In Leipzig setzte frühzeitig die Bewegung des Klassizismus ein.

Hier hatte bereits der Zopfstil, der Vorläufer der klassizistischen

Periode, in Adam Friedrich Oeser, dem Maler und Lehrer Goethes, seinen

Hauptvertreter. Der praktische Vertreter des Klassizismus wurde nach

ihm der Architekt Johann Friedrich Dauthe, der in seinen Bauten dem

Zuge der Zeit zur Antike einen starken Ausdruck zu geben verstand.

Als eines seiner besten Werke kann noch heute die Innenarchitektur

der Nikolaikirche gelten, deren ehemals gotischen Stil Dauthe in eine

mustergültige naturalistische Form des Klassizismus brachte. Ein

weiterer Bau dieses Architekten, die Frauenberufsschule auf der alten

Moritzbastei, hat im vorausgehenden Artikel eine ausführliche Darlegung

gefunden. Der Architekt von heute wird bei einem näheren Studium

der schlichten Fassade viel schöne Einzelheiten und feine Gedanken

klassizistischen Empfindens wiederfinden.

Neben diesen wenigen erhaltenen Werken Dauthes besitzt Leipzig

noch eine Reihe anderer klassizistischer Gebäude, die nach den

Befreiungskriegen als erste große Bauten entstanden und das Stadtbild

wesentlich beeinflußten und auch heute noch bereichern.

Diese hat es seinem damaligen Baudirektor und spätklassizistischen

Architekten Albert Geutebrück zu verdanken. Geutebrücks Name wird in

der Baugeschichte meistens in Verbindung mit dem Schinkels genannt,

der ihn bei dem Bau des Augusteums, der alten Universität, als seinen

Vasallen erscheinen läßt. In Wirklichkeit hat Geutebrück als Architekt

weit mehr bedeutet.

[Illustration: Abb. 1. =Augusteum und Paulinerkirche in ihrer

Gestaltung durch Geutebrück=

(Nach einer Lithographie)]

Vier Bauwerke sind es, welche heute dem Besucher des Augustusplatzes

durch ihren gleichartigen Stil besonders in das Auge fallen:

Universität, Post, Theater und Museum. Diese Gebäude präsentieren sich

ihm in ihrem italienischen Renaissancestil als scheinbar gleichaltrige

Gefährten aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts; doch dem ist nicht so.

Die Gestaltung des Augustusplatzes begann in den dreißiger Jahren

bereits mit den Bauten der Universität und des Postgebäudes. Mit beiden

ist der Name Geutebrücks eng verbunden. In den Jahren 1836 und 1838

hatte Geutebrück mit dem Augusteum und der Post die ersten Seitenlinien

dieses großen Platzes ziehen können und damit den Mittelpunkt der

baulich sich entfaltenden Stadt angelegt. Wenn auch für die Ausführung

der Fassade des Augusteums ein Entwurf Schinkels maßgebend wurde, so

hatte doch Geutebrück nach eigenen Plänen den Innenbau durchführen

können und sich dabei als Universitätsbaumeister großes Verdienst

erworben. Seine Ausgestaltung der Aula, die später umgebaut wurde,

verdient als vorbildlicher Saalbau seiner Zeit im Bilde wiedergegeben

zu werden.

[Illustration: Abb. 2. =Universitätsaula im Geutebrückschen Augusteum=]

Schonender ist die alles umgestaltende Zeit an dem Postbau Geutebrücks

vorübergegangen. Hier sind die Hauptteile der Fassade von 1838 zum

großen Teil noch erhalten. Das Quaderwerk der alten Sandsteinstücke,

die Fenster bis auf ihre Verdachungen im Obergeschoß, als auch die

seitlichen Pilaster der mittleren Vorlage und die Gesimse blieben

bestehen. In ihnen grüßt uns heute noch der Geutebrücksche Bau. Die

Eckrisalite, die Säulenvorlage mit Giebelfeld und figurengekrönte

Attika, sowie die Balustrade oberhalb des Hauptgesimses sind neu.

[Illustration: Abb. 3. =Portal des Geutebrückschen

Universitätsgebäudes, heute südlicher Nebeneingang der neuen

Universität.= Nach Schinkels Entwurf von Ernst Rietschel ausgeführt]

Das Augusteum und das Postgebäude wollten nach dem Bau des Theaters von

1867 und dem projektierten Umbau des städtischen Museums von 1883

nicht mehr recht zu dem Gesamtbilde des Augustusplatzes passen. Ihre

schlichten Fassaden mußten reicher gegliederten Platz machen, die in

der Form der italienischen Renaissance gehalten wurden.

[Illustration: Abb. 4. =Geutebrücks Postgebäude am heutigen

Augustusplatz=; rechts davon das alte Teubnersche Haus]

Als Spätklassizist strebte Geutebrück in seinen weiteren Bauten der

antikisierenden Renaissance zu. Einzelne davon haben sich im Stadtbild

bis auf heute unverändert erhalten. Das Konviktsgebäude der Universität

in der Ritterstraße zum Beispiel ist ein solcher Bau. Ursprünglich

hatte es anderen Zwecken als den jetzigen gedient. 1836 war es als

erste Buchhändlerbörse Deutschlands vom Buchhändlerbörsenverein

errichtet worden. Wie damals Geutebrück selbst sich äußerte, hat er bei

dem Fassadenentwurf wesentlich unter dem Eindruck italienischer Studien

gestanden. Das Renaissancemotiv des Rundbogenfensters kehrt an seinem

Postbau wieder.

[Illustration: Abb. 5. =Postgebäude nach dem letzten Umbau=]

Einen weiteren Bau Geutebrücks stellt das Preußische Haus in der

Goethestraße dar. Auch dieses zeigt bis auf die modernisierten

Ladeneinbauten noch seine alte Gestalt. Die Universität hatte es zu

Messe- und Buchhandelszwecken entworfen und 1841 errichten lassen. Der

Stil dieses Baues weist nicht mehr den schlichten Klassizismus auf.

Lebhafter gliedert sich die Fassade und reicher werden die Profile;

zwei Balkone auf kräftigen Konsolen betonen Eingang und Mitte.

[Illustration: Abb. 6. =Alte Buchhändlerbörse an der Ritterstraße=]

Noch feinere Architektur findet man am Fridericianum in der

Schillerstraße. Hier schuf Geutebrück seinen letzten größeren Bau,

ebenfalls im Auftrage der Universität. Auch an ihm hat die Zeit nichts

geändert. Deutlich kann man die Bewegung des Baustiles vom Klassizismus

zum Renaissancismus verfolgen, wenn man den gegenüberliegenden

Schulbau Dauthes betrachtet. Dort noch die einfache klassizistische

Architektur; deren Wirken allein durch monumentale Größe. Hier in der

Fassade des Fridericianums bereits das Aufteilen und Verlieren

in Einzelheiten. Es ist nicht mehr nur das Portal, welches durch

einfache Zusammenstellung von Säule oder Pilaster mit Fries und Giebel

ausgestattet wird. In den Mittel- und Seitenrisaliten bauen sich

korinthisierte Pilaster übereinander auf, vielfacher wird der Schmuck,

reicher die Profilierungen der Fenstergewände. Der reine Klassizismus,

wie ihn Schinkel der Fassade des Augusteums aufprägte, ist hier

verschwunden.

[Illustration: Abb. 7. =Das Fridericianum an der Schillerstraße=]

Wie anfangs erwähnt wurde, hat Schinkel den in Deutschland vertretenen

Klassizismus mit seinem Namen beherrscht. Seine Bedeutung für diese

Zeit war so groß, daß man ihr später allgemein die Bezeichnung

Schinkelzeit zulegte, ohne damit immer den Begriff des reinen

Klassizismus decken zu können. So hat dann auch Leipzig in seiner

baulichen Entwicklung eine Schinkelzeit gehabt. Die Werke Dauthes und

Geutebrücks geben von ihr noch lebhafte Kunde. Noch haben sie ihren

Platz als stattliche Bauten im Stadtbilde behalten; noch bedeuten sie

der Baugeschichte Leipzigs ein Stück steinerne Chronik!

Vom alten Johannisfriedhof in Leipzig

Von Dr.-Ing. _Hugo Koch_, Leipzig-Nerchau

Mit Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

»Liebe und Leid« ist die hohe Melodie der Totenstätte zu allen Zeiten

gewesen und hat doch so verschiedenen Ausdruck gefunden. Jahrhunderte

hindurch war der Friedhof eng verwachsen mit der Kirche. Die Namen

»Kirchhof«, »Gottesacker« reden eine deutliche Sprache. Nicht anders in

Leipzig. Die Friedhöfe der Peters-, Thomas-, Nikolai-, Pauliner- und

Barfußkirche haben freilich schon lange der Stadtentwickelung weichen

müssen. Erhalten ist nur in einem Teil der Friedhof zu St. Johannis.

Heute liegt er im innersten Kern der Großstadt Leipzig, einst aber vor

den Toren der Stadt. Seine erste Anlage soll um 1278 erfolgt sein mit

der Gründung eines Leprosen- oder Aussätzigenhospitals, das Hospital zu

St. Johannis genannt, und mit der Erbauung einer, Johannis dem Täufer

geweihten, Kapelle zusammenfallen. So berichtet Paul Benndorf in seinem

gründlichen Buche über diesen Friedhof (Verlag von Georg Merseburger,

Leipzig 1907, in zweiter Auflage 1922 bei H. Haessel), dem wir unsere

geschichtlichen Daten entnehmen. Bereits 1476 wird der Friedhof

vergrößert. Nach einer Verordnung vom Kurfürsten Ernst sollen von nun

an alle Verstorbenen aus den eingepfarrten Dörfern, aus den Vorstädten

und den Stadtteilen, deren Bewohner nicht volles Bürgerrecht besitzen,

nicht mehr auf den Kirchhöfen oder in den Kirchen der inneren Stadt,

sondern auf dem Gottesacker vor dem Grimmaischen Tore beerdigt werden.

Durch Ratsbeschluß von 1531 bzw. 1536 wird der Friedhof zu St. Johannis

allgemeiner Begräbnisplatz.

[Illustration]

Die Anlage umfaßte zu jener Zeit den abgestumpften keilartigen Platz

an der Johanniskirche, umschlossen von Mauern, die in achtundachtzig

Schwibbogen für die Familienbegräbnisse, zumeist mit gemauerten

Grüften, aufgeteilt waren. Gegen den Friedhof waren die Gruftkapellen

mit eisernen Gittertüren abgeschlossen. Die meist unverdeckten

Grüfte ließen Gewölbe und Särge sichtbar. Schon 1580 machte sich

eine Erweiterung um etwa das Doppelte nötig und 1616 eine zweite, so

daß nun schon 259 Erbbegräbnisse an den Mauern gezählt wurden. 1623

begann man mit der Belegung des Hospitalgartens. Dann kamen schlimme

Kriegsjahre. Zwar verschonten 1631 die Tillyschen Truppen den Friedhof,

aber 1637 und 1644 wurden von den Schweden bei der Belagerung Leipzigs

viele kunstvolle Denkmäler und Grüfte barbarisch zerstört und fast

alle Schwibbogen eingerissen. Nach 1644 ging sogar eine Zeitlang die

Landstraße über die niedergetretenen Grabhügel. Eine Urkunde vom 19.

August 1647 berichtet: »Des hiesigen Gottes-Ackers mit wenigen denen

Nachkommen zur Nachricht zu gedenken, so ist derselbe auff zweymal

(weil die Stadt am Volcke sich gemehret) erweitert worden, und zum

Unterscheid der Alte, der Mittlere und der Neue Gottesacker genannt

worden, welcher mit hohen Mauern, Dächern und Schwibbogen um und um

gar zierliches gebauet, und mit schönen und herrlichen kostbaren

Epitaphien aus Marmorsteinen, Holtzwerck und Mahlwerck, mit biblischen

Gemählden, Sprüchen, Figuren, Historien und anderen Gemählden von

Bildhauern, Mahlern und Künstlern herrlich geziehret gewesen; die

alten Geschlechter, welche vorlängst abgestorben, die hat man nebst

ihren rühmlichen Thaten und Herkommen, nach ihren alten Gebräuchen,

Trachten, Kleidungen und anderen Monumentis allda finden können. In

Summa, dieser Leipzigische Gottes-Acker ist so wohl erbauet gewesen,

daß, wenn fremde Nationes und Völcker anhero kommen, sie denselben

als ein Wunder angeschauet, und ist dergleichen Gottes-Acker an

Zierath, Gebäuden und Gemählden im gantzen Römischen Reiche nicht

zu finden gewesen, und ob wohl der schädliche Krieg diese Lande

vielmahl betroffen, und die Stadt Leipzig zu unterschiedenen mahlen

von Kaiserlichen und Schwedischen Armeen belagert worden, dadurch die

Vor-Städte abgebranndt und ruinieret worden, da sich denn auch bey

denen Armeen Calvinische Bilder-Stürmer befunden, welche theils denen

auff dem alten Gottes-Acker befindlichen Bildnissen und Gemählden die

Augen ausgestochen, Nasen und Ohren abgeschnitten und sonst verstümmelt

und geschimpfet, so ist doch der Gottes-Acker an alten Gebäuden und

andere Zierathen, wie auch alten Gedächtnissen stehen geblieben, biß

Anno 1642, als die Königlich Schwedische Armee unter dem Herrn General

Feld-Marschall Leonhard Torstensohn am 16. Oktober diese Stadt belagert

und sich mit der Armee in den Gottes-Acker gelagert ...«

Nach Überwindung der Kriegsschäden wurde 1680 eine dritte Erweiterung

um vierundneunzig Schwibbogen erforderlich, da die Pest in diesem Jahre

nicht weniger als dreitausendzweihundertzwölf Personen dahinraffte.

Eine vierte Erweiterung erfolgte 1805 und schließlich die letzte 1827.

Noch einmal wurde der Friedhof durch Kriegsgreuel schwer heimgesucht.

In der Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober wurde er zum Lagerplatz

der Verwundeten und Gefangenen. »In den Schwibbogen war das hölzerne

Gevierte an den Senklöchern herausgerissen und verbrannt; in den

Grüften lagen die Leichen, aus den Särgen geschüttet, mit grinsenden

Schädeln umher, inmitten mancher hinabgestürzter Soldat, der da

unten seinen Geist ausgehaucht hatte. Auf vielen hundert Wagen wurde

der Kirchhof von dem Unflat gesäubert, und mehrere Eigentümer der

Schwibbogen ließen dieselben wieder herstellen und die Leichen, so gut

sich dies tun ließ, wieder in ihre Ruhestätte bringen.«

[Illustration: Abb. 1. =Durchblick, der die Anlage der Wandstellen

zeigt=]

Was heute vom alten Johannisfriedhof noch erhalten ist, sind die von

1628 bis 1827 geschaffenen Teile, während die übrigen, soweit sie nicht

schon früher beseitigt waren, durch die Anlegung der Promenadenanlagen

1883 fielen. Zwei Jahrhunderte also sprechen aus dem noch erhaltenen

Friedhofsteil und doch, welche Einheit tritt zu Tage, gegenüber der

Fülle und Unklarheit der Friedhöfe im letzten Jahrhundert. Jede

Erweiterung des Friedhofes ist gewissermaßen als ein Friedhof für

sich aufgefaßt. Die Abmessungen sind so gewählt, daß das Ganze als

ein einheitlicher Raum noch empfunden werden kann. Die Raumgrenzen

ergaben die Friedhofsmauern, welche zu Erbbegräbnissen ausgestaltet

sind. So ist ein Motiv durch die Jahrhunderte klar durchgeführt. Durch

diese Wiederholung des einfachen Grundmotivs ist ein klarer Rhythmus

gewonnen, er gibt der ganzen Friedhofsschöpfung die Ruhe und Größe,

das Versöhnende, was wir auf den Friedhöfen unserer Zeit mit ihren

verschiedenartigsten, individualistischen Denkmälern so schmerzlich

vermissen. Das große Geheimnis aller wahren Kunst, die Einheit und

Größe der Grundform ist hier gewahrt durch die Jahrhunderte – ohne

den Zeitgeist zu verleugnen. Der spricht sich lebendig aus in den

dekorativen Einzelheiten. An diesen noch heute erhaltenen Mauern kann

man die Formenwelt von zwei Jahrhunderten verfolgen, vom ausgehenden

Zeitalter der Renaissance über das Barock-Rokoko zum Klassizismus und

der Neugotik des 19. Jahrhunderts.

[Illustration: Abb. 2. =Wendler-Fockesche Gruft.= Vom Ende des 17.

Jahrhunderts]

In der ältesten Gruft, der Ruhestätte der Familien Augustin, Schillbach

und Weinedel ist das sich früher vielfach wiederholende Motiv der

bescheidenen Bogenstellung auf toskanischen Säulen heute noch gut

erhalten. (Abb. 3.) Reich ausgestattete Barockgitter grenzen die

Gruft nach außen ab. An diese Gruft schließt sich das 1833 errichtete

Leichenhaus an in den einfachen Formen der Biedermeierzeit, in dessen

Kammer sich ein Weckapparat für Scheintote erhalten hat. An Händen und

Füßen wurden Ösen und Ringe befestigt, welche durch Schnuren mit einer

Rolle in Verbindung standen, die eine Weckglocke in Tätigkeit setzte.

[Illustration: Abb. 3. =Gruft der Familien Augustin, Schillbach,

Weinedel von 1687=]

Am Eingange zum heutigen Friedhof ist die Gruft der Familie Baumgärtner

als Pavillonbau errichtet, die in Umriß und Detail ganz den barocken

Geist ihrer Entstehungszeit um 1720 atmet. (Abb. 4.) Wohl das schönste

schmiedeeiserne Ziergitter der Barockzeit ist an der Eingangstür zur

Löhrschen Gruft erhalten, die um 1740 erbaut wurde und in ihren reichen

Architekturmotiven schon den Geist des Rokoko charakterisiert. (Abb.

5.) In der klassizistischen Zeit werden die Formen einfacher. Die

Friedhofsmauer erhält meist nur eine Inschriftstafel oder eine Nische

mit plastischem Schmuck, wie beispielsweise die Grüfte der

Familien Storch und Meißner um 1790 und Weinhold und Sixdorf um 1804.

[Illustration: Abb. 4. =Baumgärtnersche Gruft.= Um 1720]

Ausgangs des achtzehnten Jahrhunderts entstand auch die Hospitalgruft,

die in ihren klaren Formen so recht ein charakteristisches Beispiel

der Zeit ihrer Entstehung darstellt. Sie wurde in den Jahren 1783 bis

1786 an der Westseite der ehemaligen II. Abteilung des Friedhofes auf

drei eingegangenen Begräbnisstellen erbaut und diente zur Beisetzung

für Ratsmitglieder, Universitätsverwandte und angesehene Bürger

und Mitglieder des Adelsstandes, die bisher in der Pauliner Kirche

beigesetzt worden waren. Ein schönes Beispiel der Neugotik ist in der

Gruft der Familie Kistner von 1810 noch gut erhalten.

[Illustration: Abb. 5. =Barock-Grüfte am Eingang des alten

Johannisfriedhofs=

Rechts die Löhrsche Gruft von 1740. Das Gitter ist jetzt entfernt]

[Illustration: Abb. 6. =Grabmal Simon Sperlings von 1714=]

Freilich zeigen aus dieser und der nachfolgenden Zeit manche

Grabstätten deutlich die Not der Zeit und den langsamen Verfall

künstlerischer Ursprünglichkeit.

[Illustration: Abb. 7. =Jägersches Grabmal.= Um 1730, 1800 erneuert]

Die Erbbegräbnisse umschließen die drei Friedhofsteile. Sie geben die

Grenzen für die so gebildeten Friedhofsräume. Innerhalb dieser festen

Raumgrenzen kann sich die Grabmalkunst individuell an den Einzelgräbern

entfalten, ohne die gewisse Einheit des Friedhofsbildes zu zerstören.

Und wie aus der Umgrenzung sprechen auch aus den Einzelmalen die

Jahrhunderte zu uns. Köstliche Beispiele des Barocks und Rokokos

bringen in ihren anstrebenden, koketten, graziösen Formen selbst im

Tode noch die Lebensfreude dieser Zeit zum Ausdruck, die Tage der Feste

und des königlichen Glanzes. Das Zeitalter der Romantik zog herauf.

Die teils bewußte, teils unbewußte Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit

mit den vorhandenen Zuständen, diese Art von Weltschmerz über die

Verbildung und Falschheit der Zeit macht sich geltend in sentimentaler

Wehmut, in dem Suchen nach einer besseren und einfacheren Lebensweise.

Eine Zeit der inneren Einkehr, des Schmerzes, der Sehnsucht brach an:

Das Zeitalter der Empfindsamkeit. Wo konnte sie klareren Ausdruck

finden als im Friedhof, da doch Friedhofsstimmung sie im Innersten

beherrschte.

[Illustration: Abb. 8. =Poletscher Grabstein von 1806=]

Kindergenien, die man in der vorausgegangenen Zeit Amoretten nannte,

die Genien mit der Fackel, die weinenden Grazien, die trauernden

Nymphen und Dryaden, Psyche selbst, der Schmetterling als Psyche,

endlich Blumenkränze, Festons und Inschriften sind die Ausdrucksmittel

der Empfindung. Sie schmücken Obelisken, Pyramiden, abgebrochene

Säulen, Sarkophage. Die Totenurne spielt auf einmal eine merkwürdige

Rolle in der Plastik. Wir finden sie überall, nicht nur im Friedhof,

verwendet, ohne daß sie irgendwie eine andere Begründung hätte, als die

allgemeine Stimmung der Zeit zum Ausdruck zu bringen.

[Illustration: Abb. 9. =Grabmal der Familie Gehricke=]

Wenn wir einen alten Friedhof aus diesen Zeiten betreten, so spüren wir

unbewußt diese Wahrhaftigkeit im Ausdruck und werden ergriffen von der

stillen Weise seines Charakters, wie alles zusammenzugehören scheint,

wie nicht nur das einzelne Grab, sondern die Friedhofsgemeinschaft

zu reden beginnt von der Seele, die jener Zeit innewohnte. Nicht

Wissenschaft und Logik, noch weniger Originalitätssucht leiten die

Künstler, sondern innige Schlichtheit als Ausdruck eines tiefen echten

Gemütes. So entstehen die einfach schmucklosen Grabplatten oder die

in ihrem Umriß so fein abgewogenen kubischen Steine, und wo reichere

Formen auftreten, gehören sie mehr oder weniger dem antikisierenden

Stil des Empire an, aus dem ja überzeugend der empfindsame Geist

spricht. Hierzu kommen die intimen Reize, die die Natur im Laufe der

Zeit hervorgezaubert hat. Die aus gleichem Material geschaffenen Steine

sind gleichmäßig verwittert und mit der Natur eng verwachsen. Sie webt

einen dichten Schleier von eigenem Zauber um diese Monumente von Stein.

Die beschattenden Bäume breiten schützend ihr Blätterdach über das

Ganze, der Efeu klettert schirmend am Gestein empor oder überzieht die

vielfach verwendeten Grabplatten, die so feierlich wirken und bis vor

kurzem so ganz von uns vergessen waren. Welch malerische Stimmung und

unvergleichliche Ruhe und Anmut liegt in solchem Friedhofsbild.

Wie anders auf unseren Friedhöfen, hundert Jahre später, mit dem

wirren Wald von Kreuzen, Denksteinen und prunkenden Malen in den

verschiedensten Materialien, als die Denkmalkunst in die Hände

betriebsamer Steinmetzgeschäfte überging. Und wie im Leben sucht auch

an der Stätte des Todes einer den anderen zu überbieten, keiner nimmt

Rücksicht auf den Nachbar, niemand fragt, ob er mit seinem aufwendigen

Mal alles andere totschlägt, im Gegenteil, letzten Endes verfolgt man

dieses Ziel. So charakterisieren diese Steinfelder unserer Friedhöfe

das Zeitalter der Unkultur treffender noch als manches Straßen- und

Platzgebilde der Großstadt.

Mit der Wende des Jahrhunderts haben wir die Reformierung der

Grabmalkunst in Angriff genommen. Seitdem erinnert man sich wieder

der Schönheiten alter Friedhöfe. Die Höhe der Denkmäler, die Größen,

das Material wird vorgeschrieben. Alles mit teilweise gutem Erfolg.

In formaler Beziehung ist schon manches gewonnen, in zwecklicher

Hinsicht viel erreicht, die Organisation des Begräbnisbetriebes ist

mustergültig. Trotz allem aber haben wir noch keinen Friedhof wieder,

wie ihn uns die Vorfahren hinterlassen haben. Wir Architekten und

Gartengestalter mühen uns um die Form. Der Friedhof als Ganzes aber ist

erst zu bauen mit Hilfe der Gemeinschaft des Volksganzen, getragen von

einem Fühlen, einem Sehnen, einem Wollen. Diese Grundlage gab einst

die Religion. Wir aber sind heute vielfältig zersplittert in unseren

religiösen und geistigen Anschauungen, was in allen unseren Werken

der Kunst zum Ausdruck kommt. Wir werden auch keine neue überzeugende

Friedhofsgestaltung erreichen, bevor wir nicht einen gemeinschaftlichen

Boden der Anschauung gefunden haben, der in der Seele des Volkes Wurzel

geschlagen hat. Das Friedhofsproblem ist nur zu lösen, wenn es gelingt,

den Friedhof wieder eng mit der Volksgemeinde verwachsen zu lassen. Das

ist im großen Zentralfriedhof nicht möglich. So müssen die Friedhöfe

wie die Großstädte selbst zu Einzelgebilden aufgeschlossen werden. Die

Dezentralisation scheint mir die notwendige Voraussetzung zu sein für

die Gewinnung einer neuen Friedhofskultur. Und wenn wir im an und für

sich zu großen Friedhof reformierend eingreifen wollen, so müssen wir

vor allem eine Gliederung in klar erkennbare Einzelteile durchführen.

[Illustration: Abb. 10. =Sommerbild vom Friedhof=]

Der alte Johannisfriedhof in Leipzig kann dafür manchen Hinweis geben.

Hier können wir die Bedeutung der Abgeschlossenheit studieren, die

wir für unseren neuen Friedhof so dringend bedürfen. Sie wird durch

Schaffung nicht zu großer, als Räume noch fühlbarer Teile erreicht.

Hier ist die Konzentration der Gedanken erst möglich. Wir müssen uns

bewußt werden, daß die Stimmung des Friedhofes um so friedlicher wird,

je größer und tatsächlicher die Abgeschlossenheit ist. Sie kann, wie im

Johannisfriedhof, durch die Erbbegräbnisse ausgestaltete Mauern erzielt

werden, oder auch durch Hecken, und deren beider raumbildende Wirkung

durch begrenzende Baumpflanzung erhöht werden. In solch geschlossenem

Raum fügen sich dann die Gedenksteine um so besser und harmonischer

ein, je bescheidener und gleichartiger sie gestaltet sind. Hier wird

Beratung und gelinder Zwang von hoher Warte aus heute noch notwendig

sein, um Geschmacklosigkeiten, wie wir sie vielfach in den Steinlagern

unserer Steinmetzbetriebe finden, zu verhindern. Dann wird sich das

Friedhofsbild auch wieder zu einem harmonischen entwickeln und Ruhe und

Frieden über solchem Totengarten liegen.

Möchte das Gemeinschaftsleben, das breite Volksschichten ersehnen, sich

stark und mächtig entfalten. Das wird auch der Kunst förderlich sein,

um so eher werden Vorschriften für den Einzelnen entbehrlich werden und

unsere Friedhöfe wieder zu Stätten wahrer Volkskunst sich entwickeln.

Nach welcher Richtung wir streben müssen, vermag in vielem solch alte

Friedhofsschöpfung, wie der Johannisfriedhof, zu zeigen.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 7-8 · 第 2 / 3 段