VIII.

Die Verdeutschungs-Maßregeln und die Zukunft der Wallonie.

In Malmedy erzählte man mir von einem französischen Schriftsteller, der

vor zwei Jahren dort anwesend war, um sich über die Verhältnisse zu

erkundigen. Er hat jedenfalls nur mit Einheimischen verkehrt und ist

in manchen Sachen schlecht unterrichtet worden. Vorurteilsfrei vermag

er die Lage nicht aufzufassen, und ich entspreche nur den Wünschen

vieler Bewohner von Malmedy, wenn ich etwas näher auf den Bericht

eingehe, den er in dem Organ der geographischen Gesellschaft von Lille

veröffentlicht hat.[34] Auguste Descamps hat Wahres mit Falschem

vermischt. Er hat manche interessante Eigentümlichkeiten verzeichnet,

aber den Charakter der Bewohner hat er durchaus falsch erfaßt, da er

sie als unversöhnliche Protestler ansieht. Die Witze, mit denen er

seine Abhandlung beginnt, sind kaum der Beachtung wert. „Wo sind“,

fragt er, „die Pickelhauben, wo die Notare, Lehrer und Richter mit

narbendurchschnittenen Gesichtern, wo die Soldaten mit Brillen, wo die

Spießbürger, die im Schlafrock, mit Pantoffeln und Nachtmütze ausgehen

und unaufhörlich mit einer langen bis zu den Knieen herabreichenden

Pfeife bewaffnet sind, ohne die sie wie Elefanten aussehen würden,

welche ihren Rüssel verloren haben?“ Wer diese Bemerkungen als

geistreich ansehen will, muß eben über jede nationale Eigentümlichkeit

lachen. In Malmedy herrscht allerdings die kurze belgische Pfeife vor,

aber die deutschen Spießbürger haben doch nicht die Gewohnheit, im

Schlafrock und in Pantoffeln auszugehen.

Man könnte ja darüber streiten, ob Preußen Recht hatte, eine

wallonische Gegend zu annektieren, aber es ist doch lächerlich, zu

behaupten, es sei arm und habe sich nach dem reichen Malmedy gesehnt;

wer so was schreibt, ist jedenfalls nicht über die preußische

Wallonie hinausgekommen. Vom nationalen Standpunkt aus wäre es wohl

empfehlenswerter gewesen, auf diese Gegend zu verzichten und an Stelle

derselben Arlon und Umgebung mit den deutsch sprechenden Gemeinden zu

beanspruchen.

Descamps will an dem Aussehen der Häuser und der Gärten „~la

positive Belgique~“ erkennen. Nun sieht zwar Malmedy nicht wie

eine altdeutsche Stadt aus, aber es verliert doch allmählich sein

wallonisches Gepräge. Wenn der Franzose ferner bemerkt, Samstags werde

in der ganzen Stadt geputzt (das wird in Lille wohl auch der Fall sein)

und die Frauen schütteten den Fremden ganze Eimer voll Wasser über die

Beine, so erinnert das an den Engländer, der irgendwo einen Mann mit

roten Haaren sah und dann in sein Notizbuch schrieb: „In dieser Gegend

haben die Leute rote Haare.“

Es mag sein, daß die Einheimischen von Gestalt etwas kleiner sind, als

die Deutschen, aber es ist doch nicht richtig, daß deswegen mehr junge

Leute bei der Aushebung zurückgestellt werden, als in anderer Gegend.

Descamps läßt sich leicht eine Meinung beibringen, sobald sie ihm in

den Kram paßt. Es ist leicht begreiflich, daß manchen jungen Leuten

aus Malmedy die Kenntnis des Französischen beim Fortkommen in der Welt

von Nutzen ist, allein ich habe nirgends davon gehört, daß ihnen in

„königlichen und kaiserlichen Bureaus“ besonders vorteilhafte Stellen

(„~de grasses sinécures~“) zugewiesen worden seien. Descamps sagt,

seit 1876 werde der untere und mittlere Unterricht ausschließlich in

deutscher Sprache erteilt, obwohl im übrigen Deutschland zahlreiche

Stunden dem Französischen gewidmet seien. Letzteres ist aber nur in den

mittleren und höheren Lehranstalten der Fall, denn in den deutschen

Volksschulen wird selbstverständlich kein Französisch gelehrt. Ebenso

ist es falsch, daß alle Kinder, sogar die altdeutscher Familien,

gezwungen werden, den Religionsunterricht in französischer Sprache zu

nehmen. Auch ist es nicht richtig, daß nur französisch geredet wird.

Kurz und gut, die Broschüre enthält eine solche Menge Irrtümer, daß man

allein zu deren Richtigstellung eine ganze Abhandlung schreiben müßte.

Ueberhaupt ist der französische Schriftsteller durchaus im Irrtum

befangen, wenn er die Malmedyer als widerspenstige Köpfe betrachtet.

Sie machen vielmehr den Eindruck guter deutscher Unterthanen. Auch

Hermann Rehm hebt hervor, daß die Gesinnung der Bewohner von Malmedy

echt deutsch ist. Er fügt allerdings hinzu, daß sie Manches an sich

tragen, was an französisches Wesen gemahnt. „Namentlich Höflichkeit

und Gefälligkeit“, schreibt er, „zwei Tugenden, die wir bei unsern

westlichen Nachbarn in so hoher Ausbildung antreffen, findet man

auch in Malmedy in allen Gesellschaftsschichten vor, wodurch der

Verkehr mit den Bewohnern dieser Stadt sich zu einem angenehmen und

genußreichen gestaltet.“ Von anderer Seite werden die Wallonen als ein

reich begabter, lebhaft empfindender Volksschlag geschildert, deren

Regsamkeit ihnen allerwärts, welchen Berufen sie sich auch zuwenden

mögen, zu günstigem Fortkommen verhilft.

An Opposition denkt niemand in der preußischen Wallonie. Die

Beziehungen zwischen den Einheimischen und den Vertretern der Behörden

sind durchaus gut. Als im Januar 1896 infolge des kaiserlichen

Gnadenerlasses die Gefangenen in Freiheit gesetzt wurden, riefen sie

„~Vive l’Empereur!~“ Man spricht dort seine deutsche Gesinnung in

französischer Sprache aus. Die Ortsblätter bringen über vaterländische

Feste Berichte, die sich manchmal bis zur Begeisterung erheben. Man

sieht, daß die Zeitungen keine Rücksicht auf grollende Protestler

zu nehmen brauchen, sondern nur dem Gefühl der Bevölkerung Ausdruck

verleihen. Bei einigen Einheimischen fand ich allerdings eine gewisse

Verstimmung, aber das waren Geschäftsleute, denen der Wettbewerb der

Eingewanderten unerwünscht ist. Es ist ungefähr so, wie in einem Orte,

wo die alteingesessenen Geschäftsleute mißmutig auf die von auswärts

zuziehenden blicken.

Malmedy gehört zum Wahlkreise des wegen seines Eintretens für die

Militärvorlage bekannten, durch persönliche Beziehungen zu Hofkreisen

einflußreichen Zentrums-Abgeordneten Prinzen von Arenberg. Die

Bevölkerung sprach sich 1893 entschieden für die Militärvorlage aus.

Der oberste Beamte in Malmedy ist der Landrat. Der jetzige Inhaber

dieses Postens gestand mir offen, daß er Land und Leute noch nicht

kenne, weil er erst kurze Zeit da sei. Wie es scheint, wird die

Malmedyer „Landratur“ als eine Art Uebergangsposten für solche Beamte

betrachtet. Das ist entschieden ein Fehler. In einer derartigen

Gegend, wo es auf eine stetige Verwaltungspolitik ankommt, sollte

man doch nicht Beamte nur auf einige Jahre unterbringen. Der jetzige

Bürgermeister von Malmedy nimmt schon seit sechs Jahren diesen Posten

ein. Er ist ein Altdeutscher, hat eine Malmedyerin geheiratet und kommt

überhaupt mit den Wallonen gut aus, obschon er gut deutsch gesinnt ist.

Die +Auswanderung+ aus der Gegend war früher anscheinend ziemlich

stark, wie überhaupt aus der Eifel und den Ardennen. Die Ortsblätter

von Malmedy weisen mit Stolz darauf hin, daß sie von ehemaligen

Bewohnern der Gegend in Belgien, Frankreich, Rußland und Amerika

gehalten werden. Manche Malmedyer suchen jetzt ihr Fortkommen in

Deutschland, wo ihnen die Kenntnis zweier Sprachen an manchen Stellen

von großem Nutzen ist. Die +Einwanderung von Altdeutschen+

ist natürlich nur in der Stadt Malmedy ziemlich stark. Durch die

politischen Verhältnisse werden die Einheimischen gezwungen, nicht

bloß deutsch zu lernen, sondern auch sich den deutschen Verhältnissen

anzubequemen.

Eine achtzigjährige Zugehörigkeit zu Preußen hat Malmedy seinen

wallonischen Charakter nicht zu nehmen vermocht. Es handelt sich

übrigens selbstverständlich hier nicht um eine Sprachinsel, sondern

um einen Ausläufer des belgischen Wallonentums. Die Bewohner des

Kreises Malmedy stehen mit ihren Stammesgenossen jenseits der Grenze im

vielfachen Verkehr, und deshalb dringt das Deutschtum nicht so leicht

bei ihnen ein, wie wenn sie isoliert wären.

[Illustration]

[34] Die Abhandlung ist auch als Broschüre erschienen unter dem

Titel: ~Société de géographie de Lille. Malmédy et les Wallons

prussiens ou une ville belge en Allemagne, par l’Auteur d’un

village français en Allemagne. Extrait du Bulletin de la Société

de géographie de Lille (Mai 1895). Lille, L. Danel 1895.~

Viel unparteiischer und gründlicher beurteilt ~Henri Gaidoz~,

Herausgeber der „~Mélusine~“ (Paris) die Verhältnisse in Malmedy

in einer Abhandlung: „~Malmédy et la Wallonie prussienne.~“ (~Le

Correspondant~, 10. September 1886. S. 911-935.)

Malmedy und die preußische Wallonie · 第 19 / 20 题