Ich fand, als ich an das Ufer trat, sogleich eins; „Albany nach

Louisville“; 35 Piaster ist der Preis, für welchen der Capitain

mich mitzunehmen verspricht. In nicht geringer Entfernung lag ein

anderes Schiff, Namens Diana, welches ebenfalls an demselben Tage

nach Louisville abgehen sollte, jedoch für 40 P. Passagier-Geld. Mein

Correspondent empfahl mir das letztere, weil es das rascheste sei.

Noch unentschlossen, mit welchem von beiden ich reisen solle, ließ

ich meine Sachen auf einem Karren durch einen Mulatten nach dem Ufer

bringen; es war ein überaus heißer Morgen; der Mulatte, obwohl ohne

Hemd, schwitzte, als wäre er aus dem Wasser gezogen und wird beinahe

ohnmächtig, als er eben mit seinem Karren dicht am Schiffe Diana steht.

-- „So bringe die Sachen nach diesem Schiffe, ich will fünf Piaster

mehr bezahlen, um Dich nicht länger zu quälen.“ Er thut es und will

mir aus Dankbarkeit die Hand küssen, allein nach dem, was später sich

ereignete, habe ich beinahe Ursache, dankbar zu sein, denn dieser

Ohnmacht verdanke ich vielleicht mein Leben. Bei meiner Ankunft in

Pittsburg las ich in der Zeitung, daß der Kessel der Albany auf dieser

Tour zersprungen sei und viele Passagiere hierdurch ihr Leben eingebüßt

hätten.

Unsere Reisegesellschaft bestand nur aus etwa vierzig Personen.

Anfänglich hielt ich sie für deutsche Wandersmänner; indeß mein

Wahn schwand sehr bald, denn ich bemerkte, daß sie sich dem sehr

unschuldigen Vergnügen des Tabackkauens hingaben. Nach einigen Stunden

war ich mit ihnen so bekannt, dass ich es wagen konnte, meine Glossen

darüber zu machen. Niemand von allen war darüber aufgebracht; von

Einigen wurde ich sogar wegen dieser Freimüthigkeit gepriesen. Einer

von ihnen meinte: „Sie müssen Nachsicht mit uns Amerikanern haben, wir

haben Fehler und diese hat die Jugend stets. Wir sehen es gerne, wenn

Deutsche zu uns kommen, weil die Deutschen die bravsten und zugleich

ehrlichsten Lehrer für uns sind.“ -- „Sie sind sicher und gewiß aus

keinem englischen, und wenn dieses wäre, aus keinem Yorkshire-Blut

entsprungen?“ entgegnete ich. „Ich freue mich“, war die Antwort, „daß

mein Urgroßvater ein Deutscher gewesen ist.“

Die Fahrt auf dem Mississippi gewährte mir viel Vergnügen, seine Ufer

sind die schönsten, die ich je gesehen habe, sie nehmen die einzelnen

Schönheiten der Main-, Elbe-, Themse- und selbst der Rhein-Ufer --

abgerechnet die Weinberge und die steilen Anhöhen mit den Ruinen der

Ritterburgen -- in sich auf. Erwägt man jedoch die Gefahr, der man sich

bei einer solchen Reise auf dem Dampfschiff Preis giebt, so muß man

halb wahnsinnig sein, um sie bloß des Vergnügens halber zu unternehmen.

Kann nicht jede Stunde, jede Minute das Dampfschiff ein Raub der

Flammen werden? Wer über die fortdauernde ungeheure Gluth, welche

zur Fortschaffung des Schiffs erforderlich ist, nachdenkt und diese

selbst beobachtet und controllirt, wird die Gefahr bald auffinden.

Erwiesen ist es, daß von der Zeit an, da es in jeder großen Stadt

Schauspielhäuser giebt, in jedem Jahre eins durch Feuer zerstört worden

ist. Die Anzahl aller Schauspielhäuser aber verhält sich zu der aller

Schiffe etwa wie 1 zu 1000. Nichts destoweniger fürchtet man gewöhnlich

beim Antritt einer Seereise mehr die Wellen als die Feuersgefahr.

Allein die letztere steht zu der ersteren in keinem Verhältniß, da ein

Schiff mit nichts als brennbarem Material ausgerüstet, und folglich

durch Feuer weit leichter zerstört werden kann, als alle anderen

massiven Häuser, die man doch stündlich in Schutthaufen verwandelt

sieht oder hört. Ich verweise den geneigten Leser zur Begründung

meiner Behauptung auf Lloyds Liste, in welcher jede Woche durch

Feuer zerstörte Segel-Schiffe angezeigt sind. Die Zahl der durch

Feuer verunglückten oder durch raschen Beistand noch vom Untergange

geretteten Dampfschiffe ist freilich nicht bedeutend, aber wie viele

Dampfschiffe existiren auch! und doch kann ich mehrere anführen: ein

nahe an der Stadt Lübeck verbranntes russisches; der ganz neuerlich in

den V. St., im Werthe von 100,000 Piaster verbrannte Great-Western und

zwei durch rasche Hülfe gerettete englische Dampfschiffe, die London,

das von Hull nach London fahrende und die Great-Western vor der ersten

Abfahrt nach den V. S.

Von der Feuersgefahr überzeugte ich mich auf dieser Reise nach

Louisville mehr als je zuvor, indem hier noch einige Umstände dazu

kamen. Bei der Nacht ist sie noch größer als am Tage, weil die in dem

breiartigen Flußwasser schwimmenden Bäume (snags genannt) während

der Nachtzeit von den auf der obersten Decke des Schiffs stehenden

Steuermännern nicht gesehen werden können; wenn diese aber durch den

starken Strom gegen die Schiffe geworfen werden, so besitzen sie

die Kraft, die Maschinerie in Unordnung zu bringen und dadurch das

Auffliegen des Schiffs zu verursachen. Es werden nicht nur täglich

60 Klafter von sechs Fuß langem Brennholze verbraucht und dadurch

eine ungeheure Gluth in den Oefen fortdauernd erhalten, sondern

nebenbei wird durch das Verbrennen von zwei großen Fässern Pech die

erforderliche Quantität von Dämpfen zum Durchbringen des Schiffs in

dem breiartigen Wasser verbraucht. Wenn nun Jemand die feurigen Funken

und Kohlen, gleich einem Feuerregen aus dem Schornstein hervorfliegen

sieht, so muß er, und wäre er auch der Muthigste, besonders bei den

dunkeln Nächten, in Grübeleien gerathen, und wird sich der Furcht nicht

ganz erwehren können.

Jeder der Reisenden hatte daher auch einen Live-preserver bei sich;

es sind dies wasserdichte Gürtel, von demselben Stoffe, der zu

den Mänteln dieser Art verwendet wird. Auf mehreren der dortigen

Dampfschiffe findet sich in jedem der Betten ein solcher. Jeder meiner

Reisegefährten hatte seinen Gürtel zur Tages- und Nachtzeit in der Hand

und war beschäftigt, Luft hineinzublasen und ihn zu füllen. Nur ich

hatte keinen solchen Lebens-Retter mit und ward deshalb von Allen wegen

großer Nachlässigkeit getadelt.

Um mir eine Uebersicht von der Quantität Holz zu verschaffen, die

jährlich in den Dampfschiffen auf dem Mississippi und Ohio verbraucht

wird, erkundigte ich mich genau beim Capitain und den Steuermännern,

wie groß die Anzahl der zwischen New-Orleans und den andern Städten

fahrender Dampfschiffe sei. Von beiden Theilen wurde dieselbe auf

640-650, und die Anzahl der Reisen auf 15-16 hin und eben so viel

zurück bestimmt. Ich beschloß, die Rechnung auf die mäßigste Weise

anzulegen und auszuführen. Ich ließ demnach die gesammte Anzahl Schiffe

nicht mehr als zehn mal hin und zurück fahren, und gab den Schiffern

die unmögliche Hinfahrt von 6½ Tagen Dauer und zur Rückfahrt (mit dem

Strome) 3½ Tage. Nach dieser Berechnung wäre für ein jedes der Schiffe

6000 Klafter und für die gesammten auf jenen Strömen fahrenden Schiffe

ein Quantum von nicht weniger als 3,900,000 Klafter Brennholz nöthig.

Es läßt sich mithin folgern, daß inclusive der übrigen Dampfschifffahrt

und Wagen wenigstens 4½-5 Millionen Klafter Holz in den V. S.

verbraucht werden. Diesen Verbrauch des Brennmaterials kann nur

derjenige, der das Land kennt, wie enorm und gefährlich derselbe auch

scheint, als wohlthätig erkennen. Ohne Dampfschiffe wären die V. S.

unglücklich, sie sind zur Cultivirung des Landes unbedingt nothwendig,

indem die Urwälder vielleicht noch nach einem Jahrhundert in solcher

Fülle da stehen werden, als wäre noch kein einziger Stamm aus denselben

genommen werden; ich habe die Urwälder im russischen Asien und sonst

gesehen, aber sie sind gar nicht mit diesen zu vergleichen.

Der Ertrag des Holzes, welches von den Schiffern für 2½-3 Piaster

gekauft wird, sichert den Grundeigenthümern sehr häufig den fürs Land

bezahlten Preis, welcher 1¼ höchstens 1½ P. pro Acker beträgt, und

oft auch die Unkosten für Urbarmachung desselben. Die Uferbewohner

harren stets auf das Signal eines vorbeifahrenden Schiffs und stellen

sogar eine Wache ans Ufer, um, sobald mit der großen Schiffs-Glocke

das Signal gegeben wird, bereit zu sein; das Holz steht bereits

abgemessen da, der Holz-Inspector steigt vom Schiffe, mit dem

Maaß-Stocke in seiner Hand und empfängt die 30 Klafter, welche für

die ersten 12 Stunden erforderlich sind. Das Herbeibringen dauert

nicht lange, aber doch wohl eine volle Stunde. Zu dieser Arbeit

werden die Deck-Passagiere gebraucht, denen diese Arbeit bei der

Entrichtung des Passagiergeldes zur Bedingung gemacht worden ist.

Arbeitslustige bezahlen 5 P. für die Fahrt, Andere 8-10. An Arbeitern

kann es daher den Dampfschiffen nie fehlen. Die Arbeiter, welche auf

Ruder-Fahrzeugen (mit dem Strom) Baumwolle und Getraide von Natches,

St. Denis, New-Madrid, Rom, Louisville und mehreren andern Städten nach

New-Orleans geschifft haben, können auf ihren Fahrzeugen nicht gegen

den Strom zurückreisen; sie müssen dieselben in New-Orleans verkaufen

und begeben sich dann auf die Dampfschiffe.

Die Städte auf der ganzen Tour von New-Orleans bis Pittsburg sind, mit

Ausnahme von Cincinnati, höchst unbedeutend; außer den oben bereits

angeführten sind noch zu nennen: Point-pleasant, Portsmouth, Warsaw

(Warschau), Hannibal und Hamburg, die aber alle nichts besonderes

zeigen.

Auf dem Ohio wird es für jene Arbeiter noch leichter, weil die

Holz-Eigenthümer die erforderliche Quantität Holz bereits in Barken

eingepackt haben, welche, sobald das Signal gegeben worden ist,

aufpassen, um das Tau, welches vom Dampfschiff herabgeworfen wird, zu

befestigen, worauf sie während der Fahrt das Holz hineinwerfen; die

Arbeiter haben also dasselbe nur zu ordnen.

Diese meine Reise auf dem bedeutendsten Flusse Nord-Amerika’s rief mir

diejenige Gedächtniß zurück, welche ich vor vielen Jahren auf einem

der größten Ströme Asiens, auf dem Obi machte. Der Vergleich, wozu ich

unwillkührlich getrieben wurde, fiel, was die Landschaft betrifft,

nicht zum Vortheil Asiens aus, was aber die Menschen betrifft, die an

den Ufern beider Flüsse leben, so erinnerte ich mich mit Vergnügen der

an letzterm Flusse wohnenden Nomaden, der vom Fisch- und Zobelfang

lebenden Ostiacken und Tungusen, bei welchen ich einkehrte. Sie wohnen

nur in Jurrten, allein dieselbe haben eine bessere Form, ein besseres

Aeußere und ein reinlicheres Innere als ich an den Hütten entdeckte,

welche von Republikanern, von Besitzern von Baumwoll-Plantagen,

Kornfeldern, Heerden und vieler Neger-Sclaven bewohnt werden. Erstaunt

war ich, als ich die häusliche Einrichtung und die Lebensweise

vieler am Mississippi wohnenden Republikaner sah. In einer kleinen

erbärmlichen Hütte residirt eine Familie bedeutenden Umfangs. An der

Außenseite derselben befinden sich Hängematten, in welchen man nicht

selten 3-4 Kinder in puris naturalibus zusammengepackt liegen sieht,

wahrscheinlich damit die hierselbst in den Wäldern einheimischen

Insekten an den kleinen Schlafenden ohne große Mühe Durst löschen

können. Schon hier überzeugte ich mich, nachdem ich die Cultur dieser

Waldbewohner am Mississippi genauer kennen gelernt, daß das gepriesene

Glück der Bewohner der V. S. einen großen Theil derselben wenigstens

nicht erreicht, da sie sich noch im rohen Natur-Zustande befinden.

Nach diesem überzeugte mich von dem übermäßigen Wachsthum der

Baumwolle. Ich hielt immer auch früher die Production der Baumwolle

für übermäßig, und die Aeußerungen, die ich mir in dieser Beziehung

als kaltblütiger Kaufmann, besonders in Manchester erlaubte, fanden

nichts als Widerspruch, es wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich weiße

Baumwolle mit zu schwarzen Augen ansehe. Ich suchte jetzt Facta zu

sammeln, wonach man diese Sache bestimmt beurtheilen könnte und der

Leser mag sich selbst aus denselben überzeugen, ob ich Recht hatte.

Wie außerordentlich hat sich die Production der Baumwolle seit den

letzten 50 Jahren, als ich in meiner väterlichen Handlung zuerst als

Lehrbursche eintrat, vermehrt!

Im Jahre 1791 erzeugten die V. S. an Pfund.

Baumwolle 188,316

Im Jahre 1798 um 7 Jahre später schon 19,000,000

-- 1802 um 4 Jahre später 27,500,075

-- 1819 nach 17 Jahren 87,997,045

-- 1820 nur um 1 Jahr später 127,860,152

-- 1830 10 Jahre hierauf 298,459,102

-- 1838 nach 8 Jahren 639,001,000

+Von dieser letztern Quantität wurden in demselben Jahre in den

Fabriken der V. S. circa 98,000,000 Pfund verarbeitet und das Uebrige

nach Europa verführt.+ Es ist unbedingt zu erwarten, daß die

Produktion in dem nächsten halben Jahrhundert noch einem weit größern

Maßstabe zunehmen wird; wenigstens giebt die Menge von deutschen

Auswanderern, welche alle zur Cultivirung der Ländereien in den V. S.

gebraucht werden, Raum zu dieser Vermuthung; rechnet man nun noch die

in Egypten, Ostindien und Texas produzirte Baumwolle hinzu, was soll

dann am Ende mit dieser ungeheuren Quantität von Baumwolle angefangen,

wozu soll sie verwendet werden? und wird der daraus erzeugte Stoff

wohl so viel Ertrag geben, daß die Produzenten auch nur zur Hälfte

für ihre Mühe und Arbeit belohnt werden? Gewiß nicht! Laboriren doch

beide Theile schon jetzt an der Schwindsucht! Zwar ist England mit

seinen vielen Spinnereien im Stande, für die ganze Welt den Garn-Bedarf

anzufertigen und verdient deshalb wohl das große Welt-Spinnhaus genannt

zu werden, aber wird und kann das Volk und Land dabei blühen? Da ich

später auf diesen Gegenstand zurückkomme, so bemerke ich vorläufig nur:

England muß zu Grunde gehen, wenn es nicht von dem Vorsatz, alle auf

der ganzen Welt erzeugte Baumwolle aufzuspinnen, zurücktritt.

Für den etwa reiselustigen Leser wird es nicht unangenehm sein, etwas

über die Einrichtung auf den Dampfschiffen zu erfahren. Die Diana

gehört, da sie den Brief-Beutel führt, zu denen der ersten Klasse.

Untersucht man sein Bett, so erschrickt man und legt man sich hinein,

so wird man von Ekel ergriffen; man empfindet einen Schweißgeruch,

welcher andeutet, daß seit vielleicht 12 Monaten keine Wäscherin etwas

mit den Bett-Ueberzügen zu schaffen hatte. Passagiere werden, so viele

sich nur melden mögen, aufgenommen. Bei der Ankunft in Louisville ist

die Anzahl derselben um das dreifache gewachsen, weil in jedem Ort,

den das Schiff passirt, mehrere hinzukommen. Hat der Capitain seine

Summe vom Passagier erhalten, so beauftragt er seinen Mulatten, dafür

zu sorgen, daß der Reisende um 10 Uhr Abends ein Lager zum Ausstrecken

bekommt. Da aber in der Regel die Anzahl der Passagiere die der Betten

um das dreifache übersteigt, so errichtet der Mulatte eine Art von

Hängematte, die vier Etagen hoch und einem Gerüste ähnlicher als

einer Schlafstelle ist, so daß es für den oben auf Nr. 4. liegenden

fast lebensgefährlich ist, hinaufzuklettern. -- Gehen wir zum Essen.

Der Tisch für 50 Personen (für mehrere ist nicht Raum) ist gedeckt.

Das Brod ist schon am frühen Morgen in Portionen geschnitten worden

und wird daher, bei der übermäßigen Hitze den Zwiebacken ähnlich.

Die Mulatten und Neger, die keineswegs ihre Lehrjahre als Kellner in

Frankfurt a. M. durchgemacht haben, sind emsig mit dem Tranchiren der

Braten beschäftigt. Sobald sie dies Geschäft im Schweiß des verdächtig

couleurten Angesichts beendet haben, setzen sie die Stühle hinter jedes

der Couverte und der Capitain wird jetzt benachrichtigt, daß ihre

Meisterwerke beendigt seien. Dieser verfügt sich jetzt zu den Damen,

um sie zum Mittagsessen einzuladen. Während der ganzen Procedur vom

Beginn des Tranchirens an stehen diejenigen Herren, welche so glücklich

waren, einen Stuhl zu erhaschen und durch Festhalten zu behaupten

verstanden, unbeweglich hinter demselben und kauen zum Zeitvertreib

dabei ihren Kentucky-Taback. Diejenigen, welche bei der Besitznahme

der Stühle nicht rasch genug waren, befinden sich schon wieder draußen

auf dem Deck. -- Jetzt tritt der Bellman (Glockenläuter) mit einer

sehr großen Metall-Handglocke in die Saal-Thüre und giebt das Signal

zum Sitzen. Die Spucknäpfe, deren einige Dutzend hinter den Stühlen

der Herren in gerader Linie aufgestellt sind, sind so gefällig ihre

Reste von dem edlen Tabackskraute entgegen zu nehmen. Kaum sitzen die

Herren fünf Minuten, so sieht man sie schon aufstehen und im Fortgehen

ihren letzten Bissen verzehren, um ihren Kentucky-Freund aufs Neue im

Munde zu empfangen. Mulatten und Neger eilen jetzt herbei, säubern den

Tisch so rasch und gut wie möglich, indem von Außen die ungesättigten

100 sich mit Eifer nach dem Saale hin drängen. Es wird wieder viel und

geschwind von den Ueberbleibseln geschmaust und zwar wegen Mangel an

Tellern mehrere Gerichte von einem und demselben; worauf die zweite

Abtheilung der dritten Platz macht. Diese muß sich dann mit den kalten

Ueberresten begnügen. Die beiden letzten Abtheilungen sind nicht nur

die weniger Verzehrenden, sie werden auch überhaupt etwas vernachläßigt

und sind dem Verzehrtwerden ausgesetzt, denn die beiden Mulatten, die

zum Verscheuchen des Ungeziefers angestellt sind, legen ihre von Federn

angefertigten Scheuchen nieder und setzen also die Essenden diesen

Bestien aus.

Bis um sieben Uhr Abends promenirt Jeder auf dem Verdeck des

Schiffes, ergötzt sich an den schönen Ufer-Gegenden oder steigt, wenn

Brenn-Material eingenommen wird, ans Land um sich in den herrlichen

Wäldern unter den merkwürdigen Pflanzen und Thieren umzusehen. Wir

hatten einen trefflichen Schützen bei uns, der die Tour stets mit der

Pistole in der Hand mitmachte und besonders manche Schlange (jedoch

kleine und unschuldige) schoß. Um sieben Uhr wird das Signal zum

Thee d. h. Abendessen gegeben, wobei es eben so tumultuarisch wie am

Mittage zugeht. Eine Stunde nach dem Souper, etwa um neun Uhr finden

sich die resp. Bett-Architecten, die Mulatten, zum Aufbauen der

vier Etagen hohen Bettgerüste ein. Während diese mit großem Fleiße

bauen, schwärmen ihre Collegen umher, um für die unerwarteten vielen

Passagiere einzelne Bettstücke als Kopfkissen u. s. w. aus den Betten

der von New-Orleans Mitgekommenen zu kapern; so fand ich auch einmal

einen bei meinem Bette in voller Arbeit. Da die Betten jedoch nicht

für die Hälfte der Reisenden zureichen, so ist es kein Wunder, daß

man dieselben sehr eifrig und pfiffig spekuliren sieht, um eins zu

erhaschen. Es geht hierbei nicht minder bunt zu, wie beim Mittagsessen.

Die Kleider werden abgeworfen und liegen in einem so beklagenswerthen

Zustande auf dem Boden, wie ihre Eigenthümer auf den Lagern. Jetzt

ist der Saal mit Schlaf-Pavillons und mit Schlafkünstlern gefüllt,

allein da stehen noch 20-25 bettlose stattliche Yankees, mit kläglicher

Stimme den Capitain um Beistand anflehend. Dieser kann nichts anderes

thun als ihnen freundschaftlich rathen, die herrliche Nacht auf dem

Deck zuzubringen und den folgenden Tag sich auszuschlafen. -- Hierbei

ist zu bemerken, daß hier überhaupt nicht das in Europa übliche Recht

gilt, nach welchem man von der Abfahrt an bis zum Bestimmungs-Orte der

Reise, als Eigenthümer eines Platzes angesehen und behandelt wird. Hier

nimmt Jeder den ihm besser scheinenden Platz ein, wie lange auch sein

Vorgänger schon den Platz behauptet haben mag. Deshalb hat das Reisen

in den Kutschen schon in dieser Hinsicht viel Unangenehmes, allein

es ist auch wegen der bösen Wege, wegen des hierdurch entstehenden

langsamen Fahrens, wegen der schlechten und theuern Gasthöfe an den

Fahr-Straßen -- nicht zu empfehlen.

Den Rath des Capitains, die Tageszeit zum Ausschlafen zu wählen,

befolgen diejenigen am liebsten, welche, wie die meisten Amerikaner,

Hang zum Hazard-Spiele haben; für diese Leute ist dann der Bettmangel

eine Goldangel, allein Mancher opfert außer der nächtlichen Ruhe

auch sein Geld. Mit dem Glockenschlage: fünf! wird die Zeit zum

Aufstehen signalisirt, damit der Saal zum Frühstücken, welches von

6-8 Uhr dauert, geräumt werden könne. Jetzt nun beim Ankleiden erhebt

sich die größte Confusion: Alle und ein Jeder sucht einen Theil

seiner Garderobe, die schon durch Nachlässigkeit beim Auskleiden

ein wenig sich vermischte, jetzt aber durch den Diensteifer der

Mulatten, welche um den Saal rasch zu räumen, alle Kleidungsstücke

auf einander werfen, in der größten Unordnung durcheinander liegt.

Ist diese Verlegenheit beseitigt, so eilt man dem Wasch-Loch auf dem

Verdeck zu. Hier findet man einen Raum, in welchem für drei Personen

Platz ist: auf einem an der Wand befestigten, sehr schmalen Brette

befinden sich drei Waschbecken von weißem Blech in Fesseln, worin

man das schmutzige Wasser der Vorgänger findet; auf dem Tische liegt

zum allgemeinen Gebrauch ein butterweiches Stück Seife. Auf einer an

der andern Wand angebrachten Rolle hängt ein etwa fünf Ellen langes

Handtuch von der Art wie man sie in unsern Fuhrmanns-Herbergen findet,

an welchem sich schon am frühen Morgen die sämmtlichen Mulatten und

zarten Neger Gesicht und Hände getrocknet hatten und welches für 150

Personen bestimmt war. Am Eingange des Waschlochs endlich befindet

sich ein Eimer, mit dem lehmigten Mississippi-Wasser gefüllt, zur

beliebigen Selbstbedienung. Da ich glücklicher Weise Handtücher und

Seife mitführte, so sagte eines Morgens ein Yankee zu mir: „Die

Amerikaner sind durchgängig gesunde Menschen; Ihre Vorsicht ist

daher überflüssig.“ -- Solche Reisen, wie die gegenwärtige auf dem

Mississippi und die frühern auf dem Obi sind also im Ganzen betrachtet,

interessant, aber sie sind auch, was die Lebensweise betrifft, mit so

viel Unannehmlichkeiten verknüpft, daß man an Einemmale genug hat.

Schon am sechsten Tage hatten wir uns zum Aerger der mit unserer Göttin

Diana rivalisirenden Dampfschiffe: Sultan und Monarch, welche ihrer

Kühnheit wegen auf der Liste der Todeskandidaten zu stehen verdienen,

so weit durchgearbeitet, daß der Capitain uns die Ankunft auf den

folgenden Abend mit Gewißheit verkündigte. Der Mississippi soll, wie

unser Capitain meinte, und wie man auch im Allgemeinen glaubt, die

Kraft haben, die Zahl der darauf Umkommenden reichlich zu ersetzen,

durch die Eigenschaft nämlich, welche der Emser Brunnen besitzt,

wodurch die Neger-Bevölkerung mit jedem Jahre zunimmt. Es sei etwas

sehr gewöhnliches, setzte er hinzu, daß die Negerinnen Zwillinge und

Drillinge gebähren, ja man höre oft von 4-5 Exemplaren.

Während der letzten Nacht war die Fahrt von der Art, daß alle

Passagiere in Unruhe geriethen, weil sie glaubten, daß in Verhältniß

zu dem sehr schmalen Raum im Kessel, welcher ohnedies durch den vielen

Sand aus dem Mississippi-Wasser noch um Vieles kleiner geworden war,

viele Dämpfe angewendet würden. Es war freilich ein ungewöhnliches

Getöse, ein Klappern der Gläser, Tische etc. vernehmbar, aber um

stromaufwärts in einem so reißenden Fluß, wie dem Mississippi zu

fahren, ist viele, sehr viele Dampfkraft erforderlich.

Am folgenden Abend um neun Uhr langten wir am Kanale von Louisville

an, woselbst der Capitain zur Ersparniß von 50 Piastern, die das

Hinauffahren kostet, zu bleiben beschloß. Unsere göttliche Diana wurde

neben den Ruinen eines Dampfschiffes befestigt, worüber ich nach

näherer Erkundigung erfuhr, daß es Bugann geheißen und vor ungefähr

10 Tagen durch Zersprengen des Kessels gegen 40 seiner Passagiere den

Kirchhöfen überwiesen habe. Mit mehrern Reisegefährten beschloß ich,

das Wrak näher zu besichtigen und wir bestiegen dasselbe mit brennenden

Lichtern in den Händen; hierbei fand ich, daß derjenige Theil des

Schiffes, worin sich mein Bett befand, im Bugann ganz und gar zerstört

und aufgelöst war. Wir plauderten noch lange über unsere ausgestandene

Gefahr, von welcher wir uns jetzt um so lebhafter überzeugt hatten und

legten uns nachher ruhiger als die vorige Nacht zu Bette.

Am folgenden Morgen hatten sich viele spekulirende Fiaker von

Louisville eingefunden. Es wurden jetzt Parthieen zu vier Personen

arrangirt, die von jenen Fiakern nach der Stadt gebracht wurden. Unser

Führer, war ein wahrhafter Riese, ein junger Mann von 22 Jahren und wie

er sagte, 7¾ Fuß Höhe. Als er uns nach Louisville gebracht hatte,

forderte er auch einen riesenmäßigen Lohn, nämlich einen Piaster von

einem Jeden, der den gewöhnlichen um mehr als das Doppelte überstieg.

Da er indeß versicherte, daß er gewöhnlich mehr als andere Fuhrleute

bekomme, weil die Meisten Gefallen an seiner Figur fänden, so sträubten

auch wir uns nicht dagegen.

In Louisville bemerkte ich bald, daß es nicht der Mühe werth sein

würde, hier längere Zeit zu verweilen. Alle am Mississippi und Ohio

gelegenen Städte haben denselben Anstrich von Unvollendung; sie liegen

alle auf Bergen und erscheinen daher vom Ufer aus sehr hoch. An der

Wasserseite wohnen die meisten Geschäftsleute, welche Läden haben, um

sogleich bei der Hand zu sein, wenn geldbedürftige Handelsleute mit

geldwerthen Gegenständen von New-Orleans oder New-York ankommen. Diese

Ladenherren sind meistens alle Deutsche oder französische Ausreißer,

die, wenn die Umstände darnach sind, auch von dort wieder ausreißen und

anderswo wieder unter anderer Firma auftreten.

Meine Wißbegierde in Betreff von Louisville’s Neuigkeiten war bald

gesättigt, weshalb ich meine Reise ohne Zögern fortzusetzen beschloß

und den steilen Berg hinunter, dem Ufer zu schlenderte. Da traten

mehrere Deutsche an mich heran, mit denen ich nichts zu schaffen

haben wollte und um solchen Leuten zu entgehe, beschleunigte ich um

so mehr meine Abreise. Da lagen drei Dampfschiffe, welche um ein Uhr

nach Cincinnati absegeln wollten: das Postschiff Pick (Hecht) mit den

Briefen, ein überaus geschwindes Schiff. Auf diesem Raubfische wollte

ich meine Reise fortsetzen, allein ich gab bald dies Vorhaben auf, als

ich kaum so viel Platz fand, um bis zum Bureau gelangen zu können. Fort

also zu dem zweiten Dampfschiffe, zum Robert Fulton, dachte ich, dem du

doch wegen Erfindung der Dampfschifffahrt Dankbarkeit schuldig bist,

allein wider Erwarten und zu meinem großen Erstaunen fand ich hier so

viele Dankbare, -- er war noch mehr überladen als der Pick, so daß ich

auch von hier mich zurückzuziehen veranlaßt sah.

In einer sehr kurzen Entfernung vom Fulton lag die loyal Anna. Kaum

hatte ich sie erblickt, als ich auch mit guter Hoffnung mich ihr

näherte, da Hagestolze, zu denen ich doch nun einmal gezählt werden

muß, gern mit loyalen Frauen Umgang haben. Noch nie habe ich eine

solche Propretät auf einem Schiffe wahrgenommen, wie auf diesem, man

bemerkte hier außer der Reinlichkeit noch ein gewisses Etwas, was nur

von den Frauen herrühren kann. Erst später erfuhr ich, daß dieses

Schiff ein Spielzeug, eine Puppe des sehr reichen Capitains sei,

welcher auf dessen Verschönerung mehr als auf die seines Wohnhauses

verwendet. -- Sieben Männer hatten sich bei der loyal Anna gemeldet

und keine einzige Dame -- eine geringe Anzahl Bewerber für eine so

schöne Miß, indeß trat ich sofort zu diesen über. Wir fuhren zwar um

Vieles langsamer, als der Pick und Fulton, aber dafür auch bequemer und

sicherer. Unsere Reise sollte nach Cincinnati und von da nach Pittsburg

gehen.

In Cincinnati sagte mir der Capitain, daß Frau Anna sich erklärt

hätte, sie könne, als eine Frau von so vortrefflichem Baue, nicht mit

sieben Männern zufrieden sein; alle Frauen würden von Launen regiert,

in welche man sich fügen müsse; sie werde wohl ein bis zwei Tage hier

verweilen, um noch einige Männer mehr zu acquiriren, und siehe da! als

die Glocke zur Abfahrt ertönte, da schwärmten um diese Liebenswürdige

so viele neue Verehrer, daß es den alten, wie vielen Männern nach der

Verheirathung ging -- es waren keine Plätze mehr, weder zum Stehen noch

zum Niedersetzen, zu finden.

Der Aufenthalt in Cincinnati kam mir nicht so sehr unangenehm; dieser

Ort wird in den V. S. City (große Stadt) genannt, allein sie ist nichts

weniger als das; jedoch verdient sie ihrer Anlage nach, nach dem, was

sie einmal werden kann, allerdings diesen Namen. Cincinnati ist, wie

die anderen Städte an diesem Flusse, in einer Höhe von etwa 200 Fuß vom

Ufer gebaut. Alle Buden befinden sich an der Wasserseite und sind nicht

zum dritten Theil für die Schacherwelt hinreichend. Die Miethen sind

daher so enorm, daß sie im Allgemeinen wohl das doppelte von denen in

New-York und Philadelphia betragen. Die Baulust ist aus diesem Grunde

sehr groß und nimmt mit jedem Tage zu. Jedoch fehlt es an Grund für

solche Gebäude, in welchen die einträglichsten Geschäfte betrieben

werden könnten, nämlich am Ufer.

Cincinnati’s Bevölkerung beläuft sich auf etwa 40,000 Einw., unter

denen Deutsche, wenn nicht die Hälfte, doch wenigstens den dritten

Theil ausmachen; von diesen sind wohl 8000 Juden, welche vor einiger

Zeit eine in schönem Stil erbaute Synagoge einweihten. Ich lernte

mehrere Deutsche dort kennen, auch wurde ich von Mehreren angeredet,

die vorgaben, mich zu kennen und mich auch wirklich bei meinem Namen

anredeten. Alle versicherten, zufrieden zu sein, verriethen jedoch in

der Conversation Unzufriedenheit; sie redeten stets von Millionen und

konnten von Menschenkennern ihrer Kleidung und ihrem Aeußern nach,

für nichts anders als Tagelöhner gehalten werden. Der Ort an und für

sich bietet nichts Merkwürdiges dar; die Umgegend ist nicht besonders

reizend. Er eignet sich zum Speditions-Geschäft und treibt dieses auch

in der That, aber auf eine sehr unvollkommene Weise, und zwar aus

dem Grunde, weil es an Arbeitsleuten fehlt, die bei einem Geschäft

solcher Art nicht zu entbehren sind. Die Güter, welche zur Spedition

dort ankommen, werden deshalb oft -- zu Wasser, wie ich während meines

Aufenthalts selbst Augenzeuge eines solchen Vorfalls war. Es langte

nämlich ein Dampfschiff an, welches 15 große Fässer Zucker für jenen

Ort geladen hatte, die der Capitain am Ufer abladen und hinwerfen

ließ, um sofort weiter zu fahren. Während der darauf folgenden Nacht

schwoll aber der Fluß dermaßen an, daß der Herr Spediteur, als er

am andern Morgen mit seinen Arbeitern hinzukam, statt des Zuckers

Zuckerwasser in den Fässern fand. Ganz amerikanisch-kaltblütig

fragte er die Umherstehenden: what can I do? Uebrigens spricht jeder

Amerikaner mit Respekt von diesem Orte, so daß es mir lieb war, ihn

kennen gelernt zu haben.

Desto lästiger dagegen wurde mir der Aufenthalt auf der Anna, da es,

wie schon bemerkt, nicht nur an Raum fehlte, sondern unter den neuen

Passagieren hatte sich auch eine große Anzahl von Spielern eingefunden,

die den Raum durch einen großen Tisch, an welchem sie Stoßen, das

alte und beliebte deutsche Hazard-Spiel, spielten, unter Beistand

einer Menge von Zuschauern dermaßen beengten, daß mir nichts zu thun

übrig blieb, als mich nach den untern Regionen des Schiffs zu den

Deck-Passagieren zu begeben.

Daselbst bemerkte ich mehrere deutsche Familien; da saßen Einige

mit Bibeln vor sich, Andere in Kattun-Jacken, schmauchend nach

alt-deutscher Weise, aus kurzen deutschen Pfeifen von dem edeln

Kentucky-Taback, den die Amerikaner lieber auf nassem Wege auflösen.

Die Frauen derselben strickten zum Ärger der Chemnitzer Strumpfwirker

und zur Freude der Amerikanischen Produzenten Strümpfe aus der auf

Amerikanischem Boden gewachsenen Baumwolle. Da ich Bekanntschaft

mit diesen Leuten anknüpfen wollte, so näherte ich mich zuerst den

Bibellesern, in der Meinung, daß diese die weniger Glücklichen in der

Gesellschaft sein müßten, indem die Meisten im Unglück sich entweder

zur Religion oder zum Aberglauben wenden. Ich hatte mich darin auch

nicht geirrt, dann sie versicherten mir, in jeder Rücksicht sehr

unglücklich und, obgleich sie schon ein Viertel-Jahrhundert in Amerika

zugebracht hätten, noch immer sehr arm zu sein.

Hierauf näherte ich mich den Taback rauchenden Männern und

Strümpfe strickenden Frauen. Von diesen erfuhr ich, wie die

amerikanisch-deutsche Auswanderungs-Commissionaire in New-York sie

schändlich betrogen und irre geleitet hätten. Sind doch Commissionaire

ein tödtendes Gift in allen Branchen, dachte ich, da mir schon in

Louisville ein pallastähnliches Haus gezeigt worden war, welches ein

Deutscher auf Unkosten der armen Einwanderer erbaut hat, indem, wie

sich der Amerikaner ausdrückte, der es mir zeigte, zum Fundament

desselben die Seufzer der Unglücklichen, zum Löschen des Kalks die

Thränen derselben verwendet wurden. Diese Unglücklichen müssen sich

wegen Mangel an Sprachkenntnissen gleichsam als Sclaven an den

Commissionair verkaufen und das sehr wohlfeil gekaufte Land für ihn

kultiviren. Einen aus der Gesellschaft, der mir am klügsten schien,

ersuchte ich, mich mit der Art und Weise, wie jene Commissionaire in

New-York mit ihnen verfahren hätten, bekannt zu machen. Vermuthlich

nicht so arg, wie die Havaneser uns armen Kaufleuten, dachte ich

hierbei. „Die verdammten Diebe,“ hob der Erzähler an, „haben uns vom

ersten Augenblick unserer Ankunft an konfuse gemacht; sie haben uns

zu Reisen verleitet, wodurch das Wenige, was uns nach Zahlung der

125 Francs Reisekosten noch übrig blieb, aufging; jetzt müssen wir

alle zurück, weil hier, wo uns die Diebe hingeschickt haben, Nichts

zu machen ist.“ Als ich hierauf bemerkte, sie hätten besser gethan,

Deutschland nicht zu verlassen, weil man, um hier etwas anfangen zu

können, wenigstens 1000 Piaster baares Geld mitbringen müßte, lachten

sowohl die Strickenden als die Rauchenden, und Einer meinte: „wenn wir

1000 Piaster gehabt hätten, so wären wir sicher noch zu Hause und

tränken Wein für sechs Kr., während wir hier Essig mit ½ Piaster

bezahlen müssen.“ -- Dies vorläufig als Warnung für den Auswanderer;

ich werde später genauer hierauf zurückkommen, da ich bei meinem

zweiten Aufenthalt in New-York diese Suche genauer kennen zu lernen

Gelegenheit hatte, und setze vorläufig meine Reise nach Pittsburg fort,

um baldigst in New-York einzutreffen, wonach ich mich um so mehr sehne,

da die loyal Miß Anna um Vieles zu liberal geworden war.

Wir langten nach einer viertägigen Fahrt in Pittsburg, dem Birmingham

der V. S. an. Jeder Amerikaner spricht in tiefster Ehrfurcht von dieser

Stadt, von welcher es in den statistischen Berichten heißt, es würden

für 30 Millionen Piaster Waaren hier fabrizirt; einige Tage hier zu

verweilen, um die bedeutenden Fabriken in Augenschein zu nehmen und

ihre Erzeugnisse zu prüfen, war mein Vorsatz.

Schon am Ufer gewahrte ich, daß Eisengießereien hier ein bedeutender

Erwerbszweig sein müssen, indem eine bedeutende Masse von Gußwaaren

zum Einladen bereit lag. Zunächst begab ich mich nach dem Innern der

Stadt, um das Exchange-Hotel (Börsenhaus), wohin sich viele meiner

Reisegefährten begeben hatten, aufzusuchen, was mir auch, da Pittsburg

sehr regelmäßig gebaut ist, ohne Mühe gelang. Wie ein hungriger

Jagdhund über seine Speise, so fiel ich über die seit vier Tagen

entbehrten Tagesblätter her und fand mit Schrecken und mit Freuden

zugleich die Verunglückung des Dampfschiffes Albany, mit dem ich

anfangs reisen wollte. -- Um die Fabriken aufzusuchen, begab ich mich

auf eine Anhöhe und richtete die Augen nach dem Himmel zu; ich bedurfte

nicht, wie die Astronomen, wenn sie Kometen suchen, eines Teleskops;

ich merkte auf die dichten Rauchwolken, die aus den hohen Schornsteinen

hervorströmen und konnte sicher sein, eine Fabrik zu finden.

Zuerst gelangte ich zu einer Glasfabrik, in welche ich ungenöthigt

hineintrat. Nur der Aufseher war zugegen und so gefällig, mir vieles

Hübsche zu zeigen. Ich ersah, daß die Glaswaaren hier nicht, wie in

Böhmen oder Schlesien, geblasen, sondern gegossen werden, folglich

fällt hier das Schleifen weg, indem das Bunte auf diesen Gläsern in den

Formen erzeugt wird. Nach dieses Mannes Erzählung waren die Amerikaner,

als Erfinder dieser Fabrikation eine Zeitlang die Monopolisten darin,

jetzt aber, nachdem Engländer und Franzosen dieselbe Fabrikate

erzeugen, haben sie eine schwere Concurrenz zu bestehen.

Durch den Anblick eines mächtigen Granit-Quarrées auf einem Berge

angezogen, näherte ich mich demselben. Unerklärlich war mir diese

Erscheinung, eine so mächtige viereckige Felsenburg ohne Fenster und

Thüren; was kann das sein? Da ich neben diesem Felsenklumpen ein von

eben solchen Steinen errichtetes, aber unbeendetes Gebäude mit einer

prächtigen Kuppel sah, so trat ich in dasselbe, um mir Auskunft zu

erbitten. Ich freute mich sogleich einen Mann zu treffen, dessen

Anblick sonst Niemand sehr erfreut; den Schließer des Gefängnisses,

welcher sich im Souterrain jenes mir räthselhaften Granit-Quarrées

befand. Dies war so eingerichtet, daß die Zugänge zu demselben durch

das Souterrain des unbeendeten Prachtgebäudes, den neuen Gerichtshof

führten, und folglich jeder Arrestant, ohne sich müßigen Zuschauern

exponirt zu sehen, vor die Richterstühle gelangen kann.

Die benachbarte katholische Kirche ist auf ähnliche Weise gebaut.

Am Ufer fand ich ein Schiff, welches zum Hausiren auf dem Ohio bestimmt

war, zur Abfahrt fertig. Um diese schwimmenden Hausirer kennen

zu lernen, bestieg ich das Schiff, in welchem ich ein komplettes

geordnetes Waarenlager antraf. Die Mannschaft darauf versieht zugleich

die Dienste der Handlungsdiener; bei allen Ortschaften werden Verkaufs-

und Ankaufsversuche gemacht.

Den Mechanismus der sogenannten Snag-boats wollte ich jetzt kennen

lernen; diese Bote sind nämlich seit etwa zwei Jahren durch den

Washingtoner Congreß, auf dem Ohio und Mississippi eingeführt zum

Auffischen der in jenen Flüssen treibenden Bäume, welche den Untergang

so vieler Dampfschiffe herbeigeführt haben; es giebt derselben bis

jetzt nur sechs, obgleich für beide Ströme wohl 150 erforderlich sind;

ich freute mich, sie kennen gelernt zu haben, denn sie verdienen alle

Aufmerksamkeit.

Auf dem Rückwege von dort gerieth ich in eine Baumwoll-Spinnerei.

Der Fabrikant war eben damit beschäftigt, eine verkaufte Quantität

dem Käufer zuzuschicken. Da ich auf den Fünf-Pfund-Paqueten No. 10

bemerkte, so ersuchte ich den Fabrik-Inhaber mir eins von No. 40 zu

zeigen. „Hiermit beschäftigen wir uns nicht,“ erwiederte er, „die

Anfertigung solcher Nummern überlassen wir den Engländern, wir spinnen

nur bis zu No. 14, indem wir nicht so viel Capitalien haben, um mit

sechs Prozent, denn mehr liefern feine Garne nicht, zufrieden zu sein.

Auf Nummern wie diejenigen sind, welche wir spinnen, ist die Steuer

zu groß, und aus diesem Grunde verbietet sich die Einfuhr von selbst.

Besäße ich mehr Vermögen, so könnte ich mehr fertig schaffen und,

anstatt daß ich jetzt 3000 Pfund jeden Tag absetze, das dreifache

Quantum verkaufen.“ -- Es würde mich sehr freuen, wenn einer von den

geneigten Lesern so gefällig sein wollte, mir Aufschluß zu geben, warum

der Amerikaner, welcher die Baumwolle und Kohlen dicht an der Thüre

hat, mit den englischen Fabrikanten nicht soll concurriren können. Wäre

es nicht zweckmäßig, daß die Regierung einen Ausfuhrzoll von Baumwolle

erhöbe?

Während ich mich auf der Pittsburger Brücke befand -- alle Brücken

in den V. S., muß ich nebenbei bemerken, sind den Häusern ähnlicher

als den Brücken, indem sie zur Abhaltung des Schnees mit Dächern und

Fenstern versehen sind -- und mich der großen Granitblöcke, worauf die

Brücke ruht, erfreute, traf ich einen frühern Reisegefährten, welcher

mich bat, mit nach seiner Tuchfabrik zu reisen. Er beklagte sich sehr

über die Schmuggelei von England aus über Canada; noch mehr aber wegen

des hohen Zolls auf roher Wolle, wodurch den Woll-Produzenten, zum

Nachtheil der Fabrikanten ein sehr lästiges Monopol eingeräumt sei.

Dürften wir, setzte er hinzu, unsern Wollbedarf gegen Erlegung eines

Zolls, wie der in England festgestellt ist, von Deutschland einführen,

so würden wir England sehr bald bei Tuchen entbehren können.

Als die beste Reisegelegenheit, um von hier nach Philadelphia und

New-York zu kommen, wurde mir gerathen, auf einem Kanalboote bis nach

Harrisburg zu fahren. Diese Fahrt wäre mir indeß beinahe schlecht

bekommen, indem ich beim Durchfahren unter einer Brücke in die größte

Gefahr kam, erdrückt zu werden. Bis nach Harrisburg trafen wir wohl 100

Brücken und bei den höchsten derselben konnte man, auf dem niedrigsten

Punkte des Bootes aufrechtstehend, kaum ohne Gefahr durchkommen.

Deshalb befindet sich Abends ein Mann auf dem Posten um „Herren, eine

Brücke!“ als Warnungszeichen zu rufen. Diesmal rief er, als es schon zu

spät war, um von den Koffern, auf welche ich mich zum Schutz vor Regen

gesetzt hatte, herabzukommen. Ich warf mich sogleich auf den Rücken und

erwartete das Schlimmste, aber die Vorsehung ließ auch diese Gefahr

glücklich für mich vorübergehen. Ich enthalte mich der Beschreibung

dieser Treckschuiten (die nach der alten sächsischen Lehrmethode wohl

eher mit einem D zu schreiben sind), weil sie desselben nicht werth

sind. Jeder, der dergleichen Schiffs-Gelegenheiten in Holland gesehen

hat, welche den Amerikanischen zum Muster gedient zu haben scheinen,

wird meine Versicherung, daß 43 Personen in der Cajüte schlafen mußten,

in Zweifel ziehen, und 5 Nächte mußten wir in dieser peinlichen Lage

zubringen; drei Hängematten über einander, in vier Alleen eingetheilt,

lieferten sämmtliche Ruhestellen.

Uebrigens gewährte diese Reise sehr viel Abwechselung und Vergnügen in

mancher Hinsicht. Das Merkwürdigste hierbei war eine Fahrt von etwa

35 englischen Meilen über sehr hohe Gebirge auf Eisenbahnen, vermöge

des Mechanismus vieler Dampf-Maschinen, welche auf kurze Distancen die

mächtigsten Wagen mit dem allerschwersten Gepäck ohne Locomotive auf

die hohen Berge zogen -- so daß wir die 35 Meilen in sieben Stunden

zurücklegten. Es scheint, daß, zur Anlegung von Tunnels kein Fonds

vorhanden war, da man zur Beförderung der Güter auf den Canälen, zu

einer solchen Maaßregel hat schreiten müssen. Sobald wir von den sehr

hohen Bergen ohne Locomotive etwa 6 Minuten hindurch auf die Canäle

zu hinunterfuhren und bei denselben angelangt waren, stand ein Boot

und Pferde bereit; die Umpackung währte etwa sechs Minuten. -- Am

folgenden Abend passirten wir den herrlichen Fluß Susquehannah. Ueber

diesen führt eine herrliche Brücke, die ich in der Entfernung, da sich

an derselben zwei Gallerieen für die hin- und zurückziehenden Pferde

befinden, für ein Theater hielt. Die Gegend um diesen Fluß ist die

reitzendste von allen, die ich auf meinen vielfältigen Reisen gesehen

habe. Die Stadt Petersburg, welche an der entgegengesetzten Seite des

Flusses liegt, konnte ich bei der sich nähernden Abendzeit nicht gut

sehen.

In Harrisburg hören die Canalfahrten auf und die nach Philadelphia

führende Eisenbahn beginnt. Da wir das Reisegeld für die Fahrt von

Pittburg bis Philadelphia entrichtet hatten, so war es des Capitains

Sache, für unsere Weiterschaffung zu sorgen, was denn auch bald

geschah. Für die aus Pittburg angekommenen Reisenden wurden sowohl für

Personen als Gepäck eigene Wagen angewiesen; aus Harrisburg fuhren

mehrere Hunderte. Die Wagen waren alle für funfzig Personen und so

arrangirt, daß sie mittelst großer Zugänge gleich einem Wohnhause in

Verbindung stehen; man kann während der Fahrt die sämmtlichen Wagen

durchstreichen und die an beiden Seiten paarweise Sitzenden mustern.

Am Eingange des ersten, dicht an der Locomotive befindlichen Wagens,

in welchem zwei Abtheilungen angebracht sind, las man am Eingange zur

zweiten Abtheilung „Damenzimmer“. In diesem befand sich ein großer

Spiegel, nächst dem Manne, das erste Bedürfniß für Damen, Sopha,

Arbeitstisch. Von Harrisburg bis Philadelphia, (welche Entfernung 96

englische Meilen beträgt,) fährt man mit Einschluß der Zeit, welche

zum Frühstück und Mittagsessen zugestanden ist, sieben Stunden. Für

das letztere, welches verhältnißmäßig eben so rasch verzehrt werden

muß, als die Locomotive sich fortbewegt, wird ein eben so reissender

Preis, d. h. ½ Piaster oder 18 gGr. bezahlt. Beim Bezahlen bemerkt

man Viele, die bemüht waren, einige von den abgesetzten Bank-Noten,

womit ihre Brieftaschen sich in ungesegneten Umständen befanden und auf

Entbindung nicht hoffen dürfen, -- anzubringen, allein der Cassirer

hat das Textbuch vor sich liegen, bleibt im Text und besteht auf

werthvoller Bezahlung des werthlosen Mittagessens.

Auf der Tour von Harrisburg bis Philadelphia hat der deutsche Reisende

Gelegenheit sich über den Fleiss und die Ordnungsliebe seiner

Landsleute zu freuen, da diese die Bewohner jenes Strichs ausmachen.

Man glaubt hier in Deutschland zu sein, überall erblickt man Feld- und

Baumfrüchte; auf jedem Hause in den Dörfern glaubt man die Worte:

„Wohlhabenheit und Zufriedenheit“ zu lesen. Gutgekleidete Kinder

beiderlei Geschlechts drängen sich mit Blumen und reifen Baumfrüchten

an den Wagen, um für die bereits gehaltene Aerndte etwas für sie

Brauchbareres zu ärndten. Genug, man empfindet auf dieser Reise keine

Langeweile, wenn man nicht etwa unwohl ist, wie ich es ein wenig war;

ich hatte bei der Passage über die Berge ein Erkältungsfieber erhascht

und kam ziemlich krank in Philadelphia an.

Da saß ich in einem langen Omnibus, die alten kraftlos scheinenden

Rosse thaten Wunder, denn sie trabten von einem Gasthofe zum andern

und nirgends fand ich ein Plätzchen für mich. Obgleich vom heftigsten

Kopfweh gepeinigt, freute ich mich dennoch; war es doch ein Zeichen,

daß ich den Kopf nicht in Havana verloren hatte. „Fahre nach welchem

Gasthof du willst, nur nach keinem schmutzigen“, sagte ich zum

Omnibus-Kutscher und bald standen die Rosse vor Baltimore-house,

welches mir der Kutscher als ein gutes und sehr reines Haus anpries, in

dessen Nähe auch das Dampfschiff nach New-York abfahre.

Ich wurde in diesem Hause mit etwas versehen, was mir seit einer

Reihe von Jahren entfremdet war und das war -- ein Federbette welches

gut war, weil es den Dienst eines russischen Dampfbades versah und

mich dermaßen auf die Beine brachte, daß ich am folgenden Morgen in

Philadelphia umherzustreichen mich mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet

fühlte. Ich fand, daß Philadelphia ungefähr in demselben Verhältniß

zu New-York steht, wie Potsdam zu Berlin. Der Ort ist schön, weil

die Häuser durchgängig gut gebaut und die Straßen regelmäßig sind;

wenn man die vielen Canäle in denselben abrechnet, über die man aber

auch in New-York Beschwerde führen kann, aber nicht darf, weil die

Amerikaner leidenschaftlich am Canalbau hangen. -- Ich bestieg das

Rathhaus bis zu seinen höchsten Regionen, d. h. bis zur Glocke,

und war höchst überrascht, als ich die herrliche grosse Stadt mit

den vielen Kirchen und squares (Quarrées) nebst der herrlichen

Umgegend zu meinen Füßen liegen sah. Ich besuchte die Münze, das

Taubstummen-Institut, das Collegium und fuhr etwa drei Meilen weit nach

dem Wasserwerk, gelegen in einem Schweizerthal mit Bergen umgeben,

auf welchen sich die herrlichsten Anlagen befinden. Für diese Fahrt

hin und zurück bezahlte ich nur ¼ Piaster -- der wohlfeilste in den

V. S. mir erwiesene Dienst; muß man doch für das einmalige Putzen der

Stiefeln dasselbe bezahlen. Auch nach Vauxhall begab ich mich, in

welchem 1000 Chinesische Lampen brennen und eben so viele Orangenbäume

gezeigt werden sollten. Da aber nur einige Lampen brannten, so blieben

natürlich die blühenden Orangen unsichtbar. Ich kehrte nach der Kasse

zurück, um meinen halben Piaster Entree zu reklamiren, allein der

Kassirer versicherte mir, er sei an diesem Platze zum Geld-Einnehmen,

nicht Ausgeben; ich könne aber am folgenden Abend Gebrauch von der

Charte machen. -- Weise ist nach Lessing derjenige, welcher sich auf

seinen Vortheil versteht; ich erklärte daher diesen Mann für weise und

zog ab.

Meine Rechnung in Baltimore-house belief sich auf eine artige Summe,

obgleich ich keine einzige Mahlzeit in demselben eingenommen hatte. Der

Wirth bewies mir, daß er bei den hohen Preisen aller Lebensmittel zu

Grunde gehen müßte, wenn es nicht so manchen gäbe, der nie ißt, aber

dennoch üblicher Weise bezahlt. Es wird in ganz Amerika 2½-5 Piaster

in jedem Gasthofe den Logirenden angeschrieben, wenn er auch gar nichts

genossen hat.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem ersten Dampf-Schiff nach

New-York. Auf diesem befanden sich etwa 300-350 Passagiere, ungeachtet

zu derselben Stunde die Dampfwagen dahin abfahren. Man giebt den

Dampfschiffen darum den Vorzug, weil von den Schornsteinen der

Locomotiven zu viel brennende Kohlen umher geworfen werden, und dadurch

viele Kleidungsstücke der Mitreisenden zu Grunde gehen. Man muß jedoch

auch auf der Fahrt mit dem Dampfschiff ungefähr 20 Meilen auf dem

Dampfwagen zurücklegen, um alsdann die Reise im Schiff zu beendigen.

Um etwa 1 Uhr kamen wir in New-York an. Das Erste, was ich that, war,

mir ein Privat-Logis aufzusuchen, denn die Boarding-Häuser hasse ich

wegen des darin statt findenden Zwangs. In einem freien Lande darf

man auf Freiheit Anspruch machen, Thorheit ist es also, wenn man dem

Gastwirth seine Freiheit verkauft und noch dazu, wie hier in New-York

viel dafür bezahlt.

Als ich so an Broadway hinschlenderte, fühlte ich mich in der

heitersten Stimmung. Als ich über den Grund derselben nachdachte, fand

ich ihn darin, daß ich hier nicht, wie in Havana, das menschliche Elend

d. h., mit Lumpen umhangene Neger auf jedem Schritte vor mir sah,

sondern nur freie wohlgekleidete Menschen. Noch immer konnte ich die

Erinnerung an die Behandlungsweise der Sclaven von Seiten der Herren

nicht aus meiner Seele verdrängen; ich sah, wie die Herren Negerfrauen

im Beisein ihres Mannes züchtigten, oder wie der Mann während der

Procedur hereintrat, um das Mittagsmahl mit seiner Familie zu

verzehren, den züchtigenden Herrn ehrerbietig grüßte und gleichgültig

that, als ob ihn das nichts angehe. Wie diese Unglücklichen von Afrika

aus transportirt werden, will ich nur kurz erwähnen. In den Räumen der

Sclavenschiffe sind innerlich Abscheidungen von Brettern, mit nicht

mehr Zwischenraum, als daß zwei Personen aufrecht darin stehen können,

errichtet. Die Neger werden paarweise mit ihrem Rücken gegeneinander

zusammengebunden und zwischen diesen Räumen an die Wände derselben

angeschlossen. Aus dieser peinlichen Stellung werden sie während der

Reise täglich nur einmal, jedoch nicht mehr als 8-10 Personen auf

einmal, und nur auf 5-6 Minuten erlöst.

Ich fand ein Haus, an dessen Thüre ich auf einem Zettel: furnished

rooms (meublirte Zimmer) las. Die Wirthin, so wie Alles im Hause

deutete auf Reinlichkeit, nichts Archenähnliches war an dem mir

offerirten Zimmer zu bemerken. Meine vis a vis waren friedliebende, gar

nicht neugierige Menschen, die mich auf keine Weise geniren konnten,

ja um alle weltliche Dinge sich nicht mehr kümmerten, weil sie alle

auf dem mit Blumen und Bäumen geschmückten Kirchhofe wohnten. Sofort

miethete ich dieses Zimmer und befand mich sehr wohl in demselben. Dann

suchte ich wieder mein französisches Boarding-Haus zum Speisen, da ich

mir in Philadelphia wegen der Unpäßlichkeit die Hungerkur auferlegt

hatte. Auf die Frage der freundlichen Wirthin, wie mir ihre Küche

munde, erwiederte ich: nach einer mit Oel gesalbten Küche, deren ich in

Havana so viele Monate hindurch unterworfen war, fühlt sich mein Gaumen

höchst geschmeichelt. Ein Schweizer meinte, daß es in der That in

Havana höchst schlecht sein müsse, wenn es ein Berliner schlecht finde,

denn nach seiner Ueberzeugung lebe man in Berlin sehr schlecht; er

versicherte, er habe in den Gasthöfen erster Klasse daselbst für zwei

Thaler das Couvert auf seinem Zimmer servirt, abominable gegessen. Ich

vertheidigte meine Mitbürger aufs eifrigste, war aber nicht im Stande,

ihn zu einer bessern Ueberzeugung zu bringen.

Uebrigens war ich gerade zur rechten Zeit hier angekommen, um dem Feste

der Gründung der Unabhängigkeit der V. S., welches am vierten July

gefeiert werden sollte, mit beizuwohnen. Die Nacht vor dem Geburtstage

der Republik wurde mit einer solchen allgemeinen Theilnahme durch

das Abbrennen von Feuerwerken, Schießgewehren in allen Straßen kund

gethan, daß mir kein anderer Wunsch übrig blieb als der, daß die

Lustigen auch an andere Leute denken möchten, die wegen dieses Getöses

beinahe die ganze Nacht nicht schlafen konnten. Es ging ununterbrochen

fort bis um acht Uhr des Morgens, zu welcher Zeit die verschiedenen

Armee-Abtheilungen, alle neu uniformirt, mit Feldmusik und Trommeln

sich dem Demokraten-Könige, der an diesem Tage eintreffen sollte, in

aller Pracht zeigen wollten. Es wimmelte in Broadway von Militair,

welches nach dem Paradeplatz an der Batterie marschirte. Da jedes

Revier eine eigene Compagnie bildet, und sich jede derselben nach ihrer

eigenen Bestimmung kleidet, weshalb nun alle mit einander wetteifern,

in prachtvoller Ausstattung, so kann der Leser leicht denken, daß diese

ganz glänzend sein mußte; -- besonders zeichnete sich der Generalstab

und die Spielleute, deren jede Compagnie ihre eigene hat, in dieser

Hinsicht aus. Hierbei konnte man bemerken, daß zur Verherrlichung jedes

Festes Militair Bedürfniß ist. Die Anzahl der Generäle und Adjutanten

in ihren prachtvollen Uniformen, welche größtentheils Schimmel, die

Lieblingsfarbe der Amerikaner an Pferden, ritten, war sehr beträchtlich

und kam mir weit größer vor, als die in den großen Armeen großer Mächte.

Um etwa 12 Uhr verkündete der Kanonendonner die Landung des mit 40,000

Piaster besoldeten Regenten; er wird die Truppen mustern, hieß es,

und dann seinen Einzug halten. Von meinem Zimmer aus beobachtete

ich ganz ruhig die Sache; ich zählte über 2000 Militairs, die in

einer Linie vor dem Präsidenten her zogen. Jetzt erschien derselbe

mit entblößtem Haupte, welches er bei dem jedesmaligen Hurrahruf

rechts und links neigte. An den Präsidenten schlossen sich sämmtliche

Magistrats-Personen in schwarzer Kleidung an, mit sehr langen

Pergamentrollen in der Rechten; hierauf folgten 100 berittene Bürger

und der Generalstab. Weder Constabler noch sonstige Polizei-Beamte

waren zur Aufrechthaltung der Ordnung bemerkbar; und dennoch sah man

unter einer Masse von 200,000 Menschen, die sich in dieser Straße

bewegten, eine exemplarische Ordnung. Als Militairs zeichneten sich

in dem Zuge die Deutsche und Irländische Compagnie, so wie auch ein

Veteran aus, der den Befreiungskrieg mitgemacht hatte.

Da in keinem Lande dergleichen große Feste, ohne daß das Leben einiger

Individuen geopfert wird, ablaufen, so stand es nicht zu erwarten, daß

dies Fest in diesem Lande, woselbst die Menschen den gefährlichsten

Elementen, Feuer und Wasser mit einer gewissen Frechheit die Stirn

bieten, eine Ausnahme von der Regel machen würde. Die Decke eines

Dampfschiffes (die Dampfschiffe dieser Art zum Vergnügen haben außer

dem gewöhnlichen Verdeck noch ein höheres auf Säulen ruhendes, Decke

genannt) hatte wohl 1000 Menschen mehr aufgenommen, als die Stärke

derselben erlaubte; sie stürzte ein und 10 Personen kamen ums Leben.

Durch Zerspringen von einem der Kessel der Locomotiven, so wie auch

durch die Anwendung der Schießgewehre von Knaben, verunglückten mehrere

Menschenleben. Nur die Kinder sämmtlicher hiesigen Schulen, zwischen

15-20,000, welche, um dem Präsidenten ihr Compliment zu machen, nach

einer kleinen Stadt gebracht worden waren, kamen wohlbehalten nach

New-York zurück.

An diesem Abend gab sich Jeder dem Vergnügen hin; es ward viel

Champagner in der That, und in der Idee getrunken und mit Bank-Noten

baar bezahlt. (?) Auf den Hauptplätzen (als: Park, Batterie-Platz)

u. s. w. waren, wie auf unsern Messen, Buden errichtet, in denen

viel Leben war; jene Plätze waren mit Feuerwerken und Schießlustigen

überfüllt, die sich gegenseitig neckten; es ging so weit, daß

die in den vis a vis gelegenen Gasthöfen Globe und Sans-Souci

Logirenden sich aus den Fenstern durch Zuwerfen von Feuerkugeln,

Fontainen und Schwärmern dermaßen belustigten, daß in einem Zimmer

die Fenstervorhänge schon brannten und beinah ein größeres Feuerwerk

entstanden wäre. Im Castle-Garden (Schloßgarten) wurde, wie man mir

sagte, ein glänzendes Feuerwerk bei etwa 10,000 Zuschauern abgebrannt.

Nach der Beendigung dieses großen Festes besuchte ich den

Advokaten Dr. Lord, um Erkundigung einzuziehen, wie weit er in der

Prozeß-Angelegenheit gegen die M. und H. gediehen sei, und siehe

da! der gute Mann bedauerte, mir sagen zu müssen, daß er sich

noch nicht einmal beim Anfang befinde, indem meine Gegner stets

Gelegenheit gefunden hätten, die Sache in die Länge zu ziehen;

sie hätten die Gründe, weshalb sie die Sache ausgesetzt zu sehen

wünschten, beschworen; ihr Anwalt habe überdies, mit Genehmigung

des Gerichtshofes, eine Reise nach Europa unternommen, welches dazu

beitrage, diese Affaire in die Länge zu ziehen. Er empfahl mir Geduld,

die ihm freilich nicht so leicht abgeht, da ich 300 Piaster Vorschuß

geleistet habe.

Jetzt begab ich mich zum Commissionair, an welchen ich, wie früher

bemerkt, verschiedene Waaren von Havana mit der Ordre geschickt hatte,

dieselbe bis zu meinem Dahinkommen liegen zu lassen. Allein die Geduld

hatte ihn verlassen, er hatte sie für die Hälfte des Werths verkauft

und händigte mir jetzt die Verkaufs-Rechnung ein. Einen zweiten Prozeß

mit einem abermaligen Vorschuß von 300 Piaster anzufangen, war schon

deshalb nicht räthlich, weil +Ein+ Prozeß, selbst unter dem

mildesten Prozeß-Himmelsstrich wenigstens für mich hinreichend ist;

ferner war wegen des heraufziehenden Ungewitters in der New-Yorker

Geldwelt ein zweiter Prozeß zu vermeiden. Ueberdies war ich nicht

gesonnen, das Ganze den Launen der Advokaten und des Zufalls Preis zu

geben, denn wie leicht kann durch eine Zahlungs-Unfähigkeit der Banken,

die mir unausbleiblich schien, Alles verloren werden, wenn auch die

Sache zu meinen Gunsten entschieden würde? Es blieb mir mithin nichts

Anderes übrig, als den Belauf für meine Güter zu nehmen und gegen

das Verfahren meines Commissionairs zu protestiren. -- Ergo ist in

der neuen Welt nur viel zu verlieren, und mit großem Risico wenig zu

verdienen.

~Vierte Abtheilung.~

~Ueber das

Treiben im englischen und amerikanischen Handel.~

Auf diese Weise hatte ich nun in New-York keine andere Geschäfte, als

mich mit den New-Yorkern zu amüsiren. Wohin also zuerst? fragte ich

mich selbst. Nach Wall-Street, war die Antwort. Diese Straße war ganz

mit großen Granit-Blöcken und Marmor-Säulen angefüllt, so daß man

dieselbe kaum mit Bequemlichkeit passiren konnte. Auf meine Frage,

was mit den vielen Steinen von so ungeheuerm Umfange gemacht werden

solle, hörte ich, daß sie zu Bank-Gebäuden bestimmt wären. Es dürfte

vielleicht einige Leser geben, die hierbei die Frage aufwerfen, warum

die Herren Rothschild in London, Hope in Amsterdam, Heyne in Hamburg,

Bethmann in Frankfurt a. M., Schickler in Berlin u. A. in kleinen

unansehnlichen Zimmern ihre sehr bedeutenden Geschäfte betreiben, und

warum diese nicht wie die New-Yorker, auf Marmor- und Granitsäulen

ruhende Banken errichten. Die Frage ist nicht schwer zu beantworten:

Die New-Yorker bedürfen zur Ausführung der Bauten nichts, was wie Geld

aussieht, während jene Banquiers nicht ohne Geld würden bauen können.

An demselben Tage wurde das Dampfschiff Great-Western von London

erwartet. Alle warteten mit der größten Ungeduld auf die Ankunft

dieses Schiffes, oder vielmehr auf die Nachrichten, die es mitbringen

sollte, denn man hoffte durch Hülfe der Engländer sich bald vom Uebel

erlöst zu sehen. Von England also Hülfe! dachte ich. Hülfe von einem

Volk, welches sich selbst nicht zu helfen weiß. England ist in seinen

Finanzen stets überschätzt (overrated) worden. Wehe! und abermals

wehe! einem Jeden, welcher überschätzt wird, mag es eine Regierung

oder ein Privatmann sein. Die natürlichsten unmittelbarsten Folgen

solcher Ueberschätzungen sind Uebervortheilungen. Der Verfasser gehört

zu den Wenigen, welche gegen die Englands Reichthum gesungenen und

gesprochenen Loblieder stets protestirt haben, obgleich er demselben

in technischer Hinsicht alle Gerechtigkeit widerfahren ließ; er ist

oft scharf darüber getadelt worden, worum er sich aber wenig kümmerte.

Schon im Jahre 1830, als die Reformbill John Russell’s im Hause der

Gemeinen durchging und Graf +Grey+ Premier-Minister ward, sprach

der Verfasser in einem mit dem Buchstaben R. unterzeichneten, im Leeds

Intelligencer eingerückten Aufsatz: „the corn-laws, as the present

policy of the country“ („die Korngesetze, die gegenwärtige Politik des

Landes“) sich dahin aus, daß England den frühern Gedanken, für alle

Bewohner des Erdballs zu fabriziren schwinden lassen, und einen großen

Theil der Fabrik-Arbeiter zur Erzeugung des ersten und nothwendigsten

Bedürfnisses, Getraide, verwenden müsse, wenn es fortbestehen wolle.

Der Verfasser rieth in jenem Aufsatze zur Anlegung vieler Eisenbahnen,

damit so viele Ländereien, welche zum Anbau des Pferdefutters

jetzt dienen, zur Erzeugung von Lebensmitteln für die Bevölkerung

angewendet werden könnten. Der Verfasser führt die Hauptpunkte seines

damaligen Aufsatzes zum Beweis der Behauptung an, daß er Englands

Lage schon vor 10 Jahren richtig beurtheilt hat, wobei er jedoch hier

nur das Wichtigste hervorheben kann. Auch behauptete er, daß der von

Preußen für die deutschen Fabrikanten angeordnete Schutzzoll nie eine

Abänderung zu Gunsten der englischen Fabriken erfahren werde, und

sollten diese, durch Anschaffung wohlfeileren Brodes, wohlfeiler als

die deutschen Fabrikanten produziren, so werde, seines Erachtens, der

Schutzzoll um eben so viel von Seiten Preußens erhöht werden. Wer würde

wohl gern 3 L. St. hingeben, um 1 L. St. dafür wieder zu erhalten?

Deshalb wird sich Preußen stets gegen die Einfuhr von englischen

Fabrikwaaren sträuben, indem England, bei einem Getraide-Mangel sich

doch unbedingt nach Deutschland wenden muß.

Englands Getraide-Noth (wie diese im vorigen Jahre sich zeigte), ist

lediglich der Vernachlässigung des Ackerbaues zuzuschreiben; es giebt

zu viel unkultivirtes Land in den vereinigten drei Königreichen. Hätte

die Regierung die Taxen vom kultivirten Lande vermindert und das

unkultivirte Land dagegen mit hohen Taxen belegt, so würde das Land,

auch bei einer schlechten Aerndte, nie in Verlegenheit kommen. Der

Mensch, welcher sein erworbenes Vermögen zu konserviren weiß, gehört

zu den Künstlern ersten Ranges. Von allen englischen Fabrikanten

gelangte keiner zur Meisterschaft in dieser Kunst; sie sind arm, weil

ihr Vermögen in Fabrik-Gebäuden und Maschinen steckt; diese aber haben,

da man jetzt dergleichen von der Seine bis zur Wolga in jedem Dörfchen

antrifft und in Bewegung sieht, nur ein Drittel des ursprünglichen

Werthes.

Der Verfasser ist seit Kurzem von mehreren seiner Bekannten, unter

denen sich sogar ein Engländer befand, gefragt worden: „Wodurch wohl

ist Englands Reichthum sobald gesunken?“ Die Meisten hielten in der

That England stets für übermäßig reich, und dies hat, wenn man die

Sache genauer betrachtet, folgende Gründe.

1.) Alle Mächte contrahiren enorme Anleihen bei dem Hause Rothschild

in London. Nun glaubte man die Engländer sind es, die diese viele

Millionen hergeben, allein sie sind größtentheils aus Rußland,

Deutschland und Holland dem Hause R. überwiesen worden.

2.) Man erinnert sich der ungeheuern Summen, welche England in der

Napoleonischen Zeit den verbündeten Mächten als Subsidien gezahlt hat

und denkt: welches Volk in der Welt würde dies wohl leisten können?

Wollten die guten Leute doch nur erwägen, daß diese Subsidien-Gelder

nur ein sehr geringer Theil derjenigen Summen waren, welche von

Preußen, Oestreich und Rußland für Fabrikwaaren stets nach England

gingen. England konnte doch nicht immerfort nehmen wollen, weil ja

sonst Nichts übrig geblieben wäre. Jene Länder besaßen zu jener Zeit

gar keine Fabriken, erhielten vielmehr ihren ganzen Bedarf von England

und welchen Preis bezahlten sie dafür! 14-16 Thlr. für ein einziges

Stück von Baumwollen-Waaren, in welchem etwa fünf Pfund von der

Prima-Materie verbraucht worden waren. Von dem durch solche Preise

entstandenen enormen Gewinn zahlte England etwa 1/10 als Subsidien

zurück, damit die guten Deutschen wie Wahnsinnige auf die französischen

Kanonen losgehen möchten, um ja nicht an Fabrikation zu denken. Da

trat nun Napoleon den Engländern mit seinem Continental-System in den

Weg; er lenkte die Aufmerksamkeit der Deutschen auf Fabrikation. Man

fing an einzusehen, daß dies Geschäft keine Zauberei sei, daß es nur

der Geduld und Ausdauer mit Zuziehung guter Augen und tüchtiger Hände

bedürfe. Hierdurch wurde das englische Fabrikwesen verwundet; da indeß

diese Wunde anfangs den Engländern noch nicht fühlbar sein konnte, so

bekümmerte sich Niemand von allen Fabrikanten darum; sie erweiterten

ihre Geschäfte, statt dieselben vorsichtig einzuschränken. Jeder war

durch den in den letzten Jahren gehabten Profit wonnetrunken und in

der Ueberzeugung, bei einer um das Doppelte erweiterten Production den

doppelten Gewinn zu erzeugen, wurde der ganze Gewinn der letzten Jahre

und noch mehr zur Anschaffung größerer Gebäude und Maschinen verwendet.

Für die Bauherren, welche, wie überall so auch hier, bei ihren

Anschlägen gewöhnlich irren, zeigten sich jetzt bald Verlegenheiten: es

fehlte an Geld, indem der Bau weit mehr kostete, als veranschlagt war.

Um diese Noth abzuhelfen, mußte Geld gemacht werden und wie geschah

dieses? Es wurden Banking-Compagnieen, Joint-Stock-Banks u. s. w. auf

Aktien errichtet. Jeder der Fabrik-Eigenthümer zeichnet auf eine Anzahl

dieser Aktien, jede derselben zu 100 L. St., auf welche er jedoch nur

5 L. St. baar erlegt, obgleich er an dem Gewinne von 100 L. St. Theil

hat; für die übrigen 95 L. St. verfertigen jene Surrogat-Banken ihre

eigene Bank-Noten, jede Note zu 5 L. St. Um aber jedem Geldempfänger

auf sein Verlangen mit Geld oder auch Noten von der Bank of England

begegnen können, war eine Hülfe von Seiten dieser Bank wichtig, ja

höchst nothwendig. Deshalb wurde also eine Convention zwischen den

beiderseitigen Banken abgeschlossen, daß alle von jenen Banken gerirten

Wechsel durch die Bank of England für das übliche Disconto von 3½

Procent pro anno discontirt und sowohl Geld, als Noten dafür erlegt

werden sollten.

Der momentane Nutzen, der durch diese Maßregel für die englischen

Fabrikanten entstand, war sehr groß und vielfältig; der Fabrikant

konnte sich bei Erweiterung seiner Fabriken nie in Geldverlegenheit

befinden. Er durfte sich auf Zeitverkäufe einlassen weil die Wechsel

die ihm bei diesen Verkäufen von den Käufern an Zahlungsstatt wurden,

sofort in den Banken, in welchen er als Aktionair interessirt war,

discontirt wurden, wodurch Er eigentlich der Gewinnende ward, weil die

Bank nur einen geringen Theil solcher Wechsel und zwar nur für 3½

Procent pro Anno bei der Bank von England discontirte, wogegen die

Banken 5 Procent mehr und größtentheils mit ihren eigenen Bank-Noten,

welche zinsenfrei waren, ausbezahlten. Hierdurch ward für den

Fabrikanten als Aktionair eine Dividende von 12½-15 Procent jährlich

erreicht.

Dies war Englands glänzendste Periode. Geschäfte wurden ins

Unendliche gemacht, da es nie an Geld fehlen konnte. Der Verfasser

kennt deutsche Häuser, die sich fünf dieser Banken bedienten.

Genug! wer einen ganzen Rock auf dem Leibe trug und die Wechsel zu

acceptiren verstand, der hatte bald ein Waarenlager. Es entstanden

Commissions-Geschäfte, weil nichts mehr dazu gehörte, als ein Local

(warehouse); alle fünf Schritte stieß man auf einen Commissionair. Zu

den Commissionairen und Bank-Gesellschaften gesellten sich auch bald

Dampfschifffahrts-Gesellschaften, aber wie es im menschlichen Leben oft

geschieht, daß Menschen durch häufiges Besuchen großer Gesellschaften

ihre physischen und moralischen Kräfte zerstören, so geschah es

jetzt mit dem englischen Waarenhandel nach Deutschland durch jene

Gesellschaften.

Die Fabrikation nämlich nahm ungeheuer zu und dies führte den Handel

herbei, um welchen England so oft beneidet wird, aber eher bedauert zu

werden verdient -- +den Welthandel+. England war nun gezwungen,

sich um Plätze zu bekümmern, woselbst die übermäßigen Produkte der

Fabriken untergebracht werden könnten. Amerika und Indien schienen am

geeignetsten hierfür zu sein; allein wie sollte in jenen Welttheilen,

wo es noch mehr, wie in England, an Geld fehlt, ein der englischen

Fabrikation angemessener Absatz erreicht werden, wodurch die Engländer

einigermaßen auf baare Fonds sollten rechnen können? Das war eine

schwere Frage, die jedoch bald gelöst wurde.

Es zeigten sich nämlich sehr bald in London drei Handlungshäuser

(mit dem Anfangsbuchstaben W..) zur Hülfe bereit für alle englische

Fabrikanten und amerikanische Handelslustige und Manufacturisten.

Diese drei Häuser rüsteten für eine Provision von fünf Procent (keine

Kleinigkeit!) einen Jeden mit Accreditiven an die Joint Stock-Banks

und Banking, Compagnieen aus, damit diese, die von den Amerikanern

auf jene Londoner Häuser gezogenen Wechsel, (welche die letztern zu

honoriren versprachen,) auszahlen möchten. Der Absatz wurde natürlicher

Weise höchst beträchtlich, allein dieser in England beförderte Absatz

bewirkte keinen Absatz in Amerika, wenigstens war derselbe nicht

zureichend für die angeschafften Vorräthe, und dieses um so weniger,

weil die englischen Fabrikanten jetzt neuerdings zur Erweiterung

ihrer Fabriken schritten. Die in England von den Amerikanern auf

Zeit gekaufte Waaren mußten mithin wiederum so geschwind als möglich

abgesetzt werden, allein für baares Geld abzusetzen, lag im Reiche der

Unmöglichkeit. Was thun? die Verlegenheit wurde in Amerika eben so

schnell, wie in England durch Einrichtung von Banken beseitigt; die

Zeitverkäufe konnten jetzt statt finden und die Geldverlegenheiten der

Importeurs waren hierdurch aufgehoben.

Dem Präsidenten General Jakson schien bei seiner Einsicht in die

Bank-Geschäfte dies Treiben sehr gefährlich fürs Land; er sah klar,

daß das Land mit englischen Manufactur-Waaren bald überschwemmt

werden müßte, wenn diesem Uebel nicht gesteuert würde; er hemmte

das Discontiren aller dergleichen Wechsel in den Banken, welche

unter der Aufsicht seiner Regierung standen. Diese Maßregel erregte

die Aufmerksamkeit der Bank of England, die Direktoren warfen die

Blicke auf ihre Schubladen, in welchen die von den verschiedenen

Banken discontirte Wechsel lagen und, o weh! darunter befanden sich

so viele von den mit W. bezeichneten drei Häusern, daß die Nachwehen

unausbleiblich schienen. Die Bank of England ergriff jetzt ernsthafte

und ähnliche Maßregeln, wie die des amerikanischen Präsidenten und

dreimal o Weh! Jene Häuser und eine sehr bedeutende Bank in Leeds,

nämlich die Northern-central Bank wurde (um das Fallen der Actionaire

zu verhindern) von der Bank of England gestützt und hörte von dieser

Zeit an auf, Bank zu sein.

Um dem Leser ein anschauliches Bild von diesen englischen

Bank-Geschäften zu geben, will ich das Beispiel von einem Tagelöhner

in Leeds anführen, welches ich selbst erlebt habe. Der Verfasser wurde

nämlich eines Tages von diesem Tagelöhner ersucht, ihn, da er sich

als Kaufmann etabliren wolle, mit einem Vorschuß von 10 L. St. zur

Anschaffung der erforderlichen Handels-Utensilien und einen kleinen

Unterricht im Waarenfache zu unterstützen. Dieser Mann erhob sich sehr

bald als Kaufmann, und stand auch eben so bald in der Londoner Gazette

als Fallit mit einer sehr bedeutenden Summe von vielen 1000 L. St.

Er hatte vermittelst Hülfe der Banken Theil am englischen Welthandel

genommen und man fand unter den in der Northern-central Bank unbezahlt

gebliebenen Wechseln auch mehrere der seinigen im Belaufe von einigen

Tausend L. St. Er war Grund-+Nicht+eigenthümer geworden, um

Actionair des letztgenannten Bank-Instituts werden zu können. Dies ist

ein sprechendes Bild des gepriesenen englischen Welthandels!

Englands Banken hatten auch einen bedeutenden Einfluß auf den deutschen

Wollmarkt -- ein Gegenstand der genau genommen zwar nicht hierher

gehört, der jedoch zu interessant ist, um ihm nicht en passant einige

Aufmerksamkeit zu schenken. Die Wollproduction in Deutschland, behaupte

ich, mußte durch Englands viele Banken zunehmen, aber eine förmliche

Umwälzung ist auch hierin unausbleiblich. Die Sache nämlich verhält

sich also: Spekulationen jeder Art, wurden durch den Beistand jener

Banken unternommen. Dieser Beistand bestand darin, daß die Spekulanten

mit Accreditiven auf London versehen wurden, von dort mit solchen auf

Hamburg und von da endlich mit denselben Mitteln auf Berlin, Breslau,

Stettin u. s. w. als Woll-Einkäufer ausgerüstet wurden. Kein Wunder

daher, daß es deren jetzt in Hülle und Fülle gab, und daß es auf allen

Märkten davon wimmelte. Jeder derselben wollte, oder mußte kaufen;

die Preise erreichten hierdurch eine enorme Höhe ohne eigentliche

Ursache, d. h. ohne daß ein wirklicher Bedarf in dem Maße, wie Viele

und besonders die Produzenten glaubten, vorhanden gewesen wäre. Die

niederländischen Fabrikanten fürchteten, die besseren Sorten von den

Engländern aufgekauft zu sehen, und griffen also rasch zu; was blieb

denn da den Engländern anders übrig, als auch rasch zuzugreifen? Die

Produzenten griffen nun auch zu -- den vollen Champagnerflaschen;

lachten sich dabei ins Fäustchen, ließen beim Champagner die Einkäufer

hoch leben und versicherten diesen, (ungeachtet sie ihre Wollen wie

Seide bezahlt bekamen) daß sie bald zu Grunde gehen müßten, wenn die

Preise sich nicht höher stellen würden. Die englischen Einkäufer hatten

mithin jetzt deutsche Wollen mit deutschem Gelde gekauft, und brauchten

sich bei dem Verkauf in England nicht zu übereilen; hatten sie doch

durch die verschiedenartige Trassirungen Zeit genug und außerdem auch

in den Banken ein Schutzmittel gegen Verlegenheiten.

In Folge dieses großartigen Wollhandels in England bildete sich jetzt

auch ein solcher in Deutschland. Leute ohne Kenntnisse und aus allen

Klassen wurden Wollhändler, und das Resultat war, daß es zuletzt an

diesem Product fehlte, ohne daß ein Bedarf in gleichem Maße dafür

existirte -- für die Produzenten ein steigender Vortheil.

Daß ein Mißtrauen gegen die englischen Banken eine große Veränderung

im Woll-Geschäft herbeiführen müßte, war vorauszusehen. (Der Verfasser

machte sogar einen unserer ersten Wollhändler bei einem Zusammentreffen

in Hamburg hierauf aufmerksam.) Durch jenes Mißtrauen mußten die

Accreditive auf London und somtit auch die Anzahl der Einkäufer

abnehmen; man kauft jetzt nur noch rohes Material, wenn es für

Fabriken gebraucht wird, und englische Spekulanten sind deshalb in

Deutschland im verjüngten Maßstabe anzutreffen; sie schreiben indeß zur

Beruhigung der deutschen Wollhändler: +the money-market is bad+

(der Geldmarkt ist schlecht) besser übersetzt: auf allen Märkten ist

kein Vertrauen zu kaufen. Bald wird es eintreten und wir werden wieder

spekuliren können. Sollte indeß auch der Spekulations-Geist, (wie es

von Vielen erwartet wird,) durch ein zurückkehrendes Vertrauen wieder

Raum gewinnen, so dürften doch die Wollpreise nicht zu ihrer vormaligen

Höhe zurückkehren, weil die Production, wie es scheint, bei Weitem die

Consumtion übersteigt. Obgleich über die erstere keine zuverlässige

statistische Uebersicht existirt, so glaubt der Verfasser dennoch,

daß dieselbe in den gesammten Vereinigten Staaten, van Diemens Land,

Australien und Europa auf drei Pfund für jeden Kopf anzuschlagen ist,

welches Quantum zu groß wäre, um in Einem Jahre verbraucht zu werden.

Wirft man einen Blick auf die nachgebliebenen Bestände des rohen

Materials und auf die Vorräthe der daraus verfertigten Stoffe mit der

Berücksichtigung, daß die neuen Wollmärkte nicht fern mehr sind, so

wird man eine Umwälzung in diesem Geschäft nicht für unwahrscheinlich

halten. Dies, wie bemerkt en passant und nun zur Hauptsache zurück!

Durch jene Maßregeln der Bank of England mußte nun im Waarenverkaufe

(denn Absatz kann man denselben nicht nennen, da noch Alles ungebraucht

da lag) eine Stockung entstehen. Nichts desto weniger wurden in den,

für den Welthandel eingerichteten Fabriken täglich Massen fertig --

was auf die Preise so nachtheilig wirkte, daß sie in Kurzem eine

Veränderung von 25-30 Procent erlitten; mit diesem Verlust hat der

Verfasser selbst bedeutende Parthieen verkauft. Den englischen

Fabrikanten kam diese Stockung unerwartet; sie waren nunmehr gezwungen,

andere Märkte für ihre Erzeugnisse zu suchen, denn fort mußten sie, da

mit jedem Tage neue fertig wurden. Wohin damit? Nach den westindischen

Colonieen, nach Havana, nach St. Thomas, Vera-Cruz etc. In allen

Fabrikstädten Englands wimmelte es damals von Reisenden der dortigen

erprobten Commissionaire; diese sind bereit, den Fabrikanten die

Hälfte des Werths auf die in Commission ihnen zuzuschickenden Waaren

vorzuschießen, und beauftragen ihre Freunde in London, hierin, so lange

es den Fabrikanten belieben sollte, gegen Empfang der Connecemente

fortzufahren. Die Fabrikanten gingen darauf ein, weil sie sich von

ihren Waaren befreien mußten; wie es den Einsendern bekommen sein kann,

läßt sich nach meinem Handelsbericht aus Havana folgern.

Auf solche Weise erfreute sich England des sogenannten Welthandels

-- eines ruinirenden Handels, der durch die vielen Banken, die

Krebsschäden der englischen Fabrikwelt, entstand. Daß unter diesen

Umständen die Amerikanische Waarenhändler nicht auf Geld-Unterstützung

von Seiten Englands rechnen dürfen, möchte aus dem Vorhergehenden

so ziemlich einleuchten; noch deutlicher aber zeigt sich dies durch

folgenden Umstand.

In Englands Interesse liegt es allerdings, den Amerikanischen

Manufactur-Waaren-Handel nicht allein zu erhalten, nein! sogar

auszudehnen, weil hierdurch Englands Grundeigenthum an Werth gewinnt,

und durch letzteren wird überhaupt der Reichthum eines Landes

bestimmt. Daß Englands Grundeigenthum hauptsächlich in seinen zum

Theil unbeschäftigten Fabriken, und Maschinerieen besteht, hat sich

in diesem letzten Jahre mehr als je gezeigt. Durch den Abfluß der

coursirenden Münzen für die früher angeführten aus Deutschland, Rußland

u. s. w. importirte Waaren, wozu noch, wegen der Mißärndte und des

Getraidemangels in England das aus Deutschland einzuführende Getraide

kam, hierdurch also wurde der fünfte Theil der englischen Baarschaft,

(welche nach statistischen Berichten im Jahre 1824 sich auf etwa 24

Millionen L. St. belief,[H]) den vereinigten Königreichen entzogen.

Da nun die englische Bank für ihre übermäßige Anzahl von Noten keine

andere Hypothek als die coursirende Münze darbieten kann, so wurden

hierdurch die Grundsäulen der englischen Bank dermaßen erschüttert, daß

sie zu einer Anleihe in Frankreich ihre Zuflucht nehmen mußte.

England muß mithin durchaus den Wahn aufgeben, daß der Reichthum nur

aus den Fabriken hervorwachse, sonst dürfte vielleicht noch die Zeit

kommen, daß sich englische Fabrikanten zum Eintausch von Getraide mit

ihren Erzeugnissen auf den deutschen Kornmärkten zeigen müssen.

Doch ich kehre von dieser Digression nach New-York, nach Wallstreet,

dem Sitze der weisen Geschäfts-Welt Amerika’s, dem großen Congreß

aller Bank-, Eisenbahn- und Canal-Gesellschaften zurück. Indem ich in

meinem Reise- und Notizen-Buche, aus welchem vorliegende Schilderungen

entstanden sind, blättere, finde ich eine Stelle aus der Johanna

von Montfaucon: „Es muß blitzen, es wird blitzen, es blitzt“. Ich

drückte hierdurch aufs kürzeste meine Ansicht von dem Zustande der

Geschäftswelt aus, als ich nach meiner Ankunft aus Europa mich in

Pearl-Ceder-street etc. um die Waarengeschäfte bekümmert hatte, gerade

zu einer Zeit, wo die ganze Geschäftswelt in New-York wonnetrunken mit

Aufträge-Ertheilungen nach Europa und mit dem Abfertigen von Agenten

dorthin zum Einkauf für das Frühjahr beschäftigt war. „Es muß blitzen,

bevor zwei Jahre verstreichen,“ sagte ich zu mehreren meiner Bekannten,

und wenn Ihr in Euren Unternehmungen auf diese Weise fortfahrt, so habt

Ihr jedes Jahr ein schweres Ungewitter zu bekämpfen.

Wovon ich in jener Zeit voraussagte, daß es kommen würde, das ist

früher gekommen, als ich es erwartete. Philadelphia’s Banken sind nicht

mehr, bald dürften die von Baltimore und andern Städten nachfolgen;

aller Augen sind jetzt auf die von New-Orleans und New-York gerichtet.

Jeder wünscht das Fortbestehen derselben, allein zu untersuchen wäre

es doch, ob dasselbe in der Zukunft wohlthätig oder schädlich wirken

wird und der Verfasser behält sich vor, später darauf zurückzukommen.

Derselbe glaubt, daß die Einstellung der Baarzahlungen zu einer

und derselben Zeit von allen amerikanischen Banken im Ganzen, eher

vortheilhaft als nachtheilig für das dortige Waarengeschäft sein

müßte. Freilich würden hierdurch momentan auch die Europäischen

Fabriken leiden, allein sie würden sich nachher aus ihrem kranken

Zustande erheben und geheilt werden. Kaufmännische Geschäfte können

nicht durch Kunst erweitert werden, jedes solche Mittel wird unter

hundert vorkommenden Fällen vielleicht Einmal glücken. Da das Uebel

in den beiderseitigen Geschäften durch die vielen Banken, wie bereits

gezeigt, verursacht worden ist, so wird die Heilung desselben nur

durch Ausrotten mehrerer Banken möglich sein, wozu jedoch Zeit und

vernünftige Maßregeln von Seiten der Regierung nöthig sind. Papiergeld

muß als ein zur Bequemlichkeit dienliches Mittel, aber nicht als das

für Geschäfte wahrhaft Fruchttragende angesehen werden; es kann nur in

so fern wirksam für Handel und Gewerbe sein, als eine hypothekarische

Sicherheit dafür vorhanden ist.

Schon vor meiner Abreise nach Havana, bei meinem ersten Aufenthalt in

New-York, warnte ich manchen jungen Deutschen; sagte ich doch zu dem

Einen und Andern: lassen Sie sich nicht tief in die hiesigen Geschäfte

ein, wenn Ihnen Ihr oder Ihres Vaters Vermögen lieb ist. Man lachte

wegen meiner Furcht, man versicherte mir, Amerika sei das Land, in

welchem es nichts als gediegene unternehmende Kaufleute gebe, welche

rascher 12 Colly’s Waaren kaufen, als der deutsche Kaufmann eben so

viele Stücke. Alle jene jungen Kaufleute, die freilich noch nicht lange

aus der Schule entlassen waren, träumten von Glück, in einem Lande mit

einer Bevölkerung von 13 Millionen, mit schmutzigem Papiergelde, ohne

irgend eine Sicherheit zu haben, d. h. sie glaubten hier reich werden

zu können, während sie es für unmöglich hielten in ihrem Vaterlande

mit einer mehr als doppelten und zugleich reichen Bevölkerung Brod zu

erwerben. Allein diese Leutchen sangen jetzt ein anderes Lied, als ich

von Havana zurückkehrte und Mancher fragte mich: „Wie haben Sie das vor

Ihrer Abreise wissen können?“ Die Antwort war: weil die erste Ihrer

Banken mir für ihre eigene Bank-Noten nicht 200 Piaster in Gold, wie

ich es forderte, geben konnte.

Indeß, meine damals niedergeschriebenen Notizen sind jetzt in so fern

überflüssig, als jetzt bereits das geschehen ist, wovon ich damals

erwartete, daß es kommen würde; es ist schneller geschehen, als ich

es erwartete. Meine Warnungen, welche ich an die kaufmännische Welt

richten wollte, sind jetzt überflüssig, da dieselbe durch die neuern

Ereignisse selbst hinreichend gewarnt ist. Dies soll mich jedoch

nicht hindern, Mehreres von diesen Notizen mitzutheilen, was bei der

gegenwärtigen Lage zu wissen nicht unnütz sich beweisen wird. Zunächst

Einiges über die Handelsbilanz der V. S., worüber die Meisten so sehr

im Irrthum sind. Sie glauben, daß der Werth des Exports weit über dem

des Imports steht, allein das verhält sich auf entgegengesetzte Weise;

ich werde zum Beweise eine Tabelle von den Imports und Exports, so wie

von den zur Consumtion versteuerten Gütern in den Jahren 1829 bis 1839

anfügen, woraus der Leser das für ihn Nützliche ziehen mag. Wenn selbst

der Export den Import im Werthe bei Weitem überstiege, so würde dies

keineswegs für die Solidität Bürgschaft gewähren, indem beide hierbei

wirkende Theile in ganz verschiedenen Verhältnissen sich befinden;

denn der Exporteur ist der Produzent, welcher für seine produzirte und

jetzt exportirte Güter den Betrag in Comptanten empfängt, die er seiner

Geldkiste in Sicherheit bringt, und nur vielleicht einen sehr geringen

Theil davon für Waaren, die importirt werden, verwendet; wogegen der

Importeur für den Belauf des Imports aus andern Mitteln Sorge zu tragen

hat. Folgendes ist die Liste hierüber, die nach den Washingtoner

Berichten (return) abgefaßt ist.

Da es aber auch nicht ohne Interesse sein kann, zu wissen, aus und nach

welchen Ländern bestimmte Quanta importirt und exportirt worden sind,

so hat der Verfasser die Tabelle Nro. 2. beigefügt, welche über die In-

und Ausfuhr in den Jahren 1837 und 1838 Rechenschaft giebt.

Nro. 1.

Import Piaster Export Consumtion

1829 74,492,527 62,258,671 57,834,649

1830 70,876,920 73,849,508 58,499,441

1831 163,191,133 81,310,533 83,157,593

1832 101,029,266 87,176,943 76,989,793

1833 108,118,311 90,130,433 88,295,576

1834 126,521,332 104,336,973 102,708,521

1835 149,896,742 121,603,077 129,391,247

1836 189,980,035 128,663,540 168,233,675

1837 140,989,217 117,419,376 119,134,255

1838 113,717,404 104,486,616 101,264,609

1839 170,600,000 96,351,450 140,000,000

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1207,772,888 1037,587,120 1123,561,359

1037,587,120

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Mehr importirt als exportirt für[I] 170,185,768 Piaster.

Schilderungen des Treibens im Leben und Handel in den Vereinigten Staaten und Havana. Gezeichnet auf Reisen in den Jahren 1838 und 1839 · 第 22 / 24 题