Ver.04.29.93*END*
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Michael Pullen
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Isabella von Ägypten
Achim von Arnim
Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe
Erzählung (1812)
Braka, die alte Zigeunerin im zerlumpten roten Mantel, hatte kaum ihr
drittes Vaterunser vor dem Fenster abgeschnurrt, wie sie es zum Zeichen
verabredet hatte, als Bella schon den lieben, vollen, dunkelgelockten Kopf
mit den glänzenden, schwarzen Augen zum Schieber hinaus in den Schein des
vollen Mondes streckte, der glühend wie ein halbgelöschtes Eisen aus dem
Duft und den Fluten der Schelde eben hervorkam, um in der Luft immer
heller wieder aus seinem Innern heraus zu glühen. "Ach, sieh den Engel",
sagte Bella, "wie er mich anlacht!"
"Kind", sprach die Alte und ihr schauderte, "was siehst du?"
"Den Mond", antwortete Bella, "er ist schon wieder da, aber der Vater ist
wieder nicht nach Hause gekommen. Alte, diesmal bleibt der Vater gar zu
lange aus, doch ich hatte schöne Träume von ihm in der letzten Nacht, ich
sah ihn auf einem hohen Throne in Ägypten, und die Vögel flogen unter ihm,
das hat mich getröstet."
"Du armes Kind", sagte Braka, "wenn's nur wahr wäre, hast du denn was zu
essen und zu trinken bekommen?"
"O ja", antwortete Bella, "der Nachbar hat seine Äpfelbäume geschüttelt,
da sind viele Äpfel in den Bach gefallen, die habe ich aufgefischt, wo sie
in den Wurzeln am krummen Ufer stecken geblieben, auch hatte der Vater,
ehe er ausging, mir ein großes Brot herausgelassen."
"Daran tat er recht", weinte die Alte, "er hat kein Brot mehr nötig, sie
haben ihn vom Brot geholfen."
"Liebe Alte, sprich", bat Bella, "mein Vater hat sich doch nicht Schaden
getan bei den starken Mannskünsten? Führ mich hin zu ihm, ich will ihn
pflegen. Wo ist mein Vater? Wo ist mein Herzog?"
So fragte Bella zitternd, und die Tränen fielen ihr aus den Augen durch
den Mondschein auf harte Steine nieder
wär ich ein ziehender Vogel gewesen, ich hätte mich niedergelassen und
meinen Schnabel eingetunkt und sie zum Himmel getragen, so traurig und so
ergeben in seinen Willen waren diese Tränen.
"Sieh dort", schluchzte die Alte, "auf dem Berge steht ein Dreifuß,
dreibeinig, aber nicht dreieinig. Gott weiß nichts von ihm, und doch
heißt er das hohe Gericht, wer vor dem Dreifuß vorbeikommt, der kann noch
lange leben, das Fleisch, was da die Sonne kocht, das wird in keinen Topf
gesteckt, es hängt daran, bis wir es abnehmen. Sei ruhig, du armes Kind,
und schrei nur nicht, dein Vater hängt da oben, aber sei nur ruhig, wir
holen ihn diese Nacht und werden ihn in den Bach werfen mit allen Ehren,
wie ihm zukommt, daß er hinschwimme zu den Seinen nach Ägypten, denn er
ist auf frommer Wallfahrt gestorben. Nimm diesen Wein und dieses Töpfchen
mit Schmorfleisch, halte ihm ein Totenmahl in deiner Einsamkeit, wie es
sich geziemt."
Bella konnte vor Schrecken kaum fassen, was sie ihr reichte. Die Alte
fuhr fort: "Halt doch fest, daß es nicht fällt, wein dir nicht die Augen
aus, denk daran, daß du jetzt unsre einzige Hoffnung bist, daß du die
Unsern, wenn unser Gelübde vollbracht, zurückführen sollst; denk auch, daß
dir jetzt alles gehört, was dein Vater besessen, sieh nur in seiner Kammer
zu, da hast du den Schlüssel, da wirst du viel finden. Ja, bald hätte ich
es vergessen, als er mir den Schlüssel gab, sagte er, du möchtest dich vor
seinem schwarzen Simson nicht fürchten, der Hund würde es schon wissen,
daß er dir gehorchen müsse und dich nicht mehr beißen dürfe; dann sagte er
noch, du solltest nicht traurig sein, er sei lange am Heimweh krank
gewesen und nun werde er gesund, da er heimkomme. Das sagte er--und da
hast du einen Hutkopf voll Milch, die habe ich einer Kuh auf der Weide
ausgemolken, die gehört zum Totenmahle. Gute Nacht, Kind!"
Die Alte ging, und Bella sah ihr nach wie einem bösen Briefe, der ihr vor
Schrecken aus der Hand gefallen, und den sie doch gern ganz wissen möchte;
sie wäre lieber mitgegangen, aber sie zauderte in ihrer Traurigkeit und
scheute das rauhe Volk, was sie da antreffen würde, so sehr sie es liebte.
Die Zigeuner waren damals in der Verfolgung, welche die vertriebenen Juden
ihnen zuzogen, die sich für Zigeuner ausgaben, um geduldet zu werden,
schon sündlich verwildert; oft hatte Herzog Michael darüber geklagt und
alle seine Klugheit angewendet, sie aus dieser Zerstreuung nach ihrem
Vaterlande zurückzuführen. Ihr Gelübde, so weit zu ziehen, als sie noch
Christen fänden, war gelöst, denn sie waren schon aus Spanien vom
Weltmeere zurückgekehrt; nur der Wunsch nach der neuen Welt hielt sie in
der alten, die nur Krieger, keine Pilger hinübersetzen wollte. Das
Zurückführen nach Ägypten war aber bei der zunehmenden Türkenmacht, bei
der Verfolgung überall, bei dem Mangel an Gelde unendlich schwer. Schon
hatte der Herzog, was sonst ihre Nationalbelustigung war, Proben von
Stärke und Geschicklichkeit (wie sie schwere Tische auf ihren Zähnen im
Gleichgewichte trugen, wie sie sich springend in der Luft überschlugen
oder auf den Händen gingen), alles das, was sie mit dem Namen der starken
Mannskünste bezeichneten, zu ihrer Erhaltung zu benutzen gesucht, aber von
einem Gebiete ins andre zurückgedrängt, erschöpften sich diese
Erwerbsquellen, und auch die Besseren, wenn selbst das Wahrsagen nicht
mehr galt, sahen sich gezwungen, ihre ärmliche Nahrung zu stehlen oder mit
jagdfreien Tieren, wie Maulwürfe und Stachelschweine, fürlieb zu nehmen.
Da fühlten sie erst recht innerlich die Strafe, daß sie die heilige Mutter
Gottes mit dem Jesuskinde und dem alten Joseph verstoßen, als sie zu ihnen
nach Ägypten flüchteten, weil sie nicht die Augen des Herrn ansahen,
sondern mit roher Gleichgültigkeit die Heiligen für Juden hielten, die in
Ägypten auf ewige Zeit nicht beherbergt werden, weil sie die geliehenen
goldnen und silbernen Gefäße auf ihrer Auswanderung nach dem gelobten
Lande mitgenommen hatten. Als sie nun später den Heiland aus seinem Tode
erkannten, den sie in seinem Leben verschmäht hatten, da wollte die Hälfte
des Volks durch eine Wallfahrt, so weit sie Christen finden würden, diese
Hartherzigkeit büßen. Sie zogen durch Kleinasien nach Europa und nahmen
ihre Schätze mit sich, und so lange diese dauerten, waren sie überall
willkommen; wehe aber allen Armen in der Fremde.
Das mußte voraus berichtet werden, jetzt zu unsrer Geschichte zurück. Ein
neuer Haufe, unter denen Happy und Emler, waren vor acht Tagen aus
Frankreich ohne alles Geld angekommen, der Herzog entschloß sich, zu ihrem
Unterhalt selbst seine Künste wieder einmal zu zeigen, er ging mit ihnen
in ein Wirtshaus, und als er eben zu aller Bewunderung acht Männer auf Arm
und Schultern trug, kam das Geschrei, der Happy sei gefangen, er habe zwei
Hähne im Hofe gestohlen, und im Fortgehen habe ihn ihr Krähen verraten,
und Michael, der Herzog, sei bloß darum im Zimmer geblieben, um die Leute
heranzulocken. Die Genter Bürger verziehen wegen ihres Reichtums keinen
Diebstahl; vergebens stellte sich Herzog Michael, als ob er den Happy im
Augenblicke erschießen wollte, er selbst und Emler wurden mit dem Happy
verhaftet und als Diebe zum Strange verurteilt; damals gab es ein strenges
Recht gegen die Zigeuner, sie totzuschlagen, wo sie sich finden ließen.
Michael beteuerte umsonst seine und Emlers Unschuld vor dem Gerichte und
sprach: "Uns geht es wie den Mäusen, hat eine Maus den Käse angenagt, so
sagt man, die Mäuse sind's gewesen, da geht's an ein Vergiften und Fangen
aller, so sind wir Zigeuner jetzt nirgends mehr sicher als am Galgen!"
Dieser sichre Ort wurde ihm durch das Gesetz, und er weinte schmerzliche
Tränen aus der Höhe zur Erde, daß er, der letzte männliche Erbe seines
hohen Hauses, so ehrlos und unschuldig umgebracht werde; da schloß sich
seine Kehle bis zum jüngsten Tage, wo er seine Klage gegen die
Unbarmherzigkeit der Reichen vortragen wird, die ein Menschenleben gegen
die Sicherung ihrer toten Schätze gering achten, da wird das Strick so
wenig durch ein Nadelöhr gehen wie ein Kamel, und so werden die Reichen
nicht eingehen ins Himmelreich, wo Bella ihren Vater wiederfindet.
Als Bella wieder zu sich gekommen, rief sie mehr als einmal: "Also das hat
mir der Traum bedeuten sollen, daß mein Vater erhöht wurde, ja wohl ist er
jetzt erhöhet in den Himmel und weiß von uns nichts mehr oder alles!"
Der schwarze Hund kam jetzt gegen seine Gewohnheit von der Kammertür,
legte sich ihr zu Füßen und heulte. "Also du weißt es auch schon,
Simson?" fragte sie ihn, und der Hund nickte. "Willst du mir künftig
dienen?" Der Hund nickte wieder, lief ans Fenster und kratzte. Bella sah
hinaus, der Schieber war offen geblieben: sie sah die Gestalt ihres Vaters
fernglänzend schweben, und plötzlich sank er hinunter. "Jetzt haben sie
ihn heruntergenommen, jetzt halten sie ihm ein Ehrenmahl, ich muß auch
unter freien Himmel zum Totenmahl."
Mit dem Weinkruge und dem Brote, den schwarzen Hund zur Seite, trat sie in
den verwüsteten Garten; das Haus war schon seit zehn Jahren der Gespenster
wegen unbewohnt geblieben, denn so lange hatten die Zigeuner sich darin
eingenistet und den Besitzer, einen reichen Kaufmann der Stadt, der es
sich als Sommersitz eingerichtet hatte, daraus zurückgeschreckt, bis er
selbst wegen eines Bankerotts eingesteckt und sein Vermögen für die
Gläubiger in bekannter Nachlässigkeit verwaltet wurde. Jetzt hatten sie
unter dem Schwert der Gerechtigkeit vollkommene Ruhe, dort zu hausen, nur
durften sie sich am Tage nicht zeigen, während ihnen nachts alle Leute aus
dem Wege gingen. So trat das bleiche, schöne Kind wie ein Gespenst zur
Haustüre hinaus, und der Wächter in den nahen Gärten flüchtete sich bei
ihrem Anblick in eine entfernte Kapelle, um betend den heiligen Schutz des
Glaubens zu fühlen. Bella wußte nicht, daß sie erschreckte, die Trauer um
den Verlust ihres einzigen Gedankens, ihres Vaters, über den sie sich ganz
vergessen hatte, machte sie stumpfsinnig, sie wußte nichts als die Regeln
der alten Braka genau zu erfüllen; es war ihr das Liebste, daß sie noch
etwas zu ihres Vaters Ehre tun konnte. Sie breitete also, wie es bei
Totenmahlen ihres Volkes gewöhnlich, ihren Schleier über einen Feldstein
aus, setzte zwei Becher und zwei Teller darauf, brach ihr Brot für beide,
goß Wein in beide Becher, stieß mit den Bechern an, leerte den ihren und
schüttete den Becher des Toten in den schwimmenden Bach, der sich in
geringer Entfernung von dem Hause in die Schelde verlor. Und wie sie dies
erste Opfer in den Fluß schütten wollte, da rauschte es in der Flut und
tauchte empor, als ob ein großer Fisch, der in dem Strome keinen Raum
hatte, auftauchte und emporschwämme, der Mond trat hinter dem Hause hervor,
und sie sah ihres Vaters bleiches Angesicht, auf seinem Haupt die Krone,
welche ihm die Zigeuner aufgesetzt hatten, ehe sie ihn in das fließende
Wasser warfen. Und wie die Welle mit dem teuren Haupte kreiste, so ging
dem armen Kinde der Kopf um; sie glaubte, er lebe noch, er suche sich aus
dem Wasser zu retten, sie sprang hinein und hielt ihn fest, der schwarze
Hund hielt aber sie am Rocke fest und stemmte sich gegen das Ufer; so
wurde sie in sinnloser Trauer festgehalten und konnte weder den Leichnam
ans Ufer bringen, noch mit ihm fortschwimmen ins Meer. Endlich kam Braka
zurück, und da ihr an der Türe nicht aufgemacht worden, schlich sie in den
Garten, wo sie das wunderbare Bild wie versteinert sah, den kräftigen
Michael im Totenhemde mit der glänzenden silbernen Krone, über ihm das
bleiche Mädchen, die schwarzen Locken über ihm hinwallend, an ihrem Kleide
gehalten von dem schwarzen Hunde mit feurigen Augen. Die Alte mußte nach
ihrer Art lachen, weil es etwas so Seltsames war, ungeachtet es ihr sehr
zu Herzen ging und sie nicht von Herzen, sondern nur mit dem dürren Munde
wie ein Hungernder lachen mußte; dann sprang sie hinzu, hob das Mädchen
mit Gewalt ans Ufer und sprach: "Laß ihn ziehen, er weiß seinen Weg besser
als du!"
Bei diesen Worten zog die Leiche still hinunter, und der Mond ging unter
Wolken, und Bella sank in die Arme der Alten.
Vier Wochen des Schmerzes waren vergangen, die Alte konnte ihrer eigenen
Sicherheit wegen nicht alle Tage kommen, und Bella langeweilte sich mit
dem Hunde, dessen Künste sie nicht mehr sehen mochte, der ewig schlief,
oder, wenn gegessen wurde, wedelte, sich leckte, kratzte; sie kam endlich
darauf, womit andere Erben anfangen, den Nachlaß der Verstorbenen zu
durchsuchen. Sie schloß die geheime Kammer auf, nicht ohne Schrecken und
Ehrfurcht, aber ihre Erwartung war getäuscht; da waren keine seltene
Kleider und Kostbarkeiten, meist nur Bündel von Kräutern, Säcke mit
Wurzeln, einige Steine, lauter Dinge, von denen sie nichts verstand, weil
der Vater ihrem kindischen Wesen keine Achtsamkeit für das Geheime
zugetraut hatte. Endlich fand sie doch in einer Kiste alte Schriften, die
sie durchblättern konnte, manche mit köstlichen Siegeln geziert, auf
wunderlichem Papier in fremder Sprache, die sie aber noch nicht gelernt
hatte, andre aber niederländisch-deutsch, das sie wohl schreiben und lesen
konnte, da ihre Mutter, aus einem alten Hause der Grafen von Hogstraaten
mit Michael entflohen, diese Liebe zur alten Sprache ihrem Manne und ihrem
Kinde zugebracht hatte. Sie nahm diese Bücher und las eben nachts, denn
bei Tage schlief sie, um alles Geräusch zu vermeiden, als Braka ihr durch
eine zahme Ohreule, mit der sie sich seit einiger Zeit herumtrieb, ein
dreimaliges Zeichen gab, daß sie eingelassen sein wollte. Bella sprang
unwillig von ihrem Buche auf, das merkwürdige Zauberhistorien enthielt,
und wie Braka eingetreten, setzte sie sich wieder stillschweigend dabei
nieder, daß die Alte ganz böse ihre Hände in die beiden Seiten stemmte:
"Nun, kriegt die alte Braka heut keinen Gruß, keinen Kuß? ja wenn die
Kinder klein sind, so wissen sie kaum, was sie einem alles für Liebes und
Gutes antun sollen, aber kaum fangen sie an, was vollständig zu werden, da
haben sie keine Ohren mehr für alles Gute, was man ihnen tun möchte; nun,
den Kuchen sollst du heute nicht bekommen, wenn du mich nicht recht darum
bittest, habe darum eine halbe Stunde beim Bäcker warten müssen, der
sollte heute auf des Prinzen Tisch, die Magd wird sich schöne wundern,
wenn sie beim Bäcker zum Abholen kommt und er schon fort ist."
"Wenn ich dich auch nicht bitte", sagte Bella, "du hast doch keine Ruhe,
bis ich ein Stück davon gegessen; gib nur her und sei nicht böse. Ich bin
heute bei meines Vaters Büchern gewesen und habe da so schöne Geschichten
gefunden, daß ich gern ein Gespenst werden möchte." Die Alte sah in das
Buch hinein und sagte: "Es ist doch sonderbar, daß ich so alt bin und kann
nicht lesen, und du bist nur so ein Kuckindiewelt und kannst es schon; nun
hör einmal, wenn du Lust hast, ein Gespenst zu werden, du kannst dazu
kommen, das fällt mir soeben ein, und wir können es brauchen."
"Was ist denn, du siehst ja so bedenklich aus?"
"Sieh nur, Bella", fuhr die Alte fort, "es ist auch keine Kleinigkeit, was
dir bevorsteht: denk nur, Prinz Karl ist gestern vor diesem Gartenhause
mit seinem Lehrer Cenrio vorbeigeritten und hat gefragt, wie es käme, daß
es so verschlossen und verfallen aussähe. Cenrio hat ihm erzählt, wie die
Gespenster alle Käufer und Mieter abgeschreckt hätten, alles, wie du es
weißt; wie dein Vater einen, der sich durchaus hier niederlassen wollte,
mit Ruten gehauen; die vielen Eulen, die er in einer Kammer eingesperrt
hatte und sie einem andern um den Kopf fliegen ließ, nun, du weißt alles;
der Prinz aber, statt daß er dadurch geschreckt worden, schwur, daß er
ganz allein eine Nacht in diesem Hause schlafen und die Geister bald
vertreiben wolle. Was fangen wir nun an? es kann jede Nacht geschehen,
daß er in dies Haus kommt, und seine Leute werden die Ausgänge sicher so
besetzen, daß keiner von den Unsern heraus- oder hereinkann."
"Hör, Braka", sprach Bella, "den Prinzen möchte ich doch gern sehen, ich
habe so viel von ihm gehört, wie schön er ist und wie edel, wie er fechten
und reiten kann."
"Du denkst nun schon wieder an den Prinzen und nicht an unsre Not", fuhr
Braka fort; "hast du wohl Geschick, das Gespenst zu spielen? Das könnte
dich retten!"
"Warum nicht", meinte Bella, "aber wie soll ich's anfangen?" und las
weiter in ihrem Buche. "Sieh, Kind", sprach die Alte, "er kann in keinem
andern Zimmer schlafen, als in dem schwarzen mit den goldenen Leisten,
neben welchem das geheime Kämmerlein deines Vaters versteckt ist, denn die
andern Zimmer haben alle mehr Eingänge, da ist es ihm nicht so sicher,
auch steht nur in diesem eine Bettstelle. Nun sieh, wenn du merkst, daß
er stille, daß er eingeschlafen, so schleich aus der Kammer heraus, leg
dich zu ihm ins Bette, und ich schwör dir, daß er vor Angst davonläuft und
nie wiederkommt; sollte er aber Mut behalten und dich festhalten, sieh, so
kostet es dir ja nur eine Lüge, daß du aus Liebe zu ihm eingedrungen, und
dein Glück ist vielleicht gemacht."
"Ja, Alte", sagte Bella und las weiter, "wie du meinst, du mußt das
verstehen, ich weiß nichts davon."
"Aber sag mir nur, wo du das verfluchte Buch herbekommen hast", fragte die
Alte weiter, "wenn ich mit dir ernsthafte Sachen rede, denkst du an nichts
als an das Buch."
"Ich hab es aus des Vaters Kammer geholt", sagte Bella, "es liegen da noch
mehrere, nimm dir auch eins."
"Wenn du es erlaubst", sagte die Alte, "so gehe ich gern einmal herein;
ich habe mich immer gefürchtet, es dir zu sagen, ich wußte nicht, ob dein
Vater es nicht verboten."
"Geh nur", sagte Bella, "du wirst sonst nicht viel finden."
Die Alte ging mit einer gescheiten Neugierde; an der Türe bat sie Bella,
den schwarzen Hund wegzurufen, der immer vor der Kammertür lag und niemand
als Bella einzulassen Befehl hatte. Bella rief ihn zu sich, und die Alte
ging ohne Aufenthalt in die Kammer. Als sie drin war, lachte Bella, wies
den Hund wieder zur Kammertür und versteckte sich, um den Schreck der
Alten zu sehen; es war ein Prinzessinnenspaß, aber sie war auch
liebenswürdig wie eine Prinzeß und war von je wie eine Prinzeß verehrt
worden. Nicht lange nachher wollte die Alte mit einem großen
Kräuterbündel und mit einem Sacke zur Türe hinaustreten, aber der schwarze
Hund machte ihr ein Paar feurige Augen und zeigte die Zähne; sie trat
erschrocken zurück und rief nach Bella in großer Angst. Zu gleicher Zeit
hörten sie ein ungewohntes Getrappel von Pferden vor der Türe, Menschen,
welche über den Hof kamen, und Bella flüchtete sich erschreckt mit dem
Lichte und den Speisen und mit dem Hunde zur Alten in die Kammer, die sie
verschlossen, um dort in aller Stille abzuwarten, ob dies der Prinz
gewesen sei, der seinen Kampf gegen die Gespenster ausfechten wollte. Sie
hatten sich nicht geirrt, es war Karl, der künftige Beherrscher einer Welt,
in der die Sonne nie untergeht, in der ersten Frische des vollendenden
Wuchses, der in das verlassene Zimmer kam. Bella konnte ihn durch ein
verstecktes Türloch recht deutlich sehen, ihr war nie so etwas vorgekommen;
sie hatte nur braune Zigeuner gesehen, lustig und heftig; dieser aber
trat so großmütig einher, so sanft in geübter Kraft, sie wußte, daß er es
war, der künftige Herrscher, noch ehe ihn seine Begleiter als Prinz
gegrüßt. Sein Hochmut entzückte sie, mit dem er Cenrio zurückwies, der
die Wette zurücknehmen wollte, weil er behauptete, der Prinz habe durch
seine Anwesenheit bewährt, daß er sie wirklich ausführen wolle. Der Prinz
warf aber rasch sein schwarzsammetnes Barett auf den Tisch, breitete
seinen Regenmantel über die Bettstelle und befahl Cenrio, auf die Umgebung
des Hauses zu wachen und ihm ein paar brennende Kerzen im Zimmer
zurückzulassen, er sei müde. Cenrio empfahl ihm, das Zeichen mit der
Pistole nicht zu vergessen, wenn er jemand bedürfte; oder im Fall diese
versagte, dabei besah er das Schloß, so würde sein Rufen schon genügen, da
er einen Soldaten unter dem Fenster ausstellen und selbst in der Nähe
wachen würde. Der Prinz meinte, er möchte sich das Wachen und Bewachen
ersparen, in seinem Panzerhemde, mit gutem Degen bewaffnet sollte ihm so
leicht niemand gefährlich werden; die Ammenmärchen von Geistern schreckten
ihn aber nicht mehr. Cenrio verließ das Zimmer. Der Prinz stützte sich
auf die Hand und lallte ein Lied, um wach zu bleiben; dann streckte er
sich aufs Bette und sang wieder, indem er einschlummerte; da das Bette der
Kammer gegenüberstand, konnte Bella ihn deutlich sehen und die Worte
vernehmen:
Komm, lieblich schwarze Nacht,
Und drücke schießende Sterne,
Wie Siegel deiner Macht,
Als Zeichen meiner Ferne,
In meine mutige Brust,
Daß aller Funken Lust
Aus künftigen Kronen geschmiedet,
Mich wecke, den Dienen ermüdet.
Sie sitzt auf dunklem Thron,
Ihr ruhet auf wolkigem Kissen
Die ewig schimmernde Kron'.--
O möcht' ich die Liebliche küssen!
Und machte der Venus Stern
Die einzige Nacht mich zum Herrn,
Dann könnt' ich die Erde umwallen,
Mit allen Kronen,--mit allen.
"Der ist einmal ungeduldig, daß er zur Regierung komme", sagte die Alte
mit leiser Stimme zu Bella. Seine Augen sanken nieder und sein Haupt. Er
war eingeschlafen, und Bella starrte noch immer zu ihm hin und konnte sich
nicht satt sehen; die Alte aber hatte schon ihren Anschlag gefaßt. Die
Waffen, Degen und Pistole, lagen vor dem Bette des Prinzen, die sollte
Bella erst leise holen und dann den Geist spielen und sich zu ihm legen;
aber nur mit Mühe beredete sie das Mädchen dazu, Schuh und Strümpfe
auszuziehen, damit sie leise gehen könne, und ihr Kleid auszuziehen, damit
sie nirgends anstoßen möge, und mußte sie fast zur Kammertür hinausstoßen,
die sie vorsichtig nur anlegte, um ihr den Rückzug zu sichern. Das alte
Weib hatte sicher eine böse Absicht bei diesem Vorschlage: das Kuppeln war
lange ihr Hauptgeschäft, und diesmal konnte sie auf einmal das Glück aus
dem niedern Stande emporreißen. Bella ahndete von dem allen nichts, es
war ihr lieb, den Prinzen in der Nähe zu sehen, darum untersuchte sie
nicht lange, ob der Vorschlag der Alten wirklich vernünftig angelegt sei.
Sie trat also mit großer Sorgfalt an das Bette des Prinzen, der so fest
schlief, daß sie mit Sicherheit seine Waffen hätte forttragen können; die
Alte sah beide mit Freuden an. Bella nach Art der Zigeuner in eine blaue
Leinewand statt des Hemdes gewickelt, die von einem goldnen Gürtel
festgehalten wurde, hatte die runden, blendenden Arme etwas scheu nach dem
Prinzen ausgestreckt, die zierlichen, leisen Tritte der schimmernden Füße
hinziehend zu ihm, aus ihren unzähligen Locken tausend Glückslose auf ihn
taumelnd in tausend süßen Blicken, bis der Mund sich nicht mehr halten
konnte und auf den Mund des Prinzen niedersank. Bis jetzt war ihr alles
gelungen, der Prinz aber, von dem Kusse erweckt, vor den erschreckten
Augen von tausend Phantomen seines Traumes wie mit glühenden Kugeln
umstürmt, sprang mit höchstem Ungestüme auf und stürzte atemlos schreiend
in das Nebenzimmer; seine Pistole, seinen Degen, alles hatte er vergessen,
solch ein Grauen wohnt in der Tiefe des hochmütigsten Menschen vor der
unnennbaren Welt, die sich nicht unsern Versuchen fügt, sondern uns zu
ihren Versuchen und Belustigungen braucht. Bella war so entsetzt von
seinem Abscheu, daß sie sich stumm und willenlos der Alten überließ, die
sie rasch durch die versteckte Tapetentüre in die Kammer trug. Bald
darauf kam der Prinz mit Cenrio und einigen Soldaten zurück, die in
Wahrheit alle größere Lust hatten, draußen zu bleiben, als einzudringen.
Wer so etwas nicht empfunden hat, wird es nicht glauben, aber ein Gespenst
schlägt eine ganze Armee in die Flucht, denn was einem braven Manne
übermächtig furchtbar ist, das ist es im Durchschnitte für alle. Der
Prinz zeigte noch den meisten Mut; er schwur laut: "So schrecklich die
schwarzen Schlangen an dem Haupte waren, ein schöneres Antlitz habe ich
nie gesehen, ungeachtet der ungeheuren Größe in dem besten Verhältnisse,
einen glühenden Knopf trug es an der Brust; aber jetzt ist nichts hier bei
der heiligen Mutter Gottes, leuchtet nur unter das Bette; will keiner dran,
so muß ich's selbst tun: hier auch nichts; so war's denn doch ein
Gespenst, Cenrio, und ich habe meinen Türkensäbel an Euch verloren, Cenrio;
wüßte ich nur, was das liebe Gespenst verlangt hätte, bei Gott, ich
bleibe hier, seht, es fällt mir erst jetzt alles wieder ein. Sind meine
Lippen nicht verbrannt? ich schwöre Euch, es hat mich geküßt, daß mir vor
Seligkeit das Herz stieg. Cenrio, ich will hier bleiben, will es fragen,
was es von mir begehrt!"
Cenrio schwur, daß er es nach diesem Schrecke des Prinzen seiner
Gesundheit wegen nicht zugeben dürfe, der Prinz selbst ließ sich nicht
lange bitten, diese harte Probe seiner Herzhaftigkeit aufzugeben. Er war
nicht beschämt, da alle bleich und erschreckt umhersahen und beim
leisesten Geräusch zusammenfuhren, auch konnte er jetzt noch, ohne daß
Adrian, der bei seinen Büchern saß, etwas davon gemerkt hätte, nach Hause
kommen. Die Alte war nicht ganz zufrieden mit dem Entschluß, indessen
wußte sie das Gute davon doch noch vollständig zu nutzen, um sich und den
ihrigen das Haus zu sichern, denn kaum war die Haustüre von den rasch
auswandernden Gästen verlassen, so sprang sie zum Schrecken der guten
Bella wie eine Rasende aus der Kammer, schlug mit allen Türen heftig auf
und zu, warf alle Tische um, daß die Abziehenden in stiller Angst ihre
Pferde bestiegen und, ohne sich umzublicken, nach der Stadt ritten, wo sie
auf ewige Zeiten durch vergrößernde Erzählungen den Geisterruf des
Gartenhauses bestärkten. Der Prinz mußte noch in derselben Nacht mit
einem Fieber für sein Wagestück büßen. Der liebliche Kopf der Bella
schwebte ihm darin vor, das Fieber verriet ihn, indem es ihm eine falsche
Wahrheit zeigte, und er beichtete es mit großer Betrübnis am anderen
Morgen dem Adrian, wie er in ein Gespenst verliebt sei. Das war eine
köstliche Gelegenheit für diesen, dem Kaiser Maximilian die Sorge für das
Lateinlernen seines Enkels besonders übertragen hatte, ihm zur Buße eine
große Menge Vokabeln aufzugeben, die auch der Prinz mit einigem Erfolge
gegen den nächtlichen Eindruck brauchte.
Die arme Bella in ihrer Einsamkeit mußte ihre erste Zuneigung härter büßen.
Nachdem es ihr ein paar Tage genügt hatte, statt zu schlafen, an ihn zu
denken und nachts von allen Seiten umzuschauen, ob er nicht wieder zum
Besuche in ihr Geisterhaus kommen würde, nachdem Braka sie ernstlich
ausgescholten hatte, daß sie so törichten Gedanken, die sie vor der Zeit
bleichten, ihre frischen Tage hingebe, nachdem sie sich diesen und andern
Rat gar oft wiederholt hatte und doch immer wieder vergaß und in den
beliebten fremden Gedanken abgleitete, fragte sie einmal Braka, ob es denn
kein Mittel gebe, wie man unsichtbar werden könne, um in der Stadt
herumwandern zu dürfen. Braka lachte und sprach: "Ich weiß kein anderes,
als viel Geld zu haben, da kann man eingehen, wo man will, das ist der
wahre Hauptschlüssel, die wahre Springewurzel, bei deren Berührung die
Türen aufspringen. Dein Vater mochte noch wohl andre Künste gewußt haben,
aber wenn sie nicht in seinen Büchern stehen, so sind sie verloren!"
Bella behielt diese Nachricht still vor sich, sie fiel ihr ins Gemüt, als
ob sie dieselbe nie vergessen könnte; kaum war die Alte wieder auf den
Erwerb ausgegangen, so suchte sie die Bücher wieder hervor, die seit dem
Besuche des Prinzen in einem Winkel gerastet hatten; sie sah bei dieser
Gelegenheit, daß die Alte ihr den ganzen Vorrat seltener heilender Kräuter
und Wurzeln fortgetragen hatte, und diese Untreue brachte sie zu dem
Entschlusse, ihr nichts mehr von allem zu entdecken, wozu sie die geheimen
Kräfte ansprechen wollte. Aber welcher neue Ekel war ihr in diesen
Büchern vorbereitet, viel geheime Regeln, Zeichnungen, von denen sie
nichts verstand, den Stein der Weisen zu finden, Geister zu zitieren,
Krankheiten zu beschwören, das Vieh zu verzaubern, endlich auch ein Mittel,
Gold zu machen, aber dies Mittel so weitläufig,.als müßte man zwei Monden
anspannen, um zur Sonne zu fahren. So verging ihr eine Woche nach der
andern, bis sie in einer Nacht ganz ermüdet auf eine ausführliche
Nachricht traf, wie Alraunen zu bekommen, und wie diese dienstbar Geld und
was ein weltliches Herz sonst begehre, mit stehlender, untrüglicher
Listigkeit zuführten. Aber welche Schwierigkeit, sie zu gewinnen, und
doch war es die leichteste von allen Zaubereien; die Zauberei braucht die
härteste Schule; wer sie aushalten kann, möchte auch wohl in den
gewöhnlichsten Geschäften ohne alles Geheimnis zu zaubern scheinen. Wer
kennt jetzt nicht die Bedingungen, einen Alraun zu gewinnen, und wer
möchte sich ihnen noch unterziehen, wer könnte sie erfüllen? Es wird ein
Mädchen gefordert, das mit ganzer Seele liebt, ohne Begierde zur Lust
ihres Geschlechtes, der die Nähe des Geliebten ganz genügt: eine erste,
unerläßliche Bedingung, die vielleicht in Bella zum erstenmal wahrgeworden
war, weil sie von den Zigeunern, die sie bisher kennen gelernt, immer als
ein Wesen höherer Art behandelt worden und sich dafür anerkannt hatte; die
Erscheinung des Prinzen war ihr aber so heilig rein, wie der Körper des
Allerheiligsten in der Messe, vorübergegangen, zu schnell, um ihre
Betrachtung zu wecken. In solchem Mädchen, das so mächtig von der
Phantasie in allen Segeln angehaucht wird, soll gleichzeitig der
übermännliche Mut wohnen, nachts in der eilften Stunde mit einem schwarzen
Hunde unter den Galgen zu gehen, wo ein unschuldig Gehenkter seine Tränen
aufs Gras hat fallen lassen; da soll sie ihre Ohren mit Baumwolle wohl
verstopfen und mit den Händen suchen, bis sie die Wurzel erreicht, und
trotz allem Geschrei dieser Wurzel, die keineswegs natürlicher Art,
sondern ein Kind der unschuldigen Tränen des Erhenkten ist, ihr das Haupt
entblößen, einen Strick aus ihren eignen Haaren umlegen, den schwarzen
Hund daran spannen, dann fortlaufen, so daß der Hund, im Wunsche ihr zu
folgen, die Wurzel aus der Erde zieht, wobei er von einer erblitzenden
Erschütterung des Bodens unfehlbar erschlagen wird. Wer in diesem
Augenblicke, dem entscheidendsten, seine Ohren nicht wohl verstopft hat,
kann von dem Geschrei auf der Stelle unsinnig werden. Bella war wiederum
die einzige seit Jahrtausenden, bei der sich alle diese Erfordernisse
vereinigten; wer war unschuldiger, als das teure Haupt ihres Vaters
Michael, der in rastloser Tat für sein armes Volk, in steter Mühe und Not
für die Seinen, um das Unbedeutendste einem Reichen zu entfremden, allzu
ehrlich und stolz gewesen war. Welches Mädchen hätte Mut gehabt, in der
Mitternacht einen solchen Weg mit Überlegung zu machen, als Bella, die nun
schon seit vier Jahren, wo ihre Mutter gestorben, ein verstecktes,
nächtliches Leben geführt hatte und mit dem Laufe des Mondes, mit den
Sternen zu vertraulich bekannt war, um in der Nacht noch eine besondre
Einsamkeit und Traurigkeit wahrzunehmen. Welches Mädchen hatte wie sie
einen schwarzen Hund, aus dessen Augen mehr blickte, als sein Mund
ausbellen konnte, und wiederum welchem Mädchen war dieser einzige
Gesellschafter so verhaßt, wie ihr, die ihn seit früher Zeit, wo er sie
gebissen, nicht leiden konnte und ihn jetzt noch mehr verachtete, nun er
ihr mit einer widrigen Demut diente und sie doch auf allen Wegen belauerte
und, wenn sie recht zärtlich mit einer Puppe aus alten Kleidern wie mit
dem Prinzen sprach, sie auslachte; auch hatte der Vater immer behauptet,
es stecke der böse Feind in dem Hunde. Welches Mädchen hatte endlich so
langes Haar, wie Bella, um es zu Stricken flechten zu können, und welche
mochte es, wie sie, ruhig zu dem Versuche hingeben; sie aber wußte nichts
von ihren Schönheiten, es war ihr lieb, daß sie künftig nicht so lange an
ihren Haaren zu kämmen hätte, und so sank ihr Haar, in dessen glatten
Locken sich oft die Sterne wie im Haupthaar der Berenize gespiegelt hatten,
im raschen Schnitt einer Schere wie ein schwarzer Schleier auf den Boden
rings um sie her, ihrem Hund Simson eine Kette daraus zu flechten, die ihm
den Tod brächte. Sie merkte bald, daß er alles, was sie gesprochen,
vernommen habe, denn statt daß er sich sonst kleine Vorräte an Knochen und
Brot im Garten vergrub, so öffnete er jetzt nach und nach alle diese
vergrabenen Schätze und fraß unersättlich. Hätte jenes sie rühren können,
so empörte sie dies noch mehr; übrigens schien er nicht traurig, aber er
sah sie spöttisch an, und als der erste Freitag kam, denn ein Freitag wird
zur Ausführung gefordert, durchkroch er das ganze Haus noch einmal, beroch
alle Winkel und führte sich in seinem Lager gegen seine Art unreinlich auf,
welches sie ihm aber diesmal lieber verzieh als ihrer Alten die
Langweiligkeit, mit der sie in unendlichen Erzählungen von "hat er gesagt",
"hab ich gesagt", ihre ganze verfluchte erste Liebschaft erzählte, die
Bella leicht um eine der Hauptbedingungen bei der Aufsuchung der
Alraunenwurzel hätte bringen können, wenn diese nicht aus Ungeduld über
ihre lange Anwesenheit im Zählen der Minuten sie und die Stunden überzählt
hätte, bis es zwölfe geschlagen: da sprang endlich Bella aus Ungeduld auf
und fing mit der Alten aus Ärger, daß sie alles noch eine Woche
aufschieben müsse, den Kranichtanz der Zigeuner an, daß diese endlich ohne
Atem in einen Sessel fiel und hustete und schwur, so lustig habe sie auf
ihrem Hochzeittage nicht einmal getanzt; dabei nahm sie ein Stück
Lakritzensaft in den Mund, um den Husten zu dämpfen, und trabte endlich
mit großem Bedauern fort, daß sie schon weggehen müsse. Etwas Angst hatte
Bella doch gespürt; nun die Woche versäumt war, schien es ihr doch besser,
daß sie sich noch vorbereiten könne, und der schwarze Hund schien nicht
minder diese Frist zu wünschen, um noch recht essen zu können; sie
gewährte ihm gerne die leckersten Bissen, weil sie wußte, was er für sie
tun müsse, ja zuweilen, ungeachtet ihres Widerwillens gegen das Tier,
kamen ihr bei seinem Anblicke Tränen in die Augen, doch tröstete sie sich
immer mit dem Zusatze im Zauberbuche, daß treue Hundeseelen, die in
solchem Geschäfte blieben, zur Seele ihrer Herren gelangen, und sie war
gewiß, daß sich der Hund beim Vater Michael besser als bei ihr gefallen
müsse.
Endlich kam der zweite Freitag, es war schon kalt geworden, die ruhigen
Gewässer waren dünn befroren, und die Alte hatte sich bei ihr entschuldigt,
daß sie in den nächsten Tagen nicht herauskommen könne: ihr Husten sei
aber so stark, sie müsse sich heimhalten. Alles schien erwünscht, die
Nachbarn waren alle nach der Stadt gezogen, die Nacht war dunkel, und der
Wind führte die ersten Schneeflocken über die trockene Erde. Bella
durchlief noch einmal das Zauberbuch, ihr Herz schlug heftig, als es
langsam eilf schlug, der schwarze Hund schleppte ihre Puppe, in der sie
ihren Prinzen sah und verehrte, herbei, zerrte und biß darin: das brachte
sie zum Entschluß; diesen Schimpf, den er ihrem Liebling angetan, mußte er
büßen; schnell nahm sie die Stricke, die sie aus ihren Haaren geflochten
und die sie bisher, um der Alten keinen Argwohn zu geben, auf ihrem Kopf
getragen, und schlug auf ihn. Er wollte zur Türe hinaus, sie öffnete die
Türe, und beide waren in die zauberhafte Winterwelt hinausversetzt und
gingen dem Winde nach ihren Weg, ohne ihn zu kennen, bloß nach der
Richtung, um den Berg zu erreichen, auf welchem das Hochgericht gehalten
wurde. Diese Straße war leer von Menschen, aber mehrere Hunde kamen mit
großem Lärmen unter den Gartentüren hervorgesprungen, liefen auf den
schwarzen Simson los, aber im Augenblicke, wo sich diese Philister ihm
naheten, sah er sie an, zeigte seine Zähne, und die größten wie die
kleinsten Hunde flüchteten mit einer Angst, den Schwanz zwischen den
Beinen, in die Gärten zurück, daß sie sich selbst unter den Türen
einklemmten und erbärmlich schrien. Gleiche Angst zeigten ein paar
Stachelschweine, die ihre Stacheln voll Äpfel und Birnen, die sie sich in
den Gärten angewälzt und angestachelt hatten, quer über den Weg zogen,
sich aber bei dem Anblicke des Hundes zusammenkugelten, daß dieser ihnen
ihre Beute sehr behaglich abnahm und verzehrte. Bella hatte sich dabei
ausgeruht, nun war es ihr aber sonderbar, daß, wie sie jetzt aufstand und
sich dem Berge näherte, ein anderer immer in ihre Fußtapfen zu schreiten
schien, und zwar mit solcher Sorgfalt, daß er mit der Spitze seines Fußes
jedesmal die Ferse des ihren anrührte, sie wagte nicht umzusehen und lief
immer hastiger zu, bis ein Schlag vor den Kopf sie niederstreckte. Der
Schlag war indessen nur wenig betäubend, sie faßte Mut, als alles umher
still war; sie faßte um sich, als niemand sie anfaßte, und fühlte, daß sie
gegen einen herabgelassenen Schlagbaum angerannt war; was aber in ihre
Schritte so eilfertig getreten, war ein Dornstrauch, der sich an ihr Kleid
gehängt hatte. Sie mußte sich über ihre Furcht verwundern und nahm sich
vor, jetzt aufmerksamer und besonnener zu sein, und vergaß es doch bald
wieder, als eine Zahl von Pferden, die in einer Koppel lagen, bei ihrer
Annäherung aufsprangen und über Busch und Hecken fortjagten. Jetzt war
sie oben, und sie sah über die reiche Stadt hin, wo noch manches Licht
brannte ein Haus war aber hell erleuchtet, und da, meinte sie, müsse der
Prinz wohnen: so hatte ihr die Alte sein Haus beschrieben, und sie wußte,
daß sein Geburtstag gefeiert wurde. Sie hätte alles bei dem Anblicke
vergessen, selbst die trocknen Gehenkten über sich, die einander fragend
anzustoßen schienen, hätte nicht der schwarze Hund aus eigener Lust unter
dem Dreifuße gegraben. Sie fühlte, was er gefunden, und hatte eine kleine,
menschliche Gestalt in Händen, die aber mit beiden Beinen noch in der
Erde wurzelte; sie war's, sie war's, die geheimnisvolle Mandragora, das
Galgenmännlein, sie hatte es gefunden ohne Mühe, und in einem Halsumdrehen
war der Strick ihrer Haare umgelegt und um den Hals des schwarzen Hundes
angeschirrt; dann lief sie in Angst wegen des Geschreis der Wurzel fort.
Sie hatte vergessen, ihre Ohren zu verstopfen, lief nun, so schnell sie
vermochte, und der Hund ihr nach; er riß die Wurzel aus dem Boden, und ein
erschrecklicher Donnerschlag stürzte ihn und Bella nieder; doch hatte ihr
sichrer, schnellfüßiger Lauf sie schon funfzig Schritte entfernt.
Das hatte Bellas Leben errettet; doch blieb sie lange ohnmächtig und
erwachte erst, als schon die beglückten Liebhaber von ihrem Glücke lässig
heimkehrten, einer von diesen sang ein jauchzendes Lied von seinem feinen
Liebchen und von den falschen Zungen, die heimliche Liebe ausschwätzen;
halb hatte er dabei Schlummer in den Augen, und so kam es, daß er sie
übersah. Als sie davon erwachte, wußte sie nicht, wie sie an diesen Ort
gekommen, den sie nicht mehr erkannte; schwach richtete sie sich auf und
sah im ersten Morgenschimmer ihren toten Simson. Sie erkannte ihn,
erinnerte sich auch allmählich, warum sie hergekommen, und fand an den
Haarflechten, die sie jetzt dem Hunde abnahm, ein menschenähnliches Wesen,
gleichsam einen beweglichen Umriß, aus welchem die edlen Sinne noch nicht
hervorgetreten sind, ähnlich einer Schmetterlingslarve: so war der Alraun,
und wunderbar ist es zu nennen, wie sie auf der einen Seite des Prinzen
gar nicht mehr denken konnte, der eigentlichen Ursache, warum sie den
Alraun aufgesucht, ganz vergessen hatte, so liebte sie diesen auf der
andern Seite mit jener ersten Zärtlichkeit, welche zart durchdringend seit
jener Nacht, wo sie den Prinzen gesehen, in ihr zur Erscheinung gelangt
war. Zärtlicher kann eine Mutter ihr Kind, das sie bei einem Erdbeben
verschüttet glaubt, nicht wieder begrüßen, nicht vertrauter, nicht
bekannter, als Bella den kleinen Alraun aus dem letzten Erdenstaube an
ihre Brust hob und ihn von allem Anflug reinigte. Er schien von dem allen
nichts zu wissen, sein Atem strömte aus kaum bemerkbaren Öffnungen des
Kopfes, nur als sie ihn eine Zeitlang auf ihren Armen gewiegt hatte,
bemerkte sie an einem ungeduldigen Stoß seines Armes gegen ihre Brust, daß
er diese Bewegung liebe; auch beruhigte er Arme und Beine nicht eher, bis
sie ihn wieder mit schaukelnder Bewegung erfreulich einschläferte. So
eilte sie mit ihm in ihre Wohnung zurück; sie achtete nicht des
Hundegebells, nicht einzelner Marktleute, die sich früh vor den Toren der
Stadt sammelten, um die ersten bei der Eröffnung der Tore zu sein; sie sah
nur auf den Kleinen, den sie sorgsam in ihren Überrock eingeschlagen hatte.
Endlich war sie in ihrem Zimmer, hatte ihr Licht angezündet und besah
das kleine Ungeheuer. Es tat ihr leid, daß er nicht einen Mund zum Küssen,
nicht eine Nase habe, die ein göttlicher Atem herrschend und sanft
geformt, daß keine Augen sein Inneres kund machten und daß keine Haare den
zarten Sitz seiner Gedanken umsicherten; aber ihre Liebe minderte das
nicht. Sie ging sorgsam zu ihrem Zauberbuche, um sich wieder zu erinnern,
was mit dieser gegliederten und beweglichen Rübe anzufangen sei, um ihre
Kräfte, ihre Bildung zu entfalten, und sie fand es bald. Zuerst sollte
sie den Alraun waschen, das vollbrachte sie, dann sollte sie ihm Hirse auf
den rauhen Kopf säen, und wie diese aufginge in Haaren, so würden sich
seine übrigen Gliedmaßen von selbst entwickeln, nur müsse sie an jede
Stelle, wo ein Auge entstehen sollte, ein Wacholderkorn eindrücken, wo
aber der Mund werden sollte, eine Hagebutte. Zum Glück konnte sie diese
Sämereien alle herbeischaffen, die Alte hatte ihr neulich einige gestohlne
Hirse gebracht, Wacholderbeeren brauchte ihr Vater häufig zum Räuchern in
seinem Zimmer; sie hatte den Geruch nie leiden können, jetzt war er ihr
lieb, denn es war noch eine Handvoll übriggeblieben; eine
Hagebuttenstrauch hing im Garten noch voll roter Früchte als die letzte
Pracht des Jahres. Alles wurde herbeigeschafft, zuerst die Hagebutte an
den rechten Ort eingedrückt, sie merkte aber nicht, daß sie ihm diese bald
aus Liebe schief küßte; dann drückte sie ihm zwei Wacholderbeerkerne ein,
es schien ihr, als sähe der Kleine sie an, das gefiel ihr so wohl, daß sie
ihm gerne ein Dutzend eingesetzt hätte, wenn sie nur einen schicklichen
Platz dazu hätte ausfinden können; aber wo sie ihm am liebsten Augen
eingesetzt hätte, hinten, da fürchtete sie, möchte er sich oft wehe daran
tun; zuletzt brachte sie noch ein Paar Augen in seinem Nacken an, und wir
müssen ihr eingestehn, daß diese Erfindung nicht ganz zu verachten gewesen
sei. So fröhlich und ernstlich zugleich begann sie dies Werk, ein Wesen
zu schaffen, das, wie der Mensch seinen Schöpfer, bis an sein Ende sie
betrüben sollte; selbstzufrieden wie ein junger Künstler, dem alles über
Erwartung glückt, besah sie ihr kleines, unförmliches Ungeheuer und
verbarg es in einer zierlichen Wiege, die sie im Hause vorgefunden,
wohlbedeckt mit Betten, entschlossen, selbst gegen die alte Braka dies als
das erste Geheimnis ihres Lebens zu bewahren.
Braka, die sich am andern Abende durch ihr verabredetes Katzengeschrei
kund machte, merkte doch an ihr eine Veränderung und fragte listig nach
allen Seiten, insbesondre als sie den schwarzen Hund nicht mehr bemerkte:
"Gott sei gelobt, ist der Hund fort! wie ist's gekommen? Ich hätte den
infamen Köter längst tot gemacht, wenn ich gedurft hätte; aber da er vom
Vater hinterlassen war, so durft' ich nicht; einmal hatte ich ihn doch
schon im Sack und wollte ihn ersäufen, da biß er mich aber beim Aufheben
des Sacks so scharf in die Hände, daß ich ihn mit dem Sack laufen ließ:
nun sag, Kind, wie hast du es angefangen, ihn über die Seite zu schaffen?"
Bella sah seitwärts auf ihre Arbeit nieder, sie schälte Äpfel und erzählte
recht umständlich, wie sie nachts im Garten gewesen, wie ein schäumender
Hund dort gegen sie angerannt sei, wie sich ihr schwarzer Simson auf ihn
gestürzt und beide einander so grausam zerzaust und herumgerissen, bis der
fremde Hund sich geflüchtet hätte, worauf der Simson lahm und blutend ihm
nachgelaufen und seit der Zeit von ihr nicht wieder gesehen worden sei,
vielleicht weil er gefühlt, daß er toll werde, und sie nicht habe
verletzen wollen. Eine recht rührende Erfindung! Bella hatte sie so
wahrscheinlich vorgetragen, ungeachtet es ihre erste Lüge war, daß Braka
beruhigt war und sich in Verwunderung über das treue Tier und über das
große Unglück, dem sie entgangen, ausließ. Nun hatte Bella Mut, ihr alles
einzubilden, was sie künftig von ihrem Wurzelmännchen zu sagen nötig
finden würde; doch wartete sie ungeduldig, daß die Alte ginge, denn sie
fühlte eine rechte Unruhe, ob noch nichts Lebendiges an ihm wahrzunehmen
sei.