"Nein", rief der Kleine, "du kriegst keinen Heller heraus, du mußt ihn

abverdienen, du bist aber ein starker Kerl, der uns nützlich sein kann,

insofern du deinen Körper noch gehörig instand setzen, ausputzen und

beschlagen kannst, um damit auf Erden als unser Knecht zu erscheinen."

"Ach", sagte der Bärnhäuter, "was den Körper anbetrifft, es sind bloß ein

paar Verknöcherungen in den Adern gewesen, woran ich gestorben, die putz

ich mit einem scharfen Messer leicht weg, es ist mir nur eine verfluchte

Arbeit, so einem kleinen Stehauf, wie du bist, auf der Welt zu dienen: das

ist auch noch eine harte Strafe für meinen Geiz."

"Ei was", sagte der Alraun und kam unter dem Rocke der Alten hervor, "ich

bin nicht eben zu klein, aber du bist zu groß, und ich weiß nicht, was mir

lieber wäre; ein Kleiner kann sich einschmiegen und einkriechen, wo ein

Großer nicht einmal hinriechen darf; kurz und gut, willst du mir treu

dienen, so zahl ich dir reichlich alle Woche einen Dukaten, bis dein

Schatz wieder beisammen."

"Ich geh den Vertrag ein", sagte der Bärnhäuter, "morgen Nacht komm ich

mit meinem wirklichen Körper, wenn ich ihn in der Zeit fertig kriege,

zurück, neben mir an ist der Diener eines vornehmen Herren begraben, mit

dem will ich Kleider tauschen, so macht mein seidner Wams kein Aufsehen,

und dem armen Teufel gönn ich die kleine Freude wohl, sich so stattlich

begraben zu finden, wenn er am jüngsten Tage aufsteht, er hat sich immer

still und ordentlich bis auf ein bißchen Schnarchen neben mir aufgeführt."

"Es ist gut", sagte der Alraun, "das Weibsvolk hier hört dich noch gar

nicht sonderlich gerne, drück dich, Mensch!"

"Nun adies", sagte der Bärnhäuter, "es bleibt dabei, aber einen Dukaten

Mietsgeld würde ich mir wohl ausbitten, ich habe den Totenwürmern allerlei

Kleinigkeiten versetzt, die ich wieder einlösen möchte."

"Da hast du", sagte der Alraun und zog mit Gewalt einen Dukaten aus dem

Haufen, worauf die Alte lag (die ihm heimlich zuflüsterte: gib ihm die

Hälfte, es ist auch genug), "da hast du den Dukaten, führ dich ordentlich

bei mir auf, es soll dein Schaden nicht sein."

Der Bärnhäuter verschwand, es dauerte aber noch eine Weile, ehe Braka und

Bella aufzusehen wagten. Der kleine Cornelius lachte sie aus, und sie

konnten sich einer gewissen Hochachtung gegen ihn nicht erwehren. "Wenn

uns der große Kerl nur nicht einmal mit all unserm Hophei davonläuft",

sagte Braka.

"Wie kann er denn", sagte der Alraun, "es ist ja eben seine große Not, daß

er als ein Geist sein Wort halten muß; ihr Menschen braucht das nicht,

wenn ihr euch nicht eurer Seele wegen nach dem Tode fürchtet."

"Bist du denn ein Geist oder ein Mensch, lieber Cornelius?" fragte Bella.

"Ich", stammelte der Alraun, "das ist eine dumme Frage, ich bin ich, und

ihr seid nicht ich, und ich werde Feldmarschall, und ihr bleibt, was ihr

waret, mit solchen verfluchten, spitzfindigen Fragen bleibt mir vom Halse,

wenn man darüber nachdenkt, so zieht es einem Blasen im Gehirn, wie der

Meerrettich auf der Haut."

"Woher weißt du denn das vom Meerrettich?" fragte Braka.

"Als ich da oben stand unterm Galgen, da stand eine Meerrettichpflanze

neben mir, die tat sich immer viel darauf zugute, daß sie Blasen ziehen

könnte und daß die Augen bei ihr übergingen, das nannte sie ihre tragische

Wirkung. Gute Nacht", rief er zuletzt, "Braka, auf Wiedersehn! mach dich

fort und besorg mir nur recht bald den Kommandostab." Als er fortgegangen,

beredete Braka alles, was noch zu ihrer Wanderung nötig, die auf die

nächste Nacht unabänderlich festgesetzt wurde.

Am andern Abende ging Bella noch einmal in den kleinen Garten; was sie

erlebt, drängte sich ihr zusammen, jeder Zweig schien ihr bedeutend. Der

Nacht, wo sie den Erzherzog gesehen, erinnerte sie sich, er selbst war ihr

aber ganz entfallen, sie konnte sich nicht denken, wie er ausgesehn habe,

auch schien ihr das wenig wert; sie freute sich in die Welt einzutreten,

aber sie fürchtete, die sie umgaben, und das Gefühl, daß sie ihr zu

schlecht wären, überraschte sie sehr schmerzlich; sie schämte sich ihrer,

weil sie ihren Vater gekannt hatte, und alle Dankbarkeit gegen Braka, alle

Freude, die sie über das Gedeihen des kühn und glücklich erschaffenen

Wurzelmännchens hegte, konnte diese Scham nicht unterdrücken. Es lag ihr

die Hoheit ihres ägyptischen Stammes im Blute, und sie sah zu den Sternen

zutraulich als zu ihren Ahnen und fühlte den Sommer ihres Landes jetzt in

dem kalten Oktober, wo der Nil sinkt und alles sich zur Arbeit regt, aber

sie wußte auch das alte Verbrechen ihres Volks, daß sie der heiligen

Mutter Maria auf ihrer Flucht nach Ägypten kein Obdach geben wollten, als

sie mit ihrem seligmachenden Kinde im starken Regen einritt; da erhob aber

dieses seine Hand im Kreise, und über ihnen stand ein Regenbogen, der

keinen Tropfen auf sie niederfallen ließ. "Ist unsre Schuld noch nicht

gebüßt!" seufzte Bella, und rings um den Mond erblickte sie einen

wunderbaren farbigen Kreis, daß ihr Herz aufjauchzte und ohne Worte betete.

"Mit welcher Sehnsucht hat mein geliebter Vater Michael", dachte Bella,

"nach jenen Hügeln geblickt, den ersten Gruß der Morgensonne zu erwarten,

und ich soll sie hier in der Stille nie wiedersehen. Was haben sie mit

mir vor, die mich umgeben, soll ich fliehen in die Weite, so weit meine

Füße mich tragen, die Welt ist ja nirgend verschlossen!"

Die Sehnsucht nach der Freiheit bewegte sie, da flüsterte ihr Braka leise

zu, die sich ihr genähert: "Der Bärnhäuter hat schon alles aufgesackt, der

Cornelius reitet auf seinem Nacken, hast du noch was mitzunehmen?"

"Ei freilich", sagte Bella, "da sind noch meine Puppen und das Zauberbuch."

"Ach, liebes Kind", sagte die Alte, "das hat der grobe Bärnhäuter aus

Unvernunft alles in den Ofen geworfen; sei nur nicht böse, tröste dich."

Bella sah nieder: "So muß ich auch das alles verlassen, womit ich gespielt

habe."

"Ja, liebes Mädchen", sprach Braka und umarmte sie, "ich habe es dir schon

seit ein paar Wochen sagen wollen, du bist nun erwachsen, kannst auch alle

Tage einen Mann nehmen; freust du dich nicht, Blitzmädchen? Wie ist dein

Busen hervorgetreten wie eine Frucht unter Blättern, und du hast es nicht

bemerkt, sieh, der Mond hat Platz, seine Strahlen hinüberzurollen."

"Alte, bist du unsinnig?" fragte Bella.

"Ach laß mich", sagte Braka, "es ist Nacht, und ich mag auch einmal

vergessen, wie ich mich in aller Welt gleich einem Rauchbesen

herumgetrieben, alle Spinnweben, allen Schmutz ausgekehrt habe, daß ich

schmutzig bin und bleibe. War auch einmal jung und artig, sang mit unsern

schönen Jünglingen und reimte Lieder, und nun ich dich so sehe und du von

allem nichts weißt, was mit dir geschehen, da denke ich für dich und freue

mich für dich. Sieh, du bist nun ein großes Mädchen, und alle Lust geht

dir auf, und wo du hinblickst, jeder fühlt und will was bei dir, und wenn

du nur eine Hand ausstreckst, wird es ihnen heiß in den Adern, sie

stammeln und scheuen sich und rasen und hetzen, und blickest du einen an

und dann den andern, so schlagen sie sich und rechnen ihr Blut für nichts

gegen dein Blut und vergießen es für dich."

"Ach Gott", rief Bella, "welch ein Unglück steht mir bevor, lieber lauf

ich davon und verberg mich aller Welt!"

Braka hielt sie und sagte: "Fliehen willst du, unartiges Kind? Wenn du

dir das je unterstehst, ich will dich schon wiederkriegen, da peitsche ich

dich mit Brennesseln. Du bist doch noch dumm wie ein Klotz; wenn man der

dummen Gans alles Liebe sagt und tut, sie versteht kein Wort; kommt jetzt

herein, wir haben keine Zeit übrig, ein andermal sag ich dir mehr!"

Sie schob Bella ins Haus, die wunderlich bewegt von dem, was sie gehört,

noch mehr von dem, was sie erwarten sollte, sich über den Verlust ihrer

Bücher und Puppen tröstete und den Bärnhäuter kaum anstaunte, der in

seiner braunen Livrei einem Bären glich, auf welchem der Alraun wie ein

menschlich angezogener Affe ritt, um sich auf einer Kirmes sehen zu lassen.

Braka ging voran, Bella folgte ihr, der Bärnhäuter schlug die Tür zu;

alle waren still, nur Braka brummelte vor sich, wenn sie den verschneiten

Weg nicht recht erkennen konnte. Auf dem Galgenberge sahen sie großen

Tanz, sie kehrten sich nicht daran; ein paarmal wurden sie durch

Feldhühner erschreckt, die aus dem Schnee aufflogen. Endlich sahen sie

das Dorf Buik in einer Vertiefung liegen, und Braka erkannte die Lampe

ihrer alten Diebsschwester, der Nietken.

Sie näherten sich leise einer Gartentür, und Braka machte ihre Gegenwart

durch Wachtelgeschrei kund. Es kam ein kleines Mädchen, die sah sie an,

machte die Türe auf und führte sie in einen Keller und durch den Keller

die Treppen hinauf in ein Bodenzimmer, das durch die Türe eines

Nebenzimmers erleuchtet wurde. Braka ging unverzagt in dieses zweite

erhellte Zimmer, wo eine dicke, alte Frau, die in einem schönen, grünen,

seidnen Kleide einer Platznelke glich, weil sie dasselbe hin und wieder

teils mit ihrem roten Gesicht und Händen, teils mit ihrem rotwollenen

Unterrocke durchschimmern ließ, vor einem kleinen Hausaltare kniete, der

mit einem schönen Bilde der Mutter Maria und vielen bunten Wachskerzen

geheiligt war.

"Nun, du alter Sausack", sprach Braka, "betest du wieder, weil du viel

getrunken hast und der Schluckauf dir nicht vergehen will?"

Frau Nietken, denn das war die Betende, sah sich um, winkte mit der Hand

und betete ihren Rosenkranz emsig fort. Der Bärnhäuter fand sich auch zur

Andacht gestimmt, er kniete nieder, auch Bella, die recht schöne Gebete

wußte; aber Braka, die alle Schlüssel und Gelegenheiten des Hauses kannte,

nahm eine große Kanne schwer Bier aus einem Wandschranke und trank für

alle.

Unterdessen war der Alraun über allen lächerlichen Kram im Zimmer, wo alte

Tressen, Lappen, Küchengeschirre, Leinenzeug in abgesonderten Haufen lag,

so verwundert, daß er sich nicht satt daran sehen konnte; alles war ihm

neu, aber er wußte sich bald alles zu deuten. Frau Nietken, die eine

Trödlerin von sehr ausgebreitetem Handelsverkehr war, versammelte die

seltensten Vorräte von Altertümern aller Art; da war im Hause auch das

kleinste Hausgerät nicht in der Art zusammenhängend und dem Hause gemäß,

wie man es sonst allerorten findet; sondern aus einer sehr natürlichen

Auswahl der Leute, die sich immer das Brauchbare aus ihren Ankäufen

herausgesucht hatten, war ihr zum Gebrauche nur das Abenteuerlichste

geblieben, was die Laune irgendeiner Zeit oder eines Reichen für einen

besondern Fall geschaffen hatte. Die Stühle zum Beispiel in der

Dachkammer waren von hölzernen Mohren getragen, über jedem ein bunter

Sonnenschirm, sie stammten aus dem Garten eines reichen Genter Kaufmanns,

der viel Geschäfte in Afrika gemacht hatte. In der Mitte des Zimmers hing

eine wunderliche gedrehte Messingkrone, sie hatte sonst die aufgehobene

jüdische Synagoge zu Gent beleuchtet, jetzt steckte ein gewundenes buntes

Wachslicht zu Ehren der Mutter Gottes darauf. Der Altar war eigentlich

ein abgedankter Spieltisch, an welchem die ledernen Geldsäcke ausgerissen

und eine gewesene Salzmäste, mit Weihwasser gefüllt, eingesetzt war. An

den Wänden hingen gewirkte Tapeten, welche alte Turniere darstellten, die

Ritter und die eisernen Harnische hingen in Plundern herunter.

Die gute Frau Nietken, die zu ihrem Geschäft, das sich auch gelegentlich

über gestohlne Sachen ausbreitete, die sich in dem Hause gar leicht

verstecken ließen, alles Gaunervolk der Gegend brauchte, war eine

Herzensfreundin von Braka, die ihr sehr gut nach dem Maule schwatzen

konnte. Kaum hatte sie ihr letztes Ave gebetet, so erhob sie sich im

Verhältnis zu ihrem dicken Leibe mit großer Rüstigkeit, stellte sich mit

eingestemmten Armen vor Braka hin und sprach: "Nun, du alte Vettel, kannst

wohl gar nicht mehr beten, hat es dir dein Herrgöttchen, der Teufel,

verboten? Wann wird er dich holen? Du altes Weib, wirst ja alle Tage

runzlichter. Pfui Teufel, wenn ich so aussähe wie du, ich ginge nicht

über Feld!"

"Du bist schön jung", kreischte Braka, "Siehst aus wie mein alter dicker

Spitz, wenn ich ihn frisch geschoren; die weißen Haare wachsen strichweis

aus dem roten Gesichte heraus; hast sicher heut zuviel Pfefferwasser

getrunken. Kannst du noch russisch tanzen, du tolles altes

Trompetergesichte?"

"Heida, das geht noch!" trompetete Frau Nietken und tanzte zu aller

Erstaunen, als wollte sie die Beine sich ausschlenkern, rutschte dann auf

den Knien, klatschte an ihr Fleisch, bis alle in ein entsetzliches

Gelächter ausbrachen, und sie schwur, daß ihr alle Knochen im Leibe

zerbrochen wären, und daß sie ein Glas spanischen Wein trinken müsse.

Nun sah sie erst beim Wein die übrigen an. Als sie Bella erblickte, sagte

sie zu Braka: "Laß mir die, die soll mir zur Hand gehen; was hast du für

Schlechtigkeit mit der im Sinn, soll dir die Geld verdienen?" Braka

versicherte ihr mit recht ehrerbietiger Stimme, dies sei ihre Herrschaft.

"Wer ist denn die Kröte da?" fragte Frau Nietken weiter und wies auf

Cornelius.

"Ich bin der Feldmarschall Cornelius", antwortete der Alraun, "hab sie

mehr Achtung gegen mich, alter Hahnenkamm!"

"Nun", fuhr sie fort, "der muß wohl Feldmarschall bei den Unterirdischen

sein; wer aber bist denn du, alter Zeiselbär, hast ja eine Livrei, die ich

kennen sollte? Ei ja, ich hab sie dem Herren von Floris für eine neue

gebracht, die er seinem alten Bedienten im Grabe nicht gönnte. Am Ende

ist die zum Stehlen auch nicht zu schlecht gewesen; hast du sie aus dem

Grabe geholt, du siehst darnach aus!"

Der Bärnhäuter, den sie also anredete, ohne ihr zu antworten, reichte ihr

eine derbe Maulschelle, worauf das alte Weib sogleich ganz nüchtern wurde

und fragte, was sie beföhlen.

Braka konnte ihr jetzt alles deutlich machen, was sie an guten Kleidern

und Schmuck brauchten, und daß sie in aller Frühe in ihrem besten

Staatswagen nach Gent gefahren sein wollten, um dort irgendein mietfreies

Ritterhaus zu bewohnen.

Die treffliche Frau Nietken hatte es gleich weg, daß viel bei diesem

Handel zu verdienen sei; also weckte sie im Augenblicke ihre Leute und

lief treppauf, treppab, um das Schönste ihnen aufzusuchen. Arme voll

Kleider warf sie ins Zimmer, da wurde ausgesucht und zwei Koffer damit

gefüllt, mit Wäsche konnten sie nur sparsamer versorgt werden, denn die

Niederländer verkaufen lieber ihr Kleid als ihr Hemde. Nachdem für den

Anzug gesorgt war, sprang Frau Nietken herbei mit Kohlen und einem

Brenneisen, um die Haare nach damaliger Sitte zu locken. Da half es nicht,

daß Bella ihr die natürlichen Locken ihrer Haare zeigte, die waren ihrem

feinen Geschmacke nicht gut genug; es war dem armen Kinde wie eine

Teufelsklaue, die sie gepackt, als sie die Haare um das heiße Eisen

gewickelt ihr heiß an die Stirn drückte. Bellas Hinterhaare waren trotz

des Abschneidens noch lang genug zur damaligen Lockentracht. Bellas

fürstliches Ansehen hielt Frau Nietken in gewissen Schranken; auch Braka,

als sie gewaschen und frisiert war, hatte sich veredelt, sie erschien wie

eine sehr ehrwürdige alte Hofmeisterin, denn als Mutter der schönen Bella

hätte man sie wohl nicht durch den Anblick anerkennen mögen. Die

Eitelkeit erwachte in Braka wie in Bella nicht schlecht, und als sie erst

ihre seidnen Kleider angezogen, stolzierten beide stillschweigend vor den

Spiegeln herum.

Aus dem Feldmarschall konnte Frau Nietken am wenigsten machen. Umsonst

hatte sie ihm sein grobes Haar gestutzt, er war und blieb nach der ganzen

zusammengedrückten Gesichtsform, den hohen Schultern und der beengten

Sprache ein Zwerg. "Hör, Kleiner", sagte sie, "wenn du kein Zwerg bist,

so bin ich keine ehrliche Frau!"

"Was", sagte Cornelius, "ich bin ein Mensch, und du nennst mich einen

Zwerg? Was ist denn ein Zwerg?"

"Ich weiß es wahrhaftig nicht", sagte Frau Nietken, "aber du kamst mir vor

wie ein Zwerg, ich glaub, du könntest dich für Geld sehen lassen!"

"Das wäre mir lieb", sagte Cornelius, "vielleicht!" und meinte in seiner

geldbringenden Natur, alles was mit Gelde bezahlt würde, sei auch

ehrenvoll, und das sei eine Artigkeit der guten Frau.

Am Morgen waren alle ausstaffiert, Cornelius wurde im Schlafrock in die

schöne, vergoldete Kutsche getragen, seinen Kopf hielt die Frau von Braka,

Fräulein Braka seine Beine, der Bärnhäuter saß auf dem Bocke: so fuhren

sie mit ziemlichem Herzklopfen aus, teils von der Furcht, teils von den

Kleidern eingeklemmt, denn der neue Staat wollte keinem recht passen; aber

freilich war er auch ziemlich zusammengetrödelt und doch so teuer, daß der

Bärnhäuter über die Anwendung seines Schatzes heimlich geseufzt hatte.

Als sie eine halbe Stunde gefahren waren, fing Cornelius heftig an zu

lachen und sagte: "Die alte Katze meinte, daß sie uns recht geprellt hätte,

ich hab sie aber angeführt: in den alten Stiefeln, die sie mir angezogen

hat, ist ein schöner Schmuck von kostbaren Steinen eingenäht, wer weiß es,

wie sie dazu gekommen, sie hat's aber nicht gewußt, trennt einmal die Naht

ganz zierlich mit diesem Messerchen auf."

Braka machte sich darüber, schnitt die Stulpen auf und fand die

kostbarsten Diamantketten zum Halsschmuck; sie griff sich aus Vergnügen

nach alter Gewohnheit in die Haare und verdarb sich damit ihren halben

Kopfputz: "Ach, wie prächtig wird mir der kleiden!" sagte sie und machte

Anstalten, ihn um ihren gelben Hals zu legen. Cornelius aber verlangte,

daß Bella ihn tragen sollte, und es wäre darüber vielleicht zum Streit

gekommen, wenn die Nähe der Stadt die Aufmerksamkeit der Alten nicht

gefesselt hätte. Cornelius hing der schönen Bella die Halskette ungestört

um, die ihr künftig so wichtig wurde. "Seht euch doch um, ihr Kinder",

rief jetzt Braka, "euch ist es was Neues und ihr achtet nicht darauf: seht

den lieben Reichtum rings an der Stadt, die Frachtwagen ziehen so breit,

daß wir ihnen kaum ausweichen können." Aber Cornelius und Bella sahen nur

nach den zierlichen Reitern, die ihre Pferde tummelten; nach den Schafen,

die von den Metzgern zur Schlachtbank getrieben wurden; ein Wagen voll

Kälber, die jämmerlich aufeinanderliegend blökten, erschreckte Bella, so

auch das Lärmen in den Wirtshäusern der Vorstädte, wo der tägliche Erwerb

schon so früh Zank und Schlägerei erweckt hatte.

Endlich kamen sie an die Torwache; ein Bürger trat mit der Hellebarde

heran und fragte, woher sie kämen. "Aus dem Lande Hadeln!" antwortete

Braka in der Verlegenheit, "ich bin Frau von Braka, dies ist meine Tochter

und dies mein Neffe, der Herr von Cornelius."

"Fahr zu", rief die Schildwache, und der Kutscher brachte sie, während sie

zitternd triumphierten, daß ihnen von der Wache kein Einwurf gemacht

worden, nach dem Hause am Markte, das Frau Nietken zu vermieten den

Auftrag hatte, wo sie ohne alle besorgliche Ereignisse abstiegen und sich

einrichteten.

Die ersten beiden Monate wurden darauf verwendet, ein vornehmes Wesen zu

erlernen; es wurden Lehrer und Lehrerinnen angenommen, und was sich im

Betragen der alten gnädigen Frau nicht schickte, wurde immer dem Lande

Hadeln zur Last gelegt, wo das Adeln noch nicht recht tief eingedrungen

sei. Bella erschien bald in allen ihren Sitten der feinsten Gesellschaft

gleich; sie sprach spanisch mit Fertigkeit. So verborgen sie sich hielt,

war sie doch schon das Gespräch der jungen Leute, die alle Tage vor dem

Hause vorüberritten, um sie zu sehen und ihre Aufmerksamkeit auf sich zu

ziehen. Der Herr Cornelius befand sich am schlechtesten bei seinem neuen

Stande, die enge Kleidung wollte ihm gar nicht behagen, und das

Fechtenlernen machte ihn zum Umsinken müde. Auf der Reitbahn konnte er es

mit allem grimmigen Gesichterschneiden durchaus nicht vermeiden, daß nicht

über ihn als über ein Wundertier gelacht wurde, die zahmsten Pferde wurden

bei seiner ewigen Unruhe wild und warfen ihn herunter. Er aber war nicht

abzuschrecken, er stieg gleich wieder auf, und das wiederholte sich oft

zehnmal in einer Stunde, kein andrer Mensch hätte diese Stöße aushalten

können. Glücklicher war er in seiner übrigen Ausbildung; seinen Lehrer

der Rhetorik beschämte er oft mit seiner Beredsamkeit und ärgerte ihn mit

seinen Späßen. Er konnte den meisten Leuten in ihrer Sprache geschickt

nachreden, hatte aber keine eigne Sprache; dennoch machte ihm sein

boshafter Wille, der manches Versteckte mit ahndendem Auge auffassen

konnte, eine Menge Bekannte, die ihn in Schutz nahmen und alle Leute auf

den Fuß mit ihm setzten, daß dem Kleinen nichts übel zu nehmen sei; ihm

wurde jede Stadtgeschichte vorgetragen, und er mußte sie vermehren und mit

Einfällen spicken, so wurde sie weiter in Umlauf gesetzt, daß eine Art von

Reibung in der Stadt entstand, die endlich auch den Erzherzog berührte.

Der Erzherzog hatte die Nachricht bekommen, daß er wegen eines im Briefe

an seinen Großvater Ferdinand ausgelassenen Titels von demselben enterbt

worden sei, als er eben ärgerlich nach Hause kam, weil er ein tragendes

Reh, das er für einen Rehbock angesehen, geschossen hatte. Beide

Ereignisse hatte der kleine Cornelius gleich in Verbindung gesetzt und bat

einen Pagen, er möchte dem Erzherzog raten, statt beim Großvater lieber im

Walde einen Bock zu schießen.

Isabella von Ägypten: Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe · 第 3 / 10 段