III.

Die Stadt Malmedy.

Malmedy liegt sehr hübsch in einem Thale, das schon der hl. Bernhard

„das lieblichste der Ardennenthäler“ nannte, und hätte schon längst ein

Kurort werden können, da es vortreffliche Mineralquellen besitzt. Für

die Touristen, die vom Niederrhein kamen, war die Reise dorthin aber

zu beschwerlich, und man wagte es wohl auch nicht, mit dem ziemlich

nahegelegenen berühmten Spa in Wettbewerb zu treten. Vom Bahnhof her

glaubt man bereits in einen Kurort zu kommen, wenn man die freundlichen

Villen und Gartenhäuser bemerkt. Im Innern ist die Stadt allerdings

gar nicht großstädtisch; sie trägt vielmehr den Charakter eines

ruhigen Landstädtchens, und da jede geräuschvolle oder die Bewohner

durch Rauch belästigende Industrie fehlt, wird sie von Touristen und

Sommerfrischlern gern besucht. Wenn einmal eine größere Anzahl von

Kurgästen die Mineralquellen von Malmedy aufsuchen, wird sich die Stadt

wohl rascher entwickeln als bisher.

Malmedy liegt unter 50°28′ nördl. Breite, 23°34′54″ östlicher Länge.

Es ist eine Kreisstadt im Regierungsbezirk Aachen und zählte am 1.

Dezember 1895 4600 Einwohner (Zunahme: 182 seit 1890), davon sind

ungefähr 3000 Wallonen. Außer einer Kreisbehörde besitzt es ein

Hauptzollamt, ein Amtsgericht, ein Katasteramt, eine Sparkasse, ein

Progymnasium, eine höhere Töchterschule, mehrere Spitäler u. s. w. Die

Stadt liegt nur 2 geographische Meilen von Spa und 4 Meilen von Eupen

entfernt. Ein Bach, die Warchenne, durchläuft in mehreren jetzt zum

größten Teile überdeckten Rinnsalen die Stadt, um sogleich nachher sein

krystallhelles Wasser in die breitere Warche zu ergießen, welche eine

Stunde unterhalb in die Amel mündet. Diese fließt an Stavelot vorbei

und bildet später einen Zufluß zur Maas.

Malmedy liegt höher als Spa. Während letzteres am Pouhon etwa um 250

Meter das Meeresniveau überragt, liegt der Fuß der Kirche von Malmedy

332 Meter oder 1023 Fuß hoch. Der hervorragendste Punkt des Hohen Venns

liegt noch 1118 Fuß höher; es ist dies der Bodranche (auch Baudrange

geschrieben), von wo aus man bei hellem Wetter das Siebengebirge

erblicken kann.

Die klimatischen Verhältnisse Malmedys sind nicht wesentlich von denen

Spa’s verschieden. Daß ziemlich jähe Temperaturwechsel an beiden

Orten stattfinden, ist nicht abzuleugnen. Beiden Städten ist wegen

ihres Wasserreichtums auch eine gewisse Feuchtigkeit der Atmosphäre

gemeinsam, welche aber für die heißen Sommertage erwünscht ist. Gegen

die rauhen Nord- und Nordwestwinde ist Malmedy durch hohe Bergzüge

geschützt. Die hohe Lage und die umgebende Waldung gewährt den

Bewohnern den Vorteil frischer reiner Gebirgsluft, deren anregende

tonisirende Eigenschaften Jeder, der dort verweilt, bald empfinden

wird. Wenn auch die Einwohner nicht zu dem stärksten Menschenschlage

gehören, so erfreuen sie sich doch im Ganzen einer blühenden,

widerstandsfähigen Gesundheit. Die Bewohner sind übrigens gefällig und

von einem in der Eifel ziemlich seltenen Wohlstande.

Ein öffentlicher Platz führt den etwas hochklingenden Namen „~Place

de Rome~“ (Römerplatz), angeblich weil die Römer früher eine

Niederlassung dort hatten. An Sehenswürdigkeiten besitzt Malmedy

vorerst die +Abteikirche+ im Spätrenaissancestil, die seit 1819

als Pfarrkirche dient. Der interessante Bau mit zwei Türmen, der

1775 errichtet wurde, erhebt sich am Chateletplatz und dicht daneben

befindet sich das alte Abteigebäude. Das Innere der Kirche mit ihren

polychromierten Wänden ist sehenswert. In derselben werden in einem

kostbaren Schrein die Gebeine des hl. Quirinus aufbewahrt. Die Kirche

besitzt ein schönes Glockenspiel, das alle Viertelstunde lustige,

weltliche Weisen ertönen läßt. So gut katholisch die Bewohner auch

sind, so wenig nehmen sie doch an diesen Melodien Anstoß, die sie

zwar an das Schwinden der Zeit erinnern, aber meistens so fröhlich

klingen, daß man schier ein Tänzchen dazu wagen möchte. „Heil Dir im

Siegerkranz“, „Ueb’ immer Treu und Redlichkeit“, „Ich weiß nicht, was

soll es bedeuten“, „Adam hatte sieben Söhne“ und andere schöne Melodien

wechseln auf der Walze, will sagen in dem Glockenspiel mit einander ab.

In den anstoßenden +Abteigebäulichkeiten+ befinden sich jetzt

das Amtsgericht, das Hauptzollamt, das Progymnasium, die Wohnung

des katholischen Oberpfarrers, der evangelische Betsaal, das

Gefängnis u. s. w. Schon hieraus kann man schließen, daß die frühere

Benediktinerabtei sehr geräumig ist. Außer der Pfarrkirche besitzt

Malmedy noch die +Kapuzinerkirche+, die in einer engen Straße

etwas abseits liegt, und ebenfalls sehenswert ist. Der Kapuzinerorden

hatte 1623 eine Niederlassung dort gegründet und eine Kirche errichtet.

Diese besitzt einen schönen Renaissance-Altar mit einem Gemälde, die

Geburt Christi darstellend, ein Werk des Malers Counet, der im vorigen

Jahrhundert in Malmedy lebte. Von Gotteshäusern sind noch zu nennen:

die ~Chapelle de la Résurrection~ an der ~Rue Neuf~ (!), die

~Chapelle des Malades~, eine Wallfahrtskapelle in der Nähe des

Pouhon-Brunnens, die ~Chapelle Ste. Hélène~ und die Klosterkirche.

Außer dem bereits genannten Chateletplatz besitzt die Stadt noch den

+Gereonsplatz+, sowie den +Marktplatz+ mit einem Brunnenobelisken, der

1781 mit einem Kostenaufwande von 500 Florins errichtet wurde.

Die Warche, welche das Thal durchfließt, entspringt auf den bewaldeten

Höhen bei Losheim, Büllingen, Rocherath und Udenbreth, wo sich auch die

Quellen des Kyllflusses befinden. Sie vereinigt sich auf belgischem

Boden mit der Amel und ergießt sich dann unter dem Namen Aywaille in

die Ourthe. Die Warchenne, das bereits genannte Nebenflüßchen, dient

zum Betriebe der Gerbereien in Malmedy. Das Warchethal ist ziemlich eng

und felsig, erweitert sich von Bévercé an und wird unterhalb der Stadt

wohl auch Warchebrückethal genannt. Eine Brücke verbindet Malmedy mit

der Vorstadt Outrelepont (wörtlich: Ueber die Brücke hinaus), deren

Häuser allerdings nicht so stattlich aussehen.

Je mehr Fremde nach Malmedy kommen, desto schneller verschönert sich

die Stadt. Bis vor Kurzem ließen sich die Bewohner in einzelnen Straßen

ein recht holperiges Pflaster gefallen; in der letzten Zeit ist dem

aber anders geworden. Auch besitzt die Stadt jetzt eine Wasserleitung

und eine Gasanstalt.

Das landschaftlich und architektonisch so anmutige Bild Malmedys

wird nur selten von fremdem, buntem Leben verändert, und wem das

Schicksal eine besondere Gunst erweisen will, den führt es dorthin

zur Zeit eines Manövers. Dann findet man dort Paraden mit Musikkorps,

Militär-Concerte, und wenn Sedan sich noch dazugesellt, so schläft man

ruhiger bei der Feldbäckerei draußen auf den Höhen von Weismes, als

in dem Gasthofe, der mit der Abend- und Nachtfeier des 2. September

gesegnet ist. Die deutschen Militärtafeln an den Häusern gewähren,

wie Heinrich Freimuth hervorhebt, zu solcher Zeit zwischen den

französischen Straßennamen und Firmenschildern einen auffallenden

Gegensatz und den Eindruck einer deutschen Besatzung wälschen Bodens.

Malmedy ist mit Naturschönheiten mannigfacher Art ausgestattet.

Es besitzt in der Umgegend mehrere Mineralquellen, von denen die

bedeutendsten die Géromont-, Insel- und Felsenquellen sind, deren

Wasser demjenigen der Quellen von Spa und Langenschwalbach gleich

oder sogar noch überlegen sein sollen. Die Quellen werden wie auch

in Spa ~Pouhons~ (wallonisch = Sprudel) genannt: ~Pouhon des

Iles~, ~Pouhon des Cuves~. Besonders letzteren findet man

an einem idyllischen, allerdings noch ungepflegten Orte. Wegen der

Vertiefungen, die das Wasser sich selbst in Felsen geschaffen hat und

von denen eine die Form eines Bottichs (~cuve~) hat, nannte man

die Quelle ~Pouhon des Cuves~. Die Géromontquelle war früher

gefaßt, aber das Brunnenhaus ist in Verfall geraten. Dagegen ist der

~Pouhon des Iles~, so genannt nach den Inselchen, welche in der

Nähe die Verzweigungen der Warche bilden, zur Benutzung eingerichtet.

Diese Quelle liefert täglich 70000 Liter Wasser und besitzt eine

ziemlich gleichmäßige Temperatur von +9 Grad C. Seit 1871 wird von

hier Mineralwasser versandt. Ich werde später noch auf diese Quellen

zurückkommen.

Man geht jetzt ernstlich mit dem Plane um, aus der Stadt einen

+Kurort+ zu machen. Die Lage ist günstig sowohl für Deutsche

und Belgier, als auch für Holländer, Franzosen u. s. w. Dadurch

würde natürlich das Städtchen in der Badezeit ein internationales

Gepräge erhalten. Es hat sich eine Aktiengesellschaft „Malmedy-Werke“

gebildet, welche nicht bloß die Stadt mit Gas und Wasser versorgt,

sondern auch die Mineralquellen ausbeutet. Die Aussichten sind sehr

günstig für dieses Unternehmen. Der Besuch zahlreicher Badegäste

wird dazu beitragen, die wallonische Mundart zu verdrängen, und die

deutsche Sprache wird dann jedenfalls eine raschere Verbreitung finden,

als jetzt. Allerdings wird der geographischen Lage wegen auch das

Französische daneben eine Rolle spielen.

Man könnte vielleicht einwenden, die Nähe von Spa verhindere die

Entwickelung der Stadt zu einem bedeutenden Badeort. Ich bin aber nicht

der Ansicht. In Spa ist das Leben so teuer, daß, wenn man nicht gerade

Geld zum Wegwerfen hat, man möglichst bald der Stadt den Rücken dreht.

Sobald in Malmedy den Touristen aller wünschenswerte Komfort geboten

wird, werden viele Kurgäste sich mit einem kurzen Aufenthalt in Spa

begnügen und sich zur wirklichen Erholung in Malmedy niederlassen. Da

die Stadt thatsächlich zweisprachig ist, werden Touristen aus allen

Ländern sich dort einfinden. Für Vergnügungen muß allerdings auch

gesorgt werden, denn diese sind in einem modernen Badeort geradezu

unentbehrlich.

Von der anmutigen Vennstadt aus kann man lohnende Spaziergänge in die

nähere und weitere Umgegend unternehmen, so auf den Kalvarienberg,

in das Thal von Bévercé, auf die Höhen von Floriheid, nach der Ruine

Reinhardstein, dem Felsen von Falize u. s. w. Der jäh aufsteigende,

bewaldete und teilweise felsige Kalvarienberg (Livremont) -- es führt

ein Stationenweg hinauf -- mit seinen Terrassengärten überragt den

Hauptteil der Stadt und bildet den Eckpfeiler, an welchem die Thäler

der Warche, die die Stadt nur an ihrem untersten Ende berührt, und

der Warchenne zusammentreffen. Man genießt einen überraschenden Blick

auf die Stadt von der mit einem Pavillon gekrönten überhängenden

Felsplatte, genannt ~roche tournante~. Auch von den Höhen von

Floriheid genießt man eine schöne Aussicht auf die Stadt.

Die Malmedyer sind einigermaßen stolz auf ihre Eigenschaft als

Städter, und sie werden es sich schon gern gefallen lassen, wenn

aus ihrem Landstädtchen ein berühmter Badeort wird. Den Landhäusern

in der Umgebung geben sie meist etwas stolze Namen, wie ~Monbijou~,

~Monrepos~, ~Monplaisir~, ~Monidée~, ~Bellevue~ u. s. w. Diese Villen

sind übrigens hübsch gelegen; die Gärten sind stufenförmig an den

Abhängen angelegt. Weiter hinaus findet man Gehöfte, sogenannte

„Fermen“ (~fermes~, Pachthöfe), bis schließlich die Haide sich wieder

auf den weiten Flächen ausdehnt.

Die meisten Bewohner der Wallonie sind katholisch. Die 325 Protestanten

des Kreises entfallen fast nur auf Beamte, Grenzaufseher, Gendarmen

u. s. w. Seit 1845 umfaßt der ganze Kreis eine protestantische

Seelsorgestation. Der protestantische Gottesdienst findet im alten

Abteigebäude, im ehemaligen Refektorium der Benediktinermönche statt.

Juden giebt es hier, sowie im angrenzenden Kreise Montjoie, gar nicht.

Der Charakter der Einwohner hat bei der abgeschlossenen Lage des

Ortes noch die Tugenden bewahrt, welche ein Schriftsteller des

vorigen Jahrhunderts, der Engländer Lucas, an ihnen pries: Anstand,

industrieller Fleiß, Mäßigkeit, Gefälligkeit und große Zuvorkommenheit

gegen Fremde. Malmedy war von jeher eine gewerbfleißige Stadt,

obschon sie wenig den Charakter einer Industriestadt trägt. Die

Pulverfabriken, deren es im 17. Jahrhundert eine Anzahl dort gab,

sind verschwunden. Auch die Tuchfabrikation ist Anfangs dieses

Jahrhunderts zurückgegangen. Unter anderen Industrieen sind noch in

Malmedy: eine Dominospielfabrik und zwei Blaufärbereien verbunden mit

Kittelfabrikation. Das älteste und noch jetzt bedeutendste Gewerbe

ist jedoch die Lohgerberei, die schon seit 1500 betrieben wird. Es

heißt zwar, daß die Eigenschaften des Wassers der Warchenne die

Lederbereitung sehr erleichtern, jedoch haben die Gerber ihre Erfolge

wohl am meisten ihrem Wahlspruch: „~Du tan et du temps~“[17] zu

verdanken. Eine Papierfabrik beschäftigt über 500 Arbeiter und genießt

einen Weltruf durch die Erzeugung von photographischem Papier.

[Illustration]

[17] Ein Wortspiel: Lohe und Zeit.

Malmedy und die preußische Wallonie · 第 14 / 20 题