Aus Malmedys Vergangenheit.
Malmedy, der Hauptort der preußischen Wallonie, hat bis jetzt keinen
deutschen Geschichtsschreiber gefunden. Die Vergangenheit dieser
Stadt bietet aber schon deshalb ein besonderes Interesse, weil noch
jetzt dort das Wallonische und Französische vorherrschend sind,
obschon Stadt und Umgebung bereits seit Anfang dieses Jahrhunderts zu
Preußen gehören. Die jetzigen Verhältnisse in Malmedy sind wirklich
sehr merkwürdig. Die Bewohner der Stadt und einer Anzahl benachbarter
Ortschaften sprechen unter sich wallonisch; viele beherrschen auch die
französische Schriftsprache sehr gut. Daneben ist, besonders in den
letzten Jahrzehnten, das Deutsche aufgekommen, nachdem diese Sprache
in der Volksschule eingeführt wurde. Wir wollen im Nachfolgenden einen
kurzen Rückblick auf die Vergangenheit Malmedy’s werfen; es wird uns
dann auch manches erklärlich, was uns sonst ein Rätsel bleiben würde.
Malmedy war von jeher mit dem bei Belgien verbliebenen Stavelot
(Deutsch: Stablo) ethnographisch und geschichtlich verbunden. Deshalb
sind die Beziehungen zwischen beiden Städten trotz der politischen
Trennung immer sehr lebhaft geblieben. Die Geschichte Malmedy’s
schildern heißt auch die Stavelot’s erzählen, denn beider Geschichte
war bis zum Beginn unseres Jahrhunderts eng verbunden. Nur die
besonderen Ereignisse in Stavelot, die keine Rückwirkung auf die Abtei
ausübten, lasse ich unberücksichtigt.
Zu der nachfolgenden kurzen Geschichte von Malmedy habe ich
hauptsächlich die Werke der beiden ~de Noüe~ benutzt, besonders:
„~Etudes historiques sur l’ancien pays de Stavelot et Malmédy,
par Arsène de Noüe, docteur en droit~“[4] und „~La Législation de
l’ancienne principauté de Stavelot-Malmédy, par Paul de Noüe, docteur
en droit, référendaire de régence, membre correspondant de l’Académie
d’archéologie de Belgique~“[5].
Die Abteien Stavelot und Malmedy wurden im 7. Jahrhundert im
Ardennerwalde gegründet. In der Gegend hatte der deutsche Stamm der
Eburonen gewohnt, der von den Römern unterjocht wurde. Der Teil der
Ardennen gehörte zur ~Germania inferior~, die von den Franken besetzt
wurde. Die austrasischen Könige betonen in mehreren Urkunden, daß der
Ardennerwald ihnen gehörte (~in terra nostra silva arduennense~).
Siegebert ließ eine Anzahl Klöster gründen, worunter auch Malmedy
und Stavelot. Er betraute mit der Errichtung derselben den heil.
+Remaclus+, der am Hofe des Königs Dagobert gelebt hatte. Der Apostel
der Ardennen, wie er später genannt wurde, verbreitete um die Mitte
des 7. Jahrhunderts das Christenthum in Aquitanien. Er baute also mit
Unterstützung des Königs Siegebert im Jahre 648 ein Kloster, in welchem
Söhne des hl. Benediktus ihren Aufenthalt nahmen. Dasselbe gehörte zum
Kölner Sprengel. Von dieser Stiftung ~Malmundarium~ oder ~Malmidarium~
(~a malo mundatum~) soll die Stiftung ihren Namen erhalten haben.[6]
Als Remaclus Bischof von Tongern (nach andern von Mastricht) wurde
und eine eigene Diözese besaß, gefiel es ihm nicht, sein Kloster
einem fremden Sprengel einverleibt zu sehen, und er beschloß deshalb,
sich einen zweiten Konvent zu gründen, nämlich in dem 1½ Stunden
westlich von Malmedy gelegenen, zu seinem Bistum gehörigen Stavelot.
Dort entstand bald (gegen 650) eine weitere prächtige Abtei, und
von da an blieben die beiden hochangesehenen, mit vielen Vorrechten
ausgestatteten Schwesterklöster Stavelot-Malmedy, deren spätere
Fürstäbte souveräne Herrscher waren, vereinigt.
Bei der Teilung des Reiches Karls des Großen kam das Land, in welchem
die beiden Klöster lagen, mit zu Lothringen, das so lange ein Zankapfel
zwischen Frankreich und Deutschland sein sollte. Daß Stavelot und
Malmedy bald zu dem einen, bald zu dem andern Lande gehörten, beweisen
die Urkunden aus jener Zeit. Beide Abteien wurden im 10. Jahrhundert
unabhängig, ebenso wie die von Trier, Prüm, Echternach u. s. w.
Besonders Malmedy lag in einer schönen Gegend, denn der hl. Bernhard
sagt: ~Malmundarium totius Arduennae vallis amoenissima~. Man wird
wohl nicht irre gehen in der Annahme, daß schon damals die nationalen
Gegensätze sich wenigstens in der Nähe von Malmedy bemerkbar machten.
Während die Ober- und Niederfranken die Thäler der Mosel, Saar, Sauer,
Ur, Ahr, Erft und Ruhr (Roer) besetzten, blieben die Thäler der Amel
(Amblève) und Warche im Besitze der zurückgedrängten Kelto-Romanen,
wo diese noch heute den romanischen Volksstamm der Wallonen bilden.
Malmedy und Umgebung wird also schon damals ein Vorposten des späteren
Wallonentums gewesen sein.
Die beiden Klöster waren seit ihrer Gründung eng mit einander verbunden
und bildeten eine freie fürstliche Abtei. Diese war abgabefrei, hatte
aber die Verpflichtung, dem Kaiser Heeresdienste zu leisten. Zwei
Punkte in der Geschichte der Abtei sind bemerkenswert, zunächst, daß
Stavelot das einzige Kloster war, dessen Oberhaupt Rang und Rechte
eines Fürsten hatte und gleichzeitig zum Kriegsdienst verpflichtet war,
dann daß der Doppelkonvent, obgleich eines und desselben Ursprungs,
zwei verschiedenen Diözesen zugehörig war. Die Einweihung der Kirche
und Altäre von Stavelot geschah durch den Bischof von Lüttich, während
der Erzbischof von Köln diese Handlungen im Abteibezirk von Malmedy
vornahm. Bis zur französischen Revolution hatte jedes Kloster sein
eigenes Kapitel, seine eigenen Novizen usw. Beide Kapitel waren gleich
und von einander unabhängig. Das zu den Klöstern gehörige Gebiet war
gemeinschaftlich, ebenso wie sie nur einen Abt hatten, zu dessen
Wahl beide gleichberechtigt waren. Aber schon der hl. Remaclus zog
Stavelot vor, wo er auch begraben wurde. Seither mußten auch die
Mönche von Malmedy ihre Gelübde am Grabe des Heiligen ablegen. In
Stavelot residierte gewöhnlich der Abt und dort hielten die Kapitel
ihre Versammlungen ab. Diese Bevorzugung Stavelots wurde in Malmedy nur
ungern gesehen und gab zu manchen Differenzen Anlaß, die später sogar
zu der Teilung der Güter führte.
Im Uebrigen war das geistliche Fürstentum ein kleines selbständiges
Staatswesen, das weltlich nur vom Kaiser und geistlich direkt von Rom
abhing. Es vereinigte Jahrhunderte hindurch ein glückliches, draußen in
der Welt fast unbekannt gebliebenes Völkchen. Die Benediktinermönche
rodeten die Wälder aus und bebauten die Felder. Reich waren sie
ursprünglich nicht; dieses bezeugt ausdrücklich Christian Druthmare
(840), der mehrere Jahre bei ihnen gelebt hatte. Ihre Klosterschulen
zeichneten sich durch berühmte Lehrer aus, wie Druthmare, Notger,
Everhelm, Theodorich, Wibald, Zantfliet usw. Nicht lange hatte Remaclus
seinen Bischofssitz inne; schon im Jahre 660 leistete er auf denselben
Verzicht und kehrte nach seiner Abtei zu Stavelot zurück, wo er um das
Jahr 669 starb; noch heute werden die Gebeine des heiligen Ordensmannes
in der Pfarrkirche daselbst aufbewahrt. Mit dem Tode des Gründers
endete aber sein Werk nicht; nicht weniger als 77 Fürstäbte zählt man
als Nachfolger des hl. Remaclus, von denen neun heilig gesprochen
wurden, während viele andere es in den Wissenschaften und in der
Politik zu hohem Ansehen brachten. Die Großen Europas, insbesondere
die deutschen Kaiser und Könige, wetteiferten darin, die Fürstäbte von
Stavelot-Malmedy mit Ehren- und Gunstbezeugungen auszuzeichnen. Leider
ist durch die Verwüstungen, denen die Abteien zu verschiedenen Zeiten
unterworfen waren, wohl nicht zum Mindesten durch die französischen
Vandalen, die schließlich den Untergang des Fürstentums herbeiführten,
sehr viel Material aus den Archiven der Abteien vernichtet oder
zerstreut worden.
Die Nachfolger des hl. Remaclus sind nicht alle dem Namen nach
bekannt; ihre vollständige Aufzählung wäre auch ohne besonderes
Interesse. Mehrere von ihnen gelangten zu hohen Würden, so der hl.
+Agilolfus+, der Erzbischof von Köln wurde. In einer dichterischen
Beschreibung des Todes dieses Heiligen wird auch die Schlacht bei
Amel (~Amblève~) im Jahre 716 geschildert, die die Vorläuferin
der großen Kämpfe Karl Martells werden sollte. Amel (Amblava) wird
als ein Ort im Ardennergau, 2 Meilen von Malmedy entfernt bezeichnet.
Der hl. Agilolfus soll dort den Martertod erlitten haben. Die Abtei
mußte in der folgenden Zeit manche Widerwärtigkeiten erleben, die die
Folgen der Kriegswirren waren. Im Jahre 877 wurden die beiden Klöster
von den Normannen in Brand gesteckt und der Abt +Hildebald+ mußte
mit den Mönchen in die Ardennen flüchten; bei seiner Rückkehr fand
er nur mehr Trümmer vor. Als Heinrich der Vogler Lothringen erhielt
(zwischen 921 und 924) wurde das Fürstentum Stavelot-Malmedy, das bis
dahin die Schicksale Austrasiens und Lothringens getheilt hatte, dem
deutschen Reiche einverleibt. ~Arséne de Noüe~ hebt in seiner
Geschichte ausdrücklich hervor, daß nach dem Anschluß an das deutsche
Reich die Abtei Stavelot-Malmedy aufblühte („~c’était l’aurore de la
restauration qui se levait sur le pays~“). Der hl. +Odilon+
richtete die Klöster wieder auf, deren bürgerliche und religiöse
Verwaltung in Verfall geraten war. Er berief dorthin den berühmten
Notker (Notger, Notakar) aus St. Gallen, der später Bischof von
Lüttich wurde und das Leben des hl. Remaclus schrieb. Er leitete die
Schulen der Abtei, die damals in hohem Ansehen standen. Er predigte in
lateinischer und jener romanischen Sprache, die später das Wallonische
wurde (~Vulgari plebem, clerum sermone latino erudit~). Erst
der Abt +Werinfrid+ ließ die Klosterkirche von Malmedy, welche
von den Ungarn nach dem Einfall der Normannen zerstört worden war,
wieder aufbauen. Unter seinem Nachfolger +Ravengère+ wurde sie
vollendet und am 10. September 992 vom Erzbischof von Köln geweiht zu
Ehren der Heiligen Petrus, Paulus, Johannes, Quirinus und Justus. Der
neue Abt ließ in Malmedy, das inzwischen eine Stadt geworden war,[7]
die St. Gereons-Pfarrkirche bauen und am 2. November 1007 von dem
Erzbischof Heribert weihen. Die von dem hl. Agilolfus gegründete St.
Laurentiuskirche, die als gemeinsame Kirche diente, wurde 1661 zur
Verschönerung der Abteikirche, an die sie angelehnt war, abgerissen.
Später wieder aufgebaut, wurde sie mit der Abteikirche ein Raub der
Flammen bei dem großen Brande von 1689.
Der hl. +Poppo+, dessen Leben der Mönch und spätere Abt Everhelm
aufgezeichnet hat, war einer der größten Aebte des Reichsfürstentums.
Er regierte von 1020 bis 1048. Nach dem Tode des Abtes Bertrand hatte
Heinrich III. ihn als dessen Nachfolger wählen lassen. Stadt und
Kloster Stavelot, die mit dieser Wahl nicht zufrieden waren, lehnten
sich gegen ihn auf, und Poppo mußte nach Malmedy flüchten; der Sturm
legte sich übrigens bald. Obschon Poppo 32 Abteien unter seiner Leitung
vereinigte, zog er doch Stavelot und Malmedy vor und residirte am
liebsten daselbst. Da bildete er auch die Aebte heran, die er an die
Spitze der Klöster stellte, die seiner Leitung unterstellt waren. Er
verkehrte viel mit Fürsten und vereinbarte im Jahre 1032 zu Divillers
eine Zusammenkunft zwischen Kaiser Konrad und dem König Heinrich von
Frankreich, die durch eine lange Feindschaft getrennt gewesen waren. Er
ließ in Stavelot eine prachtvolle Kirche in romanisch-byzantinischem
Stile errichten, die unter der französischen Revolution zerstört
wurde. Als frommer Ordensmann wußte er in den ihm unterstehenden
Klöstern die gelockerte Disziplin wieder zu heben und die Ordnung
wiederherzustellen; wie es heißt, wurde in Folge seines strengen
Verfahrens in Trier der Versuch gemacht, ihn zu vergiften.
Sein Nachfolger wurde +Theodorich+, ein Mönch von Stavelot, unter
welchem der Streit über den Vorrang der beiden Abteien -- denn auch
Malmedy führte den Namen Abtei -- zu lebhaftem Ausdruck kam, so daß es
beinahe zu einer Trennung gekommen wäre.[8]
Einer der Nachfolger Theodorich’s war der Abt +Wibald+ (1130 bis
1158), der als der bedeutendste aller Aebte bezeichnet wird und der
auch einer der größten Männer seines Jahrhunderts war. Wibald fand
die Abteien in trostlosem Zustande, doch seiner Thatkraft gelang es,
bessere Zeiten herbeizuführen, indem er die geistlichen und weltlichen
Angelegenheiten regelte. Seine Wirksamkeit beschränkte sich nicht auf
sein Fürstentum; es gab keine Frage in der Kirche und im Reiche, in
der Wibald nicht zu Rate gezogen wurde, und es dauerte nicht lange, da
machte Kaiser Lothar den Abt von Stavelot-Malmedy zu seinem geheimen
Rate. Auf allen seinen Reisen und Kriegszügen begleitete nun Wibald
den Kaiser; er nahm am Kriege gegen Italien 1133 Anteil und wurde
sodann vom Kaiser nach Neapel geschickt, um den Befehl über die Flotte
zu übernehmen. Bei dieser Gelegenheit besuchte Wibald die berühmte
Abtei des hl. Benediktus auf dem Monte Cassino; den dortigen Mönchen
machte er ernste Vorhaltungen über die zur Zeit im Kloster herrschenden
Mißstände. Nach dem Kriege wurde Wibald trotz seines Sträubens zum
Abte dieser Abtei gewählt, schlug aber die Wahl aus; vergebens baten
die Mönche ihn, er möge sie nicht verlassen und die Leitung der Abtei
übernehmen. Als der Kaiser dies hörte, ließ er Wibald gewaltsam in den
Kapitelsaal bringen und wiederum wurde derselbe einstimmig gewählt und
als Abt von Monte Cassino eingeführt. Die Verhältnisse zwangen ihn
jedoch schon nach 44 Tagen die ehemalige Abtei des hl. Benediktus zu
verlassen; er kehrte nach Stavelot zurück, nahm hier selbst wieder die
Leitung der Regierungsgeschäfte in die Hände und ordnete insbesondere
die Verhältnisse der Grafschaft Logne zum Fürstentume. Auch in der
Folge erfreute sich Wibald einer stets wachsenden Gunst des Kaisers.
Für die Hochachtung, die er bei demselben genoß, gibt eine auf rotem
Pergament in Goldschrift geschriebene Urkunde, welche gegenwärtig im
Provinzialarchiv zu Düsseldorf aufbewahrt wird, einen sprechenden
Beweis. Durch diese Urkunde erhebt Kaiser Lothar Stavelot-Malmedy
zu reichsunmittelbaren Abteien, er rühmt Wibald’s Verdienste um das
Reich und schenkte ihm große Besitzungen in Aachen, namentlich eine
Anzahl Häuser der damaligen Adelgundis-Kapelle gegenüber (Umgebung
des jetzigen Präsidialgebäudes).[9] Später finden wir Wibald wieder
als Erzkanzler des deutschen Reiches unter Friedrich Barbarossa,
und er ist es wieder, auf den der Kaiser fast die ganze Last der
Regierungsgeschäfte abwälzt, dem er die wichtigsten und vertraulichsten
Sendungen an fremde Mächte überträgt. Auf der Rückreise von einer
Mission nach Konstantinopel, wohin ihn die Geschäfte des Reiches
geführt hatten, starb Wibald, angeblich von den Feinden des Reiches
vergiftet, am 19. Juli 1156 in Paphlagonien, im Alter von 61 Jahren.
Wibald, dessen Leben und Wirken durch Prof. Johannes Janssen eine
liebevolle Darstellung gefunden hat, war ein Mann von hervorragender
Bildung, Staatsmann, Dichter und Redner. Arsène de Noüe sagt, nachdem
er sein Leben erzählt und seine Eigenschaften gerühmt: ~Gloire donc
à Wibald! Gloire au pays de Stavelot qui a produit ce grand homme,
l’honneur de l’état monastique, la lumière de l’Empire, le sublime
pilote suscité par la main du Très-Haut pour diriger et soutenir le
vaisseau de l’Eglise romaine au milieu des épouvantables tempêtes qui
menaçaient de l’engloutir.~[10]
Auf Wibald folgte sein Bruder +Erlebald+, als Fürstabt von
Stavelot-Malmedy. Er ließ die sterblichen Reste seines Bruders
aus Griechenland nach Stavelot bringen und vor dem Hauptaltar der
Abteikirche beisetzen. Derselbe ließ 1190 in Malmedy ein Haus für die
Aussätzigen und eine der hl. Maria Magdalena gewidmete Kapelle bauen.
Nach dem Verschwinden der Pest wurden in dem Spital andere Kranke
aufgenommen. Die Kapelle wurde im 16. Jahrhundert neugebaut und am 6.
September 1554 geweiht. Die Verwaltung des Spitals wurde dem Kloster
von Malmedy übertragen. Im Jahre 1640 gründete Abt +Ferdinand+
Lateinschulen in Malmedy; das Kloster mußte die Lehrer stellen und
durfte von den Schülern keine Vergütung fordern. Die Krankenkapelle
(~chapelle des malades~), die noch jetzt an dem Wege nach dem
~Pouhon des Iles~ steht, diente als Pfarrkirche, als 1689 die
Stadt Malmedy mit ihren Kirchen durch einen großen Brand zerstört
worden. Bei der Epidemie von 1741, wo während 8 Monaten 800 Einwohner
von der Pest hingerafft wurden, strömten zahlreiche Gläubige dorthin
und ein Bauer aus Faimonville, N. Lejeune, schenkte derselben
eine Marienstatue, die sich noch jetzt dort befindet. In einer
1167 ausgestellten Urkunde wird Stavelot zum ersten Mal als Stadt
bezeichnet. Abt Erlebald starb hochbetagt 1193, nachdem er 34 Jahre dem
Doppelkonvent vorgestanden. Sein Nachfolger +Gerard+ schloß einen
„ewigen Frieden“ zwischen den beiden Klöstern. Aus der einzigen Urkunde
über die Civilverwaltung, die aus seiner Zeit erhalten ist, geht
hervor, daß die Grafen und Herzoge von Luxemburg Erbvogte von Stavelot
waren. +Jean d’Enghien+, Bischof von Tournai, Fürst-Bischof
von Lüttich, wurde auch Fürst-Abt von Stavelot in einer unruhigen
Zeit. Nach Beendigung des verhängnisvollen „Kuhkrieges“ wurde er ein
Opfer der Rachsucht seines abgesetzten Vorgängers +Heinrich von
Geldern+, der zugleich Bischof von Lüttich war, aber zuletzt aller
seiner kirchlichen Aemter und Würden entsetzt wurde. Dieser lockte
ihn in eine Falle, ließ ihn halbnackt auf ein wildes Pferd binden,
das ihn fortschleppte, bis er zu Boden fiel und tot blieb (1281). In
der folgenden Zeit fehlte es nicht an kriegerischen Verwickelungen,
und manche Aebte vergeudeten die Güter der beiden Klöster. Im 15.
Jahrhundert sah es geradezu trostlos dort aus; von den ehemals so
berühmten Schulen war kaum noch die Erinnerung übrig geblieben, und die
hervorragenden Männer waren verschwunden. In der Kirche von Stavelot
hieb man von dem Grabstein des Abtes +Jean de Geuzaine+ die vier
Ecken ab, um anzudeuten, daß er die vier Ecken seines Landes veräußert
hatte.
Bald aber erstand in +Heinrich von Merode+, der Stiftsherr von
Aachen war und als Abt nach Stavelot berufen wurde, ein Reformator in
weltlicher und kirchlicher Beziehung (1438-1460). Von ihm rührt die
Verfassung des damals etwa 30,000 Einwohner zählenden Fürstentums her,
die ganz erhalten ist. Sowohl ~Arséne~ als ~Paul de Noüe~
besprechen dieselbe eingehend; eine Wiedergabe der Bestimmungen würde
uns aber zu weit führen.[11]
Unter den Nachfolgern Heinrich v. Merodes wurde das Land noch öfter von
räuberischen Einfällen, von Pest und Hungersnot heimgesucht. Eine der
sympathischsten Erscheinungen unter sämmtlichen Fürsten ist zweifellos
der an Stelle des 1499 verstorbenen heiligmäßigen +Caspar Poncin+
gewählte +Wilhelm von Manderscheid+, jüngster Sohn des Grafen
Wilhelm I. von Manderscheid und seiner Gemahlin Adelheid von Mörs.
Fürstabt Wilhelm ist einer der wenigen Fürsten, die in Malmedy ihren
Wohnsitz nahmen; zu seiner Zeit zählte Malmedy 330 Wohnhäuser, Stavelot
dagegen nur 190. Während seiner 47jährigen Regierung hat Wilhelm sehr
vieles zum Wohle seines Landes und zur Verschönerung der beiden Städte
gethan. Im Jahre 1525 ließ er in beiden Städten den Grundstein zu den
beiden Palästen legen, die die Residenz der Fürstäbte sein sollten.
Der Palast in Malmedy bestand bis zur Feuersbrunst am 11. Juni 1782.
Wilhelm von Manderscheid hatte die Gepflogenheit, zu Weihnachten die
erste Messe in Stavelot, die zweite in Malmedy und die dritte in Prüm,
dessen Abt er auch war, zu lesen, und zwar, indem er die Wege von einer
Abtei zur andern zu Pferde zurücklegte. Er starb, 70 Jahre alt, im
Jahre 1547.
Drei bayrische Prinzen, +Ernst+, +Ferdinand+ und +Wilhelm+ regierten
als Aebte von 1580 bis 1657. Im Jahre 1587 mußten die Bewohner
von Malmedy es schwer büßen, daß sie den Spaniern Geschützpulver
geliefert hatten. In der Stadt wurde nämlich Pulver erzeugt, und so
wurde diese Industrie ihr zum Verhängnis. Das Pulver wurde von den
geschäftseifrigen Pulvermüllern an die unrechte Kriegspartei verkauft
und dann der Stadt von der Gegenpartei ~in natura~ zurückgezahlt --
aus Büchsen und Geschützen. Der Prinz von Oranien ließ durch den
berüchtigten Schenk von Nideggen die Kirche und 70 Häuser der Stadt
in Brand stecken, das Kloster plündern, die Pulvermühlen zerstören
u. s. w. Um die räuberischen Einfälle abzuwehren, mußten die beiden
Schwesterstädte sich mit Mauern und Festungswerken ähnlich wie Spa und
Verviers umgeben. Fünfzig Jahre später wurden die Befestigungen jedoch
mit Ausnahme einiger Thore abgerissen. Am meisten hausten in Malmedy,
wie auch an vielen anderen Orten, die Truppen Ludwig’s XIV., die 1650
unter Turenne monatelang dort ihr grausames Spiel trieben, so daß viele
Bewohner nach Deutschland auswanderten. In der folgenden Friedenszeit
lebte die Stadt wieder auf, und der Handel wurde für sie eine Quelle
des Wohlstandes.
Am Ende des 17. Jahrhunderts hatte das Fürstentum ein Drittel seines
früheren Gebietes verloren. Besonders die Herzoge von Luxemburg hatten
anscheinend ihre Stellung als Vögte mißbraucht, um sich eine Anzahl
Ortschaften anzueignen. Ueberdies befand sich das Land infolge von
Kriegen, Feuersbrünsten, räuberischen Einfällen u. s. w. in einem
trostlosen Zustande: es zählte nur mehr 1693 Häuser (vorher 3780). Im
Jahre 1686 finden wir als Nachfolger des hl. Remaclus den +Kardinal
Wilhelm Egon von Fürstenberg+ auf dem Abbatialsitze von Stavelot,
unter dessen Regierung die Franzosen sich auf das wehrlose Ländchen
warfen. Am 4. October 1689 steckten französische Truppen Stavelot und
Malmedy in Brand, und in den beiden Städten konnten von 1020 Häusern
nur etwa 100 gerettet werden. Dadurch hatte das Land so große Verluste
erlitten, daß es eine allgemeine Anleihe von 134,000 Thaler in Lüttich,
Verviers und anderen Orten aufnehmen mußte und außerdem für die Klöster
eine solche von 100,000 Thaler. Die reichsten und mächtigsten Familien
waren überdies ausgewandert.[12] Schnell erhob sich ein neues Städtchen
aus dem Trümmerhaufen, und auf ein Gesuch wurde dem Lande ein Teil der
Steuern nachgelassen und auf 3 Jahre Befreiung von der Militärpflicht
bewilligt. Diese Vergünstigung wurde 1715 noch auf vier weitere Jahre
ausgedehnt.[13]
Das Fürstentum vermochte inmitten der Kriegswirren der Zeit seine
Neutralität nicht geltend zu machen; immer wieder zogen Heerschaaren
durch dasselbe, raubend, plündernd und mordend. In den Jahren 1741
bis 1753 stand das Fürstentum unter der Regierung von +Joseph
de Nollet+, der wieder in Malmedy residirte und dem es sogar
gelang, dieser Stadt den Vorrang über Stavelot vom päpstlichen
Stuhle zuerkennen zu lassen. Ihm folgten noch die beiden Fürstäbte
+Delmotte+ und +Hübin+; unter ihrem Nachfolger schlug für
das Land des hl. Remaclus die Stunde der Auflösung als selbständiges
Staatengebilde; der im Jahre 1787 am 4. Januar gewählte 77. Fürstabt
+Cölestin Thys+ sollte der letzte sein. Malmedy feierte diese
Wahl als ein freudiges Ereignis, weil Thys Prior dort war. Er wurde
in Köln geweiht und leistete den Eid in Stavelot. Er war gebildet,
aber schwach und wenig in Verwaltungssachen erfahren. Uebrigens hätte
er auch ohnehin den französischen Revolutionären nicht widerstehen
können. Die Unzufriedenheit, „~le mal français~“, ergriff auch
die Bewohner des Fürstentums, die eine förmliche National-Versammlung
bildeten, welche dem Fürstabt ihre Forderungen vortrug. Es war eine
Art Miniatur-Revolution, die zugleich den Todeskampf des Fürstentums
bedeutete. ~Arséne de Noüe~ nennt sie eine „~pitoyable parodie
de la révolution française, augmentée de la contrefaçon de la révolte
liégeoise~.“ In Lüttich, der bedeutendsten Nachbarstadt, hatte es
nämlich so gewaltig gegährt, daß man die Wirkung selbst in Stavelot
und Malmedy verspürte. Auswärtige Emissäre durchzogen das Land, um die
Bewohner aufzuwiegeln. Im Kapuzinerkloster trat die Nationalversammlung
zusammen, deren Mitglieder ihre Person als heilig und unverletzlich
erklärten. Inzwischen trafen auf Veranlassung des Abtes, der sich nicht
mehr sicher fühlte, 450 Mann aus Köln in Malmedy ein unter dem Befehl
des Oberstlieutenants Frhr. v. Wolzogen. Die Bürgerschaft forderte aber
den Rückzug der Truppen und weigerte sich, für den Unterhalt derselben
aufzukommen. Sie wurde bald darauf von 2000 „Patrioten“ aus Franchimont
unterstützt; und als die deutschen Truppen nun auf die Bitte des Abtes
sich zurückzogen, war auch seine Autorität vollends geschwunden und
der eigentliche Aufruhr brach los. Die Mönche ließen ihre Archive
und Kostbarkeiten auf Wagen nach Deutschland transportieren. Das
Volk wollte zwar seinen Fürsten nicht vertreiben, aber es verlangte
zahlreiche Rechte und Freiheiten, Aenderungen in der Verwaltung
u. s. w. Im Februar 1792 zog ein österreichisches Regiment durch
Malmedy, und in den folgenden Monaten kamen französische Truppen und
Emigranten dort an. Im November flüchteten der Abt sowie eine Anzahl
Mönche aus Malmedy. Französische Dragoner plünderten die Abtei und
errichteten einen Freiheitsbaum. Die Franzosen mußten aber am 3. März
1793 wieder abziehen. Der Abt kehrte bald darauf inkognito zurück und
ließ eine Untersuchung über die Anhänger der Revolution eröffnen. Die
Bewohner weigerten sich aber, ihr Land von den Oesterreichern besetzen
zu lassen. Nach einer kurzen ruhigen Periode empörten sich die Bewohner
der Grafschaft Logne, welche zu Stavelot-Malmedy gehörte, und der Abt
rief deshalb die Württemberger zu Hilfe. Am 21. Juli verließ er sein
Land für immer. Er starb am 1. November 1796 in Hanau bei Frankfurt a.
M. und wurde in Groß-Steinheim begraben.[14]
So liegt nun der letzte unglückliche Fürst eines Landes, welches über
1100 Jahre hindurch gleichsam allen Stürmen und Umwälzungen der Zeiten
getrotzt hatte, aber der französischen Anarchie zum Opfer fallen
mußte, fern von seiner Abtei begraben, und nicht einmal ein Grabstein
bezeichnet seine Ruhestätte! Die Mönche wurden entweder deportirt oder
in der weiten Welt zersprengt, die Archive entweder vernichtet oder
nach allen Seiten zerstreut.
Am 1. Oktober 1794 proklamirte der Bürger ~Brixhe~ aus Spa auf dem
öffentlichen Platz in Malmedy die Vereinigung mit der Republik, und
durch das Gesetz vom 9. Vendemiaire Jahr IV (1. Oktober 1795) erklärte
die französische Nationalversammlung die Gebiete von Lüttich, Stavelot,
Logne und Malmedy mit Frankreich vereinigt. So ging das kleine
Fürstentum in den Fluten der Revolution unter, nachdem es 1146 Jahre
bestanden hatte.[15]
Die Bewohner von Malmedy waren über ihre Vereinigung mit der
französischen Republik keineswegs erbaut. Die Annexion wurde aber durch
die Verträge von Campo-Formio und Lunéville bestätigt. Malmedy wurde
zum Ourthe-Departement geschlagen, dessen Hauptstadt Lüttich war. Die
Stadt wurde Sitz eines Unterpräfekten. Durch den Wiener Vertrag vom
9. Juni 1815 wurde Stavelot mit den Niederlanden vereinigt, während
Malmedy mit Umgebung, soweit sie zur Diözese Köln gehörten, an Preußen
kam. Malmedy ist noch gegenwärtig eine Kreisstadt im Regierungsbezirk
Aachen.[16]
Aus Malmedy sind eine Anzahl hervorragender oder bekannter Männer
hervorgegangen. Außer den vielen Aebten, Bischöfen und Theologen,
die in dem Benediktinerkloster lebten und wirkten oder aus demselben
hervorgegangen sind, verdienen wohl einige erwähnt zu werden.
+Johann Ignaz Roderique+ (auch Rodric, Rodrigue und Rodrique
geschrieben) wurde im Jahre 1697 in Malmedy geboren. Seine
humanistische Bildung erhielt er in Aachen und trat, zwanzig Jahre
alt, in den Jesuitenorden, aus welchem er jedoch, wie seine Gegner
behaupten, schlechter Führung wegen ausgestoßen wurde. Er begab
sich zu dem berühmten Georg von Ekkard nach Würzburg, wo er der
Hochschule bald als Professor angehörte. Später siedelte er nach
Köln über, heiratete dort eine begüterte Wittwe, die Eigentümerin
der „Kölnischen Zeitung“. Arséne de Noüe sagt von ihm: „Unter seiner
geschickten Leitung wurde das Blatt sehr bekannt, besonders während
des Krieges wegen der Erbfolge Kaiser Karls VI. Roderique hatte es
verstanden, in den beiden Lagern Korrespondenten zu finden, und was
er nicht zu drucken wagte, ließ er den Interessenten im Manuskript
zukommen.“ Er führte eine lebhafte Polemik mit dem Gelehrten
Martenius wegen der Gleichberechtigung Malmedy’s mit Stavelot. Der
Provinzialrat dieser Stadt ließ ihn sogar gerichtlich verfolgen, weil
er behauptet hatte, Urkunden von Stavelot seien gefälscht. Er starb
1756, nachdem er mehrere lateinische Werke veröffentlicht und in
seiner Vaterstadt eine Kapelle hatte errichten lassen.
Auf geschichtlichem und juristischem Gebiete war der 1748 in
Malmedy geborene +Augustin Villers+ litterarisch thätig, der
Vorsitzender des Obergerichtshofs zu Malmedy, Staatsrat und Geheimrat
des Fürsten Cölestin Thys wurde. Er schrieb u. a. die Gesetze des
Landes nieder, sowie Kommentare dazu, ferner eine Geschichte der
Aebte und ein wallonisch-französisches Wörterbuch. Diese Werke wurden
nicht gedruckt, sind aber im Manuskript erhalten. Er starb in Folge
eines Sturzes vom Pferde im Alter von 46 Jahren.
Der Prior +François Laurenty+ von Malmedy schrieb die Geschichte
der Aebte von dem hl. Remaclus bis zu Wilhelm von Bayern, deren
Handschrift im Regierungs-Archiv in Düsseldorf aufbewahrt wird.
Laurenty starb 1650, 66 Jahre alt. Aus dem Ende des 18. Jahrhunderts
verdient der Verleger +Gerlache+ erwähnt zu werden, der in
Malmedy eine Druckerei gründete. Derselbe gab eine neue Ausgabe der
~Droits coutumiers de Stavelot~ heraus und einen ~Almanach du
Pays de Stavelot~.
Auf militärischem Gebiete zeichnete sich der 1771 in Malmedy geborene
+P. Jos. Bartholemy+ aus, der in österreichische Dienste trat
und an den italienischen Feldzügen teilnahm. Abgesehen von anderen
Auszeichnungen wurde er zum Freiherrn erhoben und starb als Oberst
1832 in Pest.
Als Gynäkologe wurde +Joseph Doutrelepont+ (auch Doutrepont
genannt) berühmt, der 1776 in Malmedy geboren war. Er studirte in
Würzburg, Halle und Wien und wurde in ersterer Stadt Professor der
Gynäkologie. Einen Ruf nach Göttingen (1837) lehnte er ab und wurde
daraufhin von dem König von Bayern mit dem Civilverdienstorden
ausgezeichnet. Seine Abhandlungen erschienen in Fachzeitschriften. Er
starb 1845 in Würzburg.
Auf dem Gebiete der Botanik erwarb sich Fräulein +Maria Anna
Libert+, die Tochter des Bürgermeisters von Malmedy (1782-1865),
einen Namen. Ferner sind mehrere Maler zu nennen: +Counet+,
+Louis+ und +Engelbert Renarstein+, die die Portraits der
letzten Fürstäbte gemalt haben, +Alexander Thomas+ u. s. w.
Malmedy hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Die Chronik seiner
Mißgeschicke ist sehr umfangreich, aber die Geschichte des Fürstentums
weist auch manche erfreuliche Seite auf. Vielleicht entschließt sich
einmal ein deutscher Geschichtsforscher die Geschichte des ehemals so
berühmten geistlichen Fürstentums Stavelot-Malmedy zu schreiben und
dabei auch die kulturhistorischen, ethnographischen und sprachlichen
Verhältnisse eingehend zu berücksichtigen. Man würde dadurch den
Bewohnern Malmedys, dieser einzigen wallonischen Stadt im deutschen
Reiche, die dem Deutschtum gewonnen werden sollen, eine Aufmerksamkeit
beweisen, die diese wohl zu würdigen wissen würden.
[4] ~Liége~ 1848.
[5] ~Anvers~ 1891.
[6] Die Wallonen nennen die Stadt ~Mâmdî~. Malmedy wird auch häufig
~Malmédy~ geschrieben. Der verdienstvolle Forscher ~Dr.~ Quirin Esser
läßt die oben erwähnte Etymologie nicht gelten. In seinen „Beiträgen
zur gallo-keltischen Namenkunde“ (I. Malmedy 1884) begründet er
die Annahme, daß Malmedy schon zur Römerzeit bestand und Malmandra
geheißen habe (dieses soll der frühere Name der Warchenne gewesen
sein).
[7] Es wird allerdings erst in einer unter dem Abte Wibald
ausgestellten Urkunde zum erstenmal ~oppidum~ genannt.
[8] Stavelot besaß das Grab des gemeinsamen Stifters, dort hatten
auch die meisten Fürstäbte ihre Residenz. Stavelot wollte deshalb
den Vorrang über Malmedy haben; Malmedy dagegen war vom hl. Remaclus
zuerst gegründet worden, dort hatten Mönche gewohnt, ehe in Stavelot
der Grundstein zum Kloster gelegt wurde und es wollte deshalb in
Allem Gleichberechtigung. Stavelot siegte über Malmedy, da Papst
und Kaiser sich zu Gunsten der ersteren Abtei aussprachen; es
war offenbar seitens der Mönche von Stavelot eine Mißachtung der
Absichten und Ermahnungen des hl. Remaclus, der vor seinem Tode die
Eintracht empfohlen hatte. Ueber die Frage des Vorranges der einen
oder anderen Abtei wurden mehrere Foliobände geschrieben, ohne daß
der Streit endgültig erledigt worden wäre. Es handelte sich dabei
nur um eine interne Frage ohne eigentlichen politischen Anstrich.
Stavelot war immer der Hauptort des Fürstentums und Sitz des
Obergerichtshofes, und man kannte auch nur den Namen „~Principauté
de Stavelot~“. Die Streitfrage spitzte sich zeitweilig sogar so
zu, daß Malmedy einen eigenen Abt hatte. Im Uebrigen aber wurde
der gemeinsame Abt immer in Stavelot gewählt, aber in der letzten
Zeit vor der Aufhebung des Fürstentums fiel die Wahl oft auf Mönche
aus Malmedy. Hier residirten auch die letzten Aebte, und sogar die
Ständeversammlungen fanden trotz des Protestes der Schwesterstadt
dort statt. Es blieb Stavelot zuletzt also nur mehr das eine
Vorrecht, daß die Mönche dort ihre Gelübde ablegen mußten. Ohne die
Ereignisse der französischen Revolution wäre vermutlich auch dieses
Vorrecht abgeschafft worden.
[9] Hagen, Geschichte Aachens, Bd. I, S. 117.
[10] Die oben erwähnte „goldene Bulle“ (1137) ist eines der
wichtigsten Dokumente für die Geschichte Stavelots und Malmedys. In
derselben spricht Kaiser Lothar der Abtei sein besonderes Wohlwollen
aus und nimmt sie unter seinen Schutz. Er untersagt darin für
alle Zeit die Lostrennung der Abtei vom deutschen Reiche; ferner
verordnet er ausdrücklich, daß Malmedy nicht von Stavelot getrennt
werden dürfe, wie es schon drei Mal versucht worden sei. Bei dem
Tode des Abtes sollen die Mönche sich in Stavelot vereinigen und
einen Nachfolger unter denjenigen dieses Klosters wählen oder falls
ein geeigneter nicht vorhanden sei, eher einen solchen aus Malmedy
als von auswärts wählen. Der Bischof von Lüttich soll die Weihe
vornehmen, ohne eine Gebühr zu erheben. Der Vogt (~advocatus~,
~avoué~) der Abtei soll die Truppen befehligen. Aus der Urkunde
ersieht man auch daß die Abtei inzwischen ihren Besitz bedeutend
vergrößert hatte und in Aachen 31 Häuser und eine Kapelle besaß. Die
Stadt Malmedy selbst erfreute sich schon früh einer gewissen Blüte.
-- Von Wibald’s Briefen sind 441 erhalten; das Originalmanuskript
befindet sich ebenfalls in Düsseldorf. In denselben werden die
wichtigsten Ereignisse des 12. Jahrhunderts besprochen. Sie sind
deshalb von großem geschichtlichem Werte, aber auch in litterarischer
Hinsicht sind sie von Bedeutung. Wibald schrieb ein Latein, das so
sehr an die Klassiker erinnert, daß man es ihm sogar zum Vorwurf
machte, er beschäftige sich zu viel mit denselben.
[11] Die Verfassung enthielt im Wesentlichen die früheren
Bestimmungen, deren Text verloren gegangen war. Das Oberhaupt der
Herrschaft Stavelot-Malmedy hatte, wie bereits bemerkt, souveräne
Gewalt; wie es in der Verfassung hieß, war der Fürst Herr über
Leben und Tod; er hatte vollste Gewalt über „Feuer, Wasser, Luft
und Erde“. Die Landstände, zu welchen die beiden Priore von
Stavelot und Malmedy, die ältesten der Ritterschaft, je zwei
Schöffen der Gerichtshöfe, die Bürgermeister der beiden Städte und
die Gemeindeabgeordneten gehörten, traten jedes Jahr zur Beratung
zusammen. Zu der Ständeversammlung gehörten auch adelige Deutsche,
die in dem Fürstentum begütert waren, u. a. der österreichische Graf
v. Metternich (die fürstliche Familie v. Metternich hat erst in den
vierziger Jahren ihre dortigen Güter veräußert). Dem Abte stand als
Fürsten ein Staatsrat von 3, oft auch 5 Mitgliedern bei Seite. Die
~haute-cour~ von Stavelot protestirte allerdings dagegen, indem
sie ihre älteren Rechte geltend machte, aber es wurde ihr u. a.
geantwortet: „Das Alter habe in der Sache nichts zu sagen, da ja auch
die Tiere, die vor dem Menschen erschaffen wurden, dafür doch nicht
über ihm ständen.“ An Soldaten mußten Stavelot, Malmedy und Logne je
100 Mann stellen. Die Bürger mußten unentgeltlich und zwar bis zum
65. (!) Jahre dienen, aber von jedem Haushalt durfte nur ein Mann
gefordert werden. Vom Militärdienst befreit waren die Geistlichen,
die Richter, die Bürgermeister und die Adligen.
[12] Einer wohl wenig glaubwürdigen Nachricht zufolge soll Kardinal
von Fürstenberg, der zur Zeit des Einfalls zur Teilnahme am Konklave
in Rom weilte, auf der Rückreise über Paris das seinem Lande
zugefügte Unheil gerächt haben, indem er nämlich den damaligen
französischen Kriegsminister ohrfeigte.
[13] Das Fürstentum war damals begrenzt im Norden von dem Herzogtum
Limburg, im Osten und Süden von Luxemburg, im Nordwesten von
der Markgrafschaft Franchimont und Condroz. Es bestand aus den
~postelleries~ Stavelot und Malmedy und der Grafschaft Logne
mit einer Bevölkerung von 28,000 Einwohnern. Die ~postellerie~
Malmedy bestand aus Malmedy, den Gebieten (~bans~) von Weismes
und Francorchamps. Es ist leicht begreiflich, daß, wenn auch noch
vereinzelt deutsche Elemente vorhanden waren, diese gegenüber dem
überwuchernden Wallonentum nicht zur Geltung kommen konnten. Das
sehen wir auch in andern Gegenden, wo das Deutsche mit einer andern
Sprache, der Muttersprache der überwiegenden Mehrheit, ringt. Da
Malmedy unweit von rein deutschem Sprachgebiet liegt, kamen auch
oft Deutsche dorthin. Gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts schrieb
Saumery in seinen „~Délices du pays de Liége~“ (~Liége~ 1743, III,
S. 195): „Die Stadt Malmendi muß Stavelot vorgezogen werden nicht
bloß wegen ihres Umfangs, sondern auch wegen der Schönheit ihrer
Lage und des Reichtums ihres Handels. Abgesehen davon, daß sie ein
Stapelplatz (~entrepôt~) Lothringens und der von der Mosel und dem
Rhein bespülten Länder ist, genügen um sie zu bereichern eine Tuch-
und Wollstoff-Fabrik und eine der schönsten Gerbereien Europas, zu
welcher das Wasser des Flüßchens Warchenne verwendet wird, das fast
alle Straßen der Stadt durchfließt. Stavelot unterhält ebenfalls
dieselben Fabriken, aber die von Malmendi sind viel bedeutender, und
der beständige Besuch der deutschen Kaufleute führt einen rascheren
Absatz herbei und vermehrt den Eifer der Arbeiter.“
[14] Da in Stavelot-Malmedy als Tag seines Todes allgemein, jedoch
irrtümlicher Weise, der 15. Dezember 1796 angegeben wird, so möge
hier zuerst eine Abschrift der Urkunde aus dem Sterberegister der
Pfarre Groß-Steinheim folgen:
1796
~1. Nov. obiit in Hanau Reverendissimus D. Coelestinus Abbas
Monasteriorum Stavelot et Malmedi de Thys, princeps Imperii Romani,
Comes de Logne, omnibus morientium Sacramentis munitus. Tertia
Novembris huc transportatus, sepultus est in choro Ecclesiae huiatis,
Annorum 66.~
Ferner besagt ein Auszug aus der Hanauer Chronik: 1. Nov. stirbt
zu Hanau der Fürstabt Cölestin Thys aus Malmedy im Alter von 66
Jahren; die Leiche wird am 3. Nov. nach Groß-Steinheim überführt und
im Chor der dortigen Kirche beigesetzt. Er war der letzte Fürstabt
der reichsunmittelbaren Benediktinerabteien Stavelot-Malmedy, deren
Gebiet zur Hälfte zu Belgien gehört, während der andere Teil mit
dem Hauptort Malmedy 1815 an Preußen kam. (Erst 1809 wurde durch
Napoleon ~d. d.~ Tuilerien 3. März, die katholische Pfarrei in
Hanau gegründet; bis dahin versahen, von 1787 ab, die Pfarrer von
Groß-Steinheim den Dienst.)
[15] Ueber den Untergang des Fürstentums schreibt Heinrich Freimuth
in seinen „Ardennenwanderungen“: „Malmedy hatte auch seine Erklärung
der Republik, ein Liliput-Revolutiönchen mit allem Pathos einer
Weltkatastrophe nach berüchtigtem Pariser Muster, eine wahre
Harlekinade auf untergeschnalltem Kothurn. Das Spiel der als
„unverletzlich“ erklärten „Nationalversammlung“ von Malmedy mit dem
revolutionären Feuer lief dann aber in einen regelrechten Brand aus,
von welchem der altehrwürdige, zwölfhundert Jahre alte Thronsessel
der Fürstäbte verzehrt wurde. Im Regierungsarchiv zu Düsseldorf ruhen
die Reste des berühmten Toten, der das Fürstentum Stavelot-Malmedy
heißt, in Form der einzig aus Brand und Krieg geretteten Archive
des letztern, nach langer schicksalsreicher Irrfahrt. Die Mönche
hatten sie als traurige Fuhrleute 1794 nach dem westfälischen Olpe
geflüchtet, wo ein Jahr darauf mit der Hälfte der Wohnungen auch
ein Teil dieser geschichtlichen Schätze verbrannte. Der Rest kam
teilweise nach Münster und teilweise nach Hanau, wohin der letzte
aus der langen Reihe der Fürstäbte, Abt Cölestin Thys, geflüchtet
war. Später waren sie in Aachen Gegenstand langwieriger Verhandlungen
zwischen Preußen und Holland, sowie nachher zwischen Preußen und
Belgien.“ -- Die Bewohner von Stavelot und Malmedy lebten glücklich
in ihrer Abgeschiedenheit, so lange sie nicht durch Stürme von
auswärts gestört wurden. Ueber die geistlichen Herrscher urteilt
Arséne de Noüe wie folgt: „Es sei fern von uns zu erklären, daß alle
Fürsten von Stavelot Muster der Tugend waren; die Geschichte würde
uns Lügen strafen; aber wenn wir von den dem Lande aufgezwungenen
Titular-Aebten absehen, bemerken wir höchstens drei unwürdige Aebte
auf der Liste. Sie waren von der verdorbenen Atmosphäre dieser Zeit
umgeben. Uebrigens trägt von den regelrecht gewählten Aebten keiner
das Brandmal der Infamie auf der Stirn; ihr einziges Laster bestand
in der Freigebigkeit.“
[16] Ueber die sprachlichen Verhältnisse berichtet Arséne de Noüe
sehr wenig; die Spuren deutscher Sprache scheint er zu verschweigen,
dagegen erwähnt er ausdrücklich, daß in dem Fürstentum dieselbe
Sprache gesprochen wurde wie in Lüttich. Zu Anfang des 17.
Jahrhunderts finden wir auch schon Schwestern (Sepulcrines) aus
Verviers in Malmedy, woselbst sie besonders den wohlhabenderen
Töchtern Unterricht erteilten. In diesem Pensionat war jedenfalls
die französische Sprache vorherrschend. Die Schule wurde nach der
französischen Revolution wieder aufgerichtet. Auch die Kapuziner, die
sich 1617 in Malmedy niederließen, kamen aus Lüttich. Der Gebrauch
der französischen Schriftsprache verallgemeinerte sich besonders
seit der Revolution, und von 1815 an war das Deutsche Amtssprache.
Das älteste wallonische Dokument, das aus dem ehemaligen Fürstentum
erhalten ist, ist die Verfassung von 1459, in welcher einzelne
Ausdrücke an den Einfluß des Deutschen erinnern.