Einleitung.
Einige Jahre hindurch hatte ich die Verhältnisse in Elsaß-Lothringen
studiert und besonders dem Vordringen des Deutschtums in den
französischen Sprachgegenden mein Augenmerk zugewandt. Es wurde nun
der Wunsch in mir rege, auch eine andere Gegend kennen zu lernen,
die, abgesehen von ihrer geringeren Ausdehnung, ähnliche Verhältnisse
aufweist, nämlich die preußische Wallonie. Diese Bezeichnung mag
manchem Leser wenig oder gar nicht bekannt sein. Thatsächlich ist aber
ein bedeutender Teil des Kreises Malmedy wallonisch und die Stadt
gleichen Namens ist der Hauptort der sogenannten preußischen Wallonie.
Die Bewohner dieser seit 1815 zu Preußen gehörigen Gegend sprechen
wallonisch und französisch, ein Teil beherrscht auch das Deutsche.
Wenn Malmedy in den Zeitungen nicht oft genannt wird, so ist das sehr
begreiflich: deutschfeindliche Umtriebe kommen dort nicht vor, und
man hat auch zuviel mit den Polen im Osten und den Dänen im Norden zu
thun, als daß man sich mit einer verhältnißmäßig geringen Zahl Wallonen
im Westen des preußischen Staates beschäftigen sollte. Dann sind auch
im Südwesten des Deutschen Reiches die Elsässer und Lothringer, mit
denen sich die öffentliche Meinung noch oft genug zu befassen hat. Aber
merkwürdig sind die Verhältnisse doch auch in Malmedy und der Umgegend;
die wenigen Notizen, die es mir gelungen war, vor meiner Reise in
jene Gegend darüber zu sammeln, gaben mir keinen Aufschluß über die
Fragen, die mich besonders interessirten, und so führte ich den längst
gefaßten Entschluß aus, an Ort und Stelle mich über die Verhältnisse zu
erkundigen.
Von Straßburg fuhr ich nach Luxemburg und von dort brachte ein
gemüthlicher Bummelzug mich nach dem nördlichen Theile des
Großherzogtums, dem Oesling. Die Gegend ist dort gebirgiger und
rauher, als im Gutlande. Die letzte einigermaßen bedeutende Ortschaft
auf großherzoglichem Boden ist Ulflingen, von den Luxemburgern
Elwen genannt, während die französische Bezeichnung ~Trois-Vierges~
lautet (von drei Nornen bezw. Jungfrauen, die in früherer Zeit dort
verehrt wurden). Von dort hat man bald die Grenze überschritten,
und man würde im Zuge den Uebergang gar nicht gemerkt haben, wenn
nicht ein Grenzaufseher nach Branntwein gefragt hätte. An der
luxemburgisch-deutschen Grenze war nämlich damals noch für Branntwein
eine Kontrole, weil Luxemburg, das bekanntlich zum deutschen Zollverein
gehört, sich früher weigerte, die Branntweinsteuer auf gleiche Höhe zu
bringen, wie in Deutschland. Dieses ist jetzt geschehen, so daß der
Grenzkordon wegfallen konnte. Auch über die Grenze hinaus wird noch die
Luxemburger Mundart gesprochen; die Gegend gehörte übrigens früher zum
Luxemburger Lande. Die Zugverbindung war dort nicht gerade eine sehr
glänzende, und so mußte ich mich schon entschließen, in St. Vith zu
übernachten, weil der Nachmittags- bezw. Abendzug nicht weiter fuhr.
Jetzt sind die Zugverbindungen besser.
+St. Vith+ ist ein hübsches Städtchen, und so abgelegen es auch
ist, so findet man doch ein gutes Unterkommen dort. Es liegt auf
einer Anhöhe und zählt ungefähr 2000 Einwohner, die mit Rücksicht auf
jene Gegend als ziemlich behäbig gelten können. Außer der Viehzucht
wird besonders die Gerberei eifrig betrieben. In dem Städtchen findet
man eine alte Pfarrkirche, ein Kloster mit Haushaltungsschule und
Touristenheim, sowie einen alten Thurm („Büchelthurm“) als letzten
Ueberrest der früheren Umwallung. Die Mundart, die dort gesprochen
wird, ist schon die Eifeler Mundart, die der Luxemburgischen ähnelt[1].
Die Stadt selbst nennt das Volk „Sankt Veit“ oder z’m Vekt. Wer sich
über die Bevölkerung dieser Gegend unterrichten will, muß schon mit
den Leuten selbst verkehren. Greift man zu einem Führer, so findet man
meistens gar keine Angabe darüber. Heinrich Pflips[2], ein Eifeler
Lehrer, der die Gegend beschrieben hat, beschränkt sich auf eine
landschaftliche Schilderung mit dürftigen geschichtlichen Notizen.
Einige hübsche Seiten widmet Heinrich Freimuth in seinen anregend
geschriebenen „Ardenner Wanderungen“[3] der Geschichte des Städtchens
St. Vith.
Vormittags fuhr ich nach Malmedy weiter. Die Gegend um St. Vith ist
ziemlich ärmlich, man sieht meist nur Haide und Ginster. Die nächste
Station ist +Montenau+, eine hübsch gelegene Ortschaft mit Wäldern
in der Nähe. In +Weismes+ verläßt man den nach Montjoie-Aachen
weiterfahrenden Zug, um auf einer kleinen Zweigbahn abseits nach
Malmedy zu gelangen. Ich mußte in Weismes fast eine Stunde warten, und
so benutzte ich die Gelegenheit, das Dorf zu besichtigen, das schon
ganz im wallonischen Sprachgebiet liegt. Der Name selbst ist wallonisch
und wird „Uäm“ ausgesprochen; die deutschen Bahnbeamten sprechen ihn
allerdings aus, so wie er geschrieben wird: Weismes, und das kann
einen Philologen schon sehr nervös machen. Das Dorf hat gar nichts
Merkwürdiges; man sagte mir nur, es sei wegen seines Kirchweihfestes
bekannt. Mehr interessirte mich die Schule, wo ich deutsch singen
hörte. Die Bewohner grüßten mich aber meistens wallonisch oder
französisch. In den wenigen Geschäften, die der Ort außer einer
Strohhutfabrik aufzuweisen hat, wird auch deutsch gesprochen.
In Malmedy findet man in mehreren alten Gasthöfen, wo man deutsch,
französisch oder, wenn’s beliebt, auch wallonisch sprechen kann,
eine gute Unterkunft. Ein modernes Hotel wird jetzt dort errichtet.
Es gefiel mir bei meinem ersten Aufenthalt so gut in dem behaglichen
Städtchen, daß ich im Herbst, wo ich eine Ferienreise durch die Eifel
machte, noch einmal dorthin zurückkehrte.
Bevor ich die Stadt und ihre Umgebung beschreibe, auf die Sitten und
Gebräuche der Einwohner, die Sprachenverhältnisse usw. eingehe, will
ich eine kurze Geschichte der Stadt Malmedy entwerfen.
[Illustration]
[1] ~Dr.~ Hecking: Die Eifel in ihrer Mundart. Prüm, P. Plaum. 1890.
[2] Das romantische Ourthal. Ein Wanderbuch. I. Das obere Ourthal.
Aachen, Jgn. Schweitzer. 1891.
[3] Mit fünf Bildern nach Skizzen von Prof. W. Altenburg, einem
Tourenverzeichnis und einer Karte. Köln, J. P. Bachem.