Wenn mithin, gemäß dieser Liste, die

Einfuhr Piaster 1,207,772,288

betragen hat, wovon jedoch nur für 1,123,561,359

--------------

versteuert wurden, so sind die Waaren nur

für die Summe von Piaster 84,211,529

entweder noch im Depot, oder sie sind aus den Depots zollfrei

plombirt ausgegangen und verschifft worden. Jetzt entsteht die

Frage, aus welcher Quelle die 1207 Millionen Piaster zur Baarzahlung

für den Import geschöpft werden? Denn der Baumwolle-, Reis- und

Tabacks-Produzent consumirt doch nur etwa den zehnten Theil der

importirten Waaren und schließt die übrigen 9/10, der erhaltenen

Baarzahlung in seiner Kiste ein. Sind folglich die Amerikaner jene

Summe noch in diesem Augenblick den Europäern schuldig? Den größten

Theil derselben allerdings! erwiedert hierauf der Verfasser; es ist

ihnen jedoch Deckung dafür geworden; indem sie Eisenbahn-, Canal-

und andere Actien erhielten. Die Amerikaner haben mithin für den

Ertrag der Erzeugnisse ihres Bodens im Laufe aller 11 Jahre nichts

als Luxus-Artikel erhalten, welche zum Theil consumirt worden

sind, zum Theil aber auch noch bei den Jobbers in Pearl, Ceder-

und Chatham-Street in ihren Gewölben als veraltet und Ladenhüter

aufgestapelt liegen. Wollte man, wie ich bereits oben (P. 32.) bemerkt

habe, das Arbeitslohn darauf in Abrechnung bringen, so würde sich

dennoch ein bedeutender Verlust zeigen.

So steht’s mithin mit der überall gepriesenen Handels-Bilanz der V. S.!

welchen Werth kann man auf Grund und Boden, selbst auf alle Gebäude in

den V. S. mit Sicherheit legen, wenn jener hauptsächlich zur Erzeugung

von Baumwolle; diese aber zum Verkauf der mit schwerem Arbeitslohn

belasteten daraus verfertigten Stoffe verwendet wird? Wodurch, wenn das

Jahr verstrichen ist, sich kein anderes Resultat ergiebt, als daß die

englischen Fabrikanten durch den ergiebigen Boden Amerika’s und durch

den eisernen Fleiß seiner Bewohner erhalten worden sind. Und womit

wollen diese wohl zuletzt die Imports bezahlen, wenn denselben nicht

Einhalt gethan wird? denn wenn die Preise der Baumwolle sinken, wie es

den Anschein hat, was könnte dann wohl den Amerikanern anders zu thun

übrig bleiben, (da schon jetzt bei den hohen Preisen der Belauf des

Exports nicht mehr hinreicht zur Deckung des Imports,) als Wall-Street

nebst allem Zubehör, wenn es möglich wäre, nach Europa zu befördern.

Das wäre denn gar nicht so übel, für die Broakers in jener Straße, denn

sie könnten mit den vielen für Manufactur-Waaren in London deponirten

Aktien daselbst ihr Wesen treiben, wie sie es in New-York zu treiben

gewohnt sind.

Nro. 2.

Tabelle vom Betrage der in dem Jahre 1837 importirten und exportirten

Waaren mit dem Verzeichnisse der verschiedenen Länder.

1837.

+Namen der Länder.+ +Import.+ +Export.+

England 44,886,943 54,582,943

Rußland 2,816,166 1,306,732

Schweden 1,399,901 420,404

Niederlande 1,886,976 3,358,225

Engl. Ostindien 3,041,842 203,558

Nord-Amerikan. Colonieen 2,359,263 3,298,986

Deutschland 5,642,221 3,754,949

Frankreich 22,083,614 16,890,578

Cuba 12,447,922 6,367,603

Porto-Rico 2,481,082 569,916

Italien 1,827,181 623,677

Triest 629,465 1,611,591

Mexico 5,654,002 3,880,323

Brasilien 4,001,983 1,743,209

China 8,965,336 630,591

Aus verschiedenen Ländern 19,871,319 16,384,168

----------- -----------

140,989,217 117,419,376

Tabelle vom Betrage der in dem Jahre 1838 importirten und exportirten

Waaren mit dem Verzeichnisse der verschiedenen Länder.

1838.

+Namen der Länder.+ +Import.+ +Export.+

England 44,861,718 52,179,590

Rußland 1,898,396 84,944

Schweden 854,771 277,431

Niederlande 1,180,897 2,954,248

Engl. Ostindien 675,581 578,907

Nord-Amerikan. Colonieen 1,555,570 2,723,491

Deutschland 2,847,358 3,291,645

Frankreich 17,771,797 15,783,516

Cuba 11,694,812 6,175,758

Porto-Rico 2,636,152 723,052

Italien 944,238 459,893

Triest 372,378 768,963

Mexico 3,500,769 2,164,097

Brasilien 3,191,238 2,057,194

China 4,764,536 1,516,692

Aus verschiedenen Ländern 14,007,205 22,747,285

----------- -----------

113,717,406 108,496,615

Die Amerikaner müssen Baumwolle erzeugen, die Engländer müssen

dieselbe spinnen; beide Nationen gehören und passen daher zu

einander, aber dabei ist das Interesse beider zu beobachten.

Betrachten wir die herrlichen Mittel, welche die Natur den Amerikanern

zur Selbstständigkeit reichte; werfen wir einen Blick auf den

vortrefflichen Boden, wodurch alle menschlichen Bedürfnisse direct oder

indirect befriedigt werden können. Ein Land, geeignet zum Acker-, Wein-

und Seiden-Bau; ein Land, welches alle zur Fabrikation erforderlichen

Mittel im Ueberfluß hat, in dessen südlichen Provinzen Kaffee und

Zucker etc. wächst, welches bei Nachsuchung in den Bergen edle Metalle

liefern würde; ein Land, von dem man mit Recht sagen kann, daß darin

Milch und Honig fleußt, ein solches Land ist unglücklich, weil es nicht

mit der erforderlichen Umsicht administrirt wird. Wäre der edle große

Washington zugleich mit dem Geiste eines Peters des Großen begabt

gewesen: so wäre Amerika jetzt das erste und glücklichste Land auf dem

Erdball; es würde sich vielleicht einer Anzahl von Ausländern, die wir

Europäer nicht bedauern verloren zu haben, weniger erfreuen; allein

es würde statt dieser solche besitzen, wie diejenigen waren, welche

jener russische Monarch für sich zu gewinnen wußte, welche zum Heil der

russischen Nation gewirkt haben.

Jedes Regenten erstes Bestreben muß auf Vertrauen gerichtet sein.

Volk und Regent fühlen sich nur glücklich, wenn sie mit Vertrauen auf

einander hinblicken, und gerade Vertrauen ist es, was der Regierung

der V. S. abgeht und bei der jetzigen Regierungsweise auch nicht

statt finden kann; denn die ungeheuern Revenüen werden vergeudet

(eines gelinderen Ausdrucks kann man sich nicht bedienen). Man kann

keinen andern Grund für den großen Geldaufwand angeben als den:

die amerikanische Regierung will die Aufmerksamkeit der ganzen Welt

auf sich ziehen; es soll gesagt werden: Nur die amerikanische Union

besitzt, gleich den Römern die Mittel, das Unmögliche möglich zu

machen, und zwar, weil sie Republik ist. Man werfe einen Blick auf

die Revenüen der V. S., die wir nachstehender Tabelle übersichtlich

dem Leser vorlegen, wobei wir die Einnahme für den Landverkauf, des

besonderen Interesses wegen, abgesondert anführen:

Jahr. Revenüen für Landverkauf. Gesammte Revenüen.

Piaster. Piaster.

1829 1,517,175 24,199,140

1830 2,529,356 26,251,747

1831 3,210,815 28,435,256

1832 2,624,231 32,639,468

1833 3,059,682 33,092,190

1834 488,620 16,703,566

1835 18,751,600 98,142,710

1836 24,500,000 47,909,940

1837 6,776,236 23,499,981

1838 3,136,828 38,127,954

1839 5,000,000 28,780,000

---------------------

Summa 397,781,952 P.

Wozu nun, dürfte mancher Leser fragen, wurden diese drei hundert und

sechs und funfzig Millionen Piaster verwendet? Das Verfahren hierbei

ist folgendes: Beim Zusammentreten des Kongresses in Washington

(welches, nebenbei gesagt, ziemlich überflüssig ist, indem jeder Staat

seinen eigenen Präsidenten hat, welcher nach den Landesgesetzen den

Staat regiert; auch ist es wohl wahrscheinlich, daß in dem Verlauf von

einem Jahrzehend mehrere Staaten von der Union sich lossagen), also

beim Zusammentreten des Kongresses befinden sich die oben angegebenen

jährlichen Revenüen in Washington und die Hauptgeschäfte desselben

bestehen jetzt darin, zu bestimmen, wozu sie verwendet werden sollen.

Es wird nächstdem auf das Bedächtigste in Erwägung gezogen, welche

Papiermühlen, bei einer etwa eintretenden Geldnoth, zur Abhülfe

derselben gewählt werden sollen. Nach einer anhaltenden und langen

Ueberlegung beschließt der Kongreß, den größeren Theil der Revenüen

zum Bau von Eisenbahnen zu verwenden. Die Wege von New-Orleans nach

New-York werden hierbei ausgeschlossen, um dem Mississippi nicht den

schuldigen Tribut von Menschenleben zu entziehen. Am wichtigsten

scheinen demselben die Wege, auf welchen zur Erbauung von Banken in

New-York die erforderlichen Granitblöcke herbeigeschafft werden können.

Höchst komisch! Banken und zu welchem Endzweck? Um den in denselben

arbeitenden Commis einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen. Da viele

unter den Lesern sein werden, welche die amerikanischen Banken für

das halten, was sie sein sollen und für ganz ähnlich den europäischen

Banken, so behält sich der Verf. vor, am Ende dieser Abtheilung

hierauf zurückzukommen. -- Nachdem nun dieser Beschluß, welcher

die Herbeischaffung der Granitblöcke zum Gegenstand hat, glücklich

zu Stande gekommen ist, schreitet man zu einem noch weit wichtiger

scheinenden, nämlich ein Zollhaus zu bauen.[J] Es wird dekretirt, daß

ein Klumpen Goldes nach Italien geschickt werden soll, um Marmor zu

diesem Zwecke einkaufen zu lassen, welcher denn auch mit vielen Kosten

in fertigen Säulen, Platten u. s. w. herbeigeschafft wird. Und welchen

Ort hat man für dies Prachtgebäude gewählt? Eine Ecke von Wall-Street

und einer anderen Straße, zu vergleichen mit der Ecke der Königs- und

Spandauer-Straße in Berlin. Der Leser würde sich indeß sehr irren, wenn

er dieses Zollgebäude als wirkliches Zollhaus ansähe. Keinesweges!

Dieses herrliche Gebäude, welches etwa eine Viertel-Stunde Weges von

den Bollwerken, dem Abladungs-Platze der Schiffe, entfernt liegt, soll

blos zum angenehmen Aufenthalt der Officianten dienen, und die Collys

sollen nach wie vor in die gemietheten public-stores kommen. Fragt man,

warum nicht zugleich ein großer Packhof an der Wasserseite erbaut und

mit jenem Prachtgebäude verbunden wird, so erhält man die Antwort: die

Eigenthümer des Grundes von der Wasserseite seien zu theuer damit, als

daß die Regierung darauf eingehen könnte. Ueber die Unbequemlichkeit,

welche hieraus für die Güter-Empfänger entsteht, habe ich bereits oben

gesprochen.

Der Kongreß zu Washington ist mithin in voller Arbeit, die Revenüen

unterzubringen und vergißt hierbei die Hauptsache, nämlich für die

Erhaltung des öffentlichen Kredits Sorge zu tragen; Eisenbahnen, Kanäle

und Banken sind an der Tagesordnung. Sie halten es für überflüssig,

an die Erhaltung des Kredits zu denken, weil sie keinen haben; sie

begreifen nicht, wie die Revenüen besser zu placiren wären, als in

Eisenbahnen und italiänische Waaren. -- Warum, möchte der Verfasser

diesen Kongreßmännern zurufen, warum verschleudert ihr euer Geld

zu diesen nichtigen Dingen? verwendet eure Einkünfte zu nützlichen

Zwecken, zu Prämien für einwandernde Fabrikanten, Bergwerker und

Oekonomen; verschafft euern Banknoten hypothekarische Sicherheit,

welche nur bei einer vernünftigen Administration gefunden werden

kann. Laßt Euch, amerikanische Herren, Katherinens, der Kaiserin von

Rußland Verfahren bei Einführung der ersten Banknoten (Bomaschkis) als

Beispiel dienen; sie ließ zur Sicherheit der Inhaber solcher Papiere

Fünf-Kopeken-Stücke aus Kupfer und Rubel von 2½ Pfund Gewicht

ausprägen. Oder werft eure Blicke auf die Hamburger Bank. Bürget doch

hier der Keller-Inhalt (die Baarschaft) für die Zahlfähigkeit; sieht

man doch in Hamburg, obgleich die Geschäfte in dieser Stadt noch

bedeutender, wie die in New-York sind, weder Geld, noch Banknoten; es

genügt hier die Versicherung des Bank-Direktors, Paul habe an Peter

dessen Forderung von seinen in den Kellern vorräthigen nobeln Metallen

überwiesen. Laßt Euch Englands Bank hierbei zur Warnung dienen, welche

in der letzten Zeit dadurch in Verlegenheit kam, daß sie nicht die

hinlängliche Quantität Geld im Keller hatte, um den Banknoten damit

entgegenkommen zu können.

Da indeß Niemand die Herren des Kongresses hierauf aufmerksam macht

und sie selbst ihren Blick nicht so weit erheben, so geht Alles

im alten Schlendrian fort; die Revenüen werden vergeudet, die

Geldverlegenheiten währen fort und werden so lange fortwähren, bis von

Seiten aller Banken zur Einstellung der Baarzahlungen geschritten wird.

Eine homöopathische Kur muß mit der Banknoten-Krankheit vorgenommen

werden: sie ist durch den Ueberfluß von Banknoten entstanden und

muß durch einen noch größeren Ueberfluß geheilt werden. Alle Münzen

müssen erst in den V. S. zu den höchsten Seltenheiten gehören, man

muß für ein Fünf-Piaster-Stück fünf Stücke englischer Waaren kaufen

können, wenn Amerika geheilt, d. h. wenn der übermäßigen Einfuhr

jenes Artikels Schranken gesetzt und die Handels-Bilanz für den

ausländischen erfahrenen Kaufmann beachtenswerth werden soll, denn

die jetzige beweist, daß wenigstens innerhalb jeder 2 Jahre immer

eine Handelskrisis eintreten muß, und befindet sie sich doch, wie

die vorhergehende Tabelle zeigt, im krampfhaftesten Zustande. Lasse

man doch die Jobbers und die Manufaktur-Waaren-Schwindler ihr Wesen

treiben, nur benehme man ihnen die Mittel, wodurch sie das Land in

noch größere Gefahr bringen. So wie man den unerfahrenen kleinen

Kindern keine verwundende Instrumente in die Hand giebt, so müssen

die am Waaren-Fieber Leidenden vor dem Besitz nobler Metalle bewahrt

werden. Man lasse sie für ihre Banknoten, wenn sie nämlich welche

haben, Amerikanische Erzeugnisse, wie Reis, Baumwolle, Taback,

Pelzwaaren u. s. w. kaufen, nach Europa befördern und für den Ertrag

Manufaktur-Waaren kommittiren, nur sorge man dafür, daß nicht noch

mehr Metall aus den V. S. als Rimessen und zwar blos für Manufakturen

wandert, indem die V. S. das Vierfache des von England für ihre

Baumwolle erhaltenen Preises zurückbezahlen.

Die V. S. haben nicht solche Massen nobler Metalle, um das Arbeitslohn

für ihre Baumwolle in England mit Gold aufzuwiegen, und dieses gerade

ist’s, was den Hauptwerth der englischen Fabrikwaaren ausmacht. Man

bemerke die Lebensweise der Arbeiter in den englischen Fabrikörtern,

man sehe, wie sie 6, 8 und mehrere Stunden ununterbrochen in den

Schenken zechen, und zwar von solchen Getränken zechen, wovon ⅞ des

dafür bezahlten Geldwerthes zur Bezahlung der Zinsen der 850 Millionen

L. St. National-Schuld verwendet wird; erwägt man diese Umstände, so

wird man sehr bald zur Ueberzeugung kommen, daß die größere Hälfte

jener Zinsen durch Hülfe der Manufaktur-Waaren-Arbeiter herbei

geschafft wird.

Rußland scheint anders zu denken, als die V. S., und das Fabriziren

zu Hause vor Allem als nöthig erachtet zu haben; deshalb die vielen

Fabriken, welche unbedingt zur Erhaltung der Gold- und Silber-Erträge

aus den Bergwerken am Caucasus, Nertschinsky und Ecatherinenburg

erforderlich sind; denn daß die letzteren nicht zugelangt haben würden,

um das Lohn für die Arbeiten an in Rußland einzuführenden Waaren zu

bezahlen, leidet keinen Zweifel. Nicht minder wohl als Rußland befindet

sich Deutschland beim Kontinental-System (Zollverband genannt), welches

Preußen, wie oben (p. 17.) bemerkt, ohne gleich Napoleons Kanonen

anzuwenden, mit Dinte, Feder und Papier, zur Freude Deutschlands, in

kürzerer Zeit als möglich schien, zu Stande gebracht hat. Durch diese

Maßregeln haben das Russische und Preußische Gouvernement ihr Gold

und Silber dem Lande erhalten und für die coursirenden Papiergelder

ein allgemeines Zutrauen herbeigeführt. Man richte in dieser Hinsicht

nur einen Blick auf Preußen! Sind doch seine Kassen-Anweisungen im

Lande selbst nicht anders als mit einem Agio zu haben; während dem der

Werth des Goldes mit jedem Jahre in Deutschland sinkt, werden seine

Kassen-Anweisungen in jedem Lande für den vollen Werth genommen.

Wenn die Regierung der V. S. diese letzten Thatsachen aufmerksam

beachten und die Frage an sich selbst richten wollte, warum man in

unserer Zeit auf das Papiergeld eines so herrlichen Landes wie Amerika

weniger Werth setzt, als vor 300 Jahren auf die Pelzflicke des Czaars

Wassiliewwitsch: so würde jene Regierung diese Frage sich eben so

beantworten müssen, als jeder Leser nach dem Vorhergehenden sie mit dem

Verfasser beantwortet: daß man nämlich zu einer Regierung, welche, ohne

die Ausgaben für Militair-Macht und Civilliste, sich einer jährlichen

Revenüe von 60-80, ja 100 Millionen Piaster erfreut und dabei in steter

Geldverlegenheit ist, kein Vertrauen haben kann.

Für beide Reiche, Amerika und England, wäre in dieser Hinsicht die

Anwendung der homöopathischen Heilmethode zu empfehlen. Das erstere

Land müßte sich zum Fabrik-Staat erheben, das letztere um mehrere Grade

in der Fabrikations-Skala heruntergehen. Für jenes würde alsdann eine

neue Sonne aufgehen und die Strahlen derselben dem letzteren minder

hell leuchten, aber dennoch fruchtbarer sich für dasselbe erweisen,

und was läge den Engländern hieran? da sie ja ohnehin wegen der vielen

Nebel sich an ein wenig Dunkelheit gewöhnt haben.

So unausbleiblich es mir scheint, daß Amerika einst als mächtiger

Fabrik-Staat in der Welt glänzt, eben so wahrscheinlich ist es, daß die

Zinsenbezahlung von Seiten Englands für seine National-Schuld von 850

Millionen Pfund in einigen Jahren eingestellt wird, da diese Maßregel

mit als ein Hauptmittel zur Rettung Englands betrachtet werden muß.

In dem Falle, daß Amerika ein Fabrik-Staat wird, dürften die Folgen

davon für die Baumwoll-Producenten in demselben Maaße ersprießlich

sein, wie es in Deutschland der bedeutende Aufschwung der Fabrikation

der Wollen-Waaren (besonders Tuche) für die Producenten der

Schaafswolle geworden ist. Früher waren die letzteren beim Verkauf der

prima Materie, der Willkühr der englischen Fabrikanten Preis gegeben,

welche damals fast allein Tuche verfertigten; in der neuesten Zeit aber

werden die Preise auf den deutschen Wollmärkten hauptsächlich durch die

deutschen Fabrikanten bestimmt. Und warum sollte man nicht in Amerika

dasselbe in Beziehung auf die Baumwolle erwarten können?

Indem der Verfasser ähnliche Gedanken, wie die hier dargelegten, in

New-York selbst äußerte, konnte es nicht ausbleiben, daß er scharfen

Tadel und Widerspruch fand; den allergrößten traf er bei seinen

eigenen Landsleuten, wenn er zu den Söhnen deutscher Fabrikanten, die

in Amerika Millionaire werden wollten, sagte: „Sie würden wohl daran

thun, Ihre Fabriken aus Deutschland hierher zu verpflanzen, weil Sie

hierdurch die Erlegung des hohen Eingangs-Zolles ersparen würden.“

Haben wir nur, entgegneten Jene, erst eine National-Bank, wogegen sich

die Regierung sträubt, so fehlt uns nichts! Also eine National-Bank!

d. h. ein solidarischer Verein, wodurch die ganze Nation, wenn es Noth

thäte, auf einmal bankerott werden könnte. Was sind denn eigentlich

amerikanische Banken und welches sind ihre Zwecke? Das soll jetzt der

Leser aufs bestimmteste erfahren.[K]

Wenn es Kaffeehäuser geben soll, so ist es nöthig, daß Cichorien

und Kaffee wächst: soll in den V. S. Handel sein, so muß es Banken

geben. Banquiers sind dort nichts als Hüter des amerikanischen

Papierschatzes und haben demzufolge nur den Schein von Banquiers; jeder

Handelsbeflissene in Amerika muß einen solchen Hüter haben, um seine

Dokumente 1stens gegen die Feuersgefahr, 2tens gegen die Diebe zu

schützen. Sie sorgen also, mit einem Worte, für feuer- und diebesfeste

Gebäude und Räume. Comptanten ist eine geringe Nebensache für den

amerikanischen Banquier, denn er kann dieselben vermittelst seiner

Holzschnitte auf dem, mit der gewöhnlichen Geduld begabten Papier in

sehr kurzer Zeit nach Belieben anfertigen.

Alle Verkäufe sind hier Zeitverkäufe; niemals sind sie auf kürzere

Zeitfrist als auf 6 Monate gewesen, in dieser letzten Zeit aber wohl

auf 8-10 Monate. Für den Belauf der gekauften Waaren verfertigt der

Käufer promissory-notes, d. h. schriftliche Versprechungen, wobei er

denkt: ich verspreche Zahlung zu leisten, wenn es mir möglich sein

wird, im entgegengesetzten Fall bleibt’s beim Versprechen. Alle diese

Noten werden nun in den Banken niedergelegt. Man kann sich eine Idee

von den auf einmal in den Banken eingehenden Noten machen, wenn ich

anführe, daß die Verkäufe nur zweimal im Jahr geschehen, die fürs

Frühjahr im Februar und die für den Herbst im August. Jeder Kaufmann,

der auf solche Weise mit den Banken in Verbindung steht, hat auf

Accomodation, d. h. auf Unterstützung von Seiten der Bank von 20 bis

100,000 Piaster Ansprüche, welche die Bank auf Verlangen mit ihren

eigenen Papieren befriedigt. Die in Baumwolle auf England Speculirenden

stehen mit den Banken in eben demselben Verhältnisse; sie bringen

ihre Wechsel dorthin zum Verkauf. Da nun, wie aus der obigen Ein- und

Ausfuhr-Liste hervorgeht, Amerika im Auslande mehr zu bezahlen, als

zu empfangen hat, so ist es natürlich, daß es stets an Wechseln auf

London fehlt und daß daher dieselben mit einem Aufgelde von 10 bis

12 Procent und zuweilen noch mehr verkauft werden; weigert sich nun

Jemand, so viel Aufgeld zu bezahlen und fordert vom Banquier Metall, um

dieses nach Europa zu schicken, so wird dies verweigert, und zwar aus

dem sehr natürlichen Grunde, weil er keins besitzt, und es heißt: die

Bank hat ihre Baarzahlungen eingestellt, was sich in Folge dieser bösen

Nachrede verwirklicht, da für die Noten keine andere Sicherheit als

Noten vorhanden sind. Daß diese vom Anfang an jede Stunde auf solche

Nachreden gefaßt sind, wird dem Leser jetzt wohl klar sein.

~Ueber die

Oertlichkeiten von New-York, Volks-Charakter, Abreise~

und

Ankunft in Hamburg.

Ueberdrüßig des Treibens in Wall-Street und der Jobbers in den

verschiedenen mit englischen Baumwollen-Lappen überfüllten Straßen,

freute ich mich doch herzlich, daß ich während meiner ununterbrochenen

Wanderung wie natürlich auf keinen einzigen Geld-Aristokraten gestoßen

war -- eine Race, die ich hasse, und welcher ich, gleich Nero, nur

Einen Kopf und Hals wünschen möchte, um sie mit Einem Streiche

auszurotten. In munterer Gemüthsstimmung beschloß ich, mich um andere

fröhlichere Dinge zu bekümmern; der Leser hat also von jetzt an keine

trockene kaufmännische Kost mehr zu fürchten.

In einem Journal hatte ich den Tag zuvor gelesen, daß eine

Ehebruchs-Sache am Kriminalgerichts-Hofe verhandelt werden solle;

dorthin, dachte ich, mußt Du gehen, um Dich von der amerikanischen

Justiz zu unterrichten. Indem ich die Straße entlang schlendere, ohne

Bescheid zu wissen, und mich eben zurecht weisen lassen will, finde ich

in Middle-Street, an einem sehr schmalen Hause, die Firmen von 10-11

Advokaten. Wo die Raben sich aufhalten, da müssen todte Körper oder

wenn es auch nur ein corpus delicti ist -- in der Nähe sich befinden,

der Gerichtshof kann nicht entfernt mehr sein. Ohne zu fragen ging

ich daher die Straße hinauf und plötzlich stand ich vor einem neuen,

mit egyptischen Säulen verzierten Gebäude; ich trat hinein und erfuhr

sogleich, daß ich am gewünschten Orte war, daß jedoch die Verhandlung

ausgesetzt sei, weil der Ehebrecher, ein im Schneiderlande Geborner,

gegen 30,000 Piaster (Bail) der Haft entlassen wäre und die Sache

wahrscheinlich auf dem Wege des Vergleichs abgemacht werden würde.

(Werden die 30,000 Piaster hierzu hinreichen?)

Wozu wäre dieser prächtige Gerichtshof, dachte ich, erbaut, oder wozu

gäbe es Kriminal-Richter, wenn es keine Verbrecher gäbe; zudem kann

ich Liebe, besonders in den V. S., nicht für ein Verbrechen halten,

also, meinte ich, müssen außer dieser Schneider-Liebe noch andere

Dinge hier zum Vorschein kommen. In der Ueberzeugung, daß ich keinen

Ausländer hier antreffen würde, da die europäischen Ausreißer lauter

ehrliche Leute sein wollen, betrat ich das Innere des Hofes, dessen

innere Verzierung der äußeren nichts nachgab. Da saß der Richter

(Recorder) zwischen zwei Magistrats-Personen und ich drang so weit wie

möglich zu ihm heran, um die Neuigkeiten brühwarm aus der ersten Hand

zu erhalten. Es wurden während meiner Anwesenheit etwa 6 Verbrecher

abgefertigt, die Alle ihre Unschuld betheuerten und ich, der ich mich

zu den ersten Physiognomen nicht zähle, wollte sie schon für unschuldig

passiren lassen, allein der Recorder war anderer Meinung, da er sie

alle zu 6-12 monatlicher, harter Arbeit verurtheilte. Bei keiner von

allen Verhandlungen wurde geschrieben, vermuthlich, weil das Papier in

New-York zu bessern Zwecken (zu Banknoten) verbraucht wird.

Den Rückweg machte ich durch Chatham, in der Hoffnung, vieles Neue

dort aufzufinden, um versprochener Weise darüber zu berichten, allein

ich fand Nichts von Erheblichkeit. Die noblen Ostpreußen, Polen,

Franzosen u. s. w., bewegten sich in ihrer gewöhnlichen Weise. Es

wurden viele Auctionen im Beisein von wenigen Käufern abgehalten;

Alle waren lüstern nach meinem Leibrock, Jeder wollte ihn kaufen. Da

jedoch dieser Rock der einzige auf meinen Reisen mir noch gebliebene

war, so lehnte ich alle Anträge in dieser Hinsicht ab und pries die

Havaneser-Commissionaire zum erstenmale im Stillen. Indeß sollte ich

denn doch nicht aus dieser interessanten und interessirten Straße

abziehen, ohne etwas erfahren zu haben. Als ich eben im Begriff war,

fortzugehen, begegnete ich einen Schweizer-Uhrenhändler aus Broad-way,

der in der Absicht dorthin gekommen war, eine goldene Uhr nebst Kette

zu finden, welche er Tages zuvor an einen jungen Mann für 87 Piaster

verkauft hatte, und die diesem während einer Conversation mit einem

Mädchen gestohlen worden war. Ich fand dieselbe in dem Auslege-Fenster

eines jüdischen Galanteriehändlers, der nicht mehr als 47 Piaster dafür

forderte. Auf meine Frage, ob er nicht vielleicht nach der Polizei

gehe, um diesen Vorfall zu melden, entgegnete er: „ich werde nicht so

thöricht sein, ich habe meine Zeit zu nützlichern Zwecken anzuwenden.“

Sehr bald bekam ich Gelegenheit, mir die Gleichgültigkeit dieses

Uhrenhändlers bei diesem Diebstahl zu erklären. Unmittelbar nach dieser

Conversation traf ich bei diesem Uhrenhändler einen sehr verdächtig

aussehenden jungen Mann als Verkäufer einer goldenen Uhrkette, welche

der Ladenherr in seiner rechten Hand auf den Werth von 4 Piaster

abschätzte und dem Verkäufer diesen Preis dafür zahlen wollte. „Ist

es denn Ihr Ernst; diese Kette für ein solches Lumpengeld zu kaufen?“

fragte ich, „sie ist sicher gestohlen und Sie sollten sie daher gar

nicht kaufen wollen“, fuhr ich fort. „Kaufe ich sie nicht, so wird

sie in Chatham gekauft“, entgegnete er; indeß der Handel kam nicht zu

Stande, weil der Verkäufer große Eile verrieth und nicht lange handeln

wollte.

Ich führe dies aus keinem anderen Grunde an, als um den Leser von der

Denkweise der hiesigen Käufer, die als solche stets auf ihrem Platze

stehen, zu unterrichten. Diebstähle können nicht leicht entdeckt

werden, da die Gegenstände vermöge der lebhaften Dampfschifffahrt

jede Viertel-Stunde expedirt werden können und da überdies sich stets

Einkäufer aus Westindien, zum Einkauf gestohlener Gegenstände, in allen

Städten der V. S. befinden.

Mit der gewöhnlichen Entschuldigung aller Müßiggänger (denn zu

diesen gehörte ich jetzt), schlenderte ich zum Zeitvertreibe die

lange William-Street hinauf, um wo möglich eingewanderte Deutsche

anzutreffen. Da sah ich denn auch bald einen Troß, mit rosafarbenen

Strümpfen chaussirt, auf mich zukommen. Aus welchem Lande her?

fragte ich den ersten. Von Buffalo, entgegnete er, von dem Ort,

wohin wir durch den teuflischen Colonisten-Commissionär Wolf, in

der Washington-Straße, gebracht worden sind. Wir mußten ihm das

Passagier-Geld auf Dampfschiff und Kanalböten bis dahin abtragen und

erhielten dafür Karten. Als wir aber dort ankamen, wurden diese von den

Schiffern nicht respectirt und wir mußten die schon an Wolf erlegten

Summen nochmals erlegen. Wir waren nicht so schlecht daran, als viele

unserer Landsleute, deren Kassen erschöpft waren, nachdem sie den

reißenden Geld-Wolf befriedigt hatten. Diesen armen Leuten blieb kein

anderes Mittel übrig, als sich den Seelenverkäufern dort in die Arme zu

werfen. Dort lauern diese seelendurstige Deutsche im Besitze ihrer, um

ein Weniges von der Regierung erstandenen Ländereien, auf einwandernde,

dürftige, in der englischen Sprache unkundige Menschen, denen unter

solchen Umständen zu ihrer Erhaltung nichts Anderes übrig bleibt, als

sich und die Ihrigen Jenen auf mehrere Jahre zu verpfänden.

Ich hatte jetzt genug gehört und schreibe dies zur Warnung aller

unkundigen Auswanderer nieder, damit sie sich vor diesem Wolf

im Schaafsgewande hüten mögen. Er spricht mit Theilnahme zu den

ankommenden Colonisten, zeigt viel Herzlichkeit, giebt auch wohl,

nachdem er sich in Besitz der Gelder gesetzt hat, Empfehlungs-Briefe

an seinen Compagnon in Buffalo oder sonst irgendwo, aber ein solcher

Compagnon kann nicht gefunden werden, weil er keinen haben will, mit

dem er seinen Raub theilt.

New-York eignet sich am wenigsten als Landungsplatz für die

Auswanderer, denn von hier aus muß eine weite Reise nach dem Innern,

woselbst Arbeiter nöthig sind, unternommen werden und diese ist mit

einem bedeutenden Kosten-Aufwande verbunden, welcher größtentheils

erspart wird, wenn man in Philadelphia, Boston, Baltimore oder

New-Orleans landet. Die beste Zeit zur Ankunft daselbst sind die Monate

October und November, weshalb die Monate Juli und August zur Abreise

zu empfehlen sind. Von Havre gehen wöchentlich Paquetboote ab. Ferner

möchte ich Jedem rathen, sich bei seiner Ankunft in Amerika an keinen

Commissionair zu wenden, sondern vielmehr irgend einen dort etablirten

deutschen Kaufmann aufzusuchen, welcher sich gewiß eher zur Hülfe, als

zum Berauben der Ankommenden bereit finden wird.

Der berühmte Franklin empfahl es als Lebensregel, daß jeder Mann,

was er auch sonst treiben und unternehmen wolle, ein Gewerbe, ein

Handwerk lerne, weil Jeder in den Fall kommen könne, es gebrauchen zu

müssen. Ohne zu untersuchen, in wie fern dies auf Alle paßt, halte

ich es für gerathener, aus allen Fächern und Gewerben das Praktische,

was am häufigsten im Leben vorkömmt, sich anzueignen. Erlangt man

auch darin nur oberflächliche Kenntnisse und Fertigkeiten, so kann

man sich dadurch doch aus mancher Verlegenheit helfen, die für

Andere eben so empfindlich als schwer zu beseitigen ist. Der Leser

wird lächeln, wenn ich einige dieser Verlegenheiten näher bezeichne,

indessen -- er lache meinetwegen -- Strümpfe stopfen und Knöpfe an

Hemden oder Röcke anzusetzen und es gut zu verstehen, gehört zu den

Hauptkenntnissen für Jeden, welcher nach der neuen Welt reisen will,

denn von allen Wäscherinnen daselbst will sich keine zu dergleichen

Arbeiten verstehen. Hieraus geht denn die Alternative hervor: entweder

selbst Hand ans Werk zu legen, oder mit Löchern in den Strümpfen und

ohne Knöpfe am Rock umherzuwandern, oder, wenn es für den Gebrauch

nicht mehr tauglich ist, das alte Zeug durch neues zu ersetzen. Die

Leser, welche vielleicht von bedeutenden Sendungen von Leinen- und

Strumpf-Waaren nach der neuen Welt gehört haben, können aus meiner

Erzählung bald die Ursache dieser Sendungen auffinden.

Nachdem ich den geneigten Leser von der Nothwendigkeit des Praktischen

in allen Fächern zu überzeugen gesucht habe, wird sich wohl Niemand

wundern, wenn ich versichere, daß ich mich in New-York auch des

Praktischen im Müßiggange befleißigte. Müßiggang praktisch ausgeübt,

kann erst zur Wissenschaft, hernach aber zur Kunst werden, allein

vielleicht giebt es auch hierin nur wenig wahrhafte Künstler,

obgleich die Zahl der Müßiggänger mit jedem Jahr zunimmt. Der

Müßiggangs-Künstler muß vor allen Dingen darauf achten, daß er keine

einzige Minute zur Disposition seiner Collegen übrig hat, er muß

vielmehr stets über Mangel an Zeit klagen.

Da es indeß wenige praktische Müßiggänger giebt, so findet man viele

Hypochondristen unter ihnen. Um diesem Uebel entgegenzuarbeiten, sei

jeder Studiosus oder Candidat des Müßigganges vorsichtig in der

Wahl seines Umganges; er vermeide die Trägen, die Geizigen und die

Gourmands, und wähle lebenslustige, mit Kenntnissen ausgerüstete Männer

als Gesellschafter, so wird der Müßiggang selbst für den thätigen Mann

weniger fühlbar sein. In New-York, wohin so Viele aus Deutschland wegen

zu großer Gedankenfreiheit sich geflüchtet haben, kostet die Wahl in

dieser Beziehung nicht so viel Mühe, als etwa in Bremen. Deshalb fand

ich denn auch dort sehr bald Leute, die mit mir sympathisirten, unter

Anderen einen Doctor, welcher, ich weiß nicht mehr genau, aus Hessen,

oder aus Baiern flüchten mußte und als Oberlehrer bei einer Schule

in New-York angestellt ist; ich fand in demselben, was ich zu finden

wünschte.

„Wie wäre es,“ sagte dieser eines Nachmittags zu mir, „wenn wir, da das

Wetter so schön ist, mit einem der Dampfschiffe nach Staten-Island (dem

Quarantaine-Platz des New-Yorker Hafens) hinüberführen?“ Mir war das

ganz recht, und wir gingen sogleich zum Samson, dasselbe Dampfschiff,

welches an jenem Festtage, trotz seiner Stärke, nicht stark genug

war, die Masse von Menschen zu halten, und zehn Menschen das Leben

kostete. Heute that seine Samson’sche Kraft besser ihre Schuldigkeit

und bald standen wir auf dem etwa 400 Fuß hohen Belvedere. Nicht mit

sehnsuchtsvollern Blicken kann der Prinz von Coburg nach der ihm

bestimmten Brittish Queen (Victoria) sich umsehen, als ich nach der von

mir erwarteten Brittish Queen, das ganz neue Dampfschiff, welches von

London erwartet wurde und worauf ich meine Rückreise nach Europa machen

wollte. Allein vergebens! dreißig Meilen weit konnte ich von hier aus

die schönen Ufer betrachten und mit einem Tubus jedes Schiffssegel

unterscheiden, allein von der angebeteten Brittish Queen ließ sich

Nichts sehen.

Unterdessen war es sieben Uhr und Zeit zur Rückkehr geworden. Wir

langten sehr bald an der Batterie an, wo ich mich vom Doctor trennte,

um nach meiner Wohnung zu gehen. Während ich über den Batterie-Platz

schlenderte, fand ich einen Polizei-Diener in seiner Function

begriffen; er weckte nämlich einen auf dem Rasen eingeschlummerten

Bürger aus seinen vielleicht süßen Träumen, mit den Worten: „wenn Sie

nicht sofort gehen, so müssen Sie fünf Piaster erlegen, denn das ist

der Preis für eine Schlafstelle hier;“ er stand auf und ging fort.

Einen so gutmüthigen und sanften Polizei-Beamten wollte ich persönlich

näher kennen lernen; ich war eben im Begriff, ihn anzureden, als ich

wegen seines übermäßigen Diensteifers bei der folgenden Sache davon

abgehalten wurde. Er trat nämlich an einen jungen Herrn heran, der von

einem großen New-Foundland-Dog begleitet wurde, um ihn auf das Gesetz

aufmerksam zu machen, wonach es ihm freistehe, den Hund zu tödten.

Jener zog denn auch sogleich einen Strick aus der Tasche und führte

ihn fort. „Milde Gesetze, noch mildere Vollstrecker und dennoch ein

sehr großer Gehorsam,“ sagte ich zu diesem treuen Staats-Beamten, als

er weiter gehen wollte. „Dies müssen wir wohl gegen unsere Mitbürger

sein,“ entgegnete er; „es thut mir oft leid, die armen Loafers aus dem

Schlafe zu wecken;“ -- Loafers, muß ich bemerken, sind diejenigen,

welche keine Wohnungen haben, vielmehr stets auf dem Rasen, oder sonst

außer Betten schlafen; sie sind dessenungeachtet gewöhnlich sehr

anständig gekleidet. Eines Tages traf ich einen aus Berlin gebürtigen

Loafer in der Batterie, der mit Thränen in den Augen mich um ein

Almosen bat; er erzählte, daß er, mit allen erforderlichen Mitteln

ausgerüstet, hier angekommen sei, und, nachdem Alles aufgegangen,

sich zu den härtesten Arbeiten im Chaussee-Bau hergegeben habe; er

habe dieselben in physischer Rücksicht nicht aushalten können, da er

wochenlang im Hospital zugebracht habe. -- „Es thut mir leid,“ fuhr der

Polizei-Diener fort, „allein es ist meine Pflicht; hätte der Mann fünf

Piaster, so schliefe er sicher an einem bessern Ort; in einer halben

Stunde können Sie ihn an einem anderen öffentlichen Orte schlafend

finden.“ -- Ein schwerer Dienst für Sie, sagte ich; wie hoch beläuft

sich Ihr Gehalt dafür? Nur auf 600 Piaster das ganze Jahr, wobei ich

noch jeden Tag die Flagge aufziehen muß -- kein leichter Dienst! meinte

er.

Nachdem ich in meinem Logis meine Sachen und Gelder revidirt hatte,

welche in New-York nicht selten in Abwesenheit des Eigenthümers

einen fremden Herrn finden, begab ich mich nach einer sehr beliebten

Bier-Kneipe, Shadow (Schatten) genannt, woselbst ich viele Deutsche,

Schweizer und Franzosen antraf, lauter Leute, die reich zu werden große

Lust hatten. Wir plauderten viel über Deutschland im Vergleich zu den

Vereinigten Staaten, besonders aber sprachen Jene über den Unwerth der

deutschen Goldmünzen, der Louisd’ore, welche den Leuten für 5⅔ Thlr.

aufgedrungen werden und dabei nur fünf Thlr. Werth haben, ferner von

den in Philadelphia gebrauten, giftartigen Bieren mit dem Zusatz von

Aloe und Taback -- ein Beweis, daß nicht aller Kentucky-Taback gebissen

und verbissen wird. Da sich mein deutscher Magen hiergegen sträubte, so

verließ ich bald diesen Bier-Tempel.

Am folgenden Sonntags-Morgen wollte ich den früher erwähnten

Demagogen-Prediger Försch noch einmal hören, allein er war der Ketzerei

angeklagt und von der Synode zur Verantwortung gezogen worden. Er

hatte seine Gemeinde in New-York verlassen und ein belletristisches

Wochenblatt gegründet, worin er sich gegen die Synode vertheidigte.

Dabei hatte er zugleich eine neue Gemeinde, einige Meilen von New-York

erlangt, wo er nicht wenig Beifall fand und besonders viel mit

Trauungen und Taufen zu thun hatte. Bei einer der letztern, erzählte

mir der Doctor, soll jener Prediger die Eltern des Kindes gefragt

haben, ob er dasselbe in Dreiteufels- oder Gottes-Namens taufen

solle! Dazu führt die Glaubenslizenz! Ein Mann, der solchen Unsinn

begeht und die wichtigsten Wahrheiten des Christenthums öffentlich

verwarf, übt nach wie vor sein Predigtamt aus und wird noch sogar

stark besucht! Weniger Glück dagegen dürfte er mit seinem Blatte

machen, denn die Deutschen in New-York sind zu sehr mit dem Lesen in

Reiskörnern, Tabacksblättern, Schweinsborsten, besonders aber mit

ihrer promissory-notes beschäftigt, um Zeit zum Lesen der Journale

zu verwenden. Bücher wissenschaftlichen Inhalts finden in den V. S.

gar keinen Absatz; nur Schulbücher werden begehrt. Daß die New-Yorker

Jugend übrigens sehr gelehrig ist, ergiebt sich schon daraus, daß es so

viele gescheidte Männer in Wall-Street giebt.

Unterdessen war von England die Nachricht eingegangen, daß die

Ausrüstung der Brittish-Queen mehr Zeit erfordere, als man geglaubt

habe, sie werde daher wohl um acht Tage später in New-York eintreffen.

Man muß den Damen Zeit zur Toilette lassen, dachte ich; auch hatte ich

so Manches noch in New-York zu sehen, daß mir die Verzögerung nicht so

unwillkommen war. Zunächst bekümmerte ich mich um das Praktische in der

wohlfeilsten Bekleidungsart in New-York. Alles ist hier enorm theuer,

sagten Viele; hat man 1500-2000 Piaster Jahrgehalt, und das Jahr ist

vorüber, so ist’s mit jener Summe geschehen. Ich habe indeß auf meinen

vielen Reisen gefunden, daß man auch in den für theuer ausgeschrieenen

Städten und Ländern bei einer gewissen Umsicht und Lokalkenntniß mit

Wenigem eben so gut und anständig leben kann, wie die Meisten, welche

vieles Geld aufwenden. Meines Erachtens sind die Berliner Meister in

dieser Kunst. Man trage ein Souper, bestehend in Nichts anderem, als

sogenannten Pell-Kartoffeln, in silbernen Schaalen auf und jeder der

Gäste wird von einer boshaften Kritik sich abgehalten sehen, indem der

Kontrast ihn zum Nachdenken und Zweifeln bringt, doch zur Sache zurück!

Man behauptet, in New-York kostet ein Paar Stiefeln 11 Piaster, ein

Paar Pantalons 14, ein Rock 38 etc.; freilich in Broad-Way! allein ein

ehrlicher Schneidermeister in Oliver- und William Street begnügt sich

mit einem Piaster Arbeitslohn für ein Paar Pantalons und sechs Piaster

für einen Rock; kauft man nun das Tuch mit Sachkenntniß, so hat man ein

Kleid um den halben Preis. Eben so bekommt Ihr dauerhafte Stiefeln in

Nassau-Street um den halben Preis, aber hütet Euch, es bekannt werden

zu lassen, daß Ihr Stiefeln aus Nassau-Street tragt, denn Mancher würde

sich bedenken, mit Euch auf Broad-Way zu promeniren. Es ist für solche

Handwerksleute und Gastwirthe in den V. S. ein Glück, daß Viele hier

zwischen den beiden Ausdrücken:

Wir verdienen, was wir brauchen und

Wir brauchen,[L] was wir verdienen.

keinen Unterschied finden können. Mit den Restaurateurs verhält es

sich eben so. Der Globe, Sans-Souci und die Gebrüder Dalmonico sind

diejenigen, welche nur von Leuten ersten Ranges besucht werden. Hier

findet man eine Speisecharte à la Paris in Form eines Buches. Obgleich

die Hälfte der darin angeführten Speisen gewöhnlich nicht zu haben ist,

so ist es doch eine außerordentliche Charte, und jede Speise, welche zu

haben und um das doppelte schlechter und theurer ist, als die Speisen

im Dawning’schen Keller in Wall-Street, gilt nichts destoweniger als

außenordentlich und jeden als Preis werth. Der Eingeborne indeß ist

nicht so thöricht.

Von den Abend-Vergnügungen hatte ich bisher nur einen schattenreichen

über die Bierkneipe Shadow abgestattet; ich wende mich zu den ersten

und zwar zu dem mit Gas beleuchteten Castle-Garden, ein Schloß-Garten

ohne Bäume. Doch nein! eine Trauerweide befindet sich am Eingange. Der

Weg zu diesem Garten führt über den Batterie-Platz, den Sammelplatz

der schönen Welt nach Sonnenuntergang; er ist mit Gas beleuchtet,

hat einen Quai von Granitstein zur Promenade und daneben stehen

Bänke für die Ermüdeten; eine herrliche Aussicht bietet sich dar

nach den gegenüber liegenden Ufern des Staates Jersey; auch gewähren

die am Abend vorüberfahrenden Dampfschiffe viel Vergnügen. Raketten

und Trompetenschall ließen sich im Innern, von den Balcons des

unbedeutenden Gartens vernehmen. Also zur Casse hin! Sie befindet

sich auf derselben Brücke, wo an der entgegengesetzten Seite ein

recht elegantes reinliches Flußbad liegt, wo man für fünf Piaster

Abonnement den ganzen Sommer hindurch baden kann. Als Ersatz für

Handtücher erhält man zwei Flicke von grober, grauer Packleinwand,

etwa eine Elle lang, welche nie gerollt werden, damit die Haut nicht

verzärtelt werde. Die Importeurs der englischen Waaren werden hier auf

eine bequeme Art ihre Emballagen los, wie mir gesagt worden ist. --

An der Casse erhielt ich zwei Carten für vier Schilling; für die eine

sollte ich, wie der Carten-Empfänger bemerkte, am Buffet Ice-cream

(Gefrornes) essen. In Erwägung, daß man Alles, ausgenommen Heirathen,

rasch betreiben muß, eilte ich schnell dem Schloß-Garten zu. Er ist

ganz wie die Pavillons auf der Aelster in Hamburg gebaut; in der Mitte

ist ein freier, mit Kieseln belegter Platz, worauf sich kleine Logen

mit Tischen und Bänken befinden. Drei von meinen Sinnen sollten also

für vier Schilling beschäftigt und befriedigt werden, allein ich sah

mich veranlaßt, den Garten zu verlassen, ehe das Concert begann und das

Feuerwerk abgebrannt wurde. Die beiden Sinne des Gefühls und Gehörs

gingen also leer aus, dafür aber wurde auf unerwartete Weise das Gefühl

sehr beschäftigt -- durch Rippenstöße. Von dem Eis ist nur noch zu

sagen, daß man den Kältegrad des letzten Winters in New-York und die

Entfernung der Zucker-Plantagen darnach hätte berechnen können, denn es

war ein sehr hart gefrorner Eisklumpen ohne Geruch und Geschmack.

Um über das Theater berichten zu können, muß man unbedingt dasselbe

besucht haben. Obgleich ein verwöhnter Kostgänger (woraus in der

Regel Kostverächter entstehen), entschloß ich mich dennoch aus

Anhänglichkeit für meinen ehemaligen Reisegefährten, den Director W.,

das National-Theater zu besuchen.

Da Logenschließer, wie mir versichert worden ist, in New-York große

Jahrgehalte von 6-800 Piaster beziehen, so begnügt sich der Director

mit Einem für jeden Rang derselben. Diejenigen, welche ihre Billets am

Eingange lösen, müssen sich mit den (vom Billetverkauf im Bureau) übrig

gebliebenen Plätzen begnügen und von diesen hat der Logenschließer ein

Verzeichniß. Durch diese Anordnung mußte ich wohl eine halbe Stunde auf

ein Plätzchen warten. Es wurde zum 14ten male die große Oper: Amalie,

gegeben, vom ersten englischen Componisten -- doch nein! der erste ist

wohl der des Volksliedes: God save the king, also die vom allerletzten

englischen Componisten verfertigte Oper. Zwei Sänger und eine Sängerin

waren hierfür vom Covent-Garden-Theater engagirt worden. Die Yankees

waren entzückt und benahmen sich, als wären sämmtliche Sänger mit

Amphionsstimmen begabt und als käme das Orchester und die Composition

selbst aus der Schule des Orpheus: jedes einzelne Stück mußte

wiederholt werden. Orpheus der Erste, als Dirigent des Orchesters ließ

sein Instrument (die Geige) durch die Schreiereien der Chöre nicht in

Schatten stellen, er wies sie vielmehr mit seinem kräftigen Arm in die

Schranken der Anständigkeit zurück. Ueber die prachtvolle Ausstattung

des Theaters, über die blauen und rothen Feuer, die am Schluß der Oper

brannten, will ich nichts sagen, da dieses Theater seit dieser Zeit im

Monat October 1839 durch ein Feuer ganz anderer Art abgebrannt ist.

Auch Seiltänzer sah ich hierselbst, die Familie Ravelé. Da ich

dergleichen Künstler in sehr langer Zeit nicht gesehen hatte, so kann

ich wohl eher, wie die Meisten, ein Urtheil über die Fortschritte

in dieser Kunst fällen, und da muß ich denn bekennen, daß ich vor

30 Jahren mehr Sehenswertheres hierin als jetzt gesehen habe. Hat

vielleicht diese Kunst bald das Schicksal der Glas-Malerei, daß sie als

eine verlorne zu betrachten ist? Dieser Verlust würde gewiß von Wenigen

betrauert werden!

Nach meiner Schilderung der Vergnügungen in den V. S. wird mancher

Leser, welcher diese Vergnügungen denen der freien Natur, welche die

V. S. in reichem Maaße darbieten, vorzieht, keine Neigung fühlen,

dieses Land zum Vergnügen zu besuchen. Abstrahirt man indeß von den

Vergnügungen der ersten Art, so kann nicht leicht ein Land gefunden

werden, worin man sich, mit Anwendung des Praktischen beim Reisen, die

Zeit besser verkürzen könnte, wie hier. Erscheinen doch in diesem Lande

täglich 1553 Zeitungen und Journale (dieses ist die Anzahl nach Angabe

des Morning-Heralds) von eben so vielen Redacteuren, die Alle es auf

das Vergnügen des Publikums anlegen und worunter es sehr viele witzige

Köpfe giebt. Unter diesen will ich vorzugsweise nur den Redacteur des

Morning-Herald nennen, der täglich 17,000 Exemplare absetzt, ein Blatt,

auf welches Jeder mit noch weit größerer Begierde, als auf seinen

Caffee wartet und welches von Vielen mit größerem Appetit als dieser

verzehrt wird.

Der Europäer überzeugt sich wenige Tage nach seiner Ankunft, daß das

von seiner Seite vermißte Militair, die Gensdarmerie und Polizei, durch

jene Blätter vertreten wird und daß für Republiken Preßfreiheit eine

unbedingte Nothwendigkeit ist, weil die Sittlichkeit, die öffentliche

Ordnung und Reinlichkeit in den Straßen lediglich durch die Presse

herbeigeführt wird. Der geringste Verstoß gegen Ruhe und Ordnung

wird sofort zur Publicität gebracht. Aber wie ist es den Redaktoren

möglich, so geschwind und unmittelbar ein solches Ereigniß rapportiren

zu können? Der Verfasser glaubt nicht zu irren, wenn er den früher

erwähnten Loafers, die in allen Straßen anzutreffen sind, einen

großen Antheil an der Berichterstattung zuschreibt. Ihr Honorar kann,

nach dem Preis der Blätter berechnet, freilich nicht von solcher Art

sein, daß sie ihre jetzigen Schlafstellen auf dem Rasen gegen solche

in Aster-House oder andern Hotels austauschen könnten, indeß wäre

letzteres der Fall, so würden alle nächtlichen Vorfälle in den Straßen

für die Redacteure verloren gehen.

Was nun den allgemeinen Charakter der Amerikaner betrifft, so wird von

vielen Autoren, besonders auch von den neuesten Reisebeschreibern,

dem Amerikaner der V. S. Geldbegierde oder Habsucht zur Last gelegt.

Ehe ich das Resultat meiner Beobachtungen hierüber ausspreche, muß

ich Folgendes bemerken: Ist dieser Vorwurf, den die Europäer den

Amerikanern machen, gegründet, so fällt er auf die Europäer selbst

zurück; sind denn die Einwohner der V. S., mit Ausnahme weniger

eigentlicher Amerikaner, von indianischer Abkunft, nicht alle

Europäer?[M] Hört denn der in Amerika geborene Deutsche oder Franzose

auf, Deutscher und Franzose zu sein, und wird durch das Wohnen daselbst

zum Amerikaner? Wenn ein Edelmann im Kuhstalle geboren würde, wäre er

dann zum Bauer geworden? Also nicht der Ort bestimmt die Abstammung,

sondern das Volk, zu dem man ursprünglich gehört. Es wäre also zu

untersuchen, durch welche von den verschiedenen Abkömmlingen die

Geldbegierde hierher verpflanzt worden sei. Eine solche Untersuchung

aber führt uns auf die Engländer zurück, die, wenige Ausnahme

abgerechnet, überall den Hauptbestand der Bevölkerung in den nördlichen

Staaten bilden, und Sprache, Sitte und den Volkscharakter bestimmt

haben. Und der Apfel fällt, wie man weiß, nicht weit vom Stamme.

Da die Bewohner der V. S. also von so verschiedener Abstammung sind, so

ist es unstatthaft, dieselben unter dem Namen von Amerikanern als ein

so oder solches Volk zu charakterisiren und Alles über einen Leisten

zu schustern, wie es gewöhnlich geschieht. Der Verfasser wird sich

daher bemühen, diese Amerikaner nach ihrer verschiedenen Abstammung

zu sondern und jeder einzelnen Abtheilung ihr Recht widerfahren zu

lassen. Und zunächst wollen wir, da doch nun einmal auch in Amerika die

Frauen den Männern vorangehen, auch hier den Amerikanischen Frauen den

Vortritt gestatten.

Die Amerikanerinnen sind Freie, ohne frei zu sein und sehr schön. Wäre

ich Besitzer der Stobwasserschen Dosenfabrik, ich würde den Maler

zum Einsammeln von schönen Modellen weiblicher Köpfe nach den V. S.

schicken, denn besonders in letzterer Hinsicht sind die Amerikanerinnen

ausgezeichnet.

Daß man unter allen in Amerika Geborenen keinen Einzigen mit den

Grundsätzen eines Diogenes findet, ist wahr, allein ein solcher

Sonderling von Enthaltsamkeit möchte heutiges Tages auch in Europa

schwer anzutreffen sein. In der Tonne will Keiner mehr residiren; Jeder

strebt nach bequemer Wohnung, nach Annehmlichkeiten im Leben u. s. w.,

und da solche Dinge uns nicht von selbst besuchen und zu unserm

Gebrauche sich darbieten, sondern nur gegen Geld zu haben sind, so

ist Keinem zu verargen, daß er nach Geld strebt. Tritt man in Amerika

in Männergesellschaften, so bemerkt man keinen Diogenes darunter, man

sieht sogleich das Zusammengesetzte der Bevölkerung; sie ist mit einem

Vaudeville zu vergleichen, in welchem man hin und wieder Musikstücke

berühmter Meister auffindet, wodurch die Bilder angenehm verlebter

Zeiten in der Seele wieder auftauchen, und während man hierbei in der

Vergangenheit schwärmt, überhört man manche Stücke, die wenig oder

gar kein Interesse für uns haben. Wer nun aber nach einem oder zwei

Stücken, die ihm gerade auffallen, das ganze Vaudeville beurtheilt,

der ist ein schlechter Kritiker; eben so leichtsinnig und ungerecht

urtheilen die Autoren, welche, wie schon bemerkt, nur von einem

allgemeinen Amerikaner sprechen, der gar nicht existirt.

Die Amerikaner sind, so weit meine Erfahrung reicht, in folgende vier

Klassen einzutheilen:

1. Der eigentliche Amerikaner indianischer Abstammung. Betrachtet man

denselben genauer, so entdeckt man bald etwas Originelles, oder, besser

gesagt, etwas Wildes an ihm. Man könnte ihn mit einem wilden Vogel

vergleichen, der aus dem Nest genommen und wie ein Hausthier erzogen

worden ist, in welchem aber plötzlich sein natürlicher, in die Welt

mitgebrachter Instinkt zur Wildheit wieder auflebt, der ihn zur Flucht

aus dem friedlichen Erziehungsorte seines Wohlthäters antreibt. Ich sah

eines Tages einen im Rufe stehenden Amerikaner von Indianischem Stamme,

auf einem mit Sammet überzogenen Sopha ausgestreckt und die schmutzig

bestiefelten Füße auf dasselbe erheben, um sich durch Anstemmen gegen

die kostbar gemalte Seitenwand des Zimmers in eine bequemere Lage zu

bringen.

2. Der Deutsche, den ich als Deutscher dem Eingebornen zunächst

anführe, ist, wie überall, auch in Amerika bald zu Hause, ja er scheint

fast in Amerika mehr einheimisch zu werden, als er es in Deutschland

sein würde. Die Kost kömmt ihm dort besser vor als zu Hause, der

amerikanische Essig hat nach seinem Geschmack mehr Weinartiges,

als der Rhein- und Moselwein; das Bier ist nach seiner Meinung das

allerbeste, welches in der Welt gebraut wird und die amerikanischen

Banknoten übersteigen in seinen Augen den Werth der Friedrichsd’ors;

mit Einem Worte, er bildet sich ein, Amerikaner zu sein. Ich meine hier

natürlich diejenigen Deutsche, welche sich in den letztern Jahren dort

angesiedelt haben, denn dort geborene Abkömmlinge früherer Einwanderer

sind freilich von ganz anderem Schlage. Die letztern freuen sich, wenn

sie einen deutschen Abkömmling erblicken; sie bemühen sich um seine

Bekanntschaft, um ihm erzählen zu können, daß seine Voreltern Deutsche

gewesen; man hört ihn mit Vergnügen die alten deutschen Sprüchwörter

aussprechen und befolgen; kurz das deutsche Gemüth ist in ihnen noch

nicht erstorben.

3. Der Franzose weicht in jeder Beziehung von dem Amerikaner und

Deutschen ab. Er bleibt in Amerika, wie überall, Franzose in Sprache,

Kleidung und Lebensweise; er ist Franzose von Anfang bis zu Ende; er

fühlt sich glücklich, Republikaner zu sein, und noch glücklicher,

nicht zu den Yankees gezählt zu werden. Er politisirt noch mehr als

diese, flickt an Staat und Regierung, ist Staats-Oekonom, trinkt viel

Bordeaux-Wein (Essig), mit Wasser versetzt, ißt nach vaterländischer

Weise seine dreifache Portion Brod zu der Suppe und erblickt schon in

seiner Einbildung freudig die gefüllten Geldsäcke, welche zu gewinnen

er hierher gekommen ist. Am wenigsten wird man unter den Franzosen

einen Diogenes finden, denn Geld, recht viel Geld zu gewinnen, ist die

Tendenz ihres Treibens.

4. Jetzt gehe ich zu den eigentlichen Yankees über, die bei Weitem den

größten Theil der Bevölkerung ausmachen. Auch hier müßte man wieder

das englische, das schottische und das irische Blut unterscheiden,

was jedoch mich hier zu weit führen würde; ich werde nur zwei Klassen

unterscheiden: die erste, der Abkömmlinge derjenigen, die sich seit

der Besitznahme Amerika’s dort niedergelassen haben, und die zweite

derer, welche nach und nach die Gewinnsucht dorthin geführt hat. Aber

sind denn die Engländer gewinnsüchtig? Der scharfblickende Napoleon

schilderte England als ein von Krämern bewohntes Land. Ein Krämer aber

muß, um als Krämer zu gelten, gewinnsüchtig sein: folglich wird man die

Gewinnsucht der englischen Nation nicht absprechen können.

Die erste Klasse oder die von der früheren Generation sind allerdings

Sonderlinge, jedoch keinesweges, wie sie von so manchen Autoren

ausgeschrieen worden sind, Geldbegierige; sie sind lebenslustige

Menschen und streben daher nach Geld, um sich die Annehmlichkeiten des

Lebens, nach denen sie verlangen, zu verschaffen. Diesem Yankee ist

schon aus dem Grunde Nichts zu theuer, weil er sich durch splendide

Ausgaben von den alltäglichen Yankees zu unterscheiden wünscht; er

wirft daher mit dem Gelde um sich. Die Unterhaltung des Yankee ist

nicht eben sehr unterhaltend; denn er ist mit sich selbst uneinig,

ob er Engländer oder Nicht-Engländer sein soll und ist daher für die

Gesellschaft? -- ein Yankee, jedoch ist er klug genug, sich in dieser

Yankee-Rolle angenehm zu machen und verdient also nicht zu den Dummen

gezählt zu werden; denn derjenige, der seine Dummheit zu verbergen

weiß, kann wohl zu den Klugen gerechnet werden. Da wissenschaftliche

Bücher, wie schon bemerkt, keine Abnehmer bei ihnen finden, so ist es

wohl selten, daß man wissenschaftlich Gebildete unter ihnen findet;

die Wissenschaft des Reichwerdens ist die einzige, die sie mit Glück

cultiviren, ja sogar mit der leeren Hand sich anzueignen verstehen,

indem die Regierung den Acker Landes für 1¼ bis 1½ Piaster (der

im cultivirten Zustande den hundertfachen Werth hat) hingiebt; indeß

sind diese gerade die Geachtetsten in den V. S., und verdienen es auch!

Die zweite Klasse der Yankees ist zusammengesetzt aus lauter Engländern

der letzten Generation und denen, welche unter dem Beistand Gottes, der

vielen Banken Englands und der V. S., auch nicht minder zur Freude der

Fabrikanten in England, ihr Geschäft in Amerika treiben. Sie denken

stets an ihr Mutterland, sie finden es zwar nicht schlecht in den

V. S., da sie ja hieselbst ihren Endzweck des Geldverdienens erreichen,

und dabei auch recht gut leben, allein dennoch denkt Jeder nach Lord

Byron’s Spruch:

England! with all thy faults, I love thee still.

Und sehr natürlich! der Engländer fühlt sich nur in England zu

Hause; fehlt ihm doch überall das englische Kohlenfeuer, sein Topf

Porter-Bier, sein beaf-steak und seine langen Parlaments-Reden, welche

selbst Lord Byron als die vier köstlichsten Dinge Englands schildert:

und hätte er dieses alles, so fehlen ihm noch seine heimathlichen

starken Herbstnebel. Diese letzte Klasse, welche den vierten Theil

der Bewohner in den V. S. ausmacht, trägt wenig zur geselligen

Unterhaltung bei, jedem diesen Leuten die Worte „money making“ (Geld

verdienen) stets in ihren Ohren klingen. Aus diesen Gründen also ist

die Unterhaltung dort sehr trocken. Dagegen findet man überall in allen

Städten, Flecken und Dörfern ein außerordentlich reges Treiben, da

Jeder verdienen will; das Wort „Genügsamkeit“ kennt Niemand, deshalb

verderben auch so Viele.

So angenehm auch das Reisen überhaupt erscheinen mag, so wird doch

der Leser, der meiner Erzählung mit Aufmerksamkeit und wohlwollendem

Vertrauen gefolgt ist, mit mir der Meinung sein, daß Jemand, der, sei

es zum Vergnügen oder zur Ausdehnung von kaufmännischen Geschäften,

eine Reise unternehmen will, keine glückliche Wahl trifft, wenn er

sich die V. S. oder Westindien wählt. Mag auch Westindien für den

Naturforscher vieles Anziehende darbieten, so haben doch die dort

einheimischen epidemischen Krankheiten, das gelbe Fieber, das schwarze

Erbrechen, die Cholera, verbunden mit der erbärmlichen Lebensweise, so

viel Abschreckendes, daß die meisten Naturforscher wohl sich freuen,

wenn sie diesem Lande den Rücken kehren können. Eben so wenig aber

sind die V. S. dem Reiselustigen zu empfehlen. Schon die Fahrt dahin

ist theils höchst gefährlich, theils höchst langweilig, mag man sich

nun der Dampfschiffe bedienen, von deren Gefährlichkeit oben die Rede

gewesen ist, oder der Segelschiffe, die zum Wenigsten 6-8 Wochen Zeit

gebrauchen, um die Strecke von 3228 Meilen von Portsmouth bis nach

New-York zurückzulegen. Während man im cultivirten Europa überall

vernünftige oder interessante Unterhaltung und geistreiche Getränke

in geselligen Circeln findet, vermißt man beides im neuen Welttheil,

dessen Cultur noch in der Kindheit ist. Man muß sich also für das Opfer

der geselligen Freuden entweder am Spieltisch zu unterhalten suchen,

oder man muß höchst mittelmäßige Theater und Concerte für enorm hohe

Entrée-Preise besuchen, wird dabei noch im Genuß ganz gestört und fühlt

die Ohren zerrissen durch das ununterbrochene Beifallklatschen und

Dacaporufen der Yankees. Beim Reisen in Europa braucht der Reisende

nicht unbequem in Boarding-Häusern und von außen groß scheinenden

Hotels zu wohnen; er wird bei der Abreise keine Rechnungen bezahlen

müssen für Speisen und Getränke, die er hätte genießen können und nach

der Meinung des Gastwirths hätte genießen können, aber er logirt in

reinlichen Gasthöfen und wird von ehrlichen Aufwärtern bedient. Mit der

dienenden Klasse hat es in Amerika seine eigene Bewandniß: Niemand will

hier als Diener angesehen sein, da es nach dem Gesetz keine persönliche

Unterwürfigkeit geben kann, und da Hülfsleistung weit höher als

Dienstleistung abgeschätzt werden muß, auch nach der Meinung Vieler gar

nicht zu bezahlen ist, so will jeder Diener sich als Gehülfe behandelt

wissen. Zieht man alle diese Umstände in Erwägung, so wird man von dem

Entschluß, eine Reise nach den V. S. zum Vergnügen zu unternehmen, bald

zurückkommen.

Die Kaufleute, welche Speculations-Reisen nach den V. S. zu machen

gedenken, mögen die von mir dargelegten Beobachtungen und Erfahrungen

wohl erwägen, ehe sie zur Ausführung schreiten; mögen sie um so

mehr dabei bedenklich sein, wenn sie die dortige Justizpflege

berücksichtigen, nach welcher Jahre verstreichen, ehe man Prozesse

durch Advocaten eingeleitet sieht. Ergo, ist die neue Welt wunderschön

und gut, so kann ich mich doch aus vielen angeführten und anderen

Gründen des Urtheils nicht enthalten, daß die alte Welt besser ist. Und

selbst auch, was das Geldverdienen betrifft: sollte es nicht leichter

sein, in dem mit so vielen physischen, moralischen und pecuniären

Mitteln ausgerüsteten Europa, welches eine Bevölkerung von 220 bis

230 Millionen zählt, sein Brod zu erwerben, als in den V. S. und

ganz Westindien, welche inclusive Neger, Mulatten u. s. w., kaum 35

Millionen aufweisen können? Wer freilich Chatham und dergleichen Erwerb

aufzusuchen sich geneigt fühlt, der mag immerhin Europa verlassen!

Endlich war der von mir ersehnte Tag da; die Brittish Queen war

angekommen und wollte nur einige Tage in New-York verweilen. Da ich so

ziemlich alles Sehenswerthe in Augenschein genommen hatte, so konnte

die Verkürzung der Frist mir nur angenehm sein. Etwas jedoch, was mir

sehr am Herzen lag und was ich bisher versäumt hatte, war noch zu thun

übrig, nämlich den berühmten Redacteur des Morning Herald zu besuchen.

Dieser Mann, dessen Blatt im ganzen Lande mit großer Begierde gelesen

wird, ist meines Erachtens eine der Hauptpersonen im Lande; sein Lob

und Tadel wird geliebt und gefürchtet, wie das eines Lehrers von seinen

Schülern. Ohne diesen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, wollte

ich nicht gern von New-York abreisen. Ich theilte mein Vorhaben dem

obenerwähnten deutschen Doctor mit; dieser aber äußerte, es sei hierzu

wahrscheinlich zu spät, da jener Mann selten Jemand vor sich lasse; er

selbst habe in dieser Beziehung vergebliche Versuche gemacht.

Als geübter Bekämpfer von Schwierigkeiten aller Art trat ich am Tage

vor meiner Abreise meine Wanderschaft nach seinem Bureau an. Zwar

wurde ich von seinen Untergebenen abgewiesen; da ich aber vernahm, daß

er in seinem Arbeitszimmer, 1 Treppe hoch, sich befinde, so ging ich

sofort hinauf. Er empfing mich sehr artig; zunächst gab ich ihm den

Endzweck meines Besuches zu erkennen, daß ich von seinem vielgelesenen

Blatte ein Exemplar in Berlin, wohin ich am folgenden Tage abreise,

jede Woche zu erhalten wünsche. Er freute sich, daß ihn ein Preuße mit

seinem Besuch beehre und sprach Vieles zum Lobe unserer Landsleute.

Hierauf richtete er mehrere Fragen an mich in Beziehung auf die V. S.,

wahrscheinlich in der Erwartung, Amerika gepriesen zu hören. Da ich

indeß in meinem Urtheile stets meiner Ueberzeugung folge, so sah er

sich zuletzt zu der ausdrücklichen Frage getrieben, ob die Amerikaner

nicht erstaunende Fortschritte gemacht hätten, worauf ich entgegnete,

daß sie bei dem guten Willen, den wir Europäer für sie gezeigt, indem

wir ihnen die Quintessenz unserer lebenslustigen Genies zukommen

ließen, viel weiter sein müßten, als sie sind. Er lachte und meinte,

man müsse nicht außer Acht lassen, daß das Land noch sehr jung sei;

hierauf bemerkte ich, daß man mit der Jugend begangene Thorheiten nicht

immer beschönigen könne u. s. w. Er entließ mich beim Abschiede höchst

artig und ich verließ ihn ganz befriedigt, da ich nicht weniger, als

ich erwartete, in ihm gefunden hatte.

Mit Sehnsucht erwartete ich den Tag meiner Abreise, der mit dem 1.

August erschien. Am Bollwerk wimmelte es von Neugierigen, so daß

ich nur mit Mühe zum Schiff gelangen konnte; Jeder wünschte, das

majestätische Schiff sich in der Nähe ansehen zu können, allein, daß

den Majestäten schwer zu nahen ist, bewährte sich auch hier, denn

die vom Capitain aufgestellten Mulatten-Wachen ließen das abweisende

Wort vernehmen: die freien Entreen sind ohne Ausnahme nicht gültig.

Es war für die Stadt ein Festtag, denn neben den 2 Dampfschiffen,

die heute abfahren sollten, nämlich außer der Brittish Queen und der

Great Western, segelten noch 4 andere Schiffe an diesem Tage ab, und

entführten der Stadt 6 bis 700 Seelen. Alle Schiffe, die Ufer und

die auf diesem befindlichen Häuser waren mit Menschen übersäet und

zu unserer Begleitung waren sechs Dampfschiffe mit allen nöthigen

Erfrischungen für 8-10,000 Personen ausgerüstet und mit Musik-Chören

versehen; man sah Flaggen in den vielfältigsten Farben wehen. Unter

den 6 Schiffen zeichnete sich das für Seereisen bestimmte Dampfschiff

Neptun in jeder Hinsicht aus. Seiner Pflicht eingedenk, benahm sich

der mächtige Gott nicht anders, denn als Begleiter; um den schuldigen

Respect nicht außer Acht zu lassen, folgte er der kraftvollen Königin

auf der Ferse und seine Hofkapelle mußte immerfort das „God save the

Queen“ executiren, worauf ein allgemeines Hurrah erschallte. Unser

Capitain zeigte sich jetzt, wie zu erwarten stand, dem Wassergotte

dankbar; er supplicirte nämlich bei der brittischen Majestät, daß sie

sich ihrer Macht und Schnelligkeit nicht überheben wolle. Wir bewegten

uns demnach sehr langsam vorwärts und hatten recht lange das Vergnügen,

den herrlichen Inhalt jener 6 Schiffe mit der Elite der New-Yorker

Frauen in unserer Nähe zu sehen. Es war ein herrlicher Anblick, die

liebenswürdigen Amerikanerinnen zu sehen, wie sie mit ihren weißen

Battist-Tüchern wehten und den Abschied zuwinkten; ich glaube, der

festeste Hagestolz hätte nicht ungerührt dabei bleiben können. Auch

in meiner Brust stiegen Wünsche auf und -- was wäre der Mensch ohne

Wünsche!

Das Wetter war ausgezeichnet schön und die Zeit, welche zur Fahrt bis

zum Hafen erfordert wird, verstrich sehr bald. Jetzt erfolgte der

Abschiedsgruß und nachdem dieser mit großer Innigkeit ausgedrückt war,

wurde mit Trompetenschall zum Mittagessen eingeladen. Da jede Freude

um so stärker empfunden wird, wenn ihr ein Schmerz vorangeht, so mußte

jetzt der Anblick eines im prächtigen Salon in silbernen Gefäßen auf

den Tischen prangenden Mittagessens bei den Meisten wenigstens sehr

freudige Empfindungen erregen. Es war Alles so reich servirt, daß der

Werth der silbernen Geräthe vielleicht zur Erhaltung der Banken in

Philadelphia hätte zureichen dürfen.

Vor Allem erhielt jeder der Passagiere die polizeilichen

Schiffsverordnungen auf einer Carte; hiernach durfte vom Anfang bis zu

Ende der Reise der Platz bei Tische nicht gewechselt werden, es war

bestimmt, auf wie viele Bettüberzüge und Handtücher man Anspruch machen

dürfe. Unstreitig gehörte die Bestimmung, daß nach 11 Uhr kein Licht in

irgend einem der Zimmer geduldet werden solle, zu den allerbesten, und

es wurde auch sehr strenge darauf gehalten.

Die Gesellschaft in beiden Cajüten bestand aus etwa 110 bis 130

Personen; daß daher die Rückreise bei dieser bessern und zahlreichern

Gesellschaft mir mehr Unterhaltung gewähren werde, als die Hinreise auf

dem Quebeck, war zu erwarten. Bald zeigte sich dies aber auch deutlich,

indem man sich allgemein mir näherte und ich bei meinem Namen angeredet

wurde. Die Ursache hiervon aufzufinden gelang mir mit allem Nachdenken

nicht, bis ich endlich, als wir uns zum Mittagessen niedersetzten,

Aufschluß darüber erhielt. Mein Platz am Tische wurde mir nämlich in

der Nähe des Capitain Roberts angewiesen; Capitaine aber präsidiren in

der Regel auf allen Schiffen beim Mittagessen. Dieser Capitain, welcher

früher im Dienste der Königlichen Marine gestanden hatte, und also ein

höchst gebildeter und charmanter Mann war, reichte mir ein Extra-Blatt

des Morning Herald, welches eine Stunde vor unserer Abfahrt erschienen

war, mit der Aufforderung, die durch seinen Finger bezeichnete Stelle

zu lesen. Wie erstaunte ich, als ich den Endzweck meiner Reise durch

den Redakteur dieses Blattes, zwar sehr schmeichelhaft für mich,

allein auf ganz entgegengesetzte Weise berichtet fand! Er ließ mich

nämlich in der Eigenschaft eines Schriftstellers und zwar auf Kosten

der Preußischen Regierung reisen. Ich bedauerte die Unwahrheit des

ganzen Aufsatzes, hätte aber wohl gewünscht, daß ein Theil davon,

daß ich nämlich auf Kosten der Regierung reise, wahr gewesen wäre.

Der Aufsatz schloß mit der Versicherung, daß mein, wie er hoffe,

bald herauskommendes Buch über die V. S. seiner Meinung nach zu den

besten bis jetzt erschienenen werde gezählt werden können. Sollte

der Redakteur zu dieser Meinung durch meine Urtheile über die V. S.

veranlaßt worden sein? In diesem Falle könnte ich mich seiner

Zustimmung zu meiner Ansicht versichert halten und die Zustimmung eines

solchen Mannes wäre mir in jeder Hinsicht angenehm.

So unangenehm mir indeß jener Irrthum war, den ich nicht ermangelte,

dem Capitain zu bezeichnen, so war mir derselbe doch nach genauer

Erwägung nicht unwillkommen. Der Redakteur jenes Blattes hatte die

ganze Masse von 600 Personen, die an jenem Tage New-York verließen,

analisirt und nur sieben männliche Personen, unter welchen auch

ich mich befand, von der Vagabonden-Liste ausgeschlossen: außer

diesen sieben und 200 Matrosen, waren sämmtliche übrigen Passagiere

Spitzbuben, Taschendiebe, Spieler von Profession, Stock-Jobbers,

Menschen ohne Beschäftigung, Herumtreiber (Loafers). Darunter sind

jedoch nicht zu vergessen: 24 alte Jungfern, 36 tugendhafte Frauen und

5 Prediger, welche unnamhafter Weise unter jenen aufgeführt waren.

Die ganze Reise war Jedem höchst angenehm, weil einer von den

Direktoren der Dampfschifffahrts-Gesellschaft (Namens Lare) sich auf

dem Schiffe befand und in Verbindung mit dem Captain Roberts Alles

aufbot zum Vergnügen der Gesellschaft, und Alles abzustellen suchte,

was nur den Schein von Kleinheit hatte. Hiervon will ich nur einen

geringen Beweis anführen. Das Signal zum Aufstehen, welches des Morgens

um acht Uhr auf einer Trompete gegeben wurde, stimmte ganz mit dem

überein, welches in deutschen Dörfern die Hirten beim Heraustreiben des

lieben Viehes vernehmen lassen. Als ich dies eines Morgens scherzhaft

berührt hatte, wurde dem Schiffs-Componisten (wie denn überhaupt

für jedes Geschäft besondere Officianten sich am Bord des Schiffes

befinden, z.B. zum Entpfropfen der Flaschen, zum Abfeuern der Kanonen

u. s. w.) der Befehl gegeben, ein für menschliche Ohren angenehmes

Thema zu wählen, worauf denn dieser, mit dem letzten Componisten der

großen Oper Amalie wetteifernd, ein Thema componirte, wie es die

Preußischen Extra-Post-Postillons blasen, -- es war klassisch!

Da sich der Capitain das Interesse der Passagiere so sehr angelegen

sein ließ, so machte ich der Gesellschaft den Vorschlag, unsere

Erkenntlichkeit durch ein Geschenk an den Tag zu legen. Mein

Vorschlag fand Anklang und bald waren 50 L. St. zur Anschaffung eines

Silbergeschirres, worauf die Namen der Steuerer zu engraviren wären,

zusammen. Die sich hiervon ausschlossen, sollten, wie man mir sagte,

Banquiers aus Philadelphia sein; waren sie vielleicht schon mit ihrer

Baarzahlung, die hier in Gold entrichtet werden mußte, auf der Hut, so

hat ihnen ihre Vorsicht nichts geholfen, denn die Banken Philadelphias

sind gefallen.

Die Zeit auf der Reise verstrich mir unglaublich rasch; selten habe ich

in meinem bereisten Leben 14 Tage mit solcher Ruhe und Zufriedenheit

erlebt. Befand man sich im Saale, welcher ganz in der Form des

Audienz-Saales der Königin Elisabeth erbaut und ganz im Geschmack

dieser Zeit und mit derselben Pracht decorirt war, beim Mittagessen, so

hätte man glauben können, sich bei einer Königin zu Tische zu befinden,

da Speisen sowohl als Getränke königlich waren. Zum Trinken feiner

Weine findet Jeder bekanntlich leicht einen Beweggrund; ich fand einen

solchen sehr häufig in der Aufforderung vieler Reisegefährten, welche,

nachdem sie von dem Preußischen Schriftsteller im Herald gelesen, gern

ein Gläschen Champagner mit mir leeren wollten, was ich denn auch

annahm. Dieser Aufsatz im Herald bewirkte demnach meine Versöhnung mit

einem Weine, den ich viele Jahre hindurch gehaßt hatte, wovon ich aber

hier, seiner Vortrefflichkeit wegen, manche Flasche leerte.

Am Abend vertrieb man sich die Zeit durch Spielen Vingt-un, Ecarté,

Whist und Schach; die Vormittage wurden mit Wetten über die Meilenzahl,

welche das Schiff in den letzten 24 Stunden zurückgelegt haben würde,

hingebracht; nachdem die Observationen vollendet waren, wurde jene

Meilenzahl durch ein Bulletin bekannt gemacht. Auch befanden sich

Lotterie-Unternehmer am Bord, welche die Anzahl der während der letzten

12 Stunden gemachten Meilen, mit der vermuthlichen Steigerung, auf

Zetteln niederschrieben, zusammenrollten und aus einem Hut ziehen

ließen. Der Preis eines solchen Looses war 2-4 Schillinge; wer nun die

richtige Stunde gegriffen hatte, erhielt die ganze Summe. An den sehr

bedeutenden Wetten nahmen nur die Engländer Theil, sie wurden meistens

von 30 bis zu 50 L. St. abgeschlossen. Hierbei zeichnete sich vor Allen

ein, wie es schien, unschuldiger Jüngling aus, angeblich Sohn eines

englischen Lords. -- Keine Summe schien ihm zu hoch zu sein; er wettete

auf die unsinnigste Weise 50 L. St. gegen 20 L. St., was die Yankees

zur Verbesserung ihrer Finanzen sehr zu benutzen sich angelegen sein

ließen. Allein als wir in Portsmouth ankamen und die Comptanten zum

Vorschein kommen sollten, siehe da! da waren keine zu finden. Es kam

zu merkwürdigen Auftritten, die Gewinner drängten ohne alle Rücksicht

auf den jungen Mann ein. Ein pensionirter englischer Oberst erhob

sich zuletzt als Retter für ihn und bot seine Gehalts-Quittungen an

Zahlungsstatt für den unerfahrenen jungen Mann. Man griff zu, aber

da die Sicherheitspapiere nur für einen kleinen Theil des Verlorenen

ausreichten, so begnügten sich Viele mit dem Ehrenworte des Jünglings,

seine Schulden in London bezahlen zu wollen. Unter seinen Gläubigern

befand sich auch ein Franzose und dieser befand sich einmal, da

jener wieder eine Wette abschloß, in meiner Nähe. Er zeigte seine

Verwunderung über das unsinnige Wetten der Passagiere aus der ersten

Cajüte und sagte: „dieser Herr wettet bedeutende Summen mit den Herren

aus Ihrer Cajüte, während daß er uns allen, die mit ihm in der zweiten

Cajüte sich aufhalten, kleine Summen, die er im Whist u. s. w. verloren

hat, nicht bezahlt.“

Als ich am folgenden Morgen beim Abschließen einer Wette von Bedeutung

zwischen dem Lords-Sohn und einem Liverpooler Kaufmann hinzutrat,

warnte ich den letztern vor einer gefahrvollen Wette, wobei Nichts

zu gewinnen stehe; der Kaufmann hielt die Erzählung von Seiten des

Franzosen für eine Verleumdung und erbot sich, sogleich die schuldige

Summe dem Franzosen auszuzahlen, wenn er ihm eine schriftliche

Anweisung auf seinen Schuldner einhändige. Der Franzose nahm nur die

Hälfte des Belaufs und war sehr froh, so viel erwischt zu haben. Die

Anweisung wurde auch später acceptirt, aber gleich den übrigen nicht

ausbezahlt. Der Liverpooler Kaufmann, der in Portsmouth blieb, bat

mich, an seiner Stelle sie in London einzukassiren; da aber jener mit

dem Gelde sich nicht bei mir gemeldet hat, so wünsche ich, daß der

Liverpooler Kaufmann seine Anweisung von mir in Empfang nehmen mag.

In Portsmouth verließen uns auch diejenigen, welche ihre Reise nach

Frankreich fortsetzen wollten und Alle nahmen einen recht innigen

Abschied von uns. Der Wahrheit gemäß muß ich bekennen, daß mir derselbe

mit wärmeren Ausdrücken als vielen Andern zu Theil wurde, indem man

mir die Ehre erwiesen hatte, mir den Titel: leading soul of the

company (leitende Seele der Gesellschaft) beizulegen -- eine Folge des

Champagner Geistes. Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß ich

mich zwar oft auf Paqueten in Gesellschaft vieler Passagiere befunden,

aber nirgends diese Eintracht und Herzlichkeit wie hier bemerkt habe.

Auch der Capitain äußerte sich auf dieselbe Weise gegen mich, dessen

Urtheil um so ehrenvoller ist, da er das erste Dampfschiff Syrius

nach Amerika geführt hat, weshalb man ihn auch in den sämmtlichen

Amerikanischen Staaten zum Ehrenbürger ernannte und seinen Namen in den

Annalen aufzeichnete.

Von Gravesand aus mußten wir uns, wegen Mangel an Wasser, in der Themse

ein kleines Dampfschiff miethen, indem wir sonst wohl 24 Stunden

später in London angekommen wären. Der erste Steuerbeamte unseres

Dampfschiffes expedirte einen Untergebenen mit unsern Effecten nach

London ab; es wurde ihm ein Verzeichniß über Alles mitgegeben, welches

er in London zur Bescheinigung vorlegen und zurückbringen sollte.

Dieses schwerfällige Verfahren war für die Passagiere sehr unbequem.

Man denke sich, welche Zeit dazu erforderlich war, das Gepäck von einer

so großen Anzahl Reisender, wovon Niemand weniger als drei, Manche vier

bis fünf Stücke hatte, vom Ufer nach dem Revisions-Saale hinzuschaffen

und dies um so mehr, da nur vier Träger hierzu kommandirt waren, und

der Ueberbringer darf nicht eher zur Ueberlieferung schreiten, bevor

nicht jedes der mitgebrachten Stücke im Saale da liegt: mehrere Stunden

vergingen, ehe das Geschäft beendet war. Sämmtliche Herren warteten

im Nebenzimmer des Saales, aus welchem eine Thüre nach jenem führt

und eben so an der andern Seite die Damen. Nach dem Verzeichniß der

Angelangten, welches der Beamte von Gravesand mitgebracht hat, werden

jene nun, der Reihe nach, aufgerufen und in den Saal hineingelassen.

In den Gehirnen der sämmtlichen Revisoren befinden sich vermuthlich

brennende Cigarren, und da Cigarren als Monopol der Regierung zu

betrachten sind, indem für jedes Pfund neun Sch. (etwa drei Thlr.)

Steuer gezahlt wird, so sehen die Revisoren in den Koffern, Säcken

u. s. w. nichts als Cigarren.

Da ich nur einige Tage in London zu verweilen mir vorgenommen hatte,

so nahm ich nur so viel Cigarren mit, als ich auf meiner Reise bis

nach Hamburg nöthig zu haben glaubte. Sie wurden gewogen und das

Gewicht auf 14 Unzen angegeben. Beim Fortgehen wurde ich vom Beamten

an Bezahlung der Steuergefälle für diese Cigarren erinnert, welche auf

10 Sch. (3½ Thlr.) bestimmt wurden. Vertraut mit der Landessprache

und den Gesetzen, erlaubte ich mir, gleich einem Eingebornen, den

Steuerbeamten auf seine gesetzwidrige Forderung aufmerksam zu machen

und die ihm gemäß der Constitution gebührenden Verweise zu geben.

Hierauf erwiederte derselbe mit großer Gelassenheit: „Wenn Sie sich als

Reisender zur Einführung einer Quantität Taback unter einem Pfund an

Gewicht berechtigt glauben, so bezahlen Sie nichts dafür.“ Dies geschah

denn natürlich.

Sollte die englische Regierung nicht vielleicht noch einmal auf den

Einfall kommen, zum Wohl und zur Erleichterung der Reisenden eine

Revision wie die in Belgien einzuführen? Der Verfasser langte einst zu

Antwerpen in Gesellschaft von 140-150 Passagieren an und überzeugte

sich, daß sämmtliches Gepäck und Pässe in Zeit von einer ½ oder

höchstens ¾ Stunde durch zwei Beamte, welche sich sogleich nach Ankunft

des Dampfschiffes auf demselben eingefunden hatten, revidirt wurden.

Mein Aufenthalt in London war, wie immer, nur von kurzer Dauer, da ich

diesem bewundernswürdigen Orte nie Geschmack abzugewinnen vermochte. Es

geht mir beinahe mit London, wie dem Philosophen Mendelssohn mit dem

Schachspiel; er urtheilte, daß es als Spiel zu viel, als ernsthafte

Sache zu wenig sei. Eben so ist mir London als Stadt zu groß, als

Königreich aber zu gering; die unendliche Anzahl der Wagen und Karren

in der City vom Mittag an bis um fünf Uhr Nachmittags muß Einem lästig

werden.

Die Caledonia nach Hamburg! hieß es, ein überaus rasches, der general

steam-navigation-Company zugehöriges Schiff, in welchem sich mit jener

Eigenschaft Pracht und Herrlichkeit vereinigt haben. -- Allein was

fand ich, als ich mich Morgens früh in die untern Räume begab, in

welchen die Ausstreckplätze für Reisende sich befinden? Eine finstere

Höhle, in welcher sich bereits sämmtliche Mitreisende am vorigen

Abend eingefunden und auf das Lager ausgestreckt hatten, eine Höhle,

angefüllt mit pestilenzialischen Gerüchen von altem Maschinen-Fett,

von abgestandenem Seewasser u. s. w. Mir wurde beinahe übel davon und

ich mußte dem Decke zueilen, um zur Besinnung zu gelangen. Zwei Nächte

sollte ich hier zubringen? Nachdem ich eben die Brittish Queen und

eins von den ersten Hotels verlassen hatte, mußte ich mich mit einem

Orte begnügen, ähnlich dem, worauf die Arbeitsleute Londons für einen

Pence schlafen. Indeß die Vernunft gebietet, Alles zu nehmen, wie es

ist und davon zu abstrahiren, was es sein könnte; dieser Vernunftlehre

folgte ich und fühlte mich daher nicht so unglücklich, wie mehrere

meiner Reisegefährten, von welchen ich nur einige sehr hohe russische

Staatsbeamten, einen General und einen Kaiserlichen Leibarzt, anführen

will. Diese fühlten sich in der That sehr unglücklich und um nicht in

jener mit grauenvollen Gerüchen überfüllten Höhle zu schlafen, legten

sie sich unentkleidet auf die Sopha’s in der obern Cajüte.

Am zweiten Tage zerbrach eine Maschine dieser prächtigen Caledonia,

dennoch kamen wir weit rascher vorwärts als auf der Hinreise nach Hull

mit den geschwinden zwei Maschinen der Rob Roy. Bald freute ich mich zu

sehen, daß die hamburgischen Bootsleute noch gesund waren, uns rasch

der Caledonia entführten, und bald überzeugte ich mich, daß sie den

Werth der holsteinischen Zwei-Drittelstücke noch kannten, dies auch

leider schwerlich bald verlernen werden.

Da saß ich nun endlich wieder an der table d’hote bei dem freundlichen

Wirth des Hotels St. Petersburg in der Mitte von Hamburgern.

Wie ich schon früher wiederholt gethan; so nahm ich auch jetzt

Gelegenheit, gegen das Verfahren der hamburger Regierung bei der

Brief-Versendung nach England mich dahin auszusprechen: „daß es weit

sicherer und zugleich auch vortheilhafter für Deutschland sein müsse,

seine Correspondenz statt in einem für Reisende ganz ungeeigneten

Dampfschiffe, lieber in einem von Hamburg aus besser ausgerüsteten,

unter Aufsicht des Hamburger Postamts, befördert zu wissen. Dadurch

würde der englischen Regierung das Amt eines General-Postmeisters

für diesen Theil der deutschen Schifffahrt streitig gemacht und

auch der Willkühr der general steam-navigation-Company in Erhebung

des Passage-Geldes Schranken gesetzt.“ Obgleich die Zuhörer mir

beipflichteten, so bin ich doch überzeugt, daß es beim Alten bleiben

wird, weil in Hamburg in einem weit höhern Grade gemeiner Geist als

Gemeingeist herrscht, was wohl dem Umstande zuzuschreiben ist, daß

es auch daselbst zu viele Commissionaire giebt. Es wird Manchem

unglaublich scheinen, wenn ich versichere, daß die größere Hälfte der

Bevölkerung auf direktem oder indirektem Wege von Commissionsgeschäften

nicht allein leben, sondern auch groß leben und zwar nicht selten 3-4

Familien von einem und demselben Geschäft. Da giebt es Quartiers-Leute,

Litzenbrüder, Mäkler u. s. w. in Legionen, welche Alle zur Erhaltung

der Commissionaire auf das kräftigste wirken. Wer diese Wirksamkeit

belohnen muß, ist sehr klar. Sollte indeß Hannover dem Zollverbande

einstens beitreten, welches für diesen höchst wünschenswerth sein muß,

weil er durch Embden einen Landungspunkt in der Nordsee erlangte, so

dürften für Hamburg nach so viel fetten Jahren die magern nicht fern

mehr sein.

Verbesserungen.

Schilderungen des Treibens im Leben und Handel in den Vereinigten Staaten und Havana. Gezeichnet auf Reisen in den Jahren 1838 und 1839 · 第 23 / 24 题