VII.

Die Sitten und Gebräuche.

Die Einwohner halten nicht bloß an ihrer Sprache, sondern auch an ihren

+Sitten+ und +Gebräuchen+ beharrlich fest. Man findet dort auch einige

hübsche +Sagen+, besonders von Zwergen, die im Wallonischen ~Sottais~

(von ~sous terre~) genannt werden, weil sie sich meistens unter der

Erde aufhielten, oder ~Nuttons~ (von ~nuit~), weil sie nur während der

Nacht zum Vorschein kamen. Die bemerkenswertesten dieser Sagen findet

man in der Zeitschrift „~Wallonia~“[29] erzählt. Es würde mich zu weit

führen, wenn ich hier darauf eingehen wollte.

Die preußischen Wallonen lieben wie ihre belgischen Stammesgenossen die

+Feste+. Fastnacht wird mit vielem Lärm gefeiert, und die „~Semaine~“

verfehlt nicht, eine Beschreibung von zwei Folioseiten zu bringen.

Allerdings ist die Polizei ziemlich strenge, denn die Polizeistunde

ist für die drei Fastnachtstage „ausnahmsweise“ auf 1 Uhr Nachts

festgesetzt. Früher scheint es etwas ungezwungener hergegangen zu sein,

denn jetzt wird noch jedes Jahr daran erinnert, daß die unter der

Bezeichnung „~Egyptiennes~“ bekannten Masken verboten sind. Hermann

Rehm sagt:

„In Malmedy trägt man allem karnevalistischen Mummenschanze große

Sympathien entgegen, doch hat der Fasching, wie er in dieser

Stadt gefeiert wird, neben vielem Geräuschvollen manches Schöne

und Originelle. Der Zug des „~trouvl’ai~“ (Holzspaten), die sog.

„~Massitours~“, die „~Haguette~“,[30] die charakteristischen

Pierrottänze, das sind Dinge, welche man in einer anderen Stadt

nicht zu sehen bekommt. Bei der Maskerade bleibt nichts der Willkür

überlassen, Kleidung, Bewegung, Rufe und Gesänge, alles wird durch

die herkömmlichen Formen geregelt. Die aus der altitalienischen

Komödie herübergenommenen Masken haben sich beim Karneval einer

besonderen Beliebtheit zu erfreuen. Zu Fastnacht werden ferner in den

Gesellschaftszirkeln häufig Gelegenheitspossen, von Einheimischen in

französischer oder wallonischer Sprache verfaßt, aufgeführt.“

In der Nacht vom 1. Mai pflanzen die jungen Leute Bäumchen vor den

Häusern ihrer Freundinnen auf, ebenso am Tage der Verlobung. Dabei

singen sie dann „~lu Nutte du Maie~“ (~la Nuit de Mai~), ein

in der Wallonie volkstümliches Lied, sozusagen die Lokalhymne von

Malmedy. Sie wurde von einem dortigen Dichter Florent Lebierre verfaßt,

dessen Bruder Olivier sie in Musik gesetzt hat.

Jedes Jahr wird der Martinstag mit seinen alten symbolischen Bräuchen

gefeiert. Schon einige Zeit vorher gehen die Knaben von Haus zu Haus,

um unter Absingung wallonischer Lieder Holz und Stroh zu erbitten.

Am Martinsabend wird auf einer Höhe ein großes Feuer angezündet, um

welches die Jugend tanzend und springend sich bewegt. Hier gelangt auch

das wallonische Volkslied, das ja allmählich durch das deutsche Lied

verdrängt wird, zu Ehren. Singend kehrt man in die Stadt zurück, um den

an jenem Abend üblichen Reisbrei zu verzehren.

So recht ländlich ist auch ein anderes Vergnügen, „~Cusnée~“ genannt:

man begiebt sich in Gesellschaft aufs Feld, um in einem frei brennenden

Feuer Kartoffeln zu braten, die mit Butter bestrichen genossen werden.

Häufig wird auch Bier dazu getrunken oder ein Liebeslied gesungen.

Oft versteigt man sich auch zu einem ländlichen Tanz, einem „~bal

champêtre~“. Die Bedeutung des Wortes „~Cusnée~“ oder „~Küssnee~“

hat sich allmählich erweitert; man bezeichnet darunter auch jede

Landpartie, sowie gesellige Zusammenkünfte in der Stadt selbst.

Eine wirkliche Unsitte sind die auf dem Lande vorkommenden

„Leichenschmäuse“, Gastereien bei der Totenwache, gegen welche die

Behörden und die Presse schon oft geeifert haben, ohne sie jedoch

verdrängen zu können.

Herr Gymnasiallehrer Zander aus Aachen, der mehrere Jahre in

Malmedy thätig war, beschreibt in einer Plauderei[31] einige andere

interessante Gebräuche. Ich gebe den mir vom Verfasser freundlichst

zur Verfügung gestellten Artikel, der auch eine Beschreibung der

„~Cusnée~“ enthält, hier vollständig wieder:

„Der Herbst ist die schönste Zeit für die Volksspiele im Freien.

Wenn man jetzt des Sonntags auf den Bergen herumklettert, sieht man

überall auf den Dörfern und Weilern der Wallonie die Landleute und

auch manche Stadtbewohner damit beschäftigt, +Kegel+ zu spielen oder

+Schinken zu werfen+. Die Kegelbahn ist viel kürzer als in der Stadt,

und die Kugeln sind, wie auch in Süddeutschland vielfach, mit Löchern

versehen. In manchen Orten soll der Einsatz recht hoch sein. Das

Schinkenwerfen ist nur ein Spiel für kräftige Leute. Zwei hölzerne

Balken, 1½ Meter hoch, sind in den Erdboden hineingetrieben und

bilden, durch einen Balken von 3 Meter Breite miteinander verbunden,

ein Gerüst. An dem wagerechten Balken befinden sich mehrere Nägel,

und an diesen werden zu Beginn jedes Spiels hölzerne Schinken mit

Kordeln befestigt. Die Spieler stellen sich in einiger Entfernung

von diesem Gerüst auf und werfen in einer durch das Loos bestimmten

Reihenfolge danach mit schweren eisernen Stäben. Es handelt sich

darum, den wagerechten Balken so zu treffen, daß die Kordel, womit

ein Schinken befestigt ist, zerreißt. Wem dies gelingt, der erhält

den Schinken oder was man sonst verabredet hat. Es kann dabei

vorkommen, daß mehrere Schinken zusammen herabfallen. Sicherlich

gewinnt nicht immer der Stärkste, sondern wer am geschicktesten den

Balken zu treffen weiß, auch werden wohl, wie bei jedem Spiel, Kniffe

dabei sein, und wie beim Vogelschießen ist es auch Glückssache.

Eine interessante Abart des Schinkenwerfens ist das +Hammelwerfen+.

Allsonntäglich kann man jetzt in unsern Wochenblättern lesen:

„~Aujourd’hui, dimanche, on jettera un mouton. Qui l’abat, l’a.

N. N.~“ (Heute, Sonntag, wird man einen Hammel werfen. Wer ihn

herunterschlägt, hat ihn). So lautet die Anzeige eines Gastwirtes,

der Gäste dadurch heranzuziehen hofft, daß er ihnen das Vergnügen

des Hammelwerfens bietet. Nachmittags gegen 5 Uhr, nachdem man

oft schon mehrere Stunden auf demselben Platze dem Schinkenwerfen

obgelegen hat, wird der Hammel vorgeführt. Das Tier ist natürlich

selten von erster Güte und hat nicht viel Geld gekostet. Es beginnt

die Diskussion um die Höhe des Einsatzes. Dabei geht alles in der

anständigsten Weise zu; denn der Wallone geht nicht leicht zu

Streitigkeiten und Schlägereien über. Aber es wird mit unglaublicher

Beredtsamkeit und Lebhaftigkeit gefeilscht, unter vielem Lachen

und auf die Tische schlagen. Endlich ist man einig. Das Tier wird

geschlachtet und mit einem Hinterbeine an einem senkrecht in die

Erde getriebenen Pfahl, 2 Meter über dem Erdboden, festgenagelt, der

nach hinten von mindestens zwei schrägen Holzbalken gestützt wird.

Die Sehnen der Hammelbeine sind bekanntlich sehr stark, und das Bein

ist noch mit einer Kordel an dem Nagel befestigt. Nun wird gerade

so wie beim Schinkenwerfen nach dem Pfahl gezielt, und jeder sucht

den hintern Teil des Hammels zu treffen. Hierbei benutzt man jedoch

nicht die Eisenstäbe, sondern gerade so große hölzerne Balken. Die

Reihenfolge der Spieler wird auch hier durch das Loos bestimmt.

Der Hammel muß so herunterfallen, daß ein Stück des Hinterbeins an

dem Nagel bleibt. Es würde hier nicht gelten, wenn etwa die Kordel

entzwei ginge. Das Spiel dauert oft zwei Stunden. Endlich gelingt es

einem, das Bein zu zerbrechen, und der Hammel gleitet auf die Erde.

Der Sieger wird mit lautem Jubel begrüßt und zieht, mit seinem Hammel

beladen, zur Wirtschaft. Dort muß sich der Hammelkönig revanchieren,

und seinen Kameraden ~Tournées~ (Runden) werfen. Am Abend bringt

er stolz seine Beute heim, aber sein Geldbeutel ist leer. Auch der

Hammel macht nicht immer viel Freude, denn gerade die besten Stücke

sind durch das Werfen oft ungenießbar gemacht.“

„Ein anderes eigenartiges Volksvergnügen, das man nur hier sehen

kann, sind die ~+Cusnées+~. Sobald die Kartoffeln anfangen zu reifen,

also von Mitte August ab, werden diese Festlichkeiten abgehalten.

Familien, Gesellschaften, junge Leute versammeln sich, um zu

schmausen, und die Kartoffeln, wie sie aus der Erde herauskommen,

in Asche gebraten, zu verzehren. Nach der Etymologie des Volkes

kommt das Wort von ~cuit~ und ~né~, d. h. wie sie geboren werden,

werden sie gekocht. In Stavelot heißt das Wort wirklich: ~Cuitnée~.

Es heißt aber einfach: Das Kochen, Braten, und ist abzuleiten von

~cuhner~ = ~cuisiner~, ~faire la cuisine~. Eine rechte ~Cusnée~ muß

im Freien stattfinden. Da zündet man ein großes Feuer von trockenen

Reisern an, und hierauf legt man glühende Kohlen. Auf diesen werden

die Kartoffeln in gewaschenem, aber ungeschältem Zustande gebacken,

indem man über dieser Schicht ein zweites Feuer anzündet. In

weniger als einer Viertelstunde sind sie genießbar. Sie sind von

einer gerösteten Kruste umgeben, und ihr Geschmack würde sogar dem

wählerischsten Gourmand Ausrufe des Entzückens entlocken. Man bricht

sie (schneiden mit dem Messer würde ihnen ein gut Teil ihres Wertes

nehmen) und versieht sie tüchtig mit Pfeffer, Salz und Butter. Da sie

nicht gerade leicht verdaulich sind, trinkt man Schnaps dazu. Wer

seinen Magen daran gewöhnt hat, kann bis zwanzig Stück essen. Der

Schmaus wird durch Singen und Tanzen gewürzt. Wenn die Witterung kalt

wird, werden die ~Cusnées~ in verschlossenen Räumen abgehalten. Die

Kartoffeln sind dann im Backofen auf Asche gebacken. Besonders schön

sind die von den hiesigen Gesangvereinen veranstalteten ~Cusnées~.

Man hat dabei das seltene Vergnügen, dieselben Leute fortwährend in

drei Sprachen -- wallonisch, französisch und deutsch -- sprechen und

singen zu hören, und das letztere nicht in dem tötlich langweiligen

Unisono des deutschen Kneipengesangs, sondern von geschulten Sängern,

die schon bei manchem Wettsingen preisgekrönt worden sind.“

„Die Sitte des Hammelwerfens wird wohl in alte Zeiten zurückreichen.

Man darf wohl annehmen, daß früher der Hammel lebendig aufgehängt

wurde, und daß rohere Zeiten und Menschen sich an dem Blöken

des gequälten Tieres erfreuten. Vielleicht hat die Sitte einen

mythologischen Hintergrund, der ja beim Kegelspiel längst

nachgewiesen ist. Die Kartoffelmahle können aber nicht älter sein

als die Kartoffel; ältere Leute müßten über die Einführung dieser

Freudenfeste Bescheid wissen. Sie legen Zeugnis ab von dem Jubel, mit

dem die Kartoffel in den ärmeren Gegenden begrüßt wurde.“

Das „Burgbrennen“, d. h. Abbrennen eines Feuers auf einer Anhöhe

am ersten Fastensonntag, ist im Kreise Malmedy, wie überhaupt in

der Eifel und den Ardennen üblich. Der Ursprung dieser Feuer geht

in das heidnisch-germanische Altertum zurück, denn am Burg- oder

Schoofsonntag[32] (französisch ~dimanche des brandons~ und ~dimanche

des bures~) wird, wie Simrock im Schlußwort zu den Sitten und Sagen

des Eifler Volkes von Schmitz (Bd. II, S. 148) ausführt, der Winter in

Gestalt einer alten Frau oder Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Am

Burgsonntag pflegt man in der Eifel Buchweizenpfannkuchen („Pankech“)

und Haferwaffeln zu essen. Auch in der Stadt Malmedy, wo man das

Burgbrennen jetzt nicht mehr kennt, werden am ersten Fastensonntage

Waffeln gebacken.

~Dr.~ Quirin Esser, der die Sitten und Gebräuche der Wallonie

beschrieben hat,[33] sagt, die Bewohner des Dorfes betrachteten es als

eine Pflicht, solche Feuer abzubrennen. Sie seien der Meinung, wenn

sie es unterließen, würden sie im Laufe des Jahres von einem Unglücke

(Brand, Todesfall in der Familie, Verlust im Viehbestande usw.)

heimgesucht werden. Zu dem Feuer werden besonders Wachholdersträuche

benutzt, die beim Brennen laut knistern. Die Sträucher werden auf

einem Wagen auf die Anhöhe gebracht, während die Kinder im Dorfe Stroh

und Reisig zusammenbetteln. All dieses Brennmaterial wird um eine

hohe Stange oder eine Strohpuppe (~haguette~) aufgehäuft und gegen

Abend in Brand gesteckt, während die Bewohner des Dorfes sich ringsum

versammeln. Unter Schreien und Jauchzen sieht man dem Feuer zu, während

die Jungen und Mädchen um die Feuerstätte tanzen. Stehen an dem Abend

viele Sterne am Himmel, so glaubt man, es werde ein reiches Erntejahr

werden. Manche behaupten auch, der Wind behalte den größten Teil des

Jahres über dieselbe Richtung, wie an jenem Abend, während andere

behaupten, die Richtung werde eine entgegengesetzte sein.

Der Johannistag wurde früher in Malmedy von den Kindern gefeiert.

In einzelnen Familien wurden sie mit Milch und Kuchen bewirtet; sie

bekränzten sich mit Blumen und zogen dann, mit einer Harmonika an der

Spitze, durch die Straßen der Stadt und tanzten auf den öffentlichen

Plätzen.

Zum Schlusse sei noch ein anderer Gebrauch erwähnt, der anderwärts wohl

selten vorkommen dürfte. Schon Wibald erklärt in einem seiner Briefe,

niemand dürfte sich in einer auswärtigen Familie verheiraten, ohne die

Erlaubnis des ~major~ (~mayeur~), des Verwalters und Vorsitzenden des

Schöffengerichts. Dieser Gebrauch ist auf dem Lande lange geblieben.

Ein junger Mann, der ein Mädchen aus einem anderen Dorfe heiratete,

mußte der Jugend seines Heimatdorfes ein „~droit de sortie~“ bezahlen.

In der letzten Zeit des Fürstentums wurde demselben außerdem ein

Katzenständchen gebracht. Dieser Gebrauch scheint übrigens in dem

Lande ziemlich alt gewesen zu sein, denn es giebt nicht weniger als 15

Verordnungen gegen die ~charivaris~, die bei solchen Anlässen verübten

Spektakelscenen.

[Illustration]

[29] 13. April 1893.

[30] ~Haguette~ war eine Strohpuppe, welche auf dem Marktplatz zu

Malmedy am Abend des Aschermittwochs zum Beschluß des Carnevals

feierlich und mit großem „Knalleffekt“ verbrannt wurde. ~Haguette~

ist auch ein Maskierter oder eine besondere Charaktermaske.

[31] Unterhaltungsblatt des Politischen Tageblatts (Aachen) 1893. Nr.

84.

[32] Das niederdeutsche Schoof oder Schöf bedeutet Strohbund oder

Strohwisch. Die Jugend sammelt Stroh für das Feuer.

[33] ~Mélusine, Revue de mythologie, littérature populaire,

traditions et usages. Dirigée par Henri Gaidoz.~ Paris 1889 Nr. 14,

1890 Nr. 3, 1896 Nr. 4.

Malmedy und die preußische Wallonie · 第 18 / 20 题