Die Verdeutschungs-Maßregeln und die Zukunft der Wallonie.
In Malmedy erzählte man mir von einem französischen Schriftsteller, der
vor zwei Jahren dort anwesend war, um sich über die Verhältnisse zu
erkundigen. Er hat jedenfalls nur mit Einheimischen verkehrt und ist
in manchen Sachen schlecht unterrichtet worden. Vorurteilsfrei vermag
er die Lage nicht aufzufassen, und ich entspreche nur den Wünschen
vieler Bewohner von Malmedy, wenn ich etwas näher auf den Bericht
eingehe, den er in dem Organ der geographischen Gesellschaft von Lille
veröffentlicht hat.[34] Auguste Descamps hat Wahres mit Falschem
vermischt. Er hat manche interessante Eigentümlichkeiten verzeichnet,
aber den Charakter der Bewohner hat er durchaus falsch erfaßt, da er
sie als unversöhnliche Protestler ansieht. Die Witze, mit denen er
seine Abhandlung beginnt, sind kaum der Beachtung wert. „Wo sind“,
fragt er, „die Pickelhauben, wo die Notare, Lehrer und Richter mit
narbendurchschnittenen Gesichtern, wo die Soldaten mit Brillen, wo die
Spießbürger, die im Schlafrock, mit Pantoffeln und Nachtmütze ausgehen
und unaufhörlich mit einer langen bis zu den Knieen herabreichenden
Pfeife bewaffnet sind, ohne die sie wie Elefanten aussehen würden,
welche ihren Rüssel verloren haben?“ Wer diese Bemerkungen als
geistreich ansehen will, muß eben über jede nationale Eigentümlichkeit
lachen. In Malmedy herrscht allerdings die kurze belgische Pfeife vor,
aber die deutschen Spießbürger haben doch nicht die Gewohnheit, im
Schlafrock und in Pantoffeln auszugehen.
Man könnte ja darüber streiten, ob Preußen Recht hatte, eine
wallonische Gegend zu annektieren, aber es ist doch lächerlich, zu
behaupten, es sei arm und habe sich nach dem reichen Malmedy gesehnt;
wer so was schreibt, ist jedenfalls nicht über die preußische
Wallonie hinausgekommen. Vom nationalen Standpunkt aus wäre es wohl
empfehlenswerter gewesen, auf diese Gegend zu verzichten und an Stelle
derselben Arlon und Umgebung mit den deutsch sprechenden Gemeinden zu
beanspruchen.
Descamps will an dem Aussehen der Häuser und der Gärten „~la
positive Belgique~“ erkennen. Nun sieht zwar Malmedy nicht wie
eine altdeutsche Stadt aus, aber es verliert doch allmählich sein
wallonisches Gepräge. Wenn der Franzose ferner bemerkt, Samstags werde
in der ganzen Stadt geputzt (das wird in Lille wohl auch der Fall sein)
und die Frauen schütteten den Fremden ganze Eimer voll Wasser über die
Beine, so erinnert das an den Engländer, der irgendwo einen Mann mit
roten Haaren sah und dann in sein Notizbuch schrieb: „In dieser Gegend
haben die Leute rote Haare.“
Es mag sein, daß die Einheimischen von Gestalt etwas kleiner sind, als
die Deutschen, aber es ist doch nicht richtig, daß deswegen mehr junge
Leute bei der Aushebung zurückgestellt werden, als in anderer Gegend.
Descamps läßt sich leicht eine Meinung beibringen, sobald sie ihm in
den Kram paßt. Es ist leicht begreiflich, daß manchen jungen Leuten
aus Malmedy die Kenntnis des Französischen beim Fortkommen in der Welt
von Nutzen ist, allein ich habe nirgends davon gehört, daß ihnen in
„königlichen und kaiserlichen Bureaus“ besonders vorteilhafte Stellen
(„~de grasses sinécures~“) zugewiesen worden seien. Descamps sagt,
seit 1876 werde der untere und mittlere Unterricht ausschließlich in
deutscher Sprache erteilt, obwohl im übrigen Deutschland zahlreiche
Stunden dem Französischen gewidmet seien. Letzteres ist aber nur in den
mittleren und höheren Lehranstalten der Fall, denn in den deutschen
Volksschulen wird selbstverständlich kein Französisch gelehrt. Ebenso
ist es falsch, daß alle Kinder, sogar die altdeutscher Familien,
gezwungen werden, den Religionsunterricht in französischer Sprache zu
nehmen. Auch ist es nicht richtig, daß nur französisch geredet wird.
Kurz und gut, die Broschüre enthält eine solche Menge Irrtümer, daß man
allein zu deren Richtigstellung eine ganze Abhandlung schreiben müßte.
Ueberhaupt ist der französische Schriftsteller durchaus im Irrtum
befangen, wenn er die Malmedyer als widerspenstige Köpfe betrachtet.
Sie machen vielmehr den Eindruck guter deutscher Unterthanen. Auch
Hermann Rehm hebt hervor, daß die Gesinnung der Bewohner von Malmedy
echt deutsch ist. Er fügt allerdings hinzu, daß sie Manches an sich
tragen, was an französisches Wesen gemahnt. „Namentlich Höflichkeit
und Gefälligkeit“, schreibt er, „zwei Tugenden, die wir bei unsern
westlichen Nachbarn in so hoher Ausbildung antreffen, findet man
auch in Malmedy in allen Gesellschaftsschichten vor, wodurch der
Verkehr mit den Bewohnern dieser Stadt sich zu einem angenehmen und
genußreichen gestaltet.“ Von anderer Seite werden die Wallonen als ein
reich begabter, lebhaft empfindender Volksschlag geschildert, deren
Regsamkeit ihnen allerwärts, welchen Berufen sie sich auch zuwenden
mögen, zu günstigem Fortkommen verhilft.
An Opposition denkt niemand in der preußischen Wallonie. Die
Beziehungen zwischen den Einheimischen und den Vertretern der Behörden
sind durchaus gut. Als im Januar 1896 infolge des kaiserlichen
Gnadenerlasses die Gefangenen in Freiheit gesetzt wurden, riefen sie
„~Vive l’Empereur!~“ Man spricht dort seine deutsche Gesinnung in
französischer Sprache aus. Die Ortsblätter bringen über vaterländische
Feste Berichte, die sich manchmal bis zur Begeisterung erheben. Man
sieht, daß die Zeitungen keine Rücksicht auf grollende Protestler
zu nehmen brauchen, sondern nur dem Gefühl der Bevölkerung Ausdruck
verleihen. Bei einigen Einheimischen fand ich allerdings eine gewisse
Verstimmung, aber das waren Geschäftsleute, denen der Wettbewerb der
Eingewanderten unerwünscht ist. Es ist ungefähr so, wie in einem Orte,
wo die alteingesessenen Geschäftsleute mißmutig auf die von auswärts
zuziehenden blicken.
Malmedy gehört zum Wahlkreise des wegen seines Eintretens für die
Militärvorlage bekannten, durch persönliche Beziehungen zu Hofkreisen
einflußreichen Zentrums-Abgeordneten Prinzen von Arenberg. Die
Bevölkerung sprach sich 1893 entschieden für die Militärvorlage aus.
Der oberste Beamte in Malmedy ist der Landrat. Der jetzige Inhaber
dieses Postens gestand mir offen, daß er Land und Leute noch nicht
kenne, weil er erst kurze Zeit da sei. Wie es scheint, wird die
Malmedyer „Landratur“ als eine Art Uebergangsposten für solche Beamte
betrachtet. Das ist entschieden ein Fehler. In einer derartigen
Gegend, wo es auf eine stetige Verwaltungspolitik ankommt, sollte
man doch nicht Beamte nur auf einige Jahre unterbringen. Der jetzige
Bürgermeister von Malmedy nimmt schon seit sechs Jahren diesen Posten
ein. Er ist ein Altdeutscher, hat eine Malmedyerin geheiratet und kommt
überhaupt mit den Wallonen gut aus, obschon er gut deutsch gesinnt ist.
Die +Auswanderung+ aus der Gegend war früher anscheinend ziemlich
stark, wie überhaupt aus der Eifel und den Ardennen. Die Ortsblätter
von Malmedy weisen mit Stolz darauf hin, daß sie von ehemaligen
Bewohnern der Gegend in Belgien, Frankreich, Rußland und Amerika
gehalten werden. Manche Malmedyer suchen jetzt ihr Fortkommen in
Deutschland, wo ihnen die Kenntnis zweier Sprachen an manchen Stellen
von großem Nutzen ist. Die +Einwanderung von Altdeutschen+
ist natürlich nur in der Stadt Malmedy ziemlich stark. Durch die
politischen Verhältnisse werden die Einheimischen gezwungen, nicht
bloß deutsch zu lernen, sondern auch sich den deutschen Verhältnissen
anzubequemen.
Eine achtzigjährige Zugehörigkeit zu Preußen hat Malmedy seinen
wallonischen Charakter nicht zu nehmen vermocht. Es handelt sich
übrigens selbstverständlich hier nicht um eine Sprachinsel, sondern
um einen Ausläufer des belgischen Wallonentums. Die Bewohner des
Kreises Malmedy stehen mit ihren Stammesgenossen jenseits der Grenze im
vielfachen Verkehr, und deshalb dringt das Deutschtum nicht so leicht
bei ihnen ein, wie wenn sie isoliert wären.
[Illustration]
[34] Die Abhandlung ist auch als Broschüre erschienen unter dem
Titel: ~Société de géographie de Lille. Malmédy et les Wallons
prussiens ou une ville belge en Allemagne, par l’Auteur d’un
village français en Allemagne. Extrait du Bulletin de la Société
de géographie de Lille (Mai 1895). Lille, L. Danel 1895.~
Viel unparteiischer und gründlicher beurteilt ~Henri Gaidoz~,
Herausgeber der „~Mélusine~“ (Paris) die Verhältnisse in Malmedy
in einer Abhandlung: „~Malmédy et la Wallonie prussienne.~“ (~Le
Correspondant~, 10. September 1886. S. 911-935.)