abverdienen, du bist aber ein starker Kerl, der uns nützlich sein kann,
insofern du deinen Körper noch gehörig instand setzen, ausputzen und
beschlagen kannst, um damit auf Erden als unser Knecht zu erscheinen."
"Ach", sagte der Bärnhäuter, "was den Körper anbetrifft, es sind bloß ein
paar Verknöcherungen in den Adern gewesen, woran ich gestorben, die putz
ich mit einem scharfen Messer leicht weg, es ist mir nur eine verfluchte
Arbeit, so einem kleinen Stehauf, wie du bist, auf der Welt zu dienen: das
ist auch noch eine harte Strafe für meinen Geiz."
"Ei was", sagte der Alraun und kam unter dem Rocke der Alten hervor, "ich
bin nicht eben zu klein, aber du bist zu groß, und ich weiß nicht, was mir
lieber wäre; ein Kleiner kann sich einschmiegen und einkriechen, wo ein
Großer nicht einmal hinriechen darf; kurz und gut, willst du mir treu
dienen, so zahl ich dir reichlich alle Woche einen Dukaten, bis dein
Schatz wieder beisammen."
"Ich geh den Vertrag ein", sagte der Bärnhäuter, "morgen Nacht komm ich
mit meinem wirklichen Körper, wenn ich ihn in der Zeit fertig kriege,
zurück, neben mir an ist der Diener eines vornehmen Herren begraben, mit
dem will ich Kleider tauschen, so macht mein seidner Wams kein Aufsehen,
und dem armen Teufel gönn ich die kleine Freude wohl, sich so stattlich
begraben zu finden, wenn er am jüngsten Tage aufsteht, er hat sich immer
still und ordentlich bis auf ein bißchen Schnarchen neben mir aufgeführt."
"Es ist gut", sagte der Alraun, "das Weibsvolk hier hört dich noch gar
nicht sonderlich gerne, drück dich, Mensch!"
"Nun adies", sagte der Bärnhäuter, "es bleibt dabei, aber einen Dukaten
Mietsgeld würde ich mir wohl ausbitten, ich habe den Totenwürmern allerlei
Kleinigkeiten versetzt, die ich wieder einlösen möchte."
"Da hast du", sagte der Alraun und zog mit Gewalt einen Dukaten aus dem
Haufen, worauf die Alte lag (die ihm heimlich zuflüsterte: gib ihm die
Hälfte, es ist auch genug), "da hast du den Dukaten, führ dich ordentlich
bei mir auf, es soll dein Schaden nicht sein."
Der Bärnhäuter verschwand, es dauerte aber noch eine Weile, ehe Braka und
Bella aufzusehen wagten. Der kleine Cornelius lachte sie aus, und sie
konnten sich einer gewissen Hochachtung gegen ihn nicht erwehren. "Wenn
uns der große Kerl nur nicht einmal mit all unserm Hophei davonläuft",
sagte Braka.
"Wie kann er denn", sagte der Alraun, "es ist ja eben seine große Not, daß
er als ein Geist sein Wort halten muß; ihr Menschen braucht das nicht,
wenn ihr euch nicht eurer Seele wegen nach dem Tode fürchtet."
"Bist du denn ein Geist oder ein Mensch, lieber Cornelius?" fragte Bella.
"Ich", stammelte der Alraun, "das ist eine dumme Frage, ich bin ich, und
ihr seid nicht ich, und ich werde Feldmarschall, und ihr bleibt, was ihr
waret, mit solchen verfluchten, spitzfindigen Fragen bleibt mir vom Halse,
wenn man darüber nachdenkt, so zieht es einem Blasen im Gehirn, wie der
Meerrettich auf der Haut."
"Woher weißt du denn das vom Meerrettich?" fragte Braka.
"Als ich da oben stand unterm Galgen, da stand eine Meerrettichpflanze
neben mir, die tat sich immer viel darauf zugute, daß sie Blasen ziehen
könnte und daß die Augen bei ihr übergingen, das nannte sie ihre tragische
Wirkung. Gute Nacht", rief er zuletzt, "Braka, auf Wiedersehn! mach dich
fort und besorg mir nur recht bald den Kommandostab." Als er fortgegangen,
beredete Braka alles, was noch zu ihrer Wanderung nötig, die auf die
nächste Nacht unabänderlich festgesetzt wurde.
Am andern Abende ging Bella noch einmal in den kleinen Garten; was sie
erlebt, drängte sich ihr zusammen, jeder Zweig schien ihr bedeutend. Der
Nacht, wo sie den Erzherzog gesehen, erinnerte sie sich, er selbst war ihr
aber ganz entfallen, sie konnte sich nicht denken, wie er ausgesehn habe,
auch schien ihr das wenig wert; sie freute sich in die Welt einzutreten,
aber sie fürchtete, die sie umgaben, und das Gefühl, daß sie ihr zu
schlecht wären, überraschte sie sehr schmerzlich; sie schämte sich ihrer,
weil sie ihren Vater gekannt hatte, und alle Dankbarkeit gegen Braka, alle
Freude, die sie über das Gedeihen des kühn und glücklich erschaffenen
Wurzelmännchens hegte, konnte diese Scham nicht unterdrücken. Es lag ihr
die Hoheit ihres ägyptischen Stammes im Blute, und sie sah zu den Sternen
zutraulich als zu ihren Ahnen und fühlte den Sommer ihres Landes jetzt in
dem kalten Oktober, wo der Nil sinkt und alles sich zur Arbeit regt, aber
sie wußte auch das alte Verbrechen ihres Volks, daß sie der heiligen
Mutter Maria auf ihrer Flucht nach Ägypten kein Obdach geben wollten, als
sie mit ihrem seligmachenden Kinde im starken Regen einritt; da erhob aber
dieses seine Hand im Kreise, und über ihnen stand ein Regenbogen, der
keinen Tropfen auf sie niederfallen ließ. "Ist unsre Schuld noch nicht
gebüßt!" seufzte Bella, und rings um den Mond erblickte sie einen
wunderbaren farbigen Kreis, daß ihr Herz aufjauchzte und ohne Worte betete.
"Mit welcher Sehnsucht hat mein geliebter Vater Michael", dachte Bella,
"nach jenen Hügeln geblickt, den ersten Gruß der Morgensonne zu erwarten,
und ich soll sie hier in der Stille nie wiedersehen. Was haben sie mit
mir vor, die mich umgeben, soll ich fliehen in die Weite, so weit meine
Füße mich tragen, die Welt ist ja nirgend verschlossen!"
Die Sehnsucht nach der Freiheit bewegte sie, da flüsterte ihr Braka leise
zu, die sich ihr genähert: "Der Bärnhäuter hat schon alles aufgesackt, der
Cornelius reitet auf seinem Nacken, hast du noch was mitzunehmen?"
"Ei freilich", sagte Bella, "da sind noch meine Puppen und das Zauberbuch."
"Ach, liebes Kind", sagte die Alte, "das hat der grobe Bärnhäuter aus
Unvernunft alles in den Ofen geworfen; sei nur nicht böse, tröste dich."
Bella sah nieder: "So muß ich auch das alles verlassen, womit ich gespielt
habe."
"Ja, liebes Mädchen", sprach Braka und umarmte sie, "ich habe es dir schon
seit ein paar Wochen sagen wollen, du bist nun erwachsen, kannst auch alle
Tage einen Mann nehmen; freust du dich nicht, Blitzmädchen? Wie ist dein
Busen hervorgetreten wie eine Frucht unter Blättern, und du hast es nicht
bemerkt, sieh, der Mond hat Platz, seine Strahlen hinüberzurollen."
"Alte, bist du unsinnig?" fragte Bella.
"Ach laß mich", sagte Braka, "es ist Nacht, und ich mag auch einmal
vergessen, wie ich mich in aller Welt gleich einem Rauchbesen
herumgetrieben, alle Spinnweben, allen Schmutz ausgekehrt habe, daß ich
schmutzig bin und bleibe. War auch einmal jung und artig, sang mit unsern
schönen Jünglingen und reimte Lieder, und nun ich dich so sehe und du von
allem nichts weißt, was mit dir geschehen, da denke ich für dich und freue
mich für dich. Sieh, du bist nun ein großes Mädchen, und alle Lust geht
dir auf, und wo du hinblickst, jeder fühlt und will was bei dir, und wenn
du nur eine Hand ausstreckst, wird es ihnen heiß in den Adern, sie
stammeln und scheuen sich und rasen und hetzen, und blickest du einen an
und dann den andern, so schlagen sie sich und rechnen ihr Blut für nichts
gegen dein Blut und vergießen es für dich."
"Ach Gott", rief Bella, "welch ein Unglück steht mir bevor, lieber lauf
ich davon und verberg mich aller Welt!"
Braka hielt sie und sagte: "Fliehen willst du, unartiges Kind? Wenn du
dir das je unterstehst, ich will dich schon wiederkriegen, da peitsche ich
dich mit Brennesseln. Du bist doch noch dumm wie ein Klotz; wenn man der
dummen Gans alles Liebe sagt und tut, sie versteht kein Wort; kommt jetzt
herein, wir haben keine Zeit übrig, ein andermal sag ich dir mehr!"
Sie schob Bella ins Haus, die wunderlich bewegt von dem, was sie gehört,
noch mehr von dem, was sie erwarten sollte, sich über den Verlust ihrer
Bücher und Puppen tröstete und den Bärnhäuter kaum anstaunte, der in
seiner braunen Livrei einem Bären glich, auf welchem der Alraun wie ein
menschlich angezogener Affe ritt, um sich auf einer Kirmes sehen zu lassen.
Braka ging voran, Bella folgte ihr, der Bärnhäuter schlug die Tür zu;
alle waren still, nur Braka brummelte vor sich, wenn sie den verschneiten
Weg nicht recht erkennen konnte. Auf dem Galgenberge sahen sie großen
Tanz, sie kehrten sich nicht daran; ein paarmal wurden sie durch
Feldhühner erschreckt, die aus dem Schnee aufflogen. Endlich sahen sie
das Dorf Buik in einer Vertiefung liegen, und Braka erkannte die Lampe
ihrer alten Diebsschwester, der Nietken.
Sie näherten sich leise einer Gartentür, und Braka machte ihre Gegenwart
durch Wachtelgeschrei kund. Es kam ein kleines Mädchen, die sah sie an,
machte die Türe auf und führte sie in einen Keller und durch den Keller
die Treppen hinauf in ein Bodenzimmer, das durch die Türe eines
Nebenzimmers erleuchtet wurde. Braka ging unverzagt in dieses zweite
erhellte Zimmer, wo eine dicke, alte Frau, die in einem schönen, grünen,
seidnen Kleide einer Platznelke glich, weil sie dasselbe hin und wieder
teils mit ihrem roten Gesicht und Händen, teils mit ihrem rotwollenen
Unterrocke durchschimmern ließ, vor einem kleinen Hausaltare kniete, der
mit einem schönen Bilde der Mutter Maria und vielen bunten Wachskerzen
geheiligt war.
"Nun, du alter Sausack", sprach Braka, "betest du wieder, weil du viel
getrunken hast und der Schluckauf dir nicht vergehen will?"
Frau Nietken, denn das war die Betende, sah sich um, winkte mit der Hand
und betete ihren Rosenkranz emsig fort. Der Bärnhäuter fand sich auch zur
Andacht gestimmt, er kniete nieder, auch Bella, die recht schöne Gebete
wußte; aber Braka, die alle Schlüssel und Gelegenheiten des Hauses kannte,
nahm eine große Kanne schwer Bier aus einem Wandschranke und trank für
alle.
Unterdessen war der Alraun über allen lächerlichen Kram im Zimmer, wo alte
Tressen, Lappen, Küchengeschirre, Leinenzeug in abgesonderten Haufen lag,
so verwundert, daß er sich nicht satt daran sehen konnte; alles war ihm
neu, aber er wußte sich bald alles zu deuten. Frau Nietken, die eine
Trödlerin von sehr ausgebreitetem Handelsverkehr war, versammelte die
seltensten Vorräte von Altertümern aller Art; da war im Hause auch das
kleinste Hausgerät nicht in der Art zusammenhängend und dem Hause gemäß,
wie man es sonst allerorten findet; sondern aus einer sehr natürlichen
Auswahl der Leute, die sich immer das Brauchbare aus ihren Ankäufen
herausgesucht hatten, war ihr zum Gebrauche nur das Abenteuerlichste
geblieben, was die Laune irgendeiner Zeit oder eines Reichen für einen
besondern Fall geschaffen hatte. Die Stühle zum Beispiel in der
Dachkammer waren von hölzernen Mohren getragen, über jedem ein bunter
Sonnenschirm, sie stammten aus dem Garten eines reichen Genter Kaufmanns,
der viel Geschäfte in Afrika gemacht hatte. In der Mitte des Zimmers hing
eine wunderliche gedrehte Messingkrone, sie hatte sonst die aufgehobene
jüdische Synagoge zu Gent beleuchtet, jetzt steckte ein gewundenes buntes
Wachslicht zu Ehren der Mutter Gottes darauf. Der Altar war eigentlich
ein abgedankter Spieltisch, an welchem die ledernen Geldsäcke ausgerissen
und eine gewesene Salzmäste, mit Weihwasser gefüllt, eingesetzt war. An
den Wänden hingen gewirkte Tapeten, welche alte Turniere darstellten, die
Ritter und die eisernen Harnische hingen in Plundern herunter.
Die gute Frau Nietken, die zu ihrem Geschäft, das sich auch gelegentlich
über gestohlne Sachen ausbreitete, die sich in dem Hause gar leicht
verstecken ließen, alles Gaunervolk der Gegend brauchte, war eine
Herzensfreundin von Braka, die ihr sehr gut nach dem Maule schwatzen
konnte. Kaum hatte sie ihr letztes Ave gebetet, so erhob sie sich im
Verhältnis zu ihrem dicken Leibe mit großer Rüstigkeit, stellte sich mit
eingestemmten Armen vor Braka hin und sprach: "Nun, du alte Vettel, kannst
wohl gar nicht mehr beten, hat es dir dein Herrgöttchen, der Teufel,
verboten? Wann wird er dich holen? Du altes Weib, wirst ja alle Tage
runzlichter. Pfui Teufel, wenn ich so aussähe wie du, ich ginge nicht
über Feld!"
"Du bist schön jung", kreischte Braka, "Siehst aus wie mein alter dicker
Spitz, wenn ich ihn frisch geschoren; die weißen Haare wachsen strichweis
aus dem roten Gesichte heraus; hast sicher heut zuviel Pfefferwasser
getrunken. Kannst du noch russisch tanzen, du tolles altes
Trompetergesichte?"
"Heida, das geht noch!" trompetete Frau Nietken und tanzte zu aller
Erstaunen, als wollte sie die Beine sich ausschlenkern, rutschte dann auf
den Knien, klatschte an ihr Fleisch, bis alle in ein entsetzliches
Gelächter ausbrachen, und sie schwur, daß ihr alle Knochen im Leibe
zerbrochen wären, und daß sie ein Glas spanischen Wein trinken müsse.
Nun sah sie erst beim Wein die übrigen an. Als sie Bella erblickte, sagte
sie zu Braka: "Laß mir die, die soll mir zur Hand gehen; was hast du für
Schlechtigkeit mit der im Sinn, soll dir die Geld verdienen?" Braka
versicherte ihr mit recht ehrerbietiger Stimme, dies sei ihre Herrschaft.
"Wer ist denn die Kröte da?" fragte Frau Nietken weiter und wies auf
Cornelius.
"Ich bin der Feldmarschall Cornelius", antwortete der Alraun, "hab sie
mehr Achtung gegen mich, alter Hahnenkamm!"
"Nun", fuhr sie fort, "der muß wohl Feldmarschall bei den Unterirdischen
sein; wer aber bist denn du, alter Zeiselbär, hast ja eine Livrei, die ich
kennen sollte? Ei ja, ich hab sie dem Herren von Floris für eine neue
gebracht, die er seinem alten Bedienten im Grabe nicht gönnte. Am Ende
ist die zum Stehlen auch nicht zu schlecht gewesen; hast du sie aus dem
Grabe geholt, du siehst darnach aus!"
Der Bärnhäuter, den sie also anredete, ohne ihr zu antworten, reichte ihr
eine derbe Maulschelle, worauf das alte Weib sogleich ganz nüchtern wurde
und fragte, was sie beföhlen.
Braka konnte ihr jetzt alles deutlich machen, was sie an guten Kleidern
und Schmuck brauchten, und daß sie in aller Frühe in ihrem besten
Staatswagen nach Gent gefahren sein wollten, um dort irgendein mietfreies
Ritterhaus zu bewohnen.
Die treffliche Frau Nietken hatte es gleich weg, daß viel bei diesem
Handel zu verdienen sei; also weckte sie im Augenblicke ihre Leute und
lief treppauf, treppab, um das Schönste ihnen aufzusuchen. Arme voll
Kleider warf sie ins Zimmer, da wurde ausgesucht und zwei Koffer damit
gefüllt, mit Wäsche konnten sie nur sparsamer versorgt werden, denn die
Niederländer verkaufen lieber ihr Kleid als ihr Hemde. Nachdem für den
Anzug gesorgt war, sprang Frau Nietken herbei mit Kohlen und einem
Brenneisen, um die Haare nach damaliger Sitte zu locken. Da half es nicht,
daß Bella ihr die natürlichen Locken ihrer Haare zeigte, die waren ihrem
feinen Geschmacke nicht gut genug; es war dem armen Kinde wie eine
Teufelsklaue, die sie gepackt, als sie die Haare um das heiße Eisen
gewickelt ihr heiß an die Stirn drückte. Bellas Hinterhaare waren trotz
des Abschneidens noch lang genug zur damaligen Lockentracht. Bellas
fürstliches Ansehen hielt Frau Nietken in gewissen Schranken; auch Braka,
als sie gewaschen und frisiert war, hatte sich veredelt, sie erschien wie
eine sehr ehrwürdige alte Hofmeisterin, denn als Mutter der schönen Bella
hätte man sie wohl nicht durch den Anblick anerkennen mögen. Die
Eitelkeit erwachte in Braka wie in Bella nicht schlecht, und als sie erst
ihre seidnen Kleider angezogen, stolzierten beide stillschweigend vor den
Spiegeln herum.
Aus dem Feldmarschall konnte Frau Nietken am wenigsten machen. Umsonst
hatte sie ihm sein grobes Haar gestutzt, er war und blieb nach der ganzen
zusammengedrückten Gesichtsform, den hohen Schultern und der beengten
Sprache ein Zwerg. "Hör, Kleiner", sagte sie, "wenn du kein Zwerg bist,
so bin ich keine ehrliche Frau!"
"Was", sagte Cornelius, "ich bin ein Mensch, und du nennst mich einen
Zwerg? Was ist denn ein Zwerg?"
"Ich weiß es wahrhaftig nicht", sagte Frau Nietken, "aber du kamst mir vor
wie ein Zwerg, ich glaub, du könntest dich für Geld sehen lassen!"
"Das wäre mir lieb", sagte Cornelius, "vielleicht!" und meinte in seiner
geldbringenden Natur, alles was mit Gelde bezahlt würde, sei auch
ehrenvoll, und das sei eine Artigkeit der guten Frau.
Am Morgen waren alle ausstaffiert, Cornelius wurde im Schlafrock in die
schöne, vergoldete Kutsche getragen, seinen Kopf hielt die Frau von Braka,
Fräulein Braka seine Beine, der Bärnhäuter saß auf dem Bocke: so fuhren
sie mit ziemlichem Herzklopfen aus, teils von der Furcht, teils von den
Kleidern eingeklemmt, denn der neue Staat wollte keinem recht passen; aber
freilich war er auch ziemlich zusammengetrödelt und doch so teuer, daß der
Bärnhäuter über die Anwendung seines Schatzes heimlich geseufzt hatte.
Als sie eine halbe Stunde gefahren waren, fing Cornelius heftig an zu
lachen und sagte: "Die alte Katze meinte, daß sie uns recht geprellt hätte,
ich hab sie aber angeführt: in den alten Stiefeln, die sie mir angezogen
hat, ist ein schöner Schmuck von kostbaren Steinen eingenäht, wer weiß es,
wie sie dazu gekommen, sie hat's aber nicht gewußt, trennt einmal die Naht
ganz zierlich mit diesem Messerchen auf."
Braka machte sich darüber, schnitt die Stulpen auf und fand die
kostbarsten Diamantketten zum Halsschmuck; sie griff sich aus Vergnügen
nach alter Gewohnheit in die Haare und verdarb sich damit ihren halben
Kopfputz: "Ach, wie prächtig wird mir der kleiden!" sagte sie und machte
Anstalten, ihn um ihren gelben Hals zu legen. Cornelius aber verlangte,
daß Bella ihn tragen sollte, und es wäre darüber vielleicht zum Streit
gekommen, wenn die Nähe der Stadt die Aufmerksamkeit der Alten nicht
gefesselt hätte. Cornelius hing der schönen Bella die Halskette ungestört
um, die ihr künftig so wichtig wurde. "Seht euch doch um, ihr Kinder",
rief jetzt Braka, "euch ist es was Neues und ihr achtet nicht darauf: seht
den lieben Reichtum rings an der Stadt, die Frachtwagen ziehen so breit,
daß wir ihnen kaum ausweichen können." Aber Cornelius und Bella sahen nur
nach den zierlichen Reitern, die ihre Pferde tummelten; nach den Schafen,
die von den Metzgern zur Schlachtbank getrieben wurden; ein Wagen voll
Kälber, die jämmerlich aufeinanderliegend blökten, erschreckte Bella, so
auch das Lärmen in den Wirtshäusern der Vorstädte, wo der tägliche Erwerb
schon so früh Zank und Schlägerei erweckt hatte.
Endlich kamen sie an die Torwache; ein Bürger trat mit der Hellebarde
heran und fragte, woher sie kämen. "Aus dem Lande Hadeln!" antwortete
Braka in der Verlegenheit, "ich bin Frau von Braka, dies ist meine Tochter
und dies mein Neffe, der Herr von Cornelius."
"Fahr zu", rief die Schildwache, und der Kutscher brachte sie, während sie
zitternd triumphierten, daß ihnen von der Wache kein Einwurf gemacht
worden, nach dem Hause am Markte, das Frau Nietken zu vermieten den
Auftrag hatte, wo sie ohne alle besorgliche Ereignisse abstiegen und sich
einrichteten.
Die ersten beiden Monate wurden darauf verwendet, ein vornehmes Wesen zu
erlernen; es wurden Lehrer und Lehrerinnen angenommen, und was sich im
Betragen der alten gnädigen Frau nicht schickte, wurde immer dem Lande
Hadeln zur Last gelegt, wo das Adeln noch nicht recht tief eingedrungen
sei. Bella erschien bald in allen ihren Sitten der feinsten Gesellschaft
gleich; sie sprach spanisch mit Fertigkeit. So verborgen sie sich hielt,
war sie doch schon das Gespräch der jungen Leute, die alle Tage vor dem
Hause vorüberritten, um sie zu sehen und ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen. Der Herr Cornelius befand sich am schlechtesten bei seinem neuen
Stande, die enge Kleidung wollte ihm gar nicht behagen, und das
Fechtenlernen machte ihn zum Umsinken müde. Auf der Reitbahn konnte er es
mit allem grimmigen Gesichterschneiden durchaus nicht vermeiden, daß nicht
über ihn als über ein Wundertier gelacht wurde, die zahmsten Pferde wurden
bei seiner ewigen Unruhe wild und warfen ihn herunter. Er aber war nicht
abzuschrecken, er stieg gleich wieder auf, und das wiederholte sich oft
zehnmal in einer Stunde, kein andrer Mensch hätte diese Stöße aushalten
können. Glücklicher war er in seiner übrigen Ausbildung; seinen Lehrer
der Rhetorik beschämte er oft mit seiner Beredsamkeit und ärgerte ihn mit
seinen Späßen. Er konnte den meisten Leuten in ihrer Sprache geschickt
nachreden, hatte aber keine eigne Sprache; dennoch machte ihm sein
boshafter Wille, der manches Versteckte mit ahndendem Auge auffassen
konnte, eine Menge Bekannte, die ihn in Schutz nahmen und alle Leute auf
den Fuß mit ihm setzten, daß dem Kleinen nichts übel zu nehmen sei; ihm
wurde jede Stadtgeschichte vorgetragen, und er mußte sie vermehren und mit
Einfällen spicken, so wurde sie weiter in Umlauf gesetzt, daß eine Art von
Reibung in der Stadt entstand, die endlich auch den Erzherzog berührte.
Der Erzherzog hatte die Nachricht bekommen, daß er wegen eines im Briefe
an seinen Großvater Ferdinand ausgelassenen Titels von demselben enterbt
worden sei, als er eben ärgerlich nach Hause kam, weil er ein tragendes
Reh, das er für einen Rehbock angesehen, geschossen hatte. Beide
Ereignisse hatte der kleine Cornelius gleich in Verbindung gesetzt und bat
einen Pagen, er möchte dem Erzherzog raten, statt beim Großvater lieber im
Walde einen Bock zu schießen.