durch die

schlaflose Nacht und die Hitze unwohl geworden, und Frau Nietken hatte

eigentlich diese Erfindung gemacht, die beiden Sehnsüchtigen zusammen zu

bringen. Der Erzherzog hatte sehr bald einen großen, schwarzen

Doktormantel und darüber Aderlaßkram, Pflasterzeug und Klistierspritze

gehängt, so trat er zagend in das Zimmer, von Frau Nietken geführt, die

ihn für einen spanischen Doktor ausgab. Bella erkannte ihn beim ersten

Blicke, und Neigung und Beschämung drückten sie ebenso nieder, wie Braka

die Einwirkung der fürstlichen Gegenwart; jene verbarg ihr Angesicht im

Schleier, diese schlüpfte mit einer tiefen Verbeugung in ein Nebenzimmer.

Die beiden Liebenden waren nun allein, und alles konnte sich schnell und

glücklich erklären und entscheiden; der Erzherzog, welcher aber mit keinem

Mädchen vertraulich geworden, brachte kein andres Wort als Pulsfühlen

heraus, "Pulsfühlen" wiederholte er, "Pulsfühlen" sagte er zum drittenmal.

Bella reichte ihm den weißen, runden Arm, er fühlte an einer Fingerspitze,

dann spielte er mit dieser, wollte wieder etwas sagen, wahrscheinlich von

der Erscheinung in dem Landhause, brachte aber nichts heraus als: "Geist,

Geist gesehen"; dabei schob er ihr einen Ring an den Finger, welches wir

als den Triumph seiner Überlegung ansehen müssen. Hier endete sein

ruhiges Glück, denn mit großem Gepolter brach der verfluchte kleine

Wurzelmann, der sich bei den Mädchen bespitzt hatte und der Aufsicht der

Offiziere entflohen war, ins Zimmer, sprach verwirrt von seinem künftigen

Regiment und erkannte nicht Bella, die auf dem Sofa lag. Der Erzherzog

bekam aber im Augenblicke seine ganze Fassung wieder, er bat ihn, daß er

eine Kranke nicht stören möchte, insbesondre da sein Aussehen verriete, er

werde nicht lange mehr zu den Lebendigen gehören. Der Kleine stutzte, die

Edelleute traten herein und bestätigten ihm, er sei sehr verändert und

müsse wohl von der Pest angesteckt sein, weil er sich heute unter so

mancherlei Leuten umhergetrieben habe. Bei dieser Vermutung wurde er ganz

hinfällig, die Kraft des Weines und seine Beine wollten ihn nicht mehr

halten; der Erzherzog warf ihm geschickt ein großes Pflaster, das er in

seinem Doktorapparate fand, über das Gesicht; der Kleine behauptete, ihm

werde ganz dunkel vor den Augen. Die Edelleute versprachen ihm in

geheucheltem Mitleiden, ihn nach Hause zu tragen, denn bis jetzt hatte er

weder das Zimmer noch seine Geliebte erkannt, und schleppten ihn wirklich

aus dem Zimmer.

Isabella von Ägypten: Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe · 第 4 / 10 段