Louisville“; 35 Piaster ist der Preis, für welchen der Capitain
mich mitzunehmen verspricht. In nicht geringer Entfernung lag ein
anderes Schiff, Namens Diana, welches ebenfalls an demselben Tage
nach Louisville abgehen sollte, jedoch für 40 P. Passagier-Geld. Mein
Correspondent empfahl mir das letztere, weil es das rascheste sei.
Noch unentschlossen, mit welchem von beiden ich reisen solle, ließ
ich meine Sachen auf einem Karren durch einen Mulatten nach dem Ufer
bringen; es war ein überaus heißer Morgen; der Mulatte, obwohl ohne
Hemd, schwitzte, als wäre er aus dem Wasser gezogen und wird beinahe
ohnmächtig, als er eben mit seinem Karren dicht am Schiffe Diana steht.
-- „So bringe die Sachen nach diesem Schiffe, ich will fünf Piaster
mehr bezahlen, um Dich nicht länger zu quälen.“ Er thut es und will
mir aus Dankbarkeit die Hand küssen, allein nach dem, was später sich
ereignete, habe ich beinahe Ursache, dankbar zu sein, denn dieser
Ohnmacht verdanke ich vielleicht mein Leben. Bei meiner Ankunft in
Pittsburg las ich in der Zeitung, daß der Kessel der Albany auf dieser
Tour zersprungen sei und viele Passagiere hierdurch ihr Leben eingebüßt
hätten.
Unsere Reisegesellschaft bestand nur aus etwa vierzig Personen.
Anfänglich hielt ich sie für deutsche Wandersmänner; indeß mein
Wahn schwand sehr bald, denn ich bemerkte, daß sie sich dem sehr
unschuldigen Vergnügen des Tabackkauens hingaben. Nach einigen Stunden
war ich mit ihnen so bekannt, dass ich es wagen konnte, meine Glossen
darüber zu machen. Niemand von allen war darüber aufgebracht; von
Einigen wurde ich sogar wegen dieser Freimüthigkeit gepriesen. Einer
von ihnen meinte: „Sie müssen Nachsicht mit uns Amerikanern haben, wir
haben Fehler und diese hat die Jugend stets. Wir sehen es gerne, wenn
Deutsche zu uns kommen, weil die Deutschen die bravsten und zugleich
ehrlichsten Lehrer für uns sind.“ -- „Sie sind sicher und gewiß aus
keinem englischen, und wenn dieses wäre, aus keinem Yorkshire-Blut
entsprungen?“ entgegnete ich. „Ich freue mich“, war die Antwort, „daß
mein Urgroßvater ein Deutscher gewesen ist.“
Die Fahrt auf dem Mississippi gewährte mir viel Vergnügen, seine Ufer
sind die schönsten, die ich je gesehen habe, sie nehmen die einzelnen
Schönheiten der Main-, Elbe-, Themse- und selbst der Rhein-Ufer --
abgerechnet die Weinberge und die steilen Anhöhen mit den Ruinen der
Ritterburgen -- in sich auf. Erwägt man jedoch die Gefahr, der man sich
bei einer solchen Reise auf dem Dampfschiff Preis giebt, so muß man
halb wahnsinnig sein, um sie bloß des Vergnügens halber zu unternehmen.
Kann nicht jede Stunde, jede Minute das Dampfschiff ein Raub der
Flammen werden? Wer über die fortdauernde ungeheure Gluth, welche
zur Fortschaffung des Schiffs erforderlich ist, nachdenkt und diese
selbst beobachtet und controllirt, wird die Gefahr bald auffinden.
Erwiesen ist es, daß von der Zeit an, da es in jeder großen Stadt
Schauspielhäuser giebt, in jedem Jahre eins durch Feuer zerstört worden
ist. Die Anzahl aller Schauspielhäuser aber verhält sich zu der aller
Schiffe etwa wie 1 zu 1000. Nichts destoweniger fürchtet man gewöhnlich
beim Antritt einer Seereise mehr die Wellen als die Feuersgefahr.
Allein die letztere steht zu der ersteren in keinem Verhältniß, da ein
Schiff mit nichts als brennbarem Material ausgerüstet, und folglich
durch Feuer weit leichter zerstört werden kann, als alle anderen
massiven Häuser, die man doch stündlich in Schutthaufen verwandelt
sieht oder hört. Ich verweise den geneigten Leser zur Begründung
meiner Behauptung auf Lloyds Liste, in welcher jede Woche durch
Feuer zerstörte Segel-Schiffe angezeigt sind. Die Zahl der durch
Feuer verunglückten oder durch raschen Beistand noch vom Untergange
geretteten Dampfschiffe ist freilich nicht bedeutend, aber wie viele
Dampfschiffe existiren auch! und doch kann ich mehrere anführen: ein
nahe an der Stadt Lübeck verbranntes russisches; der ganz neuerlich in
den V. St., im Werthe von 100,000 Piaster verbrannte Great-Western und
zwei durch rasche Hülfe gerettete englische Dampfschiffe, die London,
das von Hull nach London fahrende und die Great-Western vor der ersten
Abfahrt nach den V. S.
Von der Feuersgefahr überzeugte ich mich auf dieser Reise nach
Louisville mehr als je zuvor, indem hier noch einige Umstände dazu
kamen. Bei der Nacht ist sie noch größer als am Tage, weil die in dem
breiartigen Flußwasser schwimmenden Bäume (snags genannt) während
der Nachtzeit von den auf der obersten Decke des Schiffs stehenden
Steuermännern nicht gesehen werden können; wenn diese aber durch den
starken Strom gegen die Schiffe geworfen werden, so besitzen sie
die Kraft, die Maschinerie in Unordnung zu bringen und dadurch das
Auffliegen des Schiffs zu verursachen. Es werden nicht nur täglich
60 Klafter von sechs Fuß langem Brennholze verbraucht und dadurch
eine ungeheure Gluth in den Oefen fortdauernd erhalten, sondern
nebenbei wird durch das Verbrennen von zwei großen Fässern Pech die
erforderliche Quantität von Dämpfen zum Durchbringen des Schiffs in
dem breiartigen Wasser verbraucht. Wenn nun Jemand die feurigen Funken
und Kohlen, gleich einem Feuerregen aus dem Schornstein hervorfliegen
sieht, so muß er, und wäre er auch der Muthigste, besonders bei den
dunkeln Nächten, in Grübeleien gerathen, und wird sich der Furcht nicht
ganz erwehren können.
Jeder der Reisenden hatte daher auch einen Live-preserver bei sich;
es sind dies wasserdichte Gürtel, von demselben Stoffe, der zu
den Mänteln dieser Art verwendet wird. Auf mehreren der dortigen
Dampfschiffe findet sich in jedem der Betten ein solcher. Jeder meiner
Reisegefährten hatte seinen Gürtel zur Tages- und Nachtzeit in der Hand
und war beschäftigt, Luft hineinzublasen und ihn zu füllen. Nur ich
hatte keinen solchen Lebens-Retter mit und ward deshalb von Allen wegen
großer Nachlässigkeit getadelt.
Um mir eine Uebersicht von der Quantität Holz zu verschaffen, die
jährlich in den Dampfschiffen auf dem Mississippi und Ohio verbraucht
wird, erkundigte ich mich genau beim Capitain und den Steuermännern,
wie groß die Anzahl der zwischen New-Orleans und den andern Städten
fahrender Dampfschiffe sei. Von beiden Theilen wurde dieselbe auf
640-650, und die Anzahl der Reisen auf 15-16 hin und eben so viel
zurück bestimmt. Ich beschloß, die Rechnung auf die mäßigste Weise
anzulegen und auszuführen. Ich ließ demnach die gesammte Anzahl Schiffe
nicht mehr als zehn mal hin und zurück fahren, und gab den Schiffern
die unmögliche Hinfahrt von 6½ Tagen Dauer und zur Rückfahrt (mit dem
Strome) 3½ Tage. Nach dieser Berechnung wäre für ein jedes der Schiffe
6000 Klafter und für die gesammten auf jenen Strömen fahrenden Schiffe
ein Quantum von nicht weniger als 3,900,000 Klafter Brennholz nöthig.
Es läßt sich mithin folgern, daß inclusive der übrigen Dampfschifffahrt
und Wagen wenigstens 4½-5 Millionen Klafter Holz in den V. S.
verbraucht werden. Diesen Verbrauch des Brennmaterials kann nur
derjenige, der das Land kennt, wie enorm und gefährlich derselbe auch
scheint, als wohlthätig erkennen. Ohne Dampfschiffe wären die V. S.
unglücklich, sie sind zur Cultivirung des Landes unbedingt nothwendig,
indem die Urwälder vielleicht noch nach einem Jahrhundert in solcher
Fülle da stehen werden, als wäre noch kein einziger Stamm aus denselben
genommen werden; ich habe die Urwälder im russischen Asien und sonst
gesehen, aber sie sind gar nicht mit diesen zu vergleichen.
Der Ertrag des Holzes, welches von den Schiffern für 2½-3 Piaster
gekauft wird, sichert den Grundeigenthümern sehr häufig den fürs Land
bezahlten Preis, welcher 1¼ höchstens 1½ P. pro Acker beträgt, und
oft auch die Unkosten für Urbarmachung desselben. Die Uferbewohner
harren stets auf das Signal eines vorbeifahrenden Schiffs und stellen
sogar eine Wache ans Ufer, um, sobald mit der großen Schiffs-Glocke
das Signal gegeben wird, bereit zu sein; das Holz steht bereits
abgemessen da, der Holz-Inspector steigt vom Schiffe, mit dem
Maaß-Stocke in seiner Hand und empfängt die 30 Klafter, welche für
die ersten 12 Stunden erforderlich sind. Das Herbeibringen dauert
nicht lange, aber doch wohl eine volle Stunde. Zu dieser Arbeit
werden die Deck-Passagiere gebraucht, denen diese Arbeit bei der
Entrichtung des Passagiergeldes zur Bedingung gemacht worden ist.
Arbeitslustige bezahlen 5 P. für die Fahrt, Andere 8-10. An Arbeitern
kann es daher den Dampfschiffen nie fehlen. Die Arbeiter, welche auf
Ruder-Fahrzeugen (mit dem Strom) Baumwolle und Getraide von Natches,
St. Denis, New-Madrid, Rom, Louisville und mehreren andern Städten nach
New-Orleans geschifft haben, können auf ihren Fahrzeugen nicht gegen
den Strom zurückreisen; sie müssen dieselben in New-Orleans verkaufen
und begeben sich dann auf die Dampfschiffe.
Die Städte auf der ganzen Tour von New-Orleans bis Pittsburg sind, mit
Ausnahme von Cincinnati, höchst unbedeutend; außer den oben bereits
angeführten sind noch zu nennen: Point-pleasant, Portsmouth, Warsaw
(Warschau), Hannibal und Hamburg, die aber alle nichts besonderes
zeigen.
Auf dem Ohio wird es für jene Arbeiter noch leichter, weil die
Holz-Eigenthümer die erforderliche Quantität Holz bereits in Barken
eingepackt haben, welche, sobald das Signal gegeben worden ist,
aufpassen, um das Tau, welches vom Dampfschiff herabgeworfen wird, zu
befestigen, worauf sie während der Fahrt das Holz hineinwerfen; die
Arbeiter haben also dasselbe nur zu ordnen.
Diese meine Reise auf dem bedeutendsten Flusse Nord-Amerika’s rief mir
diejenige Gedächtniß zurück, welche ich vor vielen Jahren auf einem
der größten Ströme Asiens, auf dem Obi machte. Der Vergleich, wozu ich
unwillkührlich getrieben wurde, fiel, was die Landschaft betrifft,
nicht zum Vortheil Asiens aus, was aber die Menschen betrifft, die an
den Ufern beider Flüsse leben, so erinnerte ich mich mit Vergnügen der
an letzterm Flusse wohnenden Nomaden, der vom Fisch- und Zobelfang
lebenden Ostiacken und Tungusen, bei welchen ich einkehrte. Sie wohnen
nur in Jurrten, allein dieselbe haben eine bessere Form, ein besseres
Aeußere und ein reinlicheres Innere als ich an den Hütten entdeckte,
welche von Republikanern, von Besitzern von Baumwoll-Plantagen,
Kornfeldern, Heerden und vieler Neger-Sclaven bewohnt werden. Erstaunt
war ich, als ich die häusliche Einrichtung und die Lebensweise
vieler am Mississippi wohnenden Republikaner sah. In einer kleinen
erbärmlichen Hütte residirt eine Familie bedeutenden Umfangs. An der
Außenseite derselben befinden sich Hängematten, in welchen man nicht
selten 3-4 Kinder in puris naturalibus zusammengepackt liegen sieht,
wahrscheinlich damit die hierselbst in den Wäldern einheimischen
Insekten an den kleinen Schlafenden ohne große Mühe Durst löschen
können. Schon hier überzeugte ich mich, nachdem ich die Cultur dieser
Waldbewohner am Mississippi genauer kennen gelernt, daß das gepriesene
Glück der Bewohner der V. S. einen großen Theil derselben wenigstens
nicht erreicht, da sie sich noch im rohen Natur-Zustande befinden.
Nach diesem überzeugte mich von dem übermäßigen Wachsthum der
Baumwolle. Ich hielt immer auch früher die Production der Baumwolle
für übermäßig, und die Aeußerungen, die ich mir in dieser Beziehung
als kaltblütiger Kaufmann, besonders in Manchester erlaubte, fanden
nichts als Widerspruch, es wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich weiße
Baumwolle mit zu schwarzen Augen ansehe. Ich suchte jetzt Facta zu
sammeln, wonach man diese Sache bestimmt beurtheilen könnte und der
Leser mag sich selbst aus denselben überzeugen, ob ich Recht hatte.
Wie außerordentlich hat sich die Production der Baumwolle seit den
letzten 50 Jahren, als ich in meiner väterlichen Handlung zuerst als
Lehrbursche eintrat, vermehrt!
Im Jahre 1791 erzeugten die V. S. an Pfund.
Baumwolle 188,316
Im Jahre 1798 um 7 Jahre später schon 19,000,000
-- 1802 um 4 Jahre später 27,500,075
-- 1819 nach 17 Jahren 87,997,045
-- 1820 nur um 1 Jahr später 127,860,152
-- 1830 10 Jahre hierauf 298,459,102
-- 1838 nach 8 Jahren 639,001,000
+Von dieser letztern Quantität wurden in demselben Jahre in den
Fabriken der V. S. circa 98,000,000 Pfund verarbeitet und das Uebrige
nach Europa verführt.+ Es ist unbedingt zu erwarten, daß die
Produktion in dem nächsten halben Jahrhundert noch einem weit größern
Maßstabe zunehmen wird; wenigstens giebt die Menge von deutschen
Auswanderern, welche alle zur Cultivirung der Ländereien in den V. S.
gebraucht werden, Raum zu dieser Vermuthung; rechnet man nun noch die
in Egypten, Ostindien und Texas produzirte Baumwolle hinzu, was soll
dann am Ende mit dieser ungeheuren Quantität von Baumwolle angefangen,
wozu soll sie verwendet werden? und wird der daraus erzeugte Stoff
wohl so viel Ertrag geben, daß die Produzenten auch nur zur Hälfte
für ihre Mühe und Arbeit belohnt werden? Gewiß nicht! Laboriren doch
beide Theile schon jetzt an der Schwindsucht! Zwar ist England mit
seinen vielen Spinnereien im Stande, für die ganze Welt den Garn-Bedarf
anzufertigen und verdient deshalb wohl das große Welt-Spinnhaus genannt
zu werden, aber wird und kann das Volk und Land dabei blühen? Da ich
später auf diesen Gegenstand zurückkomme, so bemerke ich vorläufig nur:
England muß zu Grunde gehen, wenn es nicht von dem Vorsatz, alle auf
der ganzen Welt erzeugte Baumwolle aufzuspinnen, zurücktritt.
Für den etwa reiselustigen Leser wird es nicht unangenehm sein, etwas
über die Einrichtung auf den Dampfschiffen zu erfahren. Die Diana
gehört, da sie den Brief-Beutel führt, zu denen der ersten Klasse.
Untersucht man sein Bett, so erschrickt man und legt man sich hinein,
so wird man von Ekel ergriffen; man empfindet einen Schweißgeruch,
welcher andeutet, daß seit vielleicht 12 Monaten keine Wäscherin etwas
mit den Bett-Ueberzügen zu schaffen hatte. Passagiere werden, so viele
sich nur melden mögen, aufgenommen. Bei der Ankunft in Louisville ist
die Anzahl derselben um das dreifache gewachsen, weil in jedem Ort,
den das Schiff passirt, mehrere hinzukommen. Hat der Capitain seine
Summe vom Passagier erhalten, so beauftragt er seinen Mulatten, dafür
zu sorgen, daß der Reisende um 10 Uhr Abends ein Lager zum Ausstrecken
bekommt. Da aber in der Regel die Anzahl der Passagiere die der Betten
um das dreifache übersteigt, so errichtet der Mulatte eine Art von
Hängematte, die vier Etagen hoch und einem Gerüste ähnlicher als
einer Schlafstelle ist, so daß es für den oben auf Nr. 4. liegenden
fast lebensgefährlich ist, hinaufzuklettern. -- Gehen wir zum Essen.
Der Tisch für 50 Personen (für mehrere ist nicht Raum) ist gedeckt.
Das Brod ist schon am frühen Morgen in Portionen geschnitten worden
und wird daher, bei der übermäßigen Hitze den Zwiebacken ähnlich.
Die Mulatten und Neger, die keineswegs ihre Lehrjahre als Kellner in
Frankfurt a. M. durchgemacht haben, sind emsig mit dem Tranchiren der
Braten beschäftigt. Sobald sie dies Geschäft im Schweiß des verdächtig
couleurten Angesichts beendet haben, setzen sie die Stühle hinter jedes
der Couverte und der Capitain wird jetzt benachrichtigt, daß ihre
Meisterwerke beendigt seien. Dieser verfügt sich jetzt zu den Damen,
um sie zum Mittagsessen einzuladen. Während der ganzen Procedur vom
Beginn des Tranchirens an stehen diejenigen Herren, welche so glücklich
waren, einen Stuhl zu erhaschen und durch Festhalten zu behaupten
verstanden, unbeweglich hinter demselben und kauen zum Zeitvertreib
dabei ihren Kentucky-Taback. Diejenigen, welche bei der Besitznahme
der Stühle nicht rasch genug waren, befinden sich schon wieder draußen
auf dem Deck. -- Jetzt tritt der Bellman (Glockenläuter) mit einer
sehr großen Metall-Handglocke in die Saal-Thüre und giebt das Signal
zum Sitzen. Die Spucknäpfe, deren einige Dutzend hinter den Stühlen
der Herren in gerader Linie aufgestellt sind, sind so gefällig ihre
Reste von dem edlen Tabackskraute entgegen zu nehmen. Kaum sitzen die
Herren fünf Minuten, so sieht man sie schon aufstehen und im Fortgehen
ihren letzten Bissen verzehren, um ihren Kentucky-Freund aufs Neue im
Munde zu empfangen. Mulatten und Neger eilen jetzt herbei, säubern den
Tisch so rasch und gut wie möglich, indem von Außen die ungesättigten
100 sich mit Eifer nach dem Saale hin drängen. Es wird wieder viel und
geschwind von den Ueberbleibseln geschmaust und zwar wegen Mangel an
Tellern mehrere Gerichte von einem und demselben; worauf die zweite
Abtheilung der dritten Platz macht. Diese muß sich dann mit den kalten
Ueberresten begnügen. Die beiden letzten Abtheilungen sind nicht nur
die weniger Verzehrenden, sie werden auch überhaupt etwas vernachläßigt
und sind dem Verzehrtwerden ausgesetzt, denn die beiden Mulatten, die
zum Verscheuchen des Ungeziefers angestellt sind, legen ihre von Federn
angefertigten Scheuchen nieder und setzen also die Essenden diesen
Bestien aus.
Bis um sieben Uhr Abends promenirt Jeder auf dem Verdeck des
Schiffes, ergötzt sich an den schönen Ufer-Gegenden oder steigt, wenn
Brenn-Material eingenommen wird, ans Land um sich in den herrlichen
Wäldern unter den merkwürdigen Pflanzen und Thieren umzusehen. Wir
hatten einen trefflichen Schützen bei uns, der die Tour stets mit der
Pistole in der Hand mitmachte und besonders manche Schlange (jedoch
kleine und unschuldige) schoß. Um sieben Uhr wird das Signal zum
Thee d. h. Abendessen gegeben, wobei es eben so tumultuarisch wie am
Mittage zugeht. Eine Stunde nach dem Souper, etwa um neun Uhr finden
sich die resp. Bett-Architecten, die Mulatten, zum Aufbauen der
vier Etagen hohen Bettgerüste ein. Während diese mit großem Fleiße
bauen, schwärmen ihre Collegen umher, um für die unerwarteten vielen
Passagiere einzelne Bettstücke als Kopfkissen u. s. w. aus den Betten
der von New-Orleans Mitgekommenen zu kapern; so fand ich auch einmal
einen bei meinem Bette in voller Arbeit. Da die Betten jedoch nicht
für die Hälfte der Reisenden zureichen, so ist es kein Wunder, daß
man dieselben sehr eifrig und pfiffig spekuliren sieht, um eins zu
erhaschen. Es geht hierbei nicht minder bunt zu, wie beim Mittagsessen.
Die Kleider werden abgeworfen und liegen in einem so beklagenswerthen
Zustande auf dem Boden, wie ihre Eigenthümer auf den Lagern. Jetzt
ist der Saal mit Schlaf-Pavillons und mit Schlafkünstlern gefüllt,
allein da stehen noch 20-25 bettlose stattliche Yankees, mit kläglicher
Stimme den Capitain um Beistand anflehend. Dieser kann nichts anderes
thun als ihnen freundschaftlich rathen, die herrliche Nacht auf dem
Deck zuzubringen und den folgenden Tag sich auszuschlafen. -- Hierbei
ist zu bemerken, daß hier überhaupt nicht das in Europa übliche Recht
gilt, nach welchem man von der Abfahrt an bis zum Bestimmungs-Orte der
Reise, als Eigenthümer eines Platzes angesehen und behandelt wird. Hier
nimmt Jeder den ihm besser scheinenden Platz ein, wie lange auch sein
Vorgänger schon den Platz behauptet haben mag. Deshalb hat das Reisen
in den Kutschen schon in dieser Hinsicht viel Unangenehmes, allein
es ist auch wegen der bösen Wege, wegen des hierdurch entstehenden
langsamen Fahrens, wegen der schlechten und theuern Gasthöfe an den
Fahr-Straßen -- nicht zu empfehlen.
Den Rath des Capitains, die Tageszeit zum Ausschlafen zu wählen,
befolgen diejenigen am liebsten, welche, wie die meisten Amerikaner,
Hang zum Hazard-Spiele haben; für diese Leute ist dann der Bettmangel
eine Goldangel, allein Mancher opfert außer der nächtlichen Ruhe
auch sein Geld. Mit dem Glockenschlage: fünf! wird die Zeit zum
Aufstehen signalisirt, damit der Saal zum Frühstücken, welches von
6-8 Uhr dauert, geräumt werden könne. Jetzt nun beim Ankleiden erhebt
sich die größte Confusion: Alle und ein Jeder sucht einen Theil
seiner Garderobe, die schon durch Nachlässigkeit beim Auskleiden
ein wenig sich vermischte, jetzt aber durch den Diensteifer der
Mulatten, welche um den Saal rasch zu räumen, alle Kleidungsstücke
auf einander werfen, in der größten Unordnung durcheinander liegt.
Ist diese Verlegenheit beseitigt, so eilt man dem Wasch-Loch auf dem
Verdeck zu. Hier findet man einen Raum, in welchem für drei Personen
Platz ist: auf einem an der Wand befestigten, sehr schmalen Brette
befinden sich drei Waschbecken von weißem Blech in Fesseln, worin
man das schmutzige Wasser der Vorgänger findet; auf dem Tische liegt
zum allgemeinen Gebrauch ein butterweiches Stück Seife. Auf einer an
der andern Wand angebrachten Rolle hängt ein etwa fünf Ellen langes
Handtuch von der Art wie man sie in unsern Fuhrmanns-Herbergen findet,
an welchem sich schon am frühen Morgen die sämmtlichen Mulatten und
zarten Neger Gesicht und Hände getrocknet hatten und welches für 150
Personen bestimmt war. Am Eingange des Waschlochs endlich befindet
sich ein Eimer, mit dem lehmigten Mississippi-Wasser gefüllt, zur
beliebigen Selbstbedienung. Da ich glücklicher Weise Handtücher und
Seife mitführte, so sagte eines Morgens ein Yankee zu mir: „Die
Amerikaner sind durchgängig gesunde Menschen; Ihre Vorsicht ist
daher überflüssig.“ -- Solche Reisen, wie die gegenwärtige auf dem
Mississippi und die frühern auf dem Obi sind also im Ganzen betrachtet,
interessant, aber sie sind auch, was die Lebensweise betrifft, mit so
viel Unannehmlichkeiten verknüpft, daß man an Einemmale genug hat.
Schon am sechsten Tage hatten wir uns zum Aerger der mit unserer Göttin
Diana rivalisirenden Dampfschiffe: Sultan und Monarch, welche ihrer
Kühnheit wegen auf der Liste der Todeskandidaten zu stehen verdienen,
so weit durchgearbeitet, daß der Capitain uns die Ankunft auf den
folgenden Abend mit Gewißheit verkündigte. Der Mississippi soll, wie
unser Capitain meinte, und wie man auch im Allgemeinen glaubt, die
Kraft haben, die Zahl der darauf Umkommenden reichlich zu ersetzen,
durch die Eigenschaft nämlich, welche der Emser Brunnen besitzt,
wodurch die Neger-Bevölkerung mit jedem Jahre zunimmt. Es sei etwas
sehr gewöhnliches, setzte er hinzu, daß die Negerinnen Zwillinge und
Drillinge gebähren, ja man höre oft von 4-5 Exemplaren.
Während der letzten Nacht war die Fahrt von der Art, daß alle
Passagiere in Unruhe geriethen, weil sie glaubten, daß in Verhältniß
zu dem sehr schmalen Raum im Kessel, welcher ohnedies durch den vielen
Sand aus dem Mississippi-Wasser noch um Vieles kleiner geworden war,
viele Dämpfe angewendet würden. Es war freilich ein ungewöhnliches
Getöse, ein Klappern der Gläser, Tische etc. vernehmbar, aber um
stromaufwärts in einem so reißenden Fluß, wie dem Mississippi zu
fahren, ist viele, sehr viele Dampfkraft erforderlich.
Am folgenden Abend um neun Uhr langten wir am Kanale von Louisville
an, woselbst der Capitain zur Ersparniß von 50 Piastern, die das
Hinauffahren kostet, zu bleiben beschloß. Unsere göttliche Diana wurde
neben den Ruinen eines Dampfschiffes befestigt, worüber ich nach
näherer Erkundigung erfuhr, daß es Bugann geheißen und vor ungefähr
10 Tagen durch Zersprengen des Kessels gegen 40 seiner Passagiere den
Kirchhöfen überwiesen habe. Mit mehrern Reisegefährten beschloß ich,
das Wrak näher zu besichtigen und wir bestiegen dasselbe mit brennenden
Lichtern in den Händen; hierbei fand ich, daß derjenige Theil des
Schiffes, worin sich mein Bett befand, im Bugann ganz und gar zerstört
und aufgelöst war. Wir plauderten noch lange über unsere ausgestandene
Gefahr, von welcher wir uns jetzt um so lebhafter überzeugt hatten und
legten uns nachher ruhiger als die vorige Nacht zu Bette.
Am folgenden Morgen hatten sich viele spekulirende Fiaker von
Louisville eingefunden. Es wurden jetzt Parthieen zu vier Personen
arrangirt, die von jenen Fiakern nach der Stadt gebracht wurden. Unser
Führer, war ein wahrhafter Riese, ein junger Mann von 22 Jahren und wie
er sagte, 7¾ Fuß Höhe. Als er uns nach Louisville gebracht hatte,
forderte er auch einen riesenmäßigen Lohn, nämlich einen Piaster von
einem Jeden, der den gewöhnlichen um mehr als das Doppelte überstieg.
Da er indeß versicherte, daß er gewöhnlich mehr als andere Fuhrleute
bekomme, weil die Meisten Gefallen an seiner Figur fänden, so sträubten
auch wir uns nicht dagegen.
In Louisville bemerkte ich bald, daß es nicht der Mühe werth sein
würde, hier längere Zeit zu verweilen. Alle am Mississippi und Ohio
gelegenen Städte haben denselben Anstrich von Unvollendung; sie liegen
alle auf Bergen und erscheinen daher vom Ufer aus sehr hoch. An der
Wasserseite wohnen die meisten Geschäftsleute, welche Läden haben, um
sogleich bei der Hand zu sein, wenn geldbedürftige Handelsleute mit
geldwerthen Gegenständen von New-Orleans oder New-York ankommen. Diese
Ladenherren sind meistens alle Deutsche oder französische Ausreißer,
die, wenn die Umstände darnach sind, auch von dort wieder ausreißen und
anderswo wieder unter anderer Firma auftreten.
Meine Wißbegierde in Betreff von Louisville’s Neuigkeiten war bald
gesättigt, weshalb ich meine Reise ohne Zögern fortzusetzen beschloß
und den steilen Berg hinunter, dem Ufer zu schlenderte. Da traten
mehrere Deutsche an mich heran, mit denen ich nichts zu schaffen
haben wollte und um solchen Leuten zu entgehe, beschleunigte ich um
so mehr meine Abreise. Da lagen drei Dampfschiffe, welche um ein Uhr
nach Cincinnati absegeln wollten: das Postschiff Pick (Hecht) mit den
Briefen, ein überaus geschwindes Schiff. Auf diesem Raubfische wollte
ich meine Reise fortsetzen, allein ich gab bald dies Vorhaben auf, als
ich kaum so viel Platz fand, um bis zum Bureau gelangen zu können. Fort
also zu dem zweiten Dampfschiffe, zum Robert Fulton, dachte ich, dem du
doch wegen Erfindung der Dampfschifffahrt Dankbarkeit schuldig bist,
allein wider Erwarten und zu meinem großen Erstaunen fand ich hier so
viele Dankbare, -- er war noch mehr überladen als der Pick, so daß ich
auch von hier mich zurückzuziehen veranlaßt sah.
In einer sehr kurzen Entfernung vom Fulton lag die loyal Anna. Kaum
hatte ich sie erblickt, als ich auch mit guter Hoffnung mich ihr
näherte, da Hagestolze, zu denen ich doch nun einmal gezählt werden
muß, gern mit loyalen Frauen Umgang haben. Noch nie habe ich eine
solche Propretät auf einem Schiffe wahrgenommen, wie auf diesem, man
bemerkte hier außer der Reinlichkeit noch ein gewisses Etwas, was nur
von den Frauen herrühren kann. Erst später erfuhr ich, daß dieses
Schiff ein Spielzeug, eine Puppe des sehr reichen Capitains sei,
welcher auf dessen Verschönerung mehr als auf die seines Wohnhauses
verwendet. -- Sieben Männer hatten sich bei der loyal Anna gemeldet
und keine einzige Dame -- eine geringe Anzahl Bewerber für eine so
schöne Miß, indeß trat ich sofort zu diesen über. Wir fuhren zwar um
Vieles langsamer, als der Pick und Fulton, aber dafür auch bequemer und
sicherer. Unsere Reise sollte nach Cincinnati und von da nach Pittsburg
gehen.
In Cincinnati sagte mir der Capitain, daß Frau Anna sich erklärt
hätte, sie könne, als eine Frau von so vortrefflichem Baue, nicht mit
sieben Männern zufrieden sein; alle Frauen würden von Launen regiert,
in welche man sich fügen müsse; sie werde wohl ein bis zwei Tage hier
verweilen, um noch einige Männer mehr zu acquiriren, und siehe da! als
die Glocke zur Abfahrt ertönte, da schwärmten um diese Liebenswürdige
so viele neue Verehrer, daß es den alten, wie vielen Männern nach der
Verheirathung ging -- es waren keine Plätze mehr, weder zum Stehen noch
zum Niedersetzen, zu finden.
Der Aufenthalt in Cincinnati kam mir nicht so sehr unangenehm; dieser
Ort wird in den V. S. City (große Stadt) genannt, allein sie ist nichts
weniger als das; jedoch verdient sie ihrer Anlage nach, nach dem, was
sie einmal werden kann, allerdings diesen Namen. Cincinnati ist, wie
die anderen Städte an diesem Flusse, in einer Höhe von etwa 200 Fuß vom
Ufer gebaut. Alle Buden befinden sich an der Wasserseite und sind nicht
zum dritten Theil für die Schacherwelt hinreichend. Die Miethen sind
daher so enorm, daß sie im Allgemeinen wohl das doppelte von denen in
New-York und Philadelphia betragen. Die Baulust ist aus diesem Grunde
sehr groß und nimmt mit jedem Tage zu. Jedoch fehlt es an Grund für
solche Gebäude, in welchen die einträglichsten Geschäfte betrieben
werden könnten, nämlich am Ufer.
Cincinnati’s Bevölkerung beläuft sich auf etwa 40,000 Einw., unter
denen Deutsche, wenn nicht die Hälfte, doch wenigstens den dritten
Theil ausmachen; von diesen sind wohl 8000 Juden, welche vor einiger
Zeit eine in schönem Stil erbaute Synagoge einweihten. Ich lernte
mehrere Deutsche dort kennen, auch wurde ich von Mehreren angeredet,
die vorgaben, mich zu kennen und mich auch wirklich bei meinem Namen
anredeten. Alle versicherten, zufrieden zu sein, verriethen jedoch in
der Conversation Unzufriedenheit; sie redeten stets von Millionen und
konnten von Menschenkennern ihrer Kleidung und ihrem Aeußern nach,
für nichts anders als Tagelöhner gehalten werden. Der Ort an und für
sich bietet nichts Merkwürdiges dar; die Umgegend ist nicht besonders
reizend. Er eignet sich zum Speditions-Geschäft und treibt dieses auch
in der That, aber auf eine sehr unvollkommene Weise, und zwar aus
dem Grunde, weil es an Arbeitsleuten fehlt, die bei einem Geschäft
solcher Art nicht zu entbehren sind. Die Güter, welche zur Spedition
dort ankommen, werden deshalb oft -- zu Wasser, wie ich während meines
Aufenthalts selbst Augenzeuge eines solchen Vorfalls war. Es langte
nämlich ein Dampfschiff an, welches 15 große Fässer Zucker für jenen
Ort geladen hatte, die der Capitain am Ufer abladen und hinwerfen
ließ, um sofort weiter zu fahren. Während der darauf folgenden Nacht
schwoll aber der Fluß dermaßen an, daß der Herr Spediteur, als er
am andern Morgen mit seinen Arbeitern hinzukam, statt des Zuckers
Zuckerwasser in den Fässern fand. Ganz amerikanisch-kaltblütig
fragte er die Umherstehenden: what can I do? Uebrigens spricht jeder
Amerikaner mit Respekt von diesem Orte, so daß es mir lieb war, ihn
kennen gelernt zu haben.
Desto lästiger dagegen wurde mir der Aufenthalt auf der Anna, da es,
wie schon bemerkt, nicht nur an Raum fehlte, sondern unter den neuen
Passagieren hatte sich auch eine große Anzahl von Spielern eingefunden,
die den Raum durch einen großen Tisch, an welchem sie Stoßen, das
alte und beliebte deutsche Hazard-Spiel, spielten, unter Beistand
einer Menge von Zuschauern dermaßen beengten, daß mir nichts zu thun
übrig blieb, als mich nach den untern Regionen des Schiffs zu den
Deck-Passagieren zu begeben.
Daselbst bemerkte ich mehrere deutsche Familien; da saßen Einige
mit Bibeln vor sich, Andere in Kattun-Jacken, schmauchend nach
alt-deutscher Weise, aus kurzen deutschen Pfeifen von dem edeln
Kentucky-Taback, den die Amerikaner lieber auf nassem Wege auflösen.
Die Frauen derselben strickten zum Ärger der Chemnitzer Strumpfwirker
und zur Freude der Amerikanischen Produzenten Strümpfe aus der auf
Amerikanischem Boden gewachsenen Baumwolle. Da ich Bekanntschaft
mit diesen Leuten anknüpfen wollte, so näherte ich mich zuerst den
Bibellesern, in der Meinung, daß diese die weniger Glücklichen in der
Gesellschaft sein müßten, indem die Meisten im Unglück sich entweder
zur Religion oder zum Aberglauben wenden. Ich hatte mich darin auch
nicht geirrt, dann sie versicherten mir, in jeder Rücksicht sehr
unglücklich und, obgleich sie schon ein Viertel-Jahrhundert in Amerika
zugebracht hätten, noch immer sehr arm zu sein.
Hierauf näherte ich mich den Taback rauchenden Männern und
Strümpfe strickenden Frauen. Von diesen erfuhr ich, wie die
amerikanisch-deutsche Auswanderungs-Commissionaire in New-York sie
schändlich betrogen und irre geleitet hätten. Sind doch Commissionaire
ein tödtendes Gift in allen Branchen, dachte ich, da mir schon in
Louisville ein pallastähnliches Haus gezeigt worden war, welches ein
Deutscher auf Unkosten der armen Einwanderer erbaut hat, indem, wie
sich der Amerikaner ausdrückte, der es mir zeigte, zum Fundament
desselben die Seufzer der Unglücklichen, zum Löschen des Kalks die
Thränen derselben verwendet wurden. Diese Unglücklichen müssen sich
wegen Mangel an Sprachkenntnissen gleichsam als Sclaven an den
Commissionair verkaufen und das sehr wohlfeil gekaufte Land für ihn
kultiviren. Einen aus der Gesellschaft, der mir am klügsten schien,
ersuchte ich, mich mit der Art und Weise, wie jene Commissionaire in
New-York mit ihnen verfahren hätten, bekannt zu machen. Vermuthlich
nicht so arg, wie die Havaneser uns armen Kaufleuten, dachte ich
hierbei. „Die verdammten Diebe,“ hob der Erzähler an, „haben uns vom
ersten Augenblick unserer Ankunft an konfuse gemacht; sie haben uns
zu Reisen verleitet, wodurch das Wenige, was uns nach Zahlung der
125 Francs Reisekosten noch übrig blieb, aufging; jetzt müssen wir
alle zurück, weil hier, wo uns die Diebe hingeschickt haben, Nichts
zu machen ist.“ Als ich hierauf bemerkte, sie hätten besser gethan,
Deutschland nicht zu verlassen, weil man, um hier etwas anfangen zu
können, wenigstens 1000 Piaster baares Geld mitbringen müßte, lachten
sowohl die Strickenden als die Rauchenden, und Einer meinte: „wenn wir
1000 Piaster gehabt hätten, so wären wir sicher noch zu Hause und
tränken Wein für sechs Kr., während wir hier Essig mit ½ Piaster
bezahlen müssen.“ -- Dies vorläufig als Warnung für den Auswanderer;
ich werde später genauer hierauf zurückkommen, da ich bei meinem
zweiten Aufenthalt in New-York diese Suche genauer kennen zu lernen
Gelegenheit hatte, und setze vorläufig meine Reise nach Pittsburg fort,
um baldigst in New-York einzutreffen, wonach ich mich um so mehr sehne,
da die loyal Miß Anna um Vieles zu liberal geworden war.
Wir langten nach einer viertägigen Fahrt in Pittsburg, dem Birmingham
der V. S. an. Jeder Amerikaner spricht in tiefster Ehrfurcht von dieser
Stadt, von welcher es in den statistischen Berichten heißt, es würden
für 30 Millionen Piaster Waaren hier fabrizirt; einige Tage hier zu
verweilen, um die bedeutenden Fabriken in Augenschein zu nehmen und
ihre Erzeugnisse zu prüfen, war mein Vorsatz.
Schon am Ufer gewahrte ich, daß Eisengießereien hier ein bedeutender
Erwerbszweig sein müssen, indem eine bedeutende Masse von Gußwaaren
zum Einladen bereit lag. Zunächst begab ich mich nach dem Innern der
Stadt, um das Exchange-Hotel (Börsenhaus), wohin sich viele meiner
Reisegefährten begeben hatten, aufzusuchen, was mir auch, da Pittsburg
sehr regelmäßig gebaut ist, ohne Mühe gelang. Wie ein hungriger
Jagdhund über seine Speise, so fiel ich über die seit vier Tagen
entbehrten Tagesblätter her und fand mit Schrecken und mit Freuden
zugleich die Verunglückung des Dampfschiffes Albany, mit dem ich
anfangs reisen wollte. -- Um die Fabriken aufzusuchen, begab ich mich
auf eine Anhöhe und richtete die Augen nach dem Himmel zu; ich bedurfte
nicht, wie die Astronomen, wenn sie Kometen suchen, eines Teleskops;
ich merkte auf die dichten Rauchwolken, die aus den hohen Schornsteinen
hervorströmen und konnte sicher sein, eine Fabrik zu finden.
Zuerst gelangte ich zu einer Glasfabrik, in welche ich ungenöthigt
hineintrat. Nur der Aufseher war zugegen und so gefällig, mir vieles
Hübsche zu zeigen. Ich ersah, daß die Glaswaaren hier nicht, wie in
Böhmen oder Schlesien, geblasen, sondern gegossen werden, folglich
fällt hier das Schleifen weg, indem das Bunte auf diesen Gläsern in den
Formen erzeugt wird. Nach dieses Mannes Erzählung waren die Amerikaner,
als Erfinder dieser Fabrikation eine Zeitlang die Monopolisten darin,
jetzt aber, nachdem Engländer und Franzosen dieselbe Fabrikate
erzeugen, haben sie eine schwere Concurrenz zu bestehen.
Durch den Anblick eines mächtigen Granit-Quarrées auf einem Berge
angezogen, näherte ich mich demselben. Unerklärlich war mir diese
Erscheinung, eine so mächtige viereckige Felsenburg ohne Fenster und
Thüren; was kann das sein? Da ich neben diesem Felsenklumpen ein von
eben solchen Steinen errichtetes, aber unbeendetes Gebäude mit einer
prächtigen Kuppel sah, so trat ich in dasselbe, um mir Auskunft zu
erbitten. Ich freute mich sogleich einen Mann zu treffen, dessen
Anblick sonst Niemand sehr erfreut; den Schließer des Gefängnisses,
welcher sich im Souterrain jenes mir räthselhaften Granit-Quarrées
befand. Dies war so eingerichtet, daß die Zugänge zu demselben durch
das Souterrain des unbeendeten Prachtgebäudes, den neuen Gerichtshof
führten, und folglich jeder Arrestant, ohne sich müßigen Zuschauern
exponirt zu sehen, vor die Richterstühle gelangen kann.
Die benachbarte katholische Kirche ist auf ähnliche Weise gebaut.
Am Ufer fand ich ein Schiff, welches zum Hausiren auf dem Ohio bestimmt
war, zur Abfahrt fertig. Um diese schwimmenden Hausirer kennen
zu lernen, bestieg ich das Schiff, in welchem ich ein komplettes
geordnetes Waarenlager antraf. Die Mannschaft darauf versieht zugleich
die Dienste der Handlungsdiener; bei allen Ortschaften werden Verkaufs-
und Ankaufsversuche gemacht.
Den Mechanismus der sogenannten Snag-boats wollte ich jetzt kennen
lernen; diese Bote sind nämlich seit etwa zwei Jahren durch den
Washingtoner Congreß, auf dem Ohio und Mississippi eingeführt zum
Auffischen der in jenen Flüssen treibenden Bäume, welche den Untergang
so vieler Dampfschiffe herbeigeführt haben; es giebt derselben bis
jetzt nur sechs, obgleich für beide Ströme wohl 150 erforderlich sind;
ich freute mich, sie kennen gelernt zu haben, denn sie verdienen alle
Aufmerksamkeit.
Auf dem Rückwege von dort gerieth ich in eine Baumwoll-Spinnerei.
Der Fabrikant war eben damit beschäftigt, eine verkaufte Quantität
dem Käufer zuzuschicken. Da ich auf den Fünf-Pfund-Paqueten No. 10
bemerkte, so ersuchte ich den Fabrik-Inhaber mir eins von No. 40 zu
zeigen. „Hiermit beschäftigen wir uns nicht,“ erwiederte er, „die
Anfertigung solcher Nummern überlassen wir den Engländern, wir spinnen
nur bis zu No. 14, indem wir nicht so viel Capitalien haben, um mit
sechs Prozent, denn mehr liefern feine Garne nicht, zufrieden zu sein.
Auf Nummern wie diejenigen sind, welche wir spinnen, ist die Steuer
zu groß, und aus diesem Grunde verbietet sich die Einfuhr von selbst.
Besäße ich mehr Vermögen, so könnte ich mehr fertig schaffen und,
anstatt daß ich jetzt 3000 Pfund jeden Tag absetze, das dreifache
Quantum verkaufen.“ -- Es würde mich sehr freuen, wenn einer von den
geneigten Lesern so gefällig sein wollte, mir Aufschluß zu geben, warum
der Amerikaner, welcher die Baumwolle und Kohlen dicht an der Thüre
hat, mit den englischen Fabrikanten nicht soll concurriren können. Wäre
es nicht zweckmäßig, daß die Regierung einen Ausfuhrzoll von Baumwolle
erhöbe?
Während ich mich auf der Pittsburger Brücke befand -- alle Brücken
in den V. S., muß ich nebenbei bemerken, sind den Häusern ähnlicher
als den Brücken, indem sie zur Abhaltung des Schnees mit Dächern und
Fenstern versehen sind -- und mich der großen Granitblöcke, worauf die
Brücke ruht, erfreute, traf ich einen frühern Reisegefährten, welcher
mich bat, mit nach seiner Tuchfabrik zu reisen. Er beklagte sich sehr
über die Schmuggelei von England aus über Canada; noch mehr aber wegen
des hohen Zolls auf roher Wolle, wodurch den Woll-Produzenten, zum
Nachtheil der Fabrikanten ein sehr lästiges Monopol eingeräumt sei.
Dürften wir, setzte er hinzu, unsern Wollbedarf gegen Erlegung eines
Zolls, wie der in England festgestellt ist, von Deutschland einführen,
so würden wir England sehr bald bei Tuchen entbehren können.
Als die beste Reisegelegenheit, um von hier nach Philadelphia und
New-York zu kommen, wurde mir gerathen, auf einem Kanalboote bis nach
Harrisburg zu fahren. Diese Fahrt wäre mir indeß beinahe schlecht
bekommen, indem ich beim Durchfahren unter einer Brücke in die größte
Gefahr kam, erdrückt zu werden. Bis nach Harrisburg trafen wir wohl 100
Brücken und bei den höchsten derselben konnte man, auf dem niedrigsten
Punkte des Bootes aufrechtstehend, kaum ohne Gefahr durchkommen.
Deshalb befindet sich Abends ein Mann auf dem Posten um „Herren, eine
Brücke!“ als Warnungszeichen zu rufen. Diesmal rief er, als es schon zu
spät war, um von den Koffern, auf welche ich mich zum Schutz vor Regen
gesetzt hatte, herabzukommen. Ich warf mich sogleich auf den Rücken und
erwartete das Schlimmste, aber die Vorsehung ließ auch diese Gefahr
glücklich für mich vorübergehen. Ich enthalte mich der Beschreibung
dieser Treckschuiten (die nach der alten sächsischen Lehrmethode wohl
eher mit einem D zu schreiben sind), weil sie desselben nicht werth
sind. Jeder, der dergleichen Schiffs-Gelegenheiten in Holland gesehen
hat, welche den Amerikanischen zum Muster gedient zu haben scheinen,
wird meine Versicherung, daß 43 Personen in der Cajüte schlafen mußten,
in Zweifel ziehen, und 5 Nächte mußten wir in dieser peinlichen Lage
zubringen; drei Hängematten über einander, in vier Alleen eingetheilt,
lieferten sämmtliche Ruhestellen.
Uebrigens gewährte diese Reise sehr viel Abwechselung und Vergnügen in
mancher Hinsicht. Das Merkwürdigste hierbei war eine Fahrt von etwa
35 englischen Meilen über sehr hohe Gebirge auf Eisenbahnen, vermöge
des Mechanismus vieler Dampf-Maschinen, welche auf kurze Distancen die
mächtigsten Wagen mit dem allerschwersten Gepäck ohne Locomotive auf
die hohen Berge zogen -- so daß wir die 35 Meilen in sieben Stunden
zurücklegten. Es scheint, daß, zur Anlegung von Tunnels kein Fonds
vorhanden war, da man zur Beförderung der Güter auf den Canälen, zu
einer solchen Maaßregel hat schreiten müssen. Sobald wir von den sehr
hohen Bergen ohne Locomotive etwa 6 Minuten hindurch auf die Canäle
zu hinunterfuhren und bei denselben angelangt waren, stand ein Boot
und Pferde bereit; die Umpackung währte etwa sechs Minuten. -- Am
folgenden Abend passirten wir den herrlichen Fluß Susquehannah. Ueber
diesen führt eine herrliche Brücke, die ich in der Entfernung, da sich
an derselben zwei Gallerieen für die hin- und zurückziehenden Pferde
befinden, für ein Theater hielt. Die Gegend um diesen Fluß ist die
reitzendste von allen, die ich auf meinen vielfältigen Reisen gesehen
habe. Die Stadt Petersburg, welche an der entgegengesetzten Seite des
Flusses liegt, konnte ich bei der sich nähernden Abendzeit nicht gut
sehen.
In Harrisburg hören die Canalfahrten auf und die nach Philadelphia
führende Eisenbahn beginnt. Da wir das Reisegeld für die Fahrt von
Pittburg bis Philadelphia entrichtet hatten, so war es des Capitains
Sache, für unsere Weiterschaffung zu sorgen, was denn auch bald
geschah. Für die aus Pittburg angekommenen Reisenden wurden sowohl für
Personen als Gepäck eigene Wagen angewiesen; aus Harrisburg fuhren
mehrere Hunderte. Die Wagen waren alle für funfzig Personen und so
arrangirt, daß sie mittelst großer Zugänge gleich einem Wohnhause in
Verbindung stehen; man kann während der Fahrt die sämmtlichen Wagen
durchstreichen und die an beiden Seiten paarweise Sitzenden mustern.
Am Eingange des ersten, dicht an der Locomotive befindlichen Wagens,
in welchem zwei Abtheilungen angebracht sind, las man am Eingange zur
zweiten Abtheilung „Damenzimmer“. In diesem befand sich ein großer
Spiegel, nächst dem Manne, das erste Bedürfniß für Damen, Sopha,
Arbeitstisch. Von Harrisburg bis Philadelphia, (welche Entfernung 96
englische Meilen beträgt,) fährt man mit Einschluß der Zeit, welche
zum Frühstück und Mittagsessen zugestanden ist, sieben Stunden. Für
das letztere, welches verhältnißmäßig eben so rasch verzehrt werden
muß, als die Locomotive sich fortbewegt, wird ein eben so reissender
Preis, d. h. ½ Piaster oder 18 gGr. bezahlt. Beim Bezahlen bemerkt
man Viele, die bemüht waren, einige von den abgesetzten Bank-Noten,
womit ihre Brieftaschen sich in ungesegneten Umständen befanden und auf
Entbindung nicht hoffen dürfen, -- anzubringen, allein der Cassirer
hat das Textbuch vor sich liegen, bleibt im Text und besteht auf
werthvoller Bezahlung des werthlosen Mittagessens.
Auf der Tour von Harrisburg bis Philadelphia hat der deutsche Reisende
Gelegenheit sich über den Fleiss und die Ordnungsliebe seiner
Landsleute zu freuen, da diese die Bewohner jenes Strichs ausmachen.
Man glaubt hier in Deutschland zu sein, überall erblickt man Feld- und
Baumfrüchte; auf jedem Hause in den Dörfern glaubt man die Worte:
„Wohlhabenheit und Zufriedenheit“ zu lesen. Gutgekleidete Kinder
beiderlei Geschlechts drängen sich mit Blumen und reifen Baumfrüchten
an den Wagen, um für die bereits gehaltene Aerndte etwas für sie
Brauchbareres zu ärndten. Genug, man empfindet auf dieser Reise keine
Langeweile, wenn man nicht etwa unwohl ist, wie ich es ein wenig war;
ich hatte bei der Passage über die Berge ein Erkältungsfieber erhascht
und kam ziemlich krank in Philadelphia an.
Da saß ich in einem langen Omnibus, die alten kraftlos scheinenden
Rosse thaten Wunder, denn sie trabten von einem Gasthofe zum andern
und nirgends fand ich ein Plätzchen für mich. Obgleich vom heftigsten
Kopfweh gepeinigt, freute ich mich dennoch; war es doch ein Zeichen,
daß ich den Kopf nicht in Havana verloren hatte. „Fahre nach welchem
Gasthof du willst, nur nach keinem schmutzigen“, sagte ich zum
Omnibus-Kutscher und bald standen die Rosse vor Baltimore-house,
welches mir der Kutscher als ein gutes und sehr reines Haus anpries, in
dessen Nähe auch das Dampfschiff nach New-York abfahre.
Ich wurde in diesem Hause mit etwas versehen, was mir seit einer
Reihe von Jahren entfremdet war und das war -- ein Federbette welches
gut war, weil es den Dienst eines russischen Dampfbades versah und
mich dermaßen auf die Beine brachte, daß ich am folgenden Morgen in
Philadelphia umherzustreichen mich mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet
fühlte. Ich fand, daß Philadelphia ungefähr in demselben Verhältniß
zu New-York steht, wie Potsdam zu Berlin. Der Ort ist schön, weil
die Häuser durchgängig gut gebaut und die Straßen regelmäßig sind;
wenn man die vielen Canäle in denselben abrechnet, über die man aber
auch in New-York Beschwerde führen kann, aber nicht darf, weil die
Amerikaner leidenschaftlich am Canalbau hangen. -- Ich bestieg das
Rathhaus bis zu seinen höchsten Regionen, d. h. bis zur Glocke,
und war höchst überrascht, als ich die herrliche grosse Stadt mit
den vielen Kirchen und squares (Quarrées) nebst der herrlichen
Umgegend zu meinen Füßen liegen sah. Ich besuchte die Münze, das
Taubstummen-Institut, das Collegium und fuhr etwa drei Meilen weit nach
dem Wasserwerk, gelegen in einem Schweizerthal mit Bergen umgeben,
auf welchen sich die herrlichsten Anlagen befinden. Für diese Fahrt
hin und zurück bezahlte ich nur ¼ Piaster -- der wohlfeilste in den
V. S. mir erwiesene Dienst; muß man doch für das einmalige Putzen der
Stiefeln dasselbe bezahlen. Auch nach Vauxhall begab ich mich, in
welchem 1000 Chinesische Lampen brennen und eben so viele Orangenbäume
gezeigt werden sollten. Da aber nur einige Lampen brannten, so blieben
natürlich die blühenden Orangen unsichtbar. Ich kehrte nach der Kasse
zurück, um meinen halben Piaster Entree zu reklamiren, allein der
Kassirer versicherte mir, er sei an diesem Platze zum Geld-Einnehmen,
nicht Ausgeben; ich könne aber am folgenden Abend Gebrauch von der
Charte machen. -- Weise ist nach Lessing derjenige, welcher sich auf
seinen Vortheil versteht; ich erklärte daher diesen Mann für weise und
zog ab.
Meine Rechnung in Baltimore-house belief sich auf eine artige Summe,
obgleich ich keine einzige Mahlzeit in demselben eingenommen hatte. Der
Wirth bewies mir, daß er bei den hohen Preisen aller Lebensmittel zu
Grunde gehen müßte, wenn es nicht so manchen gäbe, der nie ißt, aber
dennoch üblicher Weise bezahlt. Es wird in ganz Amerika 2½-5 Piaster
in jedem Gasthofe den Logirenden angeschrieben, wenn er auch gar nichts
genossen hat.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem ersten Dampf-Schiff nach
New-York. Auf diesem befanden sich etwa 300-350 Passagiere, ungeachtet
zu derselben Stunde die Dampfwagen dahin abfahren. Man giebt den
Dampfschiffen darum den Vorzug, weil von den Schornsteinen der
Locomotiven zu viel brennende Kohlen umher geworfen werden, und dadurch
viele Kleidungsstücke der Mitreisenden zu Grunde gehen. Man muß jedoch
auch auf der Fahrt mit dem Dampfschiff ungefähr 20 Meilen auf dem
Dampfwagen zurücklegen, um alsdann die Reise im Schiff zu beendigen.
Um etwa 1 Uhr kamen wir in New-York an. Das Erste, was ich that, war,
mir ein Privat-Logis aufzusuchen, denn die Boarding-Häuser hasse ich
wegen des darin statt findenden Zwangs. In einem freien Lande darf
man auf Freiheit Anspruch machen, Thorheit ist es also, wenn man dem
Gastwirth seine Freiheit verkauft und noch dazu, wie hier in New-York
viel dafür bezahlt.
Als ich so an Broadway hinschlenderte, fühlte ich mich in der
heitersten Stimmung. Als ich über den Grund derselben nachdachte, fand
ich ihn darin, daß ich hier nicht, wie in Havana, das menschliche Elend
d. h., mit Lumpen umhangene Neger auf jedem Schritte vor mir sah,
sondern nur freie wohlgekleidete Menschen. Noch immer konnte ich die
Erinnerung an die Behandlungsweise der Sclaven von Seiten der Herren
nicht aus meiner Seele verdrängen; ich sah, wie die Herren Negerfrauen
im Beisein ihres Mannes züchtigten, oder wie der Mann während der
Procedur hereintrat, um das Mittagsmahl mit seiner Familie zu
verzehren, den züchtigenden Herrn ehrerbietig grüßte und gleichgültig
that, als ob ihn das nichts angehe. Wie diese Unglücklichen von Afrika
aus transportirt werden, will ich nur kurz erwähnen. In den Räumen der
Sclavenschiffe sind innerlich Abscheidungen von Brettern, mit nicht
mehr Zwischenraum, als daß zwei Personen aufrecht darin stehen können,
errichtet. Die Neger werden paarweise mit ihrem Rücken gegeneinander
zusammengebunden und zwischen diesen Räumen an die Wände derselben
angeschlossen. Aus dieser peinlichen Stellung werden sie während der
Reise täglich nur einmal, jedoch nicht mehr als 8-10 Personen auf
einmal, und nur auf 5-6 Minuten erlöst.
Ich fand ein Haus, an dessen Thüre ich auf einem Zettel: furnished
rooms (meublirte Zimmer) las. Die Wirthin, so wie Alles im Hause
deutete auf Reinlichkeit, nichts Archenähnliches war an dem mir
offerirten Zimmer zu bemerken. Meine vis a vis waren friedliebende, gar
nicht neugierige Menschen, die mich auf keine Weise geniren konnten,
ja um alle weltliche Dinge sich nicht mehr kümmerten, weil sie alle
auf dem mit Blumen und Bäumen geschmückten Kirchhofe wohnten. Sofort
miethete ich dieses Zimmer und befand mich sehr wohl in demselben. Dann
suchte ich wieder mein französisches Boarding-Haus zum Speisen, da ich
mir in Philadelphia wegen der Unpäßlichkeit die Hungerkur auferlegt
hatte. Auf die Frage der freundlichen Wirthin, wie mir ihre Küche
munde, erwiederte ich: nach einer mit Oel gesalbten Küche, deren ich in
Havana so viele Monate hindurch unterworfen war, fühlt sich mein Gaumen
höchst geschmeichelt. Ein Schweizer meinte, daß es in der That in
Havana höchst schlecht sein müsse, wenn es ein Berliner schlecht finde,
denn nach seiner Ueberzeugung lebe man in Berlin sehr schlecht; er
versicherte, er habe in den Gasthöfen erster Klasse daselbst für zwei
Thaler das Couvert auf seinem Zimmer servirt, abominable gegessen. Ich
vertheidigte meine Mitbürger aufs eifrigste, war aber nicht im Stande,
ihn zu einer bessern Ueberzeugung zu bringen.
Uebrigens war ich gerade zur rechten Zeit hier angekommen, um dem Feste
der Gründung der Unabhängigkeit der V. S., welches am vierten July
gefeiert werden sollte, mit beizuwohnen. Die Nacht vor dem Geburtstage
der Republik wurde mit einer solchen allgemeinen Theilnahme durch
das Abbrennen von Feuerwerken, Schießgewehren in allen Straßen kund
gethan, daß mir kein anderer Wunsch übrig blieb als der, daß die
Lustigen auch an andere Leute denken möchten, die wegen dieses Getöses
beinahe die ganze Nacht nicht schlafen konnten. Es ging ununterbrochen
fort bis um acht Uhr des Morgens, zu welcher Zeit die verschiedenen
Armee-Abtheilungen, alle neu uniformirt, mit Feldmusik und Trommeln
sich dem Demokraten-Könige, der an diesem Tage eintreffen sollte, in
aller Pracht zeigen wollten. Es wimmelte in Broadway von Militair,
welches nach dem Paradeplatz an der Batterie marschirte. Da jedes
Revier eine eigene Compagnie bildet, und sich jede derselben nach ihrer
eigenen Bestimmung kleidet, weshalb nun alle mit einander wetteifern,
in prachtvoller Ausstattung, so kann der Leser leicht denken, daß diese
ganz glänzend sein mußte; -- besonders zeichnete sich der Generalstab
und die Spielleute, deren jede Compagnie ihre eigene hat, in dieser
Hinsicht aus. Hierbei konnte man bemerken, daß zur Verherrlichung jedes
Festes Militair Bedürfniß ist. Die Anzahl der Generäle und Adjutanten
in ihren prachtvollen Uniformen, welche größtentheils Schimmel, die
Lieblingsfarbe der Amerikaner an Pferden, ritten, war sehr beträchtlich
und kam mir weit größer vor, als die in den großen Armeen großer Mächte.
Um etwa 12 Uhr verkündete der Kanonendonner die Landung des mit 40,000
Piaster besoldeten Regenten; er wird die Truppen mustern, hieß es,
und dann seinen Einzug halten. Von meinem Zimmer aus beobachtete
ich ganz ruhig die Sache; ich zählte über 2000 Militairs, die in
einer Linie vor dem Präsidenten her zogen. Jetzt erschien derselbe
mit entblößtem Haupte, welches er bei dem jedesmaligen Hurrahruf
rechts und links neigte. An den Präsidenten schlossen sich sämmtliche
Magistrats-Personen in schwarzer Kleidung an, mit sehr langen
Pergamentrollen in der Rechten; hierauf folgten 100 berittene Bürger
und der Generalstab. Weder Constabler noch sonstige Polizei-Beamte
waren zur Aufrechthaltung der Ordnung bemerkbar; und dennoch sah man
unter einer Masse von 200,000 Menschen, die sich in dieser Straße
bewegten, eine exemplarische Ordnung. Als Militairs zeichneten sich
in dem Zuge die Deutsche und Irländische Compagnie, so wie auch ein
Veteran aus, der den Befreiungskrieg mitgemacht hatte.
Da in keinem Lande dergleichen große Feste, ohne daß das Leben einiger
Individuen geopfert wird, ablaufen, so stand es nicht zu erwarten, daß
dies Fest in diesem Lande, woselbst die Menschen den gefährlichsten
Elementen, Feuer und Wasser mit einer gewissen Frechheit die Stirn
bieten, eine Ausnahme von der Regel machen würde. Die Decke eines
Dampfschiffes (die Dampfschiffe dieser Art zum Vergnügen haben außer
dem gewöhnlichen Verdeck noch ein höheres auf Säulen ruhendes, Decke
genannt) hatte wohl 1000 Menschen mehr aufgenommen, als die Stärke
derselben erlaubte; sie stürzte ein und 10 Personen kamen ums Leben.
Durch Zerspringen von einem der Kessel der Locomotiven, so wie auch
durch die Anwendung der Schießgewehre von Knaben, verunglückten mehrere
Menschenleben. Nur die Kinder sämmtlicher hiesigen Schulen, zwischen
15-20,000, welche, um dem Präsidenten ihr Compliment zu machen, nach
einer kleinen Stadt gebracht worden waren, kamen wohlbehalten nach
New-York zurück.
An diesem Abend gab sich Jeder dem Vergnügen hin; es ward viel
Champagner in der That, und in der Idee getrunken und mit Bank-Noten
baar bezahlt. (?) Auf den Hauptplätzen (als: Park, Batterie-Platz)
u. s. w. waren, wie auf unsern Messen, Buden errichtet, in denen
viel Leben war; jene Plätze waren mit Feuerwerken und Schießlustigen
überfüllt, die sich gegenseitig neckten; es ging so weit, daß
die in den vis a vis gelegenen Gasthöfen Globe und Sans-Souci
Logirenden sich aus den Fenstern durch Zuwerfen von Feuerkugeln,
Fontainen und Schwärmern dermaßen belustigten, daß in einem Zimmer
die Fenstervorhänge schon brannten und beinah ein größeres Feuerwerk
entstanden wäre. Im Castle-Garden (Schloßgarten) wurde, wie man mir
sagte, ein glänzendes Feuerwerk bei etwa 10,000 Zuschauern abgebrannt.
Nach der Beendigung dieses großen Festes besuchte ich den
Advokaten Dr. Lord, um Erkundigung einzuziehen, wie weit er in der
Prozeß-Angelegenheit gegen die M. und H. gediehen sei, und siehe
da! der gute Mann bedauerte, mir sagen zu müssen, daß er sich
noch nicht einmal beim Anfang befinde, indem meine Gegner stets
Gelegenheit gefunden hätten, die Sache in die Länge zu ziehen;
sie hätten die Gründe, weshalb sie die Sache ausgesetzt zu sehen
wünschten, beschworen; ihr Anwalt habe überdies, mit Genehmigung
des Gerichtshofes, eine Reise nach Europa unternommen, welches dazu
beitrage, diese Affaire in die Länge zu ziehen. Er empfahl mir Geduld,
die ihm freilich nicht so leicht abgeht, da ich 300 Piaster Vorschuß
geleistet habe.
Jetzt begab ich mich zum Commissionair, an welchen ich, wie früher
bemerkt, verschiedene Waaren von Havana mit der Ordre geschickt hatte,
dieselbe bis zu meinem Dahinkommen liegen zu lassen. Allein die Geduld
hatte ihn verlassen, er hatte sie für die Hälfte des Werths verkauft
und händigte mir jetzt die Verkaufs-Rechnung ein. Einen zweiten Prozeß
mit einem abermaligen Vorschuß von 300 Piaster anzufangen, war schon
deshalb nicht räthlich, weil +Ein+ Prozeß, selbst unter dem
mildesten Prozeß-Himmelsstrich wenigstens für mich hinreichend ist;
ferner war wegen des heraufziehenden Ungewitters in der New-Yorker
Geldwelt ein zweiter Prozeß zu vermeiden. Ueberdies war ich nicht
gesonnen, das Ganze den Launen der Advokaten und des Zufalls Preis zu
geben, denn wie leicht kann durch eine Zahlungs-Unfähigkeit der Banken,
die mir unausbleiblich schien, Alles verloren werden, wenn auch die
Sache zu meinen Gunsten entschieden würde? Es blieb mir mithin nichts
Anderes übrig, als den Belauf für meine Güter zu nehmen und gegen
das Verfahren meines Commissionairs zu protestiren. -- Ergo ist in
der neuen Welt nur viel zu verlieren, und mit großem Risico wenig zu
verdienen.
~Vierte Abtheilung.~
~Ueber das
Treiben im englischen und amerikanischen Handel.~
Auf diese Weise hatte ich nun in New-York keine andere Geschäfte, als
mich mit den New-Yorkern zu amüsiren. Wohin also zuerst? fragte ich
mich selbst. Nach Wall-Street, war die Antwort. Diese Straße war ganz
mit großen Granit-Blöcken und Marmor-Säulen angefüllt, so daß man
dieselbe kaum mit Bequemlichkeit passiren konnte. Auf meine Frage,
was mit den vielen Steinen von so ungeheuerm Umfange gemacht werden
solle, hörte ich, daß sie zu Bank-Gebäuden bestimmt wären. Es dürfte
vielleicht einige Leser geben, die hierbei die Frage aufwerfen, warum
die Herren Rothschild in London, Hope in Amsterdam, Heyne in Hamburg,
Bethmann in Frankfurt a. M., Schickler in Berlin u. A. in kleinen
unansehnlichen Zimmern ihre sehr bedeutenden Geschäfte betreiben, und
warum diese nicht wie die New-Yorker, auf Marmor- und Granitsäulen
ruhende Banken errichten. Die Frage ist nicht schwer zu beantworten:
Die New-Yorker bedürfen zur Ausführung der Bauten nichts, was wie Geld
aussieht, während jene Banquiers nicht ohne Geld würden bauen können.
An demselben Tage wurde das Dampfschiff Great-Western von London
erwartet. Alle warteten mit der größten Ungeduld auf die Ankunft
dieses Schiffes, oder vielmehr auf die Nachrichten, die es mitbringen
sollte, denn man hoffte durch Hülfe der Engländer sich bald vom Uebel
erlöst zu sehen. Von England also Hülfe! dachte ich. Hülfe von einem
Volk, welches sich selbst nicht zu helfen weiß. England ist in seinen
Finanzen stets überschätzt (overrated) worden. Wehe! und abermals
wehe! einem Jeden, welcher überschätzt wird, mag es eine Regierung
oder ein Privatmann sein. Die natürlichsten unmittelbarsten Folgen
solcher Ueberschätzungen sind Uebervortheilungen. Der Verfasser gehört
zu den Wenigen, welche gegen die Englands Reichthum gesungenen und
gesprochenen Loblieder stets protestirt haben, obgleich er demselben
in technischer Hinsicht alle Gerechtigkeit widerfahren ließ; er ist
oft scharf darüber getadelt worden, worum er sich aber wenig kümmerte.
Schon im Jahre 1830, als die Reformbill John Russell’s im Hause der
Gemeinen durchging und Graf +Grey+ Premier-Minister ward, sprach
der Verfasser in einem mit dem Buchstaben R. unterzeichneten, im Leeds
Intelligencer eingerückten Aufsatz: „the corn-laws, as the present
policy of the country“ („die Korngesetze, die gegenwärtige Politik des
Landes“) sich dahin aus, daß England den frühern Gedanken, für alle
Bewohner des Erdballs zu fabriziren schwinden lassen, und einen großen
Theil der Fabrik-Arbeiter zur Erzeugung des ersten und nothwendigsten
Bedürfnisses, Getraide, verwenden müsse, wenn es fortbestehen wolle.
Der Verfasser rieth in jenem Aufsatze zur Anlegung vieler Eisenbahnen,
damit so viele Ländereien, welche zum Anbau des Pferdefutters
jetzt dienen, zur Erzeugung von Lebensmitteln für die Bevölkerung
angewendet werden könnten. Der Verfasser führt die Hauptpunkte seines
damaligen Aufsatzes zum Beweis der Behauptung an, daß er Englands
Lage schon vor 10 Jahren richtig beurtheilt hat, wobei er jedoch hier
nur das Wichtigste hervorheben kann. Auch behauptete er, daß der von
Preußen für die deutschen Fabrikanten angeordnete Schutzzoll nie eine
Abänderung zu Gunsten der englischen Fabriken erfahren werde, und
sollten diese, durch Anschaffung wohlfeileren Brodes, wohlfeiler als
die deutschen Fabrikanten produziren, so werde, seines Erachtens, der
Schutzzoll um eben so viel von Seiten Preußens erhöht werden. Wer würde
wohl gern 3 L. St. hingeben, um 1 L. St. dafür wieder zu erhalten?
Deshalb wird sich Preußen stets gegen die Einfuhr von englischen
Fabrikwaaren sträuben, indem England, bei einem Getraide-Mangel sich
doch unbedingt nach Deutschland wenden muß.
Englands Getraide-Noth (wie diese im vorigen Jahre sich zeigte), ist
lediglich der Vernachlässigung des Ackerbaues zuzuschreiben; es giebt
zu viel unkultivirtes Land in den vereinigten drei Königreichen. Hätte
die Regierung die Taxen vom kultivirten Lande vermindert und das
unkultivirte Land dagegen mit hohen Taxen belegt, so würde das Land,
auch bei einer schlechten Aerndte, nie in Verlegenheit kommen. Der
Mensch, welcher sein erworbenes Vermögen zu konserviren weiß, gehört
zu den Künstlern ersten Ranges. Von allen englischen Fabrikanten
gelangte keiner zur Meisterschaft in dieser Kunst; sie sind arm, weil
ihr Vermögen in Fabrik-Gebäuden und Maschinen steckt; diese aber haben,
da man jetzt dergleichen von der Seine bis zur Wolga in jedem Dörfchen
antrifft und in Bewegung sieht, nur ein Drittel des ursprünglichen
Werthes.
Der Verfasser ist seit Kurzem von mehreren seiner Bekannten, unter
denen sich sogar ein Engländer befand, gefragt worden: „Wodurch wohl
ist Englands Reichthum sobald gesunken?“ Die Meisten hielten in der
That England stets für übermäßig reich, und dies hat, wenn man die
Sache genauer betrachtet, folgende Gründe.
1.) Alle Mächte contrahiren enorme Anleihen bei dem Hause Rothschild
in London. Nun glaubte man die Engländer sind es, die diese viele
Millionen hergeben, allein sie sind größtentheils aus Rußland,
Deutschland und Holland dem Hause R. überwiesen worden.
2.) Man erinnert sich der ungeheuern Summen, welche England in der
Napoleonischen Zeit den verbündeten Mächten als Subsidien gezahlt hat
und denkt: welches Volk in der Welt würde dies wohl leisten können?
Wollten die guten Leute doch nur erwägen, daß diese Subsidien-Gelder
nur ein sehr geringer Theil derjenigen Summen waren, welche von
Preußen, Oestreich und Rußland für Fabrikwaaren stets nach England
gingen. England konnte doch nicht immerfort nehmen wollen, weil ja
sonst Nichts übrig geblieben wäre. Jene Länder besaßen zu jener Zeit
gar keine Fabriken, erhielten vielmehr ihren ganzen Bedarf von England
und welchen Preis bezahlten sie dafür! 14-16 Thlr. für ein einziges
Stück von Baumwollen-Waaren, in welchem etwa fünf Pfund von der
Prima-Materie verbraucht worden waren. Von dem durch solche Preise
entstandenen enormen Gewinn zahlte England etwa 1/10 als Subsidien
zurück, damit die guten Deutschen wie Wahnsinnige auf die französischen
Kanonen losgehen möchten, um ja nicht an Fabrikation zu denken. Da
trat nun Napoleon den Engländern mit seinem Continental-System in den
Weg; er lenkte die Aufmerksamkeit der Deutschen auf Fabrikation. Man
fing an einzusehen, daß dies Geschäft keine Zauberei sei, daß es nur
der Geduld und Ausdauer mit Zuziehung guter Augen und tüchtiger Hände
bedürfe. Hierdurch wurde das englische Fabrikwesen verwundet; da indeß
diese Wunde anfangs den Engländern noch nicht fühlbar sein konnte, so
bekümmerte sich Niemand von allen Fabrikanten darum; sie erweiterten
ihre Geschäfte, statt dieselben vorsichtig einzuschränken. Jeder war
durch den in den letzten Jahren gehabten Profit wonnetrunken und in
der Ueberzeugung, bei einer um das Doppelte erweiterten Production den
doppelten Gewinn zu erzeugen, wurde der ganze Gewinn der letzten Jahre
und noch mehr zur Anschaffung größerer Gebäude und Maschinen verwendet.
Für die Bauherren, welche, wie überall so auch hier, bei ihren
Anschlägen gewöhnlich irren, zeigten sich jetzt bald Verlegenheiten: es
fehlte an Geld, indem der Bau weit mehr kostete, als veranschlagt war.
Um diese Noth abzuhelfen, mußte Geld gemacht werden und wie geschah
dieses? Es wurden Banking-Compagnieen, Joint-Stock-Banks u. s. w. auf
Aktien errichtet. Jeder der Fabrik-Eigenthümer zeichnet auf eine Anzahl
dieser Aktien, jede derselben zu 100 L. St., auf welche er jedoch nur
5 L. St. baar erlegt, obgleich er an dem Gewinne von 100 L. St. Theil
hat; für die übrigen 95 L. St. verfertigen jene Surrogat-Banken ihre
eigene Bank-Noten, jede Note zu 5 L. St. Um aber jedem Geldempfänger
auf sein Verlangen mit Geld oder auch Noten von der Bank of England
begegnen können, war eine Hülfe von Seiten dieser Bank wichtig, ja
höchst nothwendig. Deshalb wurde also eine Convention zwischen den
beiderseitigen Banken abgeschlossen, daß alle von jenen Banken gerirten
Wechsel durch die Bank of England für das übliche Disconto von 3½
Procent pro anno discontirt und sowohl Geld, als Noten dafür erlegt
werden sollten.
Der momentane Nutzen, der durch diese Maßregel für die englischen
Fabrikanten entstand, war sehr groß und vielfältig; der Fabrikant
konnte sich bei Erweiterung seiner Fabriken nie in Geldverlegenheit
befinden. Er durfte sich auf Zeitverkäufe einlassen weil die Wechsel
die ihm bei diesen Verkäufen von den Käufern an Zahlungsstatt wurden,
sofort in den Banken, in welchen er als Aktionair interessirt war,
discontirt wurden, wodurch Er eigentlich der Gewinnende ward, weil die
Bank nur einen geringen Theil solcher Wechsel und zwar nur für 3½
Procent pro Anno bei der Bank von England discontirte, wogegen die
Banken 5 Procent mehr und größtentheils mit ihren eigenen Bank-Noten,
welche zinsenfrei waren, ausbezahlten. Hierdurch ward für den
Fabrikanten als Aktionair eine Dividende von 12½-15 Procent jährlich
erreicht.
Dies war Englands glänzendste Periode. Geschäfte wurden ins
Unendliche gemacht, da es nie an Geld fehlen konnte. Der Verfasser
kennt deutsche Häuser, die sich fünf dieser Banken bedienten.
Genug! wer einen ganzen Rock auf dem Leibe trug und die Wechsel zu
acceptiren verstand, der hatte bald ein Waarenlager. Es entstanden
Commissions-Geschäfte, weil nichts mehr dazu gehörte, als ein Local
(warehouse); alle fünf Schritte stieß man auf einen Commissionair. Zu
den Commissionairen und Bank-Gesellschaften gesellten sich auch bald
Dampfschifffahrts-Gesellschaften, aber wie es im menschlichen Leben oft
geschieht, daß Menschen durch häufiges Besuchen großer Gesellschaften
ihre physischen und moralischen Kräfte zerstören, so geschah es
jetzt mit dem englischen Waarenhandel nach Deutschland durch jene
Gesellschaften.
Die Fabrikation nämlich nahm ungeheuer zu und dies führte den Handel
herbei, um welchen England so oft beneidet wird, aber eher bedauert zu
werden verdient -- +den Welthandel+. England war nun gezwungen,
sich um Plätze zu bekümmern, woselbst die übermäßigen Produkte der
Fabriken untergebracht werden könnten. Amerika und Indien schienen am
geeignetsten hierfür zu sein; allein wie sollte in jenen Welttheilen,
wo es noch mehr, wie in England, an Geld fehlt, ein der englischen
Fabrikation angemessener Absatz erreicht werden, wodurch die Engländer
einigermaßen auf baare Fonds sollten rechnen können? Das war eine
schwere Frage, die jedoch bald gelöst wurde.
Es zeigten sich nämlich sehr bald in London drei Handlungshäuser
(mit dem Anfangsbuchstaben W..) zur Hülfe bereit für alle englische
Fabrikanten und amerikanische Handelslustige und Manufacturisten.
Diese drei Häuser rüsteten für eine Provision von fünf Procent (keine
Kleinigkeit!) einen Jeden mit Accreditiven an die Joint Stock-Banks
und Banking, Compagnieen aus, damit diese, die von den Amerikanern
auf jene Londoner Häuser gezogenen Wechsel, (welche die letztern zu
honoriren versprachen,) auszahlen möchten. Der Absatz wurde natürlicher
Weise höchst beträchtlich, allein dieser in England beförderte Absatz
bewirkte keinen Absatz in Amerika, wenigstens war derselbe nicht
zureichend für die angeschafften Vorräthe, und dieses um so weniger,
weil die englischen Fabrikanten jetzt neuerdings zur Erweiterung
ihrer Fabriken schritten. Die in England von den Amerikanern auf
Zeit gekaufte Waaren mußten mithin wiederum so geschwind als möglich
abgesetzt werden, allein für baares Geld abzusetzen, lag im Reiche der
Unmöglichkeit. Was thun? die Verlegenheit wurde in Amerika eben so
schnell, wie in England durch Einrichtung von Banken beseitigt; die
Zeitverkäufe konnten jetzt statt finden und die Geldverlegenheiten der
Importeurs waren hierdurch aufgehoben.
Dem Präsidenten General Jakson schien bei seiner Einsicht in die
Bank-Geschäfte dies Treiben sehr gefährlich fürs Land; er sah klar,
daß das Land mit englischen Manufactur-Waaren bald überschwemmt
werden müßte, wenn diesem Uebel nicht gesteuert würde; er hemmte
das Discontiren aller dergleichen Wechsel in den Banken, welche
unter der Aufsicht seiner Regierung standen. Diese Maßregel erregte
die Aufmerksamkeit der Bank of England, die Direktoren warfen die
Blicke auf ihre Schubladen, in welchen die von den verschiedenen
Banken discontirte Wechsel lagen und, o weh! darunter befanden sich
so viele von den mit W. bezeichneten drei Häusern, daß die Nachwehen
unausbleiblich schienen. Die Bank of England ergriff jetzt ernsthafte
und ähnliche Maßregeln, wie die des amerikanischen Präsidenten und
dreimal o Weh! Jene Häuser und eine sehr bedeutende Bank in Leeds,
nämlich die Northern-central Bank wurde (um das Fallen der Actionaire
zu verhindern) von der Bank of England gestützt und hörte von dieser
Zeit an auf, Bank zu sein.
Um dem Leser ein anschauliches Bild von diesen englischen
Bank-Geschäften zu geben, will ich das Beispiel von einem Tagelöhner
in Leeds anführen, welches ich selbst erlebt habe. Der Verfasser wurde
nämlich eines Tages von diesem Tagelöhner ersucht, ihn, da er sich
als Kaufmann etabliren wolle, mit einem Vorschuß von 10 L. St. zur
Anschaffung der erforderlichen Handels-Utensilien und einen kleinen
Unterricht im Waarenfache zu unterstützen. Dieser Mann erhob sich sehr
bald als Kaufmann, und stand auch eben so bald in der Londoner Gazette
als Fallit mit einer sehr bedeutenden Summe von vielen 1000 L. St.
Er hatte vermittelst Hülfe der Banken Theil am englischen Welthandel
genommen und man fand unter den in der Northern-central Bank unbezahlt
gebliebenen Wechseln auch mehrere der seinigen im Belaufe von einigen
Tausend L. St. Er war Grund-+Nicht+eigenthümer geworden, um
Actionair des letztgenannten Bank-Instituts werden zu können. Dies ist
ein sprechendes Bild des gepriesenen englischen Welthandels!
Englands Banken hatten auch einen bedeutenden Einfluß auf den deutschen
Wollmarkt -- ein Gegenstand der genau genommen zwar nicht hierher
gehört, der jedoch zu interessant ist, um ihm nicht en passant einige
Aufmerksamkeit zu schenken. Die Wollproduction in Deutschland, behaupte
ich, mußte durch Englands viele Banken zunehmen, aber eine förmliche
Umwälzung ist auch hierin unausbleiblich. Die Sache nämlich verhält
sich also: Spekulationen jeder Art, wurden durch den Beistand jener
Banken unternommen. Dieser Beistand bestand darin, daß die Spekulanten
mit Accreditiven auf London versehen wurden, von dort mit solchen auf
Hamburg und von da endlich mit denselben Mitteln auf Berlin, Breslau,
Stettin u. s. w. als Woll-Einkäufer ausgerüstet wurden. Kein Wunder
daher, daß es deren jetzt in Hülle und Fülle gab, und daß es auf allen
Märkten davon wimmelte. Jeder derselben wollte, oder mußte kaufen;
die Preise erreichten hierdurch eine enorme Höhe ohne eigentliche
Ursache, d. h. ohne daß ein wirklicher Bedarf in dem Maße, wie Viele
und besonders die Produzenten glaubten, vorhanden gewesen wäre. Die
niederländischen Fabrikanten fürchteten, die besseren Sorten von den
Engländern aufgekauft zu sehen, und griffen also rasch zu; was blieb
denn da den Engländern anders übrig, als auch rasch zuzugreifen? Die
Produzenten griffen nun auch zu -- den vollen Champagnerflaschen;
lachten sich dabei ins Fäustchen, ließen beim Champagner die Einkäufer
hoch leben und versicherten diesen, (ungeachtet sie ihre Wollen wie
Seide bezahlt bekamen) daß sie bald zu Grunde gehen müßten, wenn die
Preise sich nicht höher stellen würden. Die englischen Einkäufer hatten
mithin jetzt deutsche Wollen mit deutschem Gelde gekauft, und brauchten
sich bei dem Verkauf in England nicht zu übereilen; hatten sie doch
durch die verschiedenartige Trassirungen Zeit genug und außerdem auch
in den Banken ein Schutzmittel gegen Verlegenheiten.
In Folge dieses großartigen Wollhandels in England bildete sich jetzt
auch ein solcher in Deutschland. Leute ohne Kenntnisse und aus allen
Klassen wurden Wollhändler, und das Resultat war, daß es zuletzt an
diesem Product fehlte, ohne daß ein Bedarf in gleichem Maße dafür
existirte -- für die Produzenten ein steigender Vortheil.
Daß ein Mißtrauen gegen die englischen Banken eine große Veränderung
im Woll-Geschäft herbeiführen müßte, war vorauszusehen. (Der Verfasser
machte sogar einen unserer ersten Wollhändler bei einem Zusammentreffen
in Hamburg hierauf aufmerksam.) Durch jenes Mißtrauen mußten die
Accreditive auf London und somtit auch die Anzahl der Einkäufer
abnehmen; man kauft jetzt nur noch rohes Material, wenn es für
Fabriken gebraucht wird, und englische Spekulanten sind deshalb in
Deutschland im verjüngten Maßstabe anzutreffen; sie schreiben indeß zur
Beruhigung der deutschen Wollhändler: +the money-market is bad+
(der Geldmarkt ist schlecht) besser übersetzt: auf allen Märkten ist
kein Vertrauen zu kaufen. Bald wird es eintreten und wir werden wieder
spekuliren können. Sollte indeß auch der Spekulations-Geist, (wie es
von Vielen erwartet wird,) durch ein zurückkehrendes Vertrauen wieder
Raum gewinnen, so dürften doch die Wollpreise nicht zu ihrer vormaligen
Höhe zurückkehren, weil die Production, wie es scheint, bei Weitem die
Consumtion übersteigt. Obgleich über die erstere keine zuverlässige
statistische Uebersicht existirt, so glaubt der Verfasser dennoch,
daß dieselbe in den gesammten Vereinigten Staaten, van Diemens Land,
Australien und Europa auf drei Pfund für jeden Kopf anzuschlagen ist,
welches Quantum zu groß wäre, um in Einem Jahre verbraucht zu werden.
Wirft man einen Blick auf die nachgebliebenen Bestände des rohen
Materials und auf die Vorräthe der daraus verfertigten Stoffe mit der
Berücksichtigung, daß die neuen Wollmärkte nicht fern mehr sind, so
wird man eine Umwälzung in diesem Geschäft nicht für unwahrscheinlich
halten. Dies, wie bemerkt en passant und nun zur Hauptsache zurück!
Durch jene Maßregeln der Bank of England mußte nun im Waarenverkaufe
(denn Absatz kann man denselben nicht nennen, da noch Alles ungebraucht
da lag) eine Stockung entstehen. Nichts desto weniger wurden in den,
für den Welthandel eingerichteten Fabriken täglich Massen fertig --
was auf die Preise so nachtheilig wirkte, daß sie in Kurzem eine
Veränderung von 25-30 Procent erlitten; mit diesem Verlust hat der
Verfasser selbst bedeutende Parthieen verkauft. Den englischen
Fabrikanten kam diese Stockung unerwartet; sie waren nunmehr gezwungen,
andere Märkte für ihre Erzeugnisse zu suchen, denn fort mußten sie, da
mit jedem Tage neue fertig wurden. Wohin damit? Nach den westindischen
Colonieen, nach Havana, nach St. Thomas, Vera-Cruz etc. In allen
Fabrikstädten Englands wimmelte es damals von Reisenden der dortigen
erprobten Commissionaire; diese sind bereit, den Fabrikanten die
Hälfte des Werths auf die in Commission ihnen zuzuschickenden Waaren
vorzuschießen, und beauftragen ihre Freunde in London, hierin, so lange
es den Fabrikanten belieben sollte, gegen Empfang der Connecemente
fortzufahren. Die Fabrikanten gingen darauf ein, weil sie sich von
ihren Waaren befreien mußten; wie es den Einsendern bekommen sein kann,
läßt sich nach meinem Handelsbericht aus Havana folgern.
Auf solche Weise erfreute sich England des sogenannten Welthandels
-- eines ruinirenden Handels, der durch die vielen Banken, die
Krebsschäden der englischen Fabrikwelt, entstand. Daß unter diesen
Umständen die Amerikanische Waarenhändler nicht auf Geld-Unterstützung
von Seiten Englands rechnen dürfen, möchte aus dem Vorhergehenden
so ziemlich einleuchten; noch deutlicher aber zeigt sich dies durch
folgenden Umstand.
In Englands Interesse liegt es allerdings, den Amerikanischen
Manufactur-Waaren-Handel nicht allein zu erhalten, nein! sogar
auszudehnen, weil hierdurch Englands Grundeigenthum an Werth gewinnt,
und durch letzteren wird überhaupt der Reichthum eines Landes
bestimmt. Daß Englands Grundeigenthum hauptsächlich in seinen zum
Theil unbeschäftigten Fabriken, und Maschinerieen besteht, hat sich
in diesem letzten Jahre mehr als je gezeigt. Durch den Abfluß der
coursirenden Münzen für die früher angeführten aus Deutschland, Rußland
u. s. w. importirte Waaren, wozu noch, wegen der Mißärndte und des
Getraidemangels in England das aus Deutschland einzuführende Getraide
kam, hierdurch also wurde der fünfte Theil der englischen Baarschaft,
(welche nach statistischen Berichten im Jahre 1824 sich auf etwa 24
Millionen L. St. belief,[H]) den vereinigten Königreichen entzogen.
Da nun die englische Bank für ihre übermäßige Anzahl von Noten keine
andere Hypothek als die coursirende Münze darbieten kann, so wurden
hierdurch die Grundsäulen der englischen Bank dermaßen erschüttert, daß
sie zu einer Anleihe in Frankreich ihre Zuflucht nehmen mußte.
England muß mithin durchaus den Wahn aufgeben, daß der Reichthum nur
aus den Fabriken hervorwachse, sonst dürfte vielleicht noch die Zeit
kommen, daß sich englische Fabrikanten zum Eintausch von Getraide mit
ihren Erzeugnissen auf den deutschen Kornmärkten zeigen müssen.
Doch ich kehre von dieser Digression nach New-York, nach Wallstreet,
dem Sitze der weisen Geschäfts-Welt Amerika’s, dem großen Congreß
aller Bank-, Eisenbahn- und Canal-Gesellschaften zurück. Indem ich in
meinem Reise- und Notizen-Buche, aus welchem vorliegende Schilderungen
entstanden sind, blättere, finde ich eine Stelle aus der Johanna
von Montfaucon: „Es muß blitzen, es wird blitzen, es blitzt“. Ich
drückte hierdurch aufs kürzeste meine Ansicht von dem Zustande der
Geschäftswelt aus, als ich nach meiner Ankunft aus Europa mich in
Pearl-Ceder-street etc. um die Waarengeschäfte bekümmert hatte, gerade
zu einer Zeit, wo die ganze Geschäftswelt in New-York wonnetrunken mit
Aufträge-Ertheilungen nach Europa und mit dem Abfertigen von Agenten
dorthin zum Einkauf für das Frühjahr beschäftigt war. „Es muß blitzen,
bevor zwei Jahre verstreichen,“ sagte ich zu mehreren meiner Bekannten,
und wenn Ihr in Euren Unternehmungen auf diese Weise fortfahrt, so habt
Ihr jedes Jahr ein schweres Ungewitter zu bekämpfen.
Wovon ich in jener Zeit voraussagte, daß es kommen würde, das ist
früher gekommen, als ich es erwartete. Philadelphia’s Banken sind nicht
mehr, bald dürften die von Baltimore und andern Städten nachfolgen;
aller Augen sind jetzt auf die von New-Orleans und New-York gerichtet.
Jeder wünscht das Fortbestehen derselben, allein zu untersuchen wäre
es doch, ob dasselbe in der Zukunft wohlthätig oder schädlich wirken
wird und der Verfasser behält sich vor, später darauf zurückzukommen.
Derselbe glaubt, daß die Einstellung der Baarzahlungen zu einer
und derselben Zeit von allen amerikanischen Banken im Ganzen, eher
vortheilhaft als nachtheilig für das dortige Waarengeschäft sein
müßte. Freilich würden hierdurch momentan auch die Europäischen
Fabriken leiden, allein sie würden sich nachher aus ihrem kranken
Zustande erheben und geheilt werden. Kaufmännische Geschäfte können
nicht durch Kunst erweitert werden, jedes solche Mittel wird unter
hundert vorkommenden Fällen vielleicht Einmal glücken. Da das Uebel
in den beiderseitigen Geschäften durch die vielen Banken, wie bereits
gezeigt, verursacht worden ist, so wird die Heilung desselben nur
durch Ausrotten mehrerer Banken möglich sein, wozu jedoch Zeit und
vernünftige Maßregeln von Seiten der Regierung nöthig sind. Papiergeld
muß als ein zur Bequemlichkeit dienliches Mittel, aber nicht als das
für Geschäfte wahrhaft Fruchttragende angesehen werden; es kann nur in
so fern wirksam für Handel und Gewerbe sein, als eine hypothekarische
Sicherheit dafür vorhanden ist.
Schon vor meiner Abreise nach Havana, bei meinem ersten Aufenthalt in
New-York, warnte ich manchen jungen Deutschen; sagte ich doch zu dem
Einen und Andern: lassen Sie sich nicht tief in die hiesigen Geschäfte
ein, wenn Ihnen Ihr oder Ihres Vaters Vermögen lieb ist. Man lachte
wegen meiner Furcht, man versicherte mir, Amerika sei das Land, in
welchem es nichts als gediegene unternehmende Kaufleute gebe, welche
rascher 12 Colly’s Waaren kaufen, als der deutsche Kaufmann eben so
viele Stücke. Alle jene jungen Kaufleute, die freilich noch nicht lange
aus der Schule entlassen waren, träumten von Glück, in einem Lande mit
einer Bevölkerung von 13 Millionen, mit schmutzigem Papiergelde, ohne
irgend eine Sicherheit zu haben, d. h. sie glaubten hier reich werden
zu können, während sie es für unmöglich hielten in ihrem Vaterlande
mit einer mehr als doppelten und zugleich reichen Bevölkerung Brod zu
erwerben. Allein diese Leutchen sangen jetzt ein anderes Lied, als ich
von Havana zurückkehrte und Mancher fragte mich: „Wie haben Sie das vor
Ihrer Abreise wissen können?“ Die Antwort war: weil die erste Ihrer
Banken mir für ihre eigene Bank-Noten nicht 200 Piaster in Gold, wie
ich es forderte, geben konnte.
Indeß, meine damals niedergeschriebenen Notizen sind jetzt in so fern
überflüssig, als jetzt bereits das geschehen ist, wovon ich damals
erwartete, daß es kommen würde; es ist schneller geschehen, als ich
es erwartete. Meine Warnungen, welche ich an die kaufmännische Welt
richten wollte, sind jetzt überflüssig, da dieselbe durch die neuern
Ereignisse selbst hinreichend gewarnt ist. Dies soll mich jedoch
nicht hindern, Mehreres von diesen Notizen mitzutheilen, was bei der
gegenwärtigen Lage zu wissen nicht unnütz sich beweisen wird. Zunächst
Einiges über die Handelsbilanz der V. S., worüber die Meisten so sehr
im Irrthum sind. Sie glauben, daß der Werth des Exports weit über dem
des Imports steht, allein das verhält sich auf entgegengesetzte Weise;
ich werde zum Beweise eine Tabelle von den Imports und Exports, so wie
von den zur Consumtion versteuerten Gütern in den Jahren 1829 bis 1839
anfügen, woraus der Leser das für ihn Nützliche ziehen mag. Wenn selbst
der Export den Import im Werthe bei Weitem überstiege, so würde dies
keineswegs für die Solidität Bürgschaft gewähren, indem beide hierbei
wirkende Theile in ganz verschiedenen Verhältnissen sich befinden;
denn der Exporteur ist der Produzent, welcher für seine produzirte und
jetzt exportirte Güter den Betrag in Comptanten empfängt, die er seiner
Geldkiste in Sicherheit bringt, und nur vielleicht einen sehr geringen
Theil davon für Waaren, die importirt werden, verwendet; wogegen der
Importeur für den Belauf des Imports aus andern Mitteln Sorge zu tragen
hat. Folgendes ist die Liste hierüber, die nach den Washingtoner
Berichten (return) abgefaßt ist.
Da es aber auch nicht ohne Interesse sein kann, zu wissen, aus und nach
welchen Ländern bestimmte Quanta importirt und exportirt worden sind,
so hat der Verfasser die Tabelle Nro. 2. beigefügt, welche über die In-
und Ausfuhr in den Jahren 1837 und 1838 Rechenschaft giebt.
Nro. 1.
Import Piaster Export Consumtion
1829 74,492,527 62,258,671 57,834,649
1830 70,876,920 73,849,508 58,499,441
1831 163,191,133 81,310,533 83,157,593
1832 101,029,266 87,176,943 76,989,793
1833 108,118,311 90,130,433 88,295,576
1834 126,521,332 104,336,973 102,708,521
1835 149,896,742 121,603,077 129,391,247
1836 189,980,035 128,663,540 168,233,675
1837 140,989,217 117,419,376 119,134,255
1838 113,717,404 104,486,616 101,264,609
1839 170,600,000 96,351,450 140,000,000
------------ ------------ ------------
1207,772,888 1037,587,120 1123,561,359
1037,587,120
------------
Mehr importirt als exportirt für[I] 170,185,768 Piaster.