hatte, ging sie endlich von dannen. Bella schloß die Türe und eilte zu
ihrer heimlichen Wiege; zagend deckte sie auf und freudig sah sie schon
die keimende Hirse auf dem Scheitel des Wurzelmännleins, auch die
Wacholderkerne hatten sich schon angezogen; es war überhaupt ein Bewegen
innerlich in dem kleinen Wesen, wie frühlings im Acker beim ersten heißen
Sonnenscheine nach dem Regen, es wächst noch nichts, aber die Erde trennt
sich und lockert sich, und wie die Sonnenblicke alles fördernd umgehen, so
regte sie küssend alle Kräfte der geheimnisvollen Natur auf. Erst nach
später Ermüdung entschloß sie sich, neben ihrem Kleinod schlafen zu gehen,
ihre Hand aber ließ sie auf der Wiege ruhen, daß es ihr nicht entführt
werden könnte. Was wundern wir uns über ihre sonderbare Neigung zu der
halbmenschlichen Gestalt, nachdem sie zu dem schönen Fürstensohne so
ausschließliche Neigung gezeigt hatte; es ist das Heiligste, diese
Anhänglichkeit an alles, was wir schaffen, und ruft uns, während wir vor
den Häßlichkeiten der Welt und unsren eignen erschrecken, die Worte der
Bibel in die Seele: Also hat Gott die von ihm geschaffene Welt geliebet,
daß er ihr seinen eingebornen Sohn gesendet hat. O Welt, bilde dich
schöner aus, daß du dieser Gnade würdig werdest. Vergessen war in ihr
aller Eigennutz, wie sie sich durch den kleinen Wundermann zu ihrem
geliebten Prinzen wollte hintragen lassen; dieses Wunderkind, in Gefahr
errungen, füllte jetzt alle ihre Gedanken, von ihm träumte sie, aber ihre
Träume waren nicht glücklich; sie sah den vergessenen Fürstensohn vor sich,
wie er im Wettstreite mit andern das zierliche Pfeilspiel der Spanier
übte, worin sie durch die Stärke und Schnelligkeit des Wurfs sowohl wie
durch die geschickte Wendung der Pferde einander zu necken und zu
übervorteilen suchen, aber der Prinz siegte über alle, seine Pferde rissen
Sterne vom Himmel und warfen sie wie zierlichen Schmuck ihr auf die Brust.
Die meisten dieser Sterne verlöschen, einer aber bebte in tiefem Lichte
auf der Mitte ihrer Brust; und sie sah immer tiefer hinein, unendlich
tiefer und konnte sich nicht satt sehen, und darüber erwachte sie. Kaum
war sie erwacht, so wußte sie nicht mehr, nach wem sie sich so eifrig
gesehnt hatte; ihr war es, als sei es der kleine Wurzelmann gewesen, den
sie mit lautem Jubel begrüßte, als er ihr ganz vernehmlich wie ein kleines
Kind entgegenwimmerte, mit runden schwarzen Augen sie ansah, als wollten
sie ihm aus dem Kopf herausfallen; sein gelbfaltiges Gesicht schien
entgegengesetzte Menschenalter zu vereinigen, und die Hirse auf seinem
Kopfe hatte sich schon zu borstigen Locken vereinigt, so auch, was auf
seinen Körper von den Hirsekörnern heruntergefallen war. Bella meinte, er
schreie nach Essen, und war in großer Verlegenheit, was sie ihm geben
sollte, wo sollte sie Milch hernehmen? Sie bedachte sich lange; endlich
gedachte sie der Katze, die auf dem Boden gejungt hatte, ein Jubel war ihr
diese Erfindung; die Jungen wurden heruntergeholt und zu dem
Wurzelmännlein, das sie schon spöttisch ansah, in die Wiege gelegt; die
Katze ernährte jetzt willig ihn mit den übrigen Jungen, und die kleinen
Blindgebornen duldeten es, daß der nach allen Seiten sehende Fremdling
ihnen voraus, ohne daß es die Alte merkte, die mütterliche Vorsehung
aussog. Bald kniend, bald auf den Knien hockend konnte Bella stundenlang
diesen Listen ihres Männleins zusehen; wo er die andern überlistete,
schien es ihr hohe Überlegenheit, wo er sich feig vor ihren Tatzen
zurückzog, Schonung und Klugheit; nichts machte aber dem Mädchen so viel
Freude an ihm wie die Augen im Nacken. Schon verstand er sie damit, wenn
sie ihm winkte, wo eines der Kätzchen von dem Zitzen heruntergefallen war,
und legte sich vor, bis er auch daran kommen konnte. Ihre Zuneigung wuchs
so schnell, daß sie sich aber jeden Tropfen Milch kränkte, der von den
eingebornen Jungen dem Fremdlinge entzogen wurde, daß sie lange mit sich
kämpfte, aber endlich nicht widerstehen konnte, eines dieser Jungen
heimlich fortzutragen und nahe am Bach ins Gras zu legen. Dann floh sie
schnell, damit es ihr nicht folgte, sie war aber kaum einige Schritte
gelaufen, so hörte sie etwas ins Wasser einplumpen, sie mußte ihre Augen
hinwenden und sah, wie der Strom die kleine, blinde Katze forttrug. Das
jammerte ihr, sie gedachte ihres unschuldigen Vaters, der denselben Weg
gezogen, sie hätte nachspringen mögen, doch blieb sie am Ufer stehen und
fühlte, daß sie gesündigt; der Himmel ward dunkel über ihr, die Erde
frostig unter ihr und die Luft unstet um sie her; sie schlich ins Haus und
weinte. Und als der kleine Wurzelmann mit den Augen im Nacken dies ersah,
fing er an der Brust der Katze laut zu lachen an, daß die Katze aufsprang
und eins der Jungen mit sich fortzog, das sich ihr in Angst angebissen
hatte. Jetzt war das Wurzelmännchen auch so mutwillig geworden, daß es
sich nicht viel um die milde Nahrung der Milch kümmerte, zwar sah es schon
aus wie ein altes Männlein, das zum Kinde zusammengeschrumpft war, aber es
hatte noch alle Unarten der kleinsten Kinder dabei. Gerade weil es sah,
daß Bella über den kleinen Mord mit ihm zürnte, drängte es sich immer mehr
zu ihr, und schlagen konnte sie es nicht, und was sollte sie da tun, als
es küssen und ihm den Willen lassen, der sich durch Hingreifen nach
allerlei Wurzeln zeigte, die nicht von ihrem Vater her im Zimmer so
umherlagen, sondern von der alten Braka bei ihrer Mauserei aus Unkenntnis
weggeworfen waren. Kaum hatte das Männlein eine Springwurzel genossen, so
fing es an so lächerlich über Tisch und Stuhl, kopfüber, kopfunter zu
springen, daß Bella in Angst die Augen wegwenden mußte und ihm ängstlich
wie ein Huhn dem ausgebrüteten Entchen nachlief und nachsah, wie sie ihn
nirgend fassen und erreichen konnte. Listig wußte er bald an allen Ecken
aufzusuchen, was ihm diente, so fand er bald auch die Sprechwurzel, welche
die grünen Papageien vom höchsten Gipfel des Chimborasso in die Ebenen
bringen, wo sie die Baumschlangen von ihnen gegen Äpfel eintauschen, die
am verbotnen Baume gewachsen; wer sie aber den Schlangen abjagt, das kann
allein der Teufel, und sie von dem zu bekommen, ist schwer und hat schon
manchen ehrlichen Erzieher in Verlegenheit gesetzt. Als er diese
ekelhafte Wurzel gierig genossen, sprang er auf einen Ofen, und wie ein
Vogel, dem die beschnittnen Flügel wiedergewachsen, zur Verwunderung
seines Herrn plötzlich empor auf den Baum vor dem Fenster fliegt und erst
spottend sein Lied pfeift, das er von ihm gelernt, eh er sich von ihm fort
im wilden Natursang durch die Luft schwingt, so waren die ersten Worte des
Männleins ein spottendes Wiederholen ihrer Lehren: "Sei artig, sei gut,
sei stille!"
Er konnte nicht aufhören, ihr das vorzusagen; sie hätte ihn gern
gezüchtigt, aber er saß ihr zu hoch. Zuletzt, um ihre Geduld ganz zu
erschöpfen, setzte er sich eine alte, verrostete Brille auf und fabelte in
leeren, spottenden Einfällen von allerlei Neckerei, die er der Welt antun
möchte, um sich zu unterhalten. Da mußte sie laut weinen und konnte nicht
mehr hinaufsehen, denn das Vertraulichste am Menschen sind die Augen, und
es ist wohl zum Verzweifeln, wenn die Schwäche der Natur solchen harten,
fühllosen Glasglanz zwischen dem geliebten Menschen und uns notwendig
macht, und das kann den Scharfsehenden schwindlig machen, wenn er sehen
muß, wie der Sinn, der sonst seine Freude nur in Luft und Licht sucht,
jetzt die harte Gewalt der Erde zu seiner Hilfe brauchen muß, die ihn
notwendig mit sich herabzieht und vernichtet. Eine Brille ist das
schrecklichste Gefängnis, aus welchem die ganze Welt verändert erscheint,
und nur die Gewohnheit kann den Schreck vor dieser Welt, wie sie dadurch
erscheint, aufheben. Wirklich erschrak jetzt Bella bis im tiefsten Herzen
vor dem Liebling, der im Luftraume ihrer Schöpfung vergöttert gewesen, sie
sah ein, daß sie auf ein Mittel denken müsse, den Alraun zu bezwingen, und
nahm sich vor, darüber mit Braka zu reden. Als sie das still in sich
beschlossen hatte, rief ihr das Männlein vom Gesimse des Zimmers zu: "Hör,
Bella, ich habe dich eben mit den Augen in meinem Nacken angesehen, da
ahndet mir, du hast mich nicht mehr so lieb wie im Anfange, und wenn ich
das gewiß weiß, so ist's um dich geschehen!"
Bella erschrak wie eine überwiesene Sünderin, diese Allwissenheit oder
vielmehr dieses ahndende Augenpaar in dem Kleinen setzte sie in
Verzweifelung, die Angst befestigte in ihr den Entschluß, sich des kleinen,
furchtbaren Teufels zu entledigen. Er rief dabei vom Gesimse: "Mir
ahndet, du hast etwas Böses mit mir vor, aber ich will dich schon wieder
gut machen."
Zugleich stieg er herunter, sprang zu ihr auf den Schoß und küßte sie so
herzhaft, daß er ihr fast die Haut aufriß mit seiner harten Barthirse,
dennoch fühlte sie eine sonderbare Bewegung ihres Blutes, die sie nicht
verstand, über die sie auch nicht nachdachte; doch war ihr der Kleine im
Augenblicke so lieb, und sie erwartete und wußte nicht, was, von ihm.
Eine Woche später, und der Alraun war in seiner Art völlig ausgewachsen,
etwa dreieinenhalben Fuß hoch; Braka hatte schon etwas von ihm gemerkt,
auch hatte er nicht Lust, sich länger einsperren zu lassen, wenn sie kam,
vielmehr wollte er sich der Alten recht glänzend zeigen, zog ein
silbergesticktes, altes Faltenkleid von Bellas Mutter an, das ihm Bella
nach allen Seiten aufnähen mußte: so saß er eines Abends ganz ruhig in der
Ecke und schien zu lesen, als Braka eingelassen wurde. Bella sagte, es
sei ihre Base, ein sehr reiches Mädchen, die sie zu sich nehme, die auch
Braka beschenken wolle. Braka, die ihr Kompliment auch zu machen verstand,
wo sie es nötig glaubte, griff der vermeinten Base nach der Hand, um sie
zu küssen, war aber doch etwas verwundert über die harte, trockene,
haarige Wurzelhand und zögerte mit dem Kusse. Darüber wurde der
Wurzelmann böse und gab ihr eine derbe Maulschelle. Braka konnte sich in
solchem Falle nicht mäßigen, sie stemmte beide Hände in die Seite und fing
so heftig an zu schimpfen, daß die lachende Bella sie kaum mit der
Vorstellung beruhigen konnte, die Nachbarn möchten sie hören, und dann
wäre ihr Zufluchtsort auf einmal verraten. Der Alraun hatte sich aber
durch die Schimpfreden nicht weniger in der guten Meinung gestört gefunden,
er sprang sehr geschickt auf und rings um Braka her und verfolgte sie mit
unzähligen Fußtritten; dabei fiel ihm der Schleier herunter, sie erkannte
ihn gleich für das, was er war, und demütigte sich erschrocken vor ihm.
Als er sie in Ruhe ließ, setzte sie sich ganz zerschlagen auf einen Sessel
und rief einmal über das andre: "Ach, Bella, was hast du für ein Glück,
solch ein Männlein zu haben, das alle Schätze finden und heben kann, ja da
hatte mein Schwager einen, den nannte er Cornelius Nepos."
"So will ich auch heißen", rief der Kleine, "wo ist der geblieben?"
"Ach", sagte Braka, "mein Schwager wurde erstochen, das Männlein wurde in
seiner Tasche gefunden und den Kindern zum Spielen gegeben, die brachten
es einem Schweine, das hat's aufgefressen und ist davon krepiert."
Der kleine Herr Cornelius wurde darüber sehr aufgebracht, er verbot es
sehr strenge, ihn nicht den Schweinen vorzuwerfen, und ließ sich erklären,
was dies für ein Tier sei. Braka wollte ihm erst beweisen, daß er sich um
die Welt und was darin fresse, gefressen werde und sonst vorgehe, gar
nicht zu bekümmern habe, er müsse Schätze graben und sich um weiter gar
nichts bekümmern; als aber der kleine Cornelius wieder sehr grimmig wurde,
suchte sie ihn zu besänftigen, indem sie ihm allerlei hohe Ämter vorschlug,
die er verwalten könnte. Es war, als wenn er schon einmal gelebt hätte,
so schnell wurde er durch eine kurze Erinnerung mit allen menschlichen
Verhältnissen bekannt. Bei verwachsenen Kindern findet sich häufig ein
Ansatz zu dieser fatalen Gescheitheit. Nichts unter allem, was Braka ihm
von dem schönen Leben eines Kuchenbäckers oder Kellermeisters vorschwatzte,
reizte ihn so mächtig als ein Kommandostab, wenn er in glänzender Rüstung,
wie in dem Schlosse ein Feldmarschall abgebildet war, vor tausend Rittern
an dem Hause vorüberreiten würde und ihren Gruß annehmen, ja er befahl,
ihn im Hause nicht anders als Marschall Cornelius zu nennen und ihm dazu
eine Rüstung zu schaffen. "Dazu gehört Geld", sprach die listige Braka,
"umsonst ist der Tod, Geld, Geld schreit die ganze Welt."
"Dafür laßt mich sorgen", sagte der Kleine, "ich sitze hier so unruhig, es
muß hier in der Ecke der Mauer ein Schatz versteckt sein."
Mit ihren Nägeln hätte Braka die Steine ausgerissen, wenn sie kein ander
Werkzeug hätte finden können, jetzt aber lag die eiserne Ofengabel ihr
recht angenehm zur Hand vor der Türe, sie war im Augenblicke damit bei der
Arbeit; ein Glück, daß der Schatz nur mit einem Stein vermauert war, alle
Fußtritte des Marschalls hätten sie nicht abgehalten, das Haus zu
durchbohren; auch ließ sie sich durch das Kratzen und Beißen des Männleins
nicht abhalten, den Kasten voll guter Gold- und Silbermünzen in Beschlag
zu nehmen. Sie setzte sich darauf und hielt dann ihren feierlichen
Vortrag: "Liebe Kinder, Jugend hat keine Tugend, Kinder-und Kälbermaß
wissen alte Leute, ihr wißt beide noch nicht mit Gelde umzugehen, ihr
wäret verloren und kämet gleich in die Hände der argwöhnischen Gerichte,
wenn ich euch nicht mit Rat zur Hand ginge; darum hört meine Meinung, was
ihr tun müßt, damit wir in aller Sicherheit des Schatzes froh werden. Hör,
Bella, du hast mich oft Mutter genannt, das will ich nun in der Welt
vorstellen, in die ich dich einführe; du aber, Cornelius, mußt dich als
mein Neffe, als Vetter meiner lieben Bella, artig aufführen, so kannst du
mit uns vertraulich zusammenwohnen, wir können dich einem vornehmen Kaiser
irgendwo empfehlen, daß er dich zu seinem Marschall macht; eine Rüstung
können wir dir gleich kaufen, auch einen Degen und Helm und einen
Streithengst, da wirst du eine rechte Freude an dir haben, da werden die
Leute auf der Straße mit Fingern auf dich weisen und sprechen: Das ist der
herrliche junge Ritter, der Feldmarschall, der kühne Haudegen. Die
Mädchen werden niedersehen, und du wirst dir den Schnauzbart in die Höhe
streichen und mit einem gewognen Nickkopfe vorbeireiten."
Hätte Cornelius sich umgewendet, so hätte er ihre Falschheit wohl sehen
können, aber ihm war, seit er lebte, noch nicht so wohl geworden, als in
diesen Worten der Alten; er sprang ihr auf den Schoß und herzte und küßte
sie, daß Bella aus Eifersucht ihn packte und, statt zu küssen, ihn biß.
Er verstand keinen Spaß in so etwas, es hätte viel Streit geben können,
wenn nicht die Alte mit Beratschlagung, was nun anzufangen, hervorgetreten
wäre: "Schlagt euch ein andermal, wenn mehr Zeit dazu ist, heute muß ein
Entschluß gefaßt werden, wohin wir gehen, um mit Ansehen in Gent
einzufahren! Da habe ich eine alte Diebshehlerin in Buik gekannt, die
schafft am ersten Rat und was wir brauchen, eine Staatskutsche, worin wir
den Herrn Cornelius fahren, als ob er in einem Zweikampfe verwundet worden
sei und nur allmählich genese."
"Nein", sagte das Männlein, "das will ich nicht spielen, es könnte mir
wirklich so gehen, und warum soll ich mich nicht sehen lassen?"
"Ach", seufzte Braka heimlich, "der ist auch einer von den Bucklichten,
die nicht begreifen können, womit sie ihre Hemden zerreiben"; laut aber
sprach sie: "Seht nur, Herr, so auf einem Dorfe sind nicht gleich
ritterliche Kleider zu bekommen, die Eurer würdig sind, auch müßt Ihr Haar
und Bart sorgsam beschneiden lassen, die Leute meinen sonst, ihr wärt der
Bärnhäuter."
"Vielleicht bin ich auch von den Seinen", sagte Cornelius, "wer ist es, wo
lebt er?"
"Erzähl uns von ihm", bat Bella, "diese Nacht ist fast vergangen, heut
können wir noch nicht scheiden, und morgen will ich noch Abschied nehmen
von allem, was mir im Hause lieb."
"Erzähl", sagte der Kleine, "oder ich schlage dich." Braka hub also an,
indem sie die Öllampe zur Seite stellte und ihr Schnupftuch immer aus
einer ihrer Hände in die andre strich:
Geschichte des ersten Bärnhäuters
"Als Sigismund, der Ungersche König, von dem Türken geschlagen worden, ist
ein deutscher Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen; da er
nun keinen Weg fand, keinen Herren, kein Geld hatte, an keinen Gott
glaubte, so erschien ihm ein Geist und sagte ihm, wenn er ihm dienen
wollte, so wollte er ihm Gelds genug geben und ihn selbst zu einem Herren
machen. Der Landsknecht sagte: "O ja, er sei es zufrieden." Nun wollte
aber der Geist wissen, ob er wohl einen rechten Heldenmut habe, damit er
sein Geld nicht umsonst ausgebe, und führte ihn an das Lager einer Bärin,
die Junge hatte, und als diese gegen sie ansprang, befahl er dem
Landsknecht, ihr auf die Nase zu schießen. Der Landsknecht vollführte das
treulich, schoß ihr in die Naselöcher zwei Posten hinein, daß sie stürzte.
Da solches geschehen war, fing der Geist an mit ihm zu unterhandlen:
"Zieh die Haut der Bärin dir ab, du wirst sie brauchen, gut für dich, daß
du kein Loch hineingeschossen, denn soll ich dich reich machen, so mußt du
mir sieben Jahre darin, als in meiner Livrei, dienen, mußt in den sieben
Jahren alle Nacht eine Stunde um Mitternacht bei meinem Schlosse
Schildwach stehen, mußt in den sieben Jahren dir niemals Haar und Bart und
Nägel weder abschneiden noch reinigen, dich auch nie waschen, abreiben,
abstäuben und einsalben; in den sieben Jahren sollst du bei Tage frei
Licht, bei Nacht mit Abwechseln Mondschein, Sternenschein und nichts haben
als guten Wein zum Trinken, Kommisbrot zum Essen; auch sollst du in der
Zeit kein Vaterunser beten." Der Landsknecht ging alles ein und sagte zum
Geist: "Alles, was du mir zu unterlassen befiehlst, habe ich mein Lebtage
nicht gern getan, weder Kämmen, Waschen noch Beten; was du mir zu tun
befiehlst, soll mir bei einem guten Glase Wein nicht schwer werden."
Darauf zog er seine Bärenhaut über, und der Geist führte ihn durch die
Luft auf sein wüstes Schloß, das mitten im Meere liegt, woselbst er gleich
seinen Dienst antrat. Sechs und ein halbes Jahr versah der Landsknecht in
seiner Bärnhaut, wovon er den Namen des Bärnhäuters bekommen, seinen
Wachtdienst; Haar und Bart waren ihm dermaßen gewachsen und verfilzt, daß
er von Gottes Ebenbildlichkeit wenig mehr übrig behielt; Petersilie war
ihm auf seiner Haut gewachsen, das sah gar erschrecklich aus."
Mit einem Schauder sah Bella bei diesen Worten die Hirse auf dem Kopfe des
Alrauns, der sehr wohlzufrieden sie durch den Finger gehen ließ, seiner
Schönheit gegen den unsaubern Landsknecht gewiß.
"Als nun sechseinhalb Jahr um waren", fuhr Braka fort, "trat der Geist zu
ihm, freute sich über sein Ansehen, sagte ihm, er brauche ihn nicht mehr,
er wolle ihn wieder unter Menschen bringen, doch mit der Bedingung, daß er
sich noch ein halbes Jahr in dieser seiner Verwilderung unter ihnen sehen
lasse, zugleich wolle er aber mit ihm abrechnen und ihm den verdienten
Geldschatz überantworten, er möchte sich damit lustig machen, so gut er
könnte. Dem Landsknecht war es doch lieb, wieder unter Menschen zu kommen,
weil er das Sprechen fast verlernt hatte, er ließ sich vom Geist recht
vergnügt übers Meer nach Deutschland führen, nach Graubünden, weil es dort
in damaliger Zeit am schmutzigsten auf dem ganzen Erdboden war. Dennoch
wollte ihn da kein Wirt aufnehmen, bis er eine Handvoll Dublonen und eine
Handvoll Piaster einem ins Gesichte warf; der räumte ihm seine besten
Zimmer ein, daß er die gewöhnlichen Gäste von dem Hause nicht
zurückschrecken möchte. Als aber der Papst, der mit gemalten Bildern die
ganze Christenheit regiert, durch Graubünden kam, von dem Konzilio nach
Rom zurückzureisen, da trat der Geist zu dem Bärnhäuter und malte sein
Zimmer mit allen merkwürdigen Menschen der Welt, sowohl denen, die gelebt,
als die künftig noch leben werden, wie den Antichristen und das jüngste
Gericht, worüber der Wirt sich nicht wenig verwunderte, aber dennoch den
Bärnhäuter zwang, die Nacht, wo der Papst bei ihm einkehrte, seine Zimmer
einzuräumen und im Schweinestall zu schlafen, den Papst aber legte er in
das vom Bärnhäuter schön gemalte Zimmer. Als der Papst am andern Morgen
aufwachte, war das erste, daß er sich nach dem wunderbaren Maler
erkundigte, der das Zimmer so künstlich verziert habe. Der Wirt erzählte
ihm, was er von ihm wußte, und mußte ihn dann aus dem Schweinestall
heraufkommen lassen. Der Papst aber grüßte ihn freundlich, fragte ihn,
wer er wäre, und der Landsknecht nannte sich Bärnhäuter; darauf fragte ihn
der Papst, ob er diese herrlichen Bilder gemalt? "Wer sonst?" sprach der
Bärnhäuter. Da rühmte ihn der Papst als den ersten Maler der Welt und
sagte ihm, er habe drei natürliche Töchter, die er sehr liebe, die älteste
heiße Vergangenheit, die andre Gegenwart, die dritte Zukunft, wenn er ihm
die so malen könnte, daß er wüßte, wie jede nach einer Reihe von Jahren
aussähe, so wolle er ihm die zur Frau geben, welche ihm am besten gefalle.
Der Bärnhäuter versprach alles in Hoffnung auf seinen Geist. Der Papst
redete darauf weiter: "Du könntest mir aber leicht einbilden, daß sie sich
also verwandeln möchten, und wenn es nicht zuträfe, hättest du doch
inzwischen meiner Tochter Liebe genossen, darum stelle ich dich auf eine
Probe. Ich zeige dir nur meine jüngste Tochter Zukunft, und du mußt aus
ihrem Anblicke die beiden älteren, Gegenwart und Vergangenheit, malen;
bestehst du diese, so ist das Mädchen dein, bestehst du sie nicht, so
verfällt mir dein großes Vermögen, wovon mir der Wirt erzählt hat."
Bärnhäuter ging alles ein, lief neben dem Wagen des Papstes her und hielt
ihn, wenn er umfallen wollte, und so kamen beide ohne Schaden nach Rom.
Gleich am Abend stellte ihm der Papst seine Tochter Zukunft vor, die sehr
schön war, aber zweierlei Farbe von Haaren auf ihrem Kopfe trug;
Bärnhäuter verliebte sich gleich, sie aber entsetzte sich über seinen
Anblick. Als sie fort war, rief er seinen Geist, der mit einem
Farbentopfe und einem Pinsel geflogen kam und die Bilder der beiden ältern
Schwestern sogleich anfertigte. Als Bärnhäuter das Bild der Gegenwart
gemalt sah, vergaß er darüber der geliebten Zukunft und weinte, daß er
diese nicht bekommen könnte. Der Geist tröstete ihn und sprach: In einem
halben Jahre würde seine Braut dieser ähnlich und gleich sein, und so
hätte er in diesem Bilde auch das vom Papste verlangte Bild, wie die
Tochter in einer gewissen Zeit aussehen werde; in dem Bilde der
Vergangenheit werde er aber gleich sehen, wie die Gegenwart künftig
aussehen müsse.
Der Geist malte dieses Bild der Vergangenheit, und es gefiel dem
Bärnhäuter nicht. Als dieser nun aber vom Geiste verlangte, er solle ihm
das Bild der Vergangenheit malen, wie sie künftig aussehe, da wischte der
Geist seinen Pinsel auf der Wand aus und sagte: "Entweder so wie die
Wolken, daß nichts zu erkennen, oder wie das Bild der Zukunft, das du im
Herzen trägst, und das ich dir niemals gut genug malen würde!" Hier
verschwand der Geist. Am Morgen zeigte der Bärnhäuter die Bilder dem
Papst, der sehr nachdenklich dabei wurde, ihn umarmte und seiner jüngsten
Tochter als Bräutigam vorstellte. Bärnhäuter war so voll Freude, daß er
nicht sah, wie seine Braut weinte, als er seinen Ring, der
auseinandergeschroben werden konnte, mit ihr teilte und ihr die Hälfte an
den Finger steckte. Darauf nahm er Abschied, denn so hatte ihm der Geist
in der Nacht befohlen
ich hatte es zu erzählen vergessen -, und ritt nach Deutschland zurück, um
dort in Graubünden sein siebentes Jahr noch auszuwarten; dann ging er nach
Baden ins Bad, wo er zu seiner Reinigung über ein halbes Jahr beständig im
Wasser lag und mit groben Besen abgebürstet wurde; ein Dutzend Messer
wurden stumpf, eh ihm der Bart und das Haar abgeschoren waren. Als das
beendigt, schaffte er sich die kostbarsten Kleider an und eilte zu seiner
Geliebten zurück.
Diese war unterdessen in das Aussehen gerückt, was die Gegenwart damals
hatte, sie war sehr schön, aber immer traurig, weil sie sich vor ihrem
Bräutigam fürchtete und weil sie von den Schwestern, die keinen Mann
bekommen, beständig seinetwegen geneckt wurde. Eines Tages rief ein
heller Trompetenschall alle drei Schwestern ans Fenster; es zog ein
schöner, fremder Ritter mit vielen Knechten in die Stadt, den sich die
beiden ältesten sogleich zum Mann wünschten, und, o Wunder, der Ritter
hielt vor dem Hause still, ließ auch um Erlaubnis bitten, ihnen
aufzuwarten. Sie bewilligten es gern, und er gab sich für einen
entfernten Verwandten von ihnen aus, der eine von ihnen zu heiraten
begehre und sich deswegen durch einige Gaben empfehlen wolle. Die beiden
ältesten griffen begierig nach den Geschenken, die jüngste aber blieb
einsam wie ein Turteltäubchen; die beiden ältesten bemühten sich um seine
Gunst; sie gefielen ihm aber gar nicht mehr, die Gegenwart sah aus wie
damals die Vergangenheit, und die Vergangenheit hatte ein vermischtes
Gesicht wie eine Alabasterstatue, die lange unter der Traufe gestanden,
die liebe Zukunft aber blühte in höchster Schönheit, ihre Haare glänzten
in gleicher heller Farbe. Dennoch stellte er sich erst den beiden älteren
geneigt, um die Sinnesart der jüngeren zu prüfen; als diese aber still und
sittig blieb, während jene stolzierten, erklärte er sie für seine Braut,
indem er ihr die andre Hälfte des Ringes am Finger anschraubte. Da war
große Freude in der Verlassenen angezündet; der Papst erschien und segnete
beide ein. Als aber die Brautleute zu Bette gebracht worden, ergriff die
beiden älteren Schwestern eine Verzweifelung, daß sich die eine erhenkte
und die andre in den Brunnen stürzte. In der Nacht trat der Geist, die
beiden toten Mädchen im Arm, zum letztenmal zum Bärnhäuter und sagte: "Du
hast alles erfüllt, was du mir gesollt, ich bin im Vorteil, ich habe mir
zwei, du dir eine Tochter geholt. Lebe wohl und bewahre deinen Schatz."
"Aber", unterbrach sie der Alraun, "warum haben sich denn die Schwestern
so geärgert, daß sie zu Bette gegangen sind?"
"Weil sich die beiden geheiratet", antwortete die Braka.
"Was ist denn heiraten?" fragte der Alraun.
"Das kannst du nicht begreifen", sagte die Alte.
Der Alraun wollte sich umdrehen, um mit seinen ahndenden Augen sie zu
erforschen, aber im Augenblicke schrie er entsetzlich auf und sprang unter
den Tisch, der Alten unter den vielgeflickten Rock. "Was ist dir,
Scheusal?" rief die Alte, sah auch hin, wohin er gesehen, und warf sich
schreiend über den Geldkasten, und Bella legte den Kopf ängstlich in den
Schoß und wagte nicht aufzublicken.
"Lebende Menschen", sagte eine rauhe Stimme, "sind doch rechte Toren, da
hören sie mit großer Freude meine schreckliche Geschichte an, und mich
selbst mögen sie nicht sehen. Wacht auf aus eurem Schrecken, oder ich
schreie, daß die Balken unter und über euch biegen und brechen."
"Nun", sagte der Alraun unter dem Rocke der Alten, "was will er,
Bärnhäuter? ich will ihm zuhören."
"In welchem Mauseloche steckst du, kleiner Knirps?" fragte der Bärnhäuter.
"Wo du großer Tölpel nicht stecken kannst", sagte der Alraun; "mach
schnell, es wird mir sonst zu heiß hier, auch beißen mich die
Schmetterlinge, was willst du von uns, unsaubrer Gast?"
"Ach", sagte der Bärnhäuter, "ich habe mich bei Lebzeiten so sehr in mein
Geld verliebt, daß ich den Rest hier vermauerte und dabei nach meinem Tode
Wache stehen muß, gebt mir mein einziges Vergnügen wieder heraus."
"Gib ihn hin", flüsterte die Alte, "so dreht er uns nicht das Genick um."