Die Stadt Malmedy.
Malmedy liegt sehr hübsch in einem Thale, das schon der hl. Bernhard
„das lieblichste der Ardennenthäler“ nannte, und hätte schon längst ein
Kurort werden können, da es vortreffliche Mineralquellen besitzt. Für
die Touristen, die vom Niederrhein kamen, war die Reise dorthin aber
zu beschwerlich, und man wagte es wohl auch nicht, mit dem ziemlich
nahegelegenen berühmten Spa in Wettbewerb zu treten. Vom Bahnhof her
glaubt man bereits in einen Kurort zu kommen, wenn man die freundlichen
Villen und Gartenhäuser bemerkt. Im Innern ist die Stadt allerdings
gar nicht großstädtisch; sie trägt vielmehr den Charakter eines
ruhigen Landstädtchens, und da jede geräuschvolle oder die Bewohner
durch Rauch belästigende Industrie fehlt, wird sie von Touristen und
Sommerfrischlern gern besucht. Wenn einmal eine größere Anzahl von
Kurgästen die Mineralquellen von Malmedy aufsuchen, wird sich die Stadt
wohl rascher entwickeln als bisher.
Malmedy liegt unter 50°28′ nördl. Breite, 23°34′54″ östlicher Länge.
Es ist eine Kreisstadt im Regierungsbezirk Aachen und zählte am 1.
Dezember 1895 4600 Einwohner (Zunahme: 182 seit 1890), davon sind
ungefähr 3000 Wallonen. Außer einer Kreisbehörde besitzt es ein
Hauptzollamt, ein Amtsgericht, ein Katasteramt, eine Sparkasse, ein
Progymnasium, eine höhere Töchterschule, mehrere Spitäler u. s. w. Die
Stadt liegt nur 2 geographische Meilen von Spa und 4 Meilen von Eupen
entfernt. Ein Bach, die Warchenne, durchläuft in mehreren jetzt zum
größten Teile überdeckten Rinnsalen die Stadt, um sogleich nachher sein
krystallhelles Wasser in die breitere Warche zu ergießen, welche eine
Stunde unterhalb in die Amel mündet. Diese fließt an Stavelot vorbei
und bildet später einen Zufluß zur Maas.
Malmedy liegt höher als Spa. Während letzteres am Pouhon etwa um 250
Meter das Meeresniveau überragt, liegt der Fuß der Kirche von Malmedy
332 Meter oder 1023 Fuß hoch. Der hervorragendste Punkt des Hohen Venns
liegt noch 1118 Fuß höher; es ist dies der Bodranche (auch Baudrange
geschrieben), von wo aus man bei hellem Wetter das Siebengebirge
erblicken kann.
Die klimatischen Verhältnisse Malmedys sind nicht wesentlich von denen
Spa’s verschieden. Daß ziemlich jähe Temperaturwechsel an beiden
Orten stattfinden, ist nicht abzuleugnen. Beiden Städten ist wegen
ihres Wasserreichtums auch eine gewisse Feuchtigkeit der Atmosphäre
gemeinsam, welche aber für die heißen Sommertage erwünscht ist. Gegen
die rauhen Nord- und Nordwestwinde ist Malmedy durch hohe Bergzüge
geschützt. Die hohe Lage und die umgebende Waldung gewährt den
Bewohnern den Vorteil frischer reiner Gebirgsluft, deren anregende
tonisirende Eigenschaften Jeder, der dort verweilt, bald empfinden
wird. Wenn auch die Einwohner nicht zu dem stärksten Menschenschlage
gehören, so erfreuen sie sich doch im Ganzen einer blühenden,
widerstandsfähigen Gesundheit. Die Bewohner sind übrigens gefällig und
von einem in der Eifel ziemlich seltenen Wohlstande.
Ein öffentlicher Platz führt den etwas hochklingenden Namen „~Place
de Rome~“ (Römerplatz), angeblich weil die Römer früher eine
Niederlassung dort hatten. An Sehenswürdigkeiten besitzt Malmedy
vorerst die +Abteikirche+ im Spätrenaissancestil, die seit 1819
als Pfarrkirche dient. Der interessante Bau mit zwei Türmen, der
1775 errichtet wurde, erhebt sich am Chateletplatz und dicht daneben
befindet sich das alte Abteigebäude. Das Innere der Kirche mit ihren
polychromierten Wänden ist sehenswert. In derselben werden in einem
kostbaren Schrein die Gebeine des hl. Quirinus aufbewahrt. Die Kirche
besitzt ein schönes Glockenspiel, das alle Viertelstunde lustige,
weltliche Weisen ertönen läßt. So gut katholisch die Bewohner auch
sind, so wenig nehmen sie doch an diesen Melodien Anstoß, die sie
zwar an das Schwinden der Zeit erinnern, aber meistens so fröhlich
klingen, daß man schier ein Tänzchen dazu wagen möchte. „Heil Dir im
Siegerkranz“, „Ueb’ immer Treu und Redlichkeit“, „Ich weiß nicht, was
soll es bedeuten“, „Adam hatte sieben Söhne“ und andere schöne Melodien
wechseln auf der Walze, will sagen in dem Glockenspiel mit einander ab.
In den anstoßenden +Abteigebäulichkeiten+ befinden sich jetzt
das Amtsgericht, das Hauptzollamt, das Progymnasium, die Wohnung
des katholischen Oberpfarrers, der evangelische Betsaal, das
Gefängnis u. s. w. Schon hieraus kann man schließen, daß die frühere
Benediktinerabtei sehr geräumig ist. Außer der Pfarrkirche besitzt
Malmedy noch die +Kapuzinerkirche+, die in einer engen Straße
etwas abseits liegt, und ebenfalls sehenswert ist. Der Kapuzinerorden
hatte 1623 eine Niederlassung dort gegründet und eine Kirche errichtet.
Diese besitzt einen schönen Renaissance-Altar mit einem Gemälde, die
Geburt Christi darstellend, ein Werk des Malers Counet, der im vorigen
Jahrhundert in Malmedy lebte. Von Gotteshäusern sind noch zu nennen:
die ~Chapelle de la Résurrection~ an der ~Rue Neuf~ (!), die
~Chapelle des Malades~, eine Wallfahrtskapelle in der Nähe des
Pouhon-Brunnens, die ~Chapelle Ste. Hélène~ und die Klosterkirche.
Außer dem bereits genannten Chateletplatz besitzt die Stadt noch den
+Gereonsplatz+, sowie den +Marktplatz+ mit einem Brunnenobelisken, der
1781 mit einem Kostenaufwande von 500 Florins errichtet wurde.
Die Warche, welche das Thal durchfließt, entspringt auf den bewaldeten
Höhen bei Losheim, Büllingen, Rocherath und Udenbreth, wo sich auch die
Quellen des Kyllflusses befinden. Sie vereinigt sich auf belgischem
Boden mit der Amel und ergießt sich dann unter dem Namen Aywaille in
die Ourthe. Die Warchenne, das bereits genannte Nebenflüßchen, dient
zum Betriebe der Gerbereien in Malmedy. Das Warchethal ist ziemlich eng
und felsig, erweitert sich von Bévercé an und wird unterhalb der Stadt
wohl auch Warchebrückethal genannt. Eine Brücke verbindet Malmedy mit
der Vorstadt Outrelepont (wörtlich: Ueber die Brücke hinaus), deren
Häuser allerdings nicht so stattlich aussehen.
Je mehr Fremde nach Malmedy kommen, desto schneller verschönert sich
die Stadt. Bis vor Kurzem ließen sich die Bewohner in einzelnen Straßen
ein recht holperiges Pflaster gefallen; in der letzten Zeit ist dem
aber anders geworden. Auch besitzt die Stadt jetzt eine Wasserleitung
und eine Gasanstalt.
Das landschaftlich und architektonisch so anmutige Bild Malmedys
wird nur selten von fremdem, buntem Leben verändert, und wem das
Schicksal eine besondere Gunst erweisen will, den führt es dorthin
zur Zeit eines Manövers. Dann findet man dort Paraden mit Musikkorps,
Militär-Concerte, und wenn Sedan sich noch dazugesellt, so schläft man
ruhiger bei der Feldbäckerei draußen auf den Höhen von Weismes, als
in dem Gasthofe, der mit der Abend- und Nachtfeier des 2. September
gesegnet ist. Die deutschen Militärtafeln an den Häusern gewähren,
wie Heinrich Freimuth hervorhebt, zu solcher Zeit zwischen den
französischen Straßennamen und Firmenschildern einen auffallenden
Gegensatz und den Eindruck einer deutschen Besatzung wälschen Bodens.
Malmedy ist mit Naturschönheiten mannigfacher Art ausgestattet.
Es besitzt in der Umgegend mehrere Mineralquellen, von denen die
bedeutendsten die Géromont-, Insel- und Felsenquellen sind, deren
Wasser demjenigen der Quellen von Spa und Langenschwalbach gleich
oder sogar noch überlegen sein sollen. Die Quellen werden wie auch
in Spa ~Pouhons~ (wallonisch = Sprudel) genannt: ~Pouhon des
Iles~, ~Pouhon des Cuves~. Besonders letzteren findet man
an einem idyllischen, allerdings noch ungepflegten Orte. Wegen der
Vertiefungen, die das Wasser sich selbst in Felsen geschaffen hat und
von denen eine die Form eines Bottichs (~cuve~) hat, nannte man
die Quelle ~Pouhon des Cuves~. Die Géromontquelle war früher
gefaßt, aber das Brunnenhaus ist in Verfall geraten. Dagegen ist der
~Pouhon des Iles~, so genannt nach den Inselchen, welche in der
Nähe die Verzweigungen der Warche bilden, zur Benutzung eingerichtet.
Diese Quelle liefert täglich 70000 Liter Wasser und besitzt eine
ziemlich gleichmäßige Temperatur von +9 Grad C. Seit 1871 wird von
hier Mineralwasser versandt. Ich werde später noch auf diese Quellen
zurückkommen.
Man geht jetzt ernstlich mit dem Plane um, aus der Stadt einen
+Kurort+ zu machen. Die Lage ist günstig sowohl für Deutsche
und Belgier, als auch für Holländer, Franzosen u. s. w. Dadurch
würde natürlich das Städtchen in der Badezeit ein internationales
Gepräge erhalten. Es hat sich eine Aktiengesellschaft „Malmedy-Werke“
gebildet, welche nicht bloß die Stadt mit Gas und Wasser versorgt,
sondern auch die Mineralquellen ausbeutet. Die Aussichten sind sehr
günstig für dieses Unternehmen. Der Besuch zahlreicher Badegäste
wird dazu beitragen, die wallonische Mundart zu verdrängen, und die
deutsche Sprache wird dann jedenfalls eine raschere Verbreitung finden,
als jetzt. Allerdings wird der geographischen Lage wegen auch das
Französische daneben eine Rolle spielen.
Man könnte vielleicht einwenden, die Nähe von Spa verhindere die
Entwickelung der Stadt zu einem bedeutenden Badeort. Ich bin aber nicht
der Ansicht. In Spa ist das Leben so teuer, daß, wenn man nicht gerade
Geld zum Wegwerfen hat, man möglichst bald der Stadt den Rücken dreht.
Sobald in Malmedy den Touristen aller wünschenswerte Komfort geboten
wird, werden viele Kurgäste sich mit einem kurzen Aufenthalt in Spa
begnügen und sich zur wirklichen Erholung in Malmedy niederlassen. Da
die Stadt thatsächlich zweisprachig ist, werden Touristen aus allen
Ländern sich dort einfinden. Für Vergnügungen muß allerdings auch
gesorgt werden, denn diese sind in einem modernen Badeort geradezu
unentbehrlich.
Von der anmutigen Vennstadt aus kann man lohnende Spaziergänge in die
nähere und weitere Umgegend unternehmen, so auf den Kalvarienberg,
in das Thal von Bévercé, auf die Höhen von Floriheid, nach der Ruine
Reinhardstein, dem Felsen von Falize u. s. w. Der jäh aufsteigende,
bewaldete und teilweise felsige Kalvarienberg (Livremont) -- es führt
ein Stationenweg hinauf -- mit seinen Terrassengärten überragt den
Hauptteil der Stadt und bildet den Eckpfeiler, an welchem die Thäler
der Warche, die die Stadt nur an ihrem untersten Ende berührt, und
der Warchenne zusammentreffen. Man genießt einen überraschenden Blick
auf die Stadt von der mit einem Pavillon gekrönten überhängenden
Felsplatte, genannt ~roche tournante~. Auch von den Höhen von
Floriheid genießt man eine schöne Aussicht auf die Stadt.
Die Malmedyer sind einigermaßen stolz auf ihre Eigenschaft als
Städter, und sie werden es sich schon gern gefallen lassen, wenn
aus ihrem Landstädtchen ein berühmter Badeort wird. Den Landhäusern
in der Umgebung geben sie meist etwas stolze Namen, wie ~Monbijou~,
~Monrepos~, ~Monplaisir~, ~Monidée~, ~Bellevue~ u. s. w. Diese Villen
sind übrigens hübsch gelegen; die Gärten sind stufenförmig an den
Abhängen angelegt. Weiter hinaus findet man Gehöfte, sogenannte
„Fermen“ (~fermes~, Pachthöfe), bis schließlich die Haide sich wieder
auf den weiten Flächen ausdehnt.
Die meisten Bewohner der Wallonie sind katholisch. Die 325 Protestanten
des Kreises entfallen fast nur auf Beamte, Grenzaufseher, Gendarmen
u. s. w. Seit 1845 umfaßt der ganze Kreis eine protestantische
Seelsorgestation. Der protestantische Gottesdienst findet im alten
Abteigebäude, im ehemaligen Refektorium der Benediktinermönche statt.
Juden giebt es hier, sowie im angrenzenden Kreise Montjoie, gar nicht.
Der Charakter der Einwohner hat bei der abgeschlossenen Lage des
Ortes noch die Tugenden bewahrt, welche ein Schriftsteller des
vorigen Jahrhunderts, der Engländer Lucas, an ihnen pries: Anstand,
industrieller Fleiß, Mäßigkeit, Gefälligkeit und große Zuvorkommenheit
gegen Fremde. Malmedy war von jeher eine gewerbfleißige Stadt,
obschon sie wenig den Charakter einer Industriestadt trägt. Die
Pulverfabriken, deren es im 17. Jahrhundert eine Anzahl dort gab,
sind verschwunden. Auch die Tuchfabrikation ist Anfangs dieses
Jahrhunderts zurückgegangen. Unter anderen Industrieen sind noch in
Malmedy: eine Dominospielfabrik und zwei Blaufärbereien verbunden mit
Kittelfabrikation. Das älteste und noch jetzt bedeutendste Gewerbe
ist jedoch die Lohgerberei, die schon seit 1500 betrieben wird. Es
heißt zwar, daß die Eigenschaften des Wassers der Warchenne die
Lederbereitung sehr erleichtern, jedoch haben die Gerber ihre Erfolge
wohl am meisten ihrem Wahlspruch: „~Du tan et du temps~“[17] zu
verdanken. Eine Papierfabrik beschäftigt über 500 Arbeiter und genießt
einen Weltruf durch die Erzeugung von photographischem Papier.
[Illustration]
[17] Ein Wortspiel: Lohe und Zeit.