Die Bewohner von Malmedy und die Sprachen-Verhältnisse in der Wallonie.
Die +Namen+ der Bewohner von Malmedy sind meistens französisch,
aber infolge des Zuzuges aus Altdeutschland nimmt die Zahl der
Deutschen fortwährend zu. Die +Mischehen+, d. h. die Heiraten
zwischen Einheimischen und Altdeutschen sind übrigens gar nicht so
selten, wie z. B. von französischer Seite behauptet wird. ~Auguste
Descamps~, auf den ich noch zu sprechen komme, behauptet, die
Malmedyer heirateten nur Walloninnen aus Stavelot u. s. w. Das ist
natürlich übertrieben. Es mag ja Leute geben, die von Altdeutschen
nichts wissen wollen, aber Mischehen kommen sogar in solchen Gegenden
häufig vor, wo die nationalen Gegensätze viel stärker sind, als hier.
Auf dem Bürgermeisteramt von Malmedy habe ich sogar erfahren, daß
etwa ein Viertel der dortigen Heiraten zwischen Einheimischen und
Auswärtigen (Deutschen) geschlossen werden.
Die +Straßen+ tragen zum Teil nur französische, zum Teil deutsche
und französische Namen, die manchmal recht sonderbar sind, z. B. ~Rue
chemin-rue~, ~Rue Derrière la Vaulx~ u. s. w. Neuerdings ist
angeordnet worden, daß die Straßen deutsche Namen erhalten müssen,
der Gemeinderat hat dieses jedoch nur insoweit genehmigt, als die
Namen leicht übersetzbar sind. Von den +Geschäftsschildern+ sind
viele deutsch. In den meisten Läden werden beide Sprachen gesprochen:
die einheimischen Geschäftsleute müssen der Beamten und anderen
Eingewanderten wegen deutsch sprechen lernen, und die altdeutschen
Geschäftsleute lernen meistens so viel Französisch, daß sie sich auch
mit solchen Kunden behelfen können, die das Deutsche nicht beherrschen.
Es ist deshalb ganz irrig, wenn Heinrich Freimuth schreibt: „Wer
~Brasserie~ und ~Poudre à tirer~ nicht versteht, der geht
dort kein Bier und hier kein Schießpulver suchen.“ Sogar Aerzte, die
aus Stavelot herüberkommen, bemerken in ihren Anzeigen, daß sie auch
deutsch sprechen.
Einen französischen „Führer“ durch Malmedy gibt es bis jetzt nicht.
Ein ziemlich gutes Büchlein ist „Malmedy und das Thal der Warche“ von
Hermann Rehm. Der landschaftliche Teil ist ausführlich darin behandelt,
aber der geschichtliche und ethnographische Teil weist manche Lücke
auf. Manche von den interessantesten Fragen werden nicht einmal darin
berührt. Übrigens wird Malmedy auch in den Eifelführern behandelt,
von denen der beste vom Eifelverein herausgegeben ist. Den Bemühungen
dieses Vereins ist es zu danken, daß mit jedem Jahre mehr Touristen
ihre Schritte nach dieser Gegend lenken.
Das +Wallonische+, welches in Malmedy und Umgegend gesprochen
wird, unterscheidet sich von demjenigen in Belgien einerseits durch
eine etwas veränderte Betonung und andererseits durch die Aufnahme
germanischer Sprachelemente. Schön klingt es keineswegs, und es ist
für einen Kenner des Französischen zum großen Teil unverständlich.
In dem Gedichte „Die Wallonen“ spottet Alexander Kaufmann über das
Wallonische, indem er St. Jürgen vor der Himmelsthüre sagen läßt:
„Als auf Erden ich einst Linddrachen erlegt und Gewürme,
Lernt’ ich auch Sprachen dabei -- nur eine, Gewalt’ger, verzeiht
mir,
Wollte mir nicht in den Kopf, so verzweifelt konfus ist der
Mischmasch.
Drunten in Hainault redet man sie, auch schwätzt in Namur man,
Wenn ich nicht irre, das Zeug und in Limburg, wo man den Käse,
Wißt Ihr, den trefflichen, macht, und die Leute benennen’s
Wallonisch.
Dreißig Jahr studirt’ ich daran, doch immer vergebens,
Ob ich das Englische gleich in vierzehn Tagen erlernt.“
So schwer dürfte das Wallonische wohl doch nicht zu erlernen sein, aber
wenn es auch für einen Philologen interessant sein mag, so dürfte kaum
jemand es aus litterarischem Interesse lernen wollen. Es zählt zu den
nordfranzösischen Patois und entstand im 5. und 6. Jahrhundert. Die
mittelalterlichen Schriftsteller nannten das Wallonische (abgeleitet
von ~wael~, ~gallus~, ~gaulois~) ~romana lingua~ (~la langue romance~
oder ~le gaulois~). Das älteste bekannte Schriftstück in wallonischer
Sprache ist aus dem Jahre 1450. Der Bischof Notker von Lüttich dürfte
wohl einer der Ersten gewesen sein, der neben der deutschen auch die
wallonische und französische Sprache redete. Das Wallonische überhaupt
ist mit den nordfranzösischen Dialekten verwandt. Es zerfällt hier
wie in den belgischen Ardennen in mannichfache, mehr oder weniger
abweichende Untermundarten. Die sehr urwüchsigen ältesten wallonischen
Sprachdenkmäler enthalten noch einen Rest von dunkeln, anderweit
unbekannten Ausdrücken, wie auch das Neuwallonische noch manches
Altertümliche in der Flexion u. s. w. aufweist.[25] Die Malmedyer
Mundart insbesondere bearbeitete der bereits erwähnte Rechtsgelehrte
Villers in seinem „~Dictionnaire wallon~“, von dem bis jetzt jedoch nur
Auszüge veröffentlicht sind.
Die Sprache des Volkes ist also das Wallonische. Die Bewohner lernen
aber ebenso rasch das Französische, wie z. B. der Holländer das
Deutsche. In der wohlhabenderen Gesellschaft wird denn auch noch
vielfach französisch gesprochen, wenn auch nicht immer in reiner Form.
Die Einheimischen lernen auch deutsch, aber das Französische geben sie
deswegen nicht auf.
Auguste Descamps hat in Malmedy einige sonderbare Redensarten der
Wallonen aufgezeichnet. Diese nennen z. B. den Schlaftrunk (das
letzte Gläschen vor dem Schlafengehen) ~bonnet de nuit~, ein
kleines Brötchen ~pistolet~ u. s. w. Sie fragen nicht ~Comment
allez-vous~, sondern ~comment va-t-il~?
In Malmedy erscheinen zwei +Zeitungen+ ausschließlich in französischer
Sprache. Die älteste ist die seit 50 Jahren bestehende Wochenzeitung:
„~La Semaine. Journal de la Ville et du Cercle de Malmédy~“, die von
dem Buchhändler ~H. Scius-Stouse~ redigirt, gedruckt und verlegt wird.
Neben ihr erscheint seit 16 Jahren das „~Organe de Malmédy. Feuille
d’annonces et revue hebdomadaire du Cercle de Malmédy~“, im Verlage von
~F. J. Lemoine~. Es ist nicht immer ein klassisches Französisch, das in
diesen Zeitungen geschrieben wird, aber es genügt den Malmedyern zur
Verständigung.[26] Die „~Semaine~“ wurde von dem jetzigen Herausgeber
gegründet, der also in diesem Jahre sagen kann, er habe ein halbes
Jahrhundert hindurch seine Zeitung allein geleitet. Das Blatt war
zur Verteidigung der religiösen und monarchischen Grundsätze in
stürmischer Zeit gegründet worden, und es ist seiner Devise „~Nous
maintiendrons~“ treu geblieben. Beide Zeitungen nehmen den größten
Teil ihres Stoffes aus französischen und belgischen Blättern, sowie
aus der „~Gazette de Lorraine~“, dem bekannten offiziösen Organ in
Metz. Hier und da findet man eine eigene Bemerkung des Redakteurs
beigefügt, so unter Frankreich: „~Charmante et pudique république!~“
Ein besonderes Interesse bieten die lokalgeschichtlichen Artikel der
„~Semaine~“, die von dem Geschichtsforscher ~Arsène de Noüe~ herrühren.
Die Anzeigen sind teils französisch, teils deutsch. Eine eigenartige
Bezeichnung hat man in Malmedy für den Gemeinderat, den man nicht
~conseil municipal~, sondern ~conseil de ville~ (wörtliche Übersetzung
von Stadtrat) nennt. So wie jetzt die Verhältnisse in Malmedy liegen,
wäre es jedenfalls am empfehlenswertesten, eine Zeitung in deutscher
und französischer Sprache erscheinen zu lassen, wie es deren noch jetzt
im Elsaß giebt. Dadurch würde den Einheimischen Gelegenheit geboten
werden, deutsch zu lernen, und es würde überhaupt eine Verständigung
in Ortsangelegenheiten zwischen ihnen und den Einheimischen leichter
erzielt werden können, als jetzt, wo nur französische Artikel
erscheinen. Das amtliche Kreisblatt für Malmedy wird übrigens in
St. Vith ausschließlich in deutscher Sprache ausgegeben. Aus der
ehemaligen Schwesterstadt kommt „~L’Annonce~“, ein für Stavelot und
Vielsalm bestimmtes Blättchen. Daneben werden noch andere belgische und
westdeutsche Zeitungen gehalten.
Litterarisch wird die wallonische Mundart in Malmedy wenig verwertet.
Die „~Semaine~“ bringt jede Woche einen „~Armonac do l’Saméne~“ und
hie und da auch ein Gedicht in derselben. Außerdem giebt sie für die
Abonnenten als Prämie jedes Jahr einen Kalender: „~Armonac wallon~“ mit
Gedichten, geschichtlichen Notizen u. s. w. heraus.[27]
Die +Vereine+ in Malmedy scheinen ziemlich rege Beziehungen mit
den Wallonen jenseits der Grenze zu unterhalten. Es giebt mehrere
Musikvereine: das „~Echo de la Warche~“ (seit 1846), die „~Union
Wallonne~“ (seit 1847), „~La Malmédienne~“, „~La Fraternité~“. Ferner
giebt es einen Kriegerverein, der die vaterländischen Festtage
feiert, wobei die einheimischen Vereine mitwirken. Es besteht auch
eine „~Société Littéraire~“, eine „~Société de Tir~“ u. s. w. Schon
die französischen Namen deuten an, daß in diesen Vereinen meistens
wallonisch oder französisch gesprochen wird.
Die +Amtssprache+ ist jetzt in der preußischen Wallonie durchweg
die deutsche. Bis in den siebziger Jahren herrschte allerdings das
Französische vor, sowohl in der Gemeindeverwaltung, als auf dem
Gerichte und im Progymnasium in Malmedy. In letzterem war sogar ein
bekannter französischer Schriftsteller, ~de Molinari~, Mitarbeiter
der „~Revue des Deux-Mondes~“, zwei Jahre Lehrer bei Beginn seiner
Laufbahn.
Jetzt gilt das Deutsche überall als Amts- und Lehrsprache, obschon es
aus praktischen Zwecken noch oft dem Wallonischen oder Französischen
Platz machen muß. In den +Gemeinderatssitzungen+ in Malmedy und
den wallonischen Gemeinden werden die zu verhandelnden Gegenstände
in deutscher Sprache vorgetragen. Wünscht dann ein Mitglied eine
Aufklärung in französischer Sprache, so wird ihm diese erteilt.
Besonders unter den älteren Herren giebt es solche, die das Deutsche
nicht zur Genüge verstehen und denen amtliche Verfügungen in
französischer Sprache erklärt werden müssen. Andere Mitglieder aber
sind der deutschen Sprache nicht so mächtig, daß sie ihre Ansichten in
ihr gut vortragen könnten, und um dann Mißverständnisse zu vermeiden
oder sich nicht lächerlich zu machen -- besonders da die Sitzungen
öffentlich sind und die Presse gern Kritik übt -- sprechen sie
wallonisch oder französisch. Alle Protokolle werden aber in deutscher
Sprache abgefaßt.
Noch bis in die sechziger Jahre hinein waren die Malmedyer selten,
welche einen halbwegs richtigen deutschen Brief schreiben konnten.
Jetzt ist das ganz anders. Übrigens hätte eine an sich so wenig
deutsche, hart an Belgien grenzende Stadt in bezug auf Schulen mehr
Aufmerksamkeit verdient, als sie Malmedy thatsächlich zu teil geworden
ist. Sie besitzt erst seit 1869 ein Progymnasium. Angesehene Familien
lassen ihre Töchter in belgischen Klosterschulen erziehen.
Der ~Schulunterricht~ wird gegenwärtig in deutscher Sprache erteilt,
und das trägt neben dem Militärdienst viel zu ihrer Verbreitung
bei.[28] Den Volksschullehrern wie auch den ~Geistlichen~ erwächst
durch die Mehrsprachigkeit des Bezirks eine keineswegs leichte
Aufgabe. Die Lehrer und Lehrerinnen sind bis auf zwei oder drei
Ausnahmen Altdeutsche, beherrschen aber meistens das Französische bezw.
Wallonische. Die sämmtlichen Schulbücher sind deutsch und werden nicht,
wie Descamps behauptet, aus Belgien, sondern aus dem Inlande bezogen.
Der Religionsunterricht findet an den Schulen in deutscher Sprache
statt; nur von den beiden jüngsten Jahrgängen erhalten die wallonischen
Kinder den Religionsunterricht in französischer Sprache, während die
Kinder deutscher Familien in deutscher Sprache unterrichtet werden. Der
teilweise außerhalb der Schulen erteilte Vorbereitungsunterricht zur
ersten hl. Kommunion findet ebenfalls in deutscher und in französischer
Sprache statt. Diese Einrichtungen sind einfach deshalb getroffen,
damit die Kinder auch verstehen, was sie lernen sollen. In den Kirchen
in Malmedy wird gewöhnlich jeden Sonntag zweimal deutsch und zwei- bis
dreimal französisch gepredigt.
Wir finden hier dieselbe Erscheinung wie in anderen Gegenden, wo
eine nationale Veränderung vor sich geht. Die Geistlichkeit läßt
sich, soweit ich in Erfahrung gebracht habe, keineswegs durch
deutschfeindliche Gesinnung leiten; sie sucht sich nur den Pfarrkindern
verständlich zu machen, mag dies in deutscher oder französischer
Sprache sein.
Ein aufmerksamer Beobachter wird zugeben müssen, daß bei der niederen
Bevölkerung das Französische sichtlich abgenommen hat. Das Wallonische
bleibt aber natürlich bestehen.
[Illustration]
[25] Vgl. Grandgagnage-Scheler, ~Dictionnaire étymologique~, und W.
Altenburgs Abhandlung über Lautgeschichtliches.
[26] Es geht den Bewohnern von Malmedy in der Hinsicht noch
schlimmer, als denjenigen des französischen Sprachgebiets im
Reichslande: die Sprache bleibt zwar französisch, aber sie verarmt
und verkümmert. Man ist gezwungen, viel aus dem Deutschen zu
übersetzen, und für manche Bezeichnungen muß man erst französische
Ausdrücke suchen. Diese sind dann meistens für Franzosen
unverständlich. So würde es keinem Franzosen einfallen, hinter der
„~Régence~“ die Regierung in Aachen zu suchen. Landrat, Amtsgericht
u. s. w. werden überhaupt nicht übersetzt, obschon man schon
einigermaßen entsprechende Ausdrücke dafür finden könnte.
[27] Ein Malmedyer, der Lehrer des Französischen am Gymnasium in
Mülhausen i. E. wurde, hat eine Sammlung französischer Gedichte
veröffentlicht: ~Poésies lyriques par Joseph Lebiere. Malmédy, F. J.
Lemoine.~ 1882. Eine neue Auflage erschien unter dem Titel: ~Poésies,
par Joseph Lebierre. Nouvelle édition. Strasbourg, Imprimerie
alsacienne, ancᵗ. G. Fischbach.~ 1896. Diese Sammlung ist in
französischen Zeitungen sehr beifällig besprochen worden. Sein Bruder
~Florent Lebierre~ hat einige wallonische Lokalgedichte geschrieben.
[28] Der Kreisschulinspektor ~Dr.~ Esser in Malmedy hat sich
besondere Verdienste um den Volksschulunterricht erworben. Die in
den Schulen der preußischen Wallonie befolgte Methode wird sogar von
dem Franzosen ~Henri Gaidoz~ sehr gelobt. Näheres findet man in der
Einleitung zu: „100 deutsche Anschauungs- und Sprachübungen für die
Unterstufe der preußischen Volksschule mit Kindern nichtdeutscher
Nationalität.“ Dortmund, Crüwell 1879.